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Full text of "Das Ausland 65.1892, Teil 2 (H. 27-52)"

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SEP l y 197/ 



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DAS AUSLAND 

Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde 

herausgegeben von 

SIEGMUND GÜNTHER. 


Jahrgang 65, Nr. 27. 


Jährlich 5a Nummern ä 16 Seiten in Quart. Preis pro 
Quartal M. 7.— Zu beziehen durch die Buchhandlungen des 
In- und Auslandes und die Postämter. 



Stuttgart, 2. Juli 1892. 


Manuskripte und Rezensionsexemplare von Werken der 
einschlägigen Litteratur sind direkt an Professor Dr.SIBGMUND 
GÜNTHER in Mtlnchen, Akademiestrasse 5, zu senden. 


Preis des Inserats auf dem Umschlag ao Pf. für die gespaltene Zeile in Petit. 


Inhalt: 1. Die Entwickelung der historischen Länderkunde und ihre Stellung im Gesamtgebiete der Geographie. Von 
J. Part sch (Breslau). II. S. 417. — 2. Eine Eisenbahn durch die Sahara. Von Adolf Fleischmann (München). (Schluss.) 
S. 420. — 3. Zur mittelalterlichen Ethnographie. Von Fr. Guntram Schultheiss (München). S. 424. — 4. Der Staat Santa 
Catharina in Südbrasilien. Von C. Ballod (Jena). S. 427. — 5. Geographische Mitteilungen. (H. Burmeister; Geologie von 
Cypern; Reise nach Venezuela.) S. 430. — 6. Litteratur. (Middendorf; Graf Eberhard zu Erbach; Peters; v. Benko; Simony.) S. 431. 


Die Entwickelung der historischen Länder¬ 
kunde und ihre Stellung im Gesamtgebiete 
der Geographie. 

Von J. Partsch (Breslau). 

II. 

Der Schluss meines Abrisses der Entwickelung 
der historischen Länderkunde behauptet, sie bilde in 
ihrer neuesten, erst in den letzten Jahrzehnten voll¬ 
zogenen Gestaltung »einen integrierenden Teil der 
wissenschaftlichen Geographie«. Dieser Satz musste 
auf Widerspruch gefasst sein. Es schien nicht über¬ 
flüssig, ihn durch eine knappe Gedankenreihe zu 
stützen, welche den in unserer Zeit weniger allge¬ 
mein als früher anerkannten Wert historischer Arbeit 
und historischer Schulung für den Geographen kurz 
und bestimmt betonen sollte. Je mehr eine ein¬ 
seitige Wertschätzung der naturwissenschaftlichen 
Grundlagen der Geographie überhand nimmt, desto 
weniger durfte und wollte ich der ersten Gelegen¬ 
heit ausweichen, meine Farbe zu bekennen. Das 
Eintreten in eine vollständige kritische Analyse ent¬ 
gegengesetzter Anschauungen, eine »speciellere Be¬ 
schäftigung« mit ihnen, war in einer Schlussbemer¬ 
kung zu einer kleinen Schrift weder möglich, noch 
nötig. Wohl aber gebot schon die Achtung vor der 
schärfsten Gegnerschaft, die Front der eigenen Aus¬ 
führungen ihr zuzukehren. Das ist ganz unzwei¬ 
deutig geschehen. Meine Meinung tritt der Ger- 
lands gegenüber. Das war für jeden an diesen 
Fragen Interessierten unverkennbar. Einer Nennung 
des Namens bedurfte es dafür nicht; es handelt sich 
nicht um einen Gegensatz der Personen, sondern 
der Gedanken. Dass Gerland das Unterlassen der 
Nennung seines Namens »zaghaft« findet, erklärt 
sich nur daraus, dass die ganze Weite des Deutschen 
Reiches zwischen uns liegt und unsere persönliche 
Bekanntschaft auf zwei flüchtige freundliche Be- 

Auftland 1892. Nr. 27. 


rührungen beschränkt blieb. Nicht jenes mir vor¬ 
läufig fremde Gefühl hat mich früher und jetzt ab¬ 
gehalten, den von Gerland den historisch geschulten 
Geographen hingeworfenen Handschuh aufzunehmen 
und mit ihm zu einem längeren methodischen Waffen¬ 
gang zu schreiten, sondern ein ganz anderer Beweg¬ 
grund. Ich finde methodische Kontroversen zwischen 
Anschauungen, die soweit auseinandergehen, nicht 
fruchtbar. Es wäre davon kein Ergebnis zu erwarten, 
höchstens eine Unterhaltung der Korona. Mir winkt 
vorläufig noch nützlichere Arbeit. Aber wenn ich 
offen sagen soll, was ich über Gerlands methodo¬ 
logische Ausführungen denke, so will ich nicht zu¬ 
rückhalten mit dem Geständnis, dass sie mir nicht 
überzeugend begründet und gerade im gegenwärtigen 
Zeitpunkt für die Geltung und das Wirken unserer 
Wissenschaft so nachteilig erscheinen, wie methodische 
Erörterungen überhaupt sein können. 

Die bestimmte Ueberzeugung, dass es nicht er- 
spriesslich ist, eine vollständige Widerlegung der 
methodischen Ausführungen Gerlands zu versuchen, 
kann mich natürlich nicht hindern, die Bemerkungen 
zu beleuchten, welche er meinen wenigen methodi¬ 
schen Sätzen entgegenstellt. Gleich der Anfang ent¬ 
lockt ihm eine Aeusserung geringschätzigen Un¬ 
willens. Ich beginne: »In welchem Verhältnis steht 
die historische Länderkunde zur Geographie? Um 
die Fülle der Erscheinungen, welche auf der Erd¬ 
oberfläche wahrnehmbar sind, klar zu erfassen, teilt 
der Menschengeist ihre Betrachtung nach den 
Kategorien von Raum und Zeit; er sieht sie geo¬ 
graphisch oder historisch an. Aber nur vorüber¬ 
gehend kann in ihm das Bewusstsein zurücktreten, 
dass diese Teilung nicht in den Dingen selbst be¬ 
gründet liegt, sondern in dem Willen des Betrachten¬ 
den. Sobald das Denken von dem einfachen Auf¬ 
fassen einer Thatsache weiter schreitet zu ihrem 
Verständnis, wird unvermeidlich dem Historiker das 

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Die Entwickelung der historischen Länderkunde und ihre Stellung im Gesamtgebiete der Geographie. 


Nebeneinander, dem Geographen das Nacheinander 
von Ursache und Wirkung fühlbar«. Gerl and ent¬ 
gegnet: »Alles dies ist völlig schief. Der Menschen¬ 
geist teilt die Fälle (!) der Gegenstände nie ein nach 
Raum und Zeit [Gerland unterdrückt stillschweigend 
das für meinen Gedanken belangreiche Wort, das 
ich oben sperrte], sondern nur nach der Verschieden¬ 
heit ^ihrer Gesamtnatur; die Historie ist ebensowenig 
die Wissenschaft des Nach*-, wie die Geographie die 
des Nebeneinander. Solche Wissenschaften gibt es 
nicht, auf solchen Grundlagen baut sich keine Wissen¬ 
schaft auf. Auch dies ist wieder so völlig selbst¬ 
verständlich, dass ich darüber hingehen kann.« Dass 
eine Behauptung schief wird, wenn man sie schief 
wiedergibt, bezweifle ich keinen Augenblick. Im 
übrigen werde ich vorläufig fortfahren, einen wesent¬ 
lichen Unterschied historischer und geographischer 
Betrachtung darin zu sehen, dass jene von der zeit¬ 
lichen Entwickelung, diese von der räumlichen Lage 
und Gestaltung des Objektes ausgeht. Davon mich 
abzubringen, dazu reicht die Belehrung Gerlands 
noch nicht aus, so kräftig auch die Worte sind, in 
die sie sich kleidet. 

Von allgemeinerer Bedeutung ist der Vorwurf, 
den Gerland gegen meine nächsten Ausführungen 
erhebt, der Vorwurf, dass ich den Begriff »histo¬ 
rische Methode« bald im deduktiven, bald im in¬ 
duktiven Sinne gebraucht hätte, ohne mir dieses 
Unterschiedes bewusst zu werden. Denn der be¬ 
trübende Eindruck dieser vermeintlichen Begriffsver¬ 
wirrung treibt Gerland zu einer recht willkommenen 
nochmaligen knappen Formulierung seiner metho¬ 
dischen Grundanschauung. Er sagt: »Ich habe be¬ 
hauptet und behaupte noch, die Geographie könne 
sich der historischen Methode nicht bedienen, da 
sie eine ex'akte Wissenschaft sei, und also nur nach 
induktiver Methode, nicht nach der deduktiven ar¬ 
beiten könne; ich definiere die historische Methode 
an den betreffenden Stellen durchaus als die deduktiv¬ 
historische, als die psychologische, ich verlange und 
betone überall, dass die induktiv-historische Methode, 
auf welcher die gesamte Entwickelungsgeschichte, 
sei es anorganischer, sei es organischer Wesen be¬ 
ruht, die der Erdkunde allein angemessene Methode 
sei, ja, ich habe (Beitr. zur Geophys. XXXV f.) 
gerade die Länderkunde ganz und gar auf die Ent¬ 
wickelungsgeschichte basiert! Wenn Partsch aber 
sagt, die Erdkunde könne der historischen Methode 
nicht entbehren, denn sie könne nicht ohne Ent¬ 
wickelungsgeschichte auskommen, so liegt eben hier 
jene völlig unbegreifliche Verwechselung der beiden 
Begriffe vor. Unter ,historischer Methode* versteht 
die Wissenschaftslehre, versteht jeder wissenschaft¬ 
lich Gebildete nur die deduktive Methode, und wer 
sie aus der Geographie verbannen will, der will ja 
gerade nur der induktiven Methode Geltung ver¬ 
schaffen. Und dass, wer die Deduktion aus der 
Erdkunde verbannen will, hierdurch nicht auf die 
kritische Behandlung der einzelnen Thatsachen der 


Induktion' auf die Kritik der Ueberlieferung ver¬ 
zichtet, das versteht sich schon aus dem Begriff der 
Induktion ganz und gar von selbst.« 

Das nimmt sich sehr bestimmt und scharf aus; 
nur ist es nicht richtig. Es gibt, wie die »Wissen¬ 
schaftslehre« zeigt und jeder »wissenschaftlich Ge¬ 
bildete« weiss, ganz gewiss einen Gegensatz der In¬ 
duktion und Deduktion, aber nicht den Gegensatz der 
induktiven und deduktiven Methode, an den Gerland 
zu glauben scheint. Die Induktion schliesst die De¬ 
duktion nicht aus, sondern ein. Jede Wissenschaft vom 
Wirklichen verfährt induktiv und deduktiv zugleich. 
Am wenigsten geht es an, die exakten Wissenschaften 
auf die induktive Methode zu beschränken. Man thut 
gut, mit dem Worte »exakt« nicht zu spielen. Exakt 
im weiteren Sinne ist jede Wissenschaft, die es 
»genau« nimmt, also jede wirkliche Wissenschaft. 
Exakt im engeren Sinne ist die Wissenschaft, welche 
zu zahlenmässig bestimmten Gesetzmässigkeiten ge¬ 
langt, und sie ist exakt nur, soweit ihr dieses ge¬ 
lingt. Exakt und induktiv sind so wenig Wechsel¬ 
begriffe, dass jede exakte Wissenschaft und jede 
Wissenschaft überhaupt darauf ausgeht, nach Mög¬ 
lichkeit zu einer deduktiven zu werden und dass 
diejenigen Wissenschaften die exaktesten sind, denen 
dies am vollkommensten gelungen ist. Es ist kaum 
nötig, an die Entwickelung der Physik, der Astro¬ 
nomie zu erinnern. Und nun meint Gerland eine 
Wissenschaft dadurch zum Range einer »exakten« 
zu erheben, dass er aus ihr »die Deduktion ver¬ 
bannt« ! Auch in der Geschichte gibt es, wenn man 
genau reden will, keinen so exklusiven Gegensatz 
von deduktiver und induktiver Methode, sondern 
die wissenschaftliche Methode der Geschichte ist 
überall induktiv und deduktiv zugleich. 

Diese wenigen Sätze werden ausreichen, zu 
zeigen, wie weit ich entfernt bin, die methodische 
Schablone Gerlands für ein passendes Kleid unserer 
Wissenschaft zu halten. Dem Anspruch Gerlands, 
»die Deduktion aus der Erdkunde zu verbannen«, 
könnte man mit Fug und Recht den Satz meines 
Schlussabschnittes entgegenstellen: »Wer der Geo¬ 
graphie vorschreibt, dass sie nur einer Methode 
sich bedienen dürfe, wenn sie Anspruch mache, als 
einheitliche Wissenschaft zu gelten, mutet ihr einen 
Verzicht auf den freien Gebrauch ihrer Glieder zu, 
einen Verzicht, für den keine sachliche Notwendig¬ 
keit spricht«. Aber als ich diesen Satz niederschrieb, 
handelte es sich für mich gar nicht um den Gegen¬ 
satz von Induktion und Deduktion, sondern um den 
Gegensatz von Naturwissenschaft und Geschichte, 
und um den Nachweis, dass für erfolgreiche Arbeit 
auf dem Felde der Geographie nicht allein und aus¬ 
schliesslich eine naturwissenschaftliche Schulung von 
Wert sei, sondern dass auch die methodische Sicher¬ 
heit historischer Forschung, die nur durch längere 
Ausübung erreichbare Vertrautheit mit der Arbeits¬ 
weise des Historikers in vielen Fällen als ein un¬ 
entbehrliches Rüstzeug des Geographen gelten müsse. 


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Die Entwickelung der historischen Länderkunde und ihre Stellung im Gesamtgebiete der Geographie. 


ln diesem Sinne ist es sehr wohl möglich, von 
»historischer Methode« im Gegensatz zu »natur¬ 
wissenschaftlicher« zu sprechen. Schlagen wir Ernst 
Bern heims schönes Lehrbuch der historischen Me¬ 
thode (Leipzig 1889) auf. Was behandelt es? Es 
gibt eine specielle Beleuchtung der einzelnen Stadien, 
die eine historische Untersuchung zu durchlaufen 
hat, und bietet dem Forscher Anleitung und Hilfs¬ 
mittel für jede der Aufgaben, vor die er nach ein¬ 
ander gestellt wird: für die Heuristik (Quellenkunde), 
die Kritik, die Auffassung, die Darstellung. Auf 
all diesen Stufen seiner Arbeit hat der Forscher sehr 
verwickelte Wege des Denkens zu gehen, bald den 
eines induktiven, bald den eines deduktiven Ver¬ 
fahrens. Aber immer arbeitet er in der Bahn und 
mit dem Rüstzeug der »historischen Methode«. Er 
übt sich in der Technik der Geschichtsforschung. 
Gerland freilich lehnt diese Verwendung des Be¬ 
griffes mit überraschender Schroffheit ab. Er belehrt 
mich: »Unter historischer Methode 4 versteht die 
Wissenschaftslehre, versteht jeder wissenschaftlich 
Gebildete nur jene deduktive Methode«. Mir scheint: 
wer eine wissenschaftliche Diskussion nicht anders 
eröffnen kann, als damit, dass er zwischen sich und 
dem Angegriffenen die Grenzlinie der »wissenschaft¬ 
lichen Bildung« zieht, der thut gut, sich vorher 
wenigstens genau zu überzeugen, ob er sich selbst 
auf der richtigen Seite der gewählten Grenzlinie 
befindet. 

Der Nachweis des hohen Wertes historischer 
Schulung für die Arbeit des Geographen kann auf 
verschiedene Weise geführt werden. Ich hatte mich 
begnügt, hinzuweisen auf die Bedeutung der von 
historischer Forschung beleuchteten Vergangenheit 
für das volle Verständnis und die Beurteilung des 
gegenwärtigen Zustandes eines Landes. Er muss 
gewürdigt werden am Maasstab der »Leistungsfähig¬ 
keit« eines Landes. Das ist bekanntlich (Wagner, 
Geogr. Jahrb. XII, 438) ein Punkt, in welchem 
Gerland die von seiner Methodenlehre geforderte 
Ausschliessung des Menschen vom Studienfelde des 
Geographen nicht in folgerichtiger Schärfe aufrecht 
halten konnte. Wenn er auch (Beitr. zur Geoph. 
XXXVII) noch den Versuch macht, die Aufgabe 
des Geographen, »die wissenschaftliche Darstellung 
der Natur des Landes und seiner Leistungsfähig- 
keit«, in der Weise zu begrenzen, dass »diese 
Leistungsfähigkeit den Geographen nur um ihrer 
selbst und des Landes willen interessieren soll, nicht 
der Menschen wegen, für welche die Leistungen von 
Wichtigkeit sind«, so fällt doch auch dieser letzte 
Schein einer wirksamen Ausschliessung des Menschen 
aus den Betrachtungen des Geographen, sobald Ger¬ 
land (a. a. O. XLVIII) unter den praktischen Auf¬ 
gaben, die er dem Geographen zuweist, des schönen 
Berufes gedenkt, für eine verständnisvoll zu leitende 
Kolonisation »den Gesamtwert eines Landes, seine 
Leistungen und seine Leistungsfähigkeit darzu¬ 
legen«. Das kann unmöglich geschehen, ohne ein 


Eingehen auf die Bedürfnisse und die Lebensbedin¬ 
gungen menschlicher Siedelungen. Hier nähert sich 
Gerland unverkennbar der Kulturgeographie. Die 
Versuchung war zu verlockend, den so freundlich 
dargebotenen Arm des sonst so »menschenscheuen« 
Methodikers ebenso freundlich anzunehmen. Das 
that ich mit den Worten: »Wenn es die Aufgabe 
des Geographen ist, die Natur des Landes und dessen 
Leistungsfähigkeit wissenschaftlich darzustellen, 
dann wird er die im Verlauf der Kulturentwicke¬ 
lung sich vollziehende Entwertung mancher Natur¬ 
eigentümlichkeiten, die steigende Geltung anderer 
nicht unbeachtet lassen dürfen. Er wird nicht leicht 
unterlassen, nach einer möglichst lebendigen Vor¬ 
stellung älterer Zustände des Landes zu streben, an 
dessen Schilderung er herantritt.« Gerland findet 
darin ein »Durcheinanderschieben ganz verschiedener 
Gedankenkreise«. Die Natur des Landes sei das Objekt 
naturwissenschaftlich-exakter Forschung, Leistungs¬ 
fähigkeit aber sei, ebenso wie »Geltung, Entwer¬ 
tung«, ein Begriff, der in die Kulturwissenschaft 
gehöre. Gerland erkennt das Begriffsgespann, mit 
dem er selbst einst fuhr, nicht mehr wieder. Seine 
kritische Neigung kehrt sich gegen seine eigenen 
Worte. Man muss sie gegen ihn in Schutz nehmen. 
Die Erdoberfläche ist der Ort der Kultur, ihre Be¬ 
dingung und ihr Gegenstand. Genau soweit die 
Wechselbeziehung beider reicht, darf und muss die 
Geographie sie mit in ihren Arbeitsbereich herein¬ 
ziehen. 

Wir sind am Schlüsse. Er lautete in meinen 
methodischen Bemerkungen: »Findet der Geograph 
von einer historischen Landeskunde diese Aufgabe 
[einer lebendigen Darstellung älterer Zustände des 
Landes] befriedigend gelöst, dann kann er sie dankbar 
als einen bereits geleisteten Teil seiner eigenen Arbeit 
begrüssen. Die historische Länderkunde in der 
Gestalt, welche ihr unser Jahrhundert ge¬ 
geben, ist ein unentbehrliches Glied der ganzen 
geographischen Wissenschaft.« Gerland findet es 
handlicher, aus diesem Satz ein Stück herauszu¬ 
schneiden und den Rest in eine falsche Verbindung 
zu bringen, ehe er ihn angreift. Er greift noch¬ 
mals auf den hierher nicht gehörigen, meisterhaft 
missverstandenen Satz zurück, dass die historische 
Länderkunde ursprünglich — d. h. in ihren An¬ 
fängen bei den Alexandrinern! — als ein Teil der 
Geschichte sich erweist, und findet damit durch 
mich selbst den Beweis erbracht, »dass sie ein un¬ 
entbehrliches Glied der geographischen Wissenschaft 
nicht sein kann; denn sonst wären Geschichte und 
Erdkunde identisch«. Dass zwei Wissenschaften 
dadurch, dass ein Forschungsgebiet beiden, bald 
ausschliesslich der einen, bald vorwiegend der an¬ 
deren, Früchte trägt, identisch werden sollen, ist 
eine Folgerung von überraschender Kühnheit. Aber 
wichtiger als die höchst unvorsichtige Fassung des 
Gedankens ist sein Kern. Wenn wirklich bewiesen 
wäre, dass die historische Länderkunde zur Geschichte 


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Eine Eisenbahn durch die Sahara. 


gehört, wäre damit immer noch nicht bewiesen, dass 
sie nicht zur Geographie gehört. In der Natur der 
Wissenschaften liegt es mit Notwendigkeit begründet, 
dass sie in einander greifen. Wer das verkennt, 
setzt an die Stelle der lebendigen Wissenschaft eine 
willkürliche Schablone, eine Fiktion. Gegen solch 
ein Schattenbild anzukämpfen, wäre ebenso vergeb¬ 
lich, wie überflüssig. Es zerrinnt wieder, wie es 
entstand. 

Vielleicht genügen diese Zeilen, dem Leser zu 
zeigen, dass bei der Kritik, gegen die sie gerichtet 
sind, die Klarheit des Verständnisses fremder An¬ 
schauungen und die Festigkeit der Begründung und 
Begrenzung eigener nicht immer auf gleicher Höhe 
stehen mit der absprechenden Zuversichtlichkeit des 
Urteils. Vielleicht genügen sie auch, aus der Dis¬ 
kussion manches Missverständnis zu entfernen, das 
ohne mein Verschulden in sie Eingang fand. Dass 
ich aber, wenn neue Fehldeutungen die an und für 
sich sehr einfachen und einfach verknüpften Fäden 
einer kurzen Gedankenfolge nochmals verwirren, mich 
wieder verpflichtet fühlen würde, um eine Klärung 
und Verständigung mich zu bemühen, das kann ich 
nicht versprechen. Davon würde mich die Anziehungs¬ 
kraft fruchtbarerer Aufgaben ebenso abhalten, wie die 
Rücksicht auf die Leser dieser Zeitschrift, der ich es 
aufrichtig danke, dass sie mir einmal das Wort ge¬ 
gönnt hat gegenüber einem Angriff, zu dessen Ab¬ 
wehr die Stelle, an der er erfolgte, keinen Raum bot. 


Eine Eisenbahn durch die Sahara. 

Von Adolf Fleischmann (München). 

(Schluss.) 

Die verschiedenen Probleme, die grosse Wüste 
ganz oder teilweise unter Wasser zu setzen, die noch 
vor nicht gar langer Zeit die Köpfe französischer 
Ingenieure beschäftigten, scheinen verschwunden zu 
sein, da man den Plan der Transsaharabahn wieder 
aufgenommen hat, denn beides dürfte sich wohl gegen¬ 
seitig ausschliessen. Sie beruhten in einem Irrtum 
in der Anschauung der Natur und des Charakters 
der Wüste, der im grossen Publikum noch keines¬ 
wegs ganz beseitigt ist. Man meinte, die Sahara sei 
eine zum grössten Teile unter dem Meeresspiegel 
gelegene tiefe Ebene. Dies ist aber nicht der Fall. 
Die Wüste ist weder eine Ebene, noch liegt ihr grösster 
Teil tiefer als der Meeresspiegel, wenigstens jetzt nicht 
mehr (s. u.). Im Gegenteil haben die neueren For¬ 
schungen, namentlich seit Nachtigals Reisen, er¬ 
geben, dass man es dort mit einem System von Hoch¬ 
ebenen zu thun hat. Dies gilt besonders von der ganzen 
Strecke, auf welcher die Eisenbahn geplant ist. Felsiger 
und harter Kiesboden ist viel vorherrschender wie der 
Sand, und statt der Ebene findet man eine unge¬ 
ahnte Abwechselung von Berg und Thal. Die Ge¬ 
birge, welche sich nicht in der Wüste selbst, son¬ 
dern nördlich von ihr von West nach Ost zwischen 


der Nordküste Afrikas und der Wüste hinziehen, 
heben sich nicht aus weiten Ebenen hervor, sondern 
bilden Terrassen, gleichsam Etappen des Weges zu 
hoch gelegenen, mit einzelnen Gebirgsstöcken und 
isolierten Berggruppen gezierten Ebenen in der Wüste, 
welche von zahlreichen, w’asserlosen Flussthälern 
durchschnitten sind. Diese fast durch 15 Breiten¬ 
grade und 25 Längengrade sich hinstreckenden 
Wüstengegenden sind also grosse mit Sandbergen 
und Sandflächen bedeckte Strecken. Sie bringen 
die Vermutung hervor, dass einst bei der gewalt¬ 
samen Erhebung, welche die Gebirgskette im Nor¬ 
den und im Inneren der Wüste erzeugt haben muss, 
weite, ungeheuere Ebenen in der angegebenen Gestalt, 
in ihrer Gesamtheit unverändert mit erhoben worden 
sein und dass im Laufe der Jahrtausende sich dann 
aus der Verwitterung der Felsen und felsigen Ebenen 
und unter dem Einflüsse der Stürme hier und dort 
zusammenhängende Sandmassen hätten aufhäufen 
mögen. Es stellen sich im ganzen westlichen Wüsten¬ 
gebiete, nicht minder im ganzen mittleren Teile 
derselben, bis nach Fezzan hin, in Länge und Breite 
variirende Züge oder vereinzelte und immer beweg¬ 
liche Dünen dar, und denkt man sich, von der Nord¬ 
küste her kommend, diese Anordnung in grossartigen 
Dimensionen, so hat man eine von Westen nach 
Osten sich hinziehende Gebirgskette vor sich, von 
deren Höhen man nur ganz massig und allmählich 
in die Sahara absteigt, wo sich dann, wie erwähnt, 
die Massen dünenartiger Erhebungen gelben, san¬ 
digen Detritus ausdehnen und abermals terrassen¬ 
förmige Plateaus wüster Hammaden und kiesiger 
Serirs auf einander folgen. In Fezzan und Tripolis 
ändert sich dieser Charakter der Wüste; wir ver¬ 
zichten aber darauf, hier von dieser Veränderung 
zu sprechen, weil die geplante Eisenbahn Fezzan 
und Tripolis nicht berühren soll, vielmehr nur die 
eben geschilderten Gegenden für sie in Betracht 
kommen. Wir können aber nicht umhin, zur Cha¬ 
rakterisierung eben dieser letzteren eine kurze Er¬ 
zählung aus Nachtigals Reisewerk hier wiederzu¬ 
geben, welche deutlicher spricht, als alle Schilde¬ 
rungen. Er hatte nach langer Zeit endlich eine 
Quelle gefunden, die er Brunnen nennt, und sagt: 
»Die nächste Umgebung des Brunnens war bedeckt 
mit gebleichten menschlichen Gebeinen und Kamel¬ 
skeletten. Schaudernd bemerkte ich bald in Sand 
begraben die mumifizierten Leichname einiger Kin¬ 
der, welche noch mit den blauen Kattunfetzen be¬ 
deckt waren, die einst die Kleidung der Kinder ge¬ 
bildet hatten. Es scheint, dass auf dieser letzten 
Station einer langen, trostlosen, schmerzensreichen 
Reise die armen Kinder der Negerländer in auf¬ 
fallend grosser Anzahl ihren Tod finden. Die lange, 
bei unzureichender Nahrung und sparsamem Wasser- 
genusse zurückgelegte Reise, der Gegensatz zwischen 
der hilfsquellenreichen Natur und der feuchten At¬ 
mosphäre ihrer Heimat und der zehrenden trockenen 
Wüstenluft, die Anstrengungen und Entbehrungen, 


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Eine Eisenbahn durch die Sahara. 


4 2I 


welche ihre Herren und die Umstände ihnen auf¬ 
erlegen, haben die Kräfte der jugendlichen Organis¬ 
men allmählich aufgezehrt — langsam erlöschen ihre 
Lebensgeister unter dem vernichtenden Einflüsse der 
Sonnenstrahlen, des Hungers und des Durstes.« 

Ganz verschieden von dieser eigentlichen grossen 
Wüste ist die sogenannte Vorwüste, in welcher Bis- 
kräh liegt. Diese Wüstengegend hat eine Reihe 
der schönsten und üppigsten Oasen aufzuweisen, 
die es möglich machen, dass Industrie, Handel und 
Gewerbe getrieben werden können. Und so war 
denn auch der Bau der Eisenbahn bis zu dieser Stadt 
möglich. Von jenen vegetationsreichen und mit 
aller Pracht der Tropen ausgestatteten Oasen sieht 
man nach Süden hin im schroffsten Gegensatz zu 
den landschaftlich reizenden Oasenbildern die fahlen 
Sandhügel der eigentlichen Wüste sich traurig am 
Horizont mit ihren Steigungen und Senkungen hin¬ 
ziehen. 

Denken wir uns nun den Schauplatz der fran¬ 
zösischen Eisenbahnpolitik als ein grosses unregel¬ 
mässiges Viereck, dessen südliche Seite wir von 
Kuka am Tsad bis nach Timbuktu ziehen, während 
die westliche von hier in nördlicher Richtung nach 
Oran,die nördliche von Oran nach Constantine und die 
östliche von hier in südlicher Richtung wieder an 
den Tsad laufen würden, — denn dieser See und 
Timbuktu sind, wie wir vorhin sahen, jener das 
nächste und dieses das vorläufig ferner liegende Ziel 
der französischen Eisenbahnpolitik — so erkennt man, 
dass der Schauplatz der letzteren gerade in denjenigen 
Teil der echten grossen Wüste fällt, dessen traurigen 
und unwirtlichen Charakter wir soeben zu schildern 
versucht haben, und der nur durch die beiden grössten 
Oasen von Tuat und Asben unterbrochen wird. 
Wir dürfen also nicht unterlassen, auch von ihnen 
hier ein Bild zu entwerfen. 

Tuat ist der Landstrich zwischen 27 und 30° 
nördlicher Breite und 17—20 0 östlicher Länge, ein 
Zufluchtsort für alle Karawanen, die mit ihren Ka¬ 
melen die Sahara durchwandern, etwa von der 
Grösse Siziliens mit ungefähr 300000 Einwohnern, 
rings vom echten Wüstenland umgeben. An eine 
scharfe und genaue Abgrenzung darf man freilich 
bei diesem Flächeninhalte nicht denken. Während 
in dieser Umgebung den Tag über die Hitze in den 
seltenen Schattenorten nie unter 40 °, zur Nachtzeit 
nicht unter 25 0 beträgt, so dass sich alle Gegen¬ 
stände heiss anfühlen, ist die Temperatur in Tuat 
viel gemässigter, beträgt bei Tage im Schatten durch¬ 
schnittlich 25 0 und sinkt zur Nachtzeit zuweilen 
unter o; Krankheiten wie Brustleiden, Schwindsucht, 
Rheumatismen und Gicht, mit welchen letzteren fast 
alle Bewohner behaftet sind, kommen daher als Folgen 
von Erkältungen sehr häufig vor. Ein Fluss, Saura, 
der aus den Bergen Marokkos kommt, die einzige 
Wasserader der Gegend, führt zwar nur nach den 
stärksten Regengüssen reichlich Wasser in seinem 
Bette, scheint aber unterirdisch das ganze Jahr hin- 

Ausland 189a. Nr. 27. 


durch Wasser zu haben. Tuat ist ein Komplex 
mehrerer teils grösserer, teils kleinerer Oasen, die 
nicht Zusammenhängen, sondern von Steppen und 
Wüstenland unterbrochen sind. Ihre Fruchtbarkeit 
ist zwar im Vergleich zur toten Natur der sie um¬ 
gebenden Wüste sehr gross, aber dennoch lange 
nicht ausreichend zur Ernährung ihrer Bewohner. 
Die sogenannte Fogaras, nicht etwa die Möglichkeit 
leichter und reichlicher Berieselung des Landes, er¬ 
zeugen diese Fruchtbarkeit; Fogaras sind Quellen oder 
Brunnen, die in einer Tiefe von etwa 2 1 /* Fuss 
reines, wahrscheinlich durch den Sandboden filtriertes 
Wasser in örtlich sehr verschiedener Menge haben. 
Der Sand wird aufgescharrt und man findet dann 
zuweilen so reichlich Wasser, dass man, wie Rohlfs *) 
erzählt, in einer Stunde mehrere hundert Kamele 
tränken kann, was aber eine Uebertreibung zu sein 
scheint. Es werden zwar verschiedene Getreidearten 
gebaut: Gerste, Weizen und das Bischna, eine Frucht, 
die im August gesäet und im Oktober geerntet wird; 
Korn aber so wenig, dass der Bedarf zum grössten 
Teil vom nördlich gelegenen französischen Frucht¬ 
lande, dem Teil, bezogen werden muss. Die Haupt¬ 
nahrung des geringen Volkes liefern die Dattel- und 
Palmenbäume. Aus letzteren wird auch das nötigste 
Bauholz genommen. An Gemüsen baut man die 
rote und weisse Rübe, Kohl, Kürbisse, Zwiebeln, 
Knoblauch und Bohnen. Tiere eigener Art gibt 
es nicht, die meisten kommen vom Norden her. 
Rinder sind gar nicht, Pferde nur in kleiner Anzahl 
vorhanden; Weidenfutter fehlt. 

Die Zahl der Städte und Dörfer in Tuat ist 
gering; noch geringer in allen anderen Gegenden 
der Sahara. In Tuat sind Timimun, Adrhar und 
Tamentit die einzigen nennenswerten Städte und Markt¬ 
plätze, deren Einwohnerzahl je 4—5000 nicht über¬ 
steigt, von der durch viele Abbildungen bekannten 
Bauart, meist Lehmhütten, von Palmengärten um¬ 
geben, oder hier und da von einzelnen Palmengärten 
spärlich beschattet. Die Bewohner sind teils Araber, teils 
Eingeborene, beide stark gemischt mit dem Neger¬ 
blute des Sudan; sie sind friedlicher und ehrlicher 
als die sie umgebenden Völkerstämme, aber als eifrige 
Mohamedaner so sehr dem blindesten und düstersten 
Fanatismus ergeben, dass der christliche Reisende 
für sein Leben alles zu befürchten hat, solange nicht 
eine kriegerische Okkupation des Landes, etwa seitens 
der Franzosen, den Fanatismus, der selbst in den 
ersten Familien heimisch ist, unterdrückt und un¬ 
schädlich macht. 

Die etwa 100 Meilen südöstlich gelegene Oase 
Asben, viel kleiner als Tuat, ist in den meisten der 
soeben erwähnten Beziehungen den Tuat-Oasen so 
ähnlich, dass wir es unterlassen können, sie näher zu 
besprechen. Wir beschränken uns daher darauf, jetzt 
noch zunächst einiges über die Wassergewinnung 
innerhalb der echten Wüstengegenden, welche die 


*) Rohlfs, Reisen in Marokko, S. 133. 

54 


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422 


Eine Eisenbahn durch die Sahara. 


Sahara-Eisenbahn durchschneiden müsste, mitzuteilen, 
da für die Anlage der letzteren und für die damit 
beschäftigten Menschen das Wasser doch wohl einer 
der allerwichtigsten Faktoren genannt werden muss. 
Bisher sind es nur Karawanenzüge gewesen, in 
welchen die Menschen mit der Wüste in Berührung 
gekommen sind. Den grössten Teil der Reise legten 
sie auf ihren Kamelen sitzend oder zu Fuss zurück 
und was dabei schon zu leiden und zu dulden ist, 
gehört zu den bekanntesten, in kurzen Zügen vor¬ 
hin geschilderten Dingen. Wesentlich anders aber 
gestaltet sich jene Berührung, wenn es sich um Eisen¬ 
bahnbauten, um schwere Arbeit mit Spaten, Schaufel 
und Karren u. dergl. handelt. 

In jenen Wüstengegenden, in der Central-Sahara, 
regnet es fast nie, selbst kaum beim Gewitter, das über¬ 
haupt selten ist; desto häufiger wird wetterleuchten¬ 
der Himmel beobachtet. Der vorherrschende Ost¬ 
wind bringt keine Wolken und wenn ausnahmsweise 
der Westwind vom Ozean her Wolken herbeiweht, 
so werden sie durch die vom Boden ausstrahlende 
Hitze aufgelöst, ehe sie sich zu Regen verdichten 
können. Von einzelnen Brunnen mit geringem 
Wassergehalte abgesehen, ist bis jetzt von Wasser¬ 
gewinnung keine Rede; brauchte man an einem be¬ 
stimmten Ort Wasser in grösseren Massen, nicht 
bloss zum Trinken und Tränken, so müssten erst 
Kanäle gegraben und gebaut werden, die es aus den 
Oasen herbeiführen. Aber der Wasserreichtum der 
Oasen im allgemeinen ist auch nicht gross. Sie 
haben, wenn man sie in dieser Beziehung schemati¬ 
sieren wollte, folgende Wasser verhält nisse: 

1. Oasen mit natürlicher Bewässerung, 

a) oberirdisch (der seltenste Fall), 

b) unterirdisch fliessendes Wasser. 

Zu denen sub a gehören die nördlichsten. Zu 
denen sub b die südlicheren, namentlich die meisten 
von Tuat. Jene, sub a, sind die am besten situierten 
und finden sich nur an den Ausgängen grosser Ge¬ 
birge, z. B. am Südabhange des Atlas. 

2. Oasen mit künstlicher Bewässerung. Sie 
besitzen 

a) Quellen, die aus der Erde hervorsprudeln, 

b) oder unterirdisch fliessendes Wasser schon 
in der Tiefe von 1—2 Fuss, 

c) in anderen muss das Wasser aus einer Tiefe 
von 12—30 Fuss heraufgefördert oder 

d) es muss aus der Ferne durch künstliche Lei¬ 
tung hingeführt werden. In der algerischen, also noch 
nicht in der eigentlichen Wüste, die den Tuat und 
Asben umgibt, haben es die Franzosen allerdings zu 
artesischen Brunnen gebracht, welche das Wasser 
wie eine natürliche Quelle aus einer Tiefe von 500 Fuss 
hervorsprudeln lassen. Weiter südlich wird ihnen 
etwas Aehnliches nicht gelingen. Wo nun in den 
Oasen sub ib oder sub 2 a, b durch Menschen¬ 
kräfte das Wasser aus der grösseren oder geringeren 
Tiefe, aus Quellen oder fliessendem Wasser, herauf- 1 


geholt werden muss, ist bis jetzt das Verfahren in 
Gebrauch, dass entweder durch Menschenhände das 
Wasser in hölzernen und ledernen Eimern oder durch 
Räder, ein vertikales und ein horizontales, die in 
einander greifen, heraufgeholt wird. Um das verti¬ 
kale Rad läuft ein langes Tau, an dessen Ende Töpfe 
befestigt sind. Das Tau lässt die letzteren hinab 
und windet sie, wenn sie vollgeschöpft sind, wieder 
herauf. Die Triebkraft der Räder sind Kamele, 
Esel, Maultiere, hier und da Rinder und Pferde. Eine 
dritte Art, das Wasser aus der Tiefe herauszuholen, 
ist eine arabische Erfindung. Ist der Rand der Brun¬ 
nen oder Wasserlöcher nämlich schräg geneigt, ent¬ 
weder natürlich oder erst so hergestellt — dann 
lassen die Menschen, allein oder mit Hilfe von Tieren, 
Schläuche hinab, die am einen Ende eine weite, am 
anderen eine enge Oeffnung haben. Wenn sich der 
Schlauch durch die weite Oeffnung gefüllt hat, ziehen 
sie ihn langsam und vorsichtig in wagrechter Lage 
herauf, dann senken sie ihn mit der engen Oeffnung 
und lassen das Wasser herausfliessen. Wie beschwer¬ 
lich dies ist, leuchtet ein, da manche Schläuche nahezu 
200 Liter Wasser halten und die Arbeit das ganze 
Jahr fortgesetzt werden muss und zwar Tag und 
Nacht, um nur so viel Wasser gewinnen zu können, 
als für die Felder nötig ist. Endlich hilft man sich 
auch jetzt schon selbst in den Oasen mit Kanälen 
und einem ganzen Kanalsystem. Wenn man näm¬ 
lich Wasser an unkultivierten, steinigen Stellen, ent¬ 
fernt vom Kulturlande, antrifft, hat man Kanäle von 
etwa zwei Fuss Durchmesser und oft mehrere tau¬ 
send Schritte Länge angelegt. Damit das Wasser 
nicht durch die trockene heisse Luft verdunstet, 
müssen die Kanäle unterirdisch dahingeführt werden, 
wo man es braucht. Meist ist aber das an einer 
Stelle gefundene Wasser nicht ausreichend für den 
Bedarf und man sucht in der Umgegend nach wei¬ 
teren solchen Quellen, die man dem Hauptkanale 
durch Seitenkanäle zuleitet. Auch die Oeffnungen, 
in welche die Arbeiter beim Ausgraben der Kanäle 
hinabsteigen, pflegen mit grossen Steinen zugedeckt 
zu werden, damit keine Luft Zutritt, die das Wasser 
aufsaugt 1 ). Wo nun dieses zur Berieselung die¬ 
nende Wasser erst in der eben geschilderten Art 
aus Quellen herausgeholt werden muss, werden 
die Felder durch Herausschaffung des Erdreiches 
vertieft, eine Arbeit, welche immer wiederholt wer¬ 
den muss, denn durch den Dünger und den hinge¬ 
wehten Sand werden die Vertiefungen wieder aus¬ 
gefüllt. Und gerade solche Oasen sind am stärksten 
bevölkert, weshalb eine sparsame, genau nach der 
Zeit geregelte Verteilung des Wassers geboten ist, 
um für alle Felder nur notdürftig auszureichen. 

Mit Ausnahme des schon erwähnten von Nor¬ 
den kommenden Saura gibt es in der echten Wüste 
auch keine Flüsse. Erst am südlichen Ende der¬ 
selben tritt das Flussgebiet des Niger und der nach 


*) Rohlfs, Quer durch Afrika, I, S. 210 ff. 


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Eine Eisenbahn durch die Sahara. 


423 


Norden ausspringende grosse Bogen dieses Stromes bei 
Timbuktu an die Wüstengegenden heran. Oasen, 
die aus Flüssen bewässert werden können, finden 
sich nur im Norden, namentlich am Südabhange 
des Atlas. Aber auch in diesem günstiger situierten 
Teile der Sahara werden die Flüsse im weiteren 
Verlaufe durch die starke Verdunstung immer wasser¬ 
ärmer; auch der Draa, der vom Atlas herab wohl¬ 
genährt durch Tafilelt strömt, nimmt diesen Verlauf; 
er erreicht den Ozean nur in Jahren, in denen ausser- 
gewöhnlicher Regenfall und geschmolzener Schnee aus 
dem Gebirge ihn verstärkt. In anderen Jahren trocknet 
er schon vor seiner Mündung aus. Andere Flüsse 
treten bei anhaltender Regenzeit aus den Ufern und 
bilden dann Sümpfe und Seen. 

Ueber den Ursprung des unterirdischen Wassers 
hat die Wissenschaft noch keine Klarheit gewonnen. 
Wir müssen aber in Bezug hierauf der vorliegenden 
Besprechung um so mehr noch einiges über die 
Streitfrage, ob die Sahara ursprünglich von Wasser 
überflutet war, beifügen, als diese für das Eisenbahn¬ 
projekt der Franzosen, welches immer von den 
Wasser Verhältnissen bedingt sein wird, nicht ganz 
gleichgültig ist und mit Ursprung und Natur jenes 
unterirdischen Wassers im Zusammenhänge stehen 
dürfte. 

Dass in historischer Zeit die Sahara nicht mit 
Wasser bedeckt war, versteht sich zwar nicht von 
selbst, denn die Griechen und Römer wussten vom 
Inneren Afrikas äusserst wenig; aber wohl scheint 
nach Herodots Erzählung die Wüste schon lange 
vor seiner Zeit Wüste gewesen zu sein, da er vom 
Hohenpriester des Jupiter-Ammontempels erfahren 
hatte, fünf Jünglinge hätten »die Wüste« durch¬ 
zogen. Dass in prähistorischer Zeit die ganze Sahara 
vom Meere bedeckt gewesen sei, soll nach einer in 
der Gegenwart sehr verbreiteten Ansicht, besonders 
deshalb ausser Zweifel sein, weil zahlreiche Muscheln 
und Versteinerungen dort gefunden worden sind und 
die ersteren zum Teil solchen Tieren angehören, 
die heute noch in angrenzenden Meeren leben. Ferner 
sollen die kolossalen Sanddünen von der einstigen 
Ueberflutung des Bodens zeugen. Dagegen vertreten 
die französischen Gelehrten Vatonne und Du- 
veyrier, deren Meinung auch heute noch viele An¬ 
hänger zählt, die Theorie: es habe an Ort und Stelle 
eine noch gegenwärtig fortwirkende chemische Zer¬ 
setzung der Gesteine stattgefunden, die Dünen seien 
weder durch Wasserfluten abgelagert, noch durch 
Wind und Stürme zusammengehäuft worden 1 ). Die 
erstere Meinung nimmt als Grund, warum das ehe¬ 
malige Wasser später geschwunden sei, allmähliche, 
wahrscheinlich vulkanische Erhebungen des Bodens 
an, wie es auch anderwärts vorgekommen; dann 
habe der Wind, namentlich der Ostwind, den trocken 


*) Nach K. v. Zittels abschliessenden Forschungen war 
seit der spättertiären Zeit die eigentliche Wüste sicherlich nicht 
mehr unter Wasser. Die Red. 


gelegten Sand zu den Dünen zusammengeweht, was 
aus der Gestalt derselben deutlich zu erkennen sei, 
sie glichen starr gewordenen Wellen und Wogen im 
grossen Sandmeere der Wüste. Man sei wohl zu 
dem Schlüsse berechtigt, dass einst unter anderen 
topographischen Verhältnissen das Klima in der 
Sahara ein ganz anderes gewesen, dass reichlicher 
Regen gefallen sei, der die Flüsse mit Wasser ge¬ 
füllt und der eine Vegetation erzeugt hätte, von 
welcher die Versteinerung ganzer Wälder, wie man 
sie vorgefunden, deutlich Zeugnis ablege 1 ). Wir 
verzichten darauf. Gründe und Gegengründe für und 
gegen diese beiden einander gegenüberstehenden 
Theorien hier zu erörtern. Von einigem Gewichte 
sind aber zwei Erscheinungen: einmal der Reich¬ 
tum der Sahara an ausgetrockneten Seebecken, ja 
sogar an Seen. Den Boden der ersteren — sie 
heissen Sebcha — bedecken Sumpf und Schlamm 
mit einer harten Kruste von salziger Erde, oder rei¬ 
nem Salz. Diese Sebcha sind oft von so grosser Aus¬ 
dehnung, dass inselartig Oasen darin Vorkommen. 
Die letzteren, die Seen, setzen bedeutende unterirdische 
Zuflüsse voraus, um bei der grossen Verdunstung 
ihr Wasser, wenigstens einen Teil des Jahres hin¬ 
durch, zu behalten. Man wird wohl annehmen dürfen, 
einmal, dass die unterirdischen Wasser mit der ehe¬ 
maligen Ueberflutung der Sahara, vielleicht auch mit 
dem Ozean in einem freilich noch nicht ermittelten 
Zusammenhänge stehen, und dass diese unterirdi¬ 
schen Wassermassen sich in ihrer Richtung immer, 
wenn auch nach einem noch unbekannten Gesetze 
verändern dürften. Auf ein solches Gesetz deutet 
die zweite jener Erscheinungen, nämlich die Wahr¬ 
nehmung, dass in Mittelafrika die Verbreitung der 
Pflanzen von Süden nach Norden im steten Fort¬ 
schreiten begriffen ist. Wir wollen zwar dieser Wahr¬ 
nehmung kein allzu grosses Vertrauen entgegenbringen, 
denn man wird dabei in Erwägung ziehen müssen, 
dass es sich dort um ungeheuere Flächenräume han¬ 
delt, dass allein schon die Sahara mit 114600 deut¬ 
schen Quadratmeilen, also zehnmal so gross als 
Deutschland, angegeben wird. Wir bezweifeln, dass 
bei solch einer Ausdehnung jenes von Süden nach 
Norden angeblich wahrgenommene Fortschreiten einer 
gewissen Vegetation mit einiger Sicherheit festge¬ 
stellt werden kann. Auch ist die Grenzbestimmung 
der Sahara nach einer bestimmten Linie nicht 
wohl möglich. Rohlfs meint scherzhaft, die 
Grenze werde am sichersten durch den Floh ange¬ 
zeigt; wo dieses Tierchen davon abstehe, die Rei¬ 
senden zu begleiten, da beginne die Sahara, die Re¬ 
gion der absolut trockenen Atmosphäre. Aber immer¬ 
hin führte die behauptete Wahrnehmung zu inter¬ 
essanten Hypothesen. Man findet es, wenn sie be¬ 
gründet, gar nicht unwahrscheinlich, dass einst auch 
der Sandboden der Sahara sich in Humus umwan¬ 
deln und mit Wäldern bedecken werde. Indem dann 


*) Rohlfs, a. a. O., S. 212. 


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424 


Zur mittelalterlichen Ethnographie. 


regelmässige feuchte Niederschläge von Central-Afrika 
weiter nach Norden vorrücken — mögen auch noch 
Tausende von Jahren darüber hingehen — werde 
die grosse Wüste auf hören, eine Wüste zu sein; 
dann werde (nach einem Ausspruch Desors) »die 
Sahara das sein, was sie niemals war, eine Gras¬ 
steppe, eine mit Savanen bedeckte Ebene (?), oder 
ein Kulturland; dann werden auch unsere Alpen erst 
zu ihrem wahren Klima gelangen, einem verhältnis¬ 
mässig kälteren, als das gegenwärtige, aber doch 
milderen, als sie früher (zur Eiszeit) gehabt haben«! 
Wir dürfen vielleicht dieser Hypothese noch die 
weitere beifügen: Dann wird auch die Zeit gekom¬ 
men sein, wo man mit mehr Sicherheit den Plan 
einer Eisenbahn durch die Sahara entwerfen und 
auf die Möglichkeit seiner Ausführung mehr hoffen 
kann, als gegenwärtig. 

Werden wohl die Franzosen auf diesen Zeit¬ 
punkt warten? 

Es wäre von grossem Interesse für die Wissen¬ 
schaft, wenn, was unseres Wissens noch nicht ge¬ 
schehen ist, die drei vorhin erwähnten Gutachten über 
den Plan einer Sahara-Eisenbahn veröffentlicht wür¬ 
den, denn man kann sich ein solches Gutachten doch 
nur als das Ergebnis der sorgfältigsten Terrainunter¬ 
suchungen denken und diese setzen eine so gründ¬ 
liche Durchforschung der Sahara seitens der Tech¬ 
niker voraus, dass sie in ihrem aus sich selbst er¬ 
gebenden, wenn auch in erster Linie nicht für die 
Wissenschaft berechnetem Werte alle bisherigen For¬ 
schungen der Reisenden übertreffen und für die Zu¬ 
kunft unnötig erscheinen lassen müssten. Wir können 
daher bei gegenwärtiger Unterhaltung nicht unter¬ 
lassen, mitzuteilen, was Dr. Oskar Lenz in seinem 
zweibändigen Reisewerk über Timbuktu in Bezug 
auf die Eisenbahnpolitik der Franzosen sagt. Wäh¬ 
rend die Reiseberichte Dr. Nachtigals, Rohlfs u. a., 
denen wir mehrfach unsere vorstehenden Mittei¬ 
lungen entnommen haben, hierüber schweigen, fin¬ 
den wir in O. Lenz’ Werk eine bedeutende Autorität 
für den skeptischen Standpunkt, den wir dem fran¬ 
zösischen Eisenbahnprojekt gegenüber eingenommen 
haben. Er betrachtet die Hindernisse, die sich ihm 
entgegenstellen, sowohl von ihrer politischen, als 
auch von ihrer technischen und sanitären Seite. 
Wenn auch die französischen Militärposten ziemlich 
weit nach Süden hinabreichen, so ist doch der Ein¬ 
fluss der Regierung in diesen Gegenden noch ein 
sehr beschränkter. Auch nur Vorarbeiten für eine 
Eisenbahn auszuführen, wird wegen der Feindselig¬ 
keit und des Fanatismus der Bevölkerung höchstens 
bis El Golea, weiter südlich aber bestimmt nicht 
mehr möglich sein, solange das Land nicht unter¬ 
jocht ist. Dasselbe gilt in noch höherem Grade von 
Tuat, wo die Feindseligkeit der Bewohner gegen 
Christen die denkbar grösste ist. Alle Verträge, 
welche die Franzosen bis jetzt mit den Völker¬ 
schaften von Tuat abgeschlossen haben, sind von 
diesen gebrochen worden und ohne irgend ein Er¬ 


gebnis gewesen. »Wenn es nun schon ungemein 
schwierig für Einzelreisende ist, Tuat zu erreichen, 
um wie viel mehr Hindernisse werden sich einer 
Kolonne von Ingenieuren, Soldaten u. s. w. ent¬ 
gegenstellen, welche beauftragt ist, die sorgfältigsten 
Terrainstudien und Vermessungen vorzunehmen, wie 
sie zur Anlage von Eisenbahnen notwendig sind! 
Von allen Seiten her drohen die Schwierigkeiten: 
im Westen hat man die fanatischen Araber und 
Berber des südlichen Marokko in den Oasen¬ 
gruppen von Figig und Tafilelt und im Osten 
das unter türkischer Herrschaft stehende Fezzan mit 
bedeutenden Handelsplätzen. Im Süden aber ist das 
fast ganz unbekannte Gebirgsland Ahaggar, dessen 
Bewohner, fast ausschliesslich Tuareg, sich bisher 
am erfolgreichsten gegen europäische Eindringlinge 
gewehrt haben und die den französischen Unter¬ 
nehmungen den ernstesten Widerstand bereiten wür¬ 
den.« Was die technischen Schwierigkeiten betrifft, 
so weist Lenz hauptsächlich auf den Mangel und 
mehr noch auf die ungünstige Verteilung des Wassers 
und auf den Umstand hin, dass innerhalb der Dünen¬ 
komplexe, der oft sehr langen und breiten Reihen 
von Sandbergen, immer Veränderungen in der Kon¬ 
figuration der Kämme und der Lage der Berge zu 
einander eintreten, die einen festen Bahnkörper zu 
errichten kaum gestatten, alles Hindernisse, deren 
Ueberwindung selbst der modernen Technik nicht 
gelingen würde, ganz abgesehen von noch zahl¬ 
reichen anderen unberechenbaren und unkontrolier- 
baren Schwierigkeiten. In sanitärer Beziehung ist 
das Klima zwar nicht für eine Eisenbahn selbst, 
wohl aber für diejenigen von der grössten Bedeu¬ 
tung, die sie bauen und später benutzen sollen. End¬ 
lich würde wohl von einer Rentabilität der Bahn 
auf Decennien keine Rede sein können; selbst die 
Verzinsung des enormen Anlagekapitals würde man 
kaum erhoffen können und die jährlichen Erhaltungs¬ 
kosten der Bahn würden bei weitem nicht gedeckt 
werden. So weit Lenz. 

Lägen die Verhältnisse ebenso günstig, wie sie 
thatsächlich ungünstig liegen, so würde die Ausfüh¬ 
rung des französischen Planes eine erhebliche Macht¬ 
erweiterung Frankreichs überhaupt zur Folge haben. 
Thatsächlich aber erscheint dieselbe noch nicht als 
bedrohlich. 


Zur mittelalterlichen Ethnographie. 

Von Fr. Guntram Schultheiss (München). 

In Nr. 12 des »Auslands« hat Herr Dr. Georg 
Steinhausen die merkwürdige Ebstorfer Weltkarte 
eingehend besprochen und ihre Stellung zur mittel¬ 
alterlichen Geographie und Ethnographie hervor¬ 
gehoben. Die nachfolgenden Zeilen machen keinen 
höheren Anspruch als den einer teilweisen Ergänzung 
der trefflichen Bemerkungen, zu der schon die Be¬ 
merkung Anlass bieten darf, dass auf der Karte die 
Amazonen zweimal eingetragen sind. Es zeigt sich 


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Zur mittelalterlichen Ethnographie. 


eben gleich bei dieser Gelegenheit, dass die mittel¬ 
alterliche Ethnographie weit weniger kartographische 
als litterarische Tradition ist; und vielleicht ist es 
überhaupt fraglich, wie weit von der ersteren ge¬ 
sprochen werden kann. Denn die Fabel von den 
Amazonen des hohen Nordens J ), deren Blüte bei 
Adam von Bremen, IV, 19, sich zeigt, hat Müllen- 
hoff (Deutsche Altertumskunde II, 10) ohne Zweifel 
mit Recht auf ein Spiel der Volksetymologie zu¬ 
rückgeführt, die aus dem Namen der Quänen, Kai- 
nulaiset, das germanische Wort für Weib heraus¬ 
hörte, da altnordisch kvenir, angelsächsisch cvfinas, 
der Name dieses Volkes, an das gotische quinö, 
angelsächsische cvene (englisch quean), althochdeutsch 
quena, und die andere Form gotisch quens, alt¬ 
nordisch kvan, angelsächsisch cven [queen, Königin]) 
anklang, wodurch sich die Erwähnung einer Frauen¬ 
herrschaft bei Tacitus, Germ. c. 45, erklären könnte. 
(»Suionibus Sitonum gentes continuantur. Cetera 
similes uno differunt, quod femina dominatur.«) Solche 
Dinge haben ein zäheres Leben, als Wahrheiten, 
besonders wenn sie sich wie hier immer wieder neu 
bilden können. Paulus Diaconus, der schon ein 
ganzes Volk von Amazonen dort nennt, scheint sich 
auch auf mündliche Ueberlieferung berufen zu wollen 
(Hist. Langobardorum I, 15 referri audivi). Adam 
von Bremen aber lässt das Ueberwuchern der lit- 
terarischen Tradition nicht verkennen. Ihre Fort¬ 
pflanzung, sagt er, soll nach einigen durch Wasser¬ 
trinken vermittelt sein, nach anderen durch an¬ 
wandernde Händler oder durch Sklaven; er selbst hält 
es für glaubenswürdiger, dass die monstra, die dort 
nicht selten seien, dazu dienlich seien. Die männlichen 
Geburten sind Hundsköpfe, die weiblichen überaus 
schöne Weiber. Gefangene Hundsköpfe würden in 
Russland häufig gesehen. Adam von Bremen, der 
doch sonst seine Erkundigungen so gewissenhaft 
einzog, glaubt also daran so fest, wie seine Zeitge¬ 
nossen, z. B. Bernold von St. Blasien im Schwarz¬ 
wald, der von den böhmischen Hilfstruppen Hein¬ 
richs IV. erzählt, dass sie die Gefangenen zuletzt 
an die Hundsköpfe zum Frass verkauften (Chronicon 
1077, Monumenta Germaniae tom. V, 434). Diese 
Hundsköpfe aber sind doch kaum etwas anderes, 
als eine jeder Kritik sich entschlagende Uebertragung 
aus der fabelhaften Ausschmückung der Ostländer, 
wie sie sich in der litterarischen Tradition an den 
Zug Alexanders nach Indien angesetzt hat 2 ). Die 
mittelalterliche Ethnographie steht eben unbedingt 

*) Vgl. auch Peschei, Geschichte der Erdkunde, S. 90. 

2 ) Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde, II, 49, neigt 
dazu, sie auf »Scherz und Neckerei* zurückzuführen, die aus 
Pelzbekleideten Leute mit »Menschengesichtern, aber Gliedtnaassen 
wilder Tiere« gemacht hätten. »Leicht wurden daraus die 
Schreckbilder hundsköpfiger Popanze und Bluttrinker.« Aber 
gerade der Hundskopf ist eben doch das Charakteristische, und 
wenn schon bei Paulus Diaconus, I, 11, die Langobarden 
hundsköpfige Bluttrinker aus dem Norden mit sich bringen, so 
wird das eben Gelehrte Zuthat zur Volkssage sein können, die 
als willkommene Bereicherung erscheinen wird. 


425 

unter dem Einfluss der Nachrichten der Alten, die 
Beobachtung tritt völlig zurück hinter der oft bis 
zum Unbegreiflichen geistlosen Mosaikarbeit. Es 
ist noch zu verzeihen, wenn z. B. Regino im 
9. Jahrhundert die Magyaren von den Skythen her¬ 
leitet; aber dann schreibt er die Schilderung ihrer 
Sitten aus des Justinus Philippischen Geschichten 
ab; seine Nachricht über die Menschenmenge der 
nördlichen Völker nimmt er von Paulus Diaconus; 
die Kampfweise der Ungarn wieder aus Justins 
Schilderung der Parther. Matthäus von Paris, im 
13. Jahrhundert, der ein umfängliches und sonst 
sehr wertvolles Geschichtswerk über seine Zeit 
schreibt, nennt beim Feldzug Wilhelms von 
Holland gegen die Friesen die Sauromaten deren 
Nachbarn, wie es scheint, nur um einen Vers aus 
Juvenal anzubringen (Mon. 28, S. 357). 

Gegenüber den ethnographischen Kenntnissen 
des Altertums ist diese Arbeitsweise ein Rückschritt, 
die Verwirrung musste sich steigern, indem auch die 
christlich-kirchlichen Vorstellungen eindrangen. Gog 
und Magog mussten ja auch untergebracht werden, 
da ihre Wirklichkeit doch keinem Zweifel unterliegen 
konnte. Isidor von Sevilla leitet ganz unbefangen 
die Goten davon ab, wegen der Aehnlichkeit des 
Namens; später verfügt man anders über sie. Wie 
konnte es an Schwankungen der Auffassung fehlen: 
Aufzeichnungen des 10. Jahrhunderts machen die 
Magyaren zu Hagarenern, also Nachkommen der 
Hagar, die doch nach der biblischen Erzählung 
Semiten wären; der spätere Verfasser der grossen 
St. Galler Klosterchronik (Cas. S. Galli, ed. Meyer 
vonKnonau, c. 82) erklärt sich in kritischer Regung 
dagegen. Was dabei vorschwebt, ist der allgemeine 
Gegensatz von Christen und Heiden, der alle ethno¬ 
graphischen Unterschiede austilgt. InderGudrun tritt 
ein Mohrenkönig Siegfried auf: zu seiner Erklärung 
hat man auf einen Normannenhäuptling zu Ende des 
9. Jahrhunderts hingewiesen, da zur Zeit der Kreuz¬ 
züge thatsächlich die heidnischen Normannen in 
grosser Unbefangenheit mit den Sarazenen und 
Mauren verwechselt wurden. Neben solchen Dingen, 
wie sie in der mittelalterlichen Dichtung, also in der 
Auffassung der nicht eigentlich gelehrten Kreise öfter 
sich finden — wie z. B. auch das Lied von Troja des 
Herbort von Fritzlar alte und neue Völker bunt 
durch einander wirrt — darf man freilich die Gegen¬ 
stücke unserer Zeiten nicht übersehen. Der Einfluss 
des Bibellesens hat die verlorenen zehn Stämme nicht 
nur unter den Indianern suchen lassen. In England, 
seit die Puritaner sich so ganz ins alte Testament 
eingelebt haben, dass sie sich als die Beschnittenen 
gegenüber den Ismaeliten der Hochkirche zu be¬ 
zeichnen keinen Anstand nahmen, konnte in weiten 
Kreisen die Meinung sich einwurzeln, dass die Eng¬ 
länder Abkömmlinge der zehn Stämme seien! 

Solcher Tollheit gegenüber erscheint die mittel¬ 
alterliche Ethnographie fast rationalistisch. Adam 
von Bremen zählt unter den Bewohnern von Jumnc 


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426 


Zur mittelalterlichen Ethnographie. 


bei Wollin neben Slawen auch Griechen auf (II, 19), 
aber er leitet auch den Namen des Baltischen Meeres 
von baltfcus, der Gürtel, ab, es erstrecke sich in 
langem Zuge durch die skythischen Gegenden bis 
nach Griechenland (IV, 10 in drei Handschriften). 

Das Wort ruft die Vorstellung hervor und der 
Aberglaube, im Worte die Sache zu haben, ist der 
tiefste Grundzug des mittelalterlichen Denkens bis 
zur verstiegensten Scholastik. »Mit Worten lässt 
sich trefflich streiten, mit Worten ein System be¬ 
reiten«. Das Grundbuch, die wahre Quelle der mittel¬ 
alterlichen Ethnographie, ist bezeichnenderweise des 
Isidor von Sevilla Werk »libri etymologiarum sive 
originüm«. Daher stammt eine Reihe von Sätzen, die 
immer wieder abgeschrieben wurden oder wenigstens 
als Muster und Vorbild dienten, dass die Gallier 
wegen ihrer weissen Farbe so heissen, weil 7dXa 
griechisch die Milch ist (lib. 9, c. 2, n. 104), dass 
die Pikten so heissen, weil sie tätowiert sind, picti! 
(lib. 19, c. 23, 11. 7). Die Germanen heissen nach 
ihm so wegen der immania corpora, nach anderen 
a germinando populos; eine Deutung, die mehr 
Glück hatte. Sie ist auch in einem weitverbreiteten 
und vielfach verarbeiteten geographisch-ethnographi¬ 
schen Abriss, der Imago mundi des Honorius Au- 
gustodunensis (wahrscheinlich zu Anfang des 
12. Jahrhunderts) aufgenommen. Gleichen Wertes ist 
die Ableitung des Namens der Alamannen vom lacus 
Lemannus, wobei es wohl ganz gleichgültig ist, ob 
man dabei an den Genfer See oder an eine Ver¬ 
ballhornung des ßodensees, Bodmannssees denken 
will. Der Erfinder war jedenfalls froh, nur über¬ 
haupt eine Etymologie zu haben, wenn man solche 
Spielereien so heissen will. 

Andererseits hatte aber auch die Völkerwande¬ 
rung, die Mischung von germanischen Völkern unter 
die Romanen, die ethnographischen Grenzen und 
auch Begriffe verwischt und zerstört. Die von 
Tacitus überlieferte genealogische Einteilung der 
Germanen in Ingävonen, Istävonen, Herminonen ist 
schon in der sog. fränkischen Völkertafel um 520 
(jetzt Mülle n ho ff, Deutsche Altertumskunde, 3. Band 
[1892], S. 325—328) durch einander gebracht; 
Istio ist der Stammvater der Römer, Brittonen, 
Franken und Alemannen, Erminus der der Goten, 
Vandalen, Gepiden und Sachsen. Bald beginnt 
die gelehrte Aftersage vom gemeinsamen Ursprung 
der Franken und Römer von den Trojanern sich 
auszubreiten und zu wuchern, deren Anfänge zu 
entwirren erst nach wiederholten Anläufen und 
Bemühungen gelungen ist. Eine unwissende und 
gedankenlose Geschichtsklitterung des 7. Jahr¬ 
hunderts hat, Zeiten und Völker durch einander 
werfend, aus den Phrygiern einer älteren Chronik 
kurzweg Franken gemacht 1 ). Trotz seiner Bedenk¬ 
lichkeit wird dieser Einfall nach und nach zum In- 


*) Vgl. Hccger, Trojancrsiige, Landauer Gymnasial- 
programm 1891. 


ventarstück ethnographischer Auffassung, ja er er¬ 
hält geradezu politische Bedeutung für die Recht¬ 
mässigkeit des mittelalterlichen römischen Kaisertums, 
worauf nicht näher einzugehen ist. Seitenstücke 
dazu sind die Ableitungen der Franken und auch 
der Sachsen vom Heere Alexanders des Grossen; 
das erstere frühzeitig abgestorben (zuletzt wohl in 
Otfrieds von Weissenburg Evangelienharmonie); 
das zweite bei sächsischen Chronisten und im sog. 
Sachsenspiegel, dem deutsch geschriebenen Rechts¬ 
buch. Dazu gehört auch die Abstammung der Bayern 
aus Armenien, die schon am Ende des 11. Jahrhunderts 
zu belegen ist (Annolied, Vers 315). Es wird da 
behauptet, dass in Armenien noch Deutschsprechende 
gefunden würden. An Hermin oder Irmin als 
Stammvater ist dabei nicht mehr zu denken: alle 
Varianten und Abschriften der fränkischen Völker¬ 
tafel aus verschiedenen Jahrhunderten stellen die 
Bayern zu den Nachkommen des Ingo, Ingus 
oder Tingus. 

Im Widerspruch zu diesen ethnographischen 
Wunderlichkeiten befindet sich eine Reihe voa No¬ 
tizen bei mittelalterlichen Schriftstellern der früheren 
Jahrhunderte, die den Ursprung der Langobarden, 
der Franken, ja aller Deutschsprechenden an die 
Normannen und Skandinavier anknüpfen. Man hat 
diesem Umstande neuerdings grosses Gewicht bei¬ 
gelegt und die Hypothese von der skandinavischen 
Urheimat der Germanen und Arier dadurch zu stützen 
gesucht (Penka, Origines und Herkunft der Arier, 
Wilser, Ausland, 1890, S. 915). Jedenfalls liegt 
darin ein unbeirrtes und richtiges Gefühl des ethno¬ 
graphischen Zusammenhanges, wenn auch die histo¬ 
rische Kritik über die Beweiskraft dieser Stellen zu 
einem anderen Ergebnis führt. Auch bei den Sachsen 
bestand eine abweichende Ueberlieferung, dass sie 
von den Angeln, den Bewohnern Britanniens, aus¬ 
gegangen seien. 

Ein Gewinn fruchtbaren ethnographischen Wis¬ 
sens war auf diesem Wege nicht zu erreichen, der 
nur der ungeprüften Ueberlieferung folgte oder von 
blossen Wortspielereien abgelenkt wurde. Dazu ge¬ 
hört z. B. auch die im 12. Jahrhundert übliche Ver¬ 
wendung des Namens der verschollenen Vandalen 
für die Wenden, die Form Tartaren statt Tataren, 
mit Anlehnung an den Tartarus, die Umsetzung 
der magyarischen jaszök = Bogenschützen für einen 
Teil der Rumänen in die klassischen Jazygen, was 
noch heute auf den Karten irreführt. Ein Fortschritt 
konnte nur durch unbefangene Beobachtung ge¬ 
schehen; und wie gering ist ihr Einfluss, wenn 
Helmold zu Ende des 12. Jahrhunderts mit Be¬ 
rufung auf Gewährsmänner auch die Ungarn zu den 
Slawen rechnet, von denen sie sich weder an Sitte 
noch an Sprache unterschieden. Nun ist freilich 
Helmold durch eine beträchtliche Entfernung von 
den Ungarn geschieden, von denen er eine so wenig 
zutreffende Ansicht ausspricht. Die Grundlage geo¬ 
graphischer Auffassung muss für den pädagogischen 


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ßcr Staut Santa Catharinu in SUilhrasilicn. 


427 


Standpunkt die Heimatskunde bilden. Die Kenntnis 
der Umgebung ermöglicht uns das Verständnis für 
ferne Länder. Eine Bekundung des entsprechenden 
Standpunktes in der Entwickelung der Geographie 
zeigt nun auch eine kurze, lateinisch geschriebene 
Beschreibung des Eisass, an die sich diejenige Deutsch¬ 
lands schliesst, aus dem 13. Jahrhundert stammend, 
wohl aus dem Dominikanerkloster in Kolmar (ab¬ 
gedruckt in den Monumenta Germaniae historica, 
Bd. 17). Sie ist allerdings mehr kulturhistorisch 
interessant, weil eben in jedem geographischen Do¬ 
kument der Vergangenheit der historische Bestand¬ 
teil an Wert um so mehr steigt, als der geographische 
Standpunkt überwunden wird. Aber die Geschichte 
des geographischen Interesses darf an der kleinen 
Schrift nicht achtlos vorübergehen. 

Ebenso musste auch die ethnographische Auf¬ 
fassung allmählich gefördert werden durch die fort¬ 
schreitende Ausbildung der Nationalitäten seit der 
Völkerwanderung und dann durch die unmittelbaren 
Berührungen der Völker, die den Blick für die 
charakteristischen Unterschiede schärften. So lernte 
also der Deutsche durch die Römerzüge die Italiener 
immer besser kennen. In einem epischen Gedicht 
über die Thaten Friedrich Rotbarts, das mit dem 
Namen Ligurinus bezeichnet wird, dessen Verfasser 
aber wohl ein Deutscher gewesen ist, findet sich 
z. B. eine sehr unbefangene Charakteristik der Lom¬ 
barden, die der Verschmelzung des germanischen 
und romanischen Wesens gerecht zu werden sucht. 
Ein anderer Dichter dieser Zeit unterlässt bei der Be¬ 
handlung der trojanischen Abkunft der Franken keines¬ 
wegs die Befriedigung der rationalistischen Frage, wie 
denn nun die Nachkommen der Trojaner doch ger¬ 
manische Franken seien (Gottfried von Viterbo, 
Monumenta, Bd. 22. Speculum regum, lib. II, c. 62). 

Um nicht über die Zeit der Ebstorfer Karte 
hinauszugehen, sei nur noch in dieser Hinsicht an 
den ethnographischen Standpunkt des dem Jorda- 
nusvonOsnabrück zugeschriebenen kleinen Buches 
über das Römische Reich erinnert. Auch hier ist 
die Trojaner-Sage in Einklang gebracht mit der ger¬ 
manischen Nationalität der Franken. Andererseits 
ist eine Charakteristik der Franzosen versucht, die 
von guter Beobachtung zeugt, aber zugleich die 
Fortwirkung der etymologischen Spielereien im Sinne 
Isidors beweist. Die romanischen Franzosen sind 
ihm in Wahrheit Gallier, aber die Deutung ihres 
Namens von vaXa ablehnend, weil sie zwar den 
Spaniern oder Mauren gegenüber als hellfarbig gelten 
könnten, nicht aber den Angeln oder Sachsen — 
denkt er lieber an den gallus, den Hahn, wegen 
der Aehnlichkeit der Eigenschaften, die er in schlechte, 
gute und sehr gute einteilt. Der Hahn ist wie der 
Gallier der unteren Stände »superbus, clamosus, luxu- 
riosus, iticonstans, pronus ad lites, pronus ad pacem«; 
seine guten Eigenschaften aber sind die des fran¬ 
zösischen Adels. Der Hahn ist schön von Gestalt, 
aber schöner mit Federn, als gerupft, so der Fran¬ 


zose schöner »vestitus, quam nudus; audax, hilaris, 
amativus et liberalis.« Das klingt alles fast scherz¬ 
haft, aber dass es nicht so sehr daneben trifft, be¬ 
weist den Blick des Mannes, der wohl in Paris 
studiert hat. Seine Darstellung hat auch Anklang 
und Fortwirkung erlebt. Das Bild des kollernden 
Hahnes hat man immer wieder aufgewärmt. Der 
Zusammenhang liegt vielleicht in den späteren Völker¬ 
spiegeln bis aufBodinus und Barclay hin. Aber 
dies bedürfte einer eingehenderen Darstellung, als sich 
mit diesen anspruchslosen Zeilen vertragen könnte. 

Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 

Von C. Ballod (Jena). 

Die hier folgende Arbeit bildet den Versuch einer 
wissenschaftlichen Darstellung der physikalischen und 
wirtschaftlichen Verhältnisse des Staates Santa Catha¬ 
rina in Südbrasilien. Um diese Verhältnisse aus 
eigener Anschauung kennen zu lernen, hat sich der 
Verfasser dieser Arbeit zweimal (September bis Okto¬ 
ber 1889 und Juni 1890 bis Februar 1891) in Santa 
Catharina aufgehalten und dabei vorzugsweise den 
Süden des Staates kennen gelernt. Die vorliegende 
Litteratur ist versucht worden in einer möglichst 
kritischen Weise zum Vergleich heranzuziehen. 

Santa Catharina erstreckt sich von 26° 30 / südl. 
Br. bis 29 0 18' südl. Br. Der Flächeninhalt beträgt 
nach den meisten Angaben 74156 qkm; die Ein¬ 
wohnerzahl 216000. Die Insel Santa Catharina 
(550 qkm) soll nach der Zählung vom 31. Dezem¬ 
ber 1890 circa 25 000 Einwohner gehabt haben, da¬ 
runter die Hauptstadt Desterro selbst 9000, die 
Kolonie Blumenau 26400, Azambuja 5000. Brasi¬ 
lianische Volkszählungen, so auch die von 1890, 
bieten jedoch durchaus keine sehr zuverlässigen und 
lückenlosen Resultate. 

Die orographischen und die Bodenver¬ 
hältnisse. 

Santa Catharina wird durch das nordsüdlich ver¬ 
laufende Küstengebirge, die Serra Geral oder Serra 
do Mar in zwei Teile zerlegt: in das im Mittel 
800—1000 m sich erhebende Hochland, das zum 
Stromsystem des Laplata gehört, und in das 30 — 150 
(im Mittel 70—100) km breite und 400 km lange 
Küstengebiet, das von einer ganzen Anzahl west¬ 
lich fliessender Küstenflüsse entwässert wird. Die 
im Mittel 1000—1500 m sich erhebende Serra Geral 
ragt im Süden des Staates steil, fast mauerartig auf, 
bildet nach der Mitte des Staates zu das auf über 
2000 m sich erhebende Massiv der Serra do Trom- 
budo, an welches sich die ins Küstenland vorsprin¬ 
gende Serra da Boa Vista, welche die etwa 1100 m 
hoch gelegenen Campos gleichen Namens trägt, an- 
schliesst. Letztere besteht aus durch »Trapp« ge¬ 
hobenen sedimentären Gesteinen. Darauf teilt sich die 
Serra in zwei Ketten, deren erstere vom grossen Itajahy 
(Itajahy Assü) durchbrochen und gewöhnlich als 


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428 


Der Staat Santa Cat ha ri na in Südbrasilien. 


Serra do Mar, deren zweite, weiter zurückliegende, 
man als Serra Geral bezeichnet. Diese beiden Ketten 
schliessen ein über ioo Quadratmeilen grosses, im 
Mittel 2—500 m hochgelegenes Gebiet ein. Es wird 
von Quellarmen des Itajahy entwässert und besteht 
aus Sandsteinen, die häufig von eruptiven Bildungen 
durchbrochen sind. Nach Norden zu scheint dieses 
Gebiet ziemlich sanft und allmählich in die etwa 
Soo m hohen, vielfach zerklüfteten Campos von Säo 
Bento und weiterhin vom Rio Negro überzugehen, 
deren westlichen Abfall die durchschnittlich 1000 m 
hohe Serra de S. Miguel mit dem sich daran an¬ 
schliessenden Jaraguastock (1140 m), bildet. Diese 
Serra Geral bildet die Wasserscheide zwischen dem 
Flussgebiet des Laplata und den Küstenflüssen, bloss 
von einigen geringfügigen Zuflüssen des Itapocü im 
Norden und des Ararangua im Süden wird sie durch¬ 
brochen. Die Serra ragt nur wenig über das an¬ 
liegende Hochland auf, so dass sie mehr als der 
vielfach erodierte und ausgezackte Absturz des Hoch¬ 
landes anzusehen ist, der im Süden durch ausge¬ 
dehnte Absenkungen oder Verwerfungen des Küsten¬ 
gebietes entstanden sein mag, im Norden und in 
der Mitte mögen auch Faltungen das ihrige gethan 
haben. Das Hochland zeigt im allgemeinen mehr 
sanfte, wellenförmige Erhebungen und neigt sich 
nur ganz allmählich zum Laplata. Das Küsten¬ 
land zeigt bloss im Norden (in Donna Francisca) 
und im Süden, wo sedimentäre Bildungen aufge¬ 
lagert sind, sanftere Formen, sonst ist es ungemein 
wild zerrissen und zerklüftet, besonders da, wo grani- 
tische Bergketten oder eruptive Bildungen (nament¬ 
lich »Trapp«) zu Tage treten; kegelförmige Kuppen 
gleich riesigen Maulwurfshügeln wechseln ab mit 
steilen Bergzügen und Bergrücken, die öfters 30, ja 
40° und mehr Steigung haben und selten auch nur 
einige Kilometer in einer Richtung verlaufen, unter¬ 
brochen durch tiefe Thäler und Schluchten, in 
denen sich unzählige Wasserrinnsale ihr Bett ge¬ 
graben haben. Es ist, als ob ein wild bewegtes 
Meer, dessen Wellen Hunderte von Metern Höhe 
haben, plötzlich erstarrt wäre. Ketten der Granit- 
und Gneisformation ziehen sich bis zur Küste, bil¬ 
den eine Menge Vorgebirge und tauchen selbst in 
einiger Entfernung von der Küste als Inseln wieder 
auf, so die Insel Santa Catharina. Das ganze 
Küstengebiet gehört der Urgneisformation an, welcher 
jedoch vielfach jüngere Sedimente, hauptsächlich ein 
thoniger Sandstein, aber auch Schiefer aufgelagert 
sind, die ihrerseits von zahlreichen vulkanischen Bil¬ 
dungen, besonders »Trapp«, aber auch Basalten 
durchbrochen sind, letzteres namentlich im 1000 m 
hohen Morro do Balni, nördlich vom Itajahy. Kalke 
oder Mergel sind dagegen kaum anzutreffen, ein 
angebliches Vorkommen von Marmor und grauem 
Kalkstein an der Küste zwischen Itajahy und Cam- 
briu erwähnt Prof. Dr. H. L an g e *); auch W. v. H u n d t 


') II. Lange, Südbrasilien, 2. Aufl., Berlin 1885, S. 127. 


berichtet von einem rötlichen Marmor in der Kolonie 
Urussanga 1 ), allein diese Angabe ist sehr unzuver¬ 
lässig. Thatsache ist jedenfalls, dass sämtliche Küsten¬ 
flüsse ein ungemein weiches kalkarmes Wasser haben, 
was ja Wäscherinnen sehr Zusagen mag, für die 
Landwirtschaft infolge der daraus resultierenden Kalk¬ 
armut des Bodens bedenklicher erscheint. In der 
Kolonie Donna Francisca hat nach Dr. Wo hit¬ 
mann das Wasser der meisten Flüsschen und Brunnen 
nur V 2 — 1 Härtegrad, die meisten Gewässer wiesen 
nur 0,1 g an getrocknetem Rückstand in einem Liter 
Wasser auf, der dabei noch zu 30—80 °/o organi¬ 
schen Ursprungs war 2 ). Eine genauere Untersuchung 
der jüngeren sedimentären Bildungen seitens eines 
geschulten Geologen hat noch gar nicht stattgefun¬ 
den, was übrigens bei den an Versteinerungen armen 
Sandsteinen und der überwuchernden Vegetation mit 
nicht geringen Schwierigkeiten verknüpft wäre. Nach 
Sellow, der in den zwanziger Jahren das Küsten¬ 
land von Südbrasilien bereiste, und nach Vascon- 
cellos 3 ) gehört der Sandstein der Serra der Tertiär¬ 
formation an; letzterer hat in der Serra Santa Mar- 
tinho, am südlichen Fuss in den Sandsteinen 10—20 
Fuss lange und 5—6 Fuss dicke Stämme verkieselten 
Holzes von Dikotyledonenstruktur gefunden und 
meint, dieselben könnten nicht älter sein als die 
jüngste Sekundärformation (Kreide). Mit Sicherheit 
weiss man übrigens nicht einmal das Alter der unter 
der Serra sich hinziehenden, teils schiefrigen, teils 
Schwefelkies enthaltenden Kohle, die an den Quellen 
des Tubaräo (und auch den des Araranguä) in einer 
Mächtigkeit von 3—4 m zwischen Sandsteinen zu 
Tage tritt. Diese Kohle stimmt ihrer Beschaffen¬ 
heit nach vollkommen mit der in Rio Grande do 
Sul bei Jaguaräo gefundenen Kohle, welche Vas- 
concellos für eine schwarze Glanzkohle aus der 
Tertiärzeit erklärt. Nach A. Hettner 4 ) gehören 
indessen die Pflanzenreste der Kohlen in Rio Grande 
zur Glossopterisflora und wahrscheinlich zur Trias. 
Was die praktische Verwendbarkeit dieser Kohlen 
betrifft, so wusste bereits Woldemar Schulz 5 ), 
dass sie wenig Hitze geben und wenig Coaks erzeugen, 
somit geringwertig sind. Dennoch hat man später¬ 
hin auf ihre Ausbeutung grosse Hoffnungen gesetzt, 
der Visconde Barbacena erwarb 1863 im Bezirk 
der Tubaräokohlen 2 □ Leguas Land und brachte 
nach längerem vergeblichen Bemühen schliesslich 
eine englische Gesellschaft zu stände, die mit 7°/o 
Zinsengarantie auf ein Kapital von 5451 Contos 
(12 ^2 Millionen Mark) seitens der brasilianischen 


*) Santa Catharina, Gera 1887, S. 128. 

2 ) Dr. F. Wohltmann, Handb. der tropischen Agrikultur, 
I, Leipzig 1892, S. 128. 

s ) Memoria geologica sobre os terrenos do Curral Alto 
e serra do roque, Porto Alegre 1851. 

4 ) Das südlichste Brasilien, Zeitschr. d. Gescllsch. f. Erd¬ 
kunde in Berlin 1891, S. 85—144. 

5 ) Studien über agrarische und physikalische Verhältnisse 
in Südbrasilien, Leipzig 1865, S. 120. 


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Der Staat Santa Catharina in Sitdbrasilien. 


429 


Regierung eine 111 Kilometer lange Eisenbahn vom 
Küstenplatz Impituba bis zu den Kohlenlagern baute. 
Die Eisenbahn wurde 1884 fertig und nun ging man 
mit einigen hundert Arbeitern an die Ausbeutung 
der Kohlen, deren Untauglichkeit für Dampfkessel- 
fcuerung infolge ihres Eisenkiesgehaltes und geringen 
Brennwertes nun bald erkannt und darauf der Abbau 
eingestellt wurde. Eine brasilianische Kommission 
von Ingenieuren, die im Juni 1890 die Kohlenlager 
besuchte und ein »Relatorio sobre os terrenos do 
carväo do Tubarao«, Rio de Janeiro 1890, heraus¬ 
gab, gibt die Geringwertigkeit der Kohlen zu, em¬ 
pfiehlt jedoch neue Bohrungen anzustellen, um 
vielleicht auf taugliche Kohlenschichten zu stossen, 
was wohl kaum wahrscheinlich sein dürfte. Für 
Briquetsfabrikation mögen sich übrigens dieTubaräo- 
kohlen ebenso wie die Kohlen von Sao Jeronymo 
in Rio Grande do Sul eignen. Vulkanische Erschei¬ 
nungen oder Erdbeben sind gegenwärtig so gut wie 
unbekannt, doch legt neben den Eruptivgesteinen 
auch das Vorhandensein warmer Quellen beiTheresio- 
polis im Cubataothal und am Tubarao von einstiger 
vulkanischer Thätigkeit Zeugnis ab. 

Was das Vorkommen von Metallen anlangt, so 
finden sich in der Serra an den Araranguäquellen 
Kupfererze, auch Silbererze sollen im vorigen Jahr¬ 
hundert an den Quellen des Laranjeiras, eines Zu¬ 
flusses des Tubarao, von Jesuiten verarbeitet wor¬ 
den sein. Man findet daselbst noch eine verfallene, 
ehemalige Jesuitenniederlassung, von verwilderten 
Orangenhainen umgeben, die jedoch zunächst wohl 
dem Zwecke der Mission unter den Indianern dienen 
mochte. Eisenerze kommen häufig vor, so nament¬ 
lich Raseneisenstein in Donna Francisca und bei 
Laguna. Ob die Erze den Abbau lohnen würden, 
darüber fehlen noch alle genaueren Untersuchungen. 

An der Küste kommen sehr häufig Sambaquis 
vor, es sind das Muschelhügel, die zuweilen einen 
Durchmesser von 100—150 m bei einer verhältnis¬ 
mässig geringen Mächtigkeit haben. Ueber ihren Ur¬ 
sprung sind wir noch nicht hinreichend aufgeklärt, 
wahrscheinlich waren es Lagerplätze von Indianern, 
die die Muscheln genossen haben, nach anderer Mei¬ 
nung auch Begräbnisstätten von Indianerhäuptlingen, 
thatsächlich hat man menschliche Knochen und ganze 
Skelette in ihnen gefunden. Gegenwärtig wird fast 
aller Kalkbedarf aus ihnen gewonnen, wodurch sie 
natürlich in absehbarer Zeit zu verschwinden drohen. 

Was die Verwitterungsschicht oder Bodenkrume 
des Küstenlandes betrifft, so besteht sie auf geneigtem 
Terrain (Bergen und Hügeln) zumeist aus einem 
gelben oder roten Lehm, schwarzer Humus ist da¬ 
gegen in einer kaum zolldicken Schicht, auf weite 
Strecken gar nicht aufgelagert, bloss die Thalsohlen 
der grösseren Flüsse enthalten einen von ange¬ 
schwemmten Humusbestandteilen dunkel gefärbten, 
in der Regel sehr fruchtbaren, thonigen oder san¬ 
digen Alluvialboden. Es wäre indessen ein grober 
Irrtum, wenn man aus dem Nichtvorhandensein einer 


sch warzen Humusschicht auf Unfruchtbarkeit schliessen 
wollte, wie es neue Ankömmlinge aus dem Norden 
häufig thun. Humusansammlungen bilden sich im 
Süden wegen der bedeutend schnelleren Zersetzung 
organischer Stoffe weit schwieriger als im Norden. 
Indessen ist der Humus im Süden auch weniger not¬ 
wendig wegen der höheren Bodenwärme und dann 
weil seine absorbierenden Eigenschaften zum Teil 
durch Eisenoxyd und Thonerde vertreten werden 
können, Stickstoff wird aber bei reichlichem Regen¬ 
fall in hinreichenden Mengen aus der Luft geliefert 1 ). 
Bodenanalysen haben dabei ergeben, dass es solchen 
Rot- und Gelberden öfters durchaus nicht an Humus 
und Stickstoff fehlt, dass die letzteren Bodenbestand¬ 
teile aber häufig durch Thonerde und Eisenoxyd¬ 
teilchen inkrustiert und verdeckt sind. 

Wenn Wohltmann meint, die Rot- und Gelb¬ 
erden seien eine unvollkommene Phase der Laterit- 
bildung 2 ), so ist das bloss insoweit zuzugeben, als 
sich dieser Ausspruch auf Urwaldboden bezieht (der 
im Küstengebiet von Santa Catharina freilich vor¬ 
herrscht), nicht aber als ob es im Bereich der Rot- 
und Gelberden an einer hinreichend langen Epoche 
der Lateritbildung, sowie an hinreichenden Mengen 
Eisen im Boden gefehlt hätte, wie Wohltmann weiter 
ausführt; sind sie doch gerade vorherrschend aus 
archäischen und älteren Eruptivgesteinen gebildet, 
auch durchaus nicht sehr arm an Eisen. Laterit bil¬ 
det sich nach Prof. Dr. Pechuel-Loesche in 
dichten Waldgebieten erst, nachdem die Vegetation 
abgeräumt ist 3 ), wenn dann die Insolation mit voller 
Kraft wirken kann, der Boden abwechselnd austrocknet 
und wieder von Regen durchtränkt wird, wobei zu¬ 
gleich eine Anreicherung an Eisen stattfindet, indem 
Thon, Kalk und Alkalien ausgewaschen und weg¬ 
geführt werden. Die typischen Latcritgebiete sind 
ja zumeist Strauch- oder Baumsteppen, in denen die 
Sonne fast ungehindert auf den Boden einwirken 
kann, die starke Hitze im Wechsel mit heftigen 
Regengüssen bedingen die porös-schwammige, wasser¬ 
durchlassende Beschaffenheit des Latentes, der zu¬ 
gleich an mineralischen Pflanzennährstoffen verarmt 
ist. Der Boden der Campos von Rio Grande do 
Sul zeigt ja nach A. Hettner 4 ), wo er thonig oder 
lehmig ist, ebenfalls eine lateritartige Beschaffenheit, 
mit dem er auch in Bezug auf Mangel an wichtigen 
Pflanzennährstoffen übereinstimmt, indessen sind auch 
die Gelb- und Roterden der brasilianischen Wald¬ 
gebiete, von vulkanischen Verwitterungsböden abge¬ 
sehen, nicht sehr reich daran, und es sind daher 
wohl weniger die chemischen Eigenschaften, die sie 
vom Laterit unterscheiden, sondern eher die physi¬ 
kalischen, indem sie nicht so porös-schwammig und 
wasserdurchlassend sind. (Fortsetzung folgt.) 


*) Wohltmann, Tropische Agrikultur, Kap. II, I, S. ioo f. 
2 ) Ebenda, S. 226. 

n ) Pcchuel-Loesche, Kongoland, Jena 1S87, S. 355 f* 
4 ) Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdkunde in Berlin 1891, 
S. 85^-144. __ 


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430 


Geographische Mitteilungen. 


Geographische Mitteilungen. 

(H. Bur me ist er.) Am 2. April d. J. ist in Buenos 
Aires hochbetagt der in weiten Kreisen bekannte Natur¬ 
forscher Professor Dr. Hermann Burmeister ge¬ 
storben; sein Begräbnis fand am 4. April auf Staatskosten 
und mit hohen Ehren statt. Geboren am 15. Januar 1807 
in Stralsund, studierte er in Greifswald und Halle Medizin 
und Naturwissenschaften, war dann von 1831 in Berlin 
als Gymnasiallehrer und Privatdocent thätig und wurde 
1837 ausserordentlicher und 1842 ordentlicher Professor 
der Zoologie an der Universität Halle, zu deren be¬ 
deutendsten Lehrern er gehörte. 1848 war Burmeister 
Mitglied des Frankfurter Parlamentes, dann des preussi- 
schen Abgeordnetenhauses. Von September 1850 bis 
März 1852 und von Herbst 1856 bis März 1860 unter¬ 
nahm er zwei wissenschaftliche Reisen nach Brasilien 
und Argentinien. Im Mai 1861 gab er seine Professur 
in Halle auf und siedelte nach Buenos Aires über, wo 
er als Direktor des von ihm errichteten und bald zu 
hohem Ansehen gelangenden naturhistorischen Museums 
bis zu seinem Tode wirkte. Ausser zahlreichen zoologischen 
Arbeiten hat der Verstorbene auch eine grosse Reihe wert¬ 
voller geographischer Schriften veröffentlicht; erwähnt 
seien hier nur neben seinen Beiträgen für Petermanns 
Mitteilungen und die Berliner Zeitschrift für Erdkunde 
seine Reisewerke: »Reise nach Brasilien« (Berlin 1853); 
»Landschaftliche Bilder Brasiliens« (1853); »Reise durch 
die La Plata-Staaten« (Halle 1861, 2 Bde.). Einen weiten 
Leserkreis fanden namentlich auch zwei seiner frühesten 
Werke, die »Geologischen Bilder zur Geschichte der 
Erde und ihrer Bewohner« (2. Aufl. 1855) un ^ seine 
»Geschichte der Schöpfung« (7. Aufl. 1872, besorgt 
durch C. Giebel). Der Wissenschaft ist Bur meist er 
in seinem neuen Vaterlande eine wichtige Stütze ge¬ 
wesen *). (Mitteilung von Dr. Wolkenhauer in Bremen.) 

(Geologie von Cypern.) Den älteren geologi¬ 
schen Durchforschungen der Insel Cypern, welche von 
Gau dry, Unger und Kot sch y vorgenommen wurden, 
ist nun eine neuere von A. Bergeat gefolgt, welche 
zumal dem petrographischen Gesichtspunkte weit mehr 
als jene früheren Rechnung trägt. Was die sedimentären 
Bildungen anbelangt, so fand sich in der Hauptsache 
die Thatsache bestätigt, dass nur junge Gesteine an¬ 
stehend angetroflfen werden; die Gebirgskette im Norden 
besteht vorwiegend aus echt kretacischem Kreidekalk 
(und zwar ohne Dolomit), und der zu diesem diskordant 
lagernde eoeäne Kalk ist nur spärlich vertreten, während 
Miocän, Pliocän und Quartär mächtig entwickelt sind 
und durch ihren Reichtum an fossilen Einschlüssen eine 
leichtere Altersbestimmung ermöglichen. Von älteren 
Eruptivgesteinen ist lediglich der Diabas als Felsbildner 


*) Es darf nicht verschwiegen werden, dass, wo so viel 
Licht ist, auch einiger Schatten nicht fehlt. So Bedeutendes 
Burmeister für die naturhistorische Erforschung seines Adoptiv- 
Vaterlandes leistete, so hat doch die Geographie des Landes von 
seinen Arbeiten nicht den gleichen Gewinn gezogen (vgl. Wap- 
paeus in den »Gott. Gel. Anzeigen» 1877, S. 47 ff.). Und die 
höchst einflussreiche Stellung, welche der Verstorbene einnahm, 
trug, als die Universität Cordoba begründet wurde, das Ihrige 
dazu bei, einzelnen der aus Deutschland berufenen Professoren — 
Vogler, S telzner u. s. w. — das Einleben in die neuen 
Verhältnisse wesentlich zu erschweren. Freies akademisches 
Leben liess sich mit einer Suprematie, wie sie Burmeister 
ausübte, schlechterdings nicht vereinbaren. Die Red. 


von Bedeutung gewesen, dieser aber auch um so mehr, 
denn aus ihm besteht der eigentliche Inselkern desTroodos, 
u. a. der den Lesern dieser Zeitschrift aus den letzten 
Nummern wohlbekannte Stavrovuni. Auf dessen 
Gipfel ist aber die für Cypern überhaupt charakteristische 
Umwandlung der Hornblende und des Plagioklases bereits 
derart fortgeschritten, dass man die Struktur des Ge¬ 
steines kaum mehr zu erkennen vermag; der Diabas 
ist gänzlich in Chlorit übergegangen. Jüngere Vulkan¬ 
gesteine, d. h. solche, deren Ausbruch ins tertiäre Zeit¬ 
alter zu setzen ist, finden sich gleichfalls im Troodos- 
Gebirge, aber auch längs der ganzen Nordküste reiht 
sich eine Eruptionsstelle an die andere. Hier wiegen 
Andesite verschiedenen Charakters vor. Basalt ward 
gar nicht, Trachyt nur in vereinzelten Blöcken ange¬ 
troffen. Das Kalkgestein hat da, wo es von den feurig¬ 
flüssigen Magma - Massen durchbrochen ward, eine 
ausgesprochene Umänderung seines Gefüges erlitten 
(Kontaktmctamorphismus). Endlich sei bemerkt, dass 
der Bau der Inselgebirge sich mit den von E. Suess 
angenommenen drei »Mediterranstufen« sehr wohl in 
Einklang bringen lässt; zur Zeit der ersten Stufe fehlte 
die Insel als solche gänzlich; aus dem Meere der zweiten 
Stufe traten die Diabas-Massen des Troodos hervor, 
um für die mioeänen Schichtbildungen als Unterlage zu 
dienen, und in die Zeit der dritten Stufe fällt die Auf¬ 
richtung der Nord kette mit ihren plioeänen Ablagerungen. 
(Tschermak-Bcckes Mineralogische Mitteilungen, 1891, 
XXI.) 

(Reise nach Venezuela.) Nachdem Professor 
W. Sievers (Giessen) schon früher, mit Unterstützung 
der Hamburger Geographischen Gesellschaft, ausgedehnte 
Reisen in Venezuela unternommen und deren Ergebnisse 
in drei grösseren Werken niedergelegt hatte, bereitet 
derselbe eine neue Bereisung dieses Staates vor, und 
wieder wird die genannte Korporation die Mittel ge¬ 
währen. Es war für dieselbe hauptsächlich der Gedanke 
maassgebend, dass die Handelsbeziehungen zwischen 
Venezuela und dem Deutschen Reiche sich stets leb¬ 
hafter gestalten, dass bei den dortselbst begründeten 
industriellen Unternehmungen (Fabriken, Eisenbahn¬ 
bauten u. s. w.) Deutsche wesentlich beteiligt sind, und 
dass folglich eine immer gründlichere Kenntnis der 
wirtschaftlichen, politischen und Natur-Verhältnisse jenes 
Landes erwünscht werden muss. Professor Sievers 
sprach sich in einem in Hamburg gehaltenen Vortrage 
über seinen Reiseplan aus und erklärte, dass die Reise 
im Herbst und Winter dieses Jahres ausgeführt werden 
und sich vorwiegend auf den Nord westen Venezuelas 
erstrecken solle. Die Landschaft Coro, das Gebirge 
zwischen Caracas und Barquisimeto, sowie die Llanos 
sollen durchwandert werden, und durch diese letzteren 
hindurch hofft der Genannte bis in das noch recht wenig 
bekannte Grenzgebiet gegen Britisch-Guyana Vordringen 
zu können. Natürlich muss, da der in Südamerika 
übliche Bürgerkrieg wieder einmal entfesselt ist, bei 
der Reise auf die augenblickliche Lage Rücksicht ge¬ 
nommen werden. Auf der Hinreise gedenkt sich Pro¬ 
fessor Sievers auf der Insel Puerto Rico aufzuhalten 
und sie, die von der geographischen Forschung bisher 
ziemlich stiefmütterlich behandelt worden ist, näher in 
Augenschein zu nehmen. (Hamburgischer Korrespondent 
vom 7. Juni 1892.) 


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Litteratur. 


431 


Litteratur. 

Das Muchik oder die Chimu-Sprache. Mit einer Ein¬ 
leitung Uber die Kulturvölker, die gleichzeitig mit den Inkas 
und Aymaräs in Südamerika lebten, und einem Anhang über 
die Chibcha-Sprache. Von E. W. Middendorf. Leipzig, 
Brockhaus, 1892. VIII—222 S. (Die einheimischen Sprachen 
Perus. VI. Band.) 12 M. 

Ich habe bereits in dieser Zeitschrift (Jahrgang 1891, 
S. 651 ff.) auf die Wichtigkeit des epochemachenden Werkes 
Middendorfs hingewiesen und das baldige Erscheinen des 
letzten Bandes dieser grossen Publikation in Aussicht gestellt. — 
Nun ist der betreffende Band im Druck erschienen, der eine 
wissenschaftliche Darstellung der bisher bloss mangelhaft be¬ 
kannten Chimu-Sprache umfasst. Diese Sprache wurde in den 
Küstenstrichen des nördlichen Peru, etwa vom 6.° 30' bis 8.° 30' 
südl. Breite, namentlich in den fünf Thälern der kurzläufigen 
Gebirgsströme (Thal von Trujillo, Chicama, Pacasmayo, Lam- 
bayeque und Morope) gesprochen. Thr Hauptort lag dort, wo 
heutzutage die Stadt Trujillo steht. Dort befand sich die Stadt 
Chanchan, von den Spaniern el gran Chimu genannt, deren weit 
ausgedehnte Ruinen von der Kultur des Volkes, welches sie einst 
bewohnte, Zeugnis ablegen. 

Gegenwärtig kann die Chimu-Sprache als ein dem Aus¬ 
sterben entgegengehendes Idiom betrachtet werden, denn sie 
fristet bloss in den niederen Schichten der Bewohnerschaft der 
Stadt Eten ein klägliches Dasein. Die jüngere Generation schämt 
sich ihrer Muttersprache und gebraucht sie bloss im intimen 
Verkehr der Familienglieder unter einander. 

Alles, was wir über diese Sprache aus älterer Zeit wissen, 
stammt von dem Geistlichen Fernando de la Carrera, einem 
eingeborenen Spanier, der in der ersten Hälfte des 17. Jahr¬ 
hunderts lebte und Pfarrer der Stadt Reque war, eines Ortes, 
der in der Nähe des Hafens von Eten in der Diöcese von Tru¬ 
jillo gelegen ist. Die von ihm verfasste Grammatik erschien in 
Lima 1644 unter dem Titel: »Arte de la lengua Yunga de los 
valles del obispado de Trujillo». — Dieses Buch gehört gegen¬ 
wärtig zu den grössten Raritäten, und es wurde deshalb im Jahre 
1879 in der Revista Peruana wieder abgedruckt und später im 
Jahre 1880 von Carlos Paz-Soldan, dem Redakteur der Re¬ 
vista, separat herausgegeben. 

Obwohl nun dasjenige, was Carrera in seinem Buche 
nach Art der alten Grammatiker bietet, höchst dankenswert ist 
und eine allgemeine Beurteilung des Charakters der Sprache ge¬ 
stattet, so ist doch vieles in seiner Grammatik dunkel, und nament¬ 
lich die Phonetik ist etwas mangelhaft behandelt. Man kann es 
daher als einen Glücksfall betrachten, dass Middendorf der 
im Absterben begriffenen Sprache sich annahm und, noch ehe 
sie ganz verschwunden war, an der Hand Carreras ihre Wörter 
und Wendungen aus dem Munde alter Leute der Stadt Eten 
sammelte. Middendorf dürfte wahrscheinlich der letzte ge¬ 
bildete Europäer sein, welcher die Chimu-Sprache reden ge¬ 
hört hat! 

Die Chimu-Sprache hat mit den beiden Hauptsprachen 
Perus, dem Ketschua und Aymarä, weder in der Phonetik, noch 
in der Wortbildung, noch auch im Wortvorrat eine Aehnlich- 
keit, sie muss uns für ein isoliertes Idiom gelten, was be¬ 
kanntlich auf dem Boden Amerikas keine auffallende Erscheinung 
ist. Auch das Chibcha, die Sprache der Muysca auf dem Hoch¬ 
lande von Cuftdinamarca, welche der Verfasser am Ende seiner 
Arbeit über die Chimu-Sprache einer eingehenden Analyse unter¬ 
zieht, ist von den beiden peruanischen Hauptsprachen ganz ver¬ 
schieden, es hat aber wahrscheinlich Verwandte, welche über 
die Meerenge bis nach Mexiko reichen, steht mithin nicht so 
ganz isoliert da. 

Ein interessantes Kapitel ist die Frage über die Kultur 
der Chimu und die von ihnen hinterlassenen Kulturdenkmäler. 
Leider sind die wertvollsten derselben, die Schmucksachen und 
Geräte aus Gold, der bis auf die Neuzeit betriebenen Schatz¬ 
gräberei unwiederbringlich zum Opfer gefallen; gerade diese 
würden uns einen hohen Begriff von der Kultur dieses inter¬ 
essanten Volkes beibringen können. Obwohl die Chimu von 


den Inkas und Aymaräs ganz verschieden waren, werden doch 
viele ihren Gräbern und Ruinen entnommene Objekte, so nament¬ 
lich die Thongefässe, in den europäischen Museen als peruanische 
(den Inka angehörende) Erzeugnisse aufgestellt. Dies wird man 
künftig korrigieren müssen; man wird dem ackerbautreibenden 
und industriösen Kulturvolke der Chimu das geben, was ihm 
gebührt. 

Wien. Friedrich Müller. 

Wandertage eines deutschen Touristen im Strom- 
und Küstengebiete des Orinoco. Von Graf Eberhard 
zu Erbach. Mit 20 Abbildungen und 2 Karten. Leipzig, 1892. 

Der Verfasser behandelt die drei Städte Caräcas, La Guaira 
und Linded Bolävar, das Land zwischen und um die beiden 
ersteren, die Stromfahrt auf dem Orinoco und das Seebad Ma- 
cuto, sowie weniger eingehend Carüpano. Im ganzen sah der¬ 
selbe sonach nicht viel von Venezuela, beobachtete aber gut, 
vor allen Dingen das Volksleben, das, wie auch die Interessen 
der höheren Stände, die politischen Zustände und das Strassen- 
leben fesselnd und im ganzen richtig geschildert sind. In diesen 
Schilderungen, die sich nur etwas zu viel mit dem schönen Ge¬ 
schlecht beschäftigen, liegt der Wert des Buches, sowie auch in 
den die Geschichte der Unabhängigkeitskriege behandelnden um¬ 
fangreichen Kapiteln, zu denen Graf Erbach offenbar eigene 
Studien gemacht hat. Wissenschaftlichen Wert beansprucht der 
Band nicht, dagegen sind die Naturschilderungen teilweise schön. 

Die beiden Karten stellen die Geschichte der Independencia 
und der Handelsgebiete von Linded Bolävar dar; letzteres ist 
unendlich viel kleiner, als der auf der Karte niedergelegte, das 
ganze nördliche Südamerika bis zum Amazonas umfassende Raum. 

Die Abbildungen sind teils nach in Caräcas käuflichen 
Photographien und Bildern ungleich gearbeitet, teils aus Appun 
(S. 336) und Reelus (S. 154), welch letztere eine Kreolin von 
Martinique darstellt, entnommen. 

Die Litteratur der Jahre seit 1887 ist dem Verfasser nicht 
bekannt geworden, da weder des Referenten Arbeiten über Vene¬ 
zuela, noch die Chaffenjous über den Orinoco angeführt sind. 

Im ganzen ist das Buch ein recht anziehend geschriebener 
Beitrag zur Kenntnis Venezuelas, der anspruchslosen Lesern ge¬ 
nügen wird. 

Giessen. W. Sievers. 

Gefechtsweise und Expeditionsführung in Afrika. 

Von Dr. Karl Peters. Berlin, 1892. H. Walther. 19 S. 

Die kleine vorliegende Schrift ist eine etwas ausführlichere 
Begründung der Gedanken, die Dr. Peters am Schluss seines 
Berichtes vom 8. September 1891 an den Gouverneur v. Soden 
(Kol.-Bl. 1891, S. 491) ausgesprochen: es ist eine sachlich ge¬ 
haltene Polemik gegen die Ausrüstung und Fechtweise der Schutz¬ 
truppe und zwar auf Grund eigener Erfahrung in dem Schar¬ 
mützel gegen die Warombo am Kilimandscharo. Dr. Peters 
generalisiert einen einzelnen Fall. Wenn in dem von ihm ge¬ 
lieferten Gefechte Ausrüstung und Kampfweise der Schutztruppe 
versagte, so ist doch ein so kategorisch absprechendes Urteil 
kaum gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass dieselbe Schutz¬ 
truppe mit der ihr eigentümlichen kriegerischen Ausbildung schon 
zahlreiche und namhafte Erfolge aufzuweisen und dass sie unter 
der Führung von Wissmann in demselben Terraiu mehrere 
Monate früher einen glänzenden Sieg über Sinna von Kiboscho 
errungen hat. Peters stützt seine Polemik auf den Satz: »Wir 
befinden uns in Afrika auf dem gegebenen Boden der Nahwaffe«. 
Das ist als allgemeiner Ausspruch gewiss unrichtig; denn woher 
käme dann die Ueberlegenheit der Feuerwaffen gegen die Speere 
und Assegais der Eingeborenen? 

Und haben nicht die Berichte von den Kämpfen während 
des Araberaufstandes und namentlich Gravenreuths Schilde¬ 
rung von der Niederlage der Wahehe den Beweis geliefert, dass 
es auch in Afrika rangierte Schlachten gibt? Richtig erscheint, 
dass es dort viel häufiger zum entscheidenden Nahkampf kommt, als 
in Europa. Dr. Peters irrt jedoch, wenn er andeutet, die deutsche 
militärische Ausbildung verhindere den Einzelnen, im Nahkampf 
sich zu bewähren. Hätte er ein einziges Waldgefecht im deutsch¬ 
französischen Krieg — also in einem der Grassteppe vergleich- 


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432 


Literatur. 


baren, unübersichtlichen Terrain — erlebt, so wüsste er, dass 
man im deutschen Heere darauf vorbereitet ist, in solch be¬ 
stimmten Fällen die Führung im ganzen aufgeben zu müssen, 
und dass dann jeder einzelne Soldat seinen Mann zu stellen hat. 
Ich weiss es nicht, aber es erscheint mir undenkbar, dass der 
kriegserfahrene Wissmann nicht auch diesen Teil deutscher 
Ausbildung in das ostafrikanische Reglement hinübergenom¬ 
men hat. 

Sollte aber Peters mit seiner Schrift bezweckt und er¬ 
reicht haben, dass auf den Hinterlader des Sudanesen das Bajo¬ 
nett jetzt gepflanzt wird, so müsste man dieses Resultat als eine 
willkommene Errungenschaft begrüssen. 

Wenn ich auch nicht der Meinung bin, dass der Offizier 
der Schutztruppe die »Gefechtsweise und Expeditionsführung« 
Peters als maassgebenden Leitfaden benutzen wird — denn wie 
schneckenartig langsam käme er bei der empfohlenen übertriebenen 
Vorsicht in Marschsicherungsdienst vom Fleck! — so bjn ich 
doch andererseits überzeugt, dass er zwischen vielem, das längst 
bekannt, manches finden wird, das er bei Gelegenheit zum Nutzen 
seiner Truppe verwenden kann. 

München. Brix Förster. 

Die Schiffsstation der k. und k. Kriegsmarine in 
Ostasien. Reisen S. M. Schiffe »Nautilus« und »Aurora«. 
1884—1888. Verfasst auf Befehl des k. und k. Reichs-Kriegs¬ 
ministeriums etc. von Jerolim Freiherr von Benko, k. und 
k. Fregattenkapitän d. R. Mit drei Kartenskizzen. Wien. 
Druck und Verlag von C. Gerolds Sohn. 1892. gr. 8°. IV. 
990 S. 

Dass die offiziellen Rapporte österreichischer Kriegsschiffe 
auch für die Geographie als Wissenschaft beachtenswert sind, 
ist bekannt, denn es genügt, die Namen »Novara«, »Albatros« 
und »Fasana« zu nennen. In dem vorliegenden stattlichen Bande 
sind die Berichte über zwei ausgedehnte Expeditionen zusammen¬ 
gefasst; der »Nautilus« war vom 20. Oktober 1884 bis zum 
18. Januar 1887, die »Aurora« war vom I. August 1886 bis 
zum 28. April 1888 unterwegs. Es werden (S. 1—206; S 207 
bis 265) die gemachten weiten Fahrten im einzelnen beschrieben, 
wobei natürlich auf das spezifisch seemännische Moment beson¬ 
deres Gewicht gelegt werden musste, dann aber schliesst sich, 
als überwiegender Bestandteil des Ganzen, ein grosser, selbstän¬ 
diger Essay an über die Reiche Siam, China und Japan mit In¬ 
begriff Koreas und der in jenen Gegenden zu findenden euro¬ 
päischen Kolonialbesitzungen. Es ist natürlich, dass diese dritte 
Abteilung weitaus am meisten das Interesse des Lesers auf sich 
ziehen muss. 

Die sehr eingehenden Mitteilungen stützen sich grossen- 
teils auf die Angaben der Schiffsoffiziere, welche von den Küsten- 
plätzen aus auch Teile des Inneren kennen zu lernen Gelegen¬ 
heit hatten, aber es ist auch die vorhandene Litteratur verwertet 
worden, um von den politischen, militärischen und insbesondere 
den wirtschaftlichen Verhältnissen der ostasiatischen Länder ein 
möglichst treues und übersichtliches Bild zu entwerfen. Kapitän 
Spetzler hat sich z. B. über Siam und über die Aussichten, 
welche es dem europäischen Handel darbietet, offenbar sehr 
gründlich zu informieren versucht, und gewiss verdienen die von 
ihm gegebenen Ratschläge die Aufmerksamkeit der beteiligten 
Kreise. Wir heben namentlich hervor, was über die siamesi¬ 
schen Tributärstaaten Salangah und Quedah (Kidah) und deren 
Naturerzeugnisse beigebracht wird. Die Art und der Umfang 
des chinesischen Aussenhandels wird ausführlich und unter Bei¬ 
gabe eines sehr reichen statistischen Materiales geschildert, so 
dass der Leser in den Stand gesetzt wird, sich über die Be¬ 
deutung der einzelnen Vertragshäfen ein zuverlässiges Urteil zu 
bilden. Vielen neu dürften die Ergebnisse jener nationalökono¬ 
mischen Preisfragen sein, welche das Polytechnische Institut zu 
Shanghai seit einigen Jahren stellt; man erfährt, wie sich in den 
Köpfen von Landesbewohnem höherer Bildung das Wesen des 
Handels «larstellt, und findet iin Reiche der Mitte richtige und 
irrige Anschauungen wieder, wie sie auch in Europa seit 200 Jahren 
für die Volkswirtschaft maassgebend gewesen sind. Es ist uns 
begreiflicherweise nicht möglich, den vielseitigen Inhalt des 
Buches an dieser Stelle den Einzelheiten nach zu würdigen; nur 


des Abschnittes über Sarawak auf Borneo möchten wir noch be¬ 
sonders gedenken, weil wir uns nicht entsinnen, diese eigenartige 
Staatenbildung anderwärts gleich umfassend besprochen gefunden 
zu haben. 

Einen Abschnitt seines Werkes, »Das Datum auf den Phi¬ 
lippinen« betitelt (S. 803--813), hat Herr v. Benko schon 
früher separat erscheinen lassen, weil er der Ansicht war, die 
historische Thatsache, welche der genannten Inselgruppe im 
Jahre 1844 zu einer rationellen Zeitzählung verhalf, sei bei 
uns in Europa ganz unbekannt geblieben. Hierin war er nun 
freilich im Irrtum; die Bücher, welche er zu Rate gezogen, 
waren teils ältere, teils solche, die auf einen eigentlich wissen¬ 
schaftlichen Inhalt keinen Anspruch erheben können, und so ent¬ 
ging ihm, wie v. Danckelman und der Unterzeichnete bereits 
früher darlegten, dass er mit dem Inhalte des Kapitels für Fach¬ 
kreise nichts neues bringen konnte. Immerhin ist die hier ge¬ 
gebene Erzählung des Herganges auch für jene gewiss nicht un¬ 
interessant, umsomehr, da der Originaltext des Erlasses abgedruckt 
wird, kraft dessen dereinst in Spanisch-Ostindien vom 30. De- 
cember 1844, mit Auslassung des Sylvestertages, zum I. Januar 
1845 übergegangen wurde. Es hat übrigens v. Danckelman 
betont, dass trotz dieses Fortfalles der sog. »geschichtlichen 
Datumsgrenze« die Datierung in einzelnen Teilen Polynesiens 
noch immer keine so einheitliche ist, wie man erwarten sollte. 

Die Canarischen Inseln, insbesondere Lanzarote 
und die Isletas. Vortrag, gehalten den 10. Februar 1892 
von Prof. Dr. Oskar Simony. Mit 10 Tafeln. Wien, 1892. 
Selbstverlag des Vereines zur Verbreitung naturwissenschaft¬ 
licher Kenntnisse, kl. 8°. 74 S. 

Der unmittelbare Zweck, welcher den als Mathematiker 
wohlbekannten Österreichischen Gelehrten nach den Canarischen 
Inseln führte, war ein astrophysikalischer; auf dem Pik de Teyde 
wurden spektralanalytische Beobachtungen angestellt, über die 
wir uns hier nicht verbreiten wollen, weil Aussicht besteht, dass 
das »Ausland« auf diese — auch für die Physik der Erde sehr 
wichtigen — Studien später wird zurückkommen können. In 
dem Autor, dem Sohne des Geographen F. Simony, war aber 
auch der geographische Geist mächtig genug, um ihn neben 
seinem eigentlichen Arbeitsziele auch der Natur der von ihm 
bereisten Inselgruppe seine Aufmerksamkeit zuwenden zu lassen, 
und so ist denn die in diesem Schriftchen gegebene Schilderung 
der nordöstlichsten, der afrikanischen Festlandküste nächst be¬ 
nachbarten Canarien von grossem Interesse für die Erdkunde als 
solche. 

Die Vulkane sind es, welche auch auf diesen Eilanden die 
geologische Ortsbeschaffenheit und den Landschaftscharakter be¬ 
stimmen, und wenn auch durch v. Buch, v. Fritsch und andere 
Forscher die Vulkangeographie der westafrikanischen Inselwelt in 
den Hauptpunkten ergründet ist, so kann die lebensvolle Dar¬ 
stellung des Herrn Simony darum doch nicht minder wertvolle 
Ergänzungen darbieten, so über die sonderbare Gekröselava, über 
die »Hornitos« , über die als »Calderas« bekannten Ilohlräume, 
welche hier wie auf den Azoren (dort portugiesisch als »Cal- 
deiras« bezeichnet und von Hartung näher untersucht) eine 
grosse Rolle spielen. Aber auch die Pflanzen- und Tierwelt hat 
einen hingebenden Beschreiber in dem Verfasser gefunden, wie 
denn die von ihm nach Wien zurückgebrachte zoologische Aus¬ 
beute den Fachmännern des Naturhistorischen Hofmuseums zu 
mehreren Monographien Veranlassung gegeben hat (s. Ausland, 
1892, Nr. 7). 

Ausser zwei Kärtchen sind der kleinen Schrift mehrere 
von Herrn Simony selbst ausgeführte Photogramme beigegeben, 
welche in das Wesen gewisser vulkanischer Gebilde einen über¬ 
raschend guten Einblick verstauen. Ein Bild, wie dasjenige des 
als »Hornito quemado« bekannten Lavaschlotes (Tafel III) wird 
durch die treueste Sachbeschreibung, was Einsicht in die Natur 
der eruptiven Vorgänge anlangt, niemals erreicht werden. 

S. Günther. 

Verlag der J. G. Cotta’sehen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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DAS AUSLAND 

Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde 

herausgegeben von 

SIEGMUND GÜNTHER. 

Jahrgang 65, Nr. 28. Stuttgart, 9. Juli 1892. 

Jährlich 5a Nummern ä 16 Seiten in Quart. Preis pro Manuskripte und Rezensionsexemplare von Werken der 

Quartal M. 7.— Zu beziehen durch die Buchhandlungen des einschlägigen Litteratur sind direkt an Professor Dr.SIEGMUND 

ln- und Auslandes und die Postämter. GÜNTHER in München, Akademiestrasse 5, zu senden. 

Preis des Inserats auf dem Umschlag so Pf. für die gespaltene Zeile in Petit. 


Inhalt: I. Neue hydrographische Karten von Süddeutschland. Von Adolf E. Förster (Wien). S. 433. — 2. Wald-, 
Heide- und Moorllächen der Niederlande. Von W. Götz (München). S. 436. — 3. Der Kosiyut-Bund der Bella-Coola-Indianer. 
Von J. A. Jacobsen (Berlin). S. 437. — 4. Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. Von C. Ballod (Jena). (Fortsetzung.) 
S. 441. — 5. Geographische Mitteilungen. (Pechuel-Loesches Studien zur Morphologie der Wüstenlandschaft; Erdumdrehung und 
Körperbeschaffenheit nochmals.) S. 446. — 6. Litteratur. (Missernte und Notstand.) S. 448. 


Neue hydrographische Karten von Süd¬ 
deutschland. 

Von Adolf E. Förster (Wien). 

Durch die 1883 ins Leben gerufene Reichs- 
komission zur Untersuchung der Stromverhältnisse 
des Rheins und seiner bedeutenderen Nebenflüsse 
und der Hochwässer des R h e i n gebietes wurde ein 
äusserst reichhaltiges Material über alle hydrogra¬ 
phischen Verhältnisse des Rheingebietes zusammen¬ 
gebracht, »wie dies bisher in solcher Vollständigkeit 
noch von keinem anderen Flussgebiet an einer Stelle 
gesammelt ist.« Hs war der Kommission nicht 
möglich, alle diese wertvollen Beiträge der einzelnen 
am Rheingebiete beteiligten Bundesstaaten des 
deutschen Reiches, der Schweiz und Oesterreichs 
zu publizieren, sie musste sich begnügen bloss die 
Hauptresultate daraus zu veröffentlichen x ) und über- 
liess es den einzelnen Staaten, die von ihnen ge¬ 
lieferten Beiträge nach ihrem Belieben zu verwerten. 

Als ein solcher Beitrag kann auch die jüngst 
erschienene »Hydrographische Uebersichts- 
karte des Königreiches Württemberg« im 
Maasse 1 : 60000 vom Inspektor C. Regel mann, 
herausgegeben vom königl. württ. statistischen 
Landesamte 1891, angesehen werden. Dieselbe ist 
zwar nicht ganz neu. Bereits 1884 ist sie als Bei¬ 
lage zur Arbeit Regelmanns: Flächeninhalt der 
Flussgebiete Württembergs-) erschienen, 
doch damals ist diese Karte trotz ihrer Güte nur 
wenig bekannt geworden. Für letztere spricht wohl 
der Umstand, dass die Rheinkommission den ein- 


*) Der Rheinstrom und seine wichtigsten Nebenflüsse. 
Herausg. vom Centralbureau für Meteorologie und Hydrographie 
im Grossherzogtum Baden. Berlin 1889. 

2 ) Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landes¬ 
kunde, 1883, Supplement-Band S. 3—48. Herausg. vom kgl. 
württemb. statistischen Landesamte. Stuttgart 1884. 

Ausland 1892, Nr. aß. 


zelnen Bundesstaaten vorschrieb, der hydrographi¬ 
schen Beschreibung der zum Rheingebiet gehörigen 
Teile ihres Landes eine hydrographische Karte nach 
Muster der württembergischen beizulegen. Eine 
eingehende Besprechung der zweiten (Neu-)Bearbei¬ 
tung unter steter Berücksichtigung der ersten Aus¬ 
gabe dürfte daher gerechtfertigt erscheinen. 

Dieselbe reicht wie die ältere Karte ungefähr 
von 47 ft 15' — 49 0 51' nördl. Br. und von 18 0 15' 
— io° 38' östl. v. Gr.; ihre Grenzen sind also etwa 
durch folgende grössere Orte bezeichnet: im Süden 
Wattenwyl und Dürnten in der Schweiz, im 
Westen Landau und Neustadt a. d. Hardt in 
der Rheinpfalz und Alzey in Rheinhessen, im 
Norden Darmstadt in Hessen, im Osten Ans¬ 
bach und Dillingen in Bayern. Sie umfasst ein 
Gebiet von 52924,3 km. Bei nur oberflächlicher 
Vergleichung beider Karten macht sich bereits ein 
grosser Unterschied zu Gunsten der Neubearbeitung 
geltend. Zeigte die alte Karte das jetzt leider 
manchmal noch übliche Abbrechen kartographischer 
Darstellungen an den Landesgrenzen, indem über 
letztere hinaus nur noch einzelne spärliche Angaben 
sich finden, so ist dieses Prinzip bei der neuen mit 
Recht gänzlich verlassen worden. Dieselbe stellt 
sich dar als ein Stück der kartographisch abgebildeten 
Erdoberfläche innerhalb der oben angegebenen Gren¬ 
zen. Dabei kommt aber das eigene Land nicht zu kurz. 
In der ersten sowie in der Neuauflage sind die Fluss¬ 
gebiete, soweit sie Württemberg angehen, durch ein 
zartes und deutliches Flächenkolorit hervorgehoben. 
Dabei hat der Verfasser jedoch mit Recht nicht so 
ängstlich an der Landesgrenze Halt gemacht, wie 
dies auf den hydrographischen Karten von Baden 1 ) 

*) Hydrographische Uebersichtskarte des Grossherzogtums 
Baden. 1 : 400000. Bildet die Beilage zu Heft 4 der Beiträge 
zur Hydrographie des Grossherzogtums Baden: Die Flächen¬ 
inhalte der Flussgebiete Badens. 

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434 


Neue hydrographische Karten von Süddeutschland. 


und von Oesterreich 1 ) der Fall ist, sondern auch 
Flussgebiete, welche nur zum Teil zu Württem¬ 
berg gehören, sind mit Kolorit versehen, so das 
gesamte Neckargebiet, das Taubergebiet und 
das Gebiet der Donau bis einschliesslich Iller¬ 
gebiet einerseits, Eg au- und Brenz gebiet anderer¬ 
seits. Im ganzen sind dabei drei Farben zur An¬ 
wendung gekommen, zwei für das Rheingebiet, 
nämlich eine für das erst mittelbar dem Rhein 
tributäre Tauber gebiet, die andere für das Neckar- 
und Bodenseegebiet, die dritte für das beide letzteren 
trennende Donaugebiet. Von Wasserscheiden sind 
fünf Gattungen unterschieden von der europäischen 
Wasserscheide zwischen dem Gebiet der Nordsee 
und des Schwarzen Meeres abwärts; solche eines 
Gebietes von mehr als 400 km sind überdies durch 
ein sie begleitendes Farbenband hervorgehoben. Ins¬ 
besondere interessiert der Verlauf der europäischen 
Wasserscheide. Im Süden vom Schwärzen Grat 
im Kemptener Wald bis westlich Pfullendorf 
tritt sie in der Natur nur wenig deutlich hervor, 
indem sie meist an den Verlauf alter Moränenwälle 
sich knüpft, in der Rauhen Alb weist sie viel¬ 
fach Zacken und Vorsprünge nach Nordwesten auf, 
indem sie ziemlich genau am oberen Rand des nörd¬ 
lichen Abfalles derselben entlang läuft und so dessen 
Verlauf zeigt. Der grösste Teil der Rauhen Alb 
wird mithin von Regelmann zum Donaugebiet 
gerechnet. 

Kommt gerade hierbei dem Verfasser die natür¬ 
liche Anschauung, welche er bei seinen trigono¬ 
metrischen Höhenbestimmungen von den meisten 
Teilen Württembergs gewonnen hat, zu gute, so 
gibt es doch auch Gebiete, wo selbst dies, ja vielfach 
auch eingehende geologische Untersuchungen keine 
Anhaltspunkte für das Verzeichnen der Wasserschei¬ 
den gewähren. Solche Gebiete wären entweder aus¬ 
zuscheiden oder nach der Ergiebigkeit der aus ihnen 
kommenden Quellen zwischen denselben aufzuteilen. 
In anderen Ländern mit stark permeablen Gebieten 
wird sich dieselbe Unsicherheit in der Kenntnis der 
Wasserscheiden ergeben. — Zahlreich aufgenommene 
und auf N. N. und an Gewässern auf das Mittel¬ 
wasser reduzierte Höhenangaben, sowie auch die 
eingeschriebenen Namen markanter Bodenerhebun¬ 
gen geben Anhaltspunkte für den mit den oro- 
graphischen Verhältnissen des Landes minder Ver¬ 
trauten, da die Karte keine Terraindarstellung ent- 

*) Hydrographische Uebersichtskarte von Oesterreich. 
I : 500000. 6 Bl. Zum Amtsgebrauch im k. k. Ackerbau¬ 

ministerium angefertigt. 1888. (Dieselbe bricht nicht nur mit 
dem Flächenkolorit, sondern sogar mit jeglicher kartographischer 
Darstellung genau an der Grenze ab, so dass ein ganz willkür¬ 
liches und unnatürliches Bild der ja nur äusserst selten von 
der politischen Grenze umrahmten Flussgebiete entsteht; ein 
wenig nachahmenswertes Beispiel für die Herstellung solcher 
Karten.) 

Als Text dazu: Wilhelm Becker, Die Gewässer in 
Oesterreich. Wien 1890. Herausg. vom k. k. Ackerbaumini¬ 
sterium. Enthält die Flächeninhalte der einzelnen Flussgebiete. 


hält. Auch hierin liegt ein Vorzug der neuen Karte 
gegenüber der alten, die nur wenige Höhenzahlen, 
Bergnamen aber gar nicht aufgenommen hat. Wenn 
aber die neue Bearbeitung eine Menge von Orts¬ 
namen bringt und die Orte selbst nach ihrer Grösse 
durch die Schrift und die Ortszeichen unterscheidet, 
so ist dies bei einer hydrographischen Uebersichts¬ 
karte wohl zu weit gegangen. Die erste Ausgabe 
beschränkt sich hierin ausser wenigen anderen Orten 
lediglich nur auf hydrographisch wichtige Orte. 
Sonst haben noch in beiden Bearbeitungen Auf¬ 
nahme gefunden die hauptsächlich dem Jura eigen¬ 
tümlichen Erscheinungen der Quelltöpfe, von welchen 
der Blautopf in Blaubeuren und die Quelle 
der (Radolfszeller) Aach die bekanntesten sind 
(ferner die hauptsächlich im Jura und in der Muschel¬ 
kalkplatte auftretenden Trockenthäler, die kleineren 
in der Moränenlandschaft Oberschwabens exi¬ 
stierenden wurden wohl nicht berücksichtigt), so¬ 
wie die meteorologischen und die Pegelstationen 
im Gebiet der Karte. In der neuen Karte sind die 
meteorologischen Stationen in solche und in Regen¬ 
stationen unterschieden. Sie weist gerade in Würt¬ 
temberg gegenüber der alten einen grossen Zu¬ 
wachs von meteorologischen Stationen auf, da im 
Jahre 1887 in richtiger Erkenntnis der Wichtigkeit 
von Regenstationen für die Bestimmung der Wasser¬ 
führung der Flüsse das Netz der Württemberg i- 
sehen meteorologischen Beobachtungsstationen um 
45 Regenstationen vermehrt wurde. Das sehr reiche 
Flussgeäder ist, wie auch die Benennung* der Flüsse, 
in der ersten Bearbeitung schwarz, in der Neuauflage 
blau, in letzterer überaus systematisch seiner Gat¬ 
tung nach durch verschiedene Breite unterschieden. 
Die einzelnen Flussgebiete sind durch beigesetzte 
Ziffern und Zahlen markiert, die mit den entsprechen¬ 
den Angaben der Schrift »Flächeninhalt der Fluss¬ 
gebiete Württembergs« korrespondieren. Die 
Hauptresultate dieser Arbeiten sind bei der neuen 
Karte am Rande angegeben. Während diese Ver¬ 
weise in der Karte bei der ersten Auflage mit feiner 
schwarzer Schrift aufgedruckt sind, erscheinen sie 
in der neuen stärker und in roter Farbe. Dadurch, 
sowie durch das Blau des Flussgeäders und der 
Flussnamen, dann auch durch die verschiedene Grösse 
der Ortsnamen und Ortszeichen wirkt aber die neue 
Karte weniger ruhig auf den Beschauer als die alte. 
Auch die Arbeiten der Vollzugskommission für Her¬ 
stellung einer Bodenseekarte 1 ) sind für die Neu¬ 
bearbeitung verwendet worden, indem sie für den 
Bodensee Isobathen mit Abständen von 50 zu 50 m 
bringt. Im ganzen genommen ist diese Neubear¬ 
beitung eine sehr tüchtige Leistung des auch sonst 
um die Landeskunde von Württemberg sehr ver¬ 
dienten Inspektors C. Regelmann in einer auch 

x ) Näheres über dieselben in Graf E. Zeppelins Vortrag: 
lieber die Erforschung des Bodensees. Verh. des IX. Deutschen 
Geographentages. S. 198—208. Berlin 1891. D. Reimer. 


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Neue hydrographische Karten von Süddeutschland. 


435 


technisch auf der Höhe der Zeit stehenden Aus¬ 
führung; und Geo- und Hydrographen müssen dem 
Württ. statistischen Landesamte für die 
Herausgabe dieser Karte dankbar sein. Sie ist samt 
ihrer Vorgängerin, sowie den entsprechenden Publi¬ 
kationen des »Hydrographischen Bureaus der 
Abteilung für Strassen- und Wasserbau im 
königl. württemb. Ministerium des Innern 
auch ein Zeugnis für die zunehmende Beachtung, 
welche sich die Hydrographie im letzten Jahrzehnt 
auch in Württemberg zu erfreuen hatte. 

Es liegt nahe, die eben besprochene Karte mit 
den im Laufe des letzten Jahrzehntes erschienenen 
hydrographischen Karten von dem rechtsrheinischen 
Bayern und Baden zu vergleichen, um aus ihrer 
Verschiedenartigkeit Anhaltspunkte zu bekommen 
für das, was in eine hydrographische Uebersichtskarte 
aufzunehmen ist *). 

Die hydrographischeUebersichtskarte des 
Grossherzogtums Baden 2 ), 1885 vom Central¬ 
bureau für Meteorologie und Hydrographie 
in Karlsruhe herausgegeben, enthält trotz des um 
die Hälfte grösseren Maasstabes (1 : 400000) kein 
reicheres Wassergeäder als die württembergisehe, 
ermöglicht aber dadurch noch die Aufnahme der 
zahlreichen für die Moränenlandschaft Oberschwa¬ 
bens charakteristischen Weiher und kleinen Seen. 
Ausser den gewöhnlichen hydrographischen Details 
enthält sie noch Terraindarstellung in Schummerung 
und Höhenkurven von 200 zu 200 m Abstand. 

Von dem rechtsrheinischen Bayern besitzen 
wir dank der Thätigkeit der kgl. bayer. obersten 
Baubehörde mehrere hydrographische Uebersichts- 
karten, indem die 1881 erschienene hydrogra¬ 
phische Karte (Maasstab 1 : 750000) speciellen 
Darstellungen wie einer ombrometrisch-hydro- 
graphischen und einer orographisch-hydro- 
graphischen Karte zur Grundlage diente; erstere 
1885, letztere 1888 erschienen 3 ). Diese drei Karten 
brechen mit der Darstellung an den Grenzen der 
ganz oder nur teilweise zu Bayern gehörigen 
Flussgebiete ab. Sie enthalten also das gesamte Main¬ 
gebiet und das Donaugebiet bis unterhalb Passau 
samt dem ganzen Inngebiet, schliessen aber anderer¬ 
seits das Gebiet der bayerischen Bodenseezu¬ 
flüsse, der Eger und der Saale aus. Bei dem 

*) Die Uebersichtskarte der Niederschlagsgebiete des Rheins 
und seiner Nebenflüsse in Eisass-Lothringen im Maasse von 
1 : 500000 (Tafel 2 im Atlas zum i. Heft der technisch-statisti¬ 
schen Mitteilungen über die Stromverhältnisse des Rheins längs 
des elsass-lothringischen Gebietes, aufgestellt im Ministerium für 
Eisass-Lothringen, Abteilung für Gewerbe, Landwirtschaft und 
öffentliche Arbeiten, Strassburg 1885) ist bloss eine flüchtige 
Skizze und wurde deshalb nicht zum Vergleich herbeigezogen. 
Von der Rheinpfalz und vom Grossherzogtum Hessen, sowie 
von den norddeutschen Staaten sind mir keine derartigen hydro¬ 
graphischen Uebersichtskarten in einem grösseren Maasstabe 
bekannt. 

2 ) Siehe Anmerkung 1 auf Seite 433. 

3 ) Alle drei Karten von der kgl. bayer. obersten Bau¬ 
behörde herausgegeben. 


etwas kleinen Maasstab war manche Zurückhaltung 
bei Aufnahme hydrographischen Details in die Karte 
notwendig. Von Wasserscheiden werden vier Gat¬ 
tungen unterschieden. Höhenzahlen und Bergnamen 
enthält die hydrographische Karte nicht. Diese Karte 
hat wie oben erwähnt auch als Grundlage für eine 
oro-hydrographische Karte gedient. Letztere bringt 
ausser den Angaben der hydrographischen Karte 
noch Höhenschichten, hört aber mit denselben eben¬ 
falls an den Grenzen der Flussgebiete auf. Das 
orographische Element überwiegt auf ihr vor dem 
hydrographischen; die Verfolgung der Neben Wasser¬ 
scheiden wird insbesondere im Hochgebirg äusserst 
schwierig. Und doch muss sie als wertvolle Ver¬ 
vollständigung der hydrographischen Karte freudigst 
begrüsst werden. Die badische hydrographische 
Karte erzielt trotz des Flächenkolorits der zwei Haupt¬ 
flussgebiete (freilich nur im eigenen Lande) nicht 
die beabsichtigte hydrographische und orographische 
Uebersicht. Wohl tritt das östliche Randgebirge 
der oberrheinischen Tiefebene und der nördliche 
Abfall des schwäbischen Jura deutlich hervor; 
der südliche dagegen ist weniger deutlich, die Terrain¬ 
verhältnisse in Oberschwaben aber sind ganz aus¬ 
druckslos dargestellt. Die Höhenkurven von 200 
zu 200 m genügen höchstens im Schwarzwald, 
um ein Bild der Abflussrichtungen zu geben. Die¬ 
selben sind, wie auch die reichliche Beschreibung 
der Karte mit speciellen Lokalnamen der »Jordan- 
schen Höhenübersichtskarte von Baden, 
Württemberg und Hohenzollern« 1 ) entnommen. 
Auch in der badischen Karte erschwert die Terrain¬ 
darstellung die Verfolgung der Neben Wasserscheiden 
sehr. Fassen wir die eben besprochenen hydro¬ 
graphischen Karten von Baden, Bayern, (speciell 
die orographisch-hy drographische Ausgabe) und W ü r t- 
temberg als Muster solcher Darstellungen auf, so 
kann man wohl aussprechen, dass die württ em- 
bergische Karte am meisten dem Wesen einer 
hydrographischen Uebersichtskarte entspricht, nur 
manchmal zu viel bringt. Terraindarstellung sollte 
aus hydrographischen Uebersichtskarten überhaupt 
fortgelassen werden; zahlreiche Höhenzahlen, sowie 
mässig eingeschriebene Berg- und eventuell auch Ge- 
birgsnamen müssen genügen, die orographischen 
Verhältnisse des Landes zu vergegenwärtigen. 

Dabei empfiehlt sich der Vorgang der königl. 
bayer. obersten Baubehörde sehr zur Nach¬ 
ahmung, die hydrographische Karte durch Ausgabe 
einer orographischen in gleichem Maasstabe und mit 
Hervorhebung der einzelnen Flussgebiete zu ver¬ 
vollständigen. In letzteren sollten nur Höhenkurven 
beziehungsweise Höhenschichten zur Vorstellung der 
Terrain- und damit auch der Abflussverhältnisse ver¬ 
wendet und die Individualität des darzustellenden 

J ) 1878 in 2. Auflage erschienen. Karlsruhe, G. Braun. 
Trotz des ziemlich grossen Maasstabes (i : 400000) trägt auch 
diese Uebersichtskarte der Individualität der darin dargestellten 
Gegenden nicht allenthalben Rechnung. 


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436 


Wald-, Heide- und Moorflächen der Niederlande. 


Landes möglichst berücksichtigt werden, wie dies 
z. B. in Leuzingers Reliefkarte von Mittel¬ 
und Südbayern 1 ) so trefflich durchgeführt ist. 
Ein frommer Wunsch, zur Zeit noch, in Baden 
aber seit kurzer Zeit zur Verwirklichung gebracht, 
wäre die Beigabe einer Waldkarte im gleichen Maass¬ 
stabe der hydrographischen Karte mit Angabe der ein¬ 
zelnen Flussgebiete und Unterscheidung der Bestands¬ 
arten. Hat man auch lange den Einfluss des Waldes 
auf Klima und Wasserwirtschaft über- und wohl auch 
unterschätzt und erst jetzt denselben durch zwar um¬ 
ständliche aber genaue Messungen festzustellen ver¬ 
sucht 2 ), so ist derselbe doch gerade in Bezug auf 
die Wasserwirtschaft äusserst wichtig, und Waldkarten 
sind daher ein notwendiges Hilfsmittel beim Studium 
der hydrographischen Verhältnisse eines Landes. 

Als freilich in weiter Ferne stehendes Ideal 
möchte uns dann die Vereinigung dieser Karten mit 
einer solchen der mittleren jährlichen Niederschlags¬ 
mengen , ähnlich der bayerischen ombrometrisch- 
hydrographischen Karte, und einer geologischen, auf 
der die einzelnen Schichten nach ihrer grösseren 
oder geringeren Permeabilität besonders zu kenn¬ 
zeichnen wären, unter steter Berücksichtigung der 
hydrographischen Verhältnisse zu einem hydrographi¬ 
schen Atlas vorschweben, wie es auch bei den Ueber- 
sichtskarten zum Rheinstromwerk ist 3 ), freilich nur 
in einem kleinen Maasstabe (1:2000000) zur 
Durchführung gelangte. 

Bei Zunahme der Kenntnis der Abflussmengen 
eines Gebietes sollten, wie dies in der »Carta idro- 
graphica dell Italia« geschieht 1 ), auch diese Auf¬ 
nahme in die hydrographischen Uebersichtskarten fin¬ 
den, vielleicht durch Verwendung verschieden grosser 
Zeichen bei den Pegelstationen, ähnlich den die Ein¬ 
wohnerzahl bezeichnenden Ortszeichen, eventuell auch 
durch Beisetzung kleiner Zahlen. In analoger Weise 
könnte dann auch in der geologischen Karte das 
Verhältnis von Niederschlag zum abfliessendcn Wasser 
angedeutet werden. Doch das sind noch für sehr 
lange fromme Wünsche. 

Bei gleichzeitigem Gebrauch der drei bespro¬ 
chenen Karten ist ihr verschiedener Maasstab sehr 
hinderlich. Dieselben sind jedoch als Bausteine für 
ein erstrebenswertes Endziel: für die Herstellung 
hydrographischer Karten, beziehungsweise At¬ 
lanten natürlicher, durch keine politischen Gren¬ 
zen willkürlich begrenzter Stromgebiete, von 
grösstem Wert. Einstweilen müssen wir mit jedem, 
wenn auch nur kleinem Erfolg zufrieden sein und 
mit Freuden begrüssen, dass als Beilage zu dem im 

*) Augsburg von Lampart. Maasstab I : 500000. Speciell 
die physikal.-geogr. Ausgabe. 

*) Darüber vergl. Penck, Forstliche Meteorologie in 
Oesterreich. Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik, 
XIII. Jahrg., 7. Heft. 

3 ) Siehe Anmerkung 1 auf Seite 433. 

4 ) Nach einem Referate Vogels über diese Karte im 
Litteraturverzeichnis zu Petermanns Mitteilungen 1889, S. 169, 
Nr. 2626. 


käis. statistischen Amte zu Berlin bearbeiteten 
Werke: »Die Stromgebiete des deutschen 
Reiches, hydrographisch und orographisch be¬ 
schrieben« 1 ), eine hydrographische Karte des 
deutschen Reiches erscheinen wird. Möge die¬ 
selbe die Erfahrungen, die sich aus den drei vor¬ 
liegenden Karten ergeben, sich zu nutze machen und 
ein rühmliches Zeugnis echter deutscher Arbeit werden! 


Wald-, Heide- und Moorflächen der Nieder¬ 
lande. 

Von W. Gütz (München). 

Das klassische Land der »Moorkultur« in Mittel¬ 
europa ist das Gebiet um die Südersee. Denn hier 
kam es bereits im Mittelalter (vielleicht noch früher) 
auf, durch Abbrennen der obersten Torfschicht eine 
chemische Umsetzung der Bodendecke zu bewirken, 
welche dann einige Jahre Saat und Ernte gestattet. 
Sodann aber hat man ebendort schon gegen Ende 
des vorigen Jahrhunderts damit begonnen, durch 
wasserstandregulierende, schiffbare Kanäle und durch 
Bodenmischungen die Humusmasse der Moore, hier 
»Venn« genannt, anbaufähig zu gestalten. Ebenso 
kam man in den Niederlanden allein zu dem Fort¬ 
schritte, in die kolonisierten Striche des Moorgebietes 
auch die Industrie zu verpflanzen. Denn man er¬ 
kannte rechtzeitig genug, man dürfe es nicht durch 
eine zu geringe Zuweisung von Ackerflächen an die 
Kolonistendörfer verschulden, dass Armut und Unzu¬ 
friedenheit in den Neuschöpfungen einkehre, sondern 
man verhüte durch die Mehrseitigkeit des Erwerbes, 
d. h. das Hinzukommen industrieller Anlagen, die 
Nachteile unzureichender Bodenerträgnissc inmitten 
der Heide- und Moorflächen. 

Eine grosse Unternehmergesellschaft wurde auf 
Anregung des Staates ins Dasein gerufen, die »Neder- 
landsche Heide-Maatschappij«, welche in systemati¬ 
scher Weise und im grossen Stile Aufforstung und 
Kolonisation der Oedgründe, insbesondere auch der 
Vennmoore (allerdings ein Pleonasmus, aber zur 
Verdeutlichung üblich geworden), in die Hand ge¬ 
nommen. Für ihren Zweck zeigte sich aber als ein 
vorderstes Bedürfnis die Klarstellung der Bodenfläche, 
welche für sie in Betracht kommen kann, zugleich 
auch eine genauere Kenntnis der Verteilung der 
Waldflächen im Lande, da bei der bestehenden Wald¬ 
armut gerade die Ersetzung dieses Mangels für die 
einzelnen Distrikte je nach deren Waldverhältnissen 
ins Auge zu fassen wäre. Da aber eine statistische 
Erhebung von seiten der Staatsbehörde nicht in 
wünschenswert kurzer Zeit zu erwarten war, so Hess 
sich aus Liebe zur Sache ein Beamter der genannten 
Heide-Maatschappij dazu herbei, eine Uebersicht der 
Waldungen und Oedgründe der Niederlande mittels 
einer sorgfältigen statistischen Arbeit und zweier statt- 


*) Statistik des Deutschen Reiches, Neue Folge, Bd. 39. 


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Der Kosiyut-Bund der Bella-Coola-Indianer. 


437 


licher anschaulicher Karten herzustellen 1 ). Dr. H- 
Blink nämlich führt nach Provinzen und in diesen 
nach Katastralgemeinden sowohl die Ausdehnung des 
bewaldeten Grundes (mit Unterscheidung der Fichten¬ 
bestände) als in einer gemeinsamen Kolumne die 
Grösse des Heide-, Venn- und Dünensandgebietes 
vor. Es werden wohl verschiedene Hindernisse ge¬ 
wesen sein, welche eine Ausscheidung dieser für An¬ 
bauarbeit beträchtlich unterschiedenen Bodenflächen 
unthunlich machten. Allerdings müssen wir hier her¬ 
vorheben , dass das Brennverfahren, besonders bei 
der zumeist kalkreicheren Beschaffenheit der dortigen 
Vennmoore, gewöhnlich eine ausgedehnte Heidebe¬ 
deckung der betreffenden Flächen zur Folge hat, 
wenn deren Anbaujahrgänge vorüber sind. Infolge¬ 
dessen lässt sich für eine längere Reihe von Jahren 
Venn- und Heidegebiet statistisch oder kartographisch 
nicht verlässig trennen. 

Die beiden beigegebenen Karten veranschaulichen 
sehr übersichtlich. Die eine legt uns die Bewaldung 
in acht verschiedenfarbigen Angaben je nach dem 
Prozentanteil an der Gesamtfläche der Gemeinden 
vor. Die bewaldetsten Striche hat das Gebiet 
zwischen Ijssel und Vecht, sowie das nördliche Lim¬ 
burg, vorwiegend zwischen 15 und 35 Prozent des 
Gesamtareales. Ohne Wald und nur mit 1—5 Pro¬ 
zent behilft sich etwa die Hälfte des Landes nörd¬ 
lich einer Linie von Nijmwegen nach der belgischen 
Scheldemündung. Die Karte der dreierlei Oedgründe 
ist durch den Umstand einfacher für das Auge, weil 
sich nur der Osten nördlich des Rheines, sodann 
das Gebiet westlich der Ijssel bis nahe zur Vecht, 
endlich zwischen Roermündung, Maas-Waal und 
Biesbosch als beträchtlich mit genannten Oberflächen¬ 
arten bedeckt erweist. 

Wir in Deutschland würden freilich hinsichtlich 
der neuerdings so lebhaft behandelten Moorkultur¬ 
frage sehr dankbar und erfreut sein müssen, wenn 
uns über eines und das andere unserer grösseren 
Moorgebiete ähnlich sorgfältige und gefällige Ar¬ 
beiten Klarheit schaffen würden. Wir haben aber 
wenigstens neuerdings die Möglichkeit, für eines 
der grössten Moorgebiete Mitteleuropas, nämlich für 
Südbayern, auf Grund der im Gange befindlichen 
eingehenden Erhebungen der Staatsregierung das 
wünschenswerte Material zu der fraglichen Seite der 
Landeskunde zu gewinnen. 


Der Kosiyut-Bund der Bella-Coola-Indianer. 

Von J. A. Jacobsen (Berlin). 

In einem Artikel der Nr. 47, Jahrgang 1891, 
des »Ausland«: »Reiseberichte aus unbekannten Teilen 
Britisch-Columbiens, von Philipp Jacobsen«, ge¬ 
schieht mehrfach des Gottes Kosiyut Erwähnung, 


*) Dr. H. Blink, Overziclit van de Uitgestrektheid der 
Bosschen en der Woeste Gronden in Nederland. Amsterdam, 
H. Gerlings, 1891. 28 S. 

Ausland 189a, Nr. 28. 


und daher dürfte es von Interesse sein, etwas Näheres 
über den Gott und den nach ihm benannten Geheim¬ 
bund zu erfahren. 

Wennschon die Küstenbewohner Nord west - 
amerikas insgesamt sich durch starres Festhalten 
am Althergebrachten auszeichnen, so tritt diese kon¬ 
servative Richtung doch ganz besonders bei den Be¬ 
wohnern der Küstenstrecke von der Juan de Fuca- 
Strasse bis zum St. Eliasberg hervor; denn hier werden 
die von den Vorvätern überkommenen mysteriösen 
Gebräuche so heilig gehalten, dass man diese Stämme 
als besonders religiös bezeichnen könnte, wenn 
dieses Wort bei ihrem verworrenen Glauben, der 
keineswegs als positive Religion angesehen werden 
kann, nicht zu viel bedeutete. 

Sind nun auch die Gebräuche durch das Her¬ 
kommen genau begrenzt und in ihren Formen fest¬ 
stehend, so sind dem gegenüber die Begriffe von 
der Gottheit, namentlich was den Gott Kosiyut 
angeht, der in den Erzählungen, wie auch im Leben 
der Indianer eine grosse Rolle spielt, so aus einander 
gehend, dass man wohl oder übel glauben muss, 
dass sie selbst keine bestimmte, abgeschlossene Vor¬ 
stellung von dem Wesen und Walten des Gottes 
haben. Zwar nicht erschöpfend, scheint es doch 
am meisten zutreffend, wenn er als der Inbegriff 
des Unbegreiflichen, Heiligen, Kunstvollen bezeichnet 
wird; denn dies alles heisst bei den Indianern Kosi¬ 
yut, ganz ähnlich wie bei den Polynesiern und 
Melanesiern das Wort Tabu oder Pomali. 

Alle ihre Götter haben die Gestalt von Unge¬ 
heuern, halb Tier, halb Mensch, sind aber darauf 
nicht beschränkt, sondern können, je nach Wollen 
und Umständen, auch jede andere Form annehmen, 
erscheinen jedoch mit Vorliebe in einer gewissen 
Lieblingsgestalt, die sie den Menschen kenntlich 
macht. Ihrem Aufenthalte nach werden unterschieden: 
Götter der Unterwelt, die meist als Meeresbewohner 
gedacht sind, Wald- und Berggeister und Götter der 
Oberwelt und der Wolken, welche den Himmel be¬ 
wohnen und von den meisten Stämmen als die mäch¬ 
tigsten betrachtet werden. 

Einer der letzteren ist, nach dem verbreitetsten 
Glauben, der Gott Kosiyut, der den Mond (En- 
kla-loi-killa) zu seinem Aufenthalte erkoren hat und 
daher mit diesem identificiert wird. Ausserdem hat 
aber der Gott, ganz der Lebensweise der Indianer 
entsprechend, noch andere Wohnorte und wird bei¬ 
spielshalber auch als Gott des Waldes verehrt. 

Mit Bezug auf die erste Vorstellung vom Kosi¬ 
yut glauben die Indianer, wenn Mondfinsternis ein- 
tritt, dass der Mond zur Erde herabgekommen sei, 
um irgendwo einen Kosiyut-Tanz aufzuführen, und 
färben daher ihr Gesicht beim Kosiyut-Fest schwarz. 
Auch erregt diese Naturerscheinung ihre Furcht, die 
in der Vorstellung begründet ist, dass der Mond, 
wenn er die dunkle Hülle nach und nach entfernt, 
die Teile derselben zur Erde wirft, was den Tod 
desjenigen zur Folge hat, der davon getroffen wird. 

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438 


Der Kosiyut-Bund der Bella-Coola-Indianer. 


Bei den Kosiyut-Festen gelangen die Götter 
durch Masken zur Darstellung, die je nach der Art 
der Geister (Geister des Waldes, des Berges, der 
Unterwelt und der Oberwelt) einen anderen Gesichts¬ 
ausdruck tragen. Merkwürdigerweise sieht man dabei 
jedoch von dem Gott, nach dem das Fest benannt 
ist, wenig; eine charakteristische Vorführung des 
Kosiyut oder Mondes erfolgt nicht, nur weist das 
Schwärzen des Gesichtes, das von den Tänzern 
allerdings mit peinlicher Genauigkeit ausgeführt wird, 
darauf hin; und wenn einer der Tänzer in besonders 
kunstvoll geschnitzter Maske, mit sinnreichem, den 
Zuschauern unverständlichem Mechanismus erscheint, 
so ist es »Kosiyut«. 

Im engsten Zusammenhang mit diesen Kosiyut- 
Festen steht der anfangs erwähnte Geheimbund, 
da die aktiv dabei Beteiligten Mitglieder des Kosiyut- 
Bundes sind, der namentlich in dem vorgenannten 
Küstenstrich weit verbreitet ist. Er bildet die Vor¬ 
stufe für die übrigen Geheimbünde; denn »Kosiyut« 
muss derjenige bereits sein, der in einen anderen 
Bund aufgenommen werden will. Immerhin sind 
es jedoch nur wenige Auserwählte, meist Jünglinge 
und mannbare Mädchen (obgleich verheiratete Per¬ 
sonen nicht ausgeschlossen sind), die Aufnahme 
finden. 

Die Novizen werden von Lehrern, deren Würde 
von dem Vater auf den Sohn forterbt, und von 
denen meist nur einer, seltener zwei, in einem Dorfe 
ansässig sind, in den Mysterien und Tänzen unter¬ 
richtet und dürfen, ebenso wie die Lehrer, das Dorf 
im Laufe des ersten Jahres nicht verlassen. Ferner 
müssen sie Kopf- und Halsringe von rotgefärbtem 
Baumbast, die sie vom Lehrer erhalten, während des 
Lehrjahres unausgesetzt tragen; auch dürfen sie diese 
Ringe in der Festzeit, November und Dezember, 
nicht ablegen. Das Gesicht soll stets schwarz ge¬ 
färbt sein, so dass auch nicht ein Punkt der Ge¬ 
sichtsfarbe sichtbar wird. Diese Vorschrift wird je¬ 
doch während der Tageszeit nicht so genau genommen, 
von Eintritt der Dunkelheit ab aber streng beobachtet. 
Beinkleider zu tragen ist verboten, dagegen eine 
saubere wollene Decke, die Tracht der Väter, vor¬ 
geschrieben. Unerlässliche Bedingung ist ein ernstes 
Wesen; Lachen und Scherzen ist verpönt, ebenso 
der Verkehr mit den früheren Spielgefährten. Auch 
dürfen die Novizen während des ersten Jahres sich 
nicht auf das Wasser begeben, da sie dadurch die 
Fische von der Küste verscheuchen würden. 

Ein Preisgeben der Bundesgeheimnisse wird 
durch den alten Kosiyut oder einen Medizinmann 
mit dem Tode bestraft. 

Wie schon angedeutet, haben die Mitglieder 
des Kosiyut-Bundes den Vorzug, auch den anderen 
Geheimbünden, besonders denen der Medizinmänner 
und der »Allk« oder »Nutlo-matla« genannten Ver¬ 
bindung beitreten zu können. Von der Gottheit in¬ 
spiriert, haben sie die Fähigkeit, Uebematürliches 
auszuführen, besitzen gewissermaassen einen Teil 


der Kraft des Gottes und zeigen diese, um ihre 
Echtheit darzuthun, indem sie den Zuschauern, von 
denen nur wenige dem Bunde angehören, zuweilen 
recht bemerkenswerte Kunststücke vorführen. 

Weisse, die früher solchen heiligen Winterfesten 
beiwohnten, glaubten daher auch, es mit Medizin¬ 
männern zu thun zu haben, da diese in solchen 
Produktionen Hervorragendes leisten und sie auch 
bei der Heilung von Kranken zur Anwendung 
bringen. Hierzu gebraucht der Kosiyut seine Fähig¬ 
keiten niemals, da dies Sache der Medizinmänner 
ist, die in erster Linie ja auch Kosiyuts sind. 

Die von den jungen Kosiyuts ausgeführten 
Kunststücke wechseln mannigfach ab; denn jeder ist 
bestrebt, etwas Neues zu bringen. Neben dem, auch 
von den Medizinmännern oft beliebten Experiment, 
sich lebendig verbrennen zu lassen, werden auch 
glühende Steine oder glühendes Eisen in den blossen 
Händen getragen. Andere schlitzen sich den Bauch 
auf, lassen sich den Kopf abschneiden oder eine 
Lanze durch den Leib stossen u. a. m. 

Mein im Lande lebender Bruder hatte im ver¬ 
gangenen Winter Gelegenheit, bei einem Kosiyut- 
Feste ein Kunststück zu beobachten, das thatsächlich 
unbegreiflich erscheint. Ein junger Indianer hatte 
nackt einen Tanz aufgeführt und bat darauf die Zu¬ 
schauer, ihm eine Matte überzuwerfen, die alsbald 
so fest an seinem Rücken haften blieb, dass vier 
Männer, welche mit aller Gewalt an der Matte 
zerrten, wohl den Indianer daran hochheben, diese 
aber nicht von seinem Körper trennen konnten. 
Ebenso erfolglos waren weitere, vor dem Hause fort¬ 
gesetzte Versuche; die Matte blieb, wie mit dem Tän¬ 
zer verwachsen, an seinem Rücken haften, ohne dass 
der Zusammenhang bemerkbar gewesen wäre. 

Der weibliche Teil der Kosiyuts sucht seine 
Force hauptsächlich im Wahrsagen und leistet darin 
scheinbar Erstaunliches. 

So gab eine Kosiyut-Frau in einem Dorfe, 
wo das Kosiyut-Fest abgehalten wurde, und das 
vier Wegstunden über Wasser von einem anderen 
Dorfe, wo man gleichfalls ein Fest feierte, entfernt 
lag, alles genau detailliert an, was sich zu derselben 
Zeit bei dem Feste ereignete, und ihre Angaben 
zeigten sich als vollkommen zutreffend, als Fest¬ 
teilnehmer zum Dorfe zurückkehrten und über den 
Verlauf des Festes befragt wurden. 

In Uebungen und Unterricht geht der Sommer 
vorüber und die Zeit kommt heran, wo die Auf¬ 
genommenen den erwarteten Geist Noa-kinem 
sehen sollen. Haben sie ihn erblickt, so wird geschäftig 
hantiert: das Haus wird in stand gesetzt, d. h. man 
entfernt die Pfähle und Matten, die die Schlafstätten 
der einzelnen Familien von einander trennen, der 
Fussboden, der aus festgestampfter Erde besteht, 
wird überall geebnet, das nötige Brennholz ge¬ 
schlagen , in der Mitte des Hauses aufgeschichtet 
und bei einbrechender Dunkelheit in Brand gesetzt. 
Nun beginnt der Tanz. 


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Der Kosiyut-Bund der Bella-Coola-Indianer. 


439 


Meist setzt sich eine alte Frau ans Feuer und 
schüttet aus einem grossen, schlauchartigen, aus See¬ 
tang hergestellten Behälter von Zeit zu Zeit etwas 
Thran in die Flammen, die dadurch bis zum Dach¬ 
gebälk auf lodernd, die Tanzscene grell beleuchten. 

Die Tänze des Kosiyut gehören zu den sog. 
Unterwelttänzen, da der Kosiyut meist nur vom 
Gotte der Unterwelt, dessen Empfang das Fest ver¬ 
herrlicht, inspiriert ist. Seltener gelangen Oberwelt¬ 
tänze, jedenfalls aber erst am vierten und letzten 
Festtage zur Aufführung, wie wir weiterhin noch 
zeigen werden. 

Bei der Nachricht, dass in diesem oder jenem 
Dorfe ein Tanz begonnen hat, hört man daher auch 
die Frage von den Indianern: »Ist es ein Tanz der 
Unterwelt, oder der Wolken?« 

Während der ersten drei Tage des Kosiyut- 
Festes tanzen die Novizen mit geschwärzten Ge¬ 
sichtern und den vorerwähnten roten Kopf- und 
Halsringen. Sie sind die Hauptpersonen, welche unter 
Leitung des alten Kosiyut, ihres Lehrers, der hier 
als Ceremonienmeister funktioniert, die ersten und 
letzten Tänze aufführen, die, wie bereits gesagt, 
Tänze der Unterwelt sind und »Di-kenk-di-nachom« 
genannt werden. Bei diesen Novizentänzen dürfen 
die älteren Kosiyuts nur tanzen, wenn der Cere¬ 
monienmeister ihre Gesänge aufruft. 

Die Aufnahme in den Bund und diese Tage 
des ersten Festes bilden daher auch den Glanzpunkt 
im Leben des jungen Kosiyut; er denkt gern daran 
zurück und erzählt bis ins späte Alter mit Stolz 
davon. 

Am vierten Tage, der das Fest abschliesst, wird 
der Besuch der Geister der Unterwelt, geführt von 
Noa-kinem,ihrem Beherrscher, sowie der des Waldes 
und der Berge, bei dem mächtigsten Gott der Ober¬ 
welt, Al-kon-däm, nach anderer Version auch Mess- 
mess-saldnik genannt, dargestellt. Alle Teilnehmer 
tanzen in Masken, die neben den eigentlichen Götter¬ 
masken, je nach den Familientraditionen der Tänzer, 
charakteristisch sind. Auch bedient man sich der 
Flöten, durch deren Töne die Stimmen der Götter 
von den Tanzenden markiert werden. 

Eine Maske, die einen weiblichen Waldgeist 
(»Anu-li-kutsai«) mit lachendem Gesicht, schief 
stehenden Augen und nach oben spitz zulaufendem 
Kopf repräsentiert, eröffnet den Tanz. Dieser Geist 
redet eine fremde Sprache und hat die Macht, die 
Menschen zu allen Tänzen, besonders aber zum 
Kosiyut-Tanz, verlocken zu können. Sobald jemand 
von ihm zum Tanz inspiriert ist, hört man den Ton 
einer kleinen Flöte. 

Von hervorragenden Göttermasken ist die des 
Donnergottes Saiyul hervorzuheben; die Stimme 
desselben wird durch eine Flöte dargestellt, während 
mittelst einer grossen, mit Steinen gefüllten Kiste das 
Rollen des Donners nachgeahmt wird. Ferner Al- 
kon-dam, den sich die Indianer wie ein Europäer 
aussehend vorstellen, und dessen Maske immer halb 


geschlossene Augen zeigt. Er thront über den Wolken 
im Aufgang der Sonne, die, Sinek genannt, als 
sein Sohn verehrt wird *). Unter den nun folgenden 
Tänzen ist noch der Sinakomek bemerkenswert. 

Der Tanzende trägt einen aus den Barthaaren 
der Seelöwen hergestellten kronenartigen Kopfputz, 
von dessen Rückseite viele Hermelinfelle herabhängen 
und der in seiner oben offenen Höhlung weisse Adler¬ 
daunen birgt, die bei den Bewegungen des Tänzers 
herausgeweht, den Eindruck eines Schneegestöbers 
her Vorbringen sollen. Tänze der den Göttern dienst¬ 
baren Tiere, als: Adler, Rabe, Wolf, Bär u. a. folgen 
in den entsprechenden Masken und der lachende 
Waldgeist Anu-li-kutsai beschliesst mit einem 
letzten Tanze das Fest, das in Bella-Coola, Kims- 
kwit und Tallio genau zur selben Zeit beginnt und 
ebenso präcise in den drei Dörfern schliesst. Dies 
geschieht deshalb, weil die Indianer glauben, dass 
der Gott Noa-kinem in den drei Dörfern zu gleicher 
Zeit eintrifft und sie ebenso wieder verlässt. 

Die kleinen, unschwer herzustellenden Masken 
werden nach Schluss des Festes von den Tänzern 
mit dem Ruf: »Woh-hoi!« ins Feuer geworfen, die 
grösseren, schön geschnitzten dagegen an verborgenen 
Orten aufbewahrt. 

Mit dem Kosiyut-Feste, das nach unserer Zeit¬ 
bestimmung gewöhnlich zwischen Weihnachten und 
Neujahr fällt, haben alle heiligen Festlichkeiten und 
damit auch die der anderen Geheimbünde, die be¬ 
reits im November beginnen, bei den Bella-Coola- 
Indianern ihr Ende erreicht, und der Kosiyut, allen 
Zwanges frei, geht nun wieder seinen gewohnten 
Beschäftigungen nach. 

Den Festlichkeiten liegt folgende Mythe zu 
Grunde: 

Der Beherrscher der Unterwelt, der mächtige 
Noa-kinem, welcher weit im fernen Westen, jen¬ 
seits des Meeres, in einem Lande wohnt, in dem 
sich die Lachse während der Winterzeit aufhalten, 
wendet sich im Monat Dezember nach Osten, wo 
er den gewaltigen Gott Al-kon-dam (auch Mess- 
mess-salanik genannt), der über den Wolken im 
Aufgang der Sonne wohnt, besuchen will. Hierbei 
kommt er an die Küste von Britisch-Columbien, ist 
jedoch schon seit Wochen von den Geistersehern, 
d. h. den Kosiyuts, gesehen und auf der Reise 
beobachtet worden. 

Am vierten Tage nach seiner Abfahrt legt er 
mit seinem grossen Gefolge an einer Landspitze an, 
ruht hier vier Tage und fährt nach Osten weiter, 
um wieder an einer Landspitze zu landen l ). Schon 
an dieser Stelle wird er von einigen alten Kosiyuts 


*) Merkwürdig ist, dass die grossen Geister, die im Osten 
auf einer grossen, schönen Insel wohnen, wo in vier mächtigen 
Strömen Scharen fetter Lachse sich tummeln (das Kanaan der 
Indianer), und die gleichfalls eine weisse Hautfarbe haben, die 
Indianer als Sklaven gebrauchten. Die Namen dieser vier Geister 
lauten: Mess-mess-saldnik, Julo-timot, Metle-fik-set 
und Metla-puli-set. 


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440 


Der Kosiyut-Bund der Bella-Coola-Indianer. 


begrüsst, ebenso von Wald- und Berggeistern, die 
ihrem mächtigen Herrscher Tribut bringen, der in 
Lachs, der Lieblingsspeise des Gottes besteht und 
in seinem Kanoe niedergelegt wird. 

Nach Verlauf von weiteren vier Tagen setzt 
er seine Reise fort und betritt die dritte Landspitze, 
wo er von dem Waldgeist Deck-dokon-mem, 
dem wachsamsten Geiste im Bella-Coola-Thale, ge¬ 
sehen wird, der nun alle übrigen Geister alarmiert, 
die bis dahin in tiefem Schlafe lagen. 

Sind weitere vier Tage um, so landet Noa- 
kinem direkt beim Dorfe Bella-Coola, was natürlich 
nur von den Kosiyuts gesehen wird. Alsbald er¬ 
scheinen zwei dienende Waldgeister, von denen zu¬ 
erst Amsta-glis vortritt, um das Kanoe des Gottes 
am Lande zu befestigen. Lässt Noa-kinem dies 
zu, so sieht man darin ein schlimmes Zeichen, da 
dann im nächsten Jahre keine Lachse in den Fluss 
kommen. 

Nach dem Glauben der Indianer hängt das Vor¬ 
handensein der Lachse an diesen Küsten mit dem 
Eintreffen Noa-kinems zusammen; kommt der Gott 
nicht, so bleiben auch die Lachse fort. 

Weist dagegen der Gott die Dienstleistung des 
Amsta-glis zurück, so befestigt der andere Geist, 
Ab-sulla-kai, das Kanoe, und die Lachse treffen 
in grosser Menge in allen Flüssen ein. Ist Noa- 
kinem nun gelandet, so befiehlt er den Dorfbe¬ 
wohnern, Pfähle zur Herstellung eines Wehres an 
den Fluss zu bringen und sich in Sonnenstrahlen 
zu kleiden*). Der Kolibri kommt und erbaut Dämme 
zum Schutze der Kanoes des Gottes und seines Ge¬ 
folges. 

Von Anu-li-kutsai (das lachende Gesicht), 
der zum Tanz verlockenden Gottheit, geführt, er¬ 
scheinen die Geister des Waldes, und in Gegenwart 
Noa-kinems beginnt nun der Kosiyut-Tanz der 
Novizen. Sind die vier Festtage vorüber, so rüstet 
sich der Gott zur Fortsetzung seiner Reise zu Al- 
kon-dam, wobei alle Geister behilflich sind und 
ihren Tribut darbringen. Doch selbst der mächtige 
Noa-kinem ist nicht gegen Widerwärtigkeiten ge¬ 
feit, denn ein Geist in Gestalt einer Ratte entwendet 
einen grossen Teil der Geschenke. 

In den letzten Tagen des Dezember verlässt 
Noa-kinem mit den Geistern das Dorf und kommt, 
gefolgt von allen Tieren, vom grössten bis zum 
kleinsten, zu Al-kon-dam. Das Fest kann hier 
jedoch nicht eher beginnen, als bis Sinek, die 
Sonne, der vornehmste der Gäste, eingetroffen ist. 
Ihm räumt man am Tisch der Götter den Ehren¬ 
platz ein und setzt ihm Lachs vor, da sonst die 
Lachse im nächsten Jahre der Küste fernbleiben 
würden. Sinek ist der letzte der bei Al-kon-dam 
eintreffenden Gäste und der erste der fortgeht. 

Mit Bezug hierauf sagen die Indianer, wenn 
die Sonne Ende Dezember und Anfang Januar wenig 


Soll wahrscheinlich heissen: nackt zu gehen. 


sichtbar ist, sie sei bei Al-kon-dam. Sie hüten 
sich jedoch, darüber Unliebsames zu äussern; denn 
lose Reden werden bestraft. Eine Sage berichtet, 
dass zwei Indianer, die sich einst in tadelnden Reden 
über das lange Zögern der Sonne aufhielten, für 
diesen Frevel durch die strafende Macht der Sonne 
in Wahnsinn verfielen. Auch die Seelen der Tiere 
weilen nach ihrer Vorstellung bei Al-kon-dam, 
weshalb sie diese Zeit zur Jagd ausnutzen, weil dann 
die Tiere ohne Seele und leicht zu erlegen sein 
sollen. 

Ein anderer Sohn Al-kon-dams führt nun zu 
Ehren der Gäste einen Tanz auf; er gilt für den 
geschicktesten Tänzer unter den Göttern, und die 
jungen Kosiyuts beten zu ihm, dass er ihnen die 
Gabe des Tanzens verleihe. Im Hause Al-kon- 
dams befindet sich hinter dem Ehrenplatz der Sonne 
ein grosses Gemach, bewohnt von dem obersten 
dienenden Geiste Dam-dam-klimsta, dessen Auf¬ 
gabe es ist, die Seelen der gestorbenen Menschen in 
Empfang zu nehmen. Er bringt sie später zur Erde, 
wo sie durch das erste weibliche Glied ihrer Ver¬ 
wandtschaft in einem neuen Körper wiedergeboren 
w T erden. Der Glaube an diese Wiedergeburt der 
Seele ist ein allgemein verbreiteter, jedoch denken 
sich die Indianer diese Wiedergeburt auf hervor¬ 
ragende Medizinmänner und einige wenige berühmte 
Leute beschränkt. Einen solchen Wiedergebornen 
nennen sie Ailt-kwakem-dam-dam-klimsta, d. i. 
»der gute, durch Dam-dam-klimsta wiederge¬ 
gebene Indianer«. 

Im weiteren Verlauf des Festes tanzt die Sonne, 
und dann folgt der Sinakomek, der ein Tanz der 
Wolken ist und zum Unterschiede vom Kosiyut- 
Tanz Di-kleuck-di-nachom genannt wird. So¬ 
dann tanzen alle Tiere, ein jedes in seiner Gestalt, 
und den Beschluss macht Anu-li-kutsai,das lachende 
Gesicht. 

Beim Kosiyut-Fest geraten die Tänzer in eine 
Art Verzückung und glauben sich beim eigentlichen 
Götterfeste im Hause Al-kon-dams selbst zu be¬ 
finden. 

Wie fest der von den Vätern überkommene 
Glaube mit seinen Gebräuchen bei diesen Indianern 
wurzelt, kann man so recht an der Genauigkeit und 
dem Eifer erkennen, mit dem der Lehrer die Kosiyut- 
Kandidaten unterrichtet, die ihrerseits die eifrigsten 
Schüler und bestrebt sind, die Lehren unverkürzt 
in sich aufzunehmen. Allerdings ist die Abgeschieden¬ 
heit der Dörfer, sowie die ausserordentlich gross¬ 
artige Natur ihrer Umgebung ganz dazu angethan, 
die mysteriösen Lehren zu fördern. Es ist daher 
auch erklärlich, dass die beharrliche Missionsarbeit 
unter diesen Indianern nur so geringe Erfolge zu 
verzeichnen hat. Sowohl katholische wie auch pro¬ 
testantische Missionare haben trotz 2ojähriger Be¬ 
mühungen unter den Stämmen, z. B. bei den Quak- 
jutl, wenig ausrichten können. Der alte Glaube ist 
eben zu fest mit ihrem Leben und Treiben ver- 


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Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


44 1 


wachsen; er bleibt auch da lebendig, wo sich die 
Stämme schon lange zum Christentum bekennen. 

Im Sommer 1886 befand ich mich in einem 
Quakjutldorfe und hatte Gelegenheit, ein Beispiel 
davon zu erleben. 

Bei dem Dorfe legte nämlich eines Tages ein 
grosses Kanoe an, dessen Insassen, Männer und 
Weiber, nach Victoria wollten. Sie gehörten dem 
Stamme der Tschimpsian-Indianer an und waren 
aus einem Dorfe, dessen Bewohner sich schon seit 
20 Jahren zum Christentum bekannten. Kaum hatte 
das Kanoe den Strand berührt, so färbten sich die 
christlichen Tschimpsians ihre Gesichter rot, ganz 
nach echt indianischer Manier, und der Quakjutl- 
Häuptling begab sich mit seinem Volk an den 
Strand, um die Fremden zu begrüssen. In dem sich 
nun entspinnenden Gespräch, bei dem ich Ohren¬ 
zeuge war, äusserte eine Häuptlingsfrau der Tschim¬ 
psians: »Als wir heute das Dorf Fort Rupert passier¬ 
ten, hörten wir die alten lieben Laute der Trommeln; 
wir wurden davon so hingerissen, dass ich und 
meine Begleiter unwillkürlich zu tanzen anfingen«. 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 

Von C. Ballod (Jena). 

(Fortsetzung.) 

Lehmiger Kampboden oder ein Boden, wo 
nach dem Entwalden auch die später gewachsene 
Capoeira (Buschwald) wiederholt niedergeschlagen 
ist, dürfte kaum einen Unterschied von Laterit 
aufweisen. Wenn Wohltmann 1 ) weiter die Eisen¬ 
konkretionen der Laterite als Unterscheidungsmerk¬ 
male derselben von den Gelb- und Roterden an¬ 
führt, so gibt er (S. 159) selbst zu, Braunstein¬ 
konkretionen in Santa Catharina gefunden zu haben, 
die er aber nicht für »echte« Lateritkonkretionen 
hält und nach Posewitz 2 ) bildet Granit stets einen 
quarzhaltigen, plastischen roten Lehm ohne Eisen¬ 
konkretionen. Ueberhaupt fehlt es wohl noch an 
hinreichenden Forschungen, um zwischen Laterit und 
Roterde eine Grenze zu ziehen, der Name Laterit 
ist ja übrigens kaum 1V* Jahrzehnte alt, die Be¬ 
zeichnung Roterde viel älter. 

Im allgemeinen gilt für Urwaldboden die Regel: 
je dunkler, desto fruchtbarer, je heller, desto un¬ 
fruchtbarer, was damit zusammenhängt, dass die 
hellen gelben Lehme zumeist aus einem thonigen 
Sandstein, paläozoischen und archäischen Bildungen 
hervorgegangen sind, wobei die Bodenkrume schon 
ursprünglich arm war, oder doch durch die langen 
Zeiträume, in denen die Atmosphärilien auf sie ein¬ 
wirken konnten, verarmte. Die roten Lehme sind 
dagegen meist aus Urgesteinen und eruptiven Bil¬ 
dungen hervorgegangen, die ausserdem von Natur 
eisenreicher waren, wie denn Prof. Orville und 

1 ) Wohltmann, Tropische Agrikultur, S. 148. 

2 ) Lateritvorkommen auf Bangka, Peterm. Mitteil. 1887, 
S. 21 f. 


A. Derby die eigentliche terra roxa in Säo Paulo, das 
Kaffeeland par excellence nur aus Diorit, Diabas und 
Melaphyr entstanden sein lassen. Die Gelb- und 
Roterden der Kolonie Donna Francisca, die meist 
aus paläozoischen und archäischen Bildungen ent¬ 
standen sind, weisen nach Wohltmann (Trop. 
Agrik. S. 226) im Durchschnitt von 12 Bodenproben 
bloss einen Gehalt von 0,073 °/° CaO, 0,292 MgO, 
0,072 P2O5 (im Maximum 0,140, im Minimum 0,015) 
und 0,073 °/o K2O auf, dabei aber circa 0,25 °/o Stick¬ 
stoff, enthalten also hinreichende Mengen Stickstoff', 
leiden dagegen an einer ausgesprochenen Kalk-, Kali- 
und Phosphorsäurearmut, die Erträge der Kultur¬ 
pflanzen sind entsprechend dieser Nährstoffarmut ge¬ 
ring. Leider liegen uns keine Bodenanalysen aus 
den Alluvialgebieten der grösseren Flüsse, des Itajahy 
Tubaräo und Ararangua, die erfahrungsmässig sehr 
fruchtbar sind, vor; ebensowenig Analysen von vul¬ 
kanischen Roterden. In Säo Paulo weisen nach 
Draenert 1 ) die besten Roterden (bei Casa Branca) 
einen Phosphorsäuregehalt von 0,24—0,53 °/o auf, 
dabei 0,17—0,14 °/o Kali und 0,77—0,84 °/o Stick¬ 
stoff, sind also sehr nährstoft- und humusreich. 
Ausser den Gelb- und Roterden findet sich auf den 
Bergen auch vielfach Kiesboden. Es ist das wohl 
ein aus der Zersetzung von grobkörnigen, quarz¬ 
reichen Graniten und Gneissen entstandener Grus, 
der gewöhnlich von Humusbestandteilen schwarz 
gefärbt ist und Knollengewächsen sehr zusagt. Im 
allgemeinen tritt aber der fruchtbare Boden, als 
welcher nur der rote Lehm, soweit er aus vulkani¬ 
schen Gesteinen entstanden und der Alluvialboden 
der Flussthäler zu betrachten ist, sehr zurück gegen¬ 
über den mittelmässigen und geringwertigen Böden, 
so dass wohl kaum — */* des Küstengebietes von 
Santa Catharina guten Boden enthält. 

Was das Hochland anlangt, so findet sich da¬ 
selbst besonders in den Vertiefungen ein tiefschwarzer 
Boden in einer Mächtigkeit von */* — 1 m, auch darüber. 
Dieser schwarze Boden ist nicht Humus, sondern 
eine Art Moorboden, unterWasser gebildet 2 ) und nicht, 
wie Wohltmann annimmt, auf äolischem Wege, ähn¬ 
lich wie Löss und Regur, entstanden oder gar iden¬ 
tisch mit Tschernosjom 3 ), denn dann müsste seine 
Verbreitung gleichmässiger sein, während doch auf 
den Bergen und Hügeln zumeist ein gelber Lehm 
zu Tage tritt, in den Flussauen ein dunkler Schwemm¬ 
boden sich findet, vor allem aber müsste dann die 
Fruchtbarkeit weit grösser sein. Die Bodenproben 
aus Säo Bento, die Wohltmann analysiert hat 
(Trop. Agrik. S. 183), weisen kaum einen Durch¬ 
schnittsgehalt von 0,045 °/o PsO 5 * 0,045 °/° K2O, 
0,082°/o CaO, dagegen 0,27 °/o Stickstoff auf, also 
wiederum genügende Mengen Stickstoff bei ausge- 

') Die Landwirtschaft Säo Paulos,^ Landwirtschaftl. Jahr¬ 
bücher von Thiel 1890, S. 222. 

2 ) Cf. Kärger, Brasil. Wirtschaftsbilder, Berlin 1889, 
S. 216 und S. 260. 

8 ) Wohltmann, Tropische Agrikultur, S. 178. 


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442 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


sprochener Armut an mineralischen Pflanzennähr¬ 
stoffen, welche dabei noch in diesem Moorboden 
äusserst schwer löslich sind, eine Kultivierung ohne 
Düngung wäre daher selbst in den ersten Jahren 
völlig aussichtslos. Bodenproben eines Kampbodens 
aus Rio Grande do Sul die von Prof. A. Maercker 
analysiert wurden, wiesen kaum einen Kaligehalt 
von 0,035 °/o, 0,02 —0,03 °/o Phosphorsäure, Spuren 
von Kalk, aber 0,15 —0,16 °/o Stickstoff auf 1 ). Den¬ 
noch beruft sich Herr Oberamtmann Spielberg auf 
diese Bodenanalysen, indem er für Kultivation der 
Campos eintritt und bemerkt, dass ja der Stickstoff¬ 
gehalt dieser Kampböden den der besten deutschen 
Rübenböden übertreffe 2 ). Hier ist entgegenzuhalten, 
dass schon Prof. A. Mayer, der auf Bodenanalysen 
nicht viel gibt, dennoch für Rübenboden ein Nähr¬ 
stoffminimum von 0,07 °/o Phosphorsäure, 0,02°/o 
Kali und 0,1 °/o Stickstoff verlangt 3 ), dass also keine 
von allen Bodenproben den Minimalgehalt an Phos¬ 
phorsäure besitzt, der Minimalgehalt an Kali und 
Stickstoff wird nur um ein Geringes übertroffen. 
Colomb-Pradel und Risler verlangen aber von 
einem tauglichen Ackerboden einen Minimalgehalt von 
0,1 °/o an Stickstoff, Kali und Phosphorsäure, also 
etwa die dreifache Menge an beiden letzteren Stoffen, 
wie sie in den angeführten Proben enthalten war. 

Es stehen daher der auch von den Herren Dr. 
H. v. Ihering und A. W. Sellin warm befür¬ 
worteten Kampkolonisation 4 ) schwere Bedenken ent¬ 
gegen. Solange mineralische Düngstoffe schwer 
erhältlich und teuer sind, ist daran kaum zu denken; 
Phosphorsäure wäre allerdings in dem Knochenmehl, 
das bereits von Rio Grande do Sul ausgeführt wird, 
verhältnismässig leicht erhältlich, woher aber die 
nötigen Massen von Kalidünger nehmen? Diese 
müssten doch wohl von Europa resp. Deutschland 
eingeführt werden, also hohe Transportkosten und 
Spesen tragen, wodurch der Preis mindestens ver¬ 
doppelt würde. Stalldünger allein ist völlig unzu¬ 
reichend, um auf einem solchen Boden genügende 
Ernten zu erzielen, wie man es in Säo Bento und 
bei Curityba sieht. Will man aber durchaus einen 
derartigen unfruchtbaren Boden meliorieren und be¬ 
bauen, so kann man auch in Europa inmitten der 
ältesten Kulturländer genug davon erhalten und braucht 
nicht erst Brasilien aufzusuchen, wo seine Kultur 
der schwierigeren Absatzverhältnisse wegen weit 
weniger lohnt. 

Wer denkt aber auch in Brasilien daran, mittel- 
mässigen oder gar unfruchtbaren Boden der Kultur 
zu gewinnen; bebaut doch der Brasilianer und ihm 
nachmachend auch der deutsche Kolonist selbst den 
fruchtbarsten, in günstigster Lage gelegenen Boden 
bis zur völligen Erschöpfung ohne je an Düngung 
zu denken, gerade so wie es der russische Bauer 

*) Export 1884, S. 89. 

2 ) Deutsche Kolonialzeitung 1885, S. 222. 

3 ) A. Mayer, Lehrbuch der Agrikulturchemie, II, S. 71. 

4 ) Cf. Export 1885, Nr. 6 und 7. 


auf seinem Tschernosjom macht, der ja auch häufig 
das ausgebaute Land verlässt, um noch jungfräuliche 
fruchtbare Strecken in Angriff zu nehmen (vgl. Nr. 6 
und 7 dieser Zeitschrift). 

Ein fruchtbarer Boden findet sich auch auf dem 
Hochlande wiederum nur in den Thahsohlen der 
grösseren Flüsse und auf den von Urwald bedeckten 
jungvulkanischen Verwitterungen, namentlich am 
oberen Uruguay; der Kampboden ist sowohl da wo 
er aus der schwarzen Moorerde besteht, wie da wo 
er eine lehmige Beschaffenheit hat, als Kulturboden 
von sehr fraglichem Wert. 

Was die Abgrenzung vom Kamp und Wald 
betrifft, so hält Dr. H. v. Ihering dafür geologische 
Eigentümlichkeiten, für das Camacuamland (in Rio 
Grande) z. B. die Verteilung von Wasser und Land 
in der Tertiärzeit für maassgebend, insofern als er 
daselbst den Kamp auf Diluvial-, Wald auf Alluvial¬ 
boden gefunden hat 1 ); Prof. Keller-Leuzinger 
meint 2 ), dass Klima und Boden dafür in gleicher 
Weise maassgebend seien. Dies mag für Argen¬ 
tinien Gültigkeit haben, auf dem Hochlande von 
Südbrasilien mit seinem ziemlich gleichmässig ver¬ 
teilten Regenfall dürfte nur die Bodenbeschaffenheit 
maassgebend sein, insofern als die lehmigen und 
kiesigen Boden enthaltenden Berge auch in den 
Kampgegenden meist waldbedeckt sind, ebenso die 
fetten Flussauen; Kamp findet sich fast nur auf 
dem schlechtesten, unfruchtbarsten Boden (in Parana 
wird allgemein nur der Waldboden als kulturwürdig 
betrachtet). Es ist hier zu berücksichtigen, dass die 
Campos seit ihrer Besiedelung resp. Besetzung mit 
Viehherden von den Herdenbesitzern beträchtlich 
vergrössert sind dadurch, dass man bei Trocken¬ 
perioden, soweit es möglich war, den Wald weg¬ 
brannte, um mehr Weide zu gewinnen. Ursprüng¬ 
lich wird sich Kamp wohl nur auf dem schwarzen 
Moorboden befunden haben. 

Die Hydrographie. 

Die Flüsse an der Ostseite der Serra Geral sind, 
da das Küstenland nicht sehr breit ist, naturgemäss 
nur kurze Küstenflüsse, der Reichtum an atmosphä¬ 
rischen Niederschlägen bewirkt jedoch eine ziem¬ 
liche Wasserfülle derselben. Der Itajahy, der 
grösste von ihnen hat eine Länge von 350 km; die 
Serra Geral zieht sich in der Gegend seiner Quellen 
am weitesten (150 km) von der See zurück. Er 
hat in der Nähe seiner Mündung eine Breite von 
400 m, in der Kolonie Blumenau 100—150 m; 
sein Entwässerungsgebiet dürfte 200—300 geogra¬ 
phische Quadratmeilen umfassen. Die Mündung oder 
»Barre« hat jedoch nur 3—4 m Tiefe, das Einlaufen 
der Schiffe kann dabei, wenn der Fluss anschwillt 
und reissend wird, gefährlich werden. Der Itajahy 
entsteht aus drei Quellflüssen, dem Itajahy Assü, 


*) Petermanns Mitteil. 1887, S. 297. 

2 ) Deutsche Kolonialzeitung 1886, S. 211. 


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Der Staat Santa Cathanna in Sudbrasilien. 


443 


dem Süd- und dem Nordarm. Der Itajahy Assü 
entspringt nach Lange (Südbrasilien S. 121), der 
den Messungen von Odebrecht folgt, unter 27°^ 
südl. Br. und ji 0 ^' w. L. Gr. Als ersten Neben¬ 
fluss empfängt er auf seiner rechten Seite den an 
seiner Mündung 30 m breiten und 2 m tiefen Rio 
Tayo, weitere bedeutende Nebenflüsse auf dem rechten 
Ufer sind der an seiner Mündung 16 m breite Rio 
Pombas und der 22 m breite Rio Trombudo. Da¬ 
rauf fliesst der bereits 40—60 m breite Itajahy durch 
ein einige Kilometer breites fruchtbares Thal, das 
in ein von Araukarienwald bedecktes Sandstein¬ 
plateau eingeschnitten ist, und vereinigt sich mit dem 
ebenso mächtigen Südarm (Itajahy do Sul), der 
ebenfalls auf der untersten Strecke von 10 km ruhig 
und tief durch ein fruchtbares Thal dahinfliesst. 
Wenige Kilometer weiter nach unten engen Berge 
den Fluss ein, er wird reissend und wild, darauf er¬ 
weitert sich wieder das Thal, und es werden einige zer¬ 
streute, vorgeschobene Ansiedelungen sichtbar (sonst 
ist ja alles waldbedeckte Wildnis, höchstens von 
einigen hundert wilden Indianern bevölkert). Dar¬ 
auf verengt sich jedoch wieder das Thal, der Fluss 
bildet den Salto do Piläo (Mörserfall), der 14 m 
Höhe hat und noch in 215 m Seehöhe sich befindet, 
etwas unterhalb dieses Falles mündet der noch fast 
gänzlich unerforschte Nordarm (Itajahy do Norte), 
und es folgt nun eine ununterbrochene Reihe von 
Wasserfällen und Stromschnellen, indem der Fluss 
die Serra do Mar, die Küstenserra durchbricht, wo¬ 
bei er die sedimentären Formationen durchnagt und 
sein Bett in Urgestein eingeschnitten hat; überall 
treten an den Flussrändern Granite, Syenite, Por¬ 
phyre zu Tage. Der Fluss stürzt hier auf 18 km 
Flusslänge um 150 m. Hier tritt der etwa 1000 m 
hohe Subidaberg unmittelbar an den Fluss. An diesem 
Berge ist der Weg ins obere Itajahythal sehr geschickt 
angelegt, so dass es kaum über 6 °/o Steigung zu 
überwinden gibt. Unterhalb dieses Berges erweitert 
sich wieder das Thal eine kurze Strecke bis auf 
- 2 km, und es beginnt nun eine ununterbrochene 
Reihe von Ansiedelungen, die sich nun etwa 100 km 
weit nach unten (bis Gaspar, 16 km unterhalb 
Blumenau) erstrecken. Die mittlere Thalweite beträgt 
im Durchschnitt nur ^2 — 3 /4 km, selten 1—1 x /s km; 
der Itajahy selbst nähert sich bald dem einen, bald 
dem anderen Bergabfall, die gewöhnlich mindestens 
100—200 und mehr Meter ziemlich steil aufragen, 
jedoch sehr stark ausgezackt und zerklüftet sind. 
Der Fluss ist durch die Kolonie noch reich an Strom¬ 
schnellen, der letzte einige Meter hohe Wasserfall 
befindet sich nur 6 km oberhalb Blumenau. Auf 
dieser Strecke münden rechts die ziemlich gering¬ 
fügigen Nebenflüsse Neisse, Bode, Ilse, der Encano, 
Velha, Garcia, die hauptsächlich Sandsteinschichten 
durchbrechen und deren Entwässerungsgebiet keinen 
guten Boden aufweist; links münden weit bedeuten¬ 
dere Nebenflüsse: der Beneditto, der ein sehr frucht¬ 
bares Thal hat und weit hinauf besiedelt ist, ebenso 


wie die folgenden Nebenflüsse Testo, Itoupava und 
Belchior und zuletzt der Luiz Alves. An diesen 
linksseitigen Zuflüssen herrschen Urgesteine und erup¬ 
tive Bildungen (z. B. der bereits erwähnte Morro 
do Bahü, dann der Morro do Itoupava) vor und 
die Ländereien sind bedeutend besser als an den 
rechtsseitigen Nebenflüssen. Bei der »Villa« Blu¬ 
menau beginnt der schiffbare Unterlauf des Itajahy, 
indessen können Seeschiffe von 2—3 m Tiefgang 
doch nur bis Gaspar (16 km unterhalb Blumenau) 
hinauf kommen, da weiterhin bei der Mündung des 
Belchior ein Felsenriff das Flussbett kreuzt, so dass 
nur Fahrzeuge von unter 1 m Tiefgang höher hinauf¬ 
kommen können. Bis Gaspar (60 km oberhalb der 
Mündung) reicht auch noch die Flut. Einige Kilo¬ 
meter vor der Mündung ergiesst sich noch der kleine 
Itajahy (Itajahy Mirim) in den Hauptfluss. Der 
Itajahy Mirim durchfliesst die Kolonie Brusque und 
ist für flachgehende Kanoes etwa 50 km hinauf fahr¬ 
bar, transportiert wird jedoch auf ihm nichts. In die See 
mündet der Itajahy unter 26° 52' südl. Br. und 
48° 55' w. L. Gr. Der Unterlauf des Itajahy ent¬ 
hält an seinen Rändern die fruchtbarsten, weil Ueber- 
schwemmungen ausgesetzten Auengelände des ganzen 
Gebietes, dieselben sind noch zum grössten Teil 
unbesiedelt, weil im Privatbesitz und weil die Be¬ 
sitzer warten wollen, bis die Preise der Ländereien 
recht hoch gestiegen sein werden. 

Von den im Norden von Santa Catharina mün¬ 
denden Küstenflüssen ist zunächst der Rio Cubatao 
an der Nordgrenze der Kolonie Donna Franciska 
erwähnenswert, derselbe durchfliesst ein ziemlich 
fruchtbares, namentlich für Zuckerrohrbau geeignetes 
und auch angebautes Thal, welches die besten Län¬ 
dereien von Donna Francisca enthält. Dann folgt 
der ziemlich unbedeutende Rio Caxoeira, an dem 
das Städtchen Joinville liegt, bis zu welchem kleine 
Fahrzeuge bis zu 15 Tons Gehalt hinaufkommen 
können. Weiter folgt der ziemlich bedeutende Ita- 
pocu, der eine Länge von vielleicht 150—200 km 
hat und mehrere Nebenflüsse, darunter den Pirahy, 
den Itapocusinho, den Humboldt auf der linken, den 
Jaragua, der an dem Gebirgsstock gleichen Namens 
einmündet auf der rechten Seite empfängt. Der 
Itapocu entspringt in der Kolonie Säo Bento an der 
Serra S. Miguel, durch sein Thal lässt sich die be¬ 
quemste Verbindung mit dem Hochlande hersteilen. 
Sein Thalgelände wird zwar ebenfalls als sehr frucht¬ 
bar und deshalb sehr besiedelungsfähig gerühmt, in¬ 
dessen liegen über die Fruchtbarkeit noch nicht 
längere praktische Erfahrungen vor, da abgesehen 
von den am Unterlauf an der rechten Seite ansäs¬ 
sigen Brasilianern das ganze Gebiet erst seit wenigen 
Jahren der Besiedelung erschlossen ist; die Boden¬ 
proben aus dem Itapocuthal, deren Analysen Wo hit¬ 
mann (Trop. Agrik. S. 226) anführt, weisen durch¬ 
aus keinen fruchtbaren, sondern nur einen mittel- 
mässigen Boden auf, da der Phosphorsäuregehalt 
kaum 0,06 — 0,08 °/o, der Kaligehalt 0,05—0,06°/» 


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444 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


beträgt. Die ersten Jahre nach der Urbarmachung 
mag ja dieser Boden noch gute Ernten geben, je¬ 
doch ziemlich bald erschöpft werden. Kaerger, 
der zwei Jahre am Itapocu ansässig gewesen, be¬ 
richtet, dass selbst frischer Urwaldboden für Düngung 
sehr empfänglich gewesen (Brasil. Wirtschaftsbilder, 
S. 123), und gedüngt alle Pflanzen weit besser ge¬ 
diehen als ungedüngt, was auf keinen sehr frucht¬ 
baren Boden schliessen lässt. Die Mündung des 
Itapocu ist fast vollständig verstopft. 

Von den südlich vom Itajahy einmündenden 
Flüssen ist der Rio Tejucas zu erwähnen, der eine 
über eine Quadratmeile grosse Mündungsebene ge¬ 
bildet hat; er ist mehrere Meilen weit für Küsten¬ 
fahrzeuge fahrbar, und sein ziemlich fruchtbares Thal 
ist weit hinauf von Brasilianern besiedelt. Er ent¬ 
springt an der Serra da Boa Vista unter 27 0 30' südl. 
Br. Der Rio Biguassü entspringt weiter südlich an 
der Ostseite der Campos da Boa Vista, sein Thal 
ist ebenfalls fruchtbar und von Brasilianern besetzt, 
er ist circa 25 km weit für Kanoes fahrbar. An 
seinem Oberlauf befindet sich die seit 1829 ange¬ 
legte deutsche Kolonie Sao Pedro d’Alcantara. Der 
Mitte der Insel Santa Catharina gegenüber münden 
der Maruhy und der bedeutendere Cubatäo, die eine 
ein paar Quadratmeilen grosse Mündungsebene ein- 
schliessen, die jedoch nach der See zu sehr niedrig 
liegt und zum Teil versumpft ist. Soweit sich frucht¬ 
barer Boden findet, ist alles dicht von Brasilianern 
besiedelt. Der Cubatäo ist einige Meilen hinauf bis 
S. Amaro für Kanoes fahrbar, an seinem Oberlauf 
und an seinen Nebenflüssen, dem Cedro, Rio S. 
Miguel u. s. w., liegt die 1860 angelegte deutsche 
Kolonie Theresiopolis mit dem Stadtplatz in 200 m 
Höhe, derselbe ist von steilen Bergen eingefasst, wie 
denn die ganze Kolonie die steilste und zerrissenste 
Bodenbeschaffenheit in Santa Catharina aufweist, die 
Thäler sind vielfach nicht breiter als das Flussbett 
selbst. 

Die besten Ländereien in Santa Catharina, was 
natürliche Fruchtbarkeit betrifft, durchfliessen die 
südlicheren Flüsse, der Tubaräo und der Araranguä. 
Allerdings darf auch hier nur das jüngere Alluvial¬ 
land, das die Flüsse selbst abgesetzt haben, als frucht¬ 
bar gelten, nicht aber die älteren sedimentären Bil¬ 
dungen, auch wo sie wie in der Nähe des Araranguä 
ausgedehnte ebene, oder sanft gewellte, waldbedeckte 
Flächen vorstellen, noch weniger die an der See 
sich hinziehenden, sandigen oder sumpfigen, eben¬ 
falls ziemlich ausgedehnten Kampflächen, die an der 
Küste in reinen, vegetationslosen Dünensand über¬ 
gehen, der oft einen mehrere Kilometer breiten 
Streifen bedeckt. An den beiden letztgenannten 
Flüssen findet sich die Eigentümlichkeit der Ufer¬ 
leisten besonders stark ausgeprägt; die unmittelbar 
an den Uferrändern anliegenden Teile der Thalsohle 
sind nämlich durch die bei den Ueberschwemmungen 
mitgeführten Sinkstoffe erhöht worden, da die üppige, 
mit Unterholz, Schlinggewächsen versetzte Vege¬ 


tation sie verhindert hat, sich überall gleichmässig 
auszubreiten; die hinten liegenden Teile der Thal¬ 
sohle sind gewöhnlich durch das von den Bergen 
herabfliessende Wasser, wo es die Ränder nicht 
durchbrechen konnte, versumpft; häufig, namentlich 
am unteren Araranguä, liegen die Sümpfe im Hinter¬ 
gründe kaum höher als der Flusspiegel, so dass sie 
also nur schwer entwässert werden können. Der 
untere Araranguä und zum Teil auch der untere 
Tubaräo besitzen im Mittel */ 4 — V 2 km breite, frucht¬ 
bare Uferleisten, stellenweise ragt am Araranguä der 
Uferrand nur 10—20 m breit wallartig auf zwischen 
dem Fluss und den Sümpfen, was wohl darauf zu¬ 
rückzuführen ist, dass der Fluss das betreffende Ufer¬ 
stück unterwaschen hat. 

Der Tubaräo bildet sich aus zwei Quellflüssen, 
die an der Serra do Mar entspringen, nämlich dem 
Rio Bonito und dem Passa Dois, die sich bei Minas, 
Endstation der Tubaräobahn, in 200 m Seehöhe 
vereinigen. Diese Flüsschen durchbrechen ein 250 
bis 400 m hoch gelegenes Sandsteinplateau, das die 
bereits erwähnten Kohlenlager enthält. 7 km unter¬ 
halb Minas fliesst dem Tubaräo der etwa 30 km 
lange Oratorio zu, der in seinem durchschnittlich 
*/*—*/ 2 km breiten Thale einen ziemlich guten 
Schwemmboden enthält; 1891 ist das Thal von 
Kolonisten besiedelt worden. Am Oratorio führt 
auch ein ziemlich beschwerlicher, den Fluss circa 
28mal kreuzender Maultierpfad nach der daselbst 
1313 m hohen Serra hinauf. 

Weitere 4 km unterhalb mündet der bedeutend 
mächtigere Quellarm, der Laranjeiras in den Tubaräo. 
Am Laranjeiras führt ebenfalls ein Maultierpfad der 
an den Fluss herantretenden Berge wegen bald auf 
dem einen, bald auf dem anderen Ufer nach dem 
Pass von Imaruhy, wo die Serra verhältnismässig am 
leichtesten zu ersteigen ist. Der Pass von Oratorio 
steigt auf der letzten Strecke von 2000 m circa 
700 m an, hat also eine Steigung von 1:3; zum 
Passieren dieser schlimmen Strecke braucht ein be¬ 
ladenes Maultier hinauf zwei, herunter eine Stunde; ^ 
der Imaruhypass hat eine Steigung von 1:5 bis 
1 : 6. Auch das Thal des Laranjeiras und seines 
Nebenflusses Hippolyto ist im Mittel 1 /-i — x /2, stellen¬ 
weise nach oben hin bis zu 1 km breit und ziem¬ 
lich fruchtbar, jedoch bei Anschwellungen des Flusses 
zuweilen Ueberschwemmungen ausgesetzt, es ist noch 
sehr schwach besiedelt. Das Thal des Oratorio ist, 
wie das des Laranjeiras, in Sandsteinschichten ein¬ 
geschnitten , deren Oberfläche nur mittelmässigen 
Wald trägt, offenbar infolge geringer Fruchtbarkeit. 

15 km unterhalb Minas liegt die Eisenbahnstation 
Orleans (100 m) am Tubaräo, der hier auf einer 50 m 
langen Brücke überschritten w T ird. Die in der Nähe 
dieser Station einmündenden Flüsschen, der Rio Novo 
und der Rio Bello, durchbrechen 150—300 m hoch 
gelegene Sandsteinschichten, welche an einigen Stellen 
von 3—500 m aufragenden, wahrscheinlich vulka¬ 
nischen Gesteinen durchbrochen werden, die an der 


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Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


445 


Oberfläche einen fruchtbaren roten Lehm zeigen, 
sonst enthalten die Thäler dieser Flüsschen des 
starken Falles wegen kein fruchtbares Schwemmland, 
sind aber dennoch überall besiedelt. Unterhalb von Or¬ 
leans hat der Tubaräo Thalerweiterungen, die 2—3 km 
Breite haben und äusserst fruchtbar sind, nament¬ 
lich bei Raposa, wo der Rio Palmeiras einmündet. 
15 km unterhalb Orleans überschreitet die Eisen¬ 
bahn wiederum den Tubaräo auf einer 100 m langen 
Brücke, 3 km weiter nach unten liegt die Station 
Pedras Grandes (40 m), an der der 12 m breite 
gleichnamige Fluss mündet, an welchem letzteren 
eine Fahrstrasse nach den italienischen Kolonien 
Azambuja (10 km entfernt in 145 m Seehöhe) und 
über den 400 m hohen Rancho dos Bugres nach Urus- 
sanga (28 km in 40 m Seehöhe) hinaufführt. Das 
Thal verengt sich nun durch die herantretenden 
Berge von vorherrschend krystallinischer Struktur. 
5 km unterhalb der Station mündet der Nordarm 
des Tubaräo, der Bra$o do Norte, der die doppelte 
bis dreifache Menge Wasser heranführt wie der eigent¬ 
liche Tubaräo. Der Nordarm durchfliesst in seinem 
unteren Laufe auf 30—40 km die 1870 begründete, 
von 120—150 Familien besiedelte deutsche Kolonie 
gleichen Namens. Diese Kolonie ist infolge ihres 
fruchtbaren Bodens, der stellenweise ziemlich aus¬ 
gedehnten Auengelände, namentlich aber auch infolge 
der zur Zeit des Baues der Tubaräobahn und der 
Anlage der Kolonien Azambuja (seit 1877) und 
Gräo Para (seit 1883) sehr günstigen Absatzverhält¬ 
nisse die wohlhabendste Kolonie in Santa Catharina 
geworden; freilich sind die Kolonisten (Westfalen, 
zum Teil Rheinländer) durchweg arbeitsam, auch 
jetzt erzielen sie eine Durchschnittseinnahme von etwa 
1 Conto jährlich pro Familie. In geistiger Beziehung 
sind die Leute jedoch sehr verwahrlost. Der unterste 
Nebenfluss des Nordarmes ist der auf seiner rechten 
Seite mündende Rio Pinheiros, der 30—40 km lang 
ist und ein sehr tiefes und schmales, schluchten¬ 
artiges Thal durchfliesst, durch welches ebenfalls 
eine Strasse nach dem Imaruhypass hinaufführt; im 
Unterlauf ist das Thal von deutschen, höher hinauf 
von italienischen Kolonisten dicht besiedelt. Höher 
hinauf fliesst dem Nordarm der ziemlich bedeutende 
Rio Pequeno zu, der bei dem Stadtplatz von Gräo 
Para 15 km oberhalb seiner Mündung, aus zwei 
Quellarmen, dem Bra^o Esquierdo und dem Bra^o 
direito zusammenfliesst, welche noch auf 15 — 20 km 
von polnischen und italienischen Kolonisten besiedelt 
sind; das Land an ihnen gehört, ebenso wie das am 
Rio Pinheiros, zur bereits erwähnten, circa 24 Leguas 
— 100000 ha grossen Privatkolonie Gräo Para. 
Die Thäler sind weniger umfangreich und frucht¬ 
bar wie unten am Nordarm und dem ebenfalls noch 
von deutschen Kolonisten besiedelten Rio Pequeno. 
Der obere Lauf des eigentlichen Bra^o do Norte und 
seiner Nebenflüsse des Rio Fortuna, Rio Bravo, ist 
zum Teil von deutschen Kolonisten besiedelt und 
gehört zur Kolonie Gräo Para, auch haben die älteren 


Bra^o do Norter Kolonisten daselbst Land für ihre 
Söhne hinzugekauft. Das Land ist, abgesehen von 
den Thalsohlen, sehr steil und zerrissen, zu beiden 
Seiten des Flusses steigen aus Urgesteinen bestehende 
Berge von 2—300, ja 5—600 m Höhe an; die Berge 
sind meist mit einer humosen Kiesschicht bedeckt, 
in der die Mandiocawurzel, das Hauptviehfutter der 
Kolonisten, trefflich gedeiht. Im Oberlauf der Flüsse 
flachen sich die Berge mehr ab, und es treten aus¬ 
gedehnte Sandsteinbildungen auf. Die Auengelände 
des Brago do Norte sind nicht so fruchtbar wie die 
des eigentlichen Tubaräo bis auf 2 km unterhalb 
Orleans, sie ähneln mehr den weiter nach oben ober¬ 
halb Orleans liegenden Thalgeländen des Tubaräo 
und Laranjeiras; daraus erklärt sich auch, dass der 
eigentliche Tubaräo schon frühzeitig bis nach Raposa 
und höher hinauf von vereinzelten brasilianischen 
Niederlassungen besetzt war, während die an dem 
Nordarm gelegenen Ländereien bis 1870 völlige 
Wildnis waren. 

13 km unterhalb der Mündung des Nordarmes, 
bei Pinheiros wird der Tubaräo für Kanoes und 
selbst grössere Segelfahrzeuge schiffbar; bis dahin 
ist sein Bett von grossen Steinen erfüllt und reich 
an Stromschnellen (der Nordarm ist ebenfalls nicht 
schiffbar, nicht einmal gut flossbar, wegen der vielen 
Steine). Das Tubaräothal erweitert sich nun auf 
1 — 1 2 /a etwas niedriger auf 2 — 3 km, es folgt nun 
eine 12 km lange Strecke, die äusserst fruchtbar, 
überall angebaut (stellenweise unausgesetzt seit 40 
bis 60 Jahren) und von Brasilianern dicht besiedelt 
ist. Die Bewohner bauen fast nur Mais und schwarze 
Bohnen, auf den in der Nähe befindlichen Bergen 
auch etwas Zuckerrohr. Die einzelnen Besitzungen 
sind von Dornhecken oder von Orangenbaumreihen 
eingefasst, was mit den Bergen im Hintergründe 
dem Ganzen einen ungemein reizenden Anblick ver¬ 
leiht. Inmitten dieser Kulturebene liegt das Städt¬ 
chen Tubaräo, 25 km von Pedras Grandes. 3 km 
unterhalb Tubaräo mündet der Capivary, der auf 
40 km bis Gravatä für Kanoes fahrbar und dessen 
fruchtbares Thal ebenfalls von Brasilianern dicht be¬ 
siedelt ist. Gravata ist auch der Stapelplatz für die 
Produkte der Kolonisten am Bra<;o do Norte, da es 
nur 10 km von der Mitte der Kolonie, auf verhält¬ 
nismässig gutem fahrbaren Wege, entfernt ist. Der 
Oberlauf des Capivary, der durch ein schmales, von 
steilen Bergen eingefasstes Thal fliesst, ist von deut¬ 
schen Kolonisten besetzt, die ihre Erzeugnisse auf 
Maultieren nach Desterro bringen und trotz der 
5—7tägigen Hin- und Rückreise, wegen der daselbst 
erzielten höheren Preise, sich sehr gut stehen. Am 
rechten Ufer des Capivary, kurz vor der Einmün¬ 
dung in den Tubaräo, erstrecken sich die Campos 
von Pirituba; sie gehören der Regierung, und die 
Bewohner der Umgegend lassen daselbst ihr Vieh 
weiden. Sie sind häufigen Ueberschwemmungen 
ausgesetzt. Unterhalb der Mündung des Capivary 
fliesst der Tubaräo noch eine Meile zwischen niedrig 


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446 


Geographische Mitteilungen. 


gelegenen, ausgebauten Landstrecken, die zum Teil 
mit schwächlicher Capoeira bedeckt sind, zum Teil 
als Viehweide benutzt werden; darauf geht das Ter¬ 
rain völlig in Sumpf über, der sich nun bis kurz 
vor der Stadt Laguna, wo der Tubaräo in die Küsten¬ 
lagune einmündet, etwa 2—3 Meilen hinzieht. Diese 
Lagune, zugleich der Hafen von Laguna, hat eine 
Länge von 30—40 km, jedoch nur einige Kilometer 
Breite, an der schmälsten Stelle, wo die Eisenbahn 
nach Tubaräo sie auf einer eisernen Brücke über¬ 
schreitet,* nur 1V* km. Die Tiefe beträgt jedoch 
nur einen, selten mehrere Meter, es findet sich nur 
eine tiefere, 6 —8 m tiefe Rinne von einigen Kilo¬ 
metern Länge und ein paar hundert Metern Breite 
vor der Stadt Laguna. Die Hafeneinfahrt, zugleich 
Mündung des Tubaräo, hat wegen einer vorgela¬ 
gerten Sandbank nur 2—2,5 m Tiefe; früher mag 
sie wohl tiefer gewesen sein, da Laguna die älteste 
Stadt von Santa Catharina ist und der Hafen 
früher als gut galt, freilich gingen die Segelschiffe 
der früheren Zeit nicht tief. Die Lagune ver¬ 
schlammt jetzt durch die vom Tubaräo mitge¬ 
führten Sinkstoffe immer mehr und wird wohl mit 
der Zeit ganz ausgefüllt werden; von der See wird 
sie durch eine 1—3 km breite Nehrung von 
Dünensand getrennt. Etwa 40 km südlich von Laguna 
mündet der ziemlich unbedeutende Urussanga in die 
See; im Oberlauf durchfliesst er die italienische 
Kolonie gleichen Namens, der untere Lauf fliesst 
durch Wald oder Sumpf. 65 km südlich von Laguna 
mündet der Araranguä. Die anprallende Brandung 
hat vom Morro Conventos, einem Granith ügel, wo 
der Fluss früher einmündete, an eine 7 km lange, 
100—300 m breite, sandige Nehrung geschaffen, 
hinter der der Fluss jetzt dahinfliesst; nur mit Mühe 
hält er seine Mündung von den durch die anpral- 
lcnden Wogen angetriebenen Sandmassen offen, doch 
können nur Fahrzeuge von 3 /4 —1 m Tiefgang ein- 
laufen, um aber hinauskommen zukönnen, müssen selbst 
solche flachen Segelfahrzeuge oft monatelang warten. 
Der Fluss selbst hat bis zur Mündung des Mailuzia, 
in einer Ausdehnung von etwa 25 km, eine Breite 
von 120—240 m, dabei zehn und mehr Meter Tiefe. 
Der Boden ist auf dieser unteren Strecke ein von 
Humusbestandteilen schwarz gefärbter Sand, im 
Hintergründe Sumpf oder Dünensand, weiter nach 
oben wird der Boden mehr thonig. 

(Fortsetzung folgt.) 


Geographische Mitteilungen. 

(Pechuel-Loesches Studien zur Morphologie 
der Wüsteulandschaft.) In zwei Heften des gegen¬ 
wärtigen Jahrganges dieser Zeitschrift ist den verdienst¬ 
lichen, auf gründlicher Autopsie beruhenden Forschungen 
Joh. Walthers über die charakteristischen Eigentüm¬ 
lichkeiten der Wüstenlandschaft, sowie über deren Ur¬ 
sachen, Rechnung getragen worden (in Nr. 13 und in 
Nr. 24). Es handelte sich dabei wesentlich um Vor¬ 
kommnisse im nördlichen Afrika und im centralen Nord¬ 


amerika. Gerade das »Ausland« darf jedoch darauf auf¬ 
merksam machen, dass in seinen Spalten schon früher 
über verwandte Fragen gehandelt worden ist, und dass 
sich dabei Thatsachen ergeben haben, welche mit den 
neuerdings ermittelten in Parallele zu stellen der Heraus¬ 
geber dieser Zeitschrift für einen Akt der Gerechtigkeit 
hält. Er hat dabei im Auge den anscheinend nicht so, 
wie es sein innerer Wert wünschenswert erscheinen 
Hesse, bekannt gewordenen Aufsatz von Prof. Pechuel- 
Loesch e (Jena) »Zur Kenntnis des Herero-Landes«. 
Wie man sieht, hat man es da allerdings wieder mit 
einer ganz anderen Erdgegend zu thun, aber gerade die 
namhafte Entfernung der in Rede stehenden Erdstellen 
ist von Gewicht, weil durch den Vergleich ein neuer 
Beleg für den von Walther hervorgehobenen Umstand 
beigebracht wird, dass die Wüstenbildung nicht als ein 
örtlicher oder regionaler, sondern als ein allge- 
mein-tellurischer, stets nach wesentlich den gleichen 
Gesetzen sich vollziehender Vorgang zu betrachten sei. 

Jene »Zeugenberge« oder »Neulingea, welche den 
Wüstenterritorien ein typisches Gepräge erteilen, hat 
der genannte Afrikareisende auch in Südafrika aufge¬ 
funden. Die »Kopjes«, wie der holländische Ansiedler 
die aus dem Denudationsschutte hervorragenden Spitzen 
nennt, sind in hohem Maasse zerklüftet und »bilden ein 
wüstes Haufwerk von Blöcken und Schollen«. Anders 
die aus festem Granit bestehenden »Plattklippen«, wxlche 
sich über die horizontalen Flächen erheben und eine 
sehr steile Böschung, sowie auch »eine koncentrisch- 
schalige Plattenabsonderung« erkennen lassen. Die Zer¬ 
störung des anstehenden Gesteines schreibt Pechuel- 
Loesche zum Teile dem Gegensätze zwischen starker 
Tagesinsolation und ebenso energischer Nachtausstrah¬ 
lung, zum Teile auch der Flugsanderosion zu, für welche 
neuerdings der recht bezeichnende Name »Deflation« 
üblich geworden ist. »In ganz ausserordentlicher Weise 
tragen auch die von heftigen Winden mitgeführten Sande 
zu der Zerstörung und Ausgestaltung der Felsen bei. In 
manche günstig gelegene Partien, besonders von fein¬ 
körnigem Lagergranit, haben sie kleine Löcher und Ein¬ 
drücke gebohrt, als ob harte Gewehrkugeln eingeschlagen 
oder Bohrmuscheln gearbeitet hätten. Diese sind zu 
grösseren, etw r a einen Menschen fassenden Höhlungen 



erweitert, die galerieähnlich in Felswänden liegen und, 
durch dünne Zwischenwände und Säulchen geteilt, zu¬ 
weilen metertief ausgeblasen sind«. Wir haben da 
offenbar ein Analogon jener merkwürdigen Säulengängc 
(s. in Ankels Referat, S. 380 d. Jahrg.) vor uns, welche 
Walther in Arizona beobachten konnte. Der Heraus- 


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Geographische Mitteilungen. 


447 


geber hat sich seiner Zeit die von Pechuel-Loesche 
anlässlich des Frankfurter Geographentages (1883) zur 
Ausstellung gebrachten Aquarellbilder genau angesehen 
und einzelnes daraus kopiert; unsere vorstehende, 
nach jener Vorlage angefertigte Figur kann dazu dienen, 
die allmähliche Entstehung eines solchen Säulenganges 
zu verdeutlichen. Auch die nicht häufigen SchlifFlächen 
bespricht unser Gewährsmann; die Temperatureinflüsse 
machen die Aussenseite früher rauh, als durch die De¬ 
flation eine Glättung eintreten könnte; dabei wird auch, 
wie nebenbei bemerkt sei, auf die von Penck näher 
erörterten »Kuhschliffe« hingewiesen. Wir erfahren 
ferner, wie die Vegetation bei der Bildung der Sand¬ 
anhäufungen mitwirkt, wie die Salsolapflanze sogar den 
Ansatzkern zur Aufschüttung förmlicher »Neulinge« ab¬ 
gibt, ja wie über den Rankenzweigen von Tamarix 
articulata sich Sandhügel von grossem Umfange und 
einer Höhe von 2—4 m auftürmen können. 

Dieser kurze, nur einzelne wichtigere Punkte be¬ 
rücksichtigende Auszug möge hier genügen. Dem Heraus¬ 
geber wolle man die Reminiscenzen zu gute halten, denn 
es ist ja nur natürlich, dass es ihm zur Genugthuung 
gereicht, in einem älteren Bande des von ihm geleiteten 
Blattes einen so beachtenswerten Beitrag zu einem ge¬ 
rade jetzt in den Vordergrund des Interesses gerückten 
Probleme der physikalischen Geographie — man möchte 
fast sagen — wiederentdeckt zu haben. (Ausland, 1886. 
S. 822—823; S. 890—891.) 

(Erdumdrehung und Körperbeschaffenheit 
nochmals; s. S. 367 1 ).) Die »Geographischen Mit¬ 
teilungen« der Nr. 23 des »Ausland« machen unter 
»Erdumdrehung und Körperbeschaffenheit« auf 
eine den »Berichten des Freien Deutschen Hochstifts« 
zu Frankfurt a. M. entnommene Hypothese Dr. F. Rosen¬ 
bergers aufmerksam, welche — ausgehend von der 
Ansicht, dass weder aus der leiblichen Organisation des 
Menschen, noch aus einem Akt des Bewusstseins sich 
die fragliche Erscheinung genügend erklären lasse; die 
Ursache vielmehr in den Wechselbeziehungen des mensch¬ 
lichen Körpers und der Aussenwelt, speciell gewissen 
Bewegungserscheinungen zu suchen sei — den Prin¬ 
zipat des rechten Armes in Zusammenhang bringt 
mit der scheinbaren Bewegung von Sonne, Mond und 
Sternen (in letzter Linie also mit der Achsendrehung 
der Erde), dem (unbewussten?) Orientierungsbedürfnis 
des Menschen im Raume und der daraus sich ergeben¬ 
den Notwendigkeit der Scheidung des Körpers in zwei 
asymmetrische Hälften, eine linke, negative, und eine 
rechte, positive; ferner mit dem Umstand, dass der nach 
vorn (wozu?) ausgestreckte rechte Arm des (zwecks 
Orientierung nach der Sonne schauenden) Bewohners 
höherer Breiten der nördlichen Halbkugel besser in der 
Lage ist (?), Rotationsbewegungen (zu welchem Zweck?) 
im Sinne des Sonnenganges auszuführen, als der linke. 
So bestechend diese Vermutung im ersten Augenblick 
erscheinen mag, so halte ich dieselbe, ganz abge¬ 
sehen von anderen Unwahrscheinlichkeiten, schon aus 
dem einfachen Grunde für verfehlt, weil für die der 
nordhemisphärischen Rechtshändigkeit entsprechende 


*) Der Herausgeber, welcher aus eigenster Erfahrung weiss, 
dass die Präponderanz der rechten Hand kein durchgreifendes 
Naturgesetz ist, stimmt mit den Ansichten des Herrn Verfassers 
nicht durchweg überein, erblickt aber in dessen Behandlung der 
Frage einen dankenswerten Beitrag zu deren weiterer Aufklärung. 


Linksablenkung auf der südlichen Halbkugel auch nicht 
die geringsten Beweise vorliegen. Man betrachte nur 
einmal Photographien von Repräsentanten räumlich weit- 
getrennter Völker der südlichen Hemisphäre: durchweg 
ruhen Speer und Lanze in der rechten, der Schild in 
der linken Hand. Auch in der Litteratur bin ich bisher 
keinem Hinweise begegnet. 

Wenn, was kaum einem Zweifel unterliegt, der 
Prinzipat der rechten Hand eine allgemein-anthropolo¬ 
gische, gesetzliche Erscheinung ist, so muss für dieselbe 
eine im Wesen des Menschen resp. in seiner leib¬ 
lich-geistigen Entwickelung begründete generelle Ursache 
sich finden lassen. 

Nicht ganz ohne Belang dürfte vielleicht der Um¬ 
stand sein, dass die nach der rechten Körperseite führende 
Arteria anonyma sich früher von der Aorta abzweigt 
als die Arteria carotis sin. und die Arteria subclavia sin., 
daher wohl von der dem Herzen entsteigenden Blut¬ 
welle etwas reichlicher bedacht wird. Auch ein Er¬ 
klärungsversuch, den vor einiger Zeit »La Nature« 
brachte, lässt sich nicht so einfach von der Hand weisen. 
Danach soll der Säugling häufiger an die stärker ent¬ 
wickelte rechte Brust der Mutter gelegt werden, somit 
der rechte Arm, weil weniger beengt, in der Lage sein, 
öfter spontane Bewegungen auszuführen und so früher 
zu erstarken, als der linke. 

Doch damit wird, wie mir scheint, der Kern der 
Sache nicht getroffen. Die Präponderanz der rechten 
Hand ist nichts uranfänglich Gegebenes, sondern eine 
Errungenschaft der Kultur, ein Resultat der fort¬ 
schreitenden Differenzierung und Arbeitstei¬ 
lung. Als der Mensch zum Menschen ward, als der 
Bau seines Körpers ihn befähigte und zwang, aufrecht 
zu gehen, hat die rechte Hand wohl für kurze Zeit die¬ 
selbe Bedeutung gehabt wie die linke. Während den 
Beinen und Füssen, als den Organen der Fortbewegung, 
gleiche Rechte und Pflichten bis heute zukommen, schied 
sich die zu reicherer Entfaltung bestimmte Thätigkeit 
der Arme und Hände also, dass der linken Hand mehr 
die passive, haltende, schützende, der rechten die 
aktive, zufassende, angreifende Rolle zufiel. Meines 
Erachtens ist die Präponderanz des rechten Armes von 
Hause aus sogar eine sekundäre Erscheinung: die 
Notwendigkeit, im Kampfe gegen Mensch und Tier den 
edelsten Teil des Körpers, das Herz, durch die — be¬ 
wehrte oder unbewehrte — Linke zu schützen, wurde 
auf allerniedrigster Kulturstufe (Kampf war damals die 
Losung; für die Orientierung sorgte der Instinkt besser, 
als das Anschauen der Gestirne!) die Veranlassung, 
Keule und Beil, Messer und Spiess in die Rechte zu 
nehmen. Dies übertrug sich auch auf friedliche Be¬ 
schäftigungen. Seit jenen Tagen beginnenden Menschen¬ 
tums hat sich, auch nachdem die primäre Ursache zum 
Teile weggefallen, das Uebergewicht der rechten Hand 
durch Vererbung und Erziehung unter den Kulturvölkern 
immer mehr herausgebildet und befestigt. Bei Natur¬ 
völkern dagegen tritt diese Differenzierung zuweilen 
noch heute weniger deutlich hervor, wie denn auch 
zum Teil bei denselben die Scheidung der vorderen von 
den hinteren Gliedmaassen minder scharf durchgeführt 
ist (Greiffuss!). In ähnlicher Lage befinden sich unsere 
Kinder, die zum Gebrauche und zur konventionellen 
Höherwertung der Rechten — leider oft in recht läp¬ 
pischer Weise: das »schöne Händchena! — geradezu 
erzogen werden müssen. In letzter Linie bildet also die 


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Litteratur. 


448 

Organisation des menschlichen Körpers — die Lage 
des Herzens, vielleicht auch die Beschaffenheit der 
Aorta — die primäre Veranlassung zur kräftigeren Ent¬ 
wickelung des rechten Armes, zur grösseren Geschick¬ 
lichkeit der rechten Hand; kulturelle Faktoren kamen 
hinzu. 

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Unter¬ 
suchungen auf der südlichen Halbkugel im Sinne der 
Roscnbergerschen Hypothese werden lediglich zu 
einem negativen Resultate führen. Von einer Präpon- 
deranz der Linken kann dort keineswegs die Rede 
sein; es könnte sich günstigsten Falles — wir haben es 
auf der südlichen Hemisphäre fast ausschliesslich mit 
Völkern mässiger Breiten und niederer Kulturstufen zu 
thun — eine grössere Gleichmässigkeit zwischen 
der Leistungsfähigkeit des linken und des rechten Armes 
herausstellen. (Mitteilung von Dr. Ankel in Frank¬ 
furt a. M.) _ 

Litteratur. 

Missernte und Notstand (Neuroshaj i narodnoje 
bedstwije). 270 S. St. Petersburg 1892. 

Verfasser dieser iin April d. J. anonym erschienenen Schrift 
ist nach Petersburger Zeitungsberichten der Geheime Rat Jermo- 
loff, Chef einer Abteilung im Finanzministerium. Diese Schrift 
ist insofern von Bedeutung, als darin der Ernst der Lage in 
Russland voll gewürdigt wird und Mittel zur Bekämpfung der 
Not vorgeschlagen werden. Bekanntlich hat sich die russische 
Regierung, durch die unaufhörlichen Klagen aus den Notstands¬ 
gebieten und die trotz Censur vielfach scharfe Sprache der 
Presse gedrängt, veranlasst gesehen, seit Januar d. J. in um¬ 
fassenderer Weise für die Bekämpfung des Notstandes einzutreten 
und mehr Energie zu entfalten. Es ist denn auch erreicht 
worden, dass wenigstens ein Massensterben in grösserem Um¬ 
fange verhindert ist, freilich ist die Lage noch lange nicht glän¬ 
zend. Da die staatliche Unterstützung bis zum Januar sehr 
mangelhaft war, so waren die meisten Bauern gezwungen, ihr 
Vieh zu opfern; nach einigen privaten Erhebungen sollen gegen¬ 
wärtig in den Notstandsgebieten kaum 30—4070 von allen 
Bauern Vieh besitzen, und dasselbe Vieh ist sehr geschwächt, 
besonders die dem Bauern so notwendigen Pferde. Seit Januar 
ist die staatliche Unterstützung stark ausgedehnt worden — wie 
viele Menschen unterstützt werden, darüber gibt es indessen keine 
Daten: in manchen schwer betroffenen Gegenden sollen fast 
sämtliche Bauern unterstützt werden. Freilich ist die Unter¬ 
stützung nicht gerade »grossartig*, wie Jermoloff meint; die 
Unterstützten bekommen 12 —16 kg Getreide pro Kopf monat¬ 
lich; dass das bei fast gänzlichem Mangel sonstiger Nahrung 
nicht ausreicht, bedarf wohl kaum des Nachweises; es ist schon 
vielfach von russischen Blättern darauf hingewiesen, dass dieses 
Quantum nur für die halbe Zeit ausreiche und jedenfalls nur 
eine notdürftige Fristung des Lebens ermögliche. Ilungerseuchen, 
Typhus u. s. w. raffen auch jetzt noch ungezählte Scharen weg; 
nach manchen Berichten soll die Sterblichkeit in den Notstands¬ 
gebieten das 3—5fachc der normalen Sterblichkeit betragen; 
wenn also diese Gebiete von 30—40 Millionen Menschen be¬ 
völkert sind, somit in normalen Jahren etwa I Million Todes¬ 
fälle aufweisen dürften, so ergäbe sich daraus, dass ein paar 
Millionen Menschen der Not zum Opfer fallen dürften. Dass 
man keine Getreideeinfuhr braucht und vielleicht sogar die Aus¬ 
fuhr wieder gestattet wird, ist noch kein Beweis dafür, dass es 
nun keine Not mehr gibt, sondern nur dafür, dass die Bauern 
nicht die Mittel haben, sich ein genügendes Getreidequantum 
zu verschaffen, und mit der Unterstützung auskommen, resp. sich 
durchhungern müssen — bei genügender oder reichlicher Unter¬ 
stützung würde sich wohl ein Mangel an Getreide ergeben. 
»Entkräftet und ermattet«, sagt auch Jermoloff, »wird das 
Volk dieses schwere Jahr überstehen ; es besitzt nicht mehr das 
dürftige Erbteil früherer Jahre; schrecklich angeschwollen ist 
die Zahl der Bauernhöfe, die kein Spannvieh mehr besitzen, 


deren Wirtschaft völlig zu Grunde gerichtet ist. Selbst eine 
gute Ernte im gegenwärtigen Jahre, sogar eine ganze Reihe 
guter Jahre werden noch nicht sobald normale Verhältnisse 
wiederherzustellen im stände sein; lange Zeit noch wird die Be¬ 
völkerung sich keine Ersparnisse, keine Getreidevorräte anlegen 
können. Alle Kräfte müssen angespannt werden, damit die 
gegenwärtige Not nicht zu einem chronischen Notstände wird 
und den russischen Volksorganismus in seinen tiefsten Wurzeln 
zerstört.« 

An Maassregeln zur künftigen Neugestaltung der Verhält¬ 
nisse schlägt der Verfasser vor : zunächst planmässige Wieder¬ 
aufforstung der südrussischen Steppen, besonders des Südrandes 
der russischen Schwarzerde. Zunächst seien ausgedehnte Reihen- 
pflanzungen anzulegen, um den ausdörrenden centralasiatischen 
Wüstenwinden zu wehren; in der Schwarzerdezone selbst an¬ 
gelegte Reihenpflanzungen würden dann auch die kalten Nord¬ 
winde abhalten, die jetzt im Sommer häufige Temperaturumschläge 
veranlassen. In den letzten paar Jahrzehnten sind öfters sogar 
im Juni und Juli Nachtfröste vorgekommen, die naturgemäss das 
Getreide furchtbar schädigen mussten; früher, als die Schwarz¬ 
erde noch stärker bewaldet war, soll das nie vorgekommen sein. 
Auch empfiehlt Jermoloff staatlicherseits Versuche mit künst¬ 
licher Bewässerung und artesischer Brunnenbohrung. Weiter be¬ 
fürwortet er die Einführung des landwirtschaftlichen Unterrichtes 
in den geistlichen und Lehrerseminarien, damit deren Zöglinge 
späterhin das Volk darin unterrichten könnten; bis zur vollen 
Wirkung einer solchen Maassregel würden jedoch viele Jahre 
vergehen. Da die Bauern, um ihre Steuern zu bezahlen, öfters 
genötigt sind, das Getreide zu Schleuderpreisen zu verkaufen, 
so proponiert Jermoloff, die fakultative Entrichtung der Steuern 
in natura, in Getreide zum Marktpreise, einzuführen; das an¬ 
gesammelte Getreide soll dann bis zum Frühjahr oder Sommer 
aufgespeichert und alsdann verkauft werden; der eventuelle Mehr¬ 
erlös könnte den Bauern zurückerstattet, respektive zur Bildung 
eines Reservefonds für Notjahre verwandt werden. Jermoloff 
ist Gegner der sonst auch von russischen Beamten, namentlich 
aber den Slawophilen, als national-russische Eigenart verteidigten 
russischen Gemeindeverfassung, der er die landwirtschaftliche 
Stagnation und Unlust des russischen Bauern zu Verbesserungen 
zuschreibt; er führt aus, dass der tüchtige Bauer, der sein Land 
düngt und gut bearbeitet, nie sicher ist, dass es ihm nicht bei 
der nächsten Gelegenheit genommen und ein ausgesogenes Land¬ 
stück gegeben wird. Jermoloff wünscht festen Erbbesitz, bei 
herrschaftlichen Ländereien langjährige Pachtkontrakte anstatt 
der jetzt üblichen Verpachtung auf I—2 Jahre, welche eine 
ordentliche Bodenbearbeitung hindert. Da die russischen Dörfer 
vorherrschend hölzerne Baulichkeiten mit Strohdächern enthalten, 
so kommen sehr häufig verheerende Schadenfeuer vor; es sollen 
durchschnittlich Werte von 60 Millionen Rubeln jährlich in 
Russland durch Feuer vernichtet werden. Jermoloff empfiehlt 
deshalb Ansiedelung der Bauern in Einzelgehöften oder doch 
wenigstens Trennung der Häuser durch Baumpflanzungen. Auch 
von Belebung der Hausindustrie bei den Bauern erwartet er viel 
Gutes; auch die Zahl der vielen (etwa 120!) Feiertage iin Jahre, 
die zum guten Teile in die beste Arbeitszeit, den Juni und 
Juli, fallen, wünscht er beschränkt zu wissen — nun, dagegen 
wird die Geistlichkeit schon Opposition machen. Sonst ist 
Jermoloff, wie es bei einem höheren russischen Beamten 
natürlich ist, hochkonservativ; er hält grosse Stücke auf die In¬ 
stitution der adeligen Landeshauptleute, die einen segensreichen 
Einfluss auf die Bauern ausüben sollen (von liberaler Seite wird 
gerade diese Institution sehr heftig angegriffen); überhaupt will er 
den Einfluss des Adels uud der Geistlichkeit möglichst gesteigert 
wissen. Wie viele von diesen Vorschlägen eingeführt werden, 
bleibt dahingestellt; erfreulich ist es jedenfalls, dass die Ueber- 
zeugung von der Notwendigkeit einschneidender wirtschaftlicher 
Reformen sich auch in russischen Regierungskreisen Bahn bricht. 

* * 

* 

Verlag der J. G. Cotta’sehen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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DAS AUSLAND 

Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde 

herausgegeben von 

SIEGMUND GÜNTHER. 

Jahrgang 65, Nr. 29. Stuttgart, 16. Juli 1892. 

Jährlich 5a Nummern ä x6 Seiten in Quart. Preis pro Manuskripte und Rezensionsexemplare von Werken der 

Quartal M. 7. — Zu beziehen durch die Buchhandlungen des einschlägigen Litteratur sind direkt an Professor Dr.SIEGMUND 

In- und Auslandes und die Postämter. GÜNTHER in München, Akademiestrasse 5, zu senden. 

Preis des Inserats auf dem Umschlag ao Pf. für die gespaltene Zeile in Petit. 


Inhalt: i. Die Strömungen in den Meeresstrassen. Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. Von Emil Wisotzki 
(Stettin). S. 449. — 2. Winterkurorte an der Riviera. Von Elise Emmel (Rom). S. 452. — 3. Die ersten Quellen brenn¬ 
baren Gases im deutschen Sprachgebiete. Von F. v. Oefele (Neuenahr). S. 455. — 4. Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 
Von C. Ballod (Jena). (Fortsetzung.) S. 458. — 5. Geographische Mitteilungen. (Venus als Abend- und Morgenstern; Eine 
Forschungsreise im centralen Asien.) S. 462. — 6. Litteratur. (Sievers; Träger; Bilfinger.) S. 463. 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 

Hin Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. 

Von Emil Wisotzki (Stettin). 

Es erscheint ganz selbstverständlich, dass von 
den Meeresstrassen den Griechen besonders der Helles- 
pont und der Bosporus bekannt waren, schon weniger 
die Strassen von Kertsch und Gibraltar, weit weniger 
die von Bab el Mandeb, gar nicht die dänischen 
Sunde. 

Seit dem 7. Jahrhundert brach die glänzende 
Entwickelung der griechischen Seefahrt und Kolo¬ 
nisation an; die kleinasiatischen Griechen thaten es 
hierin allen anderen zuvor. Unter ihnen waren wie¬ 
der die Phokäer die unternehmendsten Seefahrer, 
welche die Säulen des Herkules erreichten, ja über 
sie hinausgingen und hier Verbindungen anknüpften. 
Aber besser wurde man mit dem Norden und Osten 
des Mittelmeeres bekannt. Nach dem Pontus lenkten 
die Milesier ihre Schritte, an den Küsten desselben 
wuchsen bald ihre Pflanzstädte empor. Seefahrer 
und Kaufleute lernten hier bald die Strömungen in 
dem Kimmerischen und Thrakischen Bosporus und 
im Hellespont kennen. Sicherlich haben die joni¬ 
schen Geographen Anaximander, Hecatäus u. a. 
Kenntnis von ihnen gehabt. Aber erst Herodot, 
»der wichtigste Zeuge für den Verlauf der ersten 
Periode der wissenschaftlichen Erdkunde der Grie¬ 
chen« *), ist es, welcher, wohl auch noch auf eigene 
Erfahrungen gestützt, in der zweiten Hälfte des 5. Jahr¬ 
hunderts uns früheste Kunde von denselben gibt. 

Im vierten Buche seines Geschichtswerkes er¬ 
zählt Herodot den Feldzug desDarius gegen die 
Skythen. Wie überall flicht er auch hier in seine 
geschichtliche Darstellung die Beschreibung der be- 

*) Berger, Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde 
der Griechen, I, Leipzig 1887, S. 145. 

Ausland 1892, Nr. 29. 


treffenden Länderräume ein und beschreibt den Pon¬ 
tus. Die Mutter desselben, sagt er, ist die Mäotis, 
»ein See, der sich in ihn ergiesst und nicht viel 
kleiner ist als er selber«. Der Bosporus wird die 
»Mündung« des Pontus genannt. »Der Hellespont 
endlich fällt in den weiten Schlund des Aegäischen 
Meeres*).« Derselbe wird denn auch geradezu 
»TtoTajiöc« genannt 2 ). Eine Strömung in der Strasse 
von Gibraltar kennt Herodot noch nicht. Gründe 
der Erscheinung werden nirgends beigebracht. 

Die Kenntnis der genannten Strömungen im 
Kimmerischen und Thrakischen Bosporus und im 
Hellespont hat sich dauernd erhalten, und schon 
Aristoteles schritt dazu, die Ursachen derselben 
zu finden. Ihm war die Mäotis als das seichteste 
aller Meere bekannt, er wusste, dass der Pontus 
flacher sei, als das Aegäische Meer, dass die west¬ 
wärts gelegenen Becken des Mittelmeeres, das Jonische 
und Tyrrhenische, noch tiefer seien. Die Ursache 
hierfür sah er in der unablässigen Ablagerung von 
Sinkstoffen, welche durch die zahlreichen grossen 
Ströme in den Pontus und in die Mäotis hinein¬ 
geführt würden. Diese Sedimente erhöhten allmäh¬ 
lich den Boden, verdrängten das Wasser und ver- 
anlassten so die fortwährende Ausströmung der 
genannten Meere durch Bosporus und Hellespont 3 ). 

Derselben Ansicht huldigte seine Schule, ich 
nenne vor allen Theophrast und Strato von 
Lampsacus. Nach Strabo, unserer leider oft trüben 
Hauptquelle hierfür, ging ihre Auffassung ebenfalls 
dahin, »der Pontus sei am seichtesten, das Kretische, 
Sicilische und Sardinische Meer dagegen sehr tief; denn 
durch die sehr zahlreichen und grossen, von Norden 
und Osten einströmenden Flüsse werde jener mit 

J ) IV, 85, 86. 

2 ) vii, 35. 

s ) Meteorol. I, 14, 30; II, i, 12. Vgl. Berger a. a. O., 
II, 112—123; III, 63. 

57 


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45 ° 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


Schlamm angefüllt, die übrigen aber blieben tief. 
Daher sei auch der Pontus das süsseste Meer, und 
die Abflüsse fänden nach solchen Gegenden hin statt, 
wohin sich der Boden abdache 1 ).« »Strato meint, 
was den Flüssen begegne, das finde auch beim 
Meere statt, nämlich ein Herabfliessen von höher 
gelegenen Punkten. Denn sonst würde er nicht die 
Ursache der Strömung bei Byzantium im Boden 
suchen, indem er sagt, der Boden des Euxinus sei 
höher als der der Propontis und des äusseren Meeres, 
und zugleich die Ursache hinzufügt; durch den 
von den Flüssen hineingeführten Schlamm nämlich 
werde die Meerestiefe ausgefüllt und seicht, und des¬ 
halb fliesse auch das Wasser nach aussen. Dieselbe 
Ansicht aber trägt er auch auf unser ganzes Meer 
im Verhältnis zum äusseren über, als ob auch dieses 
einen höheren Boden bilde, als der sei, der sich unter 
dem Atlantischen Meere befinde. Denn auch dieses 
wird von mehreren Strömen angefüllt und empfängt 
einen entsprechenden Bodensatz von Schlamm. Folg¬ 
lich müsse auch bei den Säulen und bei Kalpe eine 
ähnliche Ausströmung erfolgen, wie bei Byzantium.« 
»Doch lassen wir dies,« fügt Strabo hinzu, »denn 
man wird sagen, sie finde auch wirklich dort statt, 
werde aber durch die Ebbe und Flut verzogen und 
unbemerkbar gemacht 2 ).« 

Auch Eratosthenes (Vorsteher der Bibliothek 
zu Alexandria, 276—195 v.Chr.) wird wohl im ganzen 
sich diesen Auffassungen angeschlossen haben. Er 
scheint aber auch ausserdem noch hingewiesen zu 
haben darauf, dass »das innere Meer, obgleich es,« 
wie er selbst sagt, »nur eins ist, keine gleiche Ober¬ 
fläche habe, nicht einmal an einer der nahen Stellen. 
Deswegen wären auch die Meerengen stark flutend.« 
Die Ursache der Strömung des Bosporus sei, »dass 
das Meer an beiden Seiten eine verschiedene Ober¬ 
fläche habe 3 )«. Etwa 50 Jahre nach dem Tode des 
Eratosthenes beschäftigte sich auch nebenbei mit 
unserer Frage Hipparch von Nicäa in Bithynien 
(165—125 zu Rhodos lehrend), der grösste Astronom 
des Altertums. Derselbe wies gelegentlich darauf 
hin, dass der Bosporus nicht immer gleichmässig 
ströme, ja »bisweilen sogar Stillstände machte 4 )«. 

Klar und deutlich lässt Polybius, ein Zeit¬ 
genosse des Hipparch, sich über die Strömungen 
im Bosporus vernehmen. »Dass aber sowohl die 
Mäotis, als auch der Pontus ununterbrochen nach 
aussen strömen, hat einen doppelten Grund. Der 
erste, welcher allen von selbst einleuchtend ist, ist 
folgender. Wenn viele Ströme in den Umkreis von 
einem scharf umgrenzten Becken fallen, so wird die 


J ) Strabo, C. 49, 50. Hierbei wurde vielfach und bis 
in die modernste Zeit hinein die Frage erörtert, ob die Strasse 
von Gibraltar entstanden sei durch einen Einbruch des Atlanti¬ 
schen Oceans ins Mittelmeer, oder umgekehrt; also ob der Pontus 
oder der Ocean die Mutter des Mittelmeeres sei. 

*) Strabo, C. 51. 

*) Strabo, C. 54, 55. 

4 ) Strabo, C. 55. 


Flüssigkeit darin immer grösser und grösser; wenn 
diese nun keinen Abfluss hätte, so würde es not¬ 
wendig sein, dass sie beim Steigen einen immer 
grösseren und weiteren Raum der Vertiefung ein¬ 
nehmen; wenn aber Abflüsse da sind, so muss not¬ 
gedrungen die hinzukommende und höher steigende 
Flüssigkeit, sobald sie die vorhandenen Mündungen 
überragt, durch dieselben unausgesetzt abfliessen und 
dahinströmen. Der zweite Grund ist der, dass, da 
die Flüsse zur Zeit der anhaltenden Regengüsse viel 
und mancherlei Geröll in die vorerwähnten Becken 
hinabführen, die Flüssigkeit also, durch den aufge¬ 
häuften Schutt von ihrer Stelle verdrängt, immer 
höher steigt und aus demselben Grunde durch die 
vorhandenen Oeffhungen hinausströmt. Da nun aber 
das Hineinführen des Gerölles und das Zuströmen 
des Wassers unaufhörlich und ununterbrochen statt¬ 
findet, so muss notwendig auch der Abfluss durch 
jene Mündungen ein unaufhörlicher und ununter¬ 
brochener sein *).« Wie unzweifelbar diese Gründe 
Polybius erschienen, geht wohl am besten daraus 
hervor, dass er hinzufügt: »ihre Glaubwürdigkeit 
finden dieselben nicht in Erzählungen von Kauf¬ 
leuten, sondern in Gesetzen der Natur«. Als weitere 
Erscheinung führt er an die allmählich vor sich 
gehende Aussüssung des Pontus: »Während die 
Mäotis früher, wie die Alten einstimmig sagen, ein 
mit dem Pontus in Verbindung stehendes Meer war, 
so ist es jetzt ein Süsswassersee, da das Meer durch 
den aufgehäuften Schutt hinausgedrängt ist und das 
einströmende Wasser der Flüsse den Sieg davon¬ 
getragen hat. Aehnlich wird es auch mit dem Pon¬ 
tus geschehen, ja es geschieht jetzt schon; aber es 
ist nur wegen der Grösse der Vertiefung für die 
Menge nicht recht deutlich zu erkennen, für den¬ 
jenigen jedoch, der nur ein wenig darauf achtet, 
ist dieser Prozess schon jetzt offenbar. Um wie 
viel jetzt die Mäotis süsser ist, als der Pontus, um 
so viel ist der Pontus von dem Meere bei uns ver¬ 
schieden u. s. w. 2 ).« Polybius berichtet übrigens 
auch, dass die Strömung im Bosporus mehrfach von 
einem Ufer zum anderen sich hinüberschlängle. 

Was Strabo betrifft, zu dem wir uns nun 
wenden, so lässt derselbe seine eigene Meinung über 
die Ursache der ihm wohlbekannten Strömungen 
im Bosporus und im Hellespont nicht deutlich er¬ 
kennen. 

Bei der immer regen Lust zu kritischen An¬ 
griffen gegen viel bedeutendere Vorläufer, wie Era¬ 
tosthenes, Strato u. a., geht die Thatsache an 
sich oft in die Brüche. Nur so viel steht fest, dass 
Strabo den behaupteten Einfluss eines vom Pontus 
zum Mittelmeer geneigten Bodens auf die Strömung 
geleugnet; auch erfolge die Anschlämmung nur an 
den Mündungen der Flüsse selbst, die eigentliche 
Meerestiefe selbst werde dadurch nicht weiter be- 


') Polybius, Geschichte, IV, 39. 
2 ) A. a. O., IV, 40, 42, 43. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


451 


rührt. Die Annahme des Eratosthenes, dass das 
Mittelmeer »keine gleiche Oberfläche, nicht einmal 
an einander nahen Stellen« habe, erklärt Strabo 
für eine »unverständliche Behauptung«, auch könne 
dieser Umstand, selbst wenn er vorhanden, die 
Strömung nicht erklären. Er macht zwar die richtige 
Bemerkung, dass »die Art, wie die Meerengen, und 
zwar jede ihrer Gattung nach, strömen, keineswegs 
ein und dieselbe ist«, aber seine eigene Auffassung 
tritt, wie gesagt, wegen allzu grosser kritischer 
Spitzfindigkeit gegen seine Vorgänger nirgends 
hervor*). 

Man könnte sich wundern, dass Aristoteles, 
Strato, Eratosthenes, Polybius u. s. w. in 
der anschwemmenden Thätigkeit der Flüsse die, oder 
doch wenigstens eine Ursache jener Strömung ge¬ 
sehen; aber w r enn wir uns erinnern, dass die alten 
Geographen über die Alluvionskräfte der Flüsse über¬ 
haupt höchst übertriebene Vorstellungen hatten, so 
werden w’ir auch jene Auffassung derselben ver¬ 
stehen. 

Von der aus dem Atlantischen Ocean ins Mittel¬ 
meer gerichteten Strömung scheinen alle die genannten 
Autoren keine Kenntnis gehabt zu haben, ja bei 
Strabo findet sich, wie schon oben angedeutet, die 
Möglichkeit der Annahme einer in entgegengesetzter, 
also in westlicher Richtung stattfindenden Strömung. 
Uebrigens wäre es wohl möglich, dass Pytheas 
von Massilia bei dem geographischen Scharf¬ 
blick, der ihm eigen gewesen sein muss 1 2 ), auf 
seiner Nordlandsfahrt die Gibraltarströmung kennen 
gelernt hätte. 

Auch bei anderen von uns befragten Schrift¬ 
stellern des Altertums findet sich nichts weiter über 
die Strömungen im Bosporus, als was wir schon 
kennen gelernt, so bei Dionysius von Byzanz, 
der um das Jahr 200 n. Chr. ein eigenes Werkchen 
über denselben schrieb 3 ). Doch schildert er genauer, 
wie nicht an allen Stellen der Strasse die Strömung 
eine gleich schnelle sei, sondern, je nachdem die 
Ufer sich einander nähern oder sich von einander 
entfernen, bald schneller, bald langsamer erfolge. 

Epoche aber geradezu macht in der Lehre von 
den Strömungen in den Meeresstrassen Prokop 
von Cäsarea, der Geschichtschreiber der Regie¬ 
rung Justinians des Grossen. Derselbe ist näm¬ 
lich, soweit ich wenigstens die Litteratur überschaue, 
der erste, welcher von einer Unterströmung im Bos¬ 
porus spricht, die der Oberströmung entgegengesetzt 
aus der Propontis in den Pontus fliesst. Auf diesen 
Gegenstand kommt Prokop bei der Darstellung der 
Einteilung der Oekumene in die drei Kontinente 
und bei der Frage nach den Grenzen derselben. Er 
sagt: »Gewiss verhält sich solches nicht völlig auf 
diese Weise. Denn diejenigen, welche in diesen 

1 ) Strabo, C. 49“ 5 ^, 3 2 °» 59 *- 

2 ) Vgl. Berger a. a. O., III, 33. 

8 ) De Bospori navigatione quae supersunt, edidit Carolus 
Wescher, Parisiis 1874, cap. I—V. 


Gegenden mit der Angel fischen, behaupten, dass 
nicht der ganze Strom gerade auf Byzanz zugehe, 
sondern die obere uns sichtbare Wasserfläche auf 
solche Weise dahin fliesse, der Teil des Wassers 
aber etwas weiter unten, wo die Tiefe ist und so 
genannt wird, offenbar einen dem oberen Wasser 
entgegengesetzten Weg nehme und beständig um¬ 
gekehrt, als wie es den Augenschein habe, ströme. 
Wenn daher diejenigen, welche auf den Fang von 
Fischen ausgehen, ihr Angelgarn auswerfen, so treibt 
dies, von der Strömung beständig überwältigt, in 
der Richtung nach Hieron fort. Bei Lazike aber 
stösst von allen Seiten das Land den Fortgang des 
Meeres ab, schiebt seinen Lauf zurück und bewirkt, 
dass es hier zuerst und allein sein Ende nimmt, 
weil nämlich der Weltschöpfer ihm hier die Grenzen 
gesetzt hat. Denn wenn hier das Meer das Gestade 
berührt, geht es nicht weiter fort, steigt auch nicht 
zu einer grösseren Höhe, ob es gleich von allen 
Seiten durch die Mündungen unzähliger und ausser¬ 
ordentlich grosser Ströme ringsum Zufluss erhält, 
sondern zieht sich durch entgegengesetzte Bewegung 
zurück, sein eigentümliches Maass berechnend, und 
bewahrt seine Grenze, die es wie ein Gesetz mit 
Ehrfurcht achtet, durch die hieraus entspringende 
Notwendigkeit sich sorgfältig zusammendrängend 
und sich hütend, dass es nichts von der bestehenden 
Einrichtung zu übertreten scheine*).« Es dürfte für 
sehr wahrscheinlich gehalten werden, dass nicht erst 
zurZeit Prokops von Cäsarea Fischer bei Aus¬ 
übung ihres Gewerbes die Unterströmung bemerkt 
haben, sondern dass dies sicher schon früher ge¬ 
schehen ist, wenn uns auch kein Bericht hierüber 
überliefert sein sollte, worauf bereits Tournefort 
im Jahre 1717 hin wies. Hierfür spricht noch weiter 
der Umstand, dass auch später die Berichterstatter, 
zum Teil gerade bei entscheidenden Wendepunkten 
der Entwickelung unserer Kenntnis, an ihnen von 
Fischern gewordene Mitteilungen anknüpfen. Bei 
letzteren hat sich diese Kenntnis sicherlich dauernd 
im Gewerbe fortgeerbt. 

An der Schwelle der Neuzeit hat kein Geringerer 
als der geniale Lionardo da Vinci unserer Frage 
seine Aufmerksamkeit zugewendet. Derselbe sah in 
dem Mittelländischen Meer den grössten Strom der 
Erde, welcher sich von den Quellen des Nil bis 
zum Atlantischen Ocean bewege. Durch die Strasse 
von Gibraltar ströme das Mittelmeer in den Ocean. 

Lionardo hatte also eine der Wirklichkeit 
gerade entgegengesetzte Auffassung. Dagegen war 
ihm der Abfluss des Pontus durch den Bosporus 
zur Propontis bekannt; die Ursache fand er in 
dem höheren Wasserstande des Pontus, der seiner¬ 
seits wieder veranlasst würde durch die Wasser¬ 
massen von Don und Donau und unterirdischen 
Zufluss vom Kaspischen Meer her. Die Unter- 


*) Geschichte seiner Zeit. Gotische Denkwürdigkeiten. 
Deutsch von Kanngiesser, Greifswald 1831, lib. IV, cap. VI. 


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452 


Winterkurorte an der Riviera. 


Strömung im Bosporus war ihm gänzlich unbekannt: 
»The Black Sea flows always into the Egean sea, 
and the Egean sea never flows into it. For the higher 
always fall towards the lower, and never the lower 
towards the higher 1 ).« 

Eingehender dagegen beschäftigte sich mit dem 
Bosporus der Franzose Petrus Gyllius, ein Zeit¬ 
genosse von König Franz I. und auch durch diesen 
in seinen Bestrebungen unterstützt. 

Gyllius nun war selbstverständlich, schon als 
Herausgeber des Dionysius von Byzanz, mit 
der aus dem Schwarzen Meer zum Marmara-Meere 
erfolgenden Oberströmung bekannt. Aber er wusste 
auch von der Unterströmung. Er erzählt nämlich, 
dass die Fischer, »nostrae aetatis piscari in Bosporo 
soliti«, bezeugten: »neque omnino totum Bospori 
fluxum abire Byzantium, sed ejus quandam partem 
superam, et summam hominum oculis perspicuam 
ex Ponto deferri Byzantium versus; alteram vero 
partem inferam attingentem vadum, contra decur- 
sum superi et summi fluctus procedere«. Dies schlössen 
die Fischer daraus, »quod postquam retia dejecerunt 
in profundam altitudinem, semper ab imo fluxu 
asportata feruntur sursum ad fanum versus«. Es 
scheint, als ob Gyllius auch an die Ursache der 
Unterströmung gedacht. Dieselben Fischer hätten 
ihm nämlich erzählt, im Bosporus befänden sich ge¬ 
waltige »gurgites et voragines«. Und er selbst fügt 
hinzu: »Vidi tempestatibus navigia demersa nusquam 
exstitisse, neque eorum vectores, quod argumento est 
fretum hoc quosdam abyssos et voragines habere: 
in quarum altitudinem contrariis fluctibus praecipitia 
agantur, eaque demergantur*).« Gyllius weist 
dann die mehrfach ausgesprochene Behauptung zu¬ 
rück, dass das Schwarze Meer sich in einen Sumpf 
verwandeln würde; das verhindere der beständige 
Zufluss und Abfluss. Auch ist ihm der ausserordent¬ 
lich geringe Salzgehalt des Pontus im Gegensatz zum 
Aegäischen Meere wohlbekannt. Bewiesen würde 
dies durch den Umstand, dass der Bosporus im Jahre 
756 n. Chr. zugefroren war. 

Uebrigens will ich nicht unterlassen, darauf hin¬ 
zuweisen, dass Gyllius vielleicht jene oben von 
uns mitgeteilte Stelle aus Prokop von Cäsarea 
Vorgelegen, wenn er diesen auch nicht nennt. Denn 
abgesehen von stellenweise fast wörtlicher Ueberein- 
stimmung, schliessen beide mit der Erklärung, ihre 
Meinung über die Unterströmung keinem aufdrängen 
zu wollen, jeder möge darüber denken wie er wolle! 

Aber noch über ein ganzes Jahrhundert sollte 
vergehen, bis die Kenntnis der Unterströmung im 
Bosporus allgemein zu werden begann und auch 


1 ) Lionardo da Vinci, the literary works compiled and 
edited from the original inanuscripts by Jean Paul Richter, 
vol. II, London 1883, § 1091, 1092, 1107, 1108. 

2 ) Petri Gyllii de Bosporo Tracio libri III, abgedruckt 

in Jacob Gronovius, Thesaurus Graecarum antiquitatum, VI, 

Lugduni Batavorum 1699, lib. I, cap. 4, fol. 3114. Das Original 

erschien 1561. 


über die anderen Meeresstrassen geläuterte Auffas¬ 
sungen sich zu zeigen beginnen. Fürs erste kannte 
man allgemein nur die Oberflächenströmung im Bos¬ 
porus und Hellespont. So lässt Shakespeare Othello 
schwören: 

»So wie des Pontus Meer, 

Des cis’ger Strom und fortgewälzte Flut 
Nie rückwärts ebben mag, nein, unaufhaltsam 
In den Propontis rollt und Hellespont; 

So soll u. s. w. *).« 

Auch Giovanni Botero kennt den Abfluss 
der Mäotis und des Schwarzen Meeres durch den 
Bosporus und Hellespont, veranlasst durch den starken 
Zufluss aus den umliegenden Gebieten 2 ). Ueber 
die Ostsee heisst es: »Quando la corrente, spinta 
da i venti, viene da settentrione, l’acqua ha tanto 
del dolce, che li marinari l’usano per cucinare. II 
che procede dalla moltitudine de i fiume che vi 
sboccano. II contrario avviene quando la corrente 
procede da ponente 3 ).« 

Paulus Bertius bespricht zwar Meeresströ¬ 
mungen an verschiedenen Stellen der Erdoberfläche, 
auch nennt er die Bosporus-Strömung, aber den 
Gibraltar-Strom finden wir nirgends erwähnt. Nur 
seien »circa hoc fretum propter oceani viciniam 
aestus majores quam in reliquo mari Mediterraneo 4 )«. 

(Fortsetzung folgt.) 


Winterkurorte an der Riviera. 

Von Elise Emmel (Rom). 

I. Route de la Corniche 5 ). 

Es gibt nicht viele Landstrassen in Europa, die 
dem alten Wege von Nizza nach Mentone, der 
eigentlichen Route de la Corniche, an Grossartig¬ 
keit und Schönheit gleichkommen. Deshalb ist auch 


>) Othello, III, 3. 

*) Le Relationi del mare etc., in Venetia 1599, p. 253, 255. 

3 ) Relationi universali d’Europa, Venetia 1599, I, I, p. m. 

4 ) Bertius, Tabularum geographicarum contractarum libri 
quinque, edit. III, Amstel. 1605, p. 15, 91. 

5 ) Die gegenwärtige Route de la Corniche wurde erst im 
Jahre 1828 vollendet und hat folgendem Umstande, wie ich ge¬ 
hört habe, ihre Entstehung zu verdanken. Der König von 
Sardinien, Karl Felix (1821—1831), hatte eine grosse Vorliebe 
für Nizza, wo er sich oft aufhielt. Sein Weg von Turin führte 
über den Col di Tenda, die Grenzscheide zwischen den Seealpen 
(westlich) und den Apenninen (östlich). Einmal während seines 
Aufenthaltes in Nizza fiel so bedeutender Schnee, dass es un¬ 
möglich wurde, diesen 1873 m hohen Pass zu überschreiten. 
Dem König blieb daher nichts übrig, als zu Wasser nach Genua 
zu reisen, von wo aus er seine Residenz leicht erreichen konnte. 
Aber gleich nachdem er sich eingeschifft hatte, erhob sich ein 
gewaltiger Sturm, und die See ging so hoch, dass der hohe 
Herr sich gezwungen sah, umzukehren. Die Bewohner der Riviera, 
welche sich schon lange um die Erlaubnis beworben hatten, eine 
Strasse an der Küste entlang zu bauen, erneuerten, die günstige 
Gelegenheit benutzend, ihr Gesuch und erlangten die Einwilligung 
des Königs. In unglaublich kurzer Zeit wurden Schluchten aus¬ 
gefüllt, Felsen gesprengt und beiseite geschafft und die Strasse 
fertig gestellt. 


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Winterkurorte an der Riviera. 


453 


den Reisenden, welche zum erstenmal an die Riviera 
gehen, anzuraten, auf dieser Strecke nicht die Eisen¬ 
bahn zu benutzen, sondern die herrliche Fahrstrasse 
zu wählen (30 km, die man zu Fuss in sechs Stun¬ 
den zurücklegt). Im Norden erheben sich die (im 
Winter schneebedeckten) Seealpen wie ein riesen¬ 
haftes Bollwerk; nach Süden hin erstreckt sich das 
Mittelländische Meer, in dessen blauen Wellen sich 
unzählige Städte und Dörfer wiederspiegeln, teilweise 
an der Küste anmutig hingelagert, während andere 
zerstreut, inmitten üppigster Vegetation an den Ab¬ 
hängen der Hügel oder auf den Gipfeln der Berge 
liegen. Hier ragt ein spitzer Kirchturm hervor, dort 
zeigt sich ein altersgraues, halb im Gebüsch ver¬ 
stecktes Kloster. Weisse, mit Fresken geschmückte 
Villen, umgeben von zauberischen Gärten, kleine 
Landhäuser, in Orangen- und Citronenhaine gebettet, 
erfreuen das Auge, wohin es auch blickt. Auf den 
Hügeln, deren felsiger Boden jetzt in Terrassen um¬ 
gestaltet und bis an die höchsten Punkte hinauf mit 
Oelbäumen bepflanzt ist, sieht man unzählige weisse 
Gartenhäuschen mit grünen Fensterläden. In grossen, 
unregelmässigen Windungen zieht sich die Route de 
la Comiche hoch oben am Meeresgestade hin. Manch¬ 
mal führt dieselbe durch Oliven-, Orangen- und 
Tamarindenhaine, dann wieder klimmt sie an einem 
steilen Berge empor, so dass man, von der Höhe 
herabblickend, vor dem unten gähnenden Abgrund 
entsetzt zurückschaudert. Oefters bahnt sie sich ihren 
Weg durch dunkle, in den Felsen gebrochene Ga¬ 
lerien, und tritt der Reisende aus diesen heraus, so 
schweift sein entzückter Blick über den tiefblauen 
Himmel, das weite Meer und die malerische Land¬ 
schaft. Dann erreicht die Strasse bergauf und bergab, 
an überhängenden Felsblöcken (Halbgalerien) vor¬ 
überführend, »La Turbia«, mit kolossalem Römer¬ 
turm, die Ruinen der »Tropaea Augusti«, welche 
zur Erinnerung an die Unterwerfung der ligurischen 
Völker (12 n. Chr.) errichtet w T orden waren. Von 
hier umfassende Aussicht auf Monaco, Monte Carlo 
und die Küste bis Bordighera. Oft senkt sich 
die Strasse, in der entgegengesetzten Richtung jäh 
zum Meere hinabführend. Der Wechsel dieser herr¬ 
lichen Scenerien ist ebenso mannigfaltig, wie die 
Bilder eines Kaleidoskops. Die reichen Tinten, die 
Durchsichtigkeit der Luft, den tiefblauen Himmel, 
die Schönheit des Mittelländischen Meeres zu schil¬ 
dern, ist meine Feder nicht im stände. Beim Pont 
St. Louis erreicht die Strasse die italienische Grenze; 
ganz in der Nähe derselben befindet sich die Dogana. 
Diese Brücke ist höchst malerisch über eine tiefe 
Felsschlucht gespannt. Von hier aus prachtvolle Aus¬ 
sicht auf das Meer und die Küste von Bordighera 
bis zu dem grossen, rötlich schimmernden Vor¬ 
gebirge »La Tete du chien«; darunter an einem 
Felsenabhang der alte Palast Orengo. Der Eintritt 
in Italien gleicht hier der Pforte des Paradieses. 
Man wird mit einemmale in das gelobte Land der 
Citronen und Orangen versetzt. 

Ausland 1899, Nr. 99. 


II. Mentone (frz. Menton). 

Mentone soll sich seit etwa vier Jahrzehnten 
ungemein verändert haben. Der jetzt so bekannte 
und namentlich von Deutschen viel besuchte Kurort 
war um die Mitte dieses Jahrhunderts eine kleine, 
stille, fast nur von Italienern bewohnte Stadt und 
zählte nur etwa zwei bis drei Gasthäuser. Nach 
und nach hat er sich mehr und mehr ausgedehnt, 
verschönert und im ganzen einen eleganten, ja so¬ 
gar koketten Anstrich gewonnen. Grosse, palast¬ 
ähnliche Gebäude, Hotels, Pensionen und über 300 
reizend gelegene, zum Teil sehr elegante Villen sind 
wie Pilze emporgeschossen und bieten dem Kurgast 
ein behagliches Heim für den Winter. Hotel du 
Louvre liegt in einem schönen, sehr geschützten 
Garten und wird viel von Deutschen frequentiert. 
Hotel des lies Britanniques und Hotel National liegen 
auf einer Anhöhe mit prachtvoller Aussicht aufs 
Meer und die Seealpen. Auch für mittellose Per¬ 
sonen ist aufs beste gesorgt. Schon vor Jahren 
ist ein Krankenheim mit Namen »Helvetia« ge¬ 
gründet worden, welches Leidenden der verschieden¬ 
sten Nationen und Stände Unterkommen für den 
Winter (1. November bis 1. Mai) bietet. Dieses 
Heim befindet sich in schönster Lage im östlichen 
Stadtteile Gare ä vent. Die Behandlung der Kranken 
ist einem französischen Arzte überwiesen. Die Auf¬ 
sicht über das Haus führen Mr. Delapierre (fran¬ 
zösischer protestantischer Geistlicher) und seine Frau. 
Da die Ausgaben sehr bedeutend sind, so werden 
Beiträge und Geschenke mit bestem Dank ange¬ 
nommen. Auch wird alljährlich ein Bazar zum 
Besten dieser wahrhaft christlichen Gründung ab¬ 
gehalten. Es wird geraten, Aufnahmegesuche schon 
im Sommer einzureichen, da der Andrang zu diesem 
Heim natürlich ein ziemlich grosser ist. Dem Ge¬ 
suche müssen zwei Atteste beigefügt w r erden, eines 
von einem Geistlichen, welcher bestätigt, dass der 
oder die um Aufnahme Bittende nicht die Mittel 
besitzt, die Ausgaben in einem Hotel in Mentone 
zu bestreiten; das andere von einem Arzte, welcher 
bezeugt, dass der sich Bewerbende leidend sei, sein 
Zustand aber die Hoffnung auf Genesung nicht aus- 
schliesse und mindestens entschiedene Besserung er¬ 
warten lasse. 

Mentone zählt gegen 11000 Einwohner, aber 
während des Winters steigt diese Zahl durch das 
Herbeiströmen der Fremden aus allen Weltgegenden 
auf 15—16000 Seelen. Die Stadt gehörte früher 
zum Fürstentum Monaco, wurde 1849 für kurze 
Zeit unabhängig, kam dann unter sardinische Ver¬ 
waltung und wurde 1860 Frankreich einverleibt. 
Der Bezirk von Mentone erstreckt sich 1 l jz Meilen 
an der Küste entlang vom Kap Martin im Westen 
bis zum Kap Mortola im Osten. Der schöne Golf 
wird durch den Felsvorsprung, an dessen Abhange 
der alte Stadtteil sich hinzieht, in zwei fast gleich 
grosse Buchten geteilt, »la Baie de PEst« und »la 
Baie de TOuest«. Mehrere unbedeutende, nur in 

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454 


Winterkurorte an der Riviera. 


der Regenzeit stark anschwellende Bäche ergicsscn i 
sich in die Westbucht. Im Osten und Westen er¬ 
heben sich sanft gewölbte, scheinbar über einander 
getürmte Hügel, welche sich allmählich zum Meere 
hinabsenken. Ausser mehreren katholischen Kirchen 
besitzt die Stadt ein deutsch-protestantisches, ein fran- 
zösisch-reformiertes, ein schottisches und ein eng¬ 
lisches Gotteshaus. Die kleine deutsche Kirche liegt 
reizend, umgeben von Orangen- und Citronenbäumen, 
inmitten eines schönen Gartens. Viel Abwechselung 
und Zerstreuung bietet Mentone dem Kurgast nicht, 
wohl aber lohnende Spaziergänge und Ausflüge. In 
den Leihbibliotheken findet man Bücher in fast allen 
europäischen Sprachen, zwar fast nur Romane und 
Novellen, doch entspricht das ja dem Geschmack 
der grossen Menge. Es ist nicht leicht, Französisch 
oder Italienisch an der Riviera zu lernen, da die 
Bevölkerung einen Dialekt spricht und man reines 
Französisch oder Italienisch nur selten hört. Im 
»Cercle philharmonique« finden einige Konzerte und 
Bälle während des Winters statt. So vergeht der 
Winter den meisten Kurgästen ganz angenehm; nur 
wird ihre Stimmung manchmal durch die Nachricht 
getrübt, dass ein hoffnungslos Leidender das Zeit¬ 
liche gesegnet habe. Monte Carlo, durch die Eisen¬ 
bahn mit Mentone verbunden, übt leider durch seine 
Spielhölle grosse Anziehung auf die Fremden aus 
und fordert alljährlich viele Opfer. Das Winterklima 
von Mentone ist bedeutend milder, als dasjenige von 
Nizza und den anderen an der Riviera gelegenen 
Kurorten, da die Stadt gegen Süden am Meere ge¬ 
legen, vor den Nordost- und Nordwinden aber durch 
die Seealpen vollständig geschützt ist. An der Ost¬ 
bucht ist es noch ein wenig wärmer, als an der 
Westbucht, weil dort die Sonnenstrahlen von den 
nackten Kalkfelsen zurückgeworfen werden, welche 
unweit des Meeres amphitheatralisch aufsteigen. Dass 
die durchschnittliche Wärme bei Mentone eine ver¬ 
hältnismässig bedeutende ist, beweist die Vegetation. 
Nur in Palermo, 5—6 Grad südlicher, findet man, 
wie hier, ausgedehnte Anpflanzungen von Citronen¬ 
bäumen, welche gleich den Obstbäumen unseres 
Nordens im Freien wachsen. Nahe dem Pont St. 
Louis, dem geschütztesten und wärmsten Teile des 
Ortes, sind die Berge bis zur halben Höhe hinauf 
mit Citronenbäumen beflanzt. Das ganze Jahr hin¬ 
durch blühen und durchwürzen sie die Luft mit 
ihrem Wohlgeruch. Auf diesen vor allen kalten 
Winden geschützten und der Sonne vom Morgen 
bis zum Abend ausgesetzten Terrassen kennt man 
den Winter nicht. An der Küste, und zwar gegen 
Mittag, weht auch in Mentone oft ein kühler, em¬ 
pfindlicher Wind, »Mistral« genannt, doch in den 
nahen, von einem Halbkreis mächtiger Felsgruppen 
umgebenen Thälern spürt man nichts davon. Die 
Umgebung der Stadt gleicht schon im Februar einem 
Blumengarten. Die Mandel- und Pfirsichbäume stehen 
alsdann in vollster Blüte; die Flora ist überaus reich, 
eine grosse Anzahl Frühlingsblumen, welche im 


Norden mühsam in Gärten gezogen werden, wachsen 
hier wild. Aber nicht bloss für den Botaniker ist 
die Gegend interessant, sondern auch für den Geo¬ 
logen, welcher hier ein dankbares Feld für seine 
Studien findet. In den ausgewaschenen Höhlen der 
roten Kalkfelsen (Rochers rouges), die an der Grenze 
der Ostbucht emporsteigen, sind Knochen vorsint¬ 
flutlicher Tiere, Steinäxte und vor langer Zeit auch 
ein menschliches Gerippe gefunden worden. Die 
meisten der hier weilenden Wintergäste sind brust- 
oder nervenleidend; doch sucht auch eine grosse 
Anzahl den sonnigen Kurort nur deshalb auf, um 
den Tücken des nordischen Winters zu entgehen, 
oder um einige Zeit, auf der Reise nach Italien, in 
der herrlichen Natur auszuruhen. Die »Promenade 
du Midi«, von Osten nach Westen am Strande ent¬ 
lang führend, ist bei den Fremden am beliebtesten; 
von 11 Uhr morgens an bis 3 Uhr nachmittags ist 
sie meist sehr belebt. An der Westbucht befindet 
sich an dieser Promenade der sog. »Jardin public«, 
der leider nicht ganz der Bedeutung des Kurortes 
entspricht, da er zu klein ist und zu nahe am Meere 
liegt; Pflanzen und Bäume gedeihen nicht besonders, 
weil sie dem scharfen Nordostwinde zu sehr aus¬ 
gesetzt sind. Ein grosser Uebelstand ist auch, dass 
die Wäscherinnen in der Nähe dieses Gartens ihre 
Arbeit verrichten. Der Seifengeruch verpestet die 
Luft, und das laute Geschwätz dieser Frauen ist oft 
sehr störend. Aloen und niedrige Sträucher werden 
nicht verschont, sondern mit Wäschestücken aller 
Art behängen. — Der Blick von diesem Garten aus 
auf die Ostbucht »Gare ä vent« ist sehr schön. Die 
Ausläufer der hohen Berge treten nahe an das Meer 
heran, und am Abhang eines Felsens liegt malerisch 
der alte Stadtteil, gekrönt von der stattlichen Kathe¬ 
drale. Leider führt die Promenade du Midi nicht 
durch die ganze Stadt; ein grosser Nachteil für die 
Fremden, welche an der Ostbucht wohnen, da sie 
genötigt sind, eine der engen, zugigen Gassen zu 
passieren, um in den öffentlichen Garten und in die 
Rue St. Michel zu gelangen. In letzterer befinden 
sich die grössten und bedeutendsten Läden. Jahr¬ 
hundertelang bildete eine enge Gasse, »Rue longue«, 
die einzige Verbindung zwischen Ost- und West¬ 
bucht. Erst Napoleon I. Hess eine, jetzt unter 
dem Namen »Quai Bonaparte« bekannte, gute Fahr¬ 
strasse bauen, welche unmittelbar am Fusse des alten 
Stadtteiles beginnt und sich am Ufer der Ostbucht 
fortsetzt. Mentone war vor 1811 gleich vielen an¬ 
deren Orten an der Riviera für Fuhrwerke unzu¬ 
gänglich und konnte nur zu Fuss, zu Pferde oder 
auf dem Seewege erreicht werden. 

Von den Leidenden begnügen sich die schwäch¬ 
sten, wenn sie vorsichtig sind, mit Spaziergängen 
und Fahrten am sonnigen Meeresufer; diejenigen, 
welche sich kräftiger fühlen, bedienen sich der sicher 
gehenden Esel, um Ausflüge in die umliegenden 
reizenden Thäler zu machen, während die Gesunden 
unter den Gästen als Bergsteiger ihre Kräfte prüfen. 


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Die ersten Quellen brennbaren Gases im deutschen Sprachgebiete. 


455 


Eine Menge der schönsten Spaziergänge und Touren 
in der Nähe der Stadt gewährt sicherlich auch den¬ 
jenigen hohen Genuss, die nicht zum erstenmal dem 
reizenden Kurorte einen Besuch abstatten. Hoffent¬ 
lich gibt es nur wenige, die unempfindlich gegen 
diese herrliche Natur, die unbeschreiblich schönen 
Farbeneffekte sind. Längere Ausfahrten kann man 
nach allen Richtungen hin unternehmen. Von der 
Westbucht aus führt eine schöne Fahrstrasse nach 
Roccabruna, im Osten eine ebenso gute nach Ven- 
timiglia und Bordighera. Ein ganz entzückender 
Weg zieht sich an der Meeresküste entlang nach 
Monaco. Sehr lohnend ist auch ein Spaziergang 
nach Kap Martin, zu den Ruinen des alten Klosters 
und dem Telegraphenturme. Ferner ist die Berg¬ 
strasse nach Sospello und Turin zu empfehlen, 
welche am rechten Ufer des in die Westbucht ein¬ 
mündenden Torrente Carrei hinläuft und dann in 
starken Kehren den Col di Guardia hinansteigt, 
dessen letzte Höhe ein 80 m langer Tunnel durch¬ 
bohrt. Ausflüge nach dem 765 m hoch auf zacki¬ 
gem Felsgrat gelegenen St. Agnese und nach dem 
1100 m hohen Berceau sind ebenso interessant wie 
lohnend, der umfassenden Aussicht wegen, die man 
von beiden Punkten aus geniesst. 

Die Arten der Bäume, welche der Riviera einen 
besonderen Stempel aufdrücken, sind nicht sehr zahl¬ 
reich. Unter diesen sind der Oelbaum, der Citronen- 
baum, der Eucalyptus, der Johannisbeerbaum (Ca- 
roubier) und die Korkeiche wohl diejenigen, welche 
die Aufmerksamkeit der Reisenden am meisten auf 
sich ziehen. Das Kap Martin zeichnet sich durch 
einen schönen Pinienwald aus. In den Gärten ge¬ 
deiht der japanische Mispelbaum, die Dattelpalme, 
deren Früchte jedoch nicht reifen, und der Feigen¬ 
baum. Letzterer macht im Winter mit seinen kahlen, 
wunderbar geformten Aesten einen unangenehmen 
Eindruck, wogegen im Sommer seine grossen, frisch¬ 
grünen, saftigen Blätter den besten Schutz gegen 
die heissen Sonnenstrahlen gewähren. In Mentone 
ist der Citronenbaum vorherrschend; während meines 
langen Aufenthaltes daselbst hatte ich Gelegenheit, 
von Fachmännern einiges über die Kultur der Ci- 
tronen- und Orangenbäume zu hören. Die haupt¬ 
sächlichsten Arten des Citrus sind: die Citrone, die 
süsse Citrone, die Apfelsine und die Pomeranze. 
Diese vier Gattungen sollen jedoch nicht zu gleicher 
Zeit nach Europa gebracht worden sein. Im 3. Jahr¬ 
hundert n. Chr. wurde der Citronenbaum zuerst in 
Süditalien eingeführt und wahrscheinlich erst einige 
Jahrhunderte später in Oberitalien, in Salö, an den 
Ufern des Gardasees. Hinsichtlich des Orangen¬ 
baumes wird angenommen, dass er von Kreuzfahrern 
aus dem heiligen Lande gebracht und zuerst in der 
Provence angepflanzt worden sei. Citronen- und 
Orangenbäume erreichen bisweilen ein Alter von 
hundert und mehr Jahren. Der Citronenbaum ist 
viel zarter als der Orangenbaum; ein bis zwei Grad 
Frost schaden dem ersteren, während letzterer einige 


Grad Kälte gut vertragen kann und nach 50 Jahren 
oft noch, ohne Schaden zu nehmen, verpflanzt wird. 
Daher kommt es auch, dass man an der Riviera 
viel mehr Orangen- als Citronenpflanzungen sieht; 
nur Mentone macht davon eine Ausnahme, wodurch 
es den Beweis liefert, dass es eine geschütztere Lage 
als die anderen Orte an der Riviera hat und strengen 
Nachtfrösten nicht ausgesetzt ist. Orangen- und 
Citronenbäume bedürfen ziemlich derselben Pflege 
und Behandlung. Die gepfropften Bäume tragen 
früher und sind dauerhafter, als die nur durch Kerne 
gezogenen. Der Orangenbaum ist schöner, eleganter, 
als der Citronenbaum, seine Blätter zeichnen sich 
durch dunkleres Grün aus, und seine Früchte heben 
sich gleich Goldäpfeln mehr vom Laube ab. Der 
Citronenbaum, von unregelmässigem Wüchse, hat 
dünneres, helleres Laub. Die ersten Citronen be¬ 
ginnen im November zu reifen und werden in 
mehreren auf einander folgenden Ernten bis zum 
März gepflückt, von wo an die Bäume zu gleicher 
Zeit Blüten und Früchte in jedem Stadium der Reife 
tragen. Die Citronen aus Mentone und dessen Um¬ 
gebung gelten als die besten im Handel und werden 
besonders nach den Vereinigten Staaten exportiert. 
Es werden jährlich etwa 30 Millionen geerntet. Die 
»c£drat« genannte Frucht ist von der Citrone völlig 
verschieden; sie wird oft grösser als ein Kinderkopf 
und nur zum Einmachen verwandt. Was die Apfel¬ 
sinen betrifft, so scheint man an der Riviera bis jetzt 
leider nicht darauf gesehen zu haben, nur gute Sorten 
von ihnen zu ziehen. Die Früchte, welche hier 
reifen, sind säuerlich und daher nicht besonders zu 
empfehlen. Uebrigens wird der Orangenbaum nicht 
nur seiner Früchte halber kultiviert, sondern haupt¬ 
sächlich seiner Blüten wegen, aus denen Orangen¬ 
blüten-Wasser, -Oel und -Elixir destilliert wird. Im 
Mai sind Männer und Frauen beschäftigt, die Orangen¬ 
blüten zu pflücken, da ein gesunder Baum dreimal 
so viel Blüten hervorbringt, als für die Ernte er¬ 
forderlich sind; seine Früchte reifen vom Dezember 
an bis zum Frühling. Die Blüten werden an die 
Parfümeriefabriken und an die Konditoreien abge¬ 
geben; das Oel, welches sie enthalten, verflüchtigt 
sich leicht, darum müssen sie ganz frisch verarbeitet 
werden. Bei einer mittelmässigen Ernte werden, 
wie mir erzählt wurde, aus dem Bezirk Mentone 
etwa 35000 Kisten, je 400 — 500 Citronen enthaltend, 
nach Amerika ausgeführt; nach Europa gewöhnlich 
20000 Kisten mehr. Diese Zahlen geben einen un¬ 
gefähren Begriff davon, welche Bedeutung der Handel 
mit Citronen für diesen Teil der Riviera hat. 

(Schluss folgt.) 


Die ersten Quellen brennbaren Gases 
im deutschen Sprachgebiete. 

Von F. v. Oe feie (Neuenahr). 

Im Anschlüsse an meine geologischen Erfolge 
mit Wasser spendenden artesischen Brunnen, darge- 


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Die ersten Quellen brennbaren Gases im deutschen Sprachgebiete. 


456 

legt im »Feuilleton« des »Fränkischen Kurier« 
Nr. 25 kann ich nun über einen interessanten Gas¬ 
fund berichten. 

In den jungen Ablagerungen der Donauhoch¬ 
ebene, über die wir seit einiger Zeit von Oberberg¬ 
direktor v. Gümbel eine ausführliche Arbeit be¬ 
sitzen, finden sich mehrfach Braunkohlenflöze. Am 
südlichen Rande, den Alpen zugekehrt sind dieselben 
mehrfach so mächtig, dass sie den Abbau verlohnen. 
Ich erinnere hier auf bayerischem Boden nur an 
Penzberg, Eurasburg, Hausham und Miesbach. Am 
nördlichen Rande ist die Kohle spärlicher. So wurde 
in meinem bisherigen Wohnsitze Hengersberg auf 
dem Boden eines Pumpbrunnen dem Urgebirge auf¬ 
lagernd ein dünnes Flözehen schönster Braunkohle 
entdeckt überlagert von ganz neogenen Schichten. 
Aber auch in der Mitte des Gebietes, z. B. bei Sim- 
bach am Inn, durchsetzt ein dünnes Braunkohlen¬ 
band die mioeänen Schichten der Oncophora socialis, 
und schon hier steigen aus den tieferen artesischen 
Brunnen alle Minuten mehrere grosse brennbare 
Gasblasen auf als Zeugnis für ein untermioeänes Flöz. 

Ganz neu für Centraleuropa ist aber das vor 
einigen Monaten erhaltene Resultat von Quellen 
brennbaren Gases bei Wels, einer Kreishauptstadt 
des Erzherzogtums Oberösterreich. Im allgemeinen 
sind die Schichtungsverhältnisse hier noch die gleichen 
wie im niederbayerischen Gebiete des unteren Rott- 
thales, nur dass die Wellung des Terrains etwas 
weniger stark sich zeigt, und dass gleichzeitig am 
rechten Traunufer im Uferhang wir eine Kopie des 
Mangfallhanges mit den Münchener Quellen vor uns 
haben. Doch nicht die anschliessenden Höhen mit 
ihren Schottermassen, ihren natürlichen Quellen und 
ihren Tuffbildungen sind, was uns interessiert, nein 
die westlich der Traun gelegene Ebene, die Reste 
eines früheren Stauungssees oder eines Gletscher¬ 
endes. 

Hier liegt am Flussufer die Stadt Wels und 
etwas mehr westlich der Bahnhof; aber noch über 
diesen hinaus nach Westen, nach Norden und vor 
allem nach Süden ruhen unsere Blicke einige Kilo¬ 
meter weit auf Flachland. Der Schreiber dies, im 
Namen der drei Entdecker, hat bei den zuständigen 
Ministerien schon die nötigen Schritte gethan, um 
sich für dieses Gebiet das Privilegium zu Bohrungen 
zu sichern. Hier ist, wie bei Pöcking an der Rott, 
das unebene Terrain der tieferen Schichten so mit 
Schottermassen überdeckt, dass die Unebenheiten zu 
einer Ebene ausgeglichen werden. Auch die Volks¬ 
bezeichnung Heide für diesen nicht gerade schlechten 
Getreideboden bestätigt die Gleichheit beider Ge¬ 
biete. In sehr trockenen Jahren ist es allerdings 
eine trostlose, dürre Wüste, weil das Wasser die 
erwähnte Kiesschicht schnell durchläuft. Nur in 
ihren tiefsten Teilen birgt letztere stets genügendes 
Wasser, das nicht unschwer durch Abessynierschlag- 
brunnen zu erhalten ist. Gewöhnliche Pumpbrunnen 
sind schwieriger anzulegen, da bei der Beweglich¬ 


keit des Kieses das Graben, Ausmauern und Spreizen 
des Schachtes mit grossem Aufwande an Zeit und 
Geld verbunden sind. Was das Wasser selbst an¬ 
langt, so ist dasselbe hart und angenehm zu trinken. 

Wenn nun auch durch Bohfungen gerade keine 
Aussicht auf weicheres oder sonst anderes Wasser 
erweckt werden konnte, so war doch der Gedanke 
an Wasser, das selbstthätig dem Boden entquillt, 
ein so verlockender, dass selbst unter der etwas 
phlegmatischen Bevölkerung von Wels der Wunsch 
nach artesischen Brunnen wach wurde. Während 
aber die übrigen Einwohner immer noch nach einem 
Deus ex machina umsahen, welcher ihnen bei der 
Erfüllung ihrer Wünsche behilflich sein sollte, ent¬ 
schloss sich ein Gärtner, der Joseph Ammer hiess, 
dazu, auf seinem Grunde die erste Bohrung vornehmen 
zu lassen. Dem österreichischen Altertumsforscher 
dürfte vielleicht zufällig dieser Mann bekannt sein; 
denn es ist noch nicht lange, dass auf seinem Grunde 
neben vielen antiken Scherben ein grösserer steinerner 
Löwe aus der Römerzeit ausgegraben wurde, der 
einst wahrscheinlich zu einer architektonischen Ver¬ 
zierung gehörte. Gleiche Löwen, aber in kleinerem 
Maasstabe, wurden auch anderwärts ausgegraben. 

Keine zehn Schritte von dieser Fundstelle und 
kaum dreihundert vom Bahnhofe in einem freien 
Garten von beiläufig 100 m im Geviert und in 
dem Terrain zwischen Stadt und Bahnhof, das in 
letzter Zeit durch Neubauten immer mehr eingeengt 
wurde, steht der »feuerspeiende Brunnen«, der bis 
jetzt (mit Ausnahme einiger Gasquellen der Pyre¬ 
näen) seinen nächsten Nachbarn in höchster Ver¬ 
ehrung in Baku besitzt. Es wurde hier bis 250 m 
Tiefe gebohrt. Die gefundenen Schichten bestanden 
aus Lehm und Mergel oder Schlier. Letzterer von 70 m 
an, in welcher Tiefe eine wasserliefernde Schicht 
liegt, ist wiederholt von porösen Zwischenschichten 
durchzogen. Je tiefer nun die Bohrung fortschritt, 
mit um so grösserer Gewalt strömte ein Gas aus, 
das bei der Enge des Bohrloches von nur zwei Zoll 
von der Wasserschicht etwas zurückgehalten, circa 
alle Viertelminuten einen Schwall Wasser heraus¬ 
schleudert. 

Hier will ich eine Erklärung für diese Erschei¬ 
nung geben, die sich durch Einsetzen engerer Rohre 
hat kontrollieren lassen. Während der Ausströmung 
des Gases aus der Tiefe sinkt von der überliegen¬ 
den Wasserschicht Wasser unter 70 m ein, anfäng¬ 
lich an den äusseren Partien sich trichter- oder röhren¬ 
förmig anlegend. Dabei findet eine fortschreitende 
Verengerung der centralen Oeffnung statt, die das 
Gas ausströmen lässt, bis sich eine massive Wasser¬ 
säule gebildet hat. Gleichzeitig hat sich aber die¬ 
selbe Säule verlängert und schliesst mit einem ge¬ 
wissen Drucke die Gasausströmung ab. Durch die 
nachsinkende Wasserlast von oben und das Nach¬ 
strömen von Gas von unten wird ein Moment des 
Gleichgewichtes im Druck erreicht. Im nächsten 
Moment hebt und durchbricht das nachströmende 


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Die ersten Quellen brennbaren Gases iin deutschen Sprachgebiete. 


457 


Gas nun die Wassersäule und indem sich der Druck 
noch verstärkt, schleudert das Gas das Wasser heraus. 
Aber schon beginnt sich die röhrenförmige Wasser¬ 
säule wieder zu schliessen, um das Spiel von neuem 
zu beginnen. 

Diese Beobachtung ist um so interessanter, als 
sie sich mit geringen Abänderungen auf das stoss- 
weise Arbeiten im Krater thätiger Vulkane und für 
die periodischen Ausbrüche der Geiser in Island an¬ 
wenden lässt, wo ja freilich die einzelnen Faktoren 
nicht so leicht kontrollierbar sind. Für das brennbare 
Gas brauchen wir nur in beiden Fällen überhitzten 
Wasserdampf zu lesen. Im Krater sinkt flüssige Lava 
nach und in Island auch Wasser wie in Wels. Nur dass 
dort das nachfliessende Wasser die unterhalb ansteigen¬ 
den, überhitzten Wasserdämpfe kondensiert, bis sich 
das Wasser auf den gleichen Wärmegrad erhitzt hat, 
macht die lange Verzögerung für die einzelne Erup¬ 
tion aus. Es kann in diesem Falle ein Herausschleu¬ 
dern erst erfolgen, wenn durch Kondensation selbst 
das Wasser sich so erhitzt hat, dass die weitere 
Möglichkeit einer Kondensation genommen ist und 
daraufhin die Spannkraft des Wasserdampfes wie¬ 
der so hoch gestiegen ist, um die darauf lastende 
Wassersäule heben zu können. 

Doch zu unserem Welser Brunnen zurück. Das 
Wasser, das heraufgeschleudeit wird, schmeckt an¬ 
genehm trotz seiner Wärme von circa io°, da es sehr 
viel absorbierte Kohlensäure enthält, die sich beim 
Stehen im Glase als Perlen ansetzt. Ausserdem ent¬ 
hält es Kalk, ist also ein hartes Wasser, aber nicht 
in dem Grade, dass es durch seine Kohlensäure¬ 
abgabe an die umgebende Luft gezwungen würde, 
im Brunnentroge Kalkschlamm abzusetzen, wie das 
bei den meisten artesischen Brunnen des Rottthaies 
mit kohlensaurem Kalke und Eisenoxyd in so reichem 
Maasse geschieht. Das Wasser dürfte mehr eine 
Parallele mit dem oben erwähnten Wasser in Sim- 
bach am Inn abgeben. Dieses setzt bei seiner Ver¬ 
wendung im Dampfkessel grosse Massen feinsten Pul¬ 
vers im Dampfraume und in den Dampfrohren ab, 
ohne, soweit das Eisen des Kessels mit Wasser in 
Berührung ist, Kesselstein oder Schlamm zu bilden. 
Das Pulver braust bei Zusatz von Mineralsäuren auf, 
ist weiter noch nicht chemisch untersucht, kann 
aber nicht kohlensaurer Kalk sein, da ja dieser doch 
nicht sublimierbar wäre. 

Dass das Welser Wasser keinen spezifischen 
Geschmack von den Kohlenwasserstoffgasen annimmt, 
ist natürlich, da das Erdgas selbst geruch- und ge¬ 
schmacklos ist. Obwohl es unbezweifelbar ist, dass 
das Gas, wie bereits erwähnt, aus Braunkohlenlagern 
stammt und nicht mit eventuellen Petroleumlagern 
in Verbindung gebracht werden kann, so wurde doch 
nicht bis zu den bei vielleicht 300 m vermuteten Kohlen 
gebohrt. Die Kohle wäre unter dieser hohen Wasser¬ 
säule und bei den grossen Gaslagern doch nicht 
bergmännisch zu erreichen. Auf der anderen Seite 
bestünde aber Gefahr, den Geruch des Gases und 


damit den Geschmack des Wassers bei Tieferbohrung, 
zu verderben. Es ist ja eine alte Erfahrung, dass 
bei Bruch im Röhrennetze einer Gasfabrik das Gas 
in die Keller und Parterrelokalitäten der nächsten 
Häuser vollständig geruchlos eindringt und hier Ex¬ 
plosionen und Erstickungen verursacht. Also schon 
ein paar Meter durchströmtes Erdreich genügen, um 
das übelriechende Fabrikgas zu desodorisieren. Wir 
können darum aus der vollständigen Geruch- und 
Geschmacklosigkeit dieses Gases, das jedenfalls an 
seiner Ursprungsstelle diese Eigenschaften noch nicht 
besitzt, leider nicht auf die grössere oder geringere 
Dicke der durchströmten Schichten schliessen, nur 
die Vehemenz der Ausströmung lässt sich kaum mit 
einer grossen Mächtigkeit vereinbaren. Während aber 
diese mehr ästhetischen Verunreinigungen durch die 
Erhaltung von Schichten zwischen dem vermuteten 
Kohlenflöze und der Bohrlochsohle beseitigt wer¬ 
den, bleibt eine technisch wichtige, die bei ratio¬ 
neller Verwertung ausgeschaltet werden müsste, näm¬ 
lich freie Kohlensäure. Die Reinigung mit Kalk¬ 
wasser ist nicht schwer. 

Der Nutzeffekt würde dadurch gross; denn schon 
ohne Beseitigung der Kohlensäure ist die Leucht¬ 
kraft mindestens die von gutem Petroleum und der 
Heizwert ein entsprechend grosser. Die brennbaren 
Bestandteile bestehen aus Sumpfgas und höheren 
Kohlenwasserstoffen. Für diese Stoffe sind genaue 
chemische Analysen schwierig und in unserem Falle 
noch nicht ausgeführt. Denn sollte es auch ver¬ 
sucht worden sein, so konnte eine kleinere Quan¬ 
tität Gas, die ein Linzer Ingenieur mitnahm, doch 
nicht für die einfachsten Gasuntersuchungen für hin¬ 
länglich erachtet werden. 

Ein kleiner Bruchteil des gewonnenen Natur¬ 
gases wird bis jetzt im Haushalte des Joseph Ammer 
zur Beheizung und zum Kochen verwandt. In letz¬ 
terem Falle macht sich aber jetzt schon die grosse 
Wärmeentwickelung geltend. Und wenn das Früh¬ 
jahr einzieht oder gar die Julihitze, wird das Oeffnen 
der Fenster und der angebrachte Wärmeabzug in 
den Kamin nicht mehr genügen, um den Aufent¬ 
halt im Kochraume erträglich zu machen. Für Be¬ 
leuchtung ist das Gas so lange nicht zu verwenden, 
bis ein Gasometer aufgestellt ist, da bei kleineren 
Flammen auch die bisherigen Regulierungen noch 
nicht ein zu häufiges, plötzliches Erlöschen durch 
das stossweise Ausströmen und die mechanisch sich 
vollziehende Absonderung der Kohlensäure hintan 
halten können. Zum Kochen eignet sich aber das 
Gas vorzüglich, da bei der angebrachten grösseren 
runden Oeffnung ein spontanes Erlöschen nie er¬ 
folgt, beim Eintauchen der Kochgeschirre in das 
Flammenmeer kein Ansatz von Russ erfolgt und in 
gewöhnlichen Kochgeschirren in zehn Minuten Wasser 
zum Sieden gebracht werden kann. Nach der Rei¬ 
nigung von Kohlensäure wäre natürlich mit der 
Leuchtkraft auch dieser Heizeffekt ein gesteigerter. 
Zu erwähnen ist noch, dass auch während des Kochens, 


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45 8 


Der Staat Santa Catharina in Sitdbrasilien. 


trotz einiger zwischengeschalteter, teilweise geschlos¬ 
sener Hähne am Bohrloch durch eine Oeffnung Gas 
und Wasser und durch eine zweite die Hauptmasse 
des Gases frei austreten muss, da sonst der Ueber- 
druck des Gases durch alle Fugen der Hähne u. s. w. 
in der Wohnung herauspfeift. Ohne diese Ventile 
wären die Bewohner in steter Gefahr der Erstickung 
oder der Explosion, abgesehen von der Unmöglich¬ 
keit, die Flamme im Herd zu regulieren. 

Trotzdem das Bohrloch nur zweizöllig ist und 
dadurch die Wasserschicht noch eine verhältnis¬ 
mässig hohe Widerstandskraft dem Durchbruch des 
Gases entgegensetzen kann, gehen jetzt täglich bei¬ 
läufig dreihundert Kubikmeter Brenngas ungenutzt 
verloren. Dabei hat aber seit bald einem halben 
Jahre die Menge des ausströmenden Gases in keiner 
Weise nachgelassen. Bei rationeller Anlage und 
Verteilung liesse sich natürlich, ähnlich wie beim 
Wasser artesischer Brunnen, ein grosses Vielfaches 
des jetzigen Quantums gewinnen. Die Verwendung 
als Wärmequelle zu Anlagen für Ziegelbrennen, für 
Metallgiessereien, für Glasschmelzen, als Kraftquelle 
für Gasmotoren und elektrische Anlagen, oder zur 
Herstellung komprimierten Leuchtgases für Eisen¬ 
bahnbeleuchtung, dürfte für die Hebung der Industrie 
von Wels, ja von ganz Oberösterreich, noch von 
eminenter Wichtigkeit werden. 

Nachdem ich nun das Thema, wie ich glaube, 
erschöpft habe, dürfte nur noch eine Frage auf den 
Lippen der Leser schweben: Wie entsteht aus der 
Braunkohle brennbares Gas? Zur Beantwortung müs¬ 
sen wir uns vor allem den Verkohlungsprozess ver¬ 
gegenwärtigen. Wir haben als Ausgangspunkt Holz 
oder anderes Pflanzenmaterial, z. B. Torfmoore. Der 
Mensch erzeugt im Kohlenmeiler reine Kohle, in¬ 
dem als Nebenprodukt brennbare Gase verloren gehen. 
Auch die Natur hat reine, aber komprimierte Kohle 
erzeugt: das sind unsere ältesten und besten Stein¬ 
kohlen. Aber die wenigsten vorweltlichen Brenn¬ 
materialienlager haben diese ideale Stufe erreicht; 
die meisten, wenn nicht alle, sind noch in Umbil¬ 
dung begriffen, die einen schneller, die anderen lang¬ 
samer. Und so sehen wir schon am Anfänge dieser 
Bildung in unseren Moossümpfen aus dem Gemische 
von Kohlenstoff, Wasserstoff* und Sauerstoff, das wir 
als Pflanzenleichen vor uns haben (Stickstoff* und 
die mineralischen Bestandteile kommen hier nicht 
in Betracht), Gasblasen aufsteigen. Procentualiter ist 
in diesem Gase mehr Wasserstoff und Sauerstoff* ent¬ 
halten als Kohlenstoff*. Im Rückstände wird dadurch 
dem Prozentsätze nach eine Anreicherung an Kohlen¬ 
stoff erfolgen. Dies hat auch bei der Bildung der Braun¬ 
kohle stattgehabt, und derselbe Prozess geht weiter 
beim Uebergang dieser in Steinkohle. Da aber dieser 
Prozess ungeheure Zeiträume erfordert, so treten 
in den meisten Kohlenlagern keine Anhäufungen 
solcher Destillationsprodukte auf. An manchen Stellen, 
wie in Wels, scheinen aber entweder die Kohlen¬ 
lager sehr gross zu sein oder, was wahrscheinlicher 


ist, die Umwandlung in kohlenstoffreichere Kohle 
stürmischer als an anderen Orten zu erfolgen. Ab¬ 
solut frei von brennbaren Destillationsgasen dürfte 
wohl kein Kohlengebiet sein. 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien, 

Von C. Ballod (Jena). 

(Fortsetzung.) 

Der Mailuzia ist noch auf io km tief und schiff¬ 
bar, ebenso sein Nebenfluss Manoel Alves, weiterhin ist 
er noch eine Strecke für flachgehende Kanoes fahrbar. 
Der eigentliche Araranguä ist auch noch etwa io km 
oberhalb der Mündung des nördlichen Armes, des 
Mailuzia, schiffbar. Diese schiffbaren Strecken sind 
schon seit vierzig und mehr Jahren von Brasilianern 
occupiert, allerdings nicht so dicht besiedelt wie 
am Tubaräo, auch ist lange nicht so viel Land in 
Kultur, da des schwierigen Exportes wegen die Preise 
aller Produkte ziemlich niedrig sind. Die besiedelten 
Ländereien sind hier noch ziemlich billig; 1890 ver¬ 
langte man durchschnittlich 3—5 Milreis (6—10 Mark) 
für die Brasse (= 2,2 m) Flussfront mit 500—1000 
Brassen Tiefe, für eine mittlere Kolonie von 100 
Brassen Front also 600—1000 M., während am 
unteren Tubaräo für kultivierte Ländereien der 10- bis 
2ofache Preis verlangt wurde; die Güte der Ländereien 
ist so ziemlich die gleiche, hier wie dort sind manche 
Grundstücke seit 40—50 Jahren unausgesetzt be¬ 
baut worden, ohne an Ertragsfähigkeit merklich ein- 
gebüsst zu haben, während in den doch auch recht 
fruchtbaren Flussauen des Itajahy, in der Kolonie 
Blumenau, der Boden ungedüngt höchstens 20—30 
Jahre gute Erträge gibt. Oberhalb der Grenze der 
Schiffbarkeit treten die Sümpfe im Hintergründe 
mehr zurück, und das fruchtbare Alluvialland wird 
breiter, etwa 30 km oberhalb der Mündung des 
Mailuzia treten auch schon einzelne Berge an den 
Araranguä heran, dieselben sind jedoch ungleich wie 
am Tubaräo, mehr sanft und abgerundet und von 
einer braunroten, sehr fruchtbaren Erdschicht über¬ 
lagert, ihr Kern ist wahrscheinlich von krystallinischer 
Struktur. Am Mailuzia scheint das fruchtbare Allu¬ 
vialland weniger ausgedehnt zu sein als am Ara¬ 
ranguä; das Gebiet der am oberen Mailuzia 1891 
angelegten italienischen Privat-Kolonie Nova Venezia, 
die Januar 1892 bereits 3500 Bewohner gehabt haben 
soll, ist im ganzen nur von mittelmässiger Beschaffen¬ 
heit, was auch für das Gebiet der östlich vom Mai¬ 
luzia 1890 mit etwa 1000 Kolonisten angelegten 
polnisch-deutschen Kolonie Cressiuma gilt, überall 
lagert ein hellgelber Lehm auf Sandstein, zum Teil 
auch Schiefergrundlage, die Terrainbeschaffenheit ist 
günstig, flach wellig. Gegenwärtig (1892) werden 
am mittleren Mailuzia und dessen Nebenflüssen, 
Rio Sangäo, Manoel Alves, Cedro, 30000 ha Regie¬ 
rungsland zu Kolonisationszwecken vermessen; das 
Land hat eine ähnliche Beschaffenheit, wie in den 


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Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


459 


vorher erwähnten Kolonien, 1 jio — l j:> mögen jedoch 
fruchtbares Alluvialland sein. Die fruchtbarsten allu¬ 
vialen Striche am mittleren Ararangua und seinen 
links mündenden Nebenflüssen Jundia, Turvo, sowie 
auch am Manoel Alves und Cedro, nebst dem da¬ 
zwischen liegenden Lande, im ganzen etwa 50000 ha 
noch unbesiedelter Ländereien (davon jedoch viel¬ 
leicht höchstens die Hälfte alluvial), sind in den 
letzten zwei Jahrzehnten in den Besitz örtlicher ein¬ 
flussreicher Persönlichkeiten übergegangen, zum Teile 
freilich mit zweifelhaften Besitztiteln. 1890 wurden 
für diese Ländereien durchschnittlich 8—10 Milreis 
(16—20 Mark) pro ha verlangt. Der Ararangua 
entspringt in einer 800 m hohen, 20 — 30 km breiten 
Kampzone, oberhalb der Serra, die aus von »Trapp« 
gehobenen Sandsteinen besteht. Nach der See zu 
breiten sich südlich vom Ararangua sandige oder 
sumpfige Kampflächen aus, dazwischen sind vielfach 
Strandseen eingelagert, darunter die 20 km lange 
und 4—5 m breite Lagoa Sombrio, an deren Ostrand 
der ziemlich ausgedehnte, abgerundete Morro (Berg) 
Sombrio aufragt; derselbe ist von einem dunkel¬ 
roten, fruchtbaren Lehm bedeckt und stark bebaut 
und besiedelt. Dieser Strandsee (der Sombrio) sendet 
einen für Kanoes fahrbaren Ausfluss zum Mampi- 
tuba, dem auf 10 km schiffbaren Grenzfluss gegen 
Rio Grande do Sul. Seine Mündung ist fast ver¬ 
stopft, in der Nähe, bei Torres, befinden sich jedoch 
ein paar in die See vorspringende Basalthügel von 
etwa 70 m Höhe, zwischen denen sich durch An¬ 
lage eines Wellenbrechers ein Kunsthafen hersteilen 
Hesse. 1891 im Mai war für einen Hafenbau und 
eine sich daran anschliessende, 160 km lange Eisen¬ 
bahn nach Porto-Alegre, Hauptstadt von Rio Grande, 
staatliche Zinsengarantie bewilligt. Die Arbeiten 
sind angeblich auch aufgenommen worden, jedoch 
schwerlich weit vorgeschritten; ob sie fortschreiten 
und zu Ende geführt werden, ist jetzt nach den seit 
dem Sturze Fonsecas (November 1891) eingerisse¬ 
nen Wirren mehr als fraglich, da die Konzessionäre 
Günstlinge Fonsecas waren und die zur Herr¬ 
schaft gelangte Gegenpartei ihnen Schwierigkeiten 
in den Weg stellen könnte. Der Ararangua steht 
durch einen natürlichen, für Kanoes fahrbaren Kanal 
mit der Lagoa Sombrio und damit mit der Mampi- 
tubamündung im Zusammenhang. Die Küste ist 
von Laguna an südwärts überall flach-sandig, die 
Dünen stellenweise ziemlich ausgedehnt, doch ragen 
zwischen ihnen hier und da vereinzelte Granithügel auf. 

Das Klima. 

Das Klima ist sicher für die Gesundheit, auch des 
Nordländers, im allgemeinen zuträglich, indessen sind 
die Reize desselben von vielen Reisenden, nament¬ 
lich von Ts c hu di, doch in viel zu rosigen Farben 
geschildert worden; es soll namentlich für Brust¬ 
kranke zu empfehlen sein, besonders auf der Insel 
Santa Catharina, der »Insel des ewigen Frühlings«. 
In Wirklichkeit fehlt es daselbst, besonders in der 


Hauptstadt Desterro, durchaus nicht an Tuberkulösen; 
da die Hitze, infolge der zwischen Bergen einge¬ 
schlossenen Lage der Stadt, im Sommer kaum weniger 
hoch steigt als in Rio de Janeiro, auch keine über¬ 
grosse Reinlichkeit herrscht, vielmehr die Aasgeier, 
die Urubus, die Rolle der Abdecker spielen müssen, 
so gehört ein Sommeraufenthalt daselbst durchaus 
nicht zu den Annehmlichkeiten; auch der Winter 
mit seinen häufigen Nebeln und anhaltenden Land¬ 
regen dürfte Lungenleidenden nicht sehr Zusagen. 
Das in einem tiefen Thal gelegene Blumenau zeigt 
genau dieselbe Sommertemperatur wie Rio de Janeiro, 
nur die Nächte sind kühler. Am gesündesten sind 
die den Seewinden ausgesetzten Teile und die höher 
gelegenen Landstriche, namentlich das Hochland, für 
Brustkranke; indessen wird das Klima überall zu 
feucht sein. Ueber den Grad der Luftfeuchtigkeit, 
sowie die Häufigkeit von Nebeln liegen für Santa 
Catharina leider keine ziffermässigen Berichte vor; 
auf dem entschieden trockeneren Hochlande von Säo 
Paulo kamen nach H. Lange 1 ) 1887: 173, 1888: 
116 Nebel vor, fast ausnahmslos morgens. In Santa 
Catharina ist die Häufigkeit der Nebel am geringsten 
an der Küste, nimmt landeinwärts bis zum Serra- 
absturz zu, wo die Nebel zugleich intensiver sind 
und oft erst gegen Mittag verschwinden. Besonders 
feucht und nebelreich ist die in den östlich abge¬ 
dachten Serraterrassen gelegene Kolonie Säo Bento 
(800 m). Das nach Westen sich abdachende Hoch¬ 
land ist wieder trockener. H. Lange (Südbrasilien 
S. 13) rechnet das brasilianische Küstengebiet von 
24—28° südl. Br. zur Provinz der Winter- und 
Sommerregen, allein nach den bei ihm selbst an¬ 
gegebenen Tabellen lässt sich eine solche Einteilung 
kaum streng begründen, der Regenfall ist vielmehr 
ziemlich gleichmässig auf alle Jahreszeiten verteilt, 
im Sommer ist er sogar etwas geringer als sonst, 
für Blumenau beträgt der Gesammtregenfall 1391 mm, 
für Joinville 2245 mm (allerdings nach nur zwei¬ 
jährigen Beobachtungen). Wichtiger ist der Um¬ 
stand, dass im Sommer der Regen gewöhnlich in 
einzelnen starken Güssen und Gewittern, die schnell 
vorüberziehen, niederfällt, so dass heitere Tage vor¬ 
walten; die Sonne trocknet den Erdboden und auch 
die Wege schnell auf, so dass sie fast immer passier¬ 
bar sind. Im Winter dagegen regnet es oft tage-, 
ja wochenlang, wobei gewöhnlich ein feiner Land¬ 
regen niederrieselt, der den Erdboden und die Wege 
furchtbar aufweicht und die Geduld des Reisenden 
auf eine harte Probe stellt. Aus diesem Grunde ist 
es auch nicht üblich, im Winter die halsbrecherischen 
Pfade zum Küstenlande herabzusteigen, es sei denn 
in den dringendsten Fällen (eine chausseeartige Strasse 
nach dem Hochland giebt es nur in der Kolonie 
Donna Francisca). 

Landeinwärts, besonders an der Serra, ist der 
Regenfall entschieden beträchtlicher als an der Küste, 


*) Petermanns Mitteil. 1891, S. 15. 


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460 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


da die von der See aufsteigenden Wolken von den 
vielen Bergen und Bergzügen, insbesondere von der 
Serra, aufgehalten und zur Abgabe ihrer überschüs¬ 
sigen Feuchtigkeit gezwungen werden. Die Luft¬ 
feuchtigkeit ist ziemlich hoch; alles schimmelt leichter 
als in Europa, sehr schnell rostet Eisen. 

Die Mittelwärme beträgt in Donna Francisca 
20,5 0 Cels. (Januar, 24,5; Juli 16,5); in Blumenau 
2i,5° Cels. (Januar 26,5; Juli 16,2); an anderen 
Orten sind keine längeren Beobachtungen angestellt. 
An der Küste und auf den Inseln Santa Catharina 
und Säo Francisco ist das Klima bedeutend gleich- 
mässiger als im Inneren, namentlich ist es frostfrei, 
wogegen schon einige Meilen landeinwärts fast all¬ 
winterlich Reif vorkommt. Dabei ist die bekannte 
Eigentümlichkeit zu beachten, dass die Berghänge 
des Nachts und im^ Winter wärmer sind . als die 
Thalsohlen, so dass es in den Thälern öfters reift, 
während die Hänge und Bergkuppen frostfrei bleiben. 
Von Bedeutung ist dies für die Kultur von frost¬ 
empfindlichen Pflanzen, wie Kaffee und Zuckerrohr — 
allerdings darf eine gewisse absolute Höhe, etwa 
500 m im Maximum, im Süden von Santa Catharina 
wohl noch weniger, nicht überschritten werden, auch 
sind nur die nördlichen Hänge (die Sonnenseite) 
frostsicher, nicht aber die nach Süden oder dem 
Lande zu (nach Westen) geneigten Berghänge. 

Was das Hochland anlangt, so ist daselbst die 
Temperatur der Lage entsprechend, um einige Grad 
niedriger, namentlich friert es fast jeden Winter bis 
zu — 6° C., ja bis zu — 8 0 C.; zuweilen fällt selbst 
Schnee, der aber selten längere Zeit liegen bleibt. 
Die Differenz zwischen Sommer- und Wintertempe¬ 
ratur ist dabei geringer wie im Küstenlande, höch¬ 
stens 5—6° C., während sie im Küstenlande 9 —io°C. 
beträgt. Diese geringen Schwankungen haben die 
Unannehmlichkeit, dass 6—7 Monate im Jahre nicht 
frostsicher sind; es ist also ein solches Klima bedeu¬ 
tend ungünstiger für Kulturpflanzen als ein gleich 
warmes mit stärkeren Temperaturdifferenzen, z. B. 
das von Montevideo oder Buenos-Aires. Die Inso¬ 
lationswärme freilich dürfte im Sommer auf dem 
Hochlande nicht geringer sein als im Küstenlande, 
wohl aber die Schattentemperatur. 

Was die sanitären Verhältnisse anlangt, so soll 
nach brasilianischen Berichten im ganzen Staate sich 
die Sterblichkeit zur Geburtenziffer verhalten wie 
1 : 3, also ein sehr günstiges Verhältnis. In Blumenau 
soll das Verhältnis gegenwärtig sein wie 1 : 5 und 
1 : 4, in den sechziger Jahren, aus denen genauere 
Berichte vorliegen, wie 1 : 3 und 1:2 72. In Donna 
Francisca überwog in den ersten Jahren nach der 
Begründung die Sterblichkeit bedeutend: die 1717 
Einwanderer, die bis 1856 eingeführt waren, waren 
durch Dysenterie, Typhus, Malaria im genannten 
Jahre bis auf 901 zusammengeschmolzen 1 ). Ueber- 


*) Woldemar Schultz, Agrar, und physikal. Studien 
über Südbrasilien, S. 148. 


haupt waltet bei der Anlage von neuen Kolonien 
die Sterblichkeit vor, namentlich wenn wie gewöhn¬ 
lich die Einwanderer durch eine strapaziöse Seereise 
geschwächt ankommen und die Fürsorge seitens 
der brasilianischen Behörden unzureichend und 
nachlässig ist, Medizin und ärztliche Hilfe nicht zu 
haben sind. Namentlich 1890 konnte man überall 
in Santa Catharina und Rio Grande bei Kolonisten¬ 
ansiedelungen beobachten, dass besonders die Kinder 
der Einwanderer massenhaft dahinstarben. Die Akkli¬ 
matisationsbeschwerden, die darin bestehen, dass sich 
bei Neuankömmlingen Ausschläge und selbst Ge¬ 
schwüre an Händen und Füssen bilden, die zuweilen 
monatelang andauern und den Einwanderer arbeits¬ 
unfähig machen, sind um so schlimmer, je schlechtere 
Kost man geniessen muss, namentlich wenn man von 
Maisbrot und Farinha da Mandioca vorzugsweise 
leben muss; bei guter Kost, namentlich häufigem 
Reisgenuss und Weizenbrot, anstatt Mandiocamehl 
und Maisbrot, kommen Akklimatisationsbeschwerden 
äusserst selten vor oder sind doch gänzlich ohne 
Belang. 

Was die Malaria anlangt, so kommt sie endemisch 
vor in einigen sumpfigen Strecken der Kolonien 
Donna Francisca und Brusque; in Blumenau, wo es 
keine Sümpfe gibt, hat man kaum von ihr etwas 
gehört, höchstens zuweilen bei Urbarmachung von 
feuchten Urwaldstrecken. In den sumpfigen Um¬ 
gebungen des unteren Tubaräo und Araranguä kommt 
Malaria äusserst selten vor; sie beschränkt sich meist 
wiederum auf die Fälle, wo sumpfige Urwaldstrecken 
urbar gemacht werden, so z. B. im Sommer 1890/91 
in Cressiuma. Für die Besiedelung bildet sie er- 
fahrungsmässig kein Hindernis, da sie entschieden 
in milderer Form auftritt als z. B. in Italien; per- 
niciöse Fälle kommen kaum vor. Leichte Fälle eines 
biliösen Fiebers scheinen im Küstenlande zuweilen 
vorzukommen. Das gelbe Fieber ist zuweilen durch 
die Unachtsamkeit der brasilianischen Behörden in 
die Hafenstädte Desterro und Sao Francisco einge¬ 
schleppt worden, hat sich jedoch weniger bösartig 
gezeigt als in Rio de Janeiro und Santos; bis in 
die Kolonien ist es nie gelangt. Dass der Rheu¬ 
matismus besonders auf dem Hochlande häufig vor¬ 
kommt, hat seinen Grund in den mangelhaften 
Wohnungs- und Kleidungsverhältnissen, namentlich 
der brasilianischen Bevölkerung. Lähmungen und 
Schlagflüsse sollen bedeutend ungefährlicher sein, als 
in Mitteleuropa. 

Die wilde Vegetation. 

Hinsichtlich der Vegetation muss wiederum der 
Unterschied zwischen dem Küstenlande und dem 
Hochlande berücksichtigt werden. Das Hochland 
enthält weite Grasflächen, die sog. Campos, die 
jedoch durchaus nicht die ganze Fläche desselben, 
nicht einmal den grösseren Teil einnehmen. Haupt¬ 
sächlich kommen sie auf dem schwarzen, moorigen 
Boden vor, doch finden sie sich auch auf Lehm- 


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Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


461 


boden, wo sie durch Niederbrennen des Waldes an¬ 
gelegt sind und dann infolge der allwinterlichen 
Grasbrände, die angelegt werden, um schneller frisches 
Gras zu erhalten, an der Oberfläche von den Kohlen¬ 
teilchen geschwärzt erscheinen. Auf den Alluvionen 
der Flüsse findet sich überall ein dicht verwachsener 
Laubwald, auf den Bergen und Hügeln dagegen vor¬ 
wiegend Nadelholz, die Araukarien in Verbindung 
mit dem Matebaum (Ilex paraguayensis). die ja mit 
dem schlechtesten Boden fürlieb nehmen. Doch 
gilt auch ein Boden, wo Araukarien stehen, gewöhn¬ 
lich immer noch für besser als reiner Kamp. 

Das Küstengebiet ist, von den gerodeten Stellen, 
sowie einigen sandigen oder sumpfigen Campos an 
der Küste abgesehen, durchweg Waldgebiet; je nach 
den geologischen Verhältnissen ist die Mächtigkeit 
und Zusammensetzung des Waldes eine verschiedene. 
Der Wald ist durchaus nicht so klar und leicht zu¬ 
gänglich wie der mitteleuropäische, sondern mit 
Schmarotzer- und Schlinggewächsen, Philodendren 
mit Luftwurzeln, Bromeliaceen, Cipos, Farnen, ver¬ 
schiedenen Rohrarten, Kakteen, Palmiten so dicht 
verwachsen, dass man gewöhnlich nur mit dem Wald¬ 
messer (facäo) sich Bahn brechen kann. Am dich¬ 
testen verwachsen ist der Wald in den fetten Fluss¬ 
auen, in der Höhe von dreihundert und mehr Metern 
lichtet sich das Unterholz bereits stark, so dass man 
sich leichter bewegen kann, was übrigens zuweilen 
auch in einem Walde, der auf einem tiefer gelegenen, 
mittelmässigen Boden steht, der Fall ist. Frei von 
Unterholz sind freilich nicht einmal die Araukarien- 
und Matewaldungen des Hochlandes; es finden sich 
daselbst hauptsächlich Rohrarten, Taquararohr, die 
im Winter für das Kampvieh Futter darbieten, wenn 
das Kampgras, das überhaupt sehr leicht verfriert, 
nicht zu haben ist. Wenn behauptet ist, der nor¬ 
dische Wald, namentlich ein Eichen- und Buchen¬ 
wald sei schöner als der tropische oder subtropische, 
so ist das Geschmackssache. Gewiss findet man 
Waldstrecken, die unschön sind, verkrüppeltes graues 
Holz enthalten, in den Flussauen dagegen findet man 
ein ungemein saftiges, üppiges Grün, das im Verein 
mit den Schlinggewächsen und Palmen dem Wald 
eigentümliche Reize verleiht, die der nordische Wald 
entbehrt. Ein saftiges dunkles Grün der Wald¬ 
vegetation, mächtige Schlinggewächse, viele mächtige 
weiche Holzarten wie die Figueiras (Bombax pent- 
andrum, Ceiba) sind Anzeichen eines guten Bodens; 
viele graue Aeste, abgestorbenes oder verkrüppeltes 
Holz weisen auf schlechten Boden. Mächtige harte 
Holzarten dagegen gedeihen auch auf einem mittel¬ 
mässigen oder trockenen Boden, der Kulturgewächsen 
nicht sehr zusagt. Wenn Kärger von Säo Paulo 
berichtet, dass daselbst die Standorte von harten Holz¬ 
arten als mittelmässiger oder schlechter Boden gelten, 
in Donna Francisca jedoch umgekehrt harte Holz¬ 
arten guten Boden anzeigen x ), so ist das wohl so 


*) Kärger, Brasil. Wirtschaftsbilder, S. 287. 


zu erklären, dass der Boden in Donna Francisca 
überhaupt von einer so mittelmässigen Qualität ist, 
dass darauf nur die mit dem schlechtesten Boden 
fürlieb nehmenden untauglichen Baumarten Vor¬ 
kommen, so dass schon die Standorte von harten 
Hölzern einen relativ guten Boden anzeigen. Im 
Süden von Santa Catharina habe ich häufig beobachtet, 
dass mächtige harte Holzarten, z. B. die Perobas, 
auf einem mittelmässigen Boden vorkamen, der urbar 
gemacht, sich durchaus nicht als sehr fruchtbar er¬ 
wies, also dieselbe Beobachtung wie in Säo Paulo. 
Die gewöhnliche Regel »je höher der Wald, je mäch¬ 
tiger die Stämme, desto besser der Boden«, trifft also 
für Südbrasilien bloss insoweit zu, als von weichen 
Holzarten, Figueiras, Pao d’alho (Crataeva tapia L.) 
(der gefällt einen unausstehlichen Zwiebelgeruch 
verbreitet), Sapucassü und mächtigen Schlingge¬ 
wächsen die Rede ist, nicht ab£r in Bezug auf harte 
Holzarten, was wohl daraus erklärlich sein dürfte, 
dass in einem sehr guten Boden die Schling- und 
Schmarotzergewächse ihr Optimum finden und lang¬ 
sam wachsende, edle und harte Holzarten erdrücken 
oder aussaugen. Doch ist zu beachten, dass sehr 
fruchtbarer Schwemmboden, wenn er häufigen Ueber- 
schwemmungen ausgesetzt ist, öfters auch nur dünne, 
schmächtige Baumstämme aufweist. Zu beachten 
ist, dass nicht jedes harte Holz ein Nutzholz ist, das 
in dem feuchten Klima von Südbrasilien Haltbarkeit 
besitzt, manche Arten, z. B. die auf schlechtem, 
sandigen Lehmboden häufig vorkommende, fast eisen¬ 
harte Pintabuna (bot. Name?), verfaulen der Witte¬ 
rung ausgesetzt in wenigen Jahren. Von harten 
Nutzhölzern (dem madeira de lei = den gesetz¬ 
lichen Anforderungen entsprechend), die in dem 
Wechsel der Witterung eine Reihe von Jahren Vor¬ 
halten, werden von manchen Autoren bis 150 Arten 
angeführt, so dass man leicht geneigt ist, zu denken, 
der Wald bestehe ganz oder doch zum grössten Teil 
aus Nutzholz. Das ist nun nicht der Fall; ein Wald¬ 
stück, wo man pro ha 15—20 cbm vierkantig be¬ 
hauene Holzblöcke herausholen kann, gilt schon als 
sehr reich an Nutzholz; auf ganz schlechtem, trocke¬ 
nem Boden und wiederum auf sehr gutem Alluvial¬ 
boden findet man auf weite Strecken kaum einen 
brauchbaren Stamm. So viel brauchbares Holz, wie 
in unseren nordischen, nord- und mitteleuropäischen 
Laubwäldern, findet man in Südbrasilien, im Küsten¬ 
lande, fast nirgends; die Stämme haben dabei durch¬ 
schnittlich kaum über */* m Durchmesser, solche 
von 1 — 1 V2 m Durchmesser sind schon selten. Die 
Araukarien Waldungen des Hochlandes mögen es 
allerdings mit den nordischen Nadelholzwäldern auf¬ 
nehmen. 

Von den harten Nutzhölzern kommen am häufig¬ 
sten vor die verschiedenen (circa 12) Arten von 
Canellas, die zur Familie der Laurineen gehören, die 
wichtigsten sind darunter die Canella preta (Nect- 
andra mollis Nees); C. parda (Nectandra spec.); 
C. sassafras (Mespilodaphne Sassafras). Dann kommen 


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462 


Geographische Mitteilungen. 


sehr häufig vor, namentlich im Süden von Santa 
Catharina die Perobas (Aspidosperma peroba), die 
zur Familie der Apocyneen gehören, ein rötliches 
oder gelbliches Holz enthalten, das zum Schiffbau 
das Eichenholz übertreffen soll, namentlich da¬ 
durch ausgezeichnet, dass Eisenbolzen und -Nägel 
in ihm, ähnlich wie im indischen Teakholz, nicht 
rosten. (Fortsetzung folgt.) 


Geographische Mitteilungen. 

(Venus als Abend- und Morgenstern.) Sicher¬ 
lich hat schon jeder Gebildete die Frage zu beantworten 
gesucht, woher es kommt, dass man den Planeten 
Venus bald als Morgen-, bald als Abendstern erblickt. 
Aber ebenso sicher ist auch, dass viele in der Beant¬ 
wortung dieser Frage Schwierigkeiten gefunden haben, 
die sich selbst durch Benutzung von astronomischen 
Lehrbüchern nicht so leicht heben Hessen, weil eben 
die Gelegenheit fehlte, die Angaben der Astronomen 
mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Nun bot sich 
um die Zeit des 9. Juli für jeden das interessante Schau¬ 
spiel des Uebergangs der Venus aus dem Hesperus zum 
Lucifer. Jedermann weiss, dass, wenn Venus links von 
der Sonne steht, sie nach der Sonne auf- und später 
als die Sonne untergeht, also als Abendstern erscheint. 
Ihr Aeusseres gleicht dann, durch ein Fernrohr an¬ 
gesehen, dem zunehmenden Mond. Steht dagegen Venus 
rechts von der Sonne, so geht Venus vor der Sonne 



auf und früher als die Sonne unter, erscheint demnach 
als Morgenstern. Aus der beigegebenen Skizze ist nun 
folgendes ersichtlich: 

Am 4. Juli erscheint Venus (?), von der Erde (&) 
aus gesehen, im Punkt Vk des Himmelsgewölbes, also 
links von der Sonne, die, von der Erde aus gesehen, 
in Sk erscheint. Am 9. Juli erscheint Venus, von der 
Erde aus gesehen, in demselben Punkte V 9 des Himmels¬ 
gewölbes wie die Sonne, welche in S 9 erscheint. Diese 
Stellung heisst man die untere Konjunktion der Venus. 
An diesem Tage geht Venus zugleich mit der Sonne 
auf und unter, ist daher unsichtbar. Am 14. Juli er¬ 
blickt man Venus imPunkte Vu des Himmelsgewölbes, 
während die Sonne, von der Erde aus gesehen, in Sik 
erscheint, also steht Venus rechts von der Sonne. 

Stellt man sich nun vor, am 4. Juli befinde man 
sich im Mittelpunkte des Himmelsgewölbes und das 
Himmelsgewölbe drehe sich in der Richtung des grossen 


Pfeiles, so ist sofort klar, dass Venus, wenn Punkt Sk 
untergegangen ist, noch am Himmel steht und folglich 
als Abendstern erscheint. Derselbe Gedanke zeigt je¬ 
doch, dass am 14. Juli Punkt Vu früher als 5 m über 
dem Horizont erscheint, oder dass Venus früher als die 
Sonne aufgeht und uns als Morgenstern leuchtet. 

Um sich jedoch nicht durch die scheinbare Drehung 
des Himmelsgewölbes, welches ja thatsächlich fest steht, 
beirren zu lassen, stelle man sich vor, in den mit 4, 9, 
14, 19, 24 bezeichneten Punkten der Erdbahn sei eine 
kleine Kugel aufgestellt, welche die Erde vorstelle und 
sich in der Richtung des kleinen Pfeiles bei $ herum¬ 
dreht; man wird dann, wenn man sich in möglichster 
Verminderung seines Volumens auf einen Punkt dieser 
kleinen Kugel gestellt denkt, ohne weiteres einsehen, 
dass man bei der Stellung in Punkt 4, wenn sich die 
Kugel dreht, die Sonne früher erblickt als den Planeten 
Venus, und dass bei weiterer Drehung dieser kleinen 
Kugel die Sonne früher verschwinden muss als Venus, 
so dass Venus als Abendstern erscheint. Bei der Stellung 
der Erde aber in Punkt 14 zeigt sich, dass, wenn die 
Erdkugel sich herumdreht, zuerst Vu oder Venus über 
dem Horizont erscheint und erst später Su oder die 
Sonne, so dass Venus jetzt als Morgenstern auftritt. 

Bewegt sich ein Planet in der Richtung des grossen 
Pfeiles, so heisst seine Bewegung eine rückläufige; ist 
dagegen seine Bewegung der Richtung dieses Pfeiles 
entgegengesetzt, so heisst seine Bewegung eine recht¬ 
läufige. 

Venus legt in 5 Tagen ungefähr 8°, die Erde in 
5 Tagen ungefähr 5 0 zurück, was aus der grösseren 
Abbildung besser ersichtlich ist. 

Die Erscheinungen, weiche Venus in den nächsten zwei 



Monaten darbietet, können aus der grösseren Abbildung 
durch die mit entsprechenden Monatsdaten versehenen 
Buchstaben wohl ohne Schwierigkeit erfasst werden. 

An dem Projektionsglobus (s. Nr. 21) lässt sich die 
Rückläufigkeit und Rechtläufigkeit der Venus, sowie 
die Schleife, in der sich Venus während der Zeit vom 
11. Juli bis 20. August bewegt, in grösster Einfachheit 
dem physischen Auge vorführen; doch dürfte auch aus 


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Litteratur. 


der grösseren Zeichnung der Lauf der Venus verständlich 
erscheinen. (Mitteilung von F. Adami in Bayreuth.) 

(Eine Forschungsreise im centralen Asien.) 
Kapitän Bo wer vom ostindischen Stabe unternahm im 
vorigen Jahre in Begleitung des Dr. Thor old, eines 
Feldmessers, einer Pathan-Ordonnanz, eines Hindustani- 
Koches und anderer sechs Leute für Bedienung und 
Führung von 47 Ponies und Mauleseln, eine Forschungs¬ 
reise über das Tafelland von Tibet. Man verliess am 
14. Juni 1891 die östlich von der Hauptstadt Kaschmir 
gelegene Stadt Leh und passierte am 3. Juli den La- 
nakma-Pass. In östlicher Richtung dann stiess man auf 
eine Kette von Salzseen, unter denen der sog. Hor- 
Ba-Too, 17930 engl. Fuss (5465 m) über dem Meeres¬ 
spiegel, wohl der höchstgelegene See der Erde ist. 
Weiter südöstlich entdeckte man nach Norden zu in 
35 0 n. Br. und 83° ö. L. Gr. ein mächtiges Schnee¬ 
gebirge mit sehr hohem Pik. Nachdem man dann 
wochenlang über Hochland von 15000 bis 17000 Fuss 
(4572 bis 5182 m) Höhe, mit spärlichem Wasser und 
anscheinend unbewohnt, gereist war, gelangte man am 
3. September nach dem am nördlichen Ufer des Tengri 
Nor Lake in 31 0 n. Br. und 91 0 ö. L. Gr. gelegenen 
Orte Gya-Kin-Linchin, wenige Tagemärsche von Lhassa. 
Hier fand man zwei Beamte des Gouverneurs Devi 
Jong in Lhassa vor, welche die Gesellschaft zur Um¬ 
kehr zwingen wollten. Als sich jedoch Kapitän Bo wer 
hartnäckig weigerte, gestattete man ihm, unter Stellung 
von Führern und Ponies, einen nördlichen Umweg nach 
der Grenze des westlichen China. Noch vor Beginn 
des Winters gelang es, das hohe Tafelland zu über¬ 
schreiten, und man traf am 31. Dezember in der Stadt 
Chiamda, mit sehr fruchtbarer und schön bewaldeter 
Umgebung, ein. Hier zeigten 3000 Mönche, welche in 
stattlichen Klöstern wohnten, grosse Lust, die Reisenden 
anzugreifen, besannen sich aber eines Besseren, als sie 
erfuhren, dass die Fremden mit »breechloaders« versehen 
waren. Auf die Nachricht hin, dass sich in Tarchindo, 
einem Aussenposten an der chinesischen Grenze, 200 Eu¬ 
ropäer befanden, änderte Kapitän Bower seinen Plan, 
das nördliche Birma zu bereisen. Man erreichte am 
10. Februar Tarchindo und fand bei zwei französischen 
Missionaren gastfreundliche Aufnahme. Nach weiteren 
acht Tagemärschen gelangte man an einen Nebenfluss 
des Yang-tse-Kiang und drei Tage später an den letz¬ 
teren, von wo ab man per Dampfer am 29. März in 
Shanghai an der Ostküste von China ankam. Von hier 
aus erfolgte die Rückkehr nach Ostindien auf dem 
Wasserwege, und man traf am 23. April 1892 wieder 
in Simla ein. 

Es gab auf der Reise sehr viel Schwierigkeiten zu 
überwinden; Wasser war oft auf weiten Strecken nicht 
vorhanden. Die Entfernung vom Lanakma-Pass bis 
Tarchindo betrug über 2000 englische Meilen (3220 km) 
und führte durch eine Gegend, welche grösstenteils von 
Europäern zuvor noch nicht betreten war. Kapitän 
Bower ist jetzt mit der Veröffentlichung seines Reise¬ 
journals beschäftigt. (Mitteilung von H. Greffrath in 
Dessau.) 


Litteratur. 

Asien. Eine allgemeine Landeskunde von W. Sievers. Leip¬ 
zig und Wien. Bibliographisches Institut. 1892. 1. Heft. 

Mit wahrhaft erstaunlicher Arbeitskraft lässt der Verfasser 


463 

seiner Landeskunde von Afrika diejenige von Asien auf dem 
Fusse folgen. 

Das uns allein vorliegende erste Heft gestattet einstweilen 
weniger ein Urteil über das Können, als das Wollen des Werkes. 
Es ist klar, dass uns hier als Vergleichsgegenstand zunächst 
jenes Lebens werk eines der grössten Geographen aller Zeiten 
ins Gedächtnis kommt, das trotz der ungeheuren Schaffenskraft 
des Urhebers ein riesenhafter Torso geblieben ist. Ritters 
»Asien« steht am Eingang der gegenwärtigen Epoche grosser 
Entdeckungen auf der Erdoberfläche. Es zog das Facit aus 
allem, was für diesen Kontinent bis dahin geographisch geleistet 
war, es gründete das Fundament für die ganze neuere Asien¬ 
forschung. Nunmehr neigt sich dies neue, das letzte Entdeckungs¬ 
zeitalter allmählich seinem Ende zu; auch in Asien verengen sich 
die Maschen des Forschungsnetzes zusehends, so dass bald nur 
noch Kleinarbeit übrig sein wird; es kommt also der Zeitpunkt 
in Sicht, wo ein neuer Ritter auftreten könnte. 

Nun, das will der Verfasser nicht sein; zu diesem Unter¬ 
nehmen verhält sich das seine ungefähr wie ein Stielersches 
Uebersichtsblatt zu Pencks projektierter Karte in 1:1000000. 
Und das ist recht so. Wäre es für jene That doch noch zu 
früh, so ist für eine Uebersicht der grössten Züge wohl gerade 
Zeit; bis auf verhältnismässig wenige Strecken liegen diese heute 
klar vor uns. So darf man denn der Sieversschen Arbeit mit 
grossem Interesse entgegensehen. 

Die erste Lieferung enthält eine gedrängte Erforschungs¬ 
geschichte von Asien, die in ihrem letzten Teile ganz eigene 
Arbeit des Verfassers und, wie anzuerkennen, eine fleissige ist. 
Dann beginnt eine »Allgemeine Uebersicht« der Lage, Grösse, 
Grenzen u. s. w. 

Uebereinstimmend mit der Gliederung der Landeskunde 
von Afrika wird sich hieran künftig ein Abschnitt »Oberflächen¬ 
gestaltung« schliessen, darauf »Klima«, »Pflanzenwelt«, »Tier¬ 
welt«, »Bevölkerung«, »Staaten«, »Europäische Besitzungen« und 
»Verkehr und Verkehrsmittel«. 

Unter den angekündigten graphischen Beilagen findet sich 
manches voraussichtlich sehr Interessante, so z. B. ein Bild der 
östlichen Pamir, oder kartographisch: die tektonischen Linien 
von Asien u. a. m. Das vorliegender Lieferung beigegebene 
Farbenbild von Benares macht einen recht günstigen Eindruck. 
Die zugehörigen Kartenbeilagen fehlen noch. 

Sachliche Kritik uns bis zum Abschluss des Ganzen vor¬ 
behaltend, möchten wir hier nur die Aufmerksamkeit auf das 
beachtenswerte Unternehmen lenken. 

Berlin. Georg Wegener. 

Die Halligen der Nordsee. Von Dr. Eugen Träger in 
Dresden. Mit drei Karten und zehn Textillustrationen. Stutt¬ 
gart, Verlag von J. Engelhorn. 1892. 343 S. kl. 8°. (For¬ 
schungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, im Aufträge 
der Centralkommission für wissenschaftliche Landeskunde von 
Deutschland, 6. Band, 3. Heft.) 

Die kleinen Inseln, welche sich der westholsteinischen und 
nordfriesischen Küste vorlagern, sind zwar schon zum öfteren 
beschrieben worden, aber stets mehr in belletristischer, als in 
eigentlich wissenschaftlicher Weise; vgl. z. B. in G. Rasch’ 
Schrift »Vom verlassenen Bruderstamm« das vierte Kapitel des 
zweiten Bändchens. Allein da diese eigenartige Inselwelt sowohl 
dem Geophysiker, wie auch dem Anthropogeographen eine Reihe 
von lohnenden Aufgaben stellt, so war es erwünscht, dass Herr 
Träger, der zur Zeit allerdings in Nürnberg thätig ist, als 
Schüler Krümmels aber zur Meereskunde von je in einem 
näheren Verhältnisse stand, den Gegenstand einer monographi¬ 
schen Behandlung unterzog. Er geht von der Vorgeschichte der 
Halligen aus, deren früheren Zustand er uns nach einer alten, 
bei Homann reproducierten Karte vors Auge stellt, hierauf be¬ 
schreibt er im einzelnen die elf noch vorhandenen eigentlichen 
Halligen — denn die grösseren Inseln werden von den Landes- 
bewohnem nicht zu dieser Gruppe gezählt — und bringt für 
dieselben die besten statistischen Angaben bei. Der Verfasser 
hat sich in dem von ihm besuchten Gebiete gut umgesehen, und 
es wohnt deshalb seiner durch hübsche landschaftliche Skizzen 


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464 


Litteratur. 


unterstützten Darstellung der Vorzug der Anschaulichkeit inne. 
Dies gilt auch für die Schilderungen, welche er vom Leben und 
Treiben dieser weltabgeschiedenen Insulaner entwirft, in deren 
Bereich drei oder, wenn man so will, vier Idiome inein- 
andergreifen, denn das Friesische ist die Landes-, Hochdeutsch 
die Kirchen- und Amtssprache, welche jeder versteht, wenn auch 
gerade nicht meisterhaft spricht; das Plattdeutsche ist aus dem 
benachbarten Dithmarsen schon vor unvordenklicher Zeit ein¬ 
gedrungen und dient wesentlich zur Vermittelung zwischen den 
sprachlichen Gegensätzen des Dialektes und der Schriftsprache; 
das Dänische endlich hat, wie wir hinzusetzen möchten, wenig¬ 
stens versucht, auch hier Eingang zu finden, wenn es auch jetzt 
auf die Nordspitze von Sylt und auf Romö beschränkt erscheint 
(s. die Sprachenkarte Hansens in Nr. 24 des »Globus«, aus 
der u. a. auch, in Uebereinstimmung mit Herrn Trägers Nach¬ 
richten hervorgeht, dass sich auf den Eilanden das Friesische weit 
zäher gegen das Niederdeutsche gewehrt hat, als auf dem gegenüber¬ 
liegenden Festlande). Die günstigen Urteile über den Charakter 
der Halligleute macht sich auch der Verfasser zu eigen, und über 
die den Ortsverhältnissen angepassten Modalitäten der Landbe¬ 
wirtschaftung, vorab der uralten Austeilung des spärlichen Ge¬ 
meindelandes unter die einzelnen Familien, weiss er sehr genaue 
Mitteilungen zu machen, welche den Volkswirt allerdings noch 
näher, als den Geographen angehen. Die physische Geographie 
nimmt lebhaftes Interesse an dem von den Watten handelnden 
Abschnitte, der auch den neuerdings etwas mehr in Fluss kom¬ 
menden Ingenieurarbeiten zum Schutze der Inselkerne und zur 
Gewinnung von Neuland Rechnung trägt, vor allem aber auch 
des Gezeitenphänomens und der gefürchteten Steigerung des¬ 
selben, der Sturmfluten, gedenkt. Um das, was vom Halligen¬ 
lande heute noch vorhanden ist, gegen die rastlose Zerstörungs- 
arlieit zu sichern, hat sich Herr Träger mit den staatlichen und 
technischen Instanzen ins Benehmen gesetzt, ist dabei aber in 
manchen Kreisen, von denen man es nicht erwarten sollte, auf 
eine ganz auffällige Abneigung gegen die Inangriffnahme um¬ 
fassender Schutzbauten gestossen. Er selbst ist vor allem für 
Faschinenanlagen und hat in dieser Beziehung die Autorität des 
berühmten Hydrotekten Franzius für sich. 

Der Entstehungsgeschichte des heutigen Küstensaumes 
möchten wir einmal eine noch mehr nach specialistischen Mo¬ 
tiven sich richtende Durcharbeitung wünschen, als sie ihr bis¬ 
lang, lind auch in der gegenwärtigen Schrift, zu teil geworden 
ist, wozu ja die vorhandenen Arbeiten v. Hoffs, Eilkers u. a. 
eine gute Grundlage liefern. Die annalistischen Angaben müssten 
einmal kritischer als bisher geprüft werden, denn nachdem die 
Behauptung, Helgoland habe dereinst einen sehr viel grösseren 
Umfang besessen, sich als unhaltbar herausgestellt hat, darf 
man auch den ähnlichen historischen Daten betreffs der nord- 
albingischen Westküste kaum mehr das volle Vertrauen, wie 
sonst, entgegenbringen, vielmehr wäre eine Uebcrprtifung der¬ 
selben wohl als Notwendigkeit zu bezeichnen. Eine solche 
anzustellen, dünkt uns aber Herr Träger ganz der rechte Mann 
zu sein. 

Die Mittelalterlichen Horen und die Modernen 
Stunden. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte von Gustav 
Bilfinger. Stuttgart, Verlag von W. Kohlhammer. 1892. 
X. 279 S. kl. 8°. 

Die moderne Zeitrechnung, wie sie sich bei sämtlichen 
Kulturvölkern seit langen Jahren eingelebt hat, lässt kaum mehr 
den innigen Zusammenhang mit der mathematischen Geographie 
wahrnehmen, aus welchem sie überhaupt erwachsen ist, und nur, 
wenn es sich um die Beseitigung eines so eingewurzelten Be 
griffes, wie es die Ortszeit ist, u. dgl. handelt, erinnert man sich 
wieder des eigentlichen Sachverhaltes. Anders sah das Mittelalter 
die Sache an, welches bei der Unvollkommenheit der Kunstuhren 
auf ein weit innigeres Verhältnis zu den Erscheinungen am ge¬ 
stirnten Himmel angewiesen war. Zumal auch die Einteilung 
des Tages und der Nacht war vom Laufe der Sonne und der 
Gestirne abhängig, aber während das Altertum bei dieser Ein¬ 
teilung ziemlich konsequent vorgegangen war, entstand in späterer 
Zeit eine förmliche Verwirrung, in welcher sich zurechtzufinden 
für den Historiker notwendig, jedoch nicht immer ganz leicht 


ist. Man wird deshalb der vorliegenden Schrift und ihrem in 
den Irrgängen der Chronologie bestens bewanderten Verfasser 
Dank wissen für die durch ihn gebotene Möglichkeit, sich auf 
bequeme Weise in dem Chaos orientieren zu können. 

Die Kirche, deren Vertreter so gut wie allein im Besitze 
wissenschaftlicher Kenntnisse sich befanden, ging zwar von der 
überkommenen Zeiteinteilung in ungleiche, d. h. von den 
Jahreszeiten in ihrer Länge abhängige Stunden aus, führte aber 
im Interesse der Laienwelt die Bekanntgebung wichtiger Zeit¬ 
momente durch Glockensignale ein, welch letztere dann allmäh¬ 
lich als die einzigen Mittel, die Zeit zu bestimmen, im Gebrauche 
verblieben. Matutin, Prima, Tertia, Sexta, Nona, Vesper und 
Completorium bildeten sich so als die einen Zeitraum von je 
24 Stunden abteilenden Momente heraus. Allein nicht überall 
entsprach das nämliche Wort auch dem gleichen Zeitpunkte, 
vielmehr ward die Sitte, was auch geographisch sehr merkwürdig 
zu verfolgen ist, in den verschiedenen Ländern auch eine ganz 
verschiedene, und es bedurfte der staunenswerten Belesenheit, 
welche dem Verfasser eignet, um über die einzelnen regionalen 
Abweichungen volle Klarheit zu verbreiten. So war in Italien 
die Nona mit dem Mittag gleichbedeutend, und auch für Frank¬ 
reich galt diese Identificierung, wenngleich nicht mit ganz der¬ 
selben Bestimmtheit, und das kulturell von letzterem Lande ganz 
beeinflusste England hatte, einer ganz deutlichen Stelle bei 
Chaucer zufolge, denselben Gebrauch. Das Wort Terz drückte 
ungefähr die zehnte Vormittagsstunde aus. In Deutschland da¬ 
gegen war letztere überhaupt bis zur Mitte des Vormittages vor¬ 
gerückt, während die Non auch hier die Sext, die doch eigent¬ 
lich den Mittag hätte anzeigen sollen, verdrängt hatte. Ueber 
diese an sich unverständliche Verschiebung werden vom Ver¬ 
fasser eingehende Erörterungen gepflogen, und er kommt zu dem 
Schlüsse, dass die Beziehung, welche zumal die Ordensregel der 
Mönche zwischen der Essenszeit und der »neunten« Stunde ge¬ 
knüpft hatte, maassgebend gewesen sei. Die Verlegung der 
Horen vollzog sich nicht auf einmal, sondern war das Ergebnis 
eines lange währenden Prozesses, und insbesondere der Wunsch, 
eine passende Essensstunde zu erhalten, erwies sich mitbestimmend. 
Die Einführung der jetzigen Stunden war bedingt durch die Fort¬ 
schritte der Uhrmacherkunst, über welche der Verfasser sich ein¬ 
gehend, und mit Beibringung mancher neuer Thatsachen, ver¬ 
breitet. Die nunmehr nötig werdende Zerfällung des Tages in 
Stunden konnte aber auch noch auf verschiedene Weisen vor¬ 
genommen werden; die Italiener zählten von Abend zu Abend 
durch, aber der Anfang ihrer Zählung, der Sonnenuntergang, 
war beweglich, und das fanden deutsche Schriftsteller mit Recht 
sehr unzweckmässig. Auch die Eigentümlichkeiten, welche die 
Zeiteinteilung in der alten Reichsstadt Nürnberg darbot, werden 
sehr gründlich beleuchtet, und den Schluss des Buches bildet 
ein Essay über die Baseler Uhr, welche, wie dem Referenten 
bereits aus verschiedenen Veröffentlichungen Rud. Wolfs bekannt 
war, auffällige, erst durch Joh. Bernoulli beseitigte Sonder¬ 
barkeiten zur Schau trug. 

Zu dem, was über die Nürnberger Uhr bemerkt wird, 
tragen wir nach, dass dieselbe Tabelle der Stundenlängen, welche 
das 15. Jahrhundert aufstellte, und wovon Herr Bilfinger mehrere, 
unter sich nicht wesentlich variierende Proben mitteilt, heute 
noch zu Recht besteht, indem sie, genau wie damals, das sog. 
»Garausläuten« regelt. Das Bedürfnis, leicht aus der Nürnberger 
»grossen Zeit« zur kosmopolitischen »kleinen Zeit« mit ihren 
gleichen Stunden übergehen zu können, muss übrigens ein sehr 
reges gewesen sein, denn eine Unzahl zu diesem Zwecke kon¬ 
struierter Verwandlungstafeln ist dem Unterzeichneten bereits 
durch die Hände gegangen. Uebrigens kommt noch in Chr. 
v. Wolfs »Anfangsgr. d. Chronologie« (Halle 1717) die Auf¬ 
gabe vor: »Die Jüdischen Stunden« — das ist eben die grosse 
Zeit — »in Europäische und die Europäischen in Jüdische zu 
verwandeln«. S. Günther. 


Verlag der J. G. Cotta’sehen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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von Dr. Ihne u. a. Doch betreffen sie erst einige 
Blütengewächse, keineswegs die Landwirtschaft. 
Diese muss sich mit Regeln der einfachen Erfah¬ 
rung behelfen, zu denen unter anderen auch solche 
des tropischen Landbaues gehören: 

dass die Theekultur starke Frühjahrsregen ge¬ 
wöhnlich nicht verträgt, 

dass die Vanillekultur weder in besonders 
trockenen, noch in besonders nassen Jahren ge¬ 
deiht u. a. m. 

Auch die Theorie der Wärmesummen, mit 
welcher De Candolle, Hardy, Fischer u. a. der 
Dattelkultur nachzukommen suchen, erhebt sich 
nicht wesentlich über diese Empirie höherer Bauern¬ 
regeln. (Doch wohl zu hart geurteilt. Die Red.) 

Der Uebergang von dem Aufkeimen einer 
meteorologischen Erkenntnis in der Landwirtschaft 
zu einer klimatologischen der Weltwirtschaft, zu 
welcher ich mit diesen Darlegungen beizutragen ver¬ 
suche, ist zu wenig vermittelt, um nicht einer be¬ 
sonderen Begründung zu bedürfen. Dieselbe liegt 
darin, dass ich auf diesen Weg zuerst ohne Ge¬ 
danken an klimatologische Gesichtspunkte durch den 
Eindruck gedrängt wurde, den die hamburgische 
Handelsausstellung 1889 auf mich machte, durch 
das Studium derselben, welches mir bis in die inner¬ 
sten Winkel der Kojen gestattet war, und durch das 
Bestreben jenes Eindruckes und dieser Erkenntnisse 
geographisch Herr zu werden. 

Was in diesem wie in einer Camera obscura 
koncentrierten Bilde der Weltwirtschaft vor allem 
auffiel, war ein entschiedener Einfluss der geogra¬ 
phischen Breite auf das Verhältnis der Erzeugnisse 
tierischen zu denjenigen pflanzlichen Ursprungs. Das 
aufgefasste Bild wurde durch handelsstatistische Be¬ 
rechnungen bestätigt. Ihre Ergebnisse wurden be¬ 
nutzt, ein vereinfachtes Bild dieses Verhältnisses der 
Produktionen nach Erdzonen von zehn zu zehn Grad 

Ausland 1892, Nr. 30. 59 


Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 

Mit speciellem 

Hinblick auf Japan und Deutsch-Afrika. 

(Vortrag, gehalten 

vor der Abteilung Berlin der Deutschen Kolonialgesellschaft, 
am 4. Januar 1892.) 

Von Wilhelm Krebs (Berlin). 

Gewiss niemandem unter Ihnen wird etwas 
Neues mit der Behauptung gesagt, dass die wirt¬ 
schaftliche Produktion eines Landes von seinem 
Klima abhängt. In erster Linie die landwirtschaft¬ 
lichen Betriebe, aber auch die Industrie, sogar der 
Bergbau werden von Witterungsverhältnissen be¬ 
einflusst. So sehr diese Wahrheit im allgemeinen 
anerkannt wird, so wenig sind ihre einzelnen Mo¬ 
mente festgestellt. Es fehlt von beiden Seiten, der 
wirtschaftlichen und der meteorologischen. 

Kein Landwirt Deutschlands wird mit Bestimmt¬ 
heit sagen können, welche Witterungsverhältnisse 
des Jahrganges 1890/91 dessen Ernte beeinträchtigt 
haben. Es werden viele Meinungen geäussert, die¬ 
selben widersprechen aber einander. Es fehlt die 
genaue Untersuchung, welche erst durch umfassende, 
auch die Termine der Saatenentwickelung und die 
Hauptzüge der Witterung berücksichtigende Er¬ 
hebungen ermöglicht wird. 

Aber auch wir Meteorologen haben keine Ur¬ 
sache, darüber die Achseln zu zucken. In dem Jahr¬ 
buch für 1888 einer ausländischen meteorologischen 
Anstalt erschien eine Zusammenstellung, welche im 
Auszug in den Jahrgang 1890 einer deutschen wissen¬ 
schaftlichen Zeitschrift von Ansehen überging, in 
welcher Zusammenstellung glücklich errechnet war, 
dass bestimmte Feldfrüchte sogleich nach oder sogar 
vor ihrer Aussaat aufzugehen pflegen. 

Phänologische Untersuchungen mit besserem 
Erfolg sind von deutscher Seite angestellt worden, 


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4 66 


Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 


geographischer Breite zu schaffen. Es ist die Kurve A , 
entworfen über einen gerade gestreckten Meridian¬ 
bogen der Erde, welcher von 6o° n. Br. bis 40 0 
s. Br. reicht. Sie gibt an, in welcher Weise das Ver¬ 


hältnis der tierischen zur pflanzlichen Produktion, 
in Prozenten berechnet, von den niederen nach den 
höheren Breiten des Nordens und Südens steigt 
(Abb. I) i). 



Erst dieses Bild führte dazu, als Erklärung 
klimatologische Verhältnisse heranzuziehen. Zu der 
Temperaturverteilung nach geographischer Breite 
wurde eine erste wichtige Beziehung gewonnen. 
Neben der Kurve A ist D , diejenige der Juli¬ 
temperaturen , angetragen, eine Linie, welche für 


den Monat Juli die durchschnittliche Zunahme der 
Abkühlung von niederen beiderseits nach höheren 
Breiten versinnlicht. Jene Beziehung ergab sich nicht 
so sehr in der Aehnlichkeit der beiden Kurven, als 

] ) Kettlers Zeitschrift für wissenschaftliche Geographie, 
Weimar, Jahrgang 1891, S. 80 ff. 


Bemerkungen zu Abbildung I. 

Ganze Erde, 

Zehngradzonen 6o° n. Br. bis 40° s. Br. 

Der Breitenmaasstab beträgt 0,3 mm per Grad. 

Die Kurve A der arktoiden Prozente ist aus den in 
der Zeitschrift für wissenschaftliche Geographie 1891, S. 80—86 
berechneten und in der Meteorologischen Zeitschrift 1891, S. 308 
mitgeteilten Zahlenwerten entworfen. Dieselben gelten für die 
achtziger Jahre. 

N. 60—50 50—40 40—30 30—20 20—10 io—o° 

322 115 55 24 12 19 

S. o—10 10—20 20—30 30—40 0 

38 • 118 563 1042 

Die Kurve B der klimatischen Faktoren ist aus 
folgenden Zahlcnwerten konstruiert: 

N. 60—50 50—40 40—30 30—20 20—10 io—o° 

646 114 62 23 16 21 


Jede derselben wurde aus dem Quotienten 


der 

Zehngrad- 


t . n 

berechnet, in welchem 

w den mittleren Betrag der Bewölkung L in 
Prozenten der Himmelsfläche, 
t die mittlere Temperatur über dem Ge¬ 
frierpunkte, in Centigraden, 
n die mittlere Niederschlagsmenge, in Milli¬ 
metern, 

20000 einen konstanten Faktor bedeutet, welcher dazu dient, 
die Zahlenwerte in den Bereich derjenigen der arktoiden 
Prozente zu heben. 


Die Zahlen w und n wurden aus den zu Tafel II 
verwandten Fünfgradbeträgen gemittelt, die Zahlen t aus 
den von Spitaler berechneten Werten. Für die Zehngrad, 
zonen von 90 0 n. Br. bis 60® s. Br. ergaben sich folgende 
Zahlen: 


N. 90—80 80—70 70—60 60 — 50 50—40 40—30 30—20 20—10 10—0S.0—10 10—20 20—30 30—40 40 -50 50—6o° 


W — °/o 


68 67 

62 

5 » 

37 

32 

49 

63 61 


5 * 

48 

56 

69 

/=°C. 

— ! 5 

— 11 —5 

2,4 

9,7 

i 7 ,i 

23,2 

26,1 

26,1 25,5 

23,9 

20,7 

15.2 



n — mm 

99 

227 573 

805 

924 

703 

1230 

2331 

2291 3252 

1578 

1056 

749 

1121 

1005 


Der Vollständigkeit 

wegen sei 

gestattet, die Lufldruckmittel hinzuzufügen : 






ä — mm 


(759.8) (758,5) (759.8) 

761,9 

763,0 

761,3 

758,9 

758,0 758,5 

760,1 

762,0 

762,3 

757,5 

(748,3) 


Die Kurve C der Besonnung wurde aus den drei Werten 
für 50—20° n. Br. konstruiert, welche auf S. 309 der Meteoro¬ 
logischen Zeitschrift 1891 als diejenigen der »Strahlungs¬ 
wirkung« mitgeteilt sind. Sie sind dort berechnet nach der 
Formel w 


und betragen für 50—40 

40—30 

30—20° n. Br. 


132 

55 

30 

(1) 

Die klimatischen Faktoren derselben Zone betragen 


114 

62 

23 

( 2 ) 

Die arktoiden Prozente 



115 

55 

24 

( 3 ) 

Ihre Verhältnisse 


bei 

4,40 

,.83 

1 

(I) 

4,95 

2,70 

1 

(2) 

4,79 

2,29 

1 

( 3 ) 

Die Reihe (2) steht 

also in 

der That der Reihe (3) 

näher 


als die Reihe (1). 


Der Kurve D der Juli-Temperaturen liegen Mittel¬ 
werte zu Grunde, die aus den von Spitaler berechneten, von 
Woeikof in seinen »Klimate der Erde« I, S. 331 citierten 
Mitteltemperaturen der Parallelkreise von 5 zu 5 0 der Breite 
gewonnen sind. Jene Mittelwerte sind also der Durchschnitt 
von je dreien der Spital er sehen Werte, nach der Formel 
I a -J- 2 b 4” t c 
4 

N. 70—60 60—50 50—40 40—30 30—20 20—10 10—o° 
11,4 15,9 20,9 25,7 27,8 27,6 26,1° C. 

S. o—10 10—20 20—30 30—40° 

24,8 22,9 18,0 12,9 °C. 

Jede der vier Kurven ist über einer besonderen, mit ent¬ 
sprechenden Buchstaben bezeichneten Grundlinie entworfen. Die 
drei ersten sind der Uebersicht wegen je 1,5 ein voneinander 
verlegt. Die Kurve der Juli-Temperaturen war in entgegen¬ 
gesetzter Richtung zu konstruieren. 


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Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 


467 


darin, dass das Verhältnis der tierischen in die pflanz¬ 
liche Produktion dort im Norden wie im Süden des 



Aequators 100 Prozent übersteigt, dass also der 
tierische den pflanzlichen Ursprung dort zu über¬ 
wiegen beginnt, wo die Julitemperatur unter 20 Centi- 


grade herabsinkt. Die Linien Bi B\ und E E geben 
diese Etappen der ihnen benachbarten Kurven A 
bzw. D an. Sie sehen, dass die Durchschnittspunkte 
ober- und unterhalb von dem wagrecht gelegten 
Aequator in nahezu denselben geographischen Breiten 
liegen. Der Juli ist der wärmste Monat der Nord- 
und der wolkenärmste der Südhemisphäre. Wie 
aus der Kurve durchschnittlicher Bewölkung auf 
den geographischen Breiten der Erde hervorgeht, 
zeichnet sich die Südhemisphäre durch einen über¬ 
wiegenden Wolkenreichtum aus (Abb. II, D). Dies 
führt darauf, im Juli den sonnigsten Monat beider 
Hemisphären zu erkennen, aus jener Beziehung beider 
Kurven deshalb einen Einfluss der Besonnung auf 
die Produktion zu erschliessen, welcher den pflanz¬ 
lichen Teil auf Kosten des tierischen begünstigt. 

Wieder bestätigte die Berechnung den durch 
das Gesehene angeregten Schluss. Für drei Zonen, 
20. bis 50. 0 n. Br., war es möglich, aus Bewölkung 
und Temperatur Verhältnisse der Besonnung zu be¬ 
rechnen, welche denjenigen der tierischen in die 
pflanzliche Produktion annähernd entsprechen. Aus 
ihnen wurde Abb. I, Kurve C entworfen, rechts von 
dem nördlichen Aste der eingetragenen Produktions¬ 
kurve A. Für die übrigen Zonen aber war dieser 
annähernde Gleichlauf der Kurven C und A nicht 
zu gewinnen. 

Da der Einfluss der Besonnung so weit erwiesen, 
war die Annahme, nahegelegt, dass es sich beim 
Schwanken des Verhältnisses der Produktionen um 
ein Vorwiegen oder Zurücktreten ihres pflanzlichen 
Teiles handelt. Das Pflanzen leben aber verlangt 
neben Sonnenschein vor allem Feuchtigkeit — 
Regen. 

Die den Landgebieten der Erde zukommenden 
Regenmengen zonenweise zu berechnen, wurde durch 


Bemerkungen zu Abbildung II. 

Einfluss der geographischen Breite auf Nieder¬ 
schläge, Temperatur, Luftdruck u. Bewölkung. 

Die Zusammenstellung ist so zu verstehen, dass die vor¬ 
handenen Daten für jedes Meteor zu einem Gesamtbild vereint 
sind, welches besonders für die Süd - Halbkugel an Genauigkeit 

N. 85—80 80—75 75—70 70—65 65—60 60—55 55—50 
Nieder¬ 
schläge 99 183 271 436 710 778 832 

Zahl der 

Stationen 1 1 5 18 29 52 82 


noch manches wünschen lässt. Der Breitenmaasstab ist 8° Br. — 
5 mm, die Intervalle aber zu 5 0 gewählt. 

Die Niederschlagsmengen sind Durchschnittswerte der 
mehr oder weniger langjährigen Mittel von 1356 Stationen, 
welche Loomis in seinen Contributions to Meteorology III, 
1889, S. 145 ff. gesammelt hat. Nach Verwandlung der Inches 
in Millimeter ergaben sich die folgenden: 

50—45 45—40 40—35 35—3° 30— 2 5 25—20 20-15 15—io° 


956 

893 

726 

681 

1178 

1283 

2045 

2625 

117 

179 

*43 

102 

37 

60 

80 

21 


N. 10 -5 5—o 
2003 2579 
37 36 


S. 0—5 5—10 10—15 
2673 3841 1429 

43 40 n 


15—20 20—25 25—30 30—35 35-40 40—45 
1726 1444 668 631 867 1356 

25 22 44 115 38 12 


45—50 50—55 55 - 6 o° 
885 650 1359 

1 4 1 


Im äussersten Norden wie im Süden von 45 0 Br. an, ferner 
zwischen 10 0 n. Br. und 15 0 s. Br. ist diese Reihe wegen der 
geringen Anzahl der Stationen und der meist kurzen Beobachtungs¬ 
dauer sehr ungenau. Dass jedenfalls im äussersten Norden, von 
50° Br. an, die Niederschlagsmenge stetig abnimmt, dafür bürgt 
die zonale Anordnung der Isohyeten, welche auf der Polarkarte 
der Erde vom Verfasser entworfen wurden. (Abb. II a.) Die 
planimetrische Ausmessung dieses Bildes, welche zur Ergänzung 
der angeführten arithmetischen Mittel auch für eine geeignete 
Regenkarte der ganzen Erde zu empfehlen ist, ergab kleinere 
Durchschnittsmengen der Niederschläge, welche aber in an¬ 


nähernd dem gleichen Verhältnis nach Norden abnehmen wie jene. 
N. 90—85 85—80 80—75 75—70 7 °—65 65—60° 

38 77 135 212 365 597 mm. 

Der Temperatur-Kurve liegen die arithmetischen Mittel 
der von Woeikof citierten Spital ersehen Werte zu Grunde. 

Der Luftdruck-Kurve liegen die arithmetischen Mittel 
der Werte zu Grunde, welche Teisserenc de Bort für die 
vier Monate Januar, März, Juli, Oktober und die Parallelkreise 
von 5 zu 5 0 zwischen 60 0 n. Br. und 50 0 s. Br. berechnet hat. 
Ergänzt sind sie beiderseits bis 80 0 n. Br. und 60 0 s. Br. 
durch die Ferrelschen Werte. 


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4 68 


Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 


das von Loomis gesammelte Material mehrjähriger 
Niederschlagsmittel von 1356 Stationen ermöglicht. 
Ihr Ergebnis ist in dem Diagramm A y entlang einer 
zur Geraden gestreckten Meridianlinie, nach Fünf¬ 
gradzonen von 
85° n. Br. bis 60 0 
s. Br. verzeichnet 
(Abb. II). Diese 
Abbildung ge¬ 
währt Aufschluss 
darüber, dass 
zwischen 20 und 
50 0 n. Br. Be¬ 
wölkung (Z?) und 
Temperatur ( B ) 
allein denjenigen 
der tierischen in 
die pflanzliche 
Produktion ent¬ 
sprechende Ver¬ 
hältnisse ergeben 
mussten.Zwischen 
20 und 50° n. Br. 

schwankt die 
mittlere Nieder¬ 
schlagsmenge nur 
geringfügig um 
1000 mm (Abb.II, 

. 

Nimmt man die 
Regenmengen in 
die Rechnung auf, 
so wird nicht 
allein der Verlauf der klimatischen Kurve von 20 
bis 50 0 n. Br. demjenigen der wirtschaftlichen 
ähnlicher gestaltet, sondern es stellt sich eine an¬ 


nähernde Parallelität im Verlaufe beider Verhältnisse 
für die ganze nördliche Halbkugel heraus. Die ver- 
vollkommnete klimatische Kurve B ist in Abb. I 
zwischen der klimatischen C und der wirtschaft¬ 
lichen A ange¬ 
tragen. Ueber 60 0 
hinaus nach 
Norden ist der 
Parallelismus voll¬ 
kommen, da beide 
Linien in wag¬ 
rechter Richtung 
weiter verlaufen. 
Nach Süden, jen- 
seit des Aequators, 
ist dagegen eine 
auch nur an¬ 
nähernde Paralle¬ 
lität nicht zu er¬ 
weisen. Die Be¬ 
obachtungen 
werden zum aller- 
grösstenTeile, die¬ 
jenigen des Regens 
ausschliesslich,auf 
dem Lande vor¬ 
genommen. Die 
bisher bekannten 
Landflächen der 
Südhalbkugel sind 
aber gegenüber 
den Meeresflächen 
verschwindend 
klein. Sie sind überdies auch in diesem Verhältnis 
meteorologisch weniger erforscht als die Landflächen 
der Nordhalbkugel. Es mangelt dort also zweifellos 



Eine Vergleichung mit der Niederschlags Kurve ergibt, 
dass in der gleichen Breite 30—40 0 nördlich und südlich vom 
Aequator einem Maximum des Luftdrucks ein Minimum der 
Niederschlagsmenge entspricht. 

Die Bewölkungswerte sind am mangelhaftesten, lassen 


aber eine symmetrische Anordnung beiderseits vom Aequator 
nach den Polen erkennen, welche für ihre ungefähre Gültigkeit 
in die Wage fällt. Es sind die Mittel der Daten, welche 
Woeikof auf einer Tabelle seiner »Klimate der Erde« ge¬ 
sammelt hat. 




N. 90—80 

80—70 70—65 65 - 

60 

60— 

-55 55 - 

-50 50-45 45- 

-40 40- 

-35 35 - 

30 30—25 25 -20 20—1 

Jahreste 

mpe 

ratur°C.—18,3 

— 18,2 —12,1 —2 

:,6 

0, 

8 4 ,< 

0 7,6 

I I 

,8 15 

,6 18, 

.7 n 22, 

0 24,7 26,0 

N. 

15 - 

10 10—5 5—0 

S. 0—5 5—IO IO— 

*5 

15- 

20 20 — 

25 25—30 30- 

-35 35 - 

-40 40 

45 45 - 

50 50— 55 ° 


26, 

4 26,3 26,0 

2 5*7 25,3 24, 

6 

23. 

4 21, 

8 « 9.7 

16, 

9 « 3 . 

5 10, 

4 7.4 

4 , 5 ° C. 



N. 80-75 75- 

—70 70—65 65—60 

60 

~55 

55-50 

50—45 45-40 

40-35 

35—30 

30—25 

25—20 20— 15° 

Luftdr 

uck 

mm (760,2) (759,3) (758,4) (758,5) 

7594 

760,2 

761,4 

762,4 

763,0 

762,9 

762,0 

760,6 759,3 

N. 15- 

-10 

10—5 5 — 0 S. 

0—5 5—1010—15 

*5 

—20 

20—25 

25-30 30—35 

35—40 

40-45 

45—50 

50-55 55-6o° 

758.4 

758,0 758,0 

758,2 758,8 759,6 

760,5 

761,6 

762,4 

762,7 

761,9 

759.4 

755.5 

( 75 o, 7 ) ( 745 . 8 ) 



N. 80-75 75 - 7 o 70-65 65—60 60-55 55-50 

50—45 45—40 40—35 35—30 30—25 0 


Bewölkung °/o 

69,5 67,2 69,0 


65,0 

64,1 

60,6 

54 .« 

48,2 

39 .o 

35,6 

32,0') 


Zahl der Angaben 

2 5 3 


7 

7 

16 

27 

21 

11 

7 

«') 


N. 25 — 20 20—15 15 —10 10—5 5—0 0 
32,3 45,8 51,8 4<,3 80,0 

3 5 5 3 1 

s. 0—5 5 -10 10-15 15 -20 20-25 25—30 30—35 35—40 40—45 45—50 50—55 0 
61,3 59,5 42,3 46,2 49 56 69,0 

3 24521 3 


*) Kosscir mit 13 % ist ausgelassen, da diese Angabe gegenüber der anderen, welche sich auf die Gangesebene bezieht, zu geringwertig ist, um 
dieselbe auf etwa 2 /a zu verkleinern. 


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Der Antrag des Columbus bei 

an meteorologischem Material. Von dem wenigen 
vorhandenen ist noch nicht die Ausdehnung des 
bisher erbrachten Beweises auf die Südhalbkugel zu 
erwarten. Dieser wird durch jenen Mangel nicht 
beeinträchtigt. 

Aus dem Verhalten der beiden Kurven für die 
Nordhalbkugel ist als erwiesen anzusehen, dass Be¬ 
sonnung und Niederschlagsmenge die wirtschaftliche 
Produktion der Erdgebiete in der Art zu beeinflussen 
pflegen, dass, wenn sie reichlich vorhanden sind, der 
pflanzliche, wenn sie mangeln, der tierische Teil 
der Produktion bis zum Ueberwiegen hervortritt. 

Eine Bestätigung desselben Verhaltens ergibt 
sich ebenfalls für die nördliche Halbkugel. In nor¬ 
dischen Ländern werden die pflanzlichen Produkte 
von den tierischen bis zu vollkommener Unter¬ 
drückung überwogen. Island und Grönland bringen 
von organischen überhaupt nur tierische Erzeugnisse 
auf den Weltmarkt. Wie aus den Kurven (Abb. II) 
hervorgeht, tritt aber in nördlichen Breiten nicht 
allein die Temperatur zurück, sondern in gleicher 
Weise die Niederschlagsmenge, während die Bewöl¬ 
kung zunimmt. Besonnung und Niederschläge dem¬ 
nach nehmen jenseit 50 und 60 0 n. Br. in ausser¬ 
ordentlich grossem Maasstabe ab. Wie aus der Polar¬ 
karte (Abb. IIa) zu ersehen, umschliesst den Nordpol 
im Durchmesser von 20 Breitengraden ein Gebiet, 
in welchem jährlich nach allen vorliegenden Daten 
weniger Niederschläge als 125 mm fallen, in welchem 
also die Regenverhältnisse der trockensten Erdgebiete, 
der Sahara, des Sindh, der Gobi, herrschen. Dieses 
Gebiet wird zonenförmig von anderen umschlossen, 
in welchen bis zum Polarkreis etwa das Doppelte, 
bis 60 0 n. Br. das Vierfache dieser Regenmenge 
fällt. Das erst ist ungefähr so viel, wie in den 
trockensten Teilen Deutschlands. Dieses Verhalten 
steht mit dem bisher Gefundenen in Uebereinstim- 
mung. Denn keineswegs wird das Pflanzenleben 
in den arktischen Breiten von der Kälte ertötet. 
Unter fast 80 0 n. Br., auf Spitzbergen, dem Nord¬ 
pol doppelt näher, als der Stadt Berlin, entfaltet sich 
alljährlich der Blumenflor des mitteleuropäischen 
Sommers mit Potentillen, Stellarien, Ranunkeln 1 ). 
Durch das Zusammenwirken aller drei meteorologi¬ 
schen Agentien wird, entsprechend ihrer Wirkungs¬ 
weise in niederen Breiten, allein jener Ueberschuss 
pflanzlichen Lebens unbeschafft gelassen, welcher als 
pflanzlicher Teil in der wirtschaftlichen Produktion 
der Länder aufzutreten pflegt. 

Ein dritter Nachweis ist auf ganz anderem 
Wege zu erbringen. Die Uebereinstimmung in dem 
Verhalten jener Seiten des Klimas und der organi¬ 
schen Produktion ist nicht allein für das Mittel der 
letzten Jahre und die verschiedenen Zonen der Erde, 
sondern auch für das gleiche Land und eine Reihe 
verschiedener Jahre nachzuweisen. (Schluss folgt.) 

*) L. Crem er, Ausflug nach Spitzbergen, Berlin, F. Dlimm* 
lers Verlag. 1892, S. 61, 70 ff. 


Ausland 1892, Nr. 30 


der Venetianischen Republik. 

Der Antrag des Columbus bei der Venetia¬ 
nischen Republik. 

Von E. Gel eich (Russin piccolo). 

Wie bekannt, wird in Italien gelegentlich der 
bevorstehenden Säkularfeier der Entdeckung der Neuen 
Welt ein grosses officielles Werk herausgegeben, 
welches die Entdeckungsgeschichte auf Grund der 
neuesten Forschungen zu behandeln haben wird. 
Zu diesem Zwecke wurde schon vor mehreren Jahren 
eine aus den ersten Gelehrten des Landes bestehende 
Kommission eingesetzt, die sich u. a. auch die Auf¬ 
gabe stellte, die Archive des Reiches nochmals einer 
genauen Prüfung zu unterziehen, vorzüglich in der 
Absicht, um einiges Licht über das Jugendleben des 
Columbus zu schaffen. Dem in Venedig ansässigen 
Forscher Guglielmo Berchet fiel nun die Aufgabe 
zu, die Angelegenheit wegen des Antrages, den Co¬ 
lumbus beim venetianischen Hof gestellt haben soll, 
womöglich aufzuklären, und darüber erhielten wir 
vor kurzem einen Separatabzug des bezüglichen Be¬ 
richtes, den Berchet in der Nuova Antologia 
(Bd. XXV, Serie III) veröffentlichte 1 ). 

Von diesem angeblichen Anträge war bis zum 
vorigen Jahrhundert nichts bekannt. Auch über die 
Schritte des Columbus bei der Genuesischen Re¬ 
publik weiss nur Ramusio zu berichten, in Petrus 
Martyr jedoch, den Ramusio benutzte, ist keine 
darauf bezügliche Note zu finden“). Im Jahre 1798 
erschien in Venedig die Geschichte des Handels der 
Venetianer von Carlo Antonio Marin (Storia 
civile e politica del commercio dei Veneziani, Ve¬ 
nezia 1798), in welcher zum erstenmal von dem 
Antrag des Columbus in Venedig die Rede ist. 
Der Verfasser sagt bei dieser Gelegenheit folgendes: 
»Als ich vor zwölf oder dreizehn Jahren dem Ca¬ 
valiere Francesco Pesaro meine Absicht eröffnete, 
eine Geschichte des Handels der Venetianer zu schrei¬ 
ben, teilte er mir nachstehendes mit: ,Während ich 
mich im Rate der Zehn befand, geschah es einmal 
beim Durchsuchen des Archives jener Behörde, dass 
ich ein Memorial sah und las (mi venne salto di 
vedere e leggere un nlemoriale), welches Columbus 
der Signoria vorlegte, um sie zur Annahme seines 
Projektes zu bewegen«. Später erzählte Bossi in 
seiner »Vita di C. Colombo« ungefähr dasselbe, mit 
dem Unterschied nur, dass er Pesaro nicht nannte 
und sich nur auf »einen angesehenen Beamten der 
Republik« bezog. Man hat bisher auf die Autorität 
des Pesaro viel zu viel gehalten, um an der Wahr¬ 
heit seiner Aussage zu zweifeln, und Referent möchte 
noch immer bei dieser Ansicht bleiben, solange 
wenigstens nicht ein positiver Beweis für die Un¬ 
wahrheit des Antrages erbracht wird. Denn abge- 


*) Guglielmo Berchet, Christophoro Colombo e Venezia. 
Ricerca storica. 

8 ) Spotorno, der ebenfalls von diesem Anträge spricht, 
bezieht sich zwar auf Petrus Martyr, allein er dürfte sich eben¬ 
falls durch Ramusio haben irrefuhren lassen. 

60 


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470 


T)ie Strömungen in den Meeresstrassen. 


sehen davon, dass Pesaro als glaubwürdiger, ernster 
Staatsmann und als öffentlicher Bibliothekar das 
höchste Ansehen genoss, hat er auch seine Wahr¬ 
nehmung in zufälliger und harmloser Weise bekannt 
gegeben, ohne vielleicht zu ahnen, dass sie verwertet 
werde, und demnach gewiss nicht in der Absicht, sich 
einer Fälschung oder auch einer Uebertreibung schuldig 
zu machen. Berchet dagegen kann nunmehr ver¬ 
sichern, dass sich ein solches Dokument in den 
Archiven Venedigs nicht befindet, und daraus würde 
hervorgehen, dass hier ein Missverständnis vorliegt. 

Zur Erhärtung seines negierenden Urteiles führt 
Berchet zunächst die ganz richtige Thatsache an, 
dass Columbus selbst in seinen Schriftstücken zwar 
von seinen Bemühungen in Frankreich, England und 
Portugal spricht, aber mit keinem Worte seines 
Einschreitens in Genua oder Venedig Erwähnung 
thut. Keiner der vielen Historiker der Republik, 
keine einzige von den 34 Chroniken, die Berchet 
geprüft hat, enthält einen Wink davon. Man hat 
ferner durch die betreffenden Gesandtschaften auch 
die Manuskripte prüfen lassen, die durch Foscarini 
nach Wien und durch Zurla nach Rom kamen, 
und das Resultat war wieder ein negatives. Man 
hat auch an die Möglichkeit gedacht, dass das Doku¬ 
ment, von dem Pesaro sprach, sich vielleicht im 
Besitze der Familie Gradenigo befinden könnte, 
welche die Archive der ausgestorbenen Linie Pesaro 
erbte. Allein der Conte Pietro Gradenigo gab 
die Erklärung ab, dass er von einem solchen Doku¬ 
mente keine Kenntnis habe, und dass jedes weitere 
Forschen in der Familienbibliothek vergebliche Mühe 
wäre, indem beim Aussterben der Pesaros derartige 
Familienzwistigkeiten, Teilungen und Güterzerstreu¬ 
ungen stattfanden, dass die Gradenigos schliesslich 
nur das Archiv der Besitzungen erhielten, in dem gar 
kein Dokument enthalten war. 

Nach Mitteilung dieser Ergebnisse wendet sich 
Berchet der Frage zu, wie ein solches Projekt von 
der »Serenissima« entgegengenommen worden wäre. 
Wieder an der Hand der Geschichte weist der ver¬ 
ehrte Verfasser nach, dass die Venetianer ihr Haupt¬ 
augenmerk auf die Entdeckung* des östlichen Weges 
nach Indien gerichtet hielten, und während man der 
Entdeckung des Columbus wenig Gewicht beilegte, 
waren die Gesandten und Geschäftsträger beauftragt, 
über die Fortschritte der Portugiesen in Afrika ge- 
nauestens zu berichten. In den Archiven Venedigs 
liegen unzählige Briefe über diesen Gegenstand, die 
Berchet alle sah, während die wenigsten davon 
über Columbus handeln. Venedig fürchtete die 
Konkurrenz der Portugiesen, es sah ein, dass die 
endliche Entdeckung des östlichen Weges nach 
Indien ihm den Todesstoss versetzen würde. Aus 
diesem Grunde verwendete sich die Republik beim 
Sultan von Aegypten, damit dieser den Portugiesen 
im Roten Meere und im Indischen Ocean Schwierig¬ 
keiten und Unannehmlichkeiten bereite. Beachtens¬ 
wert ist dabei im höchsten Grade, dass die Re¬ 


publik mit scharfsichtigem Blicke das Mittel so¬ 
gleich erkannte, wodurch man die Konkurrenz der 
Westmächte lahmlegen könnte; in einem Dokument 
aus dem Jahre 1504*) liest man folgende an den 
Gesandten in Kairo zugesendete Instruktion: »Es 
Hesse sich ein Kanal vom Roten Meere aus graben, 
welcher das diesseitige Meer mit demselben direkt 
verbinde, wie dies früher mehrfach besprochen wurde, 
und man könnte die Mündungen befestigen, damit 
nur diejenigen ein- und ausfahren, die dem Herrn 
Soldan angenehm sind«. 

Endlich glaubt Berchet, dass ein Seefahrer 
Namens Columbus sich nicht mit Anträgen irgend 
welcher Art nach Venedig gewagt hätte, da ein 
Colombo, wenn auch nicht Christoph, durch 
seine Seeräubereien der Republik grossen Schaden 
zugefügt hatte, so dass am 22. März 1476 der Be¬ 
schluss gefasst wurde: »quam capitalis hostis noster 
sit Columbus, publicus pyrata, omnes in illius 
praesentibus operibus facile intelligunt«. 

Aus allen diesen Gründen glaubt Berchet 
schliessen zu sollen, dass die Angabe Pesaros auf 
irgend einem Irrtum basiere. 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. 

Von Emil Wisotzki (Stettin). 

(Fortsetzung.) 

Auch Paulus Merula, der Verfasser einer 
allgemeinen Kosmographie im Jahre 1605, ein Mann, 
welcher stellenweise Gedanken offenbart, zu denen 
erst unsere Zeit sich definitiv durch- und empor¬ 
gerungen hat, lässt durch den Bosporus die über¬ 
schüssigen Wasser des Schwarzen Meeres enteilen. 
Nur vermehrt er dieselben noch durch eine unter¬ 
irdische Zufuhr aus dem Kaspischen Meere. Von der 
Unterströmung ist bei ihm nichts zu finden, obwohl 
er den oben genannten Petrus Gyllius citiert: 
»qui plene Bosporum describit«. Einen Einfluss des 
Atlantischen Oceans ins Mittelmeer gibt es für Me¬ 
rula noch nicht; vielmehr könnte man mit einiger 
Sicherheit annehmen, dass in entgegengesetzter Rich¬ 
tung ein Ausfluss aus letzterem stattfindet: »in Ar- 
chipelagum; inde per mediam Europam et Africam 
ad Herculeum fretum, qua patet exitus decurrit 2 )«. 

Ebenfalls tritt für einen solchen Ausfluss ein 
Gerard Johannes Vossius; anderenfalls wäre 
eine allgemeine Ueberflutung der Mittelmeerländer 
zu befürchten. Er erblickt hierin einen Beweis gött¬ 
licher Weisheit (!!) 3 ). 

1 ) Staatsarchiv in Venedig. Dokumente aus dem Rate 
der Zehn. Reihe XVI a. 

2 ) Paulus Merula, Cosmographiae generalis libri III, 
1605, p. 141, 164, 165, 167. 

3 ) Gerardi Johannis Vossii de theologia gentili et 
physiologia christiana, sive de origine et progressu idolatriae, ad 
veterum gesta et rerum naturam reductae deque nalurae mirandis, 


Djgjtized by 



Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


471 


In derselben Zeit schrieb Abraham Gölnitz 
ein für seine Zeit ganz tüchtiges, länderkundliches 
Werk, das viel zu wenig oder leider gar nicht be¬ 
achtet zu sein scheint. Die Strömung im Bosporus 
wird gar nicht erwähnt, ebenso nicht diejenigen der 
dänischen Sunde, obwohl er gerade Dänemark be¬ 
sonders behandelt und das Werk einem vornehmen 
jungen Dänen gewidmet und wohl auch in Kopen¬ 
hagen geschrieben ist. Wohl aber weiss er, dass 
im fretum Herculeum eine Strömung stattfindet, nur 
nicht in welcher Richtung. »Mare Mediterraneum 
per fretum Herculeum in Occidentalem Oceanum 
immittitur, aut etiam ex eo emittitur*).« 

Dagegen erhalten wir schon sicherere Kunde 
von John Greaves, Professor der Astronomie an 
der Universität Oxford. Derselbe berichtet in seiner 
Pyramidographia vom Jahre 1646, er habe gehört, 
»that at the streights of Gibraltar the sea enters in 
at the one side, and at the same time passes out 
at the other«. Dabei hätte er sich nicht beruhigen 
können, da er selbst bei zweimaligem Passieren nichts 
dergleichen bemerkt, sondern nur »an inlet, without 
any outlet of the sea«. Er habe deshalb einen Kapi¬ 
tän gefragt, der die Strasse oft besucht habe und 
auch sonst ein kenntnisreicher Mann gewesen sei. 
Dieser hätte jeden Ausfluss aus dem Mittelmeer an 
der afrikanischen Seite geleugnet. Den Umstand, 
dass die Korsaren gerade diese Seite benutzten, um 
den offenen Ocean zu gewinnen, erklärte derselbe 
mit dem Besitz Gibraltars in christlichen Händen. 
Es sei also in Wirklichkeit nur eine Einströmung 
des Atlantischen Oceans, wie ja auch das Mittel¬ 
meer eine solche von seiten des Pontus erfahre, was 
er auch mit eigenen Augen gesehen 2 ). 

In derselben Zeit schrieb der Jesuit George 
Fournier, ein früherer Seemann. Dieser spricht 
auch von zwei Strömungen in der Gibraltarenge, 
einer hinein- und einer hinausgehenden. Nicht ganz 
6 Stunden sehe man das Wasser des Mittelmeeres 
hinausströmen, dagegen über 16 Stunden atlantisches 
Wasser sich ins Mittelmeer ergiessen. Selbstverständ¬ 
lich ist ihm die Bosporus-Strömung bekannt; auch 
erwähnt er ganz kurz die Ergiessung der Ostsee in 
die Nordsee, welche aber nur schwach sei. Wir 
werden noch weiter unten Gelegenheit haben, auf 

quibus homo adducitur ad dcum. 2. Ausg., Amsterd. 1642, 
p. 669. (Erste Ausgabe 1641 identisch.) In der editio nova 
1668, fol. 336, nur ein kurzer Zusatz, dass die Gibraltar-Enge 
schon immer bestanden. 

*) Ab. Gölnitz, Compendium geographicum, Amstelodami 
1643, P- 44 - 

2 ) J. Greaves, Pyramidographia or a description of the 
pyramids of Egypt, London 1646. Abgedruckt in »A Collection 
of voyages and travels», vol. II, London 1752, p. 644, Anm. 
Wir haben weiter oben es unterlassen, Sebastian Münster 
(Cosmographay etc., Basel 1598, p. II) zu citieren. »Das Mittel- 
ländig Meer bricht und dringt in Occident bei Hispanien in das 
Erdtreich herein u. s. w.« Er hat dabei wohl mehr, wie das 
auch sonst geschah und von uns nicht besonders erwähnt ist, 
an die ursprüngliche Entstehung des Mittelmeeres gedacht als 
an eine noch fortdauernde Strömung. 


Fourniers sonstige hierher gehörige Anschauungen 
zurückzukommen *). 

Mit gespannten Erwartungen wenden wir uns 
zu Bernhard Varenius. Aber leider werden die¬ 
selben hier in unserer Frage nach den Strömungen 
in den Meeresstrassen in keiner Weise erfüllt. Ver¬ 
geblich versuchen wir bald hier, bald dort in seinem 
unsterblichen Werke anzuklopfen; nur selten em¬ 
pfangen wir eine Antwort. Er gehört in unserer 
Frage nicht, wie sonst vielfach, zu den führenden 
Geistern. 

Was die Kenntnis der Thatsachen betrifft, so 
verhält es sich damit folgendermaassen: 

Die Wasser des Atlantischen Oceans ergiessen 
sich ins Mittelmeer: »Oceanus Atlanticus per an- 
gustum fretum Gaditanum influit in sinum Medi¬ 
terraneum«. Mehrfach wird dies konstatiert 2 ). Den 
Ausfluss des Schwarzen Meeres durch den Bosporus 
ins Mittelmeer erwähnt er zwar, aber nicht, wo man 
es erwarten sollte, etwa bei der Betrachtung der 
Seen, die Zufluss und Abfluss haben, oder als Bei¬ 
spiel für Abweichungen gewisser Meeresoberflächen¬ 
stücke von der Kugeloberfläche, oder bei Betrachtung 
des Mittelmeeres und seiner Sinus secundarii, sondern 
so nebenher findet sich die Thatsache genannt bei 
Erörterung der Frage, ob das Kaspische Meer ein 
»mare« oder ein »lacus« sei: »id tarnen indicio esse 
potest, quod Pontus Euxinus perpetuo emittit aquas 
per Bosphorum magna copia, quantam copiam a 
fluviis non accipere quidam putant, sed per subter- 
raneum ductum a mari Caspio a )«. 

Was das Verhältnis der Ostsee zur Nordsee be¬ 
trifft, so stand Varenius nicht auf der Höhe der 
Thatsachen. Im Gegensatz zu dem in seiner Zeit, 
wie wir auch schon bei F o u r n i e r vorher bemerkten, 
hier und da bekannten Faktum einer Ausströmung 
der Ostseewasser in die Nordsee, lässt er vielmehr 
umgekehrt Nordseewasser in die Ostsee dringen. 
»Mare Balticum irrumpit ex oceano inter terras inter 
Selandiam et Gothiam, ut etiam inter Selandiam 
et Jutlandiam. Primo oblonga via a septentrione 
in austrum fluit.« »Fretum Danicum etc. Per illud 
Oceanus Atlanticus fluit in Sinum Balticum.« Trotz¬ 
dem heisst es: »fluvios recipit insignes magnitudine *)«. 
Auch das Weisse Meer wird vom Ocean her unter¬ 
halten: »Mare Album ex Oceano Septentrionali inter 
Lappiam et extrema Russiae littora influit versus 
austrum, fluvios recipit insignes 5 )«, ebenso das Rote 
Meer: »Mare Rubrum ex Oceano Indico fluit inter 
promontorium Arabiae et inter Africae promonto- 
rium«. Dieses »fluvios parvissimos et parvae magni- 
tudinis excipit 6 )«. Ob Varenius dieses Hinein- 

*) George Fournier, Hydrographie contenant la thdorie 
et la pratique de toutes les parties de la navigation, Paris, erste 
Ausgabe 1643, seconde Edition 1667 und 1679, p. 338. 

2 ) Geographia generalis, 1671, p. 117, 122, 137, 1S4. 

3 ) A. a. O., p. 215. 

4 ) A. a. O., p. Jl8, 122, 123. 

5 ) A. a. O., p. 120. 

6 ) A. a. O., p. 118. 


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472 


Winterkurorte an der Riviera. 


fliessen des Oceans auch bei anderen Sinus, wie der 
Hudsons-Bai, dem Persischen und Kalifornischen 
Meerbusen angenommen, geht nicht deutlich hervor. 

Es waren allgemeine Gesichtspunkte, welche 
auf den unsterblichen Mann in diesen Auffassungen 
einwirkten. Bekanntlich ist Varenius einer der 
ersten in neueren Zeiten 1 ), welcher auf die besondere 
Gestaltung der Meeresoberfläche, auf ihre etwaige 
örtliche Abweichung von der Kugeloberfläche, die 
Aufmerksamkeit gelenkt hat. Er legt sich die Frage 
vor: »an oceanus ubique sit ejusdem altitudinis?« 
Im allgemeinen, als Ganzes aufgefasst, sei die Meeres¬ 
oberfläche eine in allen ihren Punkten vom Erd¬ 
mittelpunkt gleich weit entfernte Kugeloberfläche. 
Von diesem grössten, allgemeinsten Standpunkt aus 
gefasst, sei jene Frage also bejahend zu beantworten. 
Aber es trete da eine zweite, besondere Frage her¬ 
vor: »annon sint causae quaedam, quae faciant ut 
quaedam oceani partes sint magis altae quam aliae?« 
Ein Gegenstand, welcher der Untersuchung um so 
würdiger, als er von grosser Bedeutung bei der An¬ 
lage von Kanälen zur Verbindung verschiedener 
Meere sei. Wir übergehen seine Besprechung und 
Zurückweisung der vielfach geäusserten Meinung, 
dass die Meeresoberfläche in den Polargebieten höher 
sei, wie in den Aequatorialgegenden. Andere hätten 
behauptet, der Indische Ocean sei höher, als der 
Atlantische, was sie beweisen wollten aus dem Ver¬ 
hältnis des Roten Meeres zum Mittelmeer. Das führe 
auf die Frage: »utrum eadem sit altitudo sinuum, 
quae ipsius oceani, an minor? 2 ) inprimis in partibus 
sinuum extremis, atque maxime in illis sinibus qui 
per fretum angustius oceani conjunguntur«. Er be¬ 
antwortet dieselbe folgendermaassen. Es sei nicht 
so sehr unwahrscheinlich, dass der Atlantische und 
Indische Ocean höher wie das Mittelmeer seien, be¬ 
sonders wie dessen östlichste, entlegenste Teile, 
denn der Atlantische Ocean fliesse durch die Gib¬ 
raltarenge ins Mittelmeer hinein. Schon zwischen 
dem Ocean und der Meerenge selbst sei eine kleine 
Niveaudifferenz vorhanden »quia in hisce impeditur 
Über influxus«. Aber weiter nach Osten werde diese 
Differenz immer grösser, die Depression der Ober¬ 
fläche des Mittelmeeres immer bedeutender »prae- 
sertim cum variis occurrat scopulis, insulis et pro- 
currentibus terris, quae repellunt aquam allabentem, 
adeoque imminuunt vel retundunt influxum«. Va¬ 
renius sucht diese Auffassung noch des weiteren 
zu stützen durch Anführung der ja auch sonst be¬ 
kannten Thatsache, dass Sesostris, Darius, in 
neueren Zeiten türkische Sultane daran gedacht hätten, 
vom Roten Meer über den Nil zum Mittelmeer einen 
Kanal anzulegen. Dieselben hätten diesen Plan aber 


*) Dass auch andere schon sich mit dieser Frage beschäftigt, 
betont Varenius ausdrücklich. Aber wenn man recht zusieht, 
waren das weiter nichts als Wiederholungen dessen, was schon 
die Alten gesagt. Varenius steht auch hier auf höherer, weiterer 
Warte. 

a ) Die Frage »an major« ist ihm nicht gekommen. 


aufgegeben, da ihnen von kundigen Männern mit¬ 
geteilt: »mare rubrum multo esse altius quam terram 
Aegypti interioris *)«. Wenn das aber der Fall, so 
sei auch das Rote Meer, und ebenso der Indische 
Ocean, höher als das Mittelmeer. 

Manchem, fährt Varenius fort, möchte dies 
wohl zweifelhaft erscheinen, da doch sowohl Mittel¬ 
meer wie auch Rotes Meer Busen des Oceans seien. 
Beide seien niedriger, als der Ocean, aber beim Roten 
Meer sei die Differenz nicht so gross, wie beim 
Mittelmeer, »quod illius tractus multo minor sit 
quam hujus et id circo multo vicinior sit oceano quam 
extremae maris Mediterranei partes«. Der Grund 
aber, den noch andere dafür beibrächten, dass näm¬ 
lich der Indische Ocean höher sei, wie der Atlan¬ 
tische, erscheine ihm höchst zweifelhaft. 

(Fortsetzung folgt.) 


Winterkurorte an der Riviera. 

Von Elise Emmel (Rom). 

(Schluss.) 

III. Bordighera. 

Die Lage des Städtchens Bordighera ist ganz 
verschieden von derjenigen der anderen Kurorte der 
Riviera. Cannes, Nizza, Mentone und San Remo 
liegen mehr oder weniger in einer Bucht, Bordighera 
dagegen auf einem ins Meer vorspringenden Hügel. 
Daher kommt es auch, dass man hier ausgesprochenes 
Seeklima hat, selbst wenn man, weit entfernt vom 
Strande, auf einem der umliegenden Hügel wohnt. 
Als ich diesen Ort von meinem Fenster in Men¬ 
tone aus zum erstenmal erblickte, nahm ich fälsch¬ 
lich an, dass er den Winden zu sehr ausgesetzt sei, 
um eine gute Krankenstation abgeben zu können. 
Dem ist aber nicht so; nur nach Westen hin liegt 
der Ort nicht geschützt; Westwinde aber sind an 
dieser Küste gewöhnlich nur leichte Brisen und 
meist von schönem Wetter begleitet. Citronen, 
Orangen, Palmen gedeihen hier prächtig, so dass 
die Vegetation den deutlichen Beweis liefert, dass 
die Feuchtigkeits- und Wärmeverhältnisse denen in 
Mentone ähnlich sind. 

Das ins Meer ragende Vorgebirge, auf dem 
Bordighera liegt, gehört zu einer Gebirgskette, welche 
bis an die Alpen hinanreicht; dadurch wird die Wir¬ 
kung der Luftströmungen unterbrochen, so dass oft 
die Regenwolken nach Osten und Westen vorüber¬ 
ziehen, ohne sich zu entladen. Man hat beobachtet, 
dass dieser Kurort weniger Regentage zählt, als Men¬ 
tone, Nizza und Cannes. Hagel und Schnee kommen 
nur selten vor, und letzterer schmilzt beinahe so¬ 
fort, nachdem er gefallen. Das Trinkwasser, welches 
vorzüglich ist, wdrd teils von den umliegenden 

M Varenius äussert übrigens, dass er auf diese Erzäh¬ 
lungen sonst nicht viel geben wolle, da sicherlich noch ganz 
andere Gründe die Absicht nicht zur Ausführung hätten gelangen 
lassen, vornehmlich finanzieller und politischer Natur. 


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Winterkurorte an der Riviera. 


473 


Hügeln nach der Stadt geleitet, teils aus Quellen 
geschöpft. 

Die Einwohnerzahl von Bordighera und den 
umliegenden Ortschaften ist gegenwärtig bis auf 
3000 Seelen gestiegen. Pocken und Cholera sind 
in diesem Bezirk niemals aufgetreten; die Bewohner 
desselben erfreuen sich meist der besten Gesundheit, 
und die Sterblichkeit ist daher sehr gering; es 
kommt etwa ein Todesfall jährlich auf 56—57 In¬ 
dividuen. 

Die kleine Stadt, welche aus einem oberen und 
unteren Teile besteht, enthält ausser einer Kirche 
und einem Marmorbrunnen nichts Sehenswertes und 
ist als Kurort im Auslande vielleicht weniger be¬ 
kannt, als Mentone und San Remo. In den letzten 
Jahren ist Bordighera ein wenig mehr in Aufnahme 
gekommen und wird besonders am Schluss der 
Saison viel von Deutschen und Engländern besucht. 

Wenn man am südlichen Ende des alten Stadt¬ 
teils bis zu einem grossen Platze hinuntersteigt und 
sich dann nach Osten wendet, so sieht man Capo 
Nero östlich und Capo Verde westlich von San 
Remo und erreicht, durch Olivenwaldungen stets 
abwärts gehend, in etwa 10 Minuten den neuen, 
unteren Stadtteil. Er zieht sich vom Capo Bordi¬ 
ghera, auf dem der alte Ort mit teilweise engen, 
schmutzigen Strassen liegt, von Südosten nach Nord¬ 
westen und wird nur durch die Eisenbahnlinie, einige 
Gärten und einen steinigen Strand vom Meere ge¬ 
trennt. In den Hauptstrassen befinden sich einige 
Läden, die Apotheke, mehrere Hotels, darunter das 
besonders von Deutschen viel frequentierte Grand 
Hotel de Bordighera, mit schönem Palmengarten, 
ganz nahe am Bahnhofe. Der Umstand, dass die 
freigebigen, für das Gedeihen Bordigheras sich inter¬ 
essierenden Herren Bischofs heim und Garnier 
grosse Besitzungen dort haben, lässt mit Bestimmt¬ 
heit erwarten, dass dieser Kurort sich noch ver¬ 
schönern wird und einer glänzenden Zukunft ent¬ 
gegengeht. Mr. Garnier, dem berühmten franzö¬ 
sischen Architekten, der die Grosse Oper in Paris 
und den prächtigen Spielpalast in Monte Carlo zu 
seinen Werken zählt, gehören zwei ganz gleiche 
Villen, deren eine er selbst mit seiner Familie im 
Winter bewohnt, während er die andere an Kur¬ 
gäste vermietet. In letzterer hat vor einigen Jahren 
die Königin Margherita von Italien für mehrere 
Monate Aufenthalt genommen. Mr. Garnier ge¬ 
stattet mit dankenswerter Freundlichkeit Fremden 
den Besuch seiner Villa und der daranstossenden 
Palmengärten, um derentwillen jene auch »Palazzino 
des Palmiers« genannt wird. Sehenswert ist auch 
der Giardino Moreno, in dem herrliche Palmen und 
eine grosse Anzahl tropischer Pflanzen ohne be¬ 
sondere Pflege gedeihen, sowie der Garten des 
Handelsgärtners Winter im Osten des Städtchens, 
woselbst eine Ausstellung von Palmenflechtereien 
Beachtung verdient. 

Ein ganz morgenländisches Aussehen geben die 


vielen hohen Palmen, darunter 1 ooojährige Exem¬ 
plare, dem Hügel von Bordighera, der mich, als ich 
ihn zum erstenmal betrat, ans heilige Land mahnte. 
Man behauptet, dass es hier mehr Palmen gebe, als 
im ganzen heiligen Lande. 

An einem herrlichen Frühlingsabend stieg ich 
zur Terrasse des oberen Stadtteiles hinauf, von der 
man bei klarem Wetter eine umfassende, prächtige 
Aussicht geniesst. Vor mir lag das weite Meer, in 
den reichen Farben eines Regenbogens schillernd; 
eine Fläche desselben wurde von der untergehenden 
Sonne purpurn gefärbt, eine andere glitzerte wie 
Millionen Diamanten. Bald erschien das Wasser 
ruhig und glatt, wie ein Spiegel, dann wieder be¬ 
wegte es sich leise, wie ein Netz aus fein gespon¬ 
nenen Silberfäden. Höchst malerisch machte sich 
am Strande eine Gruppe von Fischern mit weithin 
leuchtenden roten Mützen und Schärpen; sie waren 
damit beschäftigt, ihre Netze ans Land zu ziehen, 
und begleiteten diese Arbeit mit Gesang und jeden 
gewinnreichen Zug mit frohen Ausrufen, die das 
Echo der Berge mehrfach wiederholte. 

Die durch felsige Klippen sich auszeichnende 
Küste konnte ich bis zu den Monts d’Esterels, bei 
Cannes, und noch weiter bis Toulon hin verfolgen. 
Sie bildet einen Halbkreis, aus dem drei Vorgebirge 
hervorragen, die hinter einander aufsteigen, aber in 
Bezug auf Form und Färbung unendlich verschieden 
sind. Die Städte und Dörfer an dieser Küste tragen 
fast alle einen höchst originellen Charakter, dar¬ 
unter Ventimiglia mit einer Krone von verfallenen 
Burgen, Men tone, am sonnigen Strande gelegen, 
Roccabruna (brauner Fels), auf hohem Felsen 
thronend, der mit Recht seinen Namen trägt; ferner 
Turbia mit den Ruinen der Tropaea Augusti, ein 
Zeugnis vergangener Grösse und Macht (s. S. 453), 
Monaco in unbeschreiblich malerischer Lage und 
Monte Carlo mit dem stattlichen Palaste, der die 
Spielhölle in sich birgt, auf einem ins Meer hinein¬ 
ragenden Felsen gelegen und von blauen Wellen 
umspült. Selbst das unbedeutendste Dörfchen scheint 
gerade da, wo es liegt, am schönsten und male¬ 
rischsten, so dass man kein einziges an eine andere 
Stelle versetzt haben möchte. 

Von Süd west nach Nordost ist die Stadt von 
Palmenhainen (Phoenix Dactylifera) umgeben, welche 
sich bis zu den Häusern des neuen, unteren Stadt¬ 
teiles »Borgo Marina« hinziehen. Zwischen Bor¬ 
dighera und Ventimiglia dehnen sich grosse Oliven¬ 
pflanzungen aus. Auf einem verhältnismässig kleinen 
Raum ist jede Abstufung von Grün vertreten, vom 
silberglänzenden Graugrün des Oelbaumes bis zur 
dunklen Cypresse, die hier und da wie ein verlorener 
Posten auftaucht. In zauberhafter Pracht lag das 
herrliche Landschaftsbild vor mir, sich in den klaren 
Fluten wiederspiegelnd, von den letzten Strahlen der 
scheidenden Sonne wie mit Glut übergossen. 

Nach eingetretener Dämmerung stieg ich ins 
Thal hinab, das wie ein Meer mit tanzenden Stern- 


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474 


Winterkurorte an der Riviera. 


chen erschien; die Leuchtkäfer hatten ihre kleinen 
Laternen schon angezündet, und die Luft war mit 
Wohlgerüchen angefüllt. 

Unweit von Bordighera liegt Ospedaletti am 
Bergesabhang, an der kleinen Bucht gleichen Namens. 
Die Bahn führt hier unter dem Capo Nero hindurch, 
die Strasse aber windet sich hoch um dasselbe herum. 
Dieses Dorf, das hauptsächlich von arbeitsamen 
Fischerfamilien bewohnt wird, denen es selten an 
Erwerb fehlt, ist von der »Soci&e Foncitre Ligu- 
rienne« mit grossen Kosten in einen Kurort um¬ 
geschaffen worden, für den die geschützte Lage die 
günstigsten Bedingungen bietet. Im Westen wird 
der Golf Ospedaletti vom Capo Bordighera und im 
Osten von den drei schon erwähnten Vorgebirgen 
beschirmt, so dass es hier verhältnismässig ruhig ist, 
wenn es draussen im offenen Meere stürmt und tost. 
Hotel de la Reine, Hotel Pension des Rhodes, Hotel 
Pension Suisse gewähren Wintergästen gute Unter¬ 
kunft. 

Ospedaletti heisst, wörtlich übersetzt, kleine 
Hospitäler. Der Name rührt, wie man sagt, daher, 
dass vor langer Zeit einmal ein Schiff, welches den 
Rittern von Rhodus gehörte, hier mehrere Pest¬ 
kranke ausgesetzt hatte, für deren Aufnahme einige 
Gebäude errichtet wurden. Diese bildeten den Kern, 
aus dem das spätere Dorf erwachsen ist, und die 
Benennung Hospitäler übertrug sich von jenen auf 
dieses. Die Ruinen einer kleinen, »la Ruota« ge¬ 
nannten Kapelle befinden sich in geringer Entfernung 
von Ospedaletti; möglicherweise ist dieser Name 
eine Verstümmelung von Rodi, d. h. Rhodus. Der 
kleine Ort La Ruote an der ebenso genannten Bucht 
besitzt zwei Schwefelquellen, eine über, die andere 
unter der Strasse, deren Wasser ins Meer abfliesst. 

Von Ventimiglia, der Grenzstadt zwischen Italien 
und Frankreich, ist Bordighera nur etwa 3 /4 Stunden 
entfernt. Der aus Frankreich kommende Reisende 
hört dort zum erstenmale die Leute italienisch reden 
und die Verkäufer ihre Waren, darunter besonders 
Polenta und Maccaroni, in diesem Idiom mit gellen¬ 
der Stimme ausrufen. 

Ventimiglia ist ein stark befestigter, ziemlich 
ansehnlicher Ort mit 8434 Einwohnern; die sehr 
schmale Hauptstrasse ist mit alten, wunderlich aus¬ 
sehenden Häusern gesäumt, von denen manche 
ausserhalb mit Tierbildern bemalt, andere mit mar¬ 
mornen Baikonen, Resten ihrer früheren Grösse, 
versehen sind. Die Kathedrale liegt hoch, auf einer 
Terrasse, von der aus man einen schönen Blick auf 
die Schneeberge im Hintergründe hat; seitwärts da¬ 
von steht der alte Palast der im Mittelalter hier 
herrschenden Lascari mit Loggia und Freitreppe. 
Auf einer etwas entfernter liegenden Anhöhe sieht 
man die bräunlich-gelbe Kirche S. Michele hervor¬ 
leuchten, sie ist auf der Stelle eines Tempels des 
Castor und Pollux erbaut und besitzt eine schöne 
Krypta. Die Sommerresidenz des Bischofs von Ven¬ 
timiglia befindet sich im nahe gelegenen Dörfchen 


»Latte«, dessen Name (Land der Milch) auf die 
Fruchtbarkeit des Bodens hindeutet. 

Einen sehr lohnenden Ausflug kann man von 
Bordighera aus nach dem nahen Dolce Acqua, mit 
dem Stammschloss der Genueser Doria, machen, dem 
meiner Ansicht nach am schönsten gelegenen Ort 
des ganzen Bezirkes. Die Strasse steigt am Ufer des 
Flusses Nervia entlang bis Campo Rosso hinauf, 
das in einem schönen, von hohen Schneebergen be¬ 
grenzten Thale liegt. Beim Eintritt in diesen Ort 
fällt zuerst eine altersgraue Klosterkirche mit einem 
bemalten Campanile ins Auge; von ihr aus erreicht 
man einen Platz, den wunderliche, bemalte und mit 
Loggien versehene Häuser umgeben. An seinem 
äussersten Ende befindet sich eine Kirche mit weisser 
Marmortreppe; letztere ist mit zwei ebenfalls mar¬ 
mornen Standbildern von Nymphen geziert, welche 
Wasser in kleine Fontänen ausspeien. Dann, nach 
einer kurzen Fahrt durch Olivenhaine, sieht man 
plötzlich Dolce Acqua, umgeben von Kastanien- und 
Olivenwäldern, in einem reizenden Thale vor sich 
liegen; durch diese Stadt, deren Häuser beinahe alle 
mit Arkaden versehen sind, schlängelt sich der tief¬ 
blaue Nerviafluss; auf der Höhe thront ein palast¬ 
ähnliches Gebäude, das Stammschloss der Doria, zu 
dem ein steiler Abhang führt. 

Für die Bewohner von Bordighera und San 
Remo sind Palmen ein sehr einträglicher Besitz, 
und dies ist wohl der Grund, weshalb sie hier kul¬ 
tiviert werden. Alljährlich gehen ganze Ladungen 
von Palmenzweigen nach Frankreich und anderen 
Gegenden ab. In beinahe allen katholischen Län¬ 
dern wird ein ausgedehnter Handel mit Palmen- 
zweigen während der Passionszeit betrieben, aber 
in Italien und besonders in Rom nimmt derselbe 
am Palmsonntag grossartige Dimensionen an. Die 
Kirchen werden alsdann mit geflochtenen Zweigen 
geschmückt, und fast alle Besucher der Gotteshäuser 
tragen an diesem Tage Palmenzweige, die der Priester 
gesegnet hat, in den Händen. In Bordighera nun 
lebt eine Familie, die seit Jahrhunderten das Privi¬ 
legium besitzt, zur Osterzeit die erforderliche Menge 
von Palmen in den Vatikan, d. h. für den päpst¬ 
lichen Haushalt zu liefern*). Dieses Monopol wurde 
nicht erkauft, sondern in Anerkennung geleisteter 
Dienste verliehen. 

IV. San Remo. 

San Remo hat die Gestalt eines Dreiecks, über 
dem sich sieben in üppigster Vegetation prangende 
Hügel erheben. Die Stadt hat ein entschieden mittel¬ 
alterliches Aussehen und zählt 17000 Einwohner; 
was ein erster Blick auf dieselbe kaum glaublich er¬ 
scheinen lässt. Da sie ehemals eine Festung war, 
sind die Strassen des alten Stadtteils ungemein eng 


*) Die Palmenzweige werden schon geflochten nach Rom 
gesandt. Im Vorfrühling werden die Zweige an die Stämme 
festgebunden, um sie zu bleichen, und dann für einige Zeit ins 
Wasser gelegt, damit sie zum Flechten geschmeidig werden. 


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Winterkurorte an der Riviera. 


475 


gebaut; sie bedecken einen zwischen zwei kleinen 
Thälern vorspringenden Hügel. Rechts und links 
erheben sich auf den Strassen dunkle Hallen und 
geheimnisvolle Bogengänge, von denen einige einen 
ganz unerwarteten Durchblick auf grüne, sonnige 
Plätze gewähren. Hoch über den engen Gassen 
sind die Häuser durch gemauerte Bogen verbunden, 
die ihnen einen gewissen Halt gegen Erdbeben geben 
sollen. An vielen der alten Gebäude sind Röhren 
über den Hausthüren angebracht, die oben und unten 
eine Oeffnung haben und dazu dienten, während der 
Belagerung heisse Flüssigkeiten auf die Angreifenden 
herabzugiessen. Licht und Luft erhalten die Be¬ 
wohner nur dadurch, dass die von den Strassen ab¬ 
gewandten Hinterseiten der Häuser am Hügel hinauf 
sich über einander emportürmen, so dass die in ihnen 
angebrachten Fenster ins Freie gehen. 

Auf den Treppenstufen mancher Häuser stehen 
Körbe voll Orangen, Citronen und Gemüse zum 
Verkauf; niemand bewacht sie, die Käufer kommen, 
nehmen ohne alle Umstände ihren Bedarf aus den 
Körben und legen dafür einige Soldi hin, oft ohne 
von dem Verkäufer gesehen zu werden. In der That, 
eine sehr einfache und sparsame Art des Handels¬ 
verkehrs, denn »Zeit ist Geld«; doch dürfte sie nicht 
überall angebracht sein. 

Die Temperaturverhältnisse von San Remo sind 
denen von Mentone ungefähr gleich. In den letzten 
Jahren ist jenes ausserordentlich verschönert worden; 
das kleine Hafenstädtchen, einst fast nur von Fischer¬ 
familien bewohnt, hat sich gegenwärtig zu einem 
sehr beliebten, eleganten Winterkurort emporge¬ 
schwungen. Für gutes Trinkwasser sorgt eine im 
Jahre 1885 vollendete Wasserleitung. Die Lage von 
San Remo ist ausserordentlich günstig, aber an Natur¬ 
schönheit kann es nicht mit Mentone wetteifern. 
Auf der Höhe des östlichen Stadtteils liegt die 
weisse Kuppelkirche der »Madonna della Costa«, 
mit cypressenbepflanzten, breiten Zugängen und mit 
köstlichen Aussichten auf Küste und Berge. Vor ihr 
befindet sich das grosse Hospital der Aussätzigen. 
Nach Norden hin schweift der Blick über unge¬ 
heure, dunkle, tiefe Schluchten, deren von Orangen¬ 
gärten umgebene Ränder im frischesten Grün prangen. 
Im Hintergrund der amphitheatralisch aufsteigenden, 
schön geformten Hügel erheben sich die Apenninen. 
Zwischen San Remo und Bordighera breiten sich 
silberglänzende Olivenhaine aus. Ein steiniger Weg 
führt von dem obenerwähnten Hospital über öde 
Hügel nach der Wallfahrtskirche San Romolo, die 
der Stadt ihren Namen gegeben hat, denn bis ins 
15. Jahrhundert hinein hiess diese »San Romolo«. 
Daraus ist später »San Remo« gebildet worden. Die 
Einsiedelei »Sancti Romoli in Eremo« liegt sehr 
malerisch, umgeben von herrlichen, alten Kastanien¬ 
bäumen, die auf einem Blumenteppiche stehen. Im 
Frühling ist hier alles übersät mit dunkelfarbigen 
Gentianen, die wie tiefblaue Augen aus saftigem 
Grün hervorleuchten. Von San Romolo aus kann 


man einen lohnenden Ausflug nach dem 1291 m 
hohen »Monte Bignone« machen, der eine gross- 
artige Rundsicht gewährt. 

Auf guter Fahrstrasse ist Taggia leicht zu er¬ 
reichen. Das weite, liebliche Thal von Taggia liegt 
mit seinen schönen Gärten und seinem klaren Ge¬ 
wässer wie eine reiche Mosaik vor dem Auge des 
Beschauers. Die englischen Wintergäste besuchten 
es ehemals viel, um dem italienischen Schriftsteller 
Dr. Ruffini einen Besuch abzustatten. Derselbe hatte 
seinen ersten, grosses Aufsehen erregenden Roman 
»Dr. Antonio« in englischer Sprache geschrieben 
und dadurch dem Nationalgefühl der Engländer sehr 
geschmeichelt. Vor etwa zehn Jahren starb der 
greise Dichter in seiner schönen Villa in Taggia. 

In San Remo selbst gibt es zahlreiche anmutige 
Spaziergänge, darunter der »Giardino pubblico« mit 
Palmen, Eucalyptus und anderen tropischen Ge¬ 
wächsen; dann der von beiden Seiten mit Pfeffer¬ 
bäumen und Palmen eingerahmte »Corso Mezzo- 
giorno«, welcher westlich in dem unter der Pro¬ 
tektion der verstorbenen Kaiserin von Russland 
neu angelegten »Giardino delP Imperatrice« endet. 
Sehr sehenswert ist auch der an seltenen Exemplaren 
der subtropischen und tropischen Zone reiche Garten 
des Herrn v. Hüttner, welcher an der neuen, 
prächtigen Fahrstrasse Via Berigo liegt. 

Der vorherrschende Baum in und um San Remo 
ist die Olive. Dichte Anpflanzungen von Oelbäumen 
füllen die Bucht aus, während freilich höher hinauf 
Pinien die Gebirgskämme krönen. In Bezug auf 
malerische Wirkung stehen Oelbäume in keinem 
sonderlichen Ruf, und allerdings erscheinen sie, in 
Massen gesehen, sehr einförmig; trotzdem zeigen 
unleugbar einzeln stehende, kräftig entwickelte Exem¬ 
plare eine unendliche Mannigfaltigkeit in ihrer Ge¬ 
staltung; ihre knorrigen Stämme bilden oft genug 
für Maler den Gegenstand lohnender Studien. Aber 
auch ganze Olivenpflanzungen tragen trotz ihres un¬ 
scheinbaren Aussehens zu dem eigenartigen Reiz 
italienischer Landschaften bei durch den Kontrast 
gegen den tiefblauen Himmel, das glänzende Meer 
und die nackten Felsen. Sinnige Gemüter lieben 
den Oelbaum als das Bild des Friedens und gedenken 
bei seinem Anblick gern des Oelzweiges, welchen 
die Taube dem Noah brachte, und des Gartens am 
Oelberg, in dem unser Heiland betete und litt. 

Je weiter man nach Osten vordringt, desto kräf¬ 
tigere Oelbäume findet man, die grössten und stärksten 
zwischen San Remo und Villafranca. Es werden 
15 verschiedene Arten von Oliven in Italien und 
Südfrankreich angebaut. Der an der Riviera be¬ 
kannteste und am meisten vorkommende Oelbaum 
ist der »Olivier pleureur«, der eine Höhe von 
30 Fuss erreicht und, wenn das Wetter günstig ist, 
alle zwei Jahre eine gute Ernte gibt. In trockenem, 
festem Boden gedeiht dieser Baum am besten, ebenso 
die Weinrebe; man sieht daher an vielen Orten 
Oliven- und Weinanpflanzungen zusammen. 


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476 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


Kein Teil des Oelbaumes ist wertlos, trotzdem 
ist der Ertrag ein sehr geringer. Der anscheinende 
Widerspruch ist jedoch leicht erklärt, wenn man er¬ 
fährt, dass die Kultivierung dieser Bäume ziemlich 
kostspielig und im allgemeinen nur einmal in drei 
Jahren auf eine gute Ernte zu rechnen ist. Ein 
französisches Sprichwort sagt: »Qui ne possede que 
des oliviers, reste toujours pauvre«. 

Die meisten Olivenpflanzungen findet man an 
den Abhängen der Hügel, die zu diesem Zweck in 
Terrassen umgeschaffen werden. Jeder Terrassen¬ 
absatz ist mit einer niedrigen Mauer (muricciuoli) 
eingefasst, die das Abrutschen des Erdreichs ver¬ 
hindern soll. Die Instandhaltung dieser Mauern ist 
kostspielig, da sie einer fortwährenden Ausbesserung 
bedürfen. Die Oelbäume werden meist aus Steck¬ 
lingen, seltener aus Samen gezogen, da sie nur lang¬ 
sam wachsen. Im Frühling findet man unter ihnen 
eine reiche Flora, besonders Anemonen und Nar- 
cissen; während Veilchen in grosser Menge in den 
Mauerspalten und inmitten der knorrigen Stämme 
alter Oelbäume wurzeln. Die kleinen, dicken und 
länglichen Blätter des Oelbaumes sind auf der einen 
Seite dunkel-graugrün, auf der anderen silberglänzend- 
weiss. Im April blüht die Olive in den geschütz¬ 
testen Gegenden, im Mai und Anfang Juni in den 
kühleren Bezirken an der Küste. Die Männer schlagen 
die Früchte mit langen Stöcken herunter und schütteln 
die einzelnen Zweige, während die herumliegenden 
Früchte hauptsächlich von Frauen eingesammelt wer¬ 
den. Oft sieht man sechs bis acht Frauen mit ihren 
grossen Körben um einen Baum herumlagern, ein [ 
sehr malerisches Bild! Esel oder Maultiere schaffen 
die gefüllten Körbe nach den Oelmühlen, die grössten¬ 
teils Privateigentum sind. Aus ioo 1 gesunder Oliven 
werden durchschnittlich 12 l Oel erster Qualität und 
4 1 Oel zweiter Qualität gewonnen. Die vollständig 
entölte Masse, die hauptsächlich aus halbzerquetschten 
Kernen besteht, wird in Formen gepresst, getrocknet 
und als Heizmaterial unter dem Namen »Forme di 
sansa« verkauft. Aus der Asche derselben bereiten 
die Wäscherinnen ihre Lauge. 

Das Holz des Olivenbaumes ist sehr geschätzt 
und wird von den Kunsttischlern zu den feinsten, 
zierlichsten Sachen verarbeitet. Das trockene Laub 
benutzt man als Dünger. 

Eigentliche Armut findet man im Vergleich mit 
den nordischen Ländern an der Riviera nur selten. 
In den Küstendörfern gewährt die Fischerei und der 
Schiffsbau den Männern ihren Broterwerb, während 
die Frauen und Kinder sich mit Strohflechtereien 
und Spitzenklöppeln beschäftigen. Fast jede Familie 
besitzt ein kleines Stück Land, einen Olivenhain 
oder einen Orangengarten. Citronen, Apfelsinen 
und Orangen machen den hauptsächlichsten Reich¬ 
tum dieser Gegend aus, und zwar sind, wie schon 
oben gesagt, die Blüten der Bäume noch wertvoller, 
als die Früchte selbst. 

Wenn man die Bewegungen und die Körper¬ 


haltung der Landleute, die Art und Weise, wie sie 
die Farben zusammenstellen, die Grazie, mit welcher 
sie selbst die einfachste Kleidung tragen, beobachtet, 
so muss man sich gestehen, dass das Volk, welches 
diese Gegenden bewohnt, einen angeborenen, wenn 
auch unausgebildeten Schönheitssinn besitzt, der sich 
in allem kundgibt. Wie reizend und malerisch z. B. 
sehen die Frauen aus, die auf den Köpfen zierliche, 
mit Apfelsinen oder anderen Früchten gefüllte Körbe 
tragen, sie mit einer Hand anmutig stützend! Nichts 
kann einfacher sein, als die brennend roten Beutel 
mit langer Quaste, welche die Männer auf dem Kopfe 
haben, oder die bunten Tücher, womit sich die Mäd¬ 
chen schmücken, und doch wie malerisch und ver¬ 
schiedenartig wissen diese schlichten Leute sie auf¬ 
zusetzen oder zu falten! Die junge Frau, die au 
ihrem Kopfe ein Bündel Gras trägt, wird niemals 
vergessen, es mit einigen Blumen zu verzieren; die 
Plätterin bedeckt mit einem bunten Gazeschleier ihren 
Korb blendend w T eisser Wäsche. Auch der Körper¬ 
bau der Menschen selbst erregt vielfach unser Wohl¬ 
gefallen. Oft begegnet man hier Originalen zu den 
Bildern des berühmten Malers Leopold Robert, 
dessen grösstes und schönstes, »Die Fischer des 
Adriatischen Meeres«, sich gegenwärtig in der Bilder¬ 
galerie zu Neuchatel befindet. Unter den Frauen 
sieht man schöne Gestalten mit prächtigem Nacken 
und kleinen Füssen, und die dunklen Augen schauen 
keck aus dem von üppigem Haar umrahmten Gesicht. 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 

Von C. B a 11 o d (Jena). 

(Fortsetzung.) 

Bei dem Baume, welcher das kostbare Jakaranda- 
oder Palisanderholz liefert, scheint der botanische 
Name zu schwanken oder aber das Holz mehrerer 
Arten wird mit diesem Namen bezeichnet; in Santa 
Catharina, wo der Baum übrigens selten ist, wird 
wohl eine Bignonia als Jacaranda mimosifolia oder 
brasiliensis, auch Nissolia Cabiuna bezeichnet (cfr. 
Wappäus, Brasilien, S. 1807); Kärger (S. 131) 
nennt den Baum nach der »Provincia de Säo Paulo« 
Machaerium alemeni. Ziemlich häufig kommt in 
sumpfigem Boden namentlich im Hintergründe der 
fetten Uferleisten der Flüsse eine andere Bignonia 
vor, derlpe (Tecoma chrysantha Ipe), dessen schönes 
gelbliches Holz wegen seiner ausserordentlichen Härte 
gern zu den Walzen der Zuckerrohrpressen benutzt 
wird. Zu nennen sind noch von der Familie der 
Papilionaceen die Arariba (Centrolobium robustum 
Benth), deren Holz wegen seiner Schönheit beson¬ 
ders gern zu Möbeln benutzt wird, ebenso wie das 
des Oleo (Oleo myrocarpus); das Holz der Cabriuva 
(Myrocarpus fastigatus) ist besonders zu Wasserbauten 
geschätzt. Das Holz der Ara^a [Psidium ara$a] dient 
wegen seiner Elasticität besonders zu Axtstielen, die 
Rinde liefert Lohe, auch die Früchte sind essbar. 


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Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


477 


Zu Eckpfosten beim Hausbau ist besonders geschätzt 
Louro (Cordia frondosa). Von den weichen Holz¬ 
arten ist die wichtigste die Ceder (Cedrela brasiliensis), 
welche mit dem Mahagonibaum verwandt sein soll; 
sie verliert im Winter das Laub; das rötliche weiche 
Holz, das eine schöne Politur annimmt, wird gern 
zu Möbeln und zur inneren Auskleidung der Häuser 
benutzt, nur darf es nicht der Witterung ausgesetzt 
werden, da es sonst in 10—12 Jahren verfault, da¬ 
gegen ist es zur Ausfuhr sehr geschätzt und immer 
höher bezahlt als die harten Holzarten, es wird zu 
Cigarrenkisten und zur Umkleidung der Bleistifte 
benutzt. 

Eine Quassiaart, die ein sehr bitteres Holz hat 
und zuweilen gefunden wird, bezeichnen die Bra¬ 
silianer als Chinabaum. Der echte Chinabaum kommt 
dagegen in Brasilien gar nicht vor, und angepflanzt 
degeneriert er, seine Rinde enthält fast kein Chinin, 
wie es die im grossen ausgeführten Versuche in der 
Provinz Rio de Janeiro ergeben haben. Ein Fazen- 
deiro hatte daselbst in den achtziger Jahren mit 
Regierungsunterstützung über 100000 Bäume in ver¬ 
schiedenen Höhenlagen angepflanzt, die Rinde hatte 
kaum Spuren von Chinin. (Einige ausführliche Be¬ 
richte darüber in der Revista da Agricultura Rio de 
Janeiro 1887 und 1888). 

Von Palmen kommt am häufigsten vor die Kohl¬ 
palme, Gessara (Euterpe edulis), in zierlichen, schlan¬ 
ken Stämmen, die zu beträchtlicher Höhe heran¬ 
wachsen, und die Assaipalme, Palmito molle (Euterpe 
oleracea) von ähnlicher Beschaffenheit, aber bedeutend 
kleineren Dimensionen. Beide Arten liefern in ihren 
jungen Blättern Palmkohl, und da sie sich leicht der 
Länge nach spalten lassen, so werden sie gerne zu 
Dachplatten, Zäunen und den primitiven Hütten der 
Ansiedler benutzt. Auch eine Fächerpalme, die 
Buriti (Mauritia vinifera Mart), erscheint häufig ver¬ 
breitet. Eine der schönsten Arten ist die Indaja 
(Attalea compta), die bis zu 7—8 m lange Blätter 
hat, auch die westindische Königspalme (Oreodäxa 
regia) gedeiht angepflanzt, scheint aber nicht so 
grosse Dimensionen erreichen zu können, wie weiter 
im Norden. Mehrere niedrige, unschöne Palmen¬ 
arten kommen in der Nähe der See auf sandigem 
Boden vor (Diplothemium maritimum? Wappäus 
S. 1314), ebenso sieht man auf saurem sterilem 
Sumpfboden am unteren Ararangua und Tubaräo 
häufig Palmen. Für die Cocospalme ist es wohl in 
Santa Catharina bereits zu kühl. Im Norden, an 
der Bai von Säo Francisco finden sich noch aus¬ 
gedehnte Rhizophorenbestände, deren Holz jetzt in 
der Gerberei benutzt wird. 

Die Tierwelt. 

Die Tierwelt ist sehr reich und mannigfaltig; 
jagdbares Wild ist jedoch viel weniger zu finden 
als in den mitteleuropäischen Wäldern, was wohl 
davon herrührt, dass ja im brasilianischen Wald kein 
Gras vorhanden ist, das eine grössere Anzahl von 


Pflanzenfressern ernähren könnte, welche dann ihrer¬ 
seits Raubtieren als Beute dienen könnten. Von 
grösseren Tieren findet man noch am häufigsten 
die Anten (Tapire); zahlreich sind Gürteltiere (Tatüs), 
die von Insekten und Würmern leben und daher 
sehr nützlich sind. Auch einige Arten Wildschweine, 
sowie die Capybara (Wasserschweine), eine Art Nage¬ 
tiere, kommen vor. Von Raubtieren sind die Jaguare, 
von den Brasilianern Tiger genannt, vertreten; sie 
finden sich jedoch häufiger auf dem Hochlande, wo 
sie an den Viehherden leichter Beute erlangen können; 
dasselbe gilt von den Pumas, den amerikanischen 
Löwen, die ziemlich feig und scheu sind. Von Affen 
sind namentlich die Brüllaffen vertreten. Eine häss¬ 
liche , sehr häufig verbreitete Beutelratte Gamba, 
stellt dem Federvieh und dessen Eiern nach. Von 
Vögeln kommen eine Menge von Arten vor, vom 
kleinsten Kolibri bis zu den Geiern; am zahlreichsten 
sind die Papageien und Tukane, Singvögel gibt es 
nach europäischen Begriffen wenige. Waldhühner, 
Jacüs, Fasane, Schnepfen kommen ebenfalls vor, in 
der Nähe von alten Kolonien sind sie jedoch nicht 
sehr zahlreich. Von Reptilien sind die Jacar£s, Alli- 
gatore jetzt sehr selten und scheu; Eidechsen, Lagarten, 
sehr scheue Tiere, die bis 1 m Länge erreichen, 
dagegen sehr häufig. Schlangen sieht man in der 
heissen Jahreszeit ziemlich häufig, namentlich die 
trägen, giftigen, bis 2 m langen Jararacas, in der 
kühlen Jahreszeit sind sie kaum zu finden. Frösche 
und Kröten kommen sehr zahlreich und in ansehn¬ 
licher Grösse vor, an warmen Abenden wird man 
an sumpfigen Stellen durch das Konzert der Knack¬ 
frösche und der dem Weinen eines Kindes ähnlich 
klingenden Stimme der Hylä nicht gerade angenehm 
berührt. Von lästigen Insekten sind zunächst die 
widerlichen Baratten (Blatta), die überall in hohlen 
Baumstämmen und Häusern sich einnisten, zu er¬ 
wähnen, dann der Sandfloh (Pulex penetrans), der 
sich an den Zehen und Füssen von Menschen und 
Tieren einbohrt und dort seine Eier legt, bei un¬ 
reinlichen Menschen, namentlich aber unerfahrenen 
Einwanderern, die sie nicht bald genug entfernen, 
selbst Geschwüre veranlassen können; in den höher 
gelegenen Landesteilen scheinen sie nicht vorzu¬ 
kommen. Die Zecken, Garrapaten, werden im Walde 
von den Blättern, auf denen sie sitzen, leicht abge¬ 
streift, namentlich wenn es längere Zeit trockene 
Witterung gegeben hat. Auch Moskitos kommen 
im Sommer in der Nähe von Sümpfen vor; eine 
Art von Stechfliegen legt ihre Eier in die Haut der 
Tiere, aus denen sich dann Maden, die Bicho-pernas, 
bis zur Fingergrösse entwickeln können. Derartige 
Wundstellen müssen sorgfältig mit Quecksilberpräpa¬ 
raten behandelt werden. Ein kleiner Rüsselkäfer geht 
leicht an Mais und Bohnen; Mais kann öfters nur 
dadurch längere Zeit aufbewahrt werden, dass man 
die Maiskolben in ihren Blättern belässt und sie zu 
Bündeln vereinigt (an der Decke von Gebäuden) 
aufhängt. Die Bohnen werden, um sie haltbar zu 


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Geographische Mitteilungen. 


478 

machen, gedörrt, verlieren aber dann ihren Wohl¬ 
geschmack. Diese geringe Haltbarkeit der Cerealien 
erklärt die grossen Preisschwankungen, die oft in 
einem einzigen Jahre Vorkommen. Eine andere Art 
dieser Rüsselkäfer bohrt gerne Holz an, was bei 
Fässern, die mit Flüssigkeiten gefüllt sind, sehr un¬ 
angenehm sein kann. 

Von den Ameisen sind die Schlepperameisen, 
die Saübas, die gerne die Blätter von Orangen und 
Kaffeebäumen wegtragen, am schädlichsten ; sie kom¬ 
men jedoch auf den Campos des Hochlandes und über¬ 
haupt auf entwaldetem Terrain, sowie in Buschwald 
(Capoeira) häufiger vor als im Urwalde. In Sao Paulo 
werden sie in ihren Löchern durch Einblasen von 
Schwefelkohlenstoff getötet. Vogelspinnen von ziem¬ 
licher Grösse sind oft zu finden, Skorpione und Skolo¬ 
pender scheinen dagegen sehr selten vorzukommen. 

Die Urbarmachung des Bodens. 

Ueber die Urbarmachung von Waldland wäre 
folgendes zu bemerken: Der Wald wird gewöhnlich 
im Winter oder im Frühjahr (September bis Oktober) 
gehauen. Zuerst wird mit der Foi$a, einem sichel¬ 
förmigen Instrument mit einem langen Stiel, das 
Unterholz und die Schlinggewächse weggeschlagen, 
damit sie Zeit gewinnen um völlig auszutrocknen, 
bevor die grösseren Bäume sie bedecken und am 
Trocknen hindern. Nachdem ein gewisses Stück 
Wald von dem Unterholz gesäubert ist, werden mit 
einer Axt mit schmaler Klinge von bestem Stahl die 
grösseren Stämme gefällt; darauf muss man ab warten, 
bis das Holz einigermaassen austrocknet, und es dann 
anzünden und niederbrennen. Das Austrocknen 
dauert im günstigsten Falle einige Wochen, zuweilen 
aber selbst einige Monate, wenn es nämlich gerade 
viel regnet; dann kann auch unterdessen zwischen 
den am Boden liegenden Bäumen schon frisches 
Gras und Strauchwerk hindurchgewachsen sein, wo¬ 
durch dann solch eine »Rossa« oft gar nicht brennen 
will und mühsam geräumt werden muss, um zwischen 
den am Boden liegenden dickeren Stämmen und 
Stümpfen Pflanzenland zu gewinnen. Selbst wenn 
die Rossa gut brennt, so verbrennen doch nur die 
trockenen Blätter, die dünneren Zweige und das 
Gestrüpp des Unterholzes, nicht aber die Stubben 
und dickeren Stämme, so dass es ganz überflüssig 
ist, wenn in manchen Büchern der Rat erteilt wird, 
die Nutzholzstämme mit Erde zu bewerfen, um sie 
vor dem Verbrennen zu schützen, dazu sind sie in 
der Regel selbst nach einigen Monaten Trockenzeit 
viel zu saftig und grün. Die Bäume pflegt man 
nicht dicht am Boden abzuhauen, sondern der leich¬ 
teren Arbeit wegen in 3—4 Fuss Höhe, wo die 
Stämme oft nur den halben Umfang haben, wie 
dicht am Boden. So kommt es denn, dass ein 
Brasilianer oderein im Waldschlagen geübter Kolonist 
oft in acht Wochen ununterbrochener Arbeit bis zu 
10000 Quadrat-Brassen (4,8 ha) Wald niederschlägt, 
während ein neu Eingewanderter, auch wenn er das 


Bäumefällen gewohnt ist, kaum die halbe Fläche 
bewältigen kann, wenn er in seiner in Europa ge¬ 
wohnten Weise die Bäume niedrig abhauen und über¬ 
haupt die Arbeit ordentlich und sauber machen will. 
Das Waldschlagen wird namentlich von Brasilianern 
vielfach im Akkord verrichtet, in den letzten Jahren 
zahlte man gewöhnlich für 4,8 ha Waldschlagen 
(10000 Quadrat-Brassen) 100—-150 Milreis (200 bis 
300 M.); ist die Rossa gut gebrannt, so gibt es 
kaum etwas zu räumen an unverbranntem Gestrüpp, 
die dicken Stämme lässt man gewöhnlich liegen, wo 
sie hingefallen sind, und man kann sogleich pflanzen; 
ist aber die Rossa schlecht gebrannt, so dass viele 
unverbrannte Zweige und Gestrüpp übrig geblieben 
sind, die geräumt, auf Haufen geworfen und ver¬ 
brannt werden müssen, so können sich die Ausgaben 
für das Räumen eben so hoch, ja noch höher belaufen 
als für Waldschlagen und Brennen, weshalb man 
oft gleich das Räumen mit verakkordiert. Heinrich 
Semler (Tropische Agrikultur I, Kap. 1) verlangt, 
man müsse die Stümpfe auf jeden Fall ausroden, um 
möglichst bald pflugbares Land zu bekommen; er 
empfiehlt die Sprengung mit Dynamit, allein das ist 
denn doch eine Arbeit, die nur durch geschickte und 
geübte Leute verrichtet werden kann, da andernfalls 
leicht Unglücksfälle entstehen können. (Forts, folgt.) 


Geographische Mitteilungen. 

(Fischreste in den unteren silurischcn Erd¬ 
schichten.) Die devonische Formation ist lange Jahre 
hindurch populär als »das Zeitalter der Fische« bekannt 
gewesen. Während dieser geologischen Periode hat 
das Fischleben der Erde sich wunderbar entwickelt, und 
lange glaubte man allgemein, dass während dieser Epoche 
die Fische zuerst auf der Erde erschienen seien. Die 
Thatsache, dass die Fauna aufs höchste differenziert und 
vielseitig war, ist für die Evolutionisten, die keine Vor¬ 
fahren in älterem Gestein, aus welchen die devonischen 
Formen entstanden sein konnten, aufzufinden im stände 
waren, ein Stein des Anstosses gewesen. Die Entdeckung 
von Fischresten in den Ludlow- (oberen silurischcn) 
Felsen Grossbritanniens und später auf der Insel Oesel 
in der Ostsee versetzte die Fauna, insofern es Europa 
betrifft, eine Stufe in der geologischen Skala zurück. 
Das Auffinden gewisser Spuren hiervon auf Felsen des 
Clintonschen Zeitalters in Amerika war schon lange 
vorher bekannt, aber erst im Jahre 1885 wurden in der 
Neuen Welt Fischreste unterhalb der devonischen For¬ 
mation aufgefunden. 

In jenem Jahre beschrieb Prof. Claypole einige 
von der Onondaga-Salzgruppe Pennsylvaniens herrührende 
Reste und erwähnte einiger kleinen Rückgrate der Clinton- 
Periode, die man für solche von Fischen hielt. 

Im Jahre 1888 berichtete Mr. Mathews die Ent¬ 
deckung von Fischen in Neubraunschweig (New Brun¬ 
swik) in einer Erdschicht, die man als der unteren 
Helderbergschen Formation angehörend betrachtete, so 
dass kein Zweifel mehr über das Vorkommen von Fisch¬ 
resten in der oberen silurischen Formation sowohl in 
Nordamerika als in Europa Platz greifen konnte. Auf 
Grund dessen war man berechtigt, der Entdeckung von 
Wirbeltieren in älteren Felsen als diese entgegenzu- 


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Litteratur. 


479 


sehen. Im Jahre 1888 erkannte Mr. Wolcott, Paläonto¬ 
loge des Geological Survey, in einer nächst Canon City, 
Colorado, ungefähr 80 Meilen südlich von Denver ge¬ 
machten Kollektion von Fossilien die Ueberreste von 
Fischen. Deren gemeinschaftliches Auftreten mit Fossilien 
von niedrigerem sibirischen Aussehen war etwas so Un¬ 
gewöhnliches, dass man zu der Vermutung veranlasst 
ward, dass die Felsen durch Katastrophen durcheinander 
geworfen worden seien und silurische mit devonischen 
Formen sich vermischt hätten. Man wünschte weitere 
Anhaltspunkte hierüber zu gewinnen und instruierte 
Herrn Wolcott dahin, dass er in Colorado eine Samm¬ 
lung veranstalte und seine anfänglichen Beobachtungen 
in diesem Gebiete vervollständige. Dies geschah, und 
aus einem Studium des Materials folgerte Herr Wolcott, 
dass diese Reste einer Schicht des Trenton-Zeitalters 
angehörten. 

Um sich hiervon übrigens zu überzeugen, begab er 
sich im letzten Dezember nach Canon City, studierte 
die Sektion und sammelte Material aus dem Fischbett 
und oberhalb desselben. Als Resultat wurde infolge 
einer Versammlung der Biologischen Gesellschaft von 
Washington vom 7. Februar angekündigt, dass Fisch¬ 
reste in der Schicht des Trenton-Zeitalters gefunden 
worden seien. 

Die Ueberreste sind vom nämlichen Typus wie 
der Placoganoid-Fisch der oberen sibirischen Formation 
auf der Insel Oesel. So weit sind zwei Formen erkannt 
worden: die eine der Familie der Haifische, die andere 
einer Gruppe von paläozoischen Fischen oder ausge¬ 
storbenen Arten der Urzeit angehörig und aus Frag¬ 
menten von Fischschuppen bestehend. 

Ein Studium der wirbellosen Ueberreste, die von 
Herrn Wolcott, mit den Fischresten zusammen ein¬ 
gebettet, gefunden wurden, bewies, dass diese Fauna 
paläontologisch den sedimentären Ablagerungen der 
Trenton - Epoche angehörte. Von 33 identifizierten 
Arten sind nicht weniger als 21 identisch mit den im 
Mississippi-Thale sich vorfindenden Formen. Diese 
Fauna ward 180 Fuss über der Schicht gefunden, in 
welcher die Fischreste eingebettet sind. 

Diese Entdeckungen sind vom grössten Interesse, 
weil sie die Wirbeltiere in eine viel frühere Schöpfungs¬ 
periode versetzen, als früher angenommen ward; in 
einen so niederen Schöpfungshorizont, wie man früher 
hiervon keine Ahnung hatte. Die Formen, wie man 
voraussehen konnte, gehören niederen Typen an und 
repräsentieren die möglichen Vorfahren der devonischen 
Gebilde. Es steht nunmehr zuversichtlich zu erwarten, 
dass andere ähnliche Ueberreste in anderen Schichten 
der unteren silurischen Formation werden aufgefunden 
werden. (Mitteilung von V. Freudenberg in Mödling 
bei Wien.) 

(Periodische Dürre in Russland; nach den 
Beobachtungen von F. Schwedoff.) Ausgedehnte und 
eingehende meteorologische Beobachtungen werden in 
Russland vorläufig seit zu kurzer Zeit ausgeführt, um aus 
ihnen feste, begründete Schlüsse und Resultate zu ziehen; 
um aber auf interessante Ergebnisse hinzuweisen und 
die Aufmerksamkeit gründlicher Beobachter auf einen 
wichtigen Gegenstand zu richten, hat Prof. F. Schwedoff 
über periodische Dürre im europäischen Russland fol¬ 
gendes aus seinen Untersuchungen mitgeteilt: 

Es ist bekannt, dass alle Holzpflanzen, wie Bäume 
und Sträucher, alljährlich je einen Ring zwischen 


dem Stiel, Stamm und der Rinde ansetzen, nach denen 
das Alter der Gewächse abgelesen werden kann. Die 
Dicke eines solchen Ringes hängt von der Quantität 
der atmosphärischen Feuchtigkeit ab, welche im Laufe 
des Jahres in den Boden gedrungen ist und welche dem 
Jahresringe eine Breite von zwei bis zehn und mehr 
Millimeter zu geben im stände ist. Wird ein solcher 
Stamm im Querschnitt durchsägt und die erhaltene 
Fläche poliert, so treten die Jahresringe deutlich hervor; 
dabei ist leicht erkennbar, dass in den Jahren, in denen 
atmosphärische Niederschläge häufig gewesen sind, diese 
Ringe breiter, dicker sind, in den trockenen Jahren da¬ 
gegen kaum zwei Millimeter erreichen. Dass solches 
thatsächlich und allgemein der Fall ist, zeigen die in 
den Steppengegenden Russlands gefällten Bäume, deren 
Jahresringe, entsprechend denselben Jahren, gleich stark 
und breit sind. Bei sorgfältiger Beobachtung und In- 
Rechnung-Ziehen von Umständen, welche einen be¬ 
sonderen Einfluss haben konnten, fand Prof. Schwedoff 
eine merkwürdige Analogie in der regelmässigen Wieder¬ 
kehr breiterer und abwechselnd schmaler Ringe, selbst 
in ganz verschiedenen Gegenden. Es zeigte sich, dass 
die schmalen Ringe, als Resultat besonders trockener 
Jahre, in den Steppengegenden regelmässig alle neun 
Jahre wiederkehren. Eine solchen Wechsel anzeigende 
Kurve, vom Autor »Dendrogramm« genannt, ruft diese 
Erscheinung deutlich vor Augen; sie gibt Maxima in 
nassen, Minima in trockenen Jahren, und zwar kehren 
letztere in merkwürdiger Regelmässigkeit seit den Jahren 
1854—1855, 1863, 1872—1873, 1882 und zuletzt 1891, 
wieder, und ihnen entsprechend die schmalen Ringe. 
Völlige Analogie mit ihnen bot der Vergleich der Be¬ 
obachtungen von Niederschlägen in der genannten Periode. 
Dabei tritt die charakteristische Erscheinung auf, dass 
geringere Minima sich regelmässig alle drei Jahre wieder¬ 
holen, so dass also alle drei Jahre eine geringere, alle 
neun Jahre eine grössere Dürre in den Steppengegenden 
auftreten, zugleich mit Misswachs verbunden. Es lässt sich 
annehmen, dass 18jährige und 36jährige Perioden noch 
intensiver diese Erscheinung hervortreten lassen werden. 
Immerhin spielt die Grundzahl »drei« bei diesen Er¬ 
scheinungen eine wichtige Rolle. Ist dies alles richtig, 
so lässt sich voraussehen, dass in den Jahren 1900 und 
1909 Misswachs in Russland auftreten wird. Der Ombro¬ 
meterstand ist also die sichere Grundlage für diese Er¬ 
scheinung, und dieser hängt vielleicht nicht nur von 
tellurischen, sondern auch von kosmischen Einflüssen ab. 
(Mitteilung vori'R. v. Erckert in Berlin.) 


Litteratur. 

Persia and the Persian Question by the Hon. George 
N. Curzon, M. P., Late Fellow of All Souls College, Oxford, 
Author of »Russia in Central Asia«. In two Volumes. London 
(and New York), Longmans, Green & Co., 1892. Gr. 8°. 
Vol. I. XXIV und 639 S., Vol. II. XII und 653 S. 

Ueber dieses, in der bekannten splendiden Weise der eng¬ 
lischen Verleger trefflich ausgestattete Werk hat sich bereits 
einer der ersten Sachkenner, Arm. Vamb£ry, in einem grösseren 
Artikel des »Pester Lloyd* auf das anerkennendste ausgesprochen 
und es als eine reiche und sichere Quelle der Belehrung Über 
Iran bezeichnet. Deutsche Beurteiler werden sich diesem Gut¬ 
achten nur anschliessen können, denn der Autor, welcher als 
Korrespondent der »Times« Persien und die angrenzenden Länder 
aus eigener Anschauung grtindlichst kennen gelernt hat, versteht 
ebenso gut zu erzählen und darzustellen, wie er offenbar an Ort 


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480 


Litteratur. 


und Stelle zu beobachten verstand. Und da er nicht nur, wie 
andere Reisende, Teile des Landes, sondern das Reich des Schahs 
in seiner ganzen Ausdehnung kennen gelernt hat, so war ihm 
natürlich auch eine unvergleichlich bessere Gelegenheit zu ver¬ 
gleichenden Studien geboten als alienseinen Vorgängern. Uebrigens 
wäre es irrig zu glauben, dass derselbe sich auf Mitteilung dessen, 
was er selbst gesehen, beschränkt habe; vielmehr hat er die 
Reiselitteratur ebenfalls gründlich durchforscht, wie schon das 
selten vollständige Verzeichnis aller Persienfahrer seit tausend 
Jahren im »Introductory« beweisen kann. Auch der in asiatischen 
Dingen wohl erfahrene Geograph wird hier einer Reihe von 
Namen begegnen, von denen er noch nichts gewusst hat, während 
der Berichterstatter wenigstens sich ausser stände sähe, irgend 
eine Ergänzung zu jener Liste zu liefern. 

Der erste Band gibt nach einer sehr eingehenden Dar¬ 
legung der Verhältnisse der nach Persien führenden Wege zunächst 
die persönlichen Erlebnisse des Verfassers wieder, welcher seine 
Route durch das transkaspische Gebiet Russlands wählte und 
somit durch die östlichste Provinz, durch Khorassan, seinen Ein¬ 
tritt in das Königreich bewerkstelligte. Dieser Landesteil mit 
dem religiösen Centrum Meshed, Handel und Verkehr in diesen 
entlegenen Gebieten werden sorgfältig beschrieben, und ins¬ 
besondere werden auch die politischen Fragen erörtert, welche 
sich an die Rektifikation der persischen Südostgrenze (Seistan, 
Mekran) ankntipfen lassen. Von Meshed führt uns der Verfasser 
nach Teheran und Mazanderan, gibt Auskunft über den Herrscher, 
seine Familie, die Regierung und ihre Reformbestrebungen, und 
nachdem er etwas kürzer die Provinz Aderbeidschan — Herr 
Curzon schreibt »Azerbaijan« — besprochen, führt er uns in 
zwei selbständigen Kapiteln das Militär und die Eisenbahnbauten 
der Perser vor, welche sich freilich grösstenteils erst als »Saat 
auf Hoffnung« auffassen lassen. Die Schienenwege, welche das 
wirtschaftliche Interesse des Landes erheischt, zeichnet der Ver¬ 
fasser im einzelnen vor. 

Dem Binnengebiete und den Südprovinzen ist der zweite 
Teil unseres Werkes gewidmet. Isfahan, Schiraz und die Ruinen 
von Persepolis stehen an der Spitze; dann folgen Abschnitte 
über die Grenzländer gegen Afghanistan und Beludschistan einer¬ 
seits, gegen die asiatische Türkei andererseits, wobei insonderheit 
dem Karun-Flusse, dem als einzigem schiffbaren Wasserlaufe 
Persiens eine hohe wirtschaftliche Bedeutung zukommen könnte, 
Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das persische Seewesen muss 
aus einleuchtenden Gründen mit einer sehr kurzen Behandlung 
vorlieb nehmen, wogegen die Küste des Persischen Golfes — 
auch das gegenüberliegende Oman mit inbegriffen — wieder sehr 
eingehend und lebhaft gekennzeichnet wird. Dann folgen noch 
sachkundige Erörterungen über den Nationalwohlstand, die Mittel, 
ihn zu heben, über Manufakturen, Bergwerke und Handel; hier 
hat wieder die geschichtliche Kenntnis des Verfassers Gelegenheit, 
sich geltend zu machen. Das Schlusskapitel ist ein geistvoller 
politischer Essay über den Wettbewerb der Russen und Briten 
im Perserreiche, höchst lesenswert, da der Erzähler den Ein¬ 
geweihten zuzuzählen ist und die vielfach sich durchkreuzenden 
Fäden der Agitation — gelegentlich wohl auch der Intrigue — 
klar erkannt hat. 

Nur in Einem Punkte sind wir nicht ganz in der Lage, 
Vamb^rys Besprechung beizutreten: über Fragen der physi¬ 
kalischen Geographie hätten wir von dem Verfasser, für den 
offenbar der Mensch als das bei weitem wichtigste Forschungs¬ 
objekt zu erachten ist, etwas mehr zu erfahren gewünscht, als 
er uns mitteilt. Ueber die Wtistenbildung unter verschiedenen 
Erdstrichen wurden bekanntlich in neuester Zeit viele und erfolg¬ 
reiche Untersuchungen angestellt, und da Persien ebenso bekanntlich 
im Artikel »Wüsten« mehr denn reichlich gesegnet ist und alle 
möglichen Arten dieser Oberflächengestalt in sich schliesst, so 
könnte eine neue Bereisung Persiens zu dem, was uns Tietze, 
Posepny u. a. kennen gelehrt haben, mancherlei Neues und Be¬ 
merkenswertes hinzuftigen. Indessen hatte sich der Verfasser eine 
so grosse Aufgabe gestellt, dass es unbescheiden wäre, eine 
Ueberschreitung seiner Ziele von ihm zu fordern. 

Die vielen schönen Landschafts-, Städte- und Personen- 
Ansichten gereichen dem Buche zur hohen Zierde, der Lektüre 


zur erfreulichen Anregung. Auch die beigeheftete Generalkarte 
des Landes erfüllt vollkommen ihren Zweck, alle die Oertlich- 
keiten auffinden zu lassen, die im Texte Erwähnung finden. 

_ S. Günther. 

Erwiderung gegen Herrn J. Part sch. 

Prof. Part sch hat in den Nummern 26 und 27 dieser 
Wochenschrift eine Antikritik meiner Kritik seines Werkes über 
Ph. Clüver gebracht, für welche ich ihm nur dankbar sein 
kann; denn sie bestätigt meine Kritik vollständig. Zunächst 
erkennt Partsch an, dass ich den historischen Teil seines Buches 
als eine wertvolle Leistung auf historisch-geographischem Ge¬ 
biete rühmend hervorgehoben habe; er sagt dann im Verlauf 
seiner Entgegnung: »ich finde methodische Kontroversen zwischen 
Anschauungen, die so weit auseinander gehen, nicht fruchtbar. 
Es wäre davon kein Ergebnis zu erwarten, höchstens eine Unter¬ 
haltung der Korona. Mir winkt vorläufig noch nützlichere Arbeit«; 
und zum Schlüsse betont er wieder die grössere Fruchtbarkeit 
anderer Arbeiten, die er vorhabe, sowie die »Rücksicht auf die 
Leser«, die ihn wohl auch abhalten werde, später auf methodo¬ 
logische Fragen zurückzukommen. — Ueber den Nutzen und die 
Fruchtbarkeit der Arbeiten und Aufgaben, welche Partsch vor 
sich sieht, steht mir kein Urteil zu; dass seine künftigen Werke 
lehrreich und wertvoll sein werden, bezweifle ich ebenso wenig, 
als ich den Wert des ersten Teiles seines Clüver trotz einzelner 
Ausstellungen, deren wichtigste Partsch in seiner Entgegnung 
allerdings mit Schweigen übergeht, irgend angezweifelt habe. 
Er arbeite und schreibe; und sind dann seine Bücher in der 
That so nützlich und fruchtbar, wie er es hier seinen Lesern 
verheisst, so werde ich der erste sein, der sie mit vollem Beifall 
anerkennt, mögen sie nun auf erdkundlichem oder aber auf histo¬ 
rischem Gebiete sich bewegen. 

Allein Partsch spricht es selbst aus, dass er »methodische« 
Kontroversen zwischen so weit auseinander gehenden Standpunkten 
nicht fruchtbar finde; er will sie aus Rücksicht auf die Leser 
nicht fortsetzen; er hat, eben weil er sie für unfruchtbar findet, 
bisher (seit 1887) gegen mich geschwiegen, bis er es plötzlich, 
im Anhänge seiner Biographie Clüvers, für angezeigt hielt, 
meine Ansichten, aber ohne Nennung meines Namens, zu be¬ 
kämpfen. Nennung des Namens, sagt er, bedurfte es nicht, 
weil »für jeden an diesen Fragen Interessierten unverkennbar« sei, 
gegen wen der letzte Abschnitt seines Buches sich richte. Und 
sage ich denn in meiner Kritik etwas anderes ? Ich bezeichne den 
letzten Abschnitt des Buches als vielleicht gegen mich gerichtet; 
ich weise nach, dass Partschs Behandlung der methodologischen 
Kontroverse unrichtig und deshalb unfruchtbar sei — wir sind 
also ganz einer Meinung! Was uns trennt, ist nur der Umstand, 
dass ich an dem vielleicht veralteten, aber nach meiner Ueber- 
zeugung recht heilsamen Glauben festhalte, dass man, um in 
einer Wissenschaft klar zu sehen, sich zunächst um die Methode 
dieser Wissenschaft zu kümmern habe, dass es eine Sache von 
grösster Nützlichkeit und Fruchtbarkeit sei, sich darüber klar zu 
werden, ob und wie in ein und derselben Wissenschaft »An¬ 
schauungen, die so weit auseinander gehen,« möglich sein können. 
Deshalb habe ich die methodologische Grundfrage zur Sprache 
gebracht, deshalb werde ich mich auch ferner bemühen, über 
dieselbe mir immer klarer zu werden. Wer diese schwierigen 
und oft recht dornigen Untersuchungen von vornherein für nicht 
fruchtbar hält, wird selbstverständlich besser thun, sich von ihnen 
fern zu halten und auf solchem Gebiete zu bleiben, wo er nütz¬ 
lichere und fruchtbarere Arbeit winken sieht. Denn auch der, 
welcher einsieht, dass er über die Methodik einer Wissenschaft 
nichts Fruchtbares vorzutragen hat, kann auf anderen Gebieten 
sehr Tüchtiges leisten, wie ich dies ja von Partsch ganz aus¬ 
drücklich anerkannt habe. 

Ich verweise hierfür auf meine Kritik, die ich in allen 
Punkten aufrecht halte. Einiges Sachliche werde ich demnächst 
in diesen Blättern weiter ausführen. 

Strassburg i. Eis. G. Gerl and. 

Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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Einige Bemerkungen 

über die kaukasischen Gletscher und Seen. 

Von C. Hahn (Tiflis). 

In der Sitzung der Kaiserlich Russischen Geo¬ 
graphischen Gesellschaft zu Tiflis im Maimonat 
machte der bekannte russische Erforscher der kau¬ 
kasischen Gletscher K. N. Rossikow höchst inter¬ 
essante Mitteilungen über die Resultate seiner For¬ 
schungen im Laufe der letzten io Jahre. Er hat in dieser 
Zeit neun Exkursionen auf die kaukasischen Glet¬ 
scher ausgeführt und mittels aufgestellter Marken 
und angebrachter Farbenstriche genaue Resultate über 
die Bewegung der Gletscher gesammelt. Dieselben 
beweisen ohne Ausnahme ein bedeutendes Zurück¬ 
gehen der Eismassen. Rossikow erforschte haupt¬ 
sächlich die Gletscher der Seitenkette des Hauptkamms 
in seiner grössten Erhebung zwischen Adai-Choch 
und Kasbek. Hier finden sich Gletscher und Cirken 
von ganz bedeutender Ausdehnung, welche noch 
fast ganz unbekannt sind. Das meiste Interesse er¬ 
wecken hier die grossen Eismassen und der Cirkus 
des Zitigletschers. Dieser besteht aus mehreren 
Teilen, und sein Umfang beträgt circa 20 Werst. 
Ausser grossartigen, landschaftlichen Schönheiten 
bietet das Thal dieses Gletschers sehr viel Interes¬ 
santes. Rossikow hat dort Lager von Graphit, 
Asbest, Kupfererzen und silberhaltigem Bleiglanz ent¬ 
deckt. Auch sehr schöne und seltene Alpenvögel 
kommen hier vor, von welchen der Berichterstatter 
Bälge mitgebracht hat, wie z. B. der Kreuzschnabel, 
der Bergfink, der Wiedehopf, die Alpenkrähe u. s. w. 
Ebenso fand Rossikow daselbst, ungeachtet der nie¬ 
drigen Temperatur des Gletschers, die Spitzmaus, die 
Kröte und Natter vor, was wohl damit sich erklären 
lässt, dass der Kessel eine ungemein geschützte Lage hat. 

Eine andere interessante Mitteilung machte Ros¬ 
sikow in einer zweiten Sitzung. Er sprach über 

Ausland 189a, Nr. 31. 


das Austrocknen der Seen auf dem Nordabhang des 
Grossen Kaukasus. Seitdem in den letzten Jahr¬ 
zehnten in Russland zum öftern auf weiten Gebieten 
Missernten eintraten, hat man allenthalben von der 
Verminderung der atmosphärischen Niederschläge, 
dem Austrocknen der Seen und der Versandung der 
Flüsse gesprochen, aber genaue Daten darüber hat 
man nicht gesammelt und streng wissenschaftliche 
Forschungen und Messungen darüber nicht ange¬ 
stellt. Rossikow hat letzteres im Laufe der zehn 
Jahre 1882—1892 im nördlichen Kaukasus gethan. 
Mittels der an den anstehenden Felsen angebrachten 
Merkmale und der im Wasser aufgestellten Pfähle 
war er imstande, ganz genaue Daten zu sammeln. 
Ausserdem zeigt der Blick auf ältere Karten, dass 
viele Seen, welche eine Oberfläche von 20 Quadrat¬ 
werst und darüber hatten, jetzt verschwunden sind. 
Besonders gilt das von den Seen im Unterlauf des 
Kuban, des Terek und Ssulak. Andere sind bedeu¬ 
tend zurückgegangen. Als eklatantes Beispiel kann 
der grosse und tiefe See Kisinoi-Am in Itschkerien 
dienen. Derselbe liegt in einer Höhe von 6100' 
über dem Meer; er weist an seinen Ufern einen 
Rückgang von 6—10 Saschenen l ) auf. Ein anderer 
grosser See, Karakol, der vor 20 Jahren noch eine 
Fläche von circa 20 Quadratwerst hatte, stellt jetzt 
Ackerland dar. Dieser See brachte einst der Krone 
17000 Rubel Fischereipacht ein. Der Wasserspiegel 
des Sees von Krascheninnikow ist im Laufe eines 
einzigen Jahres um 10 Zoll niedriger geworden. 
Bei diesen Seen ist der Grund der Abnahme des 
Wassers einzig und allein in der Entwaldung der 
Umgegend zu suchen. Die gleiche Erscheinung 
wurde bei dem kleinen See im Tarthal bei Wladi- 
kavkas beobachtet. Hier ging der Wasserspiegel um 
11 Zoll zurück. 

Eine interessante Debatte entspann sich zwi- 

*) i Sascbene = 7 engl. Fuss. 

61 


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482 


Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 


sehen einem Topographen und Rossikow über den 
Berg Chisan-Choch, welcher sich inmitten des von 
Rossikow zuerst erforschten, in der Nähe des Gi- 
marai-Choch liegenden Gletschers Ziti (Ziti oder 
Zata bedeutet im Ossetinischen Gletscher) erhebt. Der¬ 
selbe hat bei bedeutendem Umfang eine Höhe von 
1170' über dem Niveau des Ziti. Der Topograph, 
welcher jene Gegend von circa 10 Jahren aufge¬ 
nommen, behauptet, vor jenem Berge nichts ge¬ 
sehen zu haben, und hat ihn daher auf seinen Karten 
nicht vermerkt. Rossikow behauptet, er habe an 
den Felsen des Berges eine Aufschrift mit dem Da¬ 
tum seines Besuches gemacht, habe auf demselben 
einen Tur getötet und verschiedenes wertvolle Mate¬ 
rial gesammelt. Da die Gegend weiter von Nie¬ 
manden mehr besucht worden, so musste die Chisan- 
Choch-Frage einstweilen eine offene bleiben. 


Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 

Mit speciellem 

Hinblick auf Japan und Deutsch-Afrika. 

(Vortrag, gehalten 

vor der Abteilung Berlin der Deutschen Kolonialgesellschaft 
am 4. Januar 1892.) 

Von Wilhelm Krebs (Berlin). 

(Schluss.) 

Besonders geeignet für einen solchen Versuch 
erschien Japan. Die für den Welthandel wichtige 
Produktion dieses Landes tritt ziemlich rein und 
vollständig in 
seiner Aus¬ 
fuhr zu Tage. 

Diese ist seit 
1868 in sorg¬ 
fältigen und 
übersicht¬ 
lichen Listen 
geordnet. Die 
meteorologi¬ 
sche Erfor¬ 
schung ist 
wohlorgani¬ 
siert. Von 
dieser lag ge¬ 
eignetes Ma¬ 
terial aller¬ 
dings nur für 
die sechs 
Jahre 1883 
bis 1888 vor. 

Die klimati¬ 
sche Kurve 
(B) ist des¬ 
halb wesent¬ 
lich kürzer als die wirtschaftliche (Abb. III, A ). Bei 
dem Vergleich musste ferner berücksichtigt werden, dass 
in Japan die Produktion eines Jahres erst in der Aus¬ 


fuhr des folgenden zur Geltung zu kommen pflegt. 
Woran das liegt, ob an Ernte-, Verkehrs- oder 



Handelsverhältnissen, war bisher nicht zu ermitteln, 
die Thatsache steht aber auch nach Vergleich der 



S 77 79 81 83 85 

Abbildung IV. 


Produktions- und Ausfuhrlisten (Abb. VI, A B und 
C D) y von denen erstere mir für die wichtigsten 
landwirtschaftlichen Produkte und das Jahrzehnt 

1879—1889 
Vorlagen,fest. 
Das gleiche 
Verhältnis 
zwischenPro- 
duktion und 
Ausfuhr be¬ 
steht , wie 
ich voraus be¬ 
merken 
möchte, für 
China, nicht 
aber für die 
australische 
Kolonie Vic¬ 
toria , deren 
Boden¬ 
erzeugnisse 
grösstenteils 
in ihrem Ur¬ 
sprungsjahre 
ausgeführt 
werden (Abb. 
VI, EF). 
Ordnet man 

bei Japan die Reihe der klimatischen Faktoren 
1883 —1885 zu derjenigen der erwähnten wirt¬ 
schaftlichen, welche ich als arktoide Prozente 



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Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 


483 


bezeichnet habe, 1884—1886, so ergibt sich ein 
fast vollkommen gleichgerichtetes Schwanken beider 
Kurven (Abb. III, A B ). Beide steigen vom ersten 
zum zweiten Jahr, sinken, steigen, allein vom 
fünften zum sechsten Jahr stellt sich ein Unterschied 
der Schwankung ein, welcher aber in der Kurve 
der klimatischen Faktoren von Tokio, mit seinen 
mustergültigen Beobachtungen, sowie mehrerer anderer 
Stationen des mittleren Japan, mehr als ausgeglichen 
erscheint (Abb. III, C). 

Derselbe Gleichlauf von Klima und Produktion 
tritt bei China hervor, bei welchem die klimatische 
Kurve der im mittleren und fruchtbarsten Teile dieses 
Landes gelegenen Station Zikawei mit der Produk¬ 
tionskurve verglichen wurde, für die Zeit von 1878/79 
bis 4884/85 (Abb. IV). Sinken, Steigen, Sinken, 
Steigen, Steigen, Sinken tritt von 1879 — 1885 gleich¬ 
zeitig auf beiden Kurven ein. Um so auffallender 
ist der entgegengesetzte Verlauf zwischen den vier 


vorhergehenden Jahrgängen 1875 — 1879 der Aus¬ 
fuhr. Aus der Geschichte Chinas ist bekannt, dass 
in diese Epoche die schwerste Dürre fällt, welche 
im 19. Jahrhundert das ostasiatische Reich heim¬ 
suchte. Die klimatischen Faktoren werden berechnet 
aus dem Quotienten 

Bewölkung 

Temperatur X Niederschläge. 

Temperatur 

Bewölkung 

bezeichnen aber den dem Pflanzenleben günstigen 
Einfluss der Besonnung, welcher beim Vergleich mit 
dem arktoiden Verhältnis umgekehrt angesetzt wer¬ 
den muss. 

Es liegt nahe, anzunehmen, dass sich dieser Ein¬ 
fluss der Besonnung bei allzu sehr mangelnden Nieder¬ 
schlägen gegen das Pflanzenleben wenden, das an¬ 
geführte Verhältnis sich also wieder umkehren wird. 


Bemerkungen zu Abbildung III—V. 

Vergleiche zwischen den Schwankungen des 
Klimas und der Produktion in den Jahren 
1863—1890. 

Die Kurven A stellen bei allen drei zum Vergleich heran¬ 
gezogenen Ländern, Japan, China, Victoria, die Schwankungen 
des Verhältnisses der tierischen zur pflanzlichen Produktion dar 
in den arktoiden Prozenten. 


Dieselben sind für Japan (III, A) und China (IV, A) aus 
den Werten der tierischen und pflanzlichen Ausfuhr, vermindert 
um die hier sehr geringen Beträge entsprechender eingeführter 
Waren, berechnet. Für die fünf ersten Jahre 1863—1867 wurden 
in der Kurve IV, A allein die beiden Hauptwerte der Ausfuhr 
Chinas, Seide und Thee, berücksichtigt. Bei Victoria (V, A ) 
wurde jene Reinigung der Ausfuhr unterlassen, da diejenige 
pflanzlicher Produkte durchgängig von der entsprechenden Ein¬ 
fuhr weit übertroflen wird. 


Japan. 

Quelle: Returns of the foreigu trade of Japan, 1868 to 1889, Tokio, Bureau of Customs. 
Werte reiner Ausfuhr in Millionen Yen Silber 



1868 

1869 1870 

1871 1872 1873 1874 

1875 

1876 

1877 

1878 1879 

1880 

1881 

1882 

tierischer Herkunft 

10,67 

9,o8 7,74 

10,46 8,89 11,66 7,47 

7.19 

17,19 

11,62 

10,49 13,46 

12,54 

14,69 

20,87 

pflanzlicher Herkunft 

449 

3-3 1 6,00 

6,08 5,66 7,03 9,22 

8,38 

8,13 

8,67 

11,71 10,25 

10,28 

10,32 

11,44 

Arktoide Prozente 

238 

274 129 

172 157 166 81 

86 

211 

134 

90 131 

122 

142 

,83 




1883 1884 1885 

1886 

1887 

1888 

1889 






tierischer Herkunft 20,42 15,49 16,63 

22,68 

24,17 

3 L 30 

- 3L88 






pflanzlicher Herkunft 10,22 10,57 10,56 

14,56 

13,66 

' 17,61 

18,23 






Arktoide Prozente 200 147 160 

156 

177 

178 

175 





China. 

Quellen: Trade statistics of the treaty ports 1863—1872. Returns of trade and trade reports, Parts I, 1873—85. China. Imperial Maritime Customs. Shanghai. 


1863 

1864 

Werte reiner Ausfuhr in 
1865 1866 1867 1868 

Millionen Haikuantaels 

1869 1870 1871 1872 

,873 

1874 

1875 

1876 

1877 

tierischer Herkunft 12,9 

10,9 

17,5 

14,8 

16,4 

23,95 

19,53 

21,56 

25 , 5 * 

28,00 

3 ,.82 

26,27 

25,34 

36,36 

23.96 

pflanzlicher Herkunft 27,8 

21,0 

26,1 

25,2 

28,7 

35,4 

33-6 

29,4 

38,5 

43-5 

43.6 

45-7 

41,0 

4 L 9 

41.3 

Arktoide Prozente 47 

52 

67 

59 

57 

68 

58 

73 

66 

64 

72 

57 

62 

87 

58 

tierischer Herkunft 

1878 

26,47 

1879 

29,69 

1880 

30,98 

1881 

28,26 

1882 

24,43 

1883 

25-74 

1884 
2545 

1885 

22,18 

1886 

3 L 59 

1887 

35.03 

1888 

35,67 

1889 

40,30 

1890 

33 , 7 i 


pflanzlicher Herkunft 

38,8 

38,5 

44.4 

39,9 

39,2 

40,8 

38.2 

397 

4 i ,5 

42,1 

44,2 

45-2 

42,3 


Arktoide Prozente 

68 

77 

7 o 

7 i 

62 

63 

67 

56 

76 

83 

81 

89 

80 



Victoria. 

Quelle: Victorian Yearhook for 1888—89, Volume II. Statistical Summary Nr. 1. Melbourne and London 1889. 

* Ausfuhrwerte in 1000 £ 

1864 1865 1866 1867 1868 1869 1870 1871 1872 1873 1874 1875 l8 7 6 

Wolle + Häute + Talg 3414.0 34 * 4,6 3258,9 3891,4 4761,7 3660,6 3597,6 5211,1 5054,2 6025,4 6630,2 6350,7 6647.3 

Brotstoffe 135,9 82,9 88,1 110,3 90,4 28,4 52,9 37,9 62,1 68,5 63,4 36,1 40,5 

Arktoide Prozente 2512 4119 3699 3528 5267 12890 6801 13749 8139 8781 10458 17315 13956 



1877 

OG 

00 

1879 

1880 

1881 

1882 1883 

1884 1885 

1886 

1887 

1888 

Wolle + 

Häute Talg 5796,9 

5943,2 

547 L 4 

6707,9 5812,3 

6228,0 6408,6 6748,2 5286,4 

5229,9 

5279,3 

5532.4 

Brotstoffe 

74,0 

3 1 *»7 

272,4 

887,0 930,6 

966,5 651,7 

>769,5 772,4 

559,4 

668,0 

938.° 

Arktoide 

Prozente 7834 

1907 

2009 

756 

625 

644 983 

381 684 

935 

608 

590 


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484 


Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 


Die klimatischen Faktoren ( 2 ?) sind nach der Formel 
w 

- . 20000 

t . n 

berechnet, entgegengesetzt zu ihrer dem Pflanzenleben günstigen 
Wirksamkeit, da sie mit einer für tierische Produktion positiven 
Kurve verglichen werden. 

Allein bei Japan betrifft eine klimatische Kurve das ganze 


für die wirtschaftliche Produktion wichtige Gebiet, konstruiert 
aus den Durchschnittswerten von 15 Stationen. Die andere 
Kurve der Klima-Faktoren für Japan ist aus den Werten der 
einen Station Tokio, die klimatischen Kurven für China und 
Victoria sind ebenfalls nach den Beobachtungen je einer geeignet 
gelegenen und bedienten Station, der chinesischen Zikawei, der 
australischen Melbourne, entworfen. 


Japan. 

Quellen: Reports of the meteorological observatories 1883 — 85 und Annual metcorological report I, 1886-88, Tokio. 




n = 

Niederschlagsmengen 

mm. 



t 

Temperatur 0 C. 



00 

00 

1884 

\r\ 

OO 

OO 

1886 

00 

00 

1888 

1883 

1884 

1885 

1886 

18S7 

1S88 

Tokio 

1464 

1311 

1539 

1290 

1252 

1379 

43 

45 

45 

42 

45 

44 

Akita 

•536 

1650 

l8lO 

1786 

1465 

1580 

76 

83 

72 

67 

69 

78 

Niigata 

1796 

1839 

1936 

I580 

1468 

1681 

62 

65 

61 

53 

52 

57 

Numazu 

'579 

1849 

2248 

l6l I 

1638 

1505 

46 

45 

43 

43 

43 

45 

Hamamatsu 

1470 

1660 

2313 

I78l 

1596 

1671 

33 

36 

36 

34 

36 

39 

Kanazawa 

2405 

2787 

3304 

2613 

2192 

2379 

59 

63 

60 

58 

56 

58 

Sakai 

1564 

2006 

2186 

1953 

1463 

1553 

58 

55 

53 

52 

48 

49 

Shimonoseki 

1525 

1704 

1866 

1934 

1452 

? 

40 

47 

44 

43 

38 

> 

Kioto 

1156 

1585 

1829 

1442 

1399 

1242 

5 ° 

54 

53 

5 * 

48 

47 

Osaka 

1073 

1440 

1605* 

1213 

1185 

1210 

44 

46 

44 

43 

40 

40 

Wakayama 

1205 

1389 

1712 

1386 

1186 

1337 

42 

44 

42 

44 

4 i 

42 

Kochi 

2128 

2093 

2521 

2625 

2493 

2730 

36 

37 

36 

37 

33 

34 

Miyasaki 

2246 

2125 

2716 

to 

oe 

2915 

2753 

35 

35 

34 

35 

32 

34 

Kagoshima 

2051 

1903 

2176 

2215 

2264 

1772 

35 

36 

36 

38 

32 

37 

Nagasaki 

l8lO 

2150 

2699 

2 204 

2051 

1657 

37 

39 

39 

40 

35 

38 

Mittel 

1667 

1833 

2164 

1928 

1735 

1746 

44 ,i 

48,8 

46.5 

45,3 

43,2 

45.4 


Klimatische Faktoren = - . —- 

t n 





1883 

1884 

1885 

1886 

1887 

1888 




Mittel 

! der 

15 Stationen 

52,9 

53,3 

43 ,o 

46,8 

49,8 

52,0 




Für Tokio allein 

58,7 

68,6 

58,5 

65,1 

7*.9 

63,8 






C 

h i n 

a (Zikawei). 







Quelle : 

Meteorological elcments of the climatc of Shanghai, Zikawei Obscrvatory, 1 

885. 




1873 

10 

1^. 

oc 

r>. 

oc 

1876 

1877 

1878 

1879 

188o ; 

1881 

1882 

1883 

1884 

7 v — Bewölkung °/ 0 

55 

56 58 

61 

65 

64 

59 

62 

63 

65 

64 

60 

t — Temperatur 0 C. 

15,7 

15,5 14,8 

H ,9 

' 4.7 

14,8 

15,8 

14,8 

* 5,5 

* 5,2 

* 5,2 

14,6 

n — Niederschläge mm 

995 

1007 1589 

777 

988 

1206 

1272 

1102 

* 34 i 

* 33 * 

1026 

• 185 



Klimatische 

Faktoren — 

70 

t . n 

. 20000 






70,4 

749.4 

105,4 

89,4 

7*,7 

58,7 

76,0 

6o,6 

64,2 

82,1 

69.4 



V i c 

t 0 r 

i a (Melbourne). 







Quelle: Victorian 

Yearbook for 1888—89, 

Vol. 11 , 

S. .73. 






1864 

1865 1866 

1867 

1868 

1869 

1870 

1871 

1872 

■873 

1874 

«875 

70 = Bewölkung °/o 

6l 

56 55 

57 

57 

60 

58 

59 

64 

60 

61 

62 

i = Temperatur 0 C. 

* 3,9 

' 3.6 ' 4.3 

H ,3 

* 3,9 

14,0 

14,1 

* 4,3 

14,2 

* 4,4 

* 3-7 

' 3.7 

n — Niederschläge mm 

686 

406 559 

660 

457 

635 

864 

762 

813 

660 

7 ** 

838 



Klimatische 

Faktoren ~ 

70 

t . // 

- . 20 000 






128 

203 137 

121 

179 

*35 

95 

108 

■ 11 

141 

*25 

108 



1876 

«877 

00 

00 

1879 

1880 

1881 

1SS2 

1883 

00 

00 

1885 

1886 

1887 

1888 

tu — Bewölkung °/o 

58 

58 

60 

58 

60 

59 

56 

59 

62 

63 

60 

61 

55 

t — Temperatur 0 C. 

* 3,9 

' 3.7 

14,1 

' 3,8 

* 4,3 

* 3,9 

* 4 ,i 

* 4,4 

* 3,7 

* 3,9 

* 3,9 

* 4,5 

14,2 

« =r Niederschläge mm 

610 

6 lO 

635 483 724 

Klimatische Faktoren 

610 

“ t 

559 

70 

. n 

610 

20 000 

8*3 

483 

610 

660 

686 


*37 

*39 

*34 

*74 

116 

*39 

142 

152 

111 

188 

142 

127 

* *7 


Ein oberflächlicher Vergleich der klimatischen mit der 
wirtschaftlichen Kurve liess schon erkennen, dass bei Japan und 
China jeder Jahrgang der ersteren dem folgenden, bei Victoria 
demselben der letzteren Kurve zugeordnet ist, dass die Kurven, 
in dieser Art neben einander gelegt, einen vorwiegenden Gleich¬ 
lauf ihrer Schwankungen zeigten. Da der Einteilung der Tafel III 
für alle drei Länder die Ausfuhrjahre zu Grunde liegen, sind 
die beiden oberen Diagramme zum Vergleich mit dem unteren 


um i cm nach links zu verschieben. Einen zweiten Beleg für 
jenes Verhältnis der Produktion zur Ausfuhr ergibt dann das 
Zusammenfallen jenes grössten Ueberwiegcns tierischer Produktion 
im Jahre 1875 der Ausfuhr Victorias, 1876 der Ausfuhren Japans 
(nach 1869) und Chinas. In der That scheint sich in diesem den 
drei Kurven gemeinsamen, auffallendsten Zuge der Beginn der das 
indische und einen grossen Teil des pacifischen Gebiets zugleich 
betreffenden klimatischen Krisis der siebziger Jahre auszuprägen. 


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Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 


485 


In den Dürre-Epochen der subtropischen und 
tropischen Länder, der sonnigsten der Erde, darf 
man deshalb klimatische Katastrophen erblicken, 
welche das wirtschaftliche Gedeihen derselben auf 
das tiefste stören. 

Es gibt aber Länder, deren Klima vorwiegend 
aus solchen Katastrophen besteht, welche von kurzen 
Zeiträumen normalen Schwankens unterbrochen sind. 
Als Beispiel kann ich eine Kolonie des australischen 
Festlandes anführen, Victoria. Die wirtschaftliche 
Kurve ist gegenüber dem einheitlichen Maasstabe 
für die Erde und Japan auf etwa 0, gegenüber dem 
für China auf V 100 verkleinert. Aber auch so 
treten ihre* Schwankungen als ausserordentlich gross 
hervor (Abb. V, A ). Trotzdem ist auf Strecken von 
zwei bis zu sechs Jahren Gleichlauf der Schwan¬ 
kungen in diesem Produktionsverhältnisse und im 
Klima von Melbourne (/?) zu verfolgen. Getrennt sind 
die normalen Epochen von solchen entgegengesetzten 
Schwankens, besonders nach den Jahren 1868, 1873, 
1885. Aus der unten entworfenen Kurve der Nieder¬ 
schläge zu Melbourne (C) geht aber hervor, dass diese 
Jahre dort von Regenarmut heimgesucht wurden, 
besonders 1868 und 1885. Für die Mitte der 70er 
Jahre, welche die grösste Schwankung und Ano¬ 
malie aufweist, liegen ausserdem Nachrichten vor, 
dass die bei China erwähnte Dürre auch Australien 
heimsuchte, als Glied einer weit ausgebreiteten 
Kette klimatischer Störungen, welche im Jahre 1876 


ihren Einfluss wahrscheinlich vom Hererolande öst¬ 
lich bis Tahiti ausdehnte. 

China und Japan werden seltener von Dürren 
heimgesucht. Das erkennt man aus dem grösseren 
Gleichmaass der wirtschaftlichen Kurven. Spurlos 







($ ,( f r »t * •» }» Ti ,1 II I* II U M 1 # 1 # fd fi 

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n ty i* ii i» 11 a 


Abbildung VI. 


sind sie aber auf diesen nicht. Die Dürre-Epochen 
um 1872 und wahrscheinlich um 1867 markieren sich 
auf der chinesischen Kurve ähnlich, aber schwächer, 
als die schwerste um 1876. An der japanischen 
Kurve kehrt ungewöhnliches Zurücktreten pflanz¬ 
licher Produktion in drei genau sieben Jahre aus 
einander liegenden Jahrgängen wieder: 1869, 1876, 


Bemerkungen zu Abbildung VI. 

Vergleiche von Produktion und Ausfuhr. 

Japan. 

Einige der für die wirtschaftlichen Kurven benutzten ge¬ 
reinigten Ausfuhrwerte sind mit den Produktionsnngaben des 
R£sum6 statistique de l'empire du Japon I—V, Tokio 1887—91, 
verglichen. Bei der Unsicherheit, welche in der Produktions¬ 
statistik überhaupt weit grösser ist als in der durch Zoll- und 


Hafenbehörden beständig Überwachten Ausfuhrstatistik, ist von 
vornherein eine scharfe Uebereinstimmung nicht zu erwarten. 
Doch sprechen auch diese Vergleiche vorwiegend dafür, dass 
in der That in Japan die Produktion eines Jahres erst in der 
Ausfuhr des folgenden zur Geltung zu kommen pflegt. Besonders 
ist das der Fall in den nach klimatologischer Richtung unter¬ 
suchten Jahrgängen 1884—1889 bei den der Schwankung am 
meisten ausgesetzten Hauptgegenständen der Ausfuhr: Reis und 
Seide. 


Reis 1879/80 — 1889/90 

A Produktion 1879—89 32,4 31,4 30,0 30,7 30,7 26,4 34,2 37,2 40,0 38,7 jj,o Millionen Koku 

B Ausfuhr 1880 — 90 o 0,13 1,63 1,0 2,16 0,0g 3,28 2,13 7,40 7,30 0,12 „ Yen 


Seide 1879/80—1888/89 

C Produktion 1879—88 440 530 620 700 700 840 750 960 1080 990 Tausend Kwan 

D Ausfuhr 1880-89 //,/ 13,4 19,3 18,6 133 14,5 20,3 21,9 28,8 29,2 Millionen Yen. 

Innerhalb der Jahrgänge nach 1884 entsprachen bei Reis 5 von 6, bei Seide 3 von 5 Schwankungen im einzelnen 

dem zu beweisenden Verhalten. 


Victoria. 

Eine nahezu vollkommene Uebereinstimmung mit dem aus 
dem Vergleich der klimatologischen mit der arktoiden Kurve 


erschlossenen Verhalten ergibt die Vergleichung der vegetabilischen 
Ausfuhr Victorias mit den summierten Beträgen seiner Hafer- und 
Weizenernten,der hauptsächlichstenBodenproduktiondieserKolonie. 


Quelle: Yearbook II, Summary Nr. 2. 


Weizenernten 

1864— 

79 'S 

i .9 

3-5 

4,6 3.4 

4,2 

S 7 ■ 

2,9 4.5 

5,4 

4.8 4.9 

5 ,o 

5.3 7,0 

Haferernten 

1864 - 

-79 3,5 

2.7 

2.3 

3 .« 2,3 

2.3 

s,s . 

3.3 

2,4 

‘,7 2,1 

2,7 

2,3 2,0 

E Summen 


4,8 

4/1 

5 .» 

8,5 5*7 

6,5 

5),5 J,r 7,8 

7.8 

6,5 7.0 

7,7 

7,6 9,0 

/'Ausfuhr an Brotstoflen 

1864— 

79 135,9 Sj,g 

• 88,9 : 

110,3 90,4 

2S,4 

52,9 3 

7,9 62,1 

68,5 63,4 36,1 

40,5 

74,0 311,7 - 

Weizenernten 


1880— 

-88 

9.4 

9,7 

8,7 

8 ,S 

15,6 

10,4 

VS 

12,1 

13,3 ) 

Haferernten 


1880— 

-88 

4,0 

2,4 

3,6 

4,4 

4,7 

4,4 

4,7 

4,3 

4,6 J 

E Summen 




* 3.4 

12,1 

12,3 

‘ 3.2 

20,3 

14,8 

139 

16,4 

* 7,9 j 

F Ausfuhr an Brotstoflen 

1 1880— 

88 ; 

887,0 

930,6 966,5 

65', 7 

1769,5 

772,4 

559>4 

668,0 

938,0 Tj 


Busheis 


Ausland 189a, Nr. 31. 


Millionen 

Busheis 

usend £. 
62 


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486 


Klimatische Faktoren der Weltwirtschaft. 


1883 der Ausfuhr, also 1868, 1875, 1882 der Pro¬ 
duktion. Nach der japanischen Versicherungsstatistik 
war 1869 ein Jahr der Missernte, 1882 ein Jahr 
schädlicher Trockenheit. Im Jahre 1875, über 
welches aus Japan keine Nachrichten vorliegen, 
wurden Teile der benachbarten Mandschurei von 
schädlicher Trockenheit heimgesucht. Vom Jahre 

1884 an tritt in der japanischen Kurve ein gleich- 
mässiger Verlauf hervor. Es scheint, als ob die seit 
der Restauration 1868 in das Schwanken geratene 
wirtschaftliche Lage seit 1884 einen Gleichgewichts¬ 
zustand erlangt habe. 

Trotzdem haben sich seit ungefähr derselben Zeit, nach¬ 
dem zuerst im Jahre 1882 Liebscher seiner Enttäuschung über 
die japanische Landwirtschaft Ausdruck verliehen, Stimmen ge¬ 
mehrt, welche von einem Notstände derselben und der Notwendig¬ 
keit einer Landreform reden. Auch ein japanischer National¬ 
ökonom, Ota Nitobe, gab in einem deutsch erschienenen Buche 
jener pessimistischen Ansicht Ausdruck. 

Aus diesem und einem gleichzeitig erschienenen, in erster 
Linie für japanische Landwirte bestimmten Buche des deutschen 
Professors Fesca in Tokio geht hervor, dass das unkultivierte 
Land einen die Verhältnisse der meisten europäischen Kultur¬ 
länder weit übertreffenden Anteil des japanischen Bodens be¬ 
ansprucht. Von dem 28 Millionen Hektar umfassenden Areal 
Alt-Japans (Japans ohne Hokkaido) sind nach Ota Nitobe 
35 Proz. Oedland, 41 Proz. fast ungenutzter Wald, gegenüber 
a /io Proz. Oedlandes in Preussen, 26 Proz. Wald in Deutschland. 
In keinem der bisherigen Reformvorschläge wurde hinreichend 
gewürdigt, dass die unkultivierten Landesteile derselben Vorzüge 
des japanischen Klimas teilhaftig sind, wie die kultivierten. Klima 
und Boden sind die Faktoren der landwirtschaftlichen Produktion. 
Dass das erstere in hohem Maasse die letztere bestimmt, geht 
für Japan aus dem Gleichlauf dieser Kurven hervor. Den Boden 
anbaufähig zu machen, gibt die moderne Kulturtechnik reiche 
Mittel an die Hand. 

Dem Plan, grosse Striche des Oedlandes als reine Vieh¬ 
weiden auszunutzen, widersprechen, im Einklänge mit einzelnen 
ungünstigen Erfahrungen, die allgemeinen Produktionsverhältnisse. 
Der arktoide Prozentsatz für Alt-Japan, in den letzten sechs 
Jahren durchschnittlich 166, übertrifft den seiner geographischen 
Breite zukommenden (55), welcher mit dem entsprechenden 
Mittelwerte der klimatischen Faktoren nahezu übereinstimmt, um 
mehr als das Doppelte. Hieraus kann ganz allgemein gefolgert 
werden, dass sich die Viehzucht erst im Anschluss an erweiterten 
Ackerbau dauernd heben wird. Der jetzige Viehbestand Japans, 
auch an Rindern, von denen 27 auf 1000 Einwohner kommen, 
steht gar nicht so einzig da durch seine Geringfügigkeit. Wegen 
seiner Jahrestemperatur durchaus vergleichbar mit Japan ist Italien. 
Hier werden allerdings 160 Rinder auf 1000 Einwohner ge¬ 
rechnet. Aber von dem Gesamtbestand, 4,8 Millionen, kommen 
3,2 Millionen, also fast 3 /4, auf die nördlichen alpinen und mehr 
kontinentalen Gebietsteile Italiens, welche über die altjapanischen 
Breiten weit hinausragen. Diese abgerechnet, würden für den 
Vergleich mit den 27 Rindern auf 1000 Japaner auch nur 40 
auf 1000 Italiener übrig bleiben. 

Ota Nitobe berichtet aus dem Jahre 1886 das Bestehen 
von 22 Gesellschaften zur Hebung der japanischen Viehzucht. 
Die Bestrebungen derselben haben es nicht verhindern können, 
dass der Rinderbestand von 1,02 Millionen im Jahre 1886 auf 
i,oi Millionen im Jahre 1888 zurückgegangen ist, der Bestand 
an Pferden von 1,537 auf 1,533 Millionen. Dieser Fehlschlag 
wird daran liegen, dass versucht worden ist, eine rentierende 
Viehzucht schnell neu zu schaffen, nicht sie in ihrem für Japan 
natürlichen Anschluss an den Ackerbau allmählich zu entwickeln. 

Ein schneller Erfolg ist aber auch gar nicht so notwendig, 
wie die um die japanische Landwirtschaft besorgten Reformer 
meinen. Die Bauerngüter sind allerdings zu klein für volle Be¬ 
schäftigung der Familien und über die Hälfte ihres Wertes hinaus 


verschuldet. Tiefere Besorgnisse sind aber unbegründet. Aus 
Ota Nitobes Daten selbst ist nachzuweisen, dass eine besonders 
hohe Kriminalität des japanischen Bauernstandes nicht vorliegt. 
Eine statistische Endberechnung der japanischen Bevölkerungs¬ 
bewegung ergibt, dass der kärgliche Vegetarianismus des Bauem- 
volkes keinen aussergewöhnlich ungünstigen Einfluss übt. Im 
Gegenteil kehrt in dem Endergebnis bis auf die Prozenteinheit 
genau dasjenige Italiens wieder. Die Sterbefälle betragen in 
beiden Ländern 81 Proz. der Geburten. 

Lang ausholende, langsame Reform erscheint durchaus an¬ 
gebracht. Aus den dargelegten klimatologischen Gründen meine 
ich, die Kulturfläche muss erweitert werden Über Teile des Oed¬ 
landes und des Forstes in Alt-Japan selbst. Von ganz anderer 
Seite, von dem finanziellen Gesichtspunkte, die Grundsteuer zu 
erleichtern ohne Schmälerung der Staatseinkünfte durch Ver¬ 
teilung über eine grössere Kulturfläche, ist Eggert 1 ) zu dem¬ 
selben Schlüsse gelangt. Seine weiteren Vorschläge beschäftigen 
sich allein mit der Frage, dem Bauernstand sein Fortbestehen 
und solche erweiterte Leistungen pekuniär zu ermöglichen. Von 
grösserer Wichtigkeit ist aber die technische Befähigung. Für 
den Feldbau in den Hochländern und Ebenen des Oedlandes ist 
eine andere Methode notwendig als die intensive, mit welcher 
bisher die Niederungen und Flussthäler angebaut wurden. Die 
dortigen Kulturen sollten beibehalten werden als Gartenland 
grössten Maasstabes. Für die Oedländereien ist Feldbau nach 
abendländischer Art zu empfehlen. Für sie eignen sich aber 
auch nicht die nordamerikanischen Wirtschaftsweisen, welche 
sich in einem Ueberfluss zur Wahl stehenden guten Bodens ent¬ 
wickelt haben. Deutsche Landwirte würden die besten Ixhr- 
meister als Landwirtschaftslehrer oder Leiter von Musterwirt¬ 
schaften sein. In dieser Hinsicht besitzt die japanische Agrar¬ 
frage auch koloniales Interesse. Die Landwirtschaft nach euro¬ 
päischem Muster wird danach die Viehzucht als Nebenbetrieb 
haben, mit mehr Erfolg als die bisher auf reine Viehzucht ge¬ 
richteten Bestrebungen *). 

Fast das Gegenbild dieser Verhältnisse bietet die 
ebenfalls aktuelle Agrarfrage in einer deutschen Ko¬ 
lonie, Südwestafrika. Auch hier sei gestattet, ein 
Land nahezu übereinstimmender Breitenlage zum 
Vergleiche heranzuziehen: die australische Kolonie 
Victoria. Das Klima des Nama- und Hererolandes 
besteht wohl aus einer noch engeren Folge von 
Dürrekatastrophen. An einen Beginn der Bewirt¬ 
schaftung mit Ackerbau ist deshalb nicht zu denken. 
Ungeeignet für diesen Betrieb ist das ganze Land 
keineswegs, aber auch die begünstigteren Striche am 
Waterberge, am Etjo, Slankop u. s. w., auf welche 
Schinz nach seinen kurzen Reiseerfahrungen die 
Aufmerksamkeit lenkt, sind jenen Schwankungen des 
Klimas ausgesetzt. Diese und wohl manche andere 
bevorzugten Gebiete verlangen jahrelanges Einleben 
oder planmässige meteorologische Erforschung, ehe 
mit bestimmten Maassnahmen vorgegangen werden 
kann. Das deutsche Schutzland ist gross genug, 
um die Annahme zu berechtigen, dass es, ähnlich 
Vorderindien, in mehrere einander kompensierende 
Klimagebiete zerfällt, dass Landesteile in einem Jahre 
Ueberfluss an Regen- und Grundwasser haben, in 
welchem andere Mangel leiden, und umgekehrt. 
Sind solche Gebiete wirklich festgestellt, so sind 
wohl auch gesetzliche Bestimmungen möglich, welche 
eine rotierende Sicherung der Ackerbauer vor Mangel 
und vor der schlimmeren Gefahr ermöglichen, dass 

*) U. Eggert, Landreform in Japan, Tokio 1890. 

■*) Vgl. auch »Ausland* 1892, S. 138—140, 149—150. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


dieselben in einem Jahre aus thätigen Bauern zu 
hilfsbedürftigen Proletariern werden. Die bäuerliche 
Kolonisierung des deutschen Südafrika wird dem¬ 
nach wohl erst nach Besetzung des Landes mit Vieh- 
haltereien thunlich sein ! ). 

Zum Schlüsse noch ein Blick auf die tropischen 
Teile des deutschen Afrika. Das Verhältnis der tieri¬ 
schen zur pflanzlichen Produktion, welche im Jahr¬ 
gang 1888/89 im Handel auftrat, berechnete sich zu 
102, im folgenden Jahre sogar zu 150 Proz. gegen¬ 
über einem mittleren Prozentsatz von nur 19 für 
die Breite o—10 0 s. (Abb. I A). Grund ist die über¬ 
wiegende Elfenbeinausfuhr, welche sich im Jahrgang 
1889/90 auf 3 von 5 Millionen Rupien Gesamtwertes 
belief. Es wurde früher an diese Zahlen die Be¬ 
trachtung geknüpft, dass ein Zurücktreten der Elfen¬ 
beinausfuhr, ein bedeutendes Anwachsen der Ausfuhr 
pflanzlichen Ursprungs nur eine Frage der Zeit sei. 
Neuerdings sind Vorschläge aufgetaucht, afrikanische 
Elefanten zu zähmen. Dafür wurde geltend gemacht, 
die Intelligenz und Kraft dieser Tiere für Kulti- 
vations-, hauptsächlich Transportzwecke auszunutzen. 
Von gleicher, für Zwecke des Handels sogar noch 
grösserer Bedeutung erscheint der Gesichtspunkt, die 
Elefanten zu züchten und auf diese Weise das gigan¬ 
tische urafrikanische Tiergeschlecht um des Elfen¬ 
beines willen vor dem Aussterben zu schützen. Doch 
möchte ich dem gegenüber sogleich darauf aufmerk¬ 
sam machen, dass dieses Ziel bei dem indischen 
Elefantenhalten auch nicht im entferntesten erreicht 
ist. Eine Elfenbeinausfuhr Vorderindiens ist nicht 
vorhanden, w’ohl aber eine bedeutende Elfenbein¬ 
einfuhr aus Afrika in dieses Land. Als besonders 
schlagendes Beispiel sei ein Kuriosum angeführt. Aus 
alten elfenbeinreichen Zeiten besteht in Hindostan 
die Sitte, dass der Bräutigam der Braut einen Elfen¬ 
beinring verehrt, welchen diese am Oberarm trägt. 
Solche Ringe werden gegenwärtig aus afrikanischem 
Elfenbein in Barmbeck bei Hamburg gearbeitet und 
von dort nach Indien eingeführt. Allerdings sind 
die afrikanischen Stosszähne durchgehends schwerer 
und massiver als die indischen, sogar als die siame¬ 
sischen mammutartigen Hauer. Aber von dem an¬ 
geführten klimatologischen Gesichtspunkte aus scheint 
es doch kaum mehr zweifelhaft, dass die Elefanten¬ 
zucht den Elfenbeinhandel jetzigen Umfanges nicht 
wird erhalten können. Aehnliche Zweifel erweckt 
der von hervorragenden Autoritäten in den Vorder¬ 
grund gestellte Zweck, die Elefanten als Transport- 
und Arbeitstiere zu verwenden. Auch hierfür sei 
als Beispiel Indien herangezogen. In den letzten 
Jahren hat das dortige Verkehrswesen eine glänzende 
Probe bestanden. Drei Jahre mit Dürren in ver¬ 
schiedenen Landesteilen sind bisher glücklich über¬ 
wunden worden. Dieser Erfolg wurde nicht durch 
Elefantentransporte erlangt, sondern in erster Linie 

*) Vgl. hierüber meine später abgefassten Aufsätze über 
»Klima und Landwirtschaft in Deutsch-Süd westafrika« in der 
»Deutschen Kolonialzeitung«, 1892, S. 63—65, 81—82. 


487 

durch das eigentliche Transportmittel europäischer 
Kultur: Dampfwagen auf eisernen Schienen. Es er¬ 
scheint besser, Mittel und Meinungen, welche in 
deutschen Kreisen für Hebung des afrikanischen 
Verkehrs vorhanden sind, auf den Dampfverkehr zu 
Wasser und zu Lande zu koncentrieren, als auf Pro¬ 
jekte, wie die Zähmung der Elefanten, und diese 
privater Initiative zu überlassen. 

Ebenso wenig durch tierische Intelligenz wie 
durch menschliche Körperkraft werden die Tropen¬ 
länder der Kultur erobert und vor ihren eigenen 
Gefahren geschützt, vielmehr durch die Elementar¬ 
kräfte des Dampfes und seiner Verwandten, ge¬ 
meistert durch menschliche Intelligenz. 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. 

Von Emil Wisotzki (Stettin). 

(Fortsetzung.) 

Was Varenius hier so für das Mittelmeer 
und Rote Meer im einzelnen bewiesen hat, oder 
doch wenigstens glaubte bewiesen zu haben, das 
verallgemeinert er auch auf andere Meerbusen. Be¬ 
kanntlich ordnete er l ) diese in zwei Kategorien, in 
»sinus oblongi« und »sinus lati vel hiantes«. Zu 
jenen zählte er das Mittelmeer, die Ostsee, das Rote 
Meer, den Persischen und den Kalifornischen Meer¬ 
busen, den Busen von Nanking; zu diesen, also den 
Sinus lati, werden gerechnet der Mexikanische und 
Bengalische Meerbusen, der von Siam, das Weisse 
Meer, der Golf von Carpentaria und die Hudsons- 
Bai. Das Niveau nun jener, der sinus oblongi, sei 
ein niedrigeres, dasjenige der sinus lati jedoch ein 
gleiches, wie das der offenen Oceane. »Quare, ut 
haec concludamus, ita statuendum videtur, oceani 
partes et sinus latos esse omnes ejusdem altitudinis, 
sed sinus oblongos praesertim per angustum fretum 
immissos esse aliqüantum humiliores, inprimis in 
partibus extremis 2 ).« 

Jetzt erst erkennen wir jene oben genannten 
Einzelheiten als Glieder einer Kette. Ostsee, Mittel¬ 
meer, Rotes Meer als sinus oblongi, ja auch das 
Weisse Meer, welches doch ein sinus latus, zeigen 
Niveaudifferenzen gegenüber den betreffenden Ocea- 
nen, ihre Oberflächen sind niedriger, wie die ocea- 
nischen. Diese Niveaudifl'erenz veranlasst dann weiter 
das Einströmen oceanischen Wassers in die Meer¬ 
busen, wie das schon weiter oben im besonderen 
gesagt ist. Varenius behauptete dieses Einströmen 
für alle genannten Meerbusen, obwohl ihm doch 
sicherlich im grossen und ganzen die verschiedene 
klimatische Natur derselben bekannt war und ob¬ 
wohl er selbst bei den einzelnen angibt, ob sie zahl¬ 
reiche und grosse Ströme aufnehmen oder ob das 

! ) Vgl. des Verfassers »Die Klassifikation der Meeres- 
räuine«, Stettin 1883, S. 6 f. 

2 ) A. a. O., S. 136 f., 142. 


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488 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


nicht der Fall sei. Wie sehr Varenius von der 
Unselbständigkeit seiner sinus oblongi, von ihrer 
Abhängigkeit von den offenen Oceanen überzeugt 
war, geht noch des weiteren daraus hervor, dass er 
allen die Möglichkeit völligen Verschwindens für 
die Zukunft voraussagt, wenn die freie Verbindung 
mit dem offenen Ocean verloren ginge: »mare itaque 
mediterraneum, Balticum, rubrum, Persicum atque 
alia quae sinus oceani sunt, desinent aliquando maria 
esse et in terras mutabuntur *)«. 

Es erheben sich ganz naturgemäss manche Be¬ 
denken und Fragen. So vor allem, woher die mit 
der Entfernung von dem fretum zunehmende De¬ 
pression der Oberfläche jener Meerbusen? Wie er¬ 
hielt sich dieselbe, so dass dauernd ein Zuströmen 
oceanischen Wassers stattfinden musste? Wo blieb 
dieses einströmende Wasser, noch vermehrt bei einigen 
Sinus durch die Zufuhr süssen Wassers zum Teil 
zahlreicher und mächtiger Flüsse? Auf alle diese 
Fragen erteilt Varenius an den betreffenden Stellen 
keine Antwort. Indirekt werden wir vielleicht im 
stände sein, solch eine zu finden, wenn wir uns der 
von ihm selbst gestellten Frage zuwenden: »cur 
oceanus non fit major, cum tot fluvios recipiat?« 
Doch soll die Beantwortung derselben erst weiter 
unten im Zusammenhänge mit dem Zeugnis anderer 
Autoren ihre Erledigung finden. 

Auch den verschiedenen Salzgehalt seiner sinus 
oblongi berührt Varenius nicht, obwohl er über 
die Verteilung desselben in den Oceanen vom all¬ 
gemeinen Gesichtspunkte aus, so von der Oberfläche 
derselben nach der Tiefe zu, von den Polen aus 
zum Aequator, zum Teil ganz treffende Bemerkungen 
macht 2 ). 

Ein Zeitgenosse des Varenius, Libertus 
Fromondus, »Collegii Falconis in Academia Lo- 
vaniensi Philosophiae Professor primarius«, berührt in 
seinen »Meteorologica« unseren Gegenstand. An der 
Hand des Petrus Gyllius stellt er die Existenz 
des Abflusses der Mäotis und des Pontus zum Mittel¬ 
meer fest, ohne irgend der nördlich gerichteten Unter¬ 
strömung zu gedenken. Im Mittelmeer selbst fände 
im allgemeinen eine Strömung nach Westen hin 
statt; jedoch werde nur ein Teil hinaus in den Ocean 
abgeführt, ein anderer dagegen nach Süden zu den 
Küsten Afrikas hin, um dann den Kreislauf zu voll¬ 
enden. Für die dänischen Strassen stellt er sich auf 
die Autorität eines dänischen Philosophen und Arztes 
B a r t h o 1 i n u s 3 ). Dieser habe festgestellt, dass nicht 
bloss ein Einfluss des Oceans in das Baltische Meer, 
sondern auch umgekehrt ein Ausfluss des letzteren 
in jenes stattfinde. »Nordenwasser« und »Süden¬ 
wasser« nannten es die dortigen Schiffer. »Id autem 
fieri ideo existimat, quia nunc oceanus a septentrione 
in meridiem fluminibus Norvegiae, Finmarchiae, Is- 


l ) A. a. O., S. 303. 
a ) A. a. O., S. 151 — 160. 

8 ) Enchirid., üb. IV, cap. 8. 


landiae, Gronlandiae etc. maximis et rappidissimis 
incitatus Balticum influit; nunc contra Balticum in- 
finitis a Germania, Livonia, Lithuania, Osilia, Chur- 
landia, Finlandia etc. aquis auctum et intumescens, 
postquam aliquamdiu in aequilibrio, sustentato oceani 
fluxu, dubium pependit, tandem se superfundit, et 
tota mole victor oceanum in alveum suum retro 
agit x )«. 

Auch Isaak Vossius berührt unseren Gegen¬ 
stand in seinem vortrefflichen Büchlein »De motu 
marium et ventorum«, das wegen so mancher oceano- 
graphischer und klimatologischer Erkenntnisse einer 
grösseren Beachtung wohl wert wäre, als sie ihm 
zu Teil wird. Leider berührt er aber nur unsere 
Frage, seine grossen, weiten, den ganzen Erdball 
umspannenden Ideen führen ihn sofort hinweg. 

Vossius lässt durch die Gibraltar-Enge einen 
kleinen Teil der heute so genannten Nordatlanti¬ 
schen Westwindtrift in die Gibraltar-Strasse eintreten 2 ). 
»In littore Mauritano et Numidico fluunt maria ab 
occidente in orientem, propter ingressum oceani qui 
istic loci fertur soli contrarius. At vero in oppositis 
Italiae, Galliae Hispaniaeque litoribus aestus ab 
Oriente in Zephyrum feruntur, donec ad fretum 
Herculeum oceano occurrunt ubi aliqua sui parte 
exeunt. Alia vero parte repulsi ad Mauretaniae et 
sequentia litora declinant, donec totum circuitum 
oceano impellente perficiant 3 ).« 

Ebenfalls wenig an Thatsachen bietet für unsere 
Frage Athanasius Kircher. Er konstatiert nur, 
dass das Mittelländische Meer sowohl durch den 
Bosporus aus dem Schwarzen Meere, wie auch durch 
die Strasse von Gibraltar aus dem Ocean Zufluss 
erhalte; letzterer sei besonders bedeutend zur Zeit 
der Flut: »dum summo in id se impetu exonerat«; 
auch nahm er eine Einströmung indischen Wassers 
ins Persische Meer an, ob auch eine solche aus der 
Nordsee in die Ostsee, ist nicht recht deutlich 1 ). 

Nicht viel mehr haben wir in Bezug auf die 
Konstatierung der Thatsachen uns zu beschäftigen 
mit Joh. Baptista Riccioli. Gestützt auf Ari¬ 
stoteles, den heiligen Thomas und Albertus 
Magnus stellt er fest, dass die Wasser des Schwar¬ 
zen Meeres sich in das Aegäische Meer ergiessen. 
Dieser Strom verstärke eine durch den Nil verur¬ 
sachte Strömung des Mittelmeeres; beide vereinigt 
dringen durch das Fretum Sicilum ins Tyrrhenische 
Meer und von hier »per Gaditanum fretum irrum- 
pens incidensque in Atlantici aquas versus aequa- 
torem fluentes«. Er vergleicht diese Strömung mit 
einer in der Waigat-Strasse ebenfalls nach Westen 
verlaufenden. Beide gehören zu dem allgemeinen 
»motus in longitudinem, seu ab Oriente in occiden- 


*) Meteorologicorura libri VI, Lomlini 1656, p. 291—295. 
a ) Cf. Berghaus, Physikalischer Atlas, Nr. 22. 

3 ) Isaak Vossius, De motu marium et ventorum, Hagac 
Comitis 1663, p. 29 f. 

4 ) Athanasius Kircher, Mundus subterraneus, Amster¬ 
dam 1665, fol. 150, 127. 148. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


489 


tem«. Dass Riccioli hier doch gewisse Zweifel 
gehabt, geht aus einer anderen Stelle hervor, an der 
er die aus dem Altertum ventilierte Frage behandelt, 
ob die Gibraltar-Enge entstanden sei durch einen 
Durchbruch des Atlantischen Oceans ins Mittelmeer, 
oder umgekehrt. Gegen das letztere führt er an, 
dann hätte der Ocean ein niedrigeres Niveau haben 
müssen, wie das Mittelmeer: »quod est multis dif- 
ficile creditu«. »Video tarnen nos laborare in in- 
certis« fügt er hinzu. Für die dänischen Sunde be¬ 
ruft er sich auf das Zeugnis des von ihm liQch 
geachteten Varenius: »per fretum Danicum Ocea- 
nus Germanicus influit in Balticum«. Dasselbe stellt 
er fest bei einer Umfahrt der Küsten, wohl auf 
Grund einer italienischen Seekarte 1 ). 

Auch seine weitere Bedeutung für unseren Gegen¬ 
stand werden wir uns noch unten klar zu machen haben. 

Gerade aber gegen diese Autorität des Riccioli, 
gegen Varenius, wendet sich Johannes Her¬ 
bin ius. Derselbe stellt fest, dass Varenius sich 
hierin gänzlich geirrt habe; in Wirklichkeit verhalte 
es sich gerade umgekehrt, ein Strom ergiesse sich 
aus dem Baltischen Meer in die Nordsee. Mehrfach 
habe er diese Gebiete besucht und mit eigenen Augen 
dies wahrgenommen, so dass eine Gegenrede keine 
Berechtigung mehr zu beanspruchen habe. Auch habe 
er im Dänischen Sunde Eismassen gesehen, welche 
von der Strömung hinaus ins offene Meer getrieben 
worden. Dass dieser Strom so, wie er ihn erblickt 
habe, wirklich verlaufe, hätten schon andere, des 
Seewesens kundige Männer behauptet und diese 
Thatsache mit als Beweis aufgestellt für eine all¬ 
gemein in ostwestlicher Richtung stattfindende ocea- 
nische Cirkulation. Aus diesem Grunde finde in 
der Ostsee auch nicht das Phänomen der Gezeiten 
statt. Die Ursache dieser Ausströmung erkannte 
Herbinius in der grossen Wasserzufuhr der in die 
Ostsee mündenden Flüsse. 

Ebenso könne man nicht sprechen von einem 
Einströmen des Atlantischen Oceans ins Mittelmeer, 
wie einige das thäten. »Sic neque oceanus Atlanticus 
per fauces Gaditanas in alveum Mediterraneum in¬ 
fluit, quem ad modum aliqui volunt.« Letzteres 
stände nur unter dem Einflüsse der oceanischen Flut: 
»influit ergo oceanus Atlanticus in Mare Mediterraneum 
non ultro, neque naturaliter, sed vi aestus immensi 
coactus atque impulsus«. Wohl aber finde ein »motus 
proprius et naturalis ab Euxino veniens« statt 2 ). 

Dagegen lässt Robbe beide Zuflüsse des Mittel¬ 
meeres, sowohl den gaditanischen als den bospora- 
nischen, existieren 3 ). 

Bei Joh. Reiske finden wir aber nicht nur 


*) Riccioli, Geographia et hydrographia reformata, 
Bononiae 1661, fol. 16, 19, 20, 432, 434. 

*) Johannes Herbinius, Dissertationes de admirandis 
mundi c&taractis supra- et subterraneis, Amstelodami 1678, 
p. 58, 107. 

*) Methode pour apprendre facilement la ggographie, 
2. 6dit., Utrecht 1687. 


diese beiden wieder, sondern auch den uns von 
Varenius her schon bekannten Strom aus der Nord¬ 
see in die Ostsee. Wie vielfach sonst, so beruft 
sich Reiske auch hier direkt auf Varenius, ob¬ 
wohl letzterer doch gerade in diesem Punkt eine ge¬ 
nügende Berichtigung unterdes bereits erfahren hatte *). 

Wenn wir so, bis zum Ende des 17. Jahrhunderts 
gelangt, das Facit ziehen, so ergibt sich, dass 

1. die am frühesten gewonnene Kenntnis der. 
Strömung des Schwarzen Meeres durch den Bos¬ 
porus ins Aegäische nie mehr verloren gegangen 
ist, sondern von allen Forschern als vorhanden an¬ 
erkannt wurde; 

2. dass, nachdem ursprünglich, ja bis ins 17. Jahr¬ 
hundert hinein, gerade die entgegengesetzte Auffassung 
geherrscht hatte, die Einströmung des Atlantischen 
Oceans durch die Gibraltarenge ins Mittelmeer erst 
allmählich an Boden gewann, aber gegen Ende des 
17. Jahrhunderts wohl auch als allgemein anerkannt 
bezeichnet werden darf; 

3. dass über die Strömungen in den dänischen 
Sunden noch um die genannte Zeit nichts allgemein 
feststand, wenngleich Augenzeugen sich energisch 
für eine solche aus der Ostsee in die Nordsee aus¬ 
gesprochen hatten; 

4. dass die, von Prokop von Cäsarea im 
6. Jahrhundert und von dem wohl auf ihm beruhen¬ 
den Petrus Gyllius im 16. Jahrhundert konsta¬ 
tierte, nach Norden gerichtete Unterströmung im 
Bosporus gänzlich dem Bewusstsein der Forscher 
entschwunden war. 

Wenn wir dann noch die Gründe zusammen¬ 
zufassen versuchen, welche nach Ansicht der genannten 
Autoren diese Oberflächenströme zu bewirken im 
stände waren, so finden wir folgende: 

1. Bedeutende, unablässige Ablagerung von Sink¬ 
stoffen, welche durch die zahlreichen grossen Ströme 
in Mäotis und Pontus geführt, das Wasser verdrängen 
und zum dauernden Abfluss zwingen, sogar für das 
Verhältnis des Mittelmeeres zum Atlantischen Ocean 
als möglich gedacht. Ueber das Altertum hinaus 
ist diese Begründung nicht weiter zu finden. Da¬ 
neben findet sich schon in derselben Zeit als Grund 
angegeben und hält darüber hinaus Bestand 

2. Die gewaltige Wasserzufuhr durch zahlreiche 
wasserreiche Flüsse, sowohl für den Bosporus, als 
für die dänischen Sunde; eine Zeitlang sogar für die 
Gibraltar-Enge fälschlich angenommen. 

3. Eine allgemeine Niveaudifferenz zwischen den 
offenen Oceanen und jenen verhältnismässig weit in 
die Kontinente eindringenden Mittelmeeren mit 
schmaler Verbindungsstrasse. Woher aber diese 
Niveaudifferenz stammt und wie dieselbe dauernd 
erhalten wird, hat der Hauptvertreter dieser An¬ 
schauung, Varenius, nicht aus einander gesetzt. 

(Fortsetzung folgt.) 

*) PhilippiCluverii introductio in omnem geographiam 
veterem aeque ac novam etc., neu ediert von Joh. Reiskius, 
WolfFenbuettelae 1694, p. 40, 46. 


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Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


490 

Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 

Von C. Ballod (Jena). 

(Fortsetzung.) 

Ausserdem ist Dynamit in Brasilien sehr teuer 
und schwer erhältlich, wie auch Kärger ausführt, der 
jedoch in der Billigung der altgewohnten Arbeits¬ 
methode der Kolonisten zu weit geht und meint, man 
könne getrost alles beim alten lassen, es gebe nichts zu 
reformieren *). Wenn Wohltmann sogar die Hand¬ 
lungsweise der Kolonisten, die die Stämme auf dem 
Standorte wo sie gefallen, verfaulen lassen, indem 
sie dadurch eine Humusanreicherung des Bodens zu 
erzielen hoffen, empfiehlt 2 ), so hat schon H. Semler 
darauf hingewiesen, dass ja dadurch die Schädlinge 
und das Unkraut ungemein begünstigt werden und 
den Kulturpflanzen zu viel Raum entzogen, auch 
das Einsetzen des Pfluges zu lange verzögert werde. 
Was aber die Anreicherung an Humus anlangt, so 
betont ja Wohltmann selbst wiederholt, dass in 
tropischen und subtropischen Gegenden mit reich¬ 
lichem Regenfall der nötige Stickstoff den Pflanzen 
aus der Atmosphäre geliefert werde und eine Düngung 
mit diesem Stoffe daher kaum nötig sei, ja, dass die 
Liebigsche Mineraldüngungstheorie für die Tropen 
volle Geltung habe 3 ). Jedenfalls ist es auf ebenem 
oder sanft geneigtem Terrain, wo also Pflugarbeit 
überhaupt möglich ist, irrationell, so lange zu warten, 
bis alle Stümpfe und Stämme verfault sind und in 
der Zwischenzeit mit der Hacke zu arbeiten. Da¬ 
durch wird nicht allein viel Arbeit verursacht, na¬ 
mentlich beim Behacken des Unkrautes, sondern ein 
solcher Boden gibt (abgesehen von der ersten Ernte) 
bedeutend geringere Erträge als ein gepflügtes Stück 
Land, weil'der Boden eben nicht genügend gelockert 
ist, die Luft in ihn nicht eindringen und zur Zer¬ 
setzung der mineralischen und Humusbestandteile 
beitragen kann. Eine Entfernung der Stubben und 
Stämme ist übrigens durchaus nicht so unausführ¬ 
bar wie oft angenommen wird, allerdings kann und 
braucht sie auch nicht gleich nach dem Waldschlagen 
zu geschehen, wie Semler es fordert, denn im ersten 
Jahre liefert die Rossa auch so eine gute Ernte, im 
folgenden Jahre kann dagegen schon ein guter Teil 
der Stuppen und Stämme, die nun bereits ziemlich 
ausgetrocknet sind, verbrannt werden. Allerdings 
wird man die Stubben nicht verbrennen können, 
wenn man dünne Reiser oder Zweige um sie an¬ 
häuft und anzündet, wohl aber dann, wenn man 
grössere Holzstücke an sie heranwälzt und in Brand 
setzt, wenn es gerade längere Zeit trockene Witte¬ 
rung gegeben hat. Wenn man dann das Feuer sorg¬ 
fältig anfacht und die halbverbrannten Holzstücke 
immer wieder an den Stumpf anhäuft, so wird man 
auch dicke Stümpfe ausbrennen oder eigentlich aus¬ 
glimmen sehen, wie Schreiber dieses es bei tüchtigen 

*) Kärger, Brasil. Wirtschaftsbilder, S. 40—44. 

2 ) Wohltmann, Tropische Agrikultur, I, S. 172. 

*) Ebenda, S. 232. 1 


Kolonisten in der Kolonie Gräo Para öfters beobachten 
konnte. Die Arbeit, die dabei nötig ist, wiegt doch 
kaum mehr, als wenn man an das Niederschlagen 
eines neuen Stückes Waldland gehen muss, weil das 
alte oft schon nach wenigen Jahren keinen lohnen¬ 
den Ertrag mehr geben will, das Jäten des Unkrautes 
immer schwieriger wird. Man kann auf die ange¬ 
führte Weise dagegen schon nach 3 —4 Jahren stubben¬ 
freies Land bekommen; wenn dann auch die Wurzeln 
den Pflug behindern, so verfaulen sie doch weit 
schneller, wenn der Boden zunächst auch nur ober¬ 
flächlich mit dem Pfluge gelockert wird. Ueberlässt 
man dagegen das Verfaulen der Witterung, so kann 
man je nach der Boden- und Waldbeschaffenheit 
oft 10—15 Jahre warten; besonders fette Thalgründe, 
in denen viele weiche Holzarten Vorkommen, geben 
zuweilen auch ohne Zuthun schon in 5—6 Jahren 
pflugbares Land. Die liegengebliebenen Stämme kann 
man, wenn man für sie keine Verwendung hat, 
leichter ausbrennen oder ausglimmen lassen als die 
Stubben, nur manche Holzarten, wie die Canellas, 
brennen ziemlich schwer. 

Einer der wichtigsten Punkte bei der Urbar¬ 
machung ist die Beschaffenheit des Geländes. Ist 
dasselbe zu steil und zerrissen, um es überhaupt 
einst pflügen zu können, dann ist es auch eine 
höchst überflüssige Mühe, noch die Stubben aus¬ 
roden zu wollen. In der Mitte von Santa Catharina in 
den Kolonien Brusque, Theresiopolis, Izabel, Säo Pedro 
d’Alcantara, grösstenteils auch in Blumenau und Gräo 
Para wird sicher über die Hälfte von allem Lande 
für Pflugkultur überhaupt zu steil sein, auch von 
dem übrigen Lande wird sich ein grosser Teil nur 
mühsam mit dem Wendepflug bearbeiten lassen und 
nur 74 —Vö aller Ländereien wird sich bequem pflug¬ 
bar machen lassen. Günstiger sind die Verhältnisse 
in Donna Francisca, am günstigsten im Süden in 
den Kolonien Urussanga, Cressiuma, Nova Venezia, 
überhaupt der ganzen Araranguagegend, da kann, 
abgesehen von den Sumpfstrecken, die indessen auch 
zum Teil zu entwässern sind, fast alles Land oder 
doch 80“90 °/o pflugbar gemacht werden. Die 
ebenen und sanft geneigten Stellen sind jedoch, ab¬ 
gesehen von den Alluvialböden der Flüsse, in der 
Regel weniger fruchtbar als die steilen Hänge, da 
die letzteren meist aus Urgesteinen und deren Ver¬ 
witterungsprodukten bestehen, die ebenen Stellen da¬ 
gegen gewöhnlich ältere Sedimentbildungen vor¬ 
stellen, wodurch denn auch in den meisten Kolonien 
gerade die steilen Berghänge mit Vorliebe bearbeitet 
werden. Bei den heftigen Regengüssen wird dann 
aller Fruchtboden bald thalwärts geschwemmt und 
die Hänge verarmen schnell. Die Brasilianer bear¬ 
beiten übrigens öfters lieber steile Berge als fette 
Flussauen, weil das Unkraut auf ihnen nicht so 
üppig wuchert wie in den Thalsohlen, wo es, so¬ 
lange sie noch nicht gepflügt werden können, sehr 
schwierig zu bekämpfen ist. Die ersten Ernten 
pflegen ja auch auf Bergland kaum geringer zu sein 


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Der Staat Santa Catharina in Sudbrasilien. 


491 


als in den Flussauen, daher es der Brasilianer öfters 
vorzieht, frischen Urwald zu schlagen, als abgewirt¬ 
schaftetes oder in Unkraut ersticktes Land mühsam 
zu bearbeiten und zu jäten. Bei der jetzt herrschen¬ 
den Bodenbenutzungsart wird ein Stück Land so 
lange bebaut, als es lohnenden Ertrag gibt; ist das 
nicht mehr der Fall, bei Bergland gewöhnlich nach 
3—12, höchstens 20 Jahren, wenn der Boden be¬ 
sonders fruchtbar ist, so wird es 3—5 Jahre liegen 
gelassen; es bedeckt sich dann mit einer Busch¬ 
vegetation, der Capoeira, die schnell emporschiesst, 
in dem genannten Zeitraum 3—5 m Höhe erreicht 
und aus wertlosem, weichem Holz besteht. Dieses wird 
dann abgehauen und verbrannt , darauf dem Boden 
noch einige Ernten abgenommen, dann aber ist der¬ 
selbe auch für längere Zeiträume untauglich zur Her¬ 
vorbringung von Kulturpflanzen. An der Küste und 
auf der Insel Santa Catharina sieht man fast nur 
ausgebautes, mit einer schwächlichen Capoeira be¬ 
decktes Land, die jedoch nicht mehr dicht steht wie 
die erste Capoeira, sondern sehr licht, auch wird 
der Boden nicht mehr hinreichend beschattet, wo¬ 
durch er dann viel leichter austrocknet und die 
Ameisen ergreifen von ihm Besitz, so dass, selbst 
wo man durch starke Düngung solch einen Boden 
wieder ertragfähig machen wollte, dies doch der 
Ameisen wegen sehr schwierig ist. Auch eine Be¬ 
waldung mit nützlichen Holzarten dürfte der Nähr¬ 
stoffarmut des Bodens wegen nicht angehen; ist der 
Boden erst durch langes Brachliegen hinreichend 
gekräftigt, so stellt sich bei dem gleichmässig ver¬ 
teilten Regenfall von selbst wieder eine kräftigere 
Vegetation ein. — An der Küste, wo die Brasilianer 
des Fischfanges wegen dicht ansässig sind, wird 
jedoch auch die armseligste Capoeira immer wieder 
niedergehauen, um dem Boden noch dürftige Mandioca- 
ernten zu entnehmen, bis zuletzt nur noch genüg¬ 
same Disteln und höchstens verkrüppelte, myrten¬ 
ähnliche Sträucher fortkommen. Dieses Ausbauen 
und Liegenlassen des Bodens wird jedenfalls so lange 
fortgesetzt werden, als es noch Wald im Küsten¬ 
gebiet geben wird — dauernd für die Kultur ge¬ 
wonnen ist vorläufig nur das weniger steile Gelände, 
das gepflügt und gedüngt werden kann — zunächst 
indessen wohl nur die fetten Flussauen, die, wenn 
auch ausgebaut, doch leichter wieder ertragfähig zu 
machen sind. Das steilere, bergige Gelände wird 
dagegen, nachdem es ausgebaut ist, wieder verlassen 
und zur jämmerlichen Capoeira-Wildnis werden, wie 
man es bereits vielfach in älteren Kolonien sieht. 
Vielleicht, dass dann einst wieder eine betriebsamere 
Bevölkerung durch die Not gedrängt, es unternimmt, 
die steilen Berglehnen zu terrassieren, dem Boden 
reichliche Mengen an mineralischen Dungstoffen zu¬ 
zuführen, um ihn wieder kulturfähig zu machen, 
die Schädlinge (Ameisen u. s. w.) zu bekämpfen — 
günstig für eine derartige sorgfältige Kultivierung 
würden die gleichmässig verteilten Niederschläge 
wirken. 


Die Kulturgewächse. 

Als erste Frucht pflegt man in einer frisch ge¬ 
brannten Rossa Mais zu pflanzen; man stösst dabei 
mit einem Stock in je einem Schritte Abstand ein 
Loch in den Boden, wirft darauf einige Maiskörner 
hinein und scharrt sie mit dem Fusse zu. Da es 
im Walde kein Gras gibt, so müssen neue An¬ 
siedler auch dieses erst pflanzen, es werden dabei 
zwischen dem Mais aus einer bestehenden Weide 
ausgegrabene Wurzelbüsche der sogenannten Gramma, 
einer breitblätterigen Queckenart, gepflanzt. 

Wenn der Mais reif geworden und abgenommen 
ist, hat diese Grasart den Boden bereits überzogen, 
so dass man bald Vieh darauf lassen kann. Es 
dauert also unter den günstigsten Umständen 6—8 
Monate, mitunter aber 1 ^2 Jahre, ehe ein Kolonist 
im Urwalde sich Rindvieh anschaffen kann. Diese 
Gramma ist im Winter sehr niedrig, sie überzieht 
dann kaum den Boden, liefert also wenig Futter 
und verfriert dabei sehr leicht, im Sommer ist sie 
bis zu x / 2 m hoch. Sehr nahrhaft ist sie jedenfalls 
nicht, worauf schon die geringe Milchergiebigkeit 
der Kolonistenkühe hinweist. Dieselben geben im 
Durchschnitt kaum 3 —4 1 täglich Milch, obgleich 
sie gewöhnlich noch Zufutter bekommen, auch soll 
in manchen Kolonien, z. B. Blumenau, die Rinder¬ 
rasse durch eingeführte holländische Bullen verbessert 
worden sein. In dem in der Landwirtschaft bedeu¬ 
tend weiter fortgeschrittenen Säo Paulo, wird, wie 
auch Kärger bemerkt 1 ), diese Gramma larga von 
allen Grasarten am niedrigsten geschätzt, viel höher 
dagegen andere Grasarten mit feineren, schmalen 
Blättern. In Santa Catharina sind diese unbekannt, 
nur der Capim, ebenfalls eine sehr üppig wuchernde 
Quecke, die jedoch feuchten, fruchtbaren Boden ver¬ 
langt, wird gerne angepflanzt, da sie von dem Vieh 
der Gramma vorgezogen wird, auch wohl nahrhafter 
ist. Dass Luzerne und Kleearten nicht gut fort¬ 
kommen, sondern vom Unkraut erstickt werden, 
liegt wohl nicht allein an der Kalkarmut des Bodens 2 ), 
sondern wohl auch an dem Mangel an Kali und 
Phosphorsäure im Boden, auf gutem Boden soll 
wenigstens in Rio Grande do Sul Klee sehr gut 
fortkommen. Wenn Stutzer angibt, 2 Morgen 
( 1 'j2 ha), mit Gramma bepflanzt, genügen vollkommen 
für eine Kuh, 1 */* Morgen für ein Pferd, so dürfte 
das nur für fruchtbare Ländereien, vorzugsweise 
Auengelände Geltung haben, übrigens ist das durchaus 
nicht sehr hoch, und es spricht nicht so sehr für die von 
Stutzer gerühmte Nahrhaftigkeit der Gramma, wenn 
man damit die norddeutschen und holländischen 
Marschweiden und -Wiesen vergleicht und die Milch¬ 
ergiebigkeit der Kühe in Südbrasilien und anderer¬ 
seits die in Norddeutschland und Holland in Be¬ 
tracht zieht. 

Die ersten Hütten der Ansiedler und überhaupt 


*) Kärger, Brasil. Wirtschaftsskizzen, S. 390. 
a ) Kärger, Brasil. Wirtschaftsbilder, S. 126. 


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492 


Der Staat Santa Catharina in Stidbrasilien. 


auch der ärmeren Brasilianer werden hergestellt, in¬ 
dem man sechs beschlagene Baumstämme als Eck¬ 
pfosten in die Erde gräbt, sie durch kreuzweise ge¬ 
legte Palmitenlatten verbindet, die mit Cipos an¬ 
gebunden werden, darauf die Zwischenräume der 
Latten mit Lehm verschmiert; das Dach wird mit 
den Blättern einer kleinen Palmitenart, der Uricanna 
gedeckt. So eine Hütte sieht freilich nicht sehr an¬ 
mutig aus, indessen kann man ihr durch Aufträgen 
einer Kalkschicht von innen und aussen ein mehr 
anheimelndes Aussehen geben, in den kleineren brasi¬ 
lianischen Städten findet man vielfach nur solche 
Häuser, die, wenn sauber gearbeitet, gedielt und 
mit Dachziegeln gedeckt von gemauerten Häusern 
kaum zu unterscheiden sind. 

Mais wird in Santa Catharina vom August bis 
zum November gepflanzt, eine Varietät, die übrigens 
geringe Erträge gibt, kann sogar noch bis Anfang 
Januar gepflanzt werden; die gewöhnliche Pflanz¬ 
zeit ist aber der September und Oktober; gewöhn¬ 
lich pflanzt man unmittelbar nach der Maisernte im 
Februar noch Bohnen auf dasselbe Feld. Die schwarzen 
Bohnen können zweimal im Jahre gepflanzt werden, 
im Oktober und im Februar, sie bedürfen nur eines 
dreimonatlichen Wachstums, während der Mais eine 
4—5 monatliche Vegetationsperiode hat. Ueber die 
Erträge begegnet man fast in allen Büchern Angaben, 
die geeignet sind, die übertriebensten Vorstellungen 
zu erwecken. Es heisst gewöhnlich: der Mais gibt 
in Südbrasilien das ioo—300fache, schwarze Bohnen 
50—100fache Erträge; damit soll die ausserordent¬ 
liche Fruchtbarkeit des Bodens erwiesen werden; 
fast niemand fällt es dabei ein, die Aussaat pro ge¬ 
gebene Fläche anzugeben und damit die Erntemengen 
zu vergleichen, wodurch man doch allein im stände 
ist, ein richtiges Urteil über die Ertragfähigkeit eines 
Bodens zu fällen. Und doch besteht in Brasilien 
schon seit langer Zeit ein Flächenmaass, die Alqueire, 
welches die Fläche bedeutet, auf der eine Alqueire 
(40 1 , früher 36 1 ) Mais oder Bohnen ausge¬ 
pflanzt werden; diese Fläche wird in Säo Paulo 
zu jooo Quadrat - Brassen (= 2,4 ha) ange¬ 
nommen; ein hundertfältiger Ertrag, wie man ihn 
in Donna Francisca erzielt, bedeutet also bloss 
eine Ernte von kaum 16 hl pro ha, ein der Nähr¬ 
stoffarmut des dortigen Bodens entsprechender ge¬ 
ringer Ertrag. H. v. Ihering *) gibt für Rio Grande 
do Sul sogar nur eine Aussaat von 8—12 1 pro ha 
und 160 faltige Durchschnittserträge an, gleich 12,8 bis 
19,2 hl pro ha! Stutzer 2 ) gibt für Blumenau 
iSofältige Durchschnittserträge (28,8 hl pro ha) an 
Mais und 48 - 80 fähige an Bohnen an, doch dürfte 
dies nur für die Auengelände oder aus Urgesteinen 
verwitterten Boden in den ersten Jahren stimmen. 
Auf dem fetten Alluviallande am unteren Tubaräo 


! ) I)r. H. v. Ihering, Rio Grande do Sul, Gera 1885, 
S. 120. 

2 ) G. Stutzer, Das Itajahythal, Goslar 1887, S. 50. 


und Araranguä wurden gewöhnlich 200 faltige Er¬ 
träge (32 hl pro ha) an Mais erzielt, trotzdem der 
Boden keine andere Düngung als das untergepflügte 
Unkraut erhalten hatte und dabei seit vierzig und 
mehr Jahren in Kultur war; ausnahmsweise wurde 
mir sogar von einem Ertrage von 80 hl pro ha auf 
frischer Urwaldrossa am Tubaräo erzählt. In den 
Kolonien Azambuja und Gräo Para gehen die Durch¬ 
schnittserträge kaum über das 100—ijofache hinaus. 

Von den europäischen Getreidearten, die in 
Santa Catharina nur auf dem Hochlande fortkommen, 
wird in Säo Bento und nördlicher um Curityba in 
Parana fast nur Roggen gebaut*). Die Erträge sind 
im allgemeinen 12—15-, höchstens 2ofache; bloss von 
einem Landwirt, der stark düngte (55 Fuder Dünger 
auf eine Alqueire Land), berichtet Kärger (Brasil. 
Wirtschaftsbilder, S. 265), dass er 25 —4ofältige Er¬ 
träge erzielte, wobei er 4—5 Alqueiren (ä 40 1 ) 
pro Alqueire Land ausgesäet hatte, also 16—32 hl 
pro ha erntete; während die anderen Kolonisten, die 
doch ebenfalls düngen, wenn auch weniger stark, 
bloss 8 —12 hl pro ha erzielten. Weizen kommt 
in dem schwarzen Moorboden des Hochlandes wegen 
Nährstoffarmut überhaupt nicht fort, oder wird doch 
sehr stark von Rost befallen [was ja übrigens auch 
in europäischen Moorböden vorkommt]. Versuche, 
die in Parana mit dem Weizenbau gemacht sind, 
haben immer fehlgeschlagen, zuletzt noch ein Ver¬ 
such im Jahre 1886 seitens des damaligen Provinz¬ 
präsidenten Taunay, der beträchtliche Mengen Saat¬ 
weizen von verschiedenen Sorten unter die Kolo¬ 
nisten und Landwirte verteilen liess. Auf den mehr 
lehmigen Campos von Lages in Santa Catharina soll 
der Weizen fortkommen, die an das Hochland an- 
stossenden, hochgelegenen Kolonien Conde d’Eu, 
Izabel, Caxias in Rio Grande do Sul bauen ziemlich 
viel Weizen, nach Soyaux 2 ) mit 35fältigen Erträgen. 
Wenn Sellin gar von i2ofältigen Weizenerträgen a ) 
auf den Campos des Camacuam in Rio Grande be¬ 
richtet, wo zu Anfang dieses Jahrhunderts Weizen 
gebaut wurde, so muss man sich wieder vergegen¬ 
wärtigen, dass der Weizen daselbst 4—8mal weniger 
dicht als im Norden gesäet oder vielmehr gepflanzt 
werden muss, da er sonst zu dicht aufschiessen und 
nur Stroh geben würde. Dass der Weizenbau auf 
diesen Campos des Camacuam aufgegeben werden 
musste, weil häufig Rost auftrat, ist wohl ein Be¬ 
weis für die schnelle Erschöpfung des Bodens. Im 
Küstenlande von Santa Catharina pflanzen die italieni¬ 
schen Kolonisten von Azambuja und Urussanga all¬ 
jährlich etwas Weizen, allein er gerät nur alle 
3—4 Jahre einmal, wenn die Witterung gerade ver¬ 
hältnismässig trocken gewesen ist. 


*) Die Qualität steigt, wie selbst der sonst so optimistische 
Hr. v. Hundt (Santa Catharina, S. 49) zugibt, selten über 
deutsches Vogelfutter. 

2 ) Deutsche Kolonialzeitung 1887, S. 182. 

8 ) Sellin, Das Kaiserreich Brasilien, Leipzig 1885, T. II, 
S. 186. 


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Geographische Mitteilungen. 


493 


Brot wird im Küstenlande gewöhnlich aus Mais¬ 
mehl bereitet, da das importierte Weizenmehl den 
Kolonisten zu teuer ist und hauptsächlich nur in 
den Städten abgesetzt wird. Das Maisbrot ist sehr 
trocken und wird leicht hart; um es schmackhafter 
und weicher zu machen, versetzt man es mit der 
Karawurzel. Die italienischen Kolonisten bereiten 
jedoch aus Mais nur ihre gewohnte Polenta und 
die Brasilianer kommen mit dem Mandiocamehl aus. 
Sonst wird Mais vielfach als Viehfutter, namentlich 
zur Mästung der Schweine, des Geflügels verwandt, 
da er sich auf diese Weise besser bezahlt macht, 
als wenn man ihn direkt verkaufte, wobei öfters an 
eine Ausfuhr, der schlechten Wegbeschaffenheit und 
hohen Transportkosten wegen kaum zu denken ist; 
Speck und Schmalz verträgt dagegen erheblich höhere 
Transportkosten. Die in Santa Catharina gezogenen 
Schweinearten sind: i. die Macao-Schweine chinesi¬ 
scher Abstammung, die sehr fett und leicht zu mästen 
sind, aber keinen guten Speck und sehr wenig Fleisch 
enthalten, 2. die sogenannten ungarischen Schweine, 
die sich schlecht mästen, aber ein besseres Fleisch 
besitzen. Zur Zucht wird gewöhnlich eine Kreuzungs- 
Rasse von den beiden erstgenannten gehalten, doch 
nennt Kärger auch diese Kreuzungsrasse, wenig¬ 
stens in Donna Francisca, infolge fortdauernder In¬ 
zucht degeneriertes Gesindel, wenigstens im Verhält¬ 
nis zu den durch Kreuzung mit englischen Schweinen 
erzielten Schweinerassen in Säo Paulo. Da Mais¬ 
fütterung allein zu kostspielig wäre, so wird zu 
Futterzwecken die Mandiocawurzel [Manihot utilissima 
Pohl] angebaut. Sie ist zweijährig, kann jedoch auf 
gutem Boden schon nach einem Jahre benutzt wer¬ 
den. Da sie einen stark giftigen Saft enthält, der 
jedoch nach neueren Untersuchungen nicht, wie ge¬ 
wöhnlich angegeben wird, Blausäure enthalten soll : ), 
so muss das Vieh, sowohl Rinder wie Schweine, 
durch progressiv gesteigerte Gaben an sie gewöhnt 
werden. Es wird zwar auch eine einjährige, sogenannte 
zahme Mandiocaart (Manihot Aipi Pohl), die nicht 
giftig ist, angebaut, allein sie gibt bedeutend ge¬ 
ringere Erträge als die giftige Art und wird daher 
vorzugsweise nur als Nahrungsmittel für Menschen 
benutzt, statt der Kartoffeln, die namentlich in leh¬ 
migem Boden nicht sehr gut fortkommen. Ihr Ge¬ 
schmack, sowie jener der ebenfalls als Kartoffelsur¬ 
rogat benutzten süssen Bataten erinnert gekocht an 
gefrorene Kartoffeln. (Schluss folgt.) 


Geographische Mitteilungen. 

(Das Sinken des Wasserspiegels im Salzigen 
See bei Eisleben.) Seit Beginn dieses Jahres hat sich 
der Wasserspiegel des Salzigen Sees bei Eisleben fort¬ 
dauernd gesenkt. Die Abnahme des Wassers erfolgte 
zunächst bis etwa zum 7. Mai in langsamem Tempo, 
ging aber dann erheblich schneller vor sich, so dass an 
einzelnen Tagen der Spiegel sich um mehr denn 2 cm 


*) Export 1887, S. 112. 


erniedrigte. Anfang Juli trat endlich wieder nahezu Still¬ 
stand ein. Der Gesamtbetrag der Senkung beläuft sich 
auf 75 cm, was einen Wasserverlust von 6300000 cbm 
repräsentiert. 

Dieses Sinken des Wasserspiegels im Salzigen See 
ist eine um so auffallendere Erscheinung, als gerade 
dieser See sich durch die Permanenz seines Niveaus 
auszeichnete. Nur ganz unwesentliche Veränderungen 
sind aus früheren Zeiten bekannt. 

Auch in horizontaler Ausdehnung hat der See eine 
erhebliche Verkleinerung erfahren. Besonders ist auf 
der Südseite, wo der Untergrund nur sehr sanft geneigt 
war, ein bedeutender Streifen alten Seebodens trocken 
geworden. Während hier das Wasser stellenweise um 
60—70 m zurückgetreten ist, beträgt allerdings an anderen 
Stellen, wie z. B. am Nordufer und am Bindersee, die 
horizontale Abnahme vielfach noch nicht 10 m. Im 
ganzen kann man die Verkleinerung der Seefläche auf 
0,7—0,8 qkm schätzen. 

Um die Ursache dieser plötzlichen Abnahme des 
Sees festzustellen, sind eine Reihe von Untersuchungen 
ausgeführt worden, über deren Ergebnis nachstehend 
kurz berichtet werden soll. 

Zunächst wurde die Menge des oberflächlichen Zu¬ 
flusses bestimmt. Es zeigte sich, dass nur die Weida, 
ein von Süden kommender Bach, in der Wasserführung 
noch unverändert geblieben war, dass dagegen alle 
anderen Zuflüsse, wie z. B. der Abfluss vom Süssen See, 
schon seit Jahren erheblich abgenommen hatten, zum 
Teile sogar ganz versiegt waren. 

Weiter erstreckte sich die Untersuchung auf eine 
Prüfung des Untergrundes. Das Seebecken besass nach 
früheren Lotungen zwei trichterförmige Vertiefungen, 
die durch Einstürze entstanden sein mussten. Die neuen 
Lotungen ergaben nun, dass in der That die eine dieser 
Senkungen, die sogenannte »Teufe«, eine Vertiefung 
um 24 m erfahren hatte. Statt 18 m maass die Tiefe 
nach den Messungen vom 28. Juni 42 m. Seit Anfang 
Juli, wo das Wasser nahezu wieder zum Stillstand ge¬ 
kommen ist, hat die Tiefe sich wahrscheinlich durch 
Zuschlämmen wieder vermindert. Am 12. Juli wurden 
nur noch 34 m gelotet. 

Die Verminderung des oberflächlichen Zuflusses und 
die durch den Einsturz in der Teufe bewirkte Erweite¬ 
rung des Beckens vermögen jedoch die gewaltige Ab¬ 
nahme des Sees nicht hinreichend zu erklären. Man 
muss daher unbedingt die Ursache derselben in unter¬ 
irdischen Vorgängen suchen. Verschiedene Umstände 
deuten zunächst darauf hin, dass dem See auch seine 
unterirdischen Zuflüsse entzogen sind. Seit Jahren ver¬ 
siegen in sämtlichen Ortschaften am See die Brunnen, 
und gleichzeitig nimmt der Salzgehalt des Seewassers 
ab. Von 0,153 °/o im. Jahre 1887 ist derselbe auf o,ii8°/o 
in diesem Jahre zurückgegangen. Auch das Wasser des 
Süssen Sees hat an dieser Versüssung teilgenommen. 
Indes auch der Betrag dieser unterirdischen Wasser¬ 
entziehung kann keinesfalls dem gesamten Wasserverlust 
von 6300000 cbm gleichkommen. Wir sind daher ge¬ 
zwungen, als Ursache der Katastrophe eine Absickerung 
des Wassers in die Tiefe anzunehmen. Dass hier wäh¬ 
rend der letzten Jahre gewaltige Veränderungen im 
Boden vor sich gegangen sind, beweist einmal das 
schnelle Versiegen der Brunnen, sodann aber auch das 
Eintreten zahlreicher Erdfälle in der Seeumgebung, wie 
im See selbst. Der Vorgang erklärt sich auf Grund 


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494 


Litteratur. 


dieser Thatsachen wohl am einfachsten dahin, dass hier 
dem Boden auf irgend eine Weise — wahrscheinlich 
durch den Mansfelder Bergbau — das Wasser entzogen 
ist, und dass nun das Wasser des Sees in die unter¬ 
irdischen Hohlräume absickert. Dass das Sinken des 
Seespiegels in Beziehung zum Mansfelder Bergbau steht, 
geht deutlich daraus hervor, dass gleichzeitig einige 
Schächte bei Eisleben ersoffen sind. Man hat sogar 
vielfach an einen direkten Durchbruch des Sees geglaubt. 
Allein ein solcher ist sehr unwahrscheinlich wegen des 
hohen Salzgehaltes des Schachtwassers (über 13 °/o), 
wegen des Fehlens organischer Spuren in diesem, wegen 
der Art des Eintretens der Katastrophe und endlich 
wegen der Gleichmässigkeit, mit welcher sich das Sinken 
des Seespiegels vollzogen hat. (Mitteilung von Dr. Ule 
in Halle a. d. S.) 

(Die Hungersnot inAbessynien.) Die Römische 
Geographische Gesellschaft erhielt und veröffentlichte 
vor kurzem Briefe von ihrem Agenten in Aethiopien, 
Dr. Leopoldo Traversi, dem Vorstande der italieni¬ 
schen Station Let-Marefiain Schoa. Das Interessanteste 
in denselben sind Einzelheiten über die furchtbare Hungers¬ 
not, die auf die vor zwei Jahren aufgetretene Rinderpest 
gefolgt ist und welche nunmehr die Galla-Länder, Schoa, 
Harar und das Danakil-Land ergriff, einen schauerlichen 
Gast im Gefolge habend: die asiatische Cholera. Die 
Ursache der Hungersnot in Abessynien, Schoa und den 
Galla-Gebieten war die schwache Ernte der Durra, 
welche knapp vor dem Schnitt durch Regenfall und 
Nebel gelitten hatte, so dass die Hälfte der Fechsung 
verloren ging. Was das bedeutet in einem Lande ohne 
Nutz- und Zugvieh, vermögen nur Kenner afrikanischer 
Verhältnisse zu ermessen. Dazu kam, dass die üblichen 
Beutezüge (Zemetscha) nach Norden und Osten wegen 
der italienischen Okkupation und der mahdistischen Be¬ 
wegung eingestellt werden mussten, d. h., ausser wenn 
sie gegen Südosten in das Harar-Gebiet geführt wurden, 
keinen Ertrag abwarfen und so von selbst unterblieben, 
als auch Harar und die Galla-Gebiete ruiniert waren. 
Noch vor drei bis vier Jahren kosteten über 2 hl Körner¬ 
frucht 1 Maria-Theresia-Thaler; heute kostet 1 hi Or- 
seille 4 — 5 Thaler und 1 hl Tieff (Toa abissinica) 
10—11 Thaler. Ein Paar Hühner kostet gegenwärtig 
so viel wie ehemals ein Rind. Ehemals bekam man 
für 1 Thaler 9 Salze (Amulie), heute 2 —2 1 / z . Die 
Soldaten starben wie die Fliegen dahin. »Ad ogni passo, 
sotto un muncchio dicenci un mortuo, o un moribundo«, 
so, schreibt Traversi, sah es auf den früher so be¬ 
liebten, ja schwelgerischen Zemetscha aus. Den Sklaven 
und Gabarr (Frohn-Bauern) gab man nur halbe Kost¬ 
rationen bei schwerster Arbeit, und sie wurden eine 
Beute der Hyänen und Leoparden, wofern sie sich einzeln 
zeigten, sie, die es als letztes Hilfsmittel noch versucht 
hatten, sich auf die volkreichen Centren zu werfen, um 
zu rauben und so das Leben zu fristen. Sie starben 
massenhaft dahin; »e dico giustamente morivano«, fügt 
Traversi bei, »perche oggi non e rimasto che chi ha 
qualche cosa.« Skelettreihen bezeichnen die Wege nach 
dem Galla-Lande, so wie die Leute eben unterwegs 
vom Hungertode dahingerafit wurden, wenn sie in der 
Hoffnung, Nahrung zu finden, ihre Behausungen ver- 
liessen. Die Leichen beerdigte man nicht, und so konnten 
das Geschäft der Bergung derselben die sich in schreck¬ 
licher Weise mehrenden Raubtiere auf grause Art be¬ 
sorgen. Bei den Itu-Galla schlachtete man die Kinder, 


die Danakil von Aussa lebten von Gras und Wurzeln. 
Schliesslich machte man auf die früher so sehr ver¬ 
schmähten wilden Bestien Jagd, freilich ohne sonder¬ 
lichen Erfolg. »Insomma sono scene,« schreibt Tra¬ 
versi, »che a descriverle non basterebbero i colori piü 
vivaci e chi ebbe la triste Sorte di assistervi, non potra 
piü dimenticarle.« (Mitteilung von Prof. Paulitschke 
in Wien.) 


Litteratur. 

Das marokkanische Atlasgebirge. Von P. Schnell. 

Ergänzungsheft 103 zu Petermanns Mitteilungen. Gotha, 

1892. 119 S. gr. 8°. Mit Karte. 

Der üohe Atlas. Von G. Wich mann. Marburg, 1892. 

96 S. 8°. Mit Kartenskizze. 

Die Erforschung des marokkanischen Atlas hat in der letzten 
Zeit so bedeutende Fortschritte gemacht, dass eine zusammen¬ 
fassende Bearbeitung alles Beobachtungsstoffes zu einem klaren 
Gesamtbilde des Gebirges mehr und mehr möglich und wünschens¬ 
wert erschien. Der Berichterstatter hatte schon vor einer Reihe 
von Jahren einen seiner Zuhörer auf diese Aufgabe hingewiesen 
und bei dieser Gelegenheit festgestellt, dass auch Prof. H. Wagner 
in Göttingen, recht bezeichnend, das Gleiche gethan hatte. Wäh¬ 
rend aber Herr Schnell, jener Schüler H. Wagners, dem 
er auch seine Arbeit gewidmet hat, seine Aufgabe wohl nahezu 
acht Jahre mit unermüdlichem Fleisse verfolgt hat, wagte sich 
erst ein zweiter meiner Zuhörer, Herr G. Wichmann, ernst¬ 
lich an dieselbe. Seine Arbeit erschien einige Monate vor der¬ 
jenigen Sehne 11 s; in überaus dankenswerter Weise hat der 
Verein für Erdkunde zu Metz die Drucklegung derselben, zu. 
nächst für seine eigene Zeitschrift, übernommen. Dieselbe ist 
also nicht wie die von Schnell das Ergebnis vieljähriger Stu¬ 
dien, sondern entspricht in Bezug auf darauf verwendete Zeit 
und Kraft nur dem, was man billig von einer Doktordissertation 
fordern kann. Sie eingehend zu beurteilen, kann auch nicht 
meine Aufgabe sein, nur das soll als besonders wichtig hervor¬ 
gehoben werden, dass beide Forscher in Bezug auf ihre Ein¬ 
teilung des marokkanischen Atlas zu nahezu den gleichen Er¬ 
gebnissen gelangen. Schnell unterscheidet vier selbständige 
Glieder: I. den hohen Atlas, 2. den mittleren Atlas, 3. den Anti- 
Atlas und 4. den Dj-Bani; Wichmann, der das ganze Gebirge, 
abgesehen von den Rif ketten, die auch Schnell, die Bezeich¬ 
nung marokkanisches Atlasgebirge somit in beschränktem Sinne 
benutzend, von der Betrachtung ausschliesst, hohen Atlas, als 
einen Teil des Atlas-Hochlandes, nennt, unterscheidet Dj-Bani, 
Anti-Atlas, centralen Hochatlas und nördlichen Hochatlas, letz¬ 
terer also S c h n e 11 s (und de Foucaulds) mittlerer Atlas. 

Als einen Vorzug der Wi chm annsehen Arbeit möchten 
wir die klaren, zusammenfassenden Ueberblicke und Charakte¬ 
ristiken bezeichnen, welche Schnell etwas vermissen lässt, bei 
dem andererseits der ausserordentliche Fleiss und die Sorgfalt 
im Aufsuchen und Verwerten der Quellen hervorzuheben ist. 
Man wird oft an das Rittersche Zeugenverhör erinnert. 
Schnell bringt viel mehr Stoff und Einzelheiten wie Wich- 
m a n n und will mehr bringen. Er zieht auch die Ebenen von 
Marokko nordwestlich vom Gebirge gegen den Ocean hin in 
den Bereich seiner Betrachtung, wie auch seine Karte ganz Ma¬ 
rokko darstellt. Wichmann will sich von vornherein be¬ 
scheiden und entwirft nur die grossen Züge. Schnell widmet 
allein der Litteratur und der Erforschungsgeschichte 19 Seiten, 
Wichmann sechs. 

Dr. Schnell gibt zunächst einen kurzen Ueberblick über 
die Oberflächengestaltung Klein-Afrikas, eine Bezeichnung, deren 
er sich allerdings nicht bedient, die aber, unseres Wissens zuerst 
von Carl Ritter gebraucht, recht zu empfehlen ist und all¬ 
gemein eingeführt werden sollte. Er gliedert das Atlas-System 
in die marokkanischen Ketten, das Plateau der Schotts und Shachs 
und das Sahel oder Littoral. Nach dem heutigen Standpunkte 
unserer Kenntnis der orographischen Gliederung und des inneren 
Baues von Klein-Afrika scheint uns diese Einteilung die einzig 


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Litteratur. 


495 


richtige zu sein, nur möchte es sich empfehlen, dafür passendere 
Namen einzuführen. Für marokkanische Ketten schlagen wir 
vor den Namen Hoher Atlas, weil das marokkanische Rtf- 
gebirge doch auch aus marokkanischen Ketten besteht und Ketten¬ 
bildung auch in Algerien vorkommt, während die Vorstellung 
grosser Höhe von alters her an dem grossen, vom Verfasser ein¬ 
gehend betrachteten System von Parallelketten haftet, deren 
höchste Punkte auch diejenigen Algeriens um etwa das Doppelte 
übertreffen. Das Plateau der Schotts und Shachs nennen wir 
das Atlas-Hochland, einmal um den Namen Atlas festzu¬ 
halten, denn die Vertiefung unserer Kenntnis wird wohl immer 
engere orographische und genetische Beziehungen zwischen diesen 
beiden Gliedern vorausstellen, dann um, wie schon Ferd. v. Rieht- 
hofen empfohlen hat, den Ausdruck Plateau ganz zu beseitigen, 
zumal derselbe geologisch hier auch ganz unpassend ist. Studieren 
wir doch unseren »Richthofen« etwas mehr; gerade hier liegt 
ein Fall vor, für den die Bezeichnung Plateau nicht angewendet 
werden darf. Hochland ist eben hier nach Richthofens Be¬ 
griffsbestimmung und den durch Selbstsehen des Berichterstatters 
gewonnenen Vorstellungen die einzig anwendbare Bezeichnung. 
Dass die Franzosen gewöhnlich schlechthin von den Hauts-Plateaux 
im Gegensätze zum Teil sprechen, ist dafür nicht entscheidend. 
Die flachen Salzpfannen des Hochlandes werden im Westen 
Schott, im Osten Sebcha genannt, wohl auch Garaa. Man sagt 
z. B. ebenso oft Garaa et Tarf und Sebcha et Tarf. Der Unter¬ 
schied zwischen Schott und Sebcha ist ein verschwindender, rich¬ 
tiger handelt es sich überhaupt wohl nur um örtliche Bezeich¬ 
nungen für ein und dieselbe Erscheinung. Beide Ausdrücke zu 
benutzen ist also unpassend, wenn schon, so sollte man sie 
wenigstens beide in die Mehrzahl setzen, also Schtut und Sbach. 
Aber auch die Bezeichnung Hochland der Schotts ist nicht 
zu empfehlen, da die Schotts der südatlantischen Depression weit 
bekannter sind und demnach leicht Verwechselungen eintreten 
können. Noch weniger passend sind die überdies ganz unnötigen 
Fremdausdrücke, an denen bei Schnell überhaupt kein Mangel 
ist, Saliel oder Littoral, namentlich wenn der Verfasser, wie es 
scheint, nur die gebirgigen Teile damit bezeichnen will. Sahel 
ist jedes Küstenland, ganz gleich, ob eben oder hügelig. Unter 
dem Sahel von Algier versteht man die zunächst westlich von 
Algier gelegenen Hügellandschaften und unter dem tunesischen 
Sahel das fast ganz ebene Küstengebiet von Sfax bis etwa Susa. 
Wir sprechen hier am besten von den kleinafrikanischen 
Ktistenketten, die vom Edugh bei Bona, in Marokko nach 
Norden umbiegend, sich jenseits der Meerenge in den inneren 
archäischen Ketten des andalusischen Faltensystemes bis zum Kap 
Palos fortsetzen. Die Zerstückung in einzelne Bergmassen kenn¬ 
zeichnet dieselben in Klein-Afrika wie in Spanien. 

Die grossen Vorzüge der vorliegenden Arbeit beruhen auf 
der reichen, fast erschöpfenden Litteraturbenutzung und den fast 
zu häufigen Quellen verweisen. Dieselben verleihen derselben 
dauernden Wert. Jede künftige Darstellung des Hohen Atlas 
wird sich unbedingt auf Schnells Arbeit auf bauen müssen. 
Auch sorgsame, gewissenhafte Kritik der Quellen kennzeichnet 
das Werk und ruft den Eindruck wissenschaftlicher Zuverlässig¬ 
keit hervor. 

Das ist also ein hohes Lob, welches wir dieser Erstlings¬ 
arbeit spenden müssen. Die Mängel, die wir auf der anderen 
Seite nicht unerwähnt lassen dürfen, fallen demgegenüber wenig 
ins Gewicht. 

Wenn der Berichterstatter, der doch auch einigermaassen 
mit dem Gegenstände vertraut zu sein meint, zunächst nur zwei 
Lücken in der Litteraturbenutzung hervorheben kann — Kobelts 
malakozoologische Studien sind im allgemeinen Teile nicht ver¬ 
wertet, ebenso Quedenfeldts Berichtigungen der Namen, mit 
denen sich der Verfasser nach seinem sonstigen Verfahren hätte 
auseinander setzen müssen — so ist auch das eigentlich ein Lob. 
Die Arbeit ist sehr trocken und gerade nicht sehr lesbar, nur vom 
streng fachmännischen Gesichtspunkte aus kann sie gewürdigt 
werden. Der Verfasser lässt den Leser alle Arbeit mitmachen, 
ja er unterlässt es, die Ergebnisse der Einzeluntersuchungen in 
klaren Bildern zusammenzufassen. Man muss, wenn man aus 
Schnells Fülle von Einzelangaben sich ein Bild des Hohen 


Atlas erwerben will, die ganze geistige Arbeit noch einmal machen, 
ein Mangel, welchen selbst der Fachmann empfinden wird. Die 
Arbeit erscheint in längeren Abschnitten geradezu als eine in die 
grössten Einzelheiten eingehende Topographie; die Herstellung 
bzw. Richtigstellung der Karte, auch in Bezug auf die Situation, 
tritt völlig in den Vordergrund. Doch soll dies letztere nur 
eine Kennzeichnung der Arbeit sein. 

Wir vermissen Versuche, die Oberflächengestaltung im ein¬ 
zelnen aus der Geschichte des Gebirges, seinem geologischen 
Aufbau, den klimatischen Verhältnissen u. s. w. zu erklären. 
Auch Versuche zu Schätzungen von Kamm- und Gipfelhöhe, die 
doch zur Kennzeichnung des Gebirges nötig wären, werden nicht 
gemacht, es tritt uns also dasselbe als Verkehrshindernis nicht 
klar entgegen. Ebenso fehlen Betrachtungen über Thalbildung, 
die das Verständnis für Verkehr und Bewohnbarkeit erschlossen, 
vielleicht auch eine Erklärung der Thatsache gegeben hätten, 
dass sich die berberische Bevölkerung des Gebirges im wesent¬ 
lichen zu allen Zeiten unabhängig zu erhalten vermocht hat. 
Ferner wäre zur Kennzeichnung des Gebirges eine zusammen¬ 
hängende Untersuchung über die Frage der ehemaligen Ver¬ 
gletscherung und der Schneebedeckung, die dürftige Pflanzen¬ 
decke, den Wasserreichtum unerlässlich gewesen. In dieser Hin¬ 
sicht wie meteorologisch sind die von so vielen Reisenden er¬ 
wähnten, plötzlich hereinbrechenden Schneestürme im Hoch¬ 
gebirge auch im Sommer von Wichtigkeit. Sie erschweren den 
Verkehr ausserordentlich. 

Dass an manchen Punkten eine vom Verfasser abweichende 
Auffassung des Beobachtungsstoffes möglich ist, liegt auf der 
Hand, es würde aber zu weit führen, hier darauf einzugehen. 

Los cuatro viajes de Cristöbal Colon. Von Otto 
Neussei. Madrid, 1892. 21 S. 8°. Mit Karte. 

Als Vorbote und zur Kennzeichnung der grossartigen in 
Spanien in Vorbereitung begriffenen Columbus-Feier legt uns 
O. Neussei, ein seit zwei Jahrzehnten in Madrid wirkender 
deutscher Kartograph und Geograph, der schon durch recht 
schätzenswerte Arbeiten über Spanien in deutscher Sprache be¬ 
kannt geworden ist, einen Vortrag in spanischer Sprache vor, 
welchen er am 8. März vor der Geographischen Gesellschaft in 
Madrid gehalten hat. Derselbe behandelt die viel erörterte 
Guanahani-Frage. Die Nach Weisung, welche heutige Insel 
Guanahani ist, wird bekanntlich dadurch so erschwert, dass die 
Aufmerksamkeit der Entdecker von vornherein nicht von diesen 
Koralleninseln gefesselt werden konnte, die kein Gold boten. 
Ueberdies wurden diese »nutzlosen Inseln«, wie sie ein könig¬ 
licher Befehl von 1513 recht bezeichnend nennt, bald nachher 
durch gewaltsame Entführung der Einwohner, die sich auf Haiti 
und anderwärts »nützlich« machen sollten, ganz entvölkert, und 
ihre Namen gerieten in Vergessenheit. Die Engländer, die sich 
ihrer 1667 bemächtigten, gaben ihnen daher neue Namen. Der 
Verfasser stützt sich bei seinen Untersuchungen auf die Auf¬ 
zeichnungen des Las Casas, benutzt aber neben dem schon 
von Navarrete verwerteten Manuskript noch ein anderes der 
Nationalbibliothek zu Madrid. Nach diesen Aufzeichnungen, die, 
soweit sie für diese Frage von Wichtigkeit sind, vom 11. Oktober 
bis zum 22. November Tag für Tag mitgeteilt werden, und auf 
Grund der vom Spanischen Hydrographischen Amte veröffent¬ 
lichten Seekarten hat der Verfasser seine Karte, auf welcher das 
Schwergewicht der ganzen Arbeit ruht, entworfen. Dieselbe, 
sauber und in jeder Hinsicht ansprechend, veranschaulicht im 
Maasstabe von 1:7500000 in verschiedenen Farben die vier 
Reisen des Columbus im amerikanischen Mittelmeere. Ein 
Karton gibt ergänzend in I : 60000000 die Reisewege über den 
Ocean. Der Verfasser kommt in Uebereinstimmung mit der eng¬ 
lischen Forschungsexpedition, die zu diesem Zwecke im vorigen 
Jahre die Bahamas untersucht hat, zu dem Ergebnis, dass nur 
die Watlingsinsel des Columbus Guanahani sein kann. Die 
kleine Arbeit wird durch die Karte und die Veröffentlichung 
urkundlichen Materiales zur Entdeckungsgeschichte von dauern¬ 
dem Werte sein und unter den zahlreichen Veröffentlichungen, 
welche die Gedenkfeier in den verschiedenen Ländern hervor 
rufen wird, einen ehrenvollen Platz einnehraen. 

Marburg i. H. Th. Fischer. 


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Litteratur. 


496 

Luigi Hugues, Membro della regia commissione Colombiana. 
L’opera scientifica di Cristoforo Colombo. Torino- 
Firenze-Roma 1892. Ermanno Loescher. 140 S. kl. 8°. 

Prof. Hugues, dessen eifriger Forschungsthätigkeit für 
die Geschichte des Entdeckungszeitalters schon so manche wert¬ 
volle Errungenschaft verdankt wird (vgl. u. a. Nr. 1 dieses Jahr¬ 
ganges), sucht in diesem Schriftchen die positiven Leistungen 
des grossen Seefahrers ins richtige Licht zu stellen. Er verfügt 
über eine Belesenheit, die ihm seinen Gegenstand auf das ab¬ 
seitigste zu beherrschen gestattet, und der deutsche Leser wird 
aus den 151 Noten, welche den Text begleiten, insbesondere 
mit Vergnügen ersehen, dass die Litteratur unseres Vaterlandes 
drüben über den Alpen ebenso bekannt ist wie die irgend eines 
anderen Volkes. Hören wir, was der Verfasser für seinen Helden 
in die Wagschale zu legen weiss. Er ist der Entdecker der 
grossen Aequatorialströmung im Atlantischen Ocean; ihm dankt 
man die erste Kenntnis vom Sargasso-Meer; die Lehre vom Erd¬ 
magnetismus hat durch ihn wichtige Bereicherungen erhalten; 
den Charakter der Antillen als Ueberreste einer alten Landbrücke 
zwischen Kuba und Südamerika hat er zutreffend aufgefasst; seine 
geographischen Ortsbestimmungen können mit denjenigen gleich¬ 
zeitiger Seefahrer vollkommen konkurrieren; seine theoretische 
Konstruktion der Existenz eines grossen Südkontinentes hat sich 
bewahrheitet; seine Durchschiffung des Insel-Labyrinthes an der 
Südküste Kubas stellt ihm das Zeugnis eines Schiffsführers von 
höchster praktischer Tüchtigkeit aus; ohne seine freilich auf 
einer unrichtigen geographischen Basis beruhende Hinweisung 
auf das Festland im Westen wären die Entdeckungen eines 
Balboa, Cortez, Gabotto nicht möglich gewesen; die geo¬ 
graphische Irrlehre, welcher Columbus allerdings sein ganzes 
Leben hindurch nachhing, dass er nämlich den Ostrand von 
Afrika erreicht habe, war nach den nun einmal herrschenden 
ptolemäischen Doktrinen begreiflich und verzeihlich; von den 
grossenteils sagenhaften älteren Entdeckungen des Erdteiles im 
Westen war Colon ganz und gar unbeeinflusst, so dass sein 
Verdienst durch angebliche Vorläufer dieser Art nicht geschmälert 
werden kann; die Beschuldigung, dass es derselbe unterlassen 
habe, seine Entdeckungen, zumal gegen Süden, weiter auszu¬ 
dehnen, kann bei gerechter Abwägung aller Umstände nicht auf¬ 
recht erhalten werden. 

Man ersieht aus unserer allerdings ein wenig freien Um¬ 
schreibung der Hugues sehen Thesen, dass in der That das 
Verdienst des Entdeckers doch in jeder Beziehung ein erhebliches 
ist, und wenn vielleicht nationale Begeisterung manche Licht¬ 
seite mehr in den Vordergrund gerückt, manchen Schatten zu¬ 
rtickgedrängt hat, so wollen wir uns das gerne gefallen lassen, 
erwägend, dass Columbus bei uns in Deutschland vielfach auch 
wieder eine zu wenig günstige Beurteilung erfahren musste. Be¬ 
merkt zu werden verdient, was Herr Hugues über die hart an¬ 
gegriffenen Polhöhebestimmungen seines Helden anführt; derselbe 
beobachtete für gewöhnlich nicht direkt, sondern leitete die 
Breiten aus der an der Sanduhr gemessenen Tagesdauer ab, was 
ja prinzipiell ganz zulässig ist, notwendig aber zu praktischen 
Fehlem führen musste. Die von Gel eich erörterte Möglich¬ 
keit jedoch, dass Columbus gelegentlich doch auch an einem 
Instrumente beobachtet habe, welches Peripheriewinkel und nicht 
Centriwinkel abzulesen gestattete (»Seering»), scheint uns auch 
nicht vollständig in Abrede gestellt werden zu können. 

Jahrbuch der Astronomie und Geophysik (Astro¬ 
physik, Meteorologie, Physikalische Erdkunde). Herausgegeben 
von Dr. Hermann J. Klein. II. Jahrgang 1891. Mit fünf 
Tafeln in Lichtdruck und Lithographie, sowie einer Chromo- 
tafel. Eduard Heinrich Mayer, Verlagsbuchhandlung, Leipzig 
1892. XI und 400 S. gr. 8°. 

Das anerkennende Urteil über den ersten Jahrgang dieses 
Repertoriums, welches der Unterzeichnete seinerzeit in Peter¬ 
manns »Geographischen Mitteilungen« abgab, kann er bezüglich 
dieser zweiten Lieferung nur wiederholen. Der Herausgeber 
versteht es, wie jedermann weiss, sehr gut, aus der Fülle des 
ihm zuströmenden Materiales Thatsachen von allgemeinem Inter¬ 
esse herauszuheben, und so wird das neue »Jahrbuch« bald für 


den, der selbständig auf einem einschlägigen Gebiete arbeitet 
und sich über die neuesten 1 itterarischen Erscheinungen orien¬ 
tieren möchte, ein sehr wertvolles Hilfsmittel werden. Auf jene 
Vollständigkeit freilich, welche die Petermann sehen Litteratur- 
berichte oder gar die leider in geographischen Kreisen zu wenig 
bekannten »Fortschritte der Physik« anstreben, muss in einem 
Sammelwerke, wie dem vorliegenden, Verzicht geleistet werden, 
aber dafür entschädigt reichlich die weit grössere Ausführlichkeit, 
mit welcher die wichtigeren Abhandlungen analysiert werden. 
Kurz, der Fachmann wird den wertvollen Beistand, welchen ihm 
das »Jahrbuch« gegenüber der Gefahr, in der stets höher 
steigenden Litteraturflut zu versinken, zu leisten vermag, wohl 
zu würdigen wissen. 

Im ganzen entfallen in diesem zweiten Bande 122 Seiten 
auf die Astrophysik, 278 auf die physikalische Geographie, wo¬ 
bei jedoch zu beachten ist, dass auch sehr vieles der ersten 
Abteilung Angehörige, so die Nachrichten Über die Meteorite 
und über Spektroskopie der Himmelskörper, nicht minder für 
den Geographen von Bedeutung ist. Die zweite Abteilung stellt 
die allgemeinen Eigenschaften der Erde (Grösse, Gestalt, Ver¬ 
änderungen der Schwere) an die Spitze und schreitet dann zur 
Geodynamik vor, wobei wir insbesondere anerkennen müssen, 
dass manche an der Grenze stehende Arbeiten von geologischem 
Charakter, welche der erste Band noch beiseite liess — Thal¬ 
bildung, Charakter der Wüstenlandschaft u. s. w. — jetzt auch 
Berücksichtigung gefunden haben. Es folgen die Erdtemperatur, 
Erdmagnetismus, vulkanisch-seismische Erscheinungen, Strand¬ 
verschiebungen, Meer, Flüsse, Seen, Gletscher und endlich die 
Physik der Atmosphäre, wobei insbesondere den neuesten Unter¬ 
suchungen über meteorologische Optik sehr gründlich Rechnung 
getragen wird. Den Beschluss macht ein Bericht über jene 
recenten Klimaschwankungen, welche neuerdings von Brückner 
sehr wahrscheinlich gemacht worden sind. 

Meyers Reisebücher. Türkei und Griechenland; Untere 
Donauländer und Kleinasien. Vierte Auflage. I. Band: Untere 
Donauländer und Türkei. Mit 5 Karten, 19 Plänen und 
Grundrissen und 1 Panorama. X. 399 S. II. Band: Klein¬ 
asien und Griechenland. Mit 8 Karten, 16 Plänen und Grund¬ 
rissen und 2 bildlichen Darstellungen. VIII. 304 S. kl. 8°. 

Das höchste Ziel eines Reisehandbuches ist es und muss 
es sein, ein den Anforderungen des wissenschaftlichen Geographen 
völlig gerecht werdendes Werk darzustellen, ohne an seiner Hand¬ 
lichkeit und Verlässigkeit für alle die zahllosen prosaischen 
Fragen des Wanderlebens einzubüssen. Leicht ist diese Ver¬ 
einigung gewiss nicht, aber man ist ihr doch von verschiedenen 
Seiten sehr nahe gekommen; vergleiche man nur z. B. Bädekers 
»Tirol« von heute mit demjenigen von 1854, in welchem die 
Bozener Dolomiten als »zweifellos vulkanische Bildungen« hin¬ 
gestellt werden. Was nun die Meyer sehen Reiseführer anbe¬ 
langt, so wüssten wir in der That kaum anzugeben, was bei 
weiteren Ausgaben noch als wünschenswert bezeichnet zu werden 
vermöchte. Die geographischen, historischen, kunstgeschicht¬ 
lichen Angaben entsprechen durchweg dem modernen Stand¬ 
punkte unseres Wissens; eine Vermehrung des durchaus anregend 
gegebenen scientifischen Stoffes würden wir sogar widerraten, 
weil der Durchschnitt unserer Orientfahrer schon das Gebotene 
nur selten zu verarbeiten in der Lage sein wird. Dem Bericht¬ 
erstatter selbst fehlt freilich die persönliche Vertrautheit mit den 
Ländern, denen die vorliegenden beiden Bändchen gewidmet 
sind, allein es ist ihm durch verschiedene Mitteilungen von 
Reisenden bekannt geworden, dass dieselben ihren Führer lieb¬ 
gewonnen haben und in allen Fällen sich seiner Leitung mit 
Vertrauen und nachheriger Befriedigung überliessen. Die nette 
Ausstattung, die bequeme Form, die ausgiebige Versorgung mit 
Karten und Plänen, wobei wir namentlich auf den von Konstan¬ 
tinopel in der Paläologenzeit aufmerksam machen möchten, das 
alles sind Begleitumstände, durch welche der innere Wert dieser 
wackeren Leistung noch erhöht wird. S. Günther. 

Verlag der J. G. Cotta’sehen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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DAS AUSLAND 

Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde 

herausgegeben von 

SIEGMUND GÜNTHER. 

Jahrgang 65, Nr. 32. Stuttgart, 6. August 1892. 

Jährlich 53 Nummern ä 16 Seiten in Quart. Preis pro Manuskripte und Resensionsexemplare von Werken der 

Quartal M. 7.— Zu besiehen durch die Buchhandlungen des inkaEöSjjfe einschlägigen Litteratur sind direkt an Professor Dr.SIBQMUND 
In* und Auslandes und die Postämter. GÜNTHER in München, Akademiestrasse 5, su senden. 

Preis des Inserats auf dem Umschlag ao Pf. für die gespaltene Zeile in Petit. 


Inhalt: I. Afrikanische Neuigkeiten. (II. Folge.) (April—Juni.) Von Brix Förster (München). S. 497. — 2. Die 
Strömungen in den Meeresstrassen. Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. Von Emil Wisotzki (Stettin). (Fortsetzung.) 
S. 500. — 3. Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. Von C. Ballod (Jena). (Schluss.) S. 504. — 4. Geographische Mit¬ 
teilungen. (Ten Kates Reisen in der Südsee; Aus Borneo; Zur Guanahani-Frage.) S. 510. — 5. Litteratur. (Paulsen; Partsch; 
Kärger; Dambach.) S. 511. 


Afrikanische Neuigkeiten. 

(II. Folge.) 

(April—Juni.)*) 

Von Brix Förster (München). 

Senegambien. 

Französische Kriegsberichte leiden immer an 
Ueberschwenglichkeit und Ungenauigkeit. Man sollte 
ihnen prinzipiell misstrauen. Vor einem Vierteljahr 
verkündeten sie mit aller Bestimmtheit, Oberst Hum¬ 
her t habe Samory am n. Januar aufs Haupt ge¬ 
schlagen, nachträglich aber stellt sich heraus, dass 
Samory keineswegs total besiegt worden, dass er 
vielmehr vom 20. Januar bis 14. März in 16 grösseren 
und kleineren Gefechten, und zwar immer in der¬ 
selben Gegend, an den Ufern des Milo, den Fran¬ 
zosen auf dem Nacken sass, ja dass endlich Oberst 
Humbert sich gezwungen sah, angeblich wegen 
Beginn der Regenzeit und wegen heftigen Umsich¬ 
greifens des gelben Fiebers, am 25. April das Feld 
zu räumen, von Kankan nach Bafulabe und nach 
St. Louis abzumarschieren und also die Operationen 
als erfolglos für diesmal zu beenden. Er liess frei¬ 
lich eine Garnison von 270 Mann in Sanankoro zu¬ 
rück; aber wie kann diese standhalten gegen Samory, 
dem ein Heer von 20000 Mann mit 8000 Hinter¬ 
ladern zur Verfügung stehen soll? Verstärkungen 
herbei zu führen, ist sehr schwierig, denn die grosse 
Heeresstrasse vom Senegal zum oberen Niger ist 
durch das gelbe Fieber verpestet; den nächsten Weg 
aber von Mellacori (Riviöres du Sud) aufwärts scheint 
das auf seine Unabhängigkeit eifersüchtige Futa 
Dschallon nicht freigeben zu wollen. An dem Miss¬ 
erfolg der Franzosen sind natürlich die Engländer 
schuld, welche von Freetown aus Samory mit 


*) Vgl. »Ausland« 1892, Nr. 14, S. 209. 
Ausland 189a, Nr. 3a. 


Waffen und Munition versorgt haben sollen. Aber 
denselben Vorwurf erheben die Engländer gegen die 
Franzosen; denn bei Tambi (s. unten) erbeuteten 
sie französische Gewehre. Richtig ist nur, dass 
Samory geneigt war, unter englisches Protektorat 
sich zu stellen, dass aber die britische Regierung 
nicht darauf einging. 

Auf geographischem Gebiete dagegen kann Frank¬ 
reich diesmal einen wichtigen Erfolg verzeichnen: 
Mo nt eil hat den grossen Nigerbogen von Segu 
nach Say durchquert. Anfang 1890 aus Frankreich 
abgereist, traf er am 10. Dezember in Segu ein; 
von hier aus wandte er sich im Frühjahr 1891 über 
Lanfiera nach Süden in das Quellgebiet des Schwarzen 
Volta und dann nordwestlich überWagadugu (28. April) 
und Libtako nach Say, wo er im Juli ankam. Ende 
August setzte er seine Reise über Sokoto (Mitte 
Oktober) nach Kano (25. November) fort; von hier 
datiert sein erster kurzer Bericht vom 6. Januar 1892. 
Er gedenkt über Kuka und den Tsad-See und durch 
die Sahara zurückzukehren. Vollkommen unerforschtes 
Gebiet hat er zwischen Wagadugu und Say betreten. 
Dem flüchtigen Abriss seiner Erlebnisse ist vorläufig 
nur zu entnehmen, dass das Land zwischen Muschi 
und Say durch Viehseuchen verarmt und trostlos 
ist, dass Dore als ein bedeutender Handelsplatz für 
den Verkehr von Timbuktu nach dem mittleren Niger 
emporblüht, dass dagegen in den Landschaften zwi¬ 
schen Say und Sokoto zahlreiche Räuberbanden den 
Durchzug friedlicher Karawanen zur Unmöglichkeit 
machen. 

Nach officieller Angabe des Gouvernements in 
St. Louis besitzt Senegambien mit den Schutzstaaten 
auf Grund der neuesten Berechnungen einen In¬ 
halt von 140000 qkm, mit einer Bevölkerung von 
1 100000 Seelen. Vergleicht man damit die Angaben 
bei Wagner und Supan (639000 qkm und 3 161000 
Einwohner), so muss man annehmen, dass min- 

63 


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498 


Afrikanische Neuigkeiten. 


destens Futa Dschallon und die Samory-Staaten bei 
jener Berechnung nicht zu denjenigen Schutzstaaten 
gezählt worden sind, »qui sont soumises ä l’action 
direct du gouvernement« (L’Afr. Franc;., Jan. 1892, 
S. 7). — Die Provinz Rivi&res du Sud erhielt neuer¬ 
dings amtlich die Benennung »Guinee Fran^aise«, 
wozu ausserdem Gross-Bassam und die Nieder¬ 
lassungen am Golf von Benin (Grand Popo und 
Porto Nuovo) gehören, jede Gruppe jedoch unter 
eigener Verwaltung und mit eigenen Finanzen. 

Sierra Leone und Lagos. 

Die Engländer haben mit zwei kräftigen Schlägen 
den Zutritt zum Hinterland ihrer westafrikanischen 
Kolonien sich wieder erobert: am 7. April erstürmten 
sie Tarn bi in Sierra Leone und am 21. Mai be¬ 
setzten sie nach heftigem Kampfe Ode im Lande 
der Djebu, nördlich von Lagos. In beiden Fällen 
sammelten sie ihre Streitkräfte in kürzester Zeit und 
gingen dann mit entscheidender Uebermacht vor, 
wesentlich unterstützt durch ein zur Verfügung 
stehendes westindisches Regiment. Bei Lagos wurde 
das alte Prestige nur zum Teil wieder errungen; 
der zweite und schwierigere Teil, die Ueberwindung 
der feindseligen Egbas bei Abeokuta, harrt noch der 
Erledigung. 

Dahome. 

Behanzin, der König von Dahome, erklärte 
im April d. J. den Franzosen den Krieg, einfach 
weil er die steigenden Zolleinkünfte der vertrags- 
mässig an Frankreich abgetretenen Hafenplätze Porto 
Nuovo, Kotona und Wydah in die eigene Tasche 
stecken möchte; bekommt er doch dafür nur die 
lumpige Entschädigung von 20000 Francs jährlich! 
Seine Armee soll 14000 Mann mit 4000, freilich 
sehr geringwertigen, Repetiergewehren zählen. Gegen¬ 
wärtig hält er bedrohlich die Franzosen in den drei 
Küstenorten eingeschlossen; diese, etwas über 1500 
Mann stark, stehen seit Ende Juni unter dem Kom¬ 
mando des Obersten Dodds, welcher in 20 Feld¬ 
zügen reiche Kriegserfahrung in Senegambien und 
Tongking sich erworben, und haben als Rückhalt 
eine Anzahl von Kriegsschiffen, denen die Blockade 
der Küste übertragen ist. Drei Millionen Francs hat 
die französische Kammer für den Krieg bewilligt; 
das wird kaum genügen, ebensowenig die geringe 
Truppenzahl. Denn wenn es auch gelingt, bis zum 
September, der einzigen für Operationen günstigen 
Jahreszeit, in strenger Defensive in den Küstenplätzen 
sich zu halten, so stehen doch dann dem Vormarsch 
durch die von grossen Sümpfen bedeckte Ebene in 
einem von Fiebern verpesteten Klima bis zur Er¬ 
oberung der Hauptstadt Abome ganz ausserordent¬ 
liche Schwierigkeiten entgegen. 

Togo und Kamerun. 

Die folgenden Zahlen beweisen das stetige Ge¬ 
deihen dieser Kolonien. 


Togo. 


Einnahmen aus 




Zöllen 

Steuern 

Summe 



M. 

M. 

M. 

April bis Oktober 

1891 . 

49000 

11 773 

(>0773 

Oktober 1891 bis April 1892 

73 208 

12 393 

85 601 

Etatsjahr 1891/92 


122208') 

24 166 

146 374 



1891. 



Jan.-April 

April-Okt. 

Okt.-Jan. 

Summe 

Der Wert der Einfuhr 





betrug in Mark . . 

300 000 

751 600 

702 000 

1 753 600 

Der Wert der Ausfuhr 





betrug in Mark . . 

418 000 

1 110000 ] 

[ 232 000 

2 760000 

Gesamtwert der Ein- 
und Ausfuhr .... 





718000 

1 862 600 1 

[ 934 000 

4513600 


Kamerun. 

1891. 

Jan.-Okt. Okt.-Jan. Summe 

Der Wert der Einfuhr be¬ 
trug in Mark . . . 3321000 1226000 4547000 

Der Wert der Ausfuhr be¬ 
trug in Mark . . . 3582000 724000 4306000 

Gesamtwert der Ein- und- 

Ausfuhr.6903000 1950000 8853000 

Die Einnahmen aus Zöllen 
und Steuern betrugen in 

Mark. 256000 145400 402 ooo 2 ). 

In Kamerun waren 1891 1 66 Europäer, dar¬ 
unter 109 Deutsche, ansässig. Der officielle Bericht 
schätzt die Zahl der eingeborenen Bevölkerung des 
Kamerunbeckens (Dualla, Bakwiri und Bamboko) auf 
65000 Seelen, was mit den Angaben bei Wagner 
und Supan nahezu übereinstimmt. 

Französisch-Kongo. 

Dybowski, beauftragt, Gewissheit über die 
Ermordung Crampels 3 ) bei El Kuti sich zu ver¬ 
schaffen, war am 25. Oktober 1891 von Bangi am 
Ubangi aufgebrochen, traf am 22. November in Ya- 
banda mit einem Senegalesen, einem der letzten Be¬ 
gleiter Crampels, zusammen und erhielt die Be¬ 
stätigung der Todesnachricht, ferner von einem 
gefangenen Mohammedaner die Mitteilung, dass El 
Kuti unmittelbar benachbart bei Dar Runge liege 
(also zwischen 8 und 9 0 n. Br.). Dybowski warf 
einige muselmännische Horden über den Haufen, 
konnte aber nicht weiter als bis Mpoko Vordringen 
wegen Mangels an Lebensmitteln. Am 1. Dezember 
entschloss er sich zur Umkehr nach Brazzaville und 
Heimfahrt nach Europa; er übertrug Maistre die 
Aufgabe, am Kemo, einem Zufluss des Ubangi (nord¬ 
westlich von Bangi), welcher vorher von Brunache 
und Ponel als schiffbarer Strom bis 6° ii' n. Br. 
und 19 0 33' ö. L. Gr. erforscht worden war, Sta¬ 
tionen zu errichten. Wichtig ist die von Dybowski 
festgestellte geographische Thatsache, dass sich die 


*) Im Etatsjahr 1890/91 betrug die Einnahme aus den 
Zöllen 82 948 Mark. 

2 ) Im Etatsjahr 1889/90 betrugen sie 200000 Mark. 

„ „ 1890/91 „ „ 287000 

S ) Vgl. »Ausland« 1892, Nr. 23, S. 363. 


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Afrikanische Neuigkeiten. 


499 


Wasserscheide zwischen dem Bahr Kuta und Ubangi, 
also zwischen Schari und Kongo in dem Raum zwischen 
Yabanda und Mpoko (6° 50' n. Br. und 20° ö. L. Gr.) 
befindet. 

Savorgnan de Brazza hat von der Station 
Woso aus weitere Fortschritte den Sangha aufwärts 
gemacht; er erreichte Anfang Januar 1892 auf dem 
für Dampfbarkassen noch immer schiffbaren Flusse 
den Ort Bania (4 0 30' n. Br.). Ist sein Vorgehen 
auch ein langsames, so hat er doch für weitergehende 
Forschungen eine feste Basis errungen, und das wurde 
reichlich belohnt, als er am 4. April 1892 seinem 
Landsmann M iz o n bei der Insel Comasa (3 0 40' n. Br.) 
die rettende Hand bieten konnte. Mizon, im Sep¬ 
tember 1890 aus Frankreich abgereist, hatte bekannt¬ 
lich seine Absicht, vom Binüe aus eine politisch¬ 
merkantile Mission nach Kuka am Tsad-See zu unter¬ 
nehmen, aufgeben müssen und sich dann rasch ent¬ 
schlossen im Dezember 1891 von Jola in Adamaua 
in südöstlicher Richtung gegen den mittleren Kongo 
gewandt. Nur von acht Eingeborenen begleitet, 
durchzog er als friedlicher Wanderer eine Wegstrecke 
von mindestens 800 km in vier Monaten in einem 
grösstenteils unerforschten Land. Von seinen Er¬ 
lebnissen und Erfahrungen ist noch nichts in die 
wissenschaftlichen Zeitschriften übergegangen, nur 
die kurze Notiz, dass er die Wasserscheide zwischen 
den Zuflüssen des Binüe und denen des Kongo in 
der Gegend zwischen dem 6. und 7. 0 n. Br. an¬ 
getroffen. Die Verträge, welche er unterwegs ab¬ 
geschlossen, berühren vorläufig die Entwickelung von 
Kamerun wenig; denn die einzig für uns schwer 
ins Gewicht fallenden, die etwa in Adamaua ver¬ 
einbart wurden, besitzen keine internationale Gültig¬ 
keit, da die betreffenden Gebiete westlich vom 15. 0 
liegen, also nach dem Abkommen mit Frankreich 
in die deutsche Interessensphäre fallen. 

Kongo-Staat. 

Den finanziellen Schwierigkeiten des Kongo- 
Staates, welcher nach der »Times« mit einem Defizit 
von über 5^2 Millionen Mark für 1891 abschliesst, 
versucht man in dem Budget für 1892 entschiedener 
als bisher zu begegnen. Abgaben und Gebühren, 
Export- und Importzölle wurden gesteigert. In Ein¬ 
nahme werden gestellt: 

Zuschuss von Belgien .... 1600000 Mark, 

„ vom König von Belgien 160400 „ 

Landverkäufe, Abgaben, Gebühren 1463000 „ 

Zölle. 562000 „ 

Summe der Einnahmen 3785400 Mark. 

Unter den Ausgaben nimmt die höchste Stelle 
jene für die Schutztruppe ein: 1308640 Mark. Der 
Verwaltungsapparat kostet 330800 Mark. 

Der Wert des Exportes betrug 1891:5 176000 Mk. 

Eine wirtschaftliche Besserung der Privatunter¬ 
nehmungen ist zu erwarten aus der im April erfolgten 
Vereinigung der belgischen »Soci£t6 anonyme du Haut 


Congo« mit der französischen Firma Daumas und mit 
der »Compagnie des caoutchoucs du Kassai« in Brüssel. 
Die beiden ersteren hatten sich bisher bekämpft. 

Das Kapital der Societ£ bildet die eigentliche 
Basis, an dem die anderen durch Bezug von Aktien 
beteiligt werden; die Soci£te übernimmt den Trans¬ 
port der tropischen Produkte vom Ursprungs- oder 
Erwerbsort bis nach Europa; die Compagnie du 
Kassai koncentriert ihre Thätigkeit ganz auf die 
Gewinnung von Kautschuk und Elfenbein im Inneren. 
Damit ist der kostspielige Zwischenhandel der Neger 
ausgeschlossen; daraus geht auch hervor, in welchem 
Umfang die Schiffbarkeit des Kongo und seiner Zu¬ 
flüsse besteht und thatsächlich ausgebeutet wird; die 
Soci£t£ besitzt auf und an diesen Gewässern 12 Dampfer 
und 30 Stationen. 

Die grosse Katanga-Expedition Le Marineis, 
welche am 23. Dezember 1890 Lusambo, an der 
Mündung des Lubi in den Sankurru (5 0 s. Br.), 
verliess, am 10. April 1891 Mukurru, die Residenz 
Msiris, erreichte, am n. Juni den Rückmarsch an¬ 
trat und am n. August 1891 wieder in Lusambo 
eintraf, bereichert unsere geographischen Kenntnisse 
mit folgenden Einzelheiten: Das Land der Kalunde 
am oberen Sankurru ist stark bevölkert und ausge¬ 
zeichnet kultiviert; der Luembe fliesst unter 6° 30's. Br. 
in den Sankurru, und nicht in den Lomami; die 
Quellen dieses Flusses (Lomami-Lubilasch) liegen 
1140 m ü. d. M. bei 8° 45" s. Br. und 24 0 55' ö. L. Gr., 
seine ganze Länge beträgt daher 1200 km; die links¬ 
seitigen Zuflüsse des oberen Lualaba, darunter der 
Lubidi (nicht Luburi), befinden sich östlich vom 
25. 0 ö. L.; die Bergkette zwischen Lualaba und 
Lufira, südlich vom Upämba-See, erhebt sich bis zu 
1300 und 1650 m; das Jahr in Katanga zerfällt in 
eine Regenzeit (Oktober bis März) und Trockenzeit 
(April-September); das Klima ist sehr gesund und 
wegen der starken nächtlichen Abkühlungen erträg¬ 
lich; Wild und namentlich Elefanten gibt es in zahl¬ 
reichen Herden; massenhaft kommt aber auch die 
Tsetsefliege vor, so dass Viehzucht unmöglich ist; 
das ausserordentlich fruchtbare Land wird von einer 
spärlichen, doch kräftigen und intelligenten Bevölke¬ 
rung fleissig bebaut; nur Msiri war bisher die Geissei 
der eigenen Unterthanen; er trieb Sklavenhandel im 
grossen nach Bihe und nach Osten an die Araber. Sein 
im Anfang 1892 erfolgter gewaltsamer (?)Tod wird die 
kulturelle Ausbeutung Katangas wesentlich erleichtern. 

Auch Stairs’ Katanga-Expedition erreichte ihr 
Ziel, indem sie, im Mai 1891 von Bagamoyo aus¬ 
gegangen, Ende November d. J. in der Residenz 
Msiris eintraf und dort eine Station errichtete. Aber 
auf dem Rückweg starb nicht nur Kapitän Bodson, 
sondern auch Stairs selbst (im Juni 1892 an der 
Chinde-Mündung des Zambesi), so dass Marquis 
de Beauchamp und Dr. Moleney als die einzig 
Ueberlebenden nach Sansibar zurückkehrten. 

(Schluss folgt.) 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


500 

Die Strömungen in den Meeresstrassen. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. 

Von Emil Wisotzki (Stettin). 

(Fortsetzung.) 

Eine höchst wichtige Frage drängt nun zur 
Erörterung, nämlich die Frage nach dem Verbleib 
der zum Teil gewaltigen Wassermassen, die von den 
Flüssen in die Meere hineingeführt werden: »ne 
terrae copia aquarum affluentium obruerentur«. Viel¬ 
fach ist dieser Gegenstand erörtert worden. Für das 
Schwarze Meer war der Verbleib ja ganz klar; auch 
für die Ostsee, wenigstens für diejenigen Forscher, 
welche eine kräftige Ausströmung in das offene Meer 
annahmen. 

Was das Mittelmeer betrifft, so konnte man sich 
darüber beruhigen, so lange auch hier ein vermeint¬ 
licher, in den Ocean austretender Oberflächenstrom 
existierte. Gerhard Johannes Vossius erkannte, 
wie wir schon oben bemerkten, hierin geradezu einen 
Beweis göttlicher Weisheit, eine Ansicht, zu der er 
sicherlich nicht allein kam durch den ausgesprochenen 
Zweck seines Werkes, die böse Welt hier zu Gott 
zu führen. Andere dachten gewiss ebenso wie er. 
Als man sich aber in dieser Annahme getäuscht 
sah, als man vielmehr die Existenz einer oceanischen 
Einströmung anerkennen musste, was sehr schwer 
fiel, da war guter Rat teuer, die Situation hatte sich 
wesentlich verschlimmert. Man griff auf Vorstellungen 
des Altertums und des Mittelalters zurück, die übri¬ 
gens sich stets behauptet hatten, und konnte beruhigt 
weiter schlafen. 

Es tritt an uns somit die Aufgabe heran, zu 
untersuchen, welcher Art denn diese Vorstellungen 
gewesen. 

Nachdem schon der unvergessliche Oskar 
Peschei vorangegangen, hat dann Karl Neumann 
darauf hingewiesen, dass Griechenlands Karstphäno¬ 
mene eingewirkt haben auf gewisse geographische 
Anschauungen des Altertums. Er sagt: »Wir müssen 
uns vergegenwärtigen, wie ungemein häufig und 
wie auffallend das Phänomen aufgesogener und unter¬ 
irdisch fortlaufender Flüsse den Griechen sich darbot, 
um zu begreifen, dass sie über den unterirdischen 
Zusammenhang von Flüssen nicht selten Vermutungen 
aufstellten, über deren ausschweifende Kühnheit wir 
lächeln. Gewisse Uebereinstimmungen in der natür¬ 
lichen Beschaffenheit oder den Namen, in den Kulten 
der Anwohner genügten ihnen, weit von einander 
entfernte Flüsse für identisch zu halten und sie durch 
einen hypothetischen Lauf unter ausgedehnten Län¬ 
dern, ja sogar unter Meeren in Verbindung zu setzen«. 
Karl Neumann fügt eine Reihe von Beispielen 
hinzu und schliesst: »Ganz unbedenklich griff man 
bei fern an den Grenzen des Wissenshorizontes lie¬ 
genden Gewässern, wie beim Schwarzen Meere und 
dem Kaspi-See, zur Annahme unterirdischer Kom¬ 
munikationen 1 ). Das sind Vorstellungen, vor deren 

*) Aristoteles, Meteor., I, 13, 29. 


Abenteuerlichkeit wir erschrecken müssten, wenn wir 
uns nicht daran erinnerten, dass die Griechen ähn¬ 
liche Phänomene in einem kleinen Maasstab zahlreich 
vor Augen hatten, und sie deshalb auch in grösserem 
für möglich hielten *).« Diese Theorie ist auf das 
Mittelalter übergegangen, von demselben in seiner 
Weise ausgebildet,bzw.erweitert. KonradKretsch- 
mer hat in seiner trefflichen Schrift über die physische 
Erdkunde im christlichen Mittelalter auch diesem 
Gegenstände seine lebhafte Aufmerksamkeit zuge¬ 
wendet. Er weist die Abhängigkeit des Mittelalters 
hierin vom Altertum nach, zeigt aber auch gleich¬ 
zeitig, welchen Einfluss darauf die Stelle in der 
Heiligen Schrift (Genesis I, 10): »Und diese Samm¬ 
lung der Wasser nannte er Meere« gehabt habe, 
wie auch die Wirkung des Satzes beim Prediger 
Salomo (I, 7), wo es heisst: »Alle Wasser laufen 
ins Meer, noch wird das Meer nicht voller, an den 
Ort, da sie herfliessen, fliessen sie wieder hin«. 

Kretschmer belehrt uns, dass das Mittelalter 
als verbindende Glieder zwischen Meer und Quelle, 
als gemeinsame Ursache dafür, dass das Meer, welches 
alltäglich durch eine Unzahl von Flüssen gespeist 
wird, dennoch nicht überfliesst, folgende Lehr¬ 
meinungen aufgestellt: 

1. dass die Süsswasserbestandteile zum Teil von 
der Sonnenhitze aufgesogen, 

2. zum Teil durch die eigenartige Wirksam¬ 
keit des Salzes in nichts aufgelöst werden, 

3. dass ein Teil des Meerwassers in die Erde 
sickert und infolge der Durchseihung durch das Erd¬ 
reich ausgesüsst zu den Quellen zurückgelangt, von 
denen es einst ausgegangen. 

Die letzte dieser drei Vorstellungen interessiert 
uns hier besonders. Kretschmer zeigt nun in Be¬ 
zug auf sie, dass dieselbe zu einem komplizierten 
und weit verzweigten System ausgebildet worden. 
»Das Vorhandensein subterraner Wasserverbindungen, 
welche an verschiedenen Orten richtig beobachtet 
wurden, fand schliesslich eine allzu ausgebreitete 
Anwendung, indem nicht nur alle Meere, Seen, 
Sümpfe u. s. w. in stetiger unterirdischer Verbindung 
mit einander stehen sollten, sondern sogar die ge¬ 
samte Festlandsmasse wurde als von Wasseradern 
durchzogen gedacht, die bald als breite Kanäle, 
bald nur als feinste Kapillarspalten das feuchte Ele¬ 
ment dem Erdreich zuführen, wodurch dieses einem 
mit Wasser vollgesogenen Schwamme vergleichbar 
wurde«. Nicht verwundern dürfen wir uns deshalb, 
bei mittelalterlichen Schriftstellern, wie z. B. bei 
Albertus Magnus, die Vorstellung grosser, unter¬ 
irdischer, wassererfüllter Hohlräume zu finden: »sub 
montibus et locis altis sunt vastae concavitates the¬ 
sauros et copias habentes plurimarum aquarum« 2 ). 

Diese Anschauung hat sich, wie wir noch sehen 

*) Physikalische Geographie von Griechenland von Neu- 
mann-Partsch, Breslau 1885, S. 254 f. 

2 ) Pencks geographische Abhandlungen, Wien 1889, IV, 
1, S. 78 und folg. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


werden, erhalten während des 16., 17. Jahrhunderts, 
ja bis in die Mitte des 18. 

Man endet das geographische Mittelalter mit 
dem Anfänge des 15. Jahrhunderts. Mit Recht hat 
noch in diesen Tagen der Meister auf dem Gebiete 
der Geschichte der Erdkunde, Sophus Rüge, sich 
hierfür gegenüber Hugues ausgesprochen, der erst 
den Ausgang desselben dafür gelten lassen wollte. 
Ich kann mich den Gründen, die Rüge dafür bei¬ 
bringt, nicht verschliessen; dafür sprächen das Wieder¬ 
bekanntwerden des Ptolemäus und der Anfang 
planvoller systematischer Entdeckungsreisen unter 
der Leitung Heinrichs des Seefahrers. Aber wenn 
das auch der Fall, so ist damit der mittelalterliche 
Geist aus der Geographie noch lange nicht ge¬ 
bannt. Denn wie auf politischem, findet auch auf 
wissenschaftlichem Gebiet nur ein allmähliches Los¬ 
ringen von früheren Zuständen und Anschauungen 
statt. Das Charakteristikum des Mittelalters ist die 
Gebundenheit, die Abhängigkeit von der Autorität 
des Altertums und der Heiligen Schrift. Wenn nun 
auch diese Autorität mit dem Anfänge des 15. Jahr¬ 
hunderts manche Einbusse zu erleiden beginnt, so 
ist sie doch in dieser Zeit durchaus nicht vernichtet 
worden. Sie herrscht noch das ganze 15., 16., ja 
bis tief ins 17. Jahrhundert hinein. Noch im 18. Jahr¬ 
hundert sind einzelne Spuren zu finden. Selbst die 
geistreichsten Männer bleiben unter dem Joch des 
geschriebenen Buchstabens; die Bücher stehen zwischen 
den Menschen und der Natur und machen diese un¬ 
sichtbar. Man sucht auch die Erfahrungskenntnisse 
nur in Büchern. Man schrieb Geographien, die eine 
erstaunliche Büchergelehrsamkeit darthun, grössten¬ 
teils nur aus alten und mittelalterlichen Citaten be¬ 
stehen, die als beweiskräftige Autoritäten ins Feld 
geführt werden. Dabei ist selbstverständlich nicht 
zu leugnen, dass einzelne Anfänge der erwachenden 
geistigen Unabhängigkeit sich schon hier und da 
früh zeigen, aber das sind nur vereinzelte Blitze. 
Das erwachte Leben geht gleich wieder unter, er¬ 
drückt durch die alte gewohnte Art, die eigene 
Meinung auf Grund wirklicher Naturbeobachtung 
(wenn diese überhaupt stattfand) der Buchstaben¬ 
überlieferung unterzuordnen. Erst im 17. Jahrhundert 
tritt die Befreiung von der Autorität, die Unabhängig¬ 
keit des Geistes von der Ueberlieferung allgemeiner 
hervor. Anstatt z. B. Aristoteles zu citieren, be¬ 
nutzte man eigene Erfahrung und Beobachtung. Es 
trat eine Scheidewand gegen die Büchergelehrsam¬ 
keit ein, man verschmäht sie und will ausschliess¬ 
lich mit eigenen Augen sehen. Graf Marsigli z. B. 
weist Bücher als Quellen geradezu zurück, er ver¬ 
langt nur eigene Beobachtung. Ja man könnte fast 
behaupten, dass erst das Zeitalter der Aufklärung 
das letzte Brett des Zaunes abgebrochen hat, hinter 
welchem sich der mittelalterliche Geist verschanzt 
hatte 1 ). Das Zeitalter der Aufklärung bedeutet auch 

*) Man vergleiche B. G. Niehuhrs Geschichte des Zeit 

Ausland 1892, Nr. 32. 


501 

für die Geographie die definitive Auflösung des mittel¬ 
alterlichen Geistes. 

Der Slowene Popowitsch hat in seinen Unter¬ 
suchungen vom Meere 1750 geradezu mit Rücksicht 
auf das Zeitalter der Aufklärung, in dem man sich 
befände, dazu aufgefordert, sich nun endlich mittel¬ 
alterlichen Träumereien ganz zu entschlagen und der 
vernünftigen Naturbetrachtung sich zuzuwenden. 

Viele Erscheinungen in der Entwickelung der 
Geographie dürften, wie ich auf Grund langjähriger 
Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte unserer 
Wissenschaft glaube behaupten zu können, geeignet 
sein, das oben Gesagte zu illustrieren. In seiner 
ganzen Wahrheit tritt es uns auch entgegen bei dem 
uns hier beschäftigenden Gegenstände, der Lehre von 
den Strömungen in den Meeresstrassen. Wie schon 
oben bemerkt, erhielt sich die Vorstellung des Alter¬ 
tums und des Mittelalters über die unterirdische Ver¬ 
bindung der Meere unter einander und zwischen 
Meer und Quelle, sowie auch die Annahme grosser 
unterirdischer, wassererfüllter Hohl räume während 
des 16., 17. Jahrhunderts, ja bis ins 18. hinein, um 
einerseits bei gewissen Meeresbecken den sich da¬ 
selbst trotz des Zuflusses wasserreicher Ströme fin¬ 
denden Salzgehalt und andererseits den Umstand zu 
erklären, dass trotz desselben Grundes keine Ueber- 
flutung herumliegender Landesteile stattfinde. 

Wir können hier nur einige Beispiele anführen. 

Dass Lionardo da Vinci das Kaspische Meer 
und den Pontus unterirdisch verband, ist schon weiter 
oben berührt worden. 

Petrus Gyllius erklärte die ihm durch Fischer 
bekannt gewordene Thatsache einer Unterströmung 
im Bosporus durch die Annahme, dass sich daselbst 
befänden »quosdam abyssos et voragines, in quarum 
altitudinem contrariis fluctibus praecipitia agantur, 
eaque demergantur« *). 

Konrad Vorst lässt das Wasser des Oceans, als 
des »promptuarii omnis humiditatis«, zu den Quellen 
»per varios et sinuosos terrae aufractus« gelangen 2 ). 

Giovanno Botero, den wir noch weiter unten 
vorteilhaft kennen lernen werden, glaubt unserer 
Frage begegnen zu können mit dem Hinweis: »Gott 
habe dem Wasser tausend Wege geöffnet, uns un¬ 
bekannt, durch welche es ohne Gewalt sich zu den 
Spitzen der Berge erhebe« 3 ). 

Der bereits citierte Paulus Merula nennt als 
Gründe für eine nicht eintretende Ueberflutung fol¬ 
gendes : 

1. die Grösse des Oceans sei so kolossal, dass 
das durch Flüsse zugeführte Wasser dagegen gänz¬ 
lich verschwinde, 

2. das bittersalzige oceanische Wasser verzehre 
das süsse Wasser, 

alters der Revolution, I, Hamburg 1845, S. 43 und folg. Ein¬ 
zelne der oben genannten Sätze sind direkt hieraus genommen. 

1 ) A. a. O., Fol. 3114. 

2 ) Theses physicae etc., Herbornae 1591, § 65. 

3 ) Le Relationi del Mare etc., Venet. 1599, p. 247. 

64 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 




3. die Wolken zögen einen grossen Teil des 
Wassers an sich, 

4. teils führten die Winde es weg, teils ver¬ 
dunste es durch die Sonnen wärme, 

5. durch unterirdische, verborgene Kanäle ge¬ 
lange das Meerwasser, auf seinem Wege ausgesüsst, 
wieder zu den Quellen. 

Aber von diesen fünf bisher, wie er bemerkt, 
angegebenen Gründen setzt er in praxi nur den letzten 
in Wirksamkeit. Er weiss mit dem durch Wolga 
u. s. w. dem Kaspischen Meer zugeführten Wasser 
nichts anderes anzufangen, als es durch unterirdische 
Kanäle zum Pontus abzuführen. »Quae igitur la- 
buntur in Caspium voragine quadam subterranea 
ex illis carceribus recipiuntur in Pontum«. Jedoch 
wollen wir nicht verschweigen, dass er den Träume¬ 
reien eines am Nordpol befindlichen Schlundes, zu 
welchem in vier Kanälen die oceanischen Wasser 
abgeführt würden, um wieder in den Quellen ihre 
Auferstehung zu feiern, gänzlich fern steht; ja er 
giesst über diese die ganze Schale seines Spottes 
aus *). 

Wenn Gerhard Johann Vossius im Jahre 1641 
noch in einem Abfluss der überschüssigen Mittel¬ 
meergewässer zum Ocean die Rettung der Mittel¬ 
meerländer infolge göttlicher Weisheit erblicken 
konnte, so war John Greaves 1646 hierzu nicht 
mehr imstande. Er hatte mit eigenen Augen die 
Zuströmungen sowohl aus dem Pontus wie aus dem 
Ocean durch die Gibraltar-Enge beobachtet. Deshalb 
gab’s für ihn nur einen Ausweg: »wherefore I ima- 
gine it to be no absurdity in philosophy to say that 
the earth is tubulous, and that there is a large pas- 
sage under ground from one sea to another«. An¬ 
derenfalls müsste ja auch das Kaspische Meer über¬ 
fluten und schon längst ausgesüsst sein. Greaves 
glaubt seine Spekulation stützen zu können durch 
die Bemerkung, er habe im Mittelmeer bei einer 
Messung noch in 1045 Faden keinen Grund ge¬ 
funden 2 ). 

Sein Zeitgenosse Georges Fournier erklärt 
es für eines der grössten Wunder, dass das Kaspische 
Meer trotz so reicher Wasserzufuhr nicht wachse 
und über seine Ufer trete. Aristoteles habe dies 
schon bemerkt und deshalb einen grossen unter¬ 
irdischen Kanal nach dem Schwarzen Meere hin an¬ 
genommen. Dasselbe aber sei auch der Fall mit an¬ 
deren Meeren, überhaupt mit allen »mers int£rieures«. 
So erhalte auch das Mittelmeer nicht nur grossen 
Zuwachs durch zahlreiche Flüsse, sondern auch von 
Seiten des Schwarzen Meeres. Ja auch der Ocean 


l ) Cosmographia generalis, 1605, p. 137, 141, 165 und 
folg. Uebrigens findet sich dieser nordpolare Schlund nicht erst 
bei dem von Merula citierten englischen Minoriten aus Oxford, 
sondern schon Adam von Bremen bemerkt (Hamburgische 
Kirchengeschichte, IV, 39), dass der Erzbischof Adalbert darüber 
genaueren Bericht erhalten habe. 

a ) Pynunidographia etc., London 1646, in a Collection of 
voyages etc., London 1752, p. 644 folg. 


sende in dasselbe mehr Wasser hinein, als er von 
dorther zurück erhalte. Wenn man ausserdem be¬ 
denke, dass, wie ältere Geographen behaupten, einst 
ein Spanien und Afrika verbindender Isthmus vor¬ 
handen gewesen, so könne es keinem Zweifel unter¬ 
liegen, »que dans cette mer il y a quelques canaux 
souterrains, par lesquels cette mer se decharge soit 
dans la Mer Rouge, soit par quantit£ de prodigieuses 
sources que nous remarquons en divers lieux de 
PAfrique et de PEurope«. Dasselbe sei auch der 
Fall z. B. mit der Ostsee, denn anderenfalls müsste 
ja der Ausfluss durch die Sunde zur Nordsee mit 
mindestens derselben Schnelligkeit erfolgen, wie die 
Strömung in Flüssen, gegen welche die Schiffe nur 
schwer ankämpften. Uebrigens seien auch schon 
ältere Schriftsteller seiner Ansicht gewesen. 

Dass dieser Grund der richtige, gehe auch weiter 
noch daraus hervor, dass diese »mers interieures« 
ohne Gezeiten wären, deren wichtigste Ursache sei 
»le bouillonnement que la lune cause dans la mer«. 
Fournier versucht die Erscheinung plausibel zu 
machen durch den Vergleich eines Mittelmeeres mit 
einem beständig über Feuer stehenden Topf Wasser 
oder Milch; »s’il y avait au fond quelque canal, par 
lequel Peau 011 le laict se peut escouler, bien que 
vous y versassiez continuellement autant qu’il en 
sortirait par en bas, ce bassin toute fois, quoy que 
demeurant sur le feu continuellement, ne se rem- 
plirait jamais, et ne s'esleuerait en bouillons, tant 
parce que la froideur nouvelle occuperait le feu, et 
que le poids de Peau tombante en bas pour s’ecouler, 
rabaterait les vapeurs qui voudraient s’esseuer pour 
le fair gonfler«. Wenn man ihn fragen würde, wo 
denn dergleichen »abysmes« seien, so antworte er: 

1. sie seien notwendig, müssten also auch sein, 

2. sie befänden sich an so tiefen Stellen, dass 
sie an der Oberfläche nicht bemerkbar, 

3. einige thatsächliche Beispiele könne man leicht 
nennen. 

Wir übergehen dieselben, bemerken nur noch, 
dass er sonderbarerweise bei dem Mittelmeer nicht 
die Verdunstung zur Erklärung heranzieht, obwohl 
er doch äquatorwärts gerichtete Meeresströmungen 
durch eine Niveaudiff'erenz erklärt, entstanden einer¬ 
seits durch starke äquatoriale Verdunstung, anderer¬ 
seits durch kräftige polare Niederschläge. Wir fügen 
zu seiner weiteren Ehrenrettung hinzu, dass er hier¬ 
bei von polaren Erdschlünden nichts wissen will: 
»que les ignorans feignent estre en ces quartiers« *). 

Wir wenden uns zu Varenius. Derselbe hat 
an verschiedenen Stellen seines Werkes Stellung zu 
unserem Gegenstände genommen, so bei der Be¬ 
handlung der Tiefe der Meere. Nirgends sei die¬ 
selbe unendlich, wenn er auch durchaus nicht leugnen 
wolle »in profundis alveis quasdam quasi voragines 
vel alios subterraneos meatus esse«. An einer an¬ 
deren Stelle heisst es, das Wasser, welches die Quellen 


l ) Georges Fournier, Hydrographie etc., 338—355, 362. 


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I.)ic Strömungen in den Meeresst l assen. 


503 


beständig ins Meer sendeten, müsste notwendiger¬ 
weise zu ihnen zurückkehren, entweder »per sub- 
terraneos meatus« oder auf andere Weise. Nichts 
hindere die Annahme mehrerer solcher unterirdischer 
Kanäle. Aber er fügt weiter kritisch hinzu: »etsi 
admittamus meatus illos subterraneos, tarnen non 
ideo concedendum quoque est quod ad aliam alvei 
oceani partem progrediantur sive in eam exeant«. 
Zur Hälfte jedoch zieht er diesen Satz zurück, in¬ 
dem er sofort wieder die Möglichkeit zugesteht. Er 
beantwortet deshalb die Frage, weshalb der Ocean 
trotz so starken Zuflusses nicht grösser werde, nicht 
bloss mit der Verdunstung, sondern auch mit unter¬ 
irdischen Gängen, durch welche das Wasser aus dem 
Ocean zu den Quellen zurückkehre*). Die Ver¬ 
dunstung ist ihm in keiner Weise hinreichend, um 
der Zufuhr durch die Flüsse auch nur annähernd 
das Gleichgewicht zu halten. Wollte man leugnen, 
»occulto itinere maris aquam subire terras et in 
transitu in sinceram aquam transire«, so »ne cogi- 
tari quidem posse, quomodo mare non augeatur in 
immensum« 2 ). Es Hessen sich noch viele derartige 
Beispiele anführen, als Beweis dafür, dass Varenius 
unterirdischen Kanälen nicht ganz abhold gewesen 3 ). 

Der ebenfalls schon weiter oben genannte Li- 
bertus Fromondus widmet das fünfte Buchseiner 
»Meteorologica« den Erscheinungen der Wasserwelt. 
Er unterscheidet sofort Wasser, welches unterirdisch 
verborgen ist, und oberflächliches. Jenes laufe dahin 
in verborgenen Gängen oder ruhe in grossen Hohl¬ 
räumen. Die Heilige Schrift und Plato sind ihm 
hierfür Gewährsmänner. Auch ihm bedeuten diese 
unterirdischen Kanäle Vorkehrungen gegen die Ge¬ 
fahr oceanischer Ueberfüllung. Dass er aber auch 
der Verdunstung ihren Anteil hierbei zuerkennt, 
dürfte daraus ersichtlich sein, dass nach ihm die 
Wassermassen der Flüsse doch wesentlich atmosphä¬ 
rischen Ursprungs sind 4 ). 

Mehr noch vertraute auf die Wirkungen unter¬ 
irdischer Verbindungen der Jesuit Baptista Ric- 
cioli. Derselbe war zwar auch der Ansicht, dass 
ein Teil des zufliessenden Wassers wieder durch 
Verdunstung dem Meere entzogen werde, was aber 
durchaus nicht hinreiche, um eine Ueberflutung zu 
verhindern. In Wirklichkeit leisteten dies unter¬ 
irdische Kanäle »per quos partim agitatione et im- 
pulsu maris, partim attractione facta, aquae redeunt 
ad lacus, fontes, aliasque scaturigines, et partim ele- 
vatione facta vi subterraneorum ignium«. Seine Haupt¬ 
stütze ist der schon weiter oben genannte biblische 
Satz: »alle Flüsse laufen ins Meer, und doch fliesst 
es nicht über; denn an ihren Ursprungsort kehren 
sie zurück, um von neuem zu fliessen« 5 ). 


! ) Varenius, Geographia generalis, 1671, p. 143, 145, 
147, 149, 161. 

*) A. a. O., p. 226, 150. 

3 ) p. I99, 200, 209—211, 215, 216, 227, 293, 3OI. 

4 ) London 1656, p. 269, 330. 

5 ) Geographia reformata, Bononiae 1661, Fol. 450. 


Wohl ihren Höhepunkt hat diese ganze graue 
Theorie erreicht bei Athanasius Kircher, der 
seinem geophysikalischen Werke sogar den Titel 
»Mundus subterraneus« auf die Stirne drückte. Wir 
müssen versuchen, uns möglichst kurz zu fassen. 
Kircher unterscheidet einen dreifachen Kreislaut 
der Gewässer: 

1. den »generalis«. Der Ocean strömt vom Nord¬ 
pol »per viscera« des Erdballes und tritt wieder beim 
Südpol heraus; 

2. den »specialis«. Alle Meere stehen mitein¬ 
ander durch unterirdische Kanäle in gegenseitiger 
Verbindung; 

3. den »particularis«. Das Meer gibt durch unter¬ 
irdische Kanäle reiche Wassermassen ab an gewaltige, 
unter den Berg- und Gebirgsmassen befindliche Hohl¬ 
räume. Diese heissen »Hydrophylacia« und speisen 
ihrerseits Quellen, Flüsse und Seen; unter diesen 
wieder vor allen solche mit Zufluss, aber ohne sicht¬ 
baren Abfluss. Die durch Verdampfung den Flüssen 
zugeführten Wasserschätze seien ganz ungenügend 
zu deren Erhaltung. 

Was den »motus particularis« betrifft, so dachte 
sich Kircher unter allen Isthmen solche Kanäle, 
z. B. unter dem von Suez, so dass hier eine Ver¬ 
bindung des Mittelmeeres mit dem Roten Meer her¬ 
gestellt wurde. Das Kaspische Meer hatte »subter- 
ranea commercia« mit dem Schwarzen und Persi¬ 
schen Meer, die Ostsee ausser der sichtbaren Ver¬ 
bindung mit der Nordsee noch zwei unsichtbare, 
eine solche mit dem Nordatlantischen Ocean und 
eine zweite mit dem Weissen Meer. 

Die Einheit des Oceans sei nicht bloss eine ober¬ 
irdische, sondern werde vor allem auch durch unter¬ 
irdische »reciproca circulatio«, »per mutas aquarum 
communicationes« hergestellt*). 

Von anderen Schriftstellern fügen wir nur noch 
hinzu Johannes Herbinius, welcher vermeinte, 
über diese »occultae semitae« nicht mehr bloss aus 
Kircher, sondern durch die Vernunft selbst belehrt 
zu sein 2 ). 

So gelangen wir ins 18. Jahrhundert. Da be¬ 
gegnet uns auf dem alten Schauplatze, um nur 
einige bedeutendere Männer zu nennen, im Jahre 
1712 der berühmte Engelbert Kämpfer, der in 
den Jahren 1683 —1687 als schwedischer Legations¬ 
rat von Schweden bis an den Persischen Meerbusen 
gereist war. 

Er beginnt zwar seinen Bericht über das Kas¬ 
pische Meer mit einer lebhaften Kritik des Atha¬ 
nasius Kircher. Derselbe habe von »gurgites 
verticosi, spectabiles quidem et in maris superficie 
comparentes«, durch welche das überschüssige Wasser 
»horrendo tumultu« zum Schwarzen und Persischen 
Meere abgeführt werde, so lange geredet, dass sogar 
Reisende, die dieses Meer besuchten, aber sicherlich 

') Amsterdam 1665, p. 78, 85, 87, 112, 122, 128, 233 etc. 

*) A. a. ü. 


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50 4 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


nichts dergleichen gesehen, ihm zustimmten, wahr¬ 
scheinlich um nicht zu Hause der Nachlässigkeit bei 
ihren Beobachtungen geziehen zu werden. Wenn 
Eingeborene diesen Reisenden zustimmende Ant¬ 
worten gegeben, so gibt Kämpfer hierfür eine ganz 
vortreffliche Erklärung. Noch heute ist dieselbe 
belehrend: »est haec sub illo coelo hominibus aliis 
modestia et gratificandi Studium, ut quaesitis semper 
annuant; aliis morositas, ut balbutientium pertaesi 
se expediant facilius, si id affirment interrogati, quod 
non intelligunt vel nesciunt«. 

Ihm seien diese »gurgites« reine Wahngebilde. 
Die Anwohner hätten ihm das zugeschworen, ebenso 
die Seeleute, welche das Kaspische Meer befuhren, 
auch er habe davon nichts bemerken können auf 
seiner Seefahrt. (Fortsetzung folgt.) 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 

Von C. Ballod (Jena). 

(Schluss.) 

Die Mandiocawurzel verlangt einen trockenen, 
am liebsten sandigen oder kiesigen Boden, sie be¬ 
vorzugt steile, sonnige Hänge, missrät dagegen leicht 
an der Schattenseite der Berge, sowie auf schwerem, 
lehmigen Boden oder in den fetten Flussauen. Aus der 
Mandiocawurzel werden durch Abschaben der Knollen, 
Zerreiben zu einem Brei, Auspressen des giftigen 
Saftes unter einer starken Presse, endlich Rösten in 
einer rotierenden Trommel das Mandiocamehl be¬ 
reitet, welches die Brasilianer zu allen Mahlzeiten 
anstatt Brot nehmen, der Geschmack erinnert an 
Sägespäne, mit heissem Wasser zu einem Brei an¬ 
gerührt an rohe Klösse. Sehr nahrhaft ist dieses 
Mehl nicht, da es ausser Holzfaser, die in einem 
beträchtlichen Prozentsatz enthalten ist, fast nur 
Stärkemehl enthält. Vier Kilo Wurzeln liefern ge¬ 
wöhnlich ein Kilo Mehl. Die Erträge sind nicht 
genau zu bestimmen, doch ist es sicher gewaltig 
übertrieben, wenn Stutzer 20000 Pfund Farinha 
vom Morgen *) = 160000 Kilo Wurzeln pro Hektar 
rechnet oder Sellin gar 1800 Kilo Wurzeln pro Ar 1 2 ) 
— 180000 pro Hektar annimmt (an Rüben erntet 
man in Deutschland durchschnittlich 25 000 und nur 
auf bestem Boden bis zu 40000 Kilo pro Hektar, 
Kartoffeln durchschnittlich 10000, im besten Falle 
20000 Kilo pro Hektar). Andere Autoren, z. B. Wo 1 de¬ 
in ar Schultz (S. 182) geben dagegen zu niedrige 
Ziffern an, er rechnet 320 Alqueiren Farinha von 
10000 Quadrat-Brassen Land = 10000 Kilo Wurzeln 
pro Hektar, das dürfte nur in den verhältnissmässig 
wenig fruchtbaren Ländereien von Donna Francisca 
zutreffen. Im allgemeinen werden für guten Boden 
wohl die Angaben von Simmonds richtig sein, wo¬ 
nach 10000 Quadrat-Brassen (= 4,8 ha) Land mit 
40000 Mandiocapflanzen bestanden, 80000 Pfund 

1 ) Stutzer, Das Itajahythal, S. 54. 

2 ) Sellin, Brasilien, I. T., S. 174. 


Mehl geben *), was 33 300 Kilo Wurzeln pro Hektar 
entspricht. Damit stimmen einigermaassen die An¬ 
gaben von Gülich, der 46000 Kilo Wurzeln pro 
Hektar Ertrag rechnet 2 ) und meine persönlichen 
Erkundigungen. Die Mandiocawurzel bietet den 
Vorteil, dass man sie das ganze Jahr frisch aus der 
Erde holen kann, was mit den übrigens ebenfalls gut 
fortkommenden Rüben nicht der Fall ist. 

Die wertvollste Kulturpflanze in Santa Catharina 
ist unstreitig der Kaffeebaum, nur ist derselbe gegen 
Frost sehr empfindlich, jedenfalls empfindlicher wie 
das Zuckerrohr, nicht umgekehrt, wie v. Tschudi 3 ) 
und nach ihm sogar Wappäus 4 ) behauptet. Am 
Nordarm des Tubaräo wird an den Berglehnen über¬ 
all noch mit gutem Erfolge Zucker gebaut, während 
die Kaffeesträucher in den geschütztesten Lagen, an 
Häusern u. s. w. vom Frost leiden, so dass die 
Beeren vor der Zeit schwarz werden und abfallen. 
Sicher ist der Kafteebau nur an der Küste und auf 
den Inseln, doch wird er noch an den nördlichen 
Hängen, der Sonnenseite der Küstenflüsse gepflanzt, 
in den Thälern erfriert er. Am Itajahy kommt er 
noch einfe beträchtliche Strecke in der Kolonie Blu- 
menau hinauf fort und es könnte dort jedenfalls be¬ 
deutend mehr Kaffee gepflanzt werden, als es jetzt der 
Fall ist, wo Kaffee noch eingeführt wird. In Donna 
Francisca steht dem Anbau die geringwertige Boden¬ 
qualität entgegen, auch scheinen daselbst die Hügel 
weniger frostsicher zu sein, wie die am Itajahy. Am 
Tubaräo wird an den Berghängen noch bis zur Ein¬ 
mündung des Nordarmes Kaffee gepflanzt, ja er 
kommt selbst an einigen geschützten Hügelhängen 
am Ararangua noch fort. Der Kaffee reift in Santa 
Catharina allerdings unregelmässiger als im mittleren 
Brasilien, auch die Erträge sollen geringer sein, doch 
hat man in Blumenau Erträge von 6—8 Pfund Kaffee 
pro Baum erzielt, also kaum weniger als in den 
besten Kaffeelagen von Sao Paulo; wo die klima¬ 
tischen Bedingungen es zulassen, ist der Kaffeebau 
von allen Kulturen die lohnendste. Der Kaffeebaum 
verlangt aber auch sorgfältige Behandlung, er muss 
öfters (in S. Paulo 5 — 6mal jährlich) von Unkraut 
gereinigt werden, wobei das in den Zwischenräumen 
der Bäume gewachsene Unkraut abgehackt und an 
die Baumscheiben angehäuft werden muss. In Säo 
Paulo werden bei der Verpflanzung von 1—2jährigen 
Pflänzlingen öfters bis zu 1 cbm grosse Baumlöcher 
ausgehoben und nachher mit lockerer Erde, Laub, 
Dünger angefüllt, welche Sorgfalt in Donna Francisca 
auf notorisch schlechtem Boden unbekannt ist. Die 
Erträge betragen pro Hektar ä 1000 Bäumen in voller 
Tragfähigkeit (nach dem sechsten Jahr) 900—3000 
Kilo je nach Boden und Behandlung. Eine Arbeiter¬ 
familie hat in den Kaffeeprovinzen gewöhnlich 3 bis 
4000 Bäume in Behandlung. 

1 ) Simmonds, Tropical Agriculture, London 1877, S. 350. 

2 ) Deutsche Kolonialzeitung 1886, S. 416. 

3 ) J. v. Tschudi, Reisen in Südamerika, III. Bd., S. 357. 

4 ) Wappäus, Brasilien, Leipzig 1871, S. 1809. 


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Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


5<>5 


Nächst dem Kaffee ist das Zuckerrohr die lohnendste 
Kulturpflanze. Am besten gedeiht es auf dem Alluvial¬ 
boden am Unterlauf der Flüsse, tiefer im Lande und 
auf den höher gelegenen Ländereien müssen einiger- 
maassen frostsichere, vorzugsweise östliche und nörd¬ 
liche Hänge ausgesucht werden. Ein geringer Frost 
beschädigt übrigens bei dicht stehendem Zuckerrohr 
nur die Blätter und Spitzen des Rohres, selten das 
Rohr selbst, so z. B. tritt am Nordarm des Tubaräo 
jeden Winter Frost auf, trotzdem erzielen die Kolo¬ 
nisten daselbst schönen Zucker. Nach Spielberg 1 ) 
kommen in Tucuman Fröste bis zu 6° C. vor, wo¬ 
bei auf dichten Zuckerrohrfeldern nur die Spitzen 
des Rohres erfrieren. Indessen sind doch auch im 
"Küstengebiet von Santa Catharina weite Gebirgsteile 
im Innern für Zuckerrohr zu kalt oder haben einen 
zu schlechten Boden. Eine grössere Zuckerfabrik 
mit neueren Einrichtungen gibt es bloss in der Kolonie 
Donna Francisca, sonst wird das Rohr noch durch¬ 
weg nach uralter Art zwischen drei hölzernen Walzen, 
die durch ein von Ochsen bewegtes Göpelwerk 
(stellenweise auch durch ein Wasserrad) in Bewe¬ 
gung gesetzt werden, ausgepresst, dabei geht ein 
grosser Teil des Saftes unbenutzt verloren, man ge¬ 
winnt höchstens 4—5 °/o vom Rohrgewicht an Zucker, 
während eiserne Walzen eine Ausbeute von 7 — 8 °/o 
gewähren; mittels des Diffusionsprozesses lässt sich 
der Ertrag sogar auf 12—13 °/o steigern, allein da¬ 
zu sind vervollkommnete Einrichtungen in grösseren 
Anlagen notwendig. Es ist wohl sicher, dass wenn 
die Gewinnung des Rohrzuckers ebenso sachgemäss 
betrieben würde wie die des Rübenzuckers, eine 
Konkurrenz des letzteren mit dem Rohrzucker auf 
dem Weltmärkte kaum möglich wäre, da der Saft 
des Zuckerrohrs viel weniger auszuscheidende fremde 
Bestandteile enthält als der Rübensaft, daher leichter 
zu verarbeiten ist, ausserdem liefert Zuckerrohr auf 
gutem Boden bedeutend höhere Erträge als die Rübe. 
Man rechnet in der eigentlichen Tropenzone bis zu 
100000 Kilo Rohertrag pro ha, gegenüber 40000 
Kilo Rüben auf bestem Boden. In Santa Catharina 
freilich dürften im Mittel kaum über 50000 Kilo Rohr 
pro Hektar geerntet werden; Woldemar Schultz 
(S. 185 f.) rechnet sogar nur 320 Arroben (4800 Kilo) 
Zucker von 4,8 ha Land, also höchstens 25000 Kilo 
Rohr, auch dies dürfte nur für mittelmässige Lände¬ 
reien stimmen; J. v. Tschudi 2 ) rechnet im Itajahy- 
thal durchschnittlich 50 Arroben (750 Kilo) Zucker, 
nebst einer Pipe (480 1 ) Branntwein vom preussi- 
schen Morgen, gleich etwa 60000 Kilo Rohr pro ha, 
auf gut gedüngtem Auenboden sogar um 50°/o mehr. 
Der Zuckergehalt des Rohrs dürfte zwar geringer 
sein als in der eigentlichen Tropenzone, wo er mit¬ 
unter auf 18—22°/o steigt, allein unter 15 °/o dürfte 
er, ähnlich wie in Tucuman nicht sinken, damit 
kommt er immer noch dem Zuckergehalt guter 


*) Deutsche Kolonialzeitung 1885, S. 145. 
a ) Reisen durch Südamerika, Bd. III, S. 395. 


Rüben gleich, übertrifft aber den Durchschnittsge¬ 
halt derselben. Gegenwärtig wird (abgesehen von 
Donna Francisca) nur Rohzucker erzeugt; der aus¬ 
gepresste Saft wird nämlich in offenen Pfannen, die 
bis zu 2 m Durchmesser haben, eingedickt, dann 
in grosse Tröge mit durchlöchertem Boden gegossen, 
damit der Syrup abfliessen kann. Auf diese Art 
können 2—3 Menschen, bei starkem Holzverbrauch, 
kaum 100 Kilo Rohzucker täglich herstellen. Der 
Syrup und oft auch schon der Saft des Zuckerrohrs 
wird mittels sehr primitiver Einrichtungen zur Be¬ 
reitung eines Branntweins von schwachem (8—i6°/o) 
Alkoholgehalt, des Cacha^a benutzt. Dieser Cachaca 
hat jung einen unausstehlichen Fuselgeschmack, wird 
aber mit der Zeit besser. Auch der Zuckerrohr¬ 
anbau wäre in Santa Catharina noch einer bedeu¬ 
tend grösseren Ausdehnung fähig, erzeugt doch das 
kleinere Natal in Südafrika, das ähnliche klimatische 
Bedingungen aufweist, 25 000 Tons Zucker jährlich, 
Santa Catharina schwerlich auch nur den vierten 
Teil davon. Tüchtige Kolonisten am Bra^o do Norte 
erzielen trotz ihrer unvollkommenen Einrichtungen 
mitunter 3—500 Arroben (ä 15 Kilo) Zucker, nebst 
entsprechenden Mengen Cachaca. 

Grosse Hoffnungen hat man früher auf den 
Tabakbau gesetzt, allein Südbrasilien erzeugt keine 
hochwertige Sorte; Blumenauer und Santa Cruz 
Tabak wertete 3—4 Milreis (6—8 M.) die Arrobe 
(15 Kilo), während Bahiatabak kaum unter 15 Mil¬ 
reis zu haben ist. Allerdings mag ja die Kultur 
und Behandlung der Blätter nicht sachgemäss genug 
sein, mit dem wertvolleren Tabak aus dem nörd¬ 
lichen Brasilien wird der südbrasilische indessen nie 
konkurrieren können. Dabei verlangt der Tabak 
fruchtbaren Boden, den er schnell erschöpft. Die 
Mittelerträge sollen in Blumenau 900—1200 Kilo 
fertige Blätter pro Hektar betragen. 

Für Baumwolle ist das Klima wohl zu gleich- 
mässig feucht, es fehlt an einer, wenn auch nur 
kurzen Trockenzeit, wie in Säo Paulo, die zur Reife 
der Baumwollenstaude nötig ist; auch der ihr zu¬ 
sagende sandige Boden ist zu wenig vertreten. Für 
den Hausbedarf wird die Baumwolle von manchen, 
namentlich italienischen Kolonisten gezogen. 

In der Mitte der 80er Jahre setzte man auch 
auf Ramie (Chinagras), der auf dem Schwemmlande 
der Flüsse vortrefflich gedeiht, grosse Hoffnungen, 
allein es fehlt noch an einer im Handel erhältlichen 
geeigneten Entfaserungsmaschine. In Blumenau sollte 
gegenwärtig eine Fabrik für Ramieverarbeitung an¬ 
gelegt werden. Viel geredet wurde früher über den 
Anbau von »hochwertigen« Droguen 1 ), allein was für 
hochwertige Droguen gezogen werden könnten, wäre 
noch nachzuweisen. Süd- und sogar mittelbrasi¬ 
lianische Vanille enthält fast kein Vanillin, sogar 


J ) Cf. W. v. Hundt, Santa Catharina, Einleitung; Julius 
Jencke, Ackerwirtschaft in Südbrasilien; Deutsche Kolonial¬ 
zeitung 1885, Nr. 6 und 7. 


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50 6 


Der Staat Santa Catharina in Südbrasilien. 


die nordbrasilianische ist nicht konkurrenzfähig*), 
brasilianischer Copaivabalsam ist zu dünnflüssig, von 
Sassaparilla wird wenigstens in Deutschland nur die 
Hondurassorte zugelassen 2 ). Die Chinarinde enthält, 
wie bereits früher erwähnt, kaum Spuren von Chinin, 
auch der Cocastrauch, den man in Säo Paulo an¬ 
gepflanzt hat, lieferte ein ähnliches Resultat wie der 
Chinabaum: es fehlte den Blättern das Cocain. So¬ 
gar der echte Theestrauch kommt in Brasilien schlecht 
fort, in Säo Paulo gibt es mehrere Theeplantagen, 
darunter eine im Municipium Itü von 500000 Bäumen 
(cfr. Kärger, Brasil. Wirtschaftsbilder S. 300), der 
brasilianische Thee wertete 1890/91 im Lande nur 
2—2V2 Milreis das Kilo, während der eingeführte 
indische oder chinesische den dreifachen Preis hatte. 
Der brasilianische Thee ist, wie bereits T s c h u d i 
ganz richtig bemerkt 3 ), äusserst bitterlich und regt 
dabei weit stärker auf als der chinesische; in Europa 
würde er daher keinen Absatz finden. Es mag sein, 
dass das gleichmässigere feuchte Klima des Küsten¬ 
striches von Santa Catharina dem Thee besser zu¬ 
sagt, als das von Säo Paulo, allein es fehlt vorläufig 
noch alle praktische Erfahrung darüber. Was den 
in Südbrasilien überall auf dem schlechtesten Boden, 
vorzugsweise des Hochlandes, vorkommenden Mate¬ 
strauch (Ilex paraguayensis) anlangt, so wird der 
aus seinen Blättern durch Dörren und Zermahlen 
zu Pulver bereitete Mat£ nur in den Laplata-Ländern 
und Chile abgesetzt; in Europa ist er unverkäuf¬ 
lich, zumal er einen von dem Dörren im Walde 
über offenem Feuer herrührenden rauchigen Ge¬ 
schmack besitzt. Gut behandelt und sorgfältig in 
einem Ofen gedörrt, ist er allerdings besser und 
dürfte den geringeren Sorten des chinesischen Thees 
nicht viel nachstehen, allein in Europa dürfte er 
doch schwerlich viel Anklang finden. Anpflanzungen 
würden bei dem niedrigen Preise (er kostete 1890 
in den Hafenstädten höchstens 3 Milreis die Arrobe) 
sich kaum lohnen, da er auf dem Hochlande häufig 
genug vorkommt, oft ganze Holzbestände bildend. 
Die Jesuiten haben ihn im vorigen Jahrhundert aller¬ 
dings anpflanzen lassen, allein sie hatten an ihren 
bekehrten Indianern Arbeiter, die ihnen nichts 
kosteten. 

Es bliebe vielleicht noch der Weinbau übrig, 
allein der Erzeugung einer guten Sorte stellt das 
gleichmässig' feuchte Klima von vornherein eine un¬ 
günstige Prognose. Thatsächlich kommt in Santa 
Catharina nur die amerikanische Rebe, nicht die 
europäische fort; die ersten Ansiedler der Insel Santa 
Catharina, die aus der Insel Madeira kamen, werden 
es wohl an Versuchen mit ihrer heimatlichen Rebe 
nicht haben fehlen lassen. Die gewöhnlich ange¬ 
pflanzte amerikanische Isabelltraube gibt zwar einen 
bedeutenden Ertrag, allein die Beeren reifen un- 
gleichmässig und haben einen fuchsigen Geschmack, 

*) Export 1887, S. 107. 

2 ) Ebenda, S. 108. 

3 ) Reisen durch Südamerika, l»d. IV, S. 106. 


so dass der daraus bereitete Wein, namentlich wenn 
die unreifen Beeren nicht ausgelesen sind, kaum 
besser ist als Essig, wozu auch die ungünstige Reife¬ 
zeit der Beeren mitten in der heissen Jahreszeit, und 
infolge dessen, zu schnelle Gährung beiträgt. In 
Säo Paulo hat man mit einigen anderen nordameri¬ 
kanischen, spät reifenden Reben bessere Erfolge er¬ 
zielt, allein das Klima des Hochlandes von Säo 
Paulo ist auch trockener als das des Küstengebietes 
von Santa Catharina, welches schwerlich jemals 
Wein ausführen wird. Gegenwärtig gibt es daselbst, 
namentlich bei italienischen Kolonisten, wohl einzelne 
Weinlauben, nicht aber grössere Anpflanzungen. 
Reis wird gegenwärtig in grösserem Maasstabe fast 
nur in Donna Francisca angebaut, woselbst sich 
auch eine grössere Reismühle befindet. Geerntet 
werden 24—64 hl an rohem Reis pro ha; beim Ent- 
schälen fällt die Hälfte als Bruchreis und Abfall weg, 
welcher letztere indessen als gutes Viehfutter ver¬ 
wendbar ist. Jedenfalls verdiente der Reis des hohen 
Preises wegen, der in Brasilien dafür bezahlt wird 
(1890: 12 Milreis = 24 M. pro Sack von 60 Kilo), 
grössere Beachtung als das bis jetzt der Fall ist. Der 
in Massen importierte indische Reis ist von geringerer 
Qualität als der brasilianische. Kolonisten, die sich 
nicht selbst Reisentschälungsmaschinen anschaffen 
können, bringt der Reisbau allerdings wenig Vor¬ 
teil, da sie ihn gewöhnlich zum halben Preise ver¬ 
kaufen müssen, als wenn sie ihn selbst entschälen 
könnten. 

Vortrefflich gedeihen die Bananen und Orangen. 
Die an der Küste gelegenen Ortschaften verschiffen 
bedeutende Mengen von Bananen nach den Laplata- 
Staaten. Dem Export von Orangen stehen die Aus¬ 
fuhrzölle und die komplizierten Transportverhältnisse 
entgegen, auch fehlt es noch an grösseren Anpflan¬ 
zungen; eine kleine Orangenpflanzung hat dagegen 
fast jeder Kolonist. Wenn Dr. Mayr meint, die 
Orangen und Trauben aus feuchten und feucht¬ 
warmen Gebieten erreichen nie den Wohlgeschmack 
und das Aroma solcher, die in trocken warmen Ge¬ 
genden gewachsen sind *), so stimmt das wohl für 
die Trauben, aber nicht für die Orangen von Santa 
Catharina, da sie an Aroma und Wohlgeschmack 
schwerlich den sizilianischen oder tangerischen nach¬ 
stehen und somit wohl einen wichtigen Exportartikel 
liefern könnten. Aus dem Saft der Orangen wird 
durch Zusatz von Zucker und Gährenlassen ein Wein 
hergestellt, der gut abgelagert, nicht so übel ist, 
jedenfalls dem aus Trauben hergestellten Erzeugnis 
weit überlegen ist. 

Die Bevölkerung; Schlussfolgerungen. 

Was die Urbewohner des Landes, die Bugres, 
betrifft, so gehören sie nach Dr. P. Ehrenberg 2 ) 
zur Ur-Ges-Gruppe, sie nennen sich selbst Sokleng. 

*) Dr. H. Mayr, Die Waldungen von Nordamerika, 
München 1890, S. 104. 

-) Petermanns Mitteil. 1891, S. 116. 


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Der Staat Santa Catharina in Südbrasilieti. 


Von manchen Autoren bind sie mit den ßotokuden 
verwechselt worden, letztere tragen jedoch Holz¬ 
pflöcke, die Bugres spindelförmige Holzzierrate. Ihre 
Hautfarbe ist ein Rotbraun; bei einigen Kindern, 
die von dem Direktor der Kolonie Grao Para er¬ 
zogen wurden, war Hautfarbe und Typus mongolen¬ 
ähnlich. Die Jesuiten sollen sie zu zähmen und zu 
bekehren verstanden haben, gegenwärtig stehen sie 
jedoch Brasilianern wie Kolonisten feindlich gegen¬ 
über, überfallen gern vereinzelte, schlecht bewaffnete 
Ansiedler und werden dann auch, wo sie sich nur 
sehen lassen, von den Ansiedlern wie wilde Tiere 
niedergeschossen. In Blumenau sollen seit dem Be- 
• stehen der Kolonie io—12 Ansiedler von ihnen 
getötet sein, je ebensoviel in Theresiopolis und 
Azambuja. Nach Angaben der Vermessungsbeamten 
der Kolonie Grao Para soll es an der Mailuzia, 
ihrem Hauptsitz, noch circa 2 — 3000 Bugres 
geben. 

Deutsche Kolonisten und deren Nachkommen 
mag es in Santa Catharina circa 50000 geben, 
Brasilianer portugiesischer Abstammung wohl 2 bis 
3 mal soviel, Neger und Mischlinge sind nicht sehr 
zahlreich. Italienische Kolonisten mag es jetzt an 
15000 geben. Die deutschen Kolonisten bewahren 
ihre Nationalität da, wo sie in dichten, kompakten 
Massen beisammen sitzen, in Blumenau, Donna 
Francisca, nicht aber in den Städten oder den Kolo¬ 
nien, wo sie viel mit Brasilianern in Berührung 
kommen; da werden zwar nicht die ersten Ein¬ 
wanderer, wohl aber deren Kinder und Enkel bald 
zu Brasilianern. 

Mit der Schulbildung ist es nicht zum besten 
bestellt; es gibt zwar von der Regierung subven¬ 
tionierte Schulen, allein die sind wenig zahlreich, 
und die Kolonisten sind meist gezwungen private 
Schulverbände zu bilden und Lehrer anzustellen. 
Da jedoch kein Schulzwang besteht, somit nicht 
alle Eltern ihre Kinder in die Schule schicken und 
die meisten Kinder nur auf kurze Zeit die Schule 
besuchen, da die Lehrer auch nicht durchweg zu 
den tüchtigsten Elementen gehören, woran zum Teil 
auch die kärgliche Besoldung schuld ist (manche 
Lehrer bekommen kaum 30—40 M. monatlich), so 
ist im allgemeinen selbst in den grossen deutschen 
Kolonien, Blumenau und Donna Francisca, in denen 
je zwei wöchentliche Zeitungen erscheinen, ein Bil¬ 
dungsrückschritt unverkennbar; sehr schlecht steht 
es mit Theresiopolis und Bra<;o do Norte, wo kaum 
je eine Schule besteht und dabei von 6—700 Kolo¬ 
nistenfamilien zusammen 1890 auf drei Zeitungs¬ 
exemplare abonniert wurde! Grao Para und Azam¬ 
buja hatten je eine schwach besuchte Schule. 

In deutschen kolonialfreundlichen Kreisen ist 
öfters auf den blühenden Zustand der deutschen 
Kolonien in Südbrasilien hingewiesen worden, ihre 
Entwickelungsfähigkeit und Geeignetheit für deutsche 
Auswanderer betont worden. Was jedoch die er¬ 
zielten materiellen Resultate betrifft, so halten sic 


507 

keinen Vergleich aus mit denen, die in anderen, 
von Engländern besiedelten subtropischen Kolonien, 
Australien und dem Kaplande erzielt worden sind. 
Während Australien auf den Kopf der Bevölkerung 
einen jährlichen Handelsumsatz (Import und Export) 
von 800 Mark aufweist und auch das Kapland, wenn 
man die allein produzierende europäische Bevölke¬ 
rung in Betracht zieht, kaum davor zurücksteht, 
beträgt der Jahresumsatz in dem reichsten brasilia¬ 
nischen Kaffeestaat Säo Paulo kaum 250 Mark per 
Kopf; in den deutschen Kolonien Blumenau und 
Santa Cruz (in Rio Grand) kaum 100—150 Mark 
[Export und Import von Blumenau betrug 1889 bei 
20000 Einwohner je etwa 640 Contos (1 */* Million 
Mark)]; nur in dem am günstigsten situierten Säo 
Louren^o in Rio Grande, Bra$o do Norte und Theresio¬ 
polis in Santa Catharina erhebt sich der Umsatz bis 
zu 300 M. [Theresiopolis hatte 1884 bei 350 Kolo¬ 
nistenfamilien etwa 30S Contos (500000) Ausfuhr *), 
ähnlich situiert ist Bra^o do Norte]. Woran liegt 
das ? Inferiorität der Deutschen gegenüber Engländern 
anzunehmen, geht kaum an, da deutsche Kolonisten 
in englischen Kolonien und Nordamerika vor den 
Engländern nicht zurückstehen. Es müssen also 
andere Gründe maassgebend sein und diese sind: der 
verschiedene Entwickelungsgang und die öffentlichen 
Zustände 2 ). Die englischen Kolonien entwickeln sich 
mehr von innen heraus, die Kolonisten gingen aus 
eigener Initiative hin und siedelten sich an, wo es 
ihnen gerade passte. Die Regierung schenkte ihnen 
keinen Pfennig, dafür aber konnten die ersten An¬ 
kömmlinge sich die geeignetsten und am günstigsten 
gelegenen Ländereien aussuchen, von denen sie je¬ 
doch nur eine bestimmte Fläche, die sie bewirt¬ 
schaften konnten (in Nordamerika bekanntlich 160 
Acres = 64 ha), occupieren durften, so dass die 
nachrückenden Ansiedler sich immer an die ersten 
unmittelbar anschlossen. Um die Kosten der An¬ 
siedelung aufzubringen und noch darüber Gewinn 


Cf. Export 1885, Nr. 21. 

*) Die meist untaugliche Leitung der Kolonien, der Mangel 
an Beispiel und Anspornung trägt mit die Schuld, dass der 
deutsche Kolonist verhältnismässig wenig zur Hebung des Landes 
beigetragen hat; er ist zwar fleissiger und arbeitstüchtiger als 
der Brasilianer, in der Bodenbearbeitung und augh sonst in vielen 
Beziehungen ist er aber auf die Kulturstufe der Brasilianer herab¬ 
gesunken — analoge Verhältnisse finden wir ja wieder bei den 
deutschen Kolonisten in Südrussland (cf. dazu den Artikel von 
Seeberg, »Ausland», S. 348 d. J.). Wenn in englischen Kolo¬ 
nien, sowie in Nordamerika der deutsche Kolonist nicht zurück¬ 
geblieben ist, so ist das auf den Einfluss der Umgebung zurück- 
zuführen und der beste Beweis dafür, dass es nicht genügt, 
Kolonisten aus alten Kulturländern unter kulturell niedriger 
stehenden Leuten sich ansiedeln zu lassen, damit letztere auf 
eine höhere Kulturstufe gebracht werden, sondern bei der Ver¬ 
schiedenheit der Verhältnisse der einzelnen Länder muss erst 
durch Leitung und Beispiel dafür Sorge getragen werden, dass 
die Kolonisten nicht selbst auf eine tieferen Standpunkt herab¬ 
sinken. Dass die Deutschen in Nordamerika nur da am meisten 
leisten, wo sie mit Amerikanern zu konkurrieren haben, berichtet 
auch Prof. Sering (Die landwirtschaftl. Konkurrenz Nordamerikas, 
Leipzig 1887, S. 487). 


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jo8 


Der Staat Santa Catharina in Sttdbrasilien. 


zu erzielen, erhoben sich die Kolonisten im regen 
Wetteifer miteinander zu äusserster Kraftanstren¬ 
gung ; um Arbeit zu sparen, wurden vervollkommnete 
Geräte und Maschinen eingeführt. Die nachfolgen¬ 
den Einwanderer konnten?, soweit sie unvermögend 
waren, bei den älteren Ansiedlern stets Arbeit gegen 
angemessenen, meist nicht niedrigen Lohn finden, 
so dass sie die Wirtschaftsweise kennen lernten, und 
wenn sie sich selbständig gemacht hatten, nun eben¬ 
falls den gesehenen Beispielen und Vorbildern nach¬ 
zueifern bestrebt waren. Vor allem aber wurde in 
englischen Kolonien für billige Transportbedingungen 
und leichte Angliederung an den Weltverkehr ge¬ 
sorgt. Anders in Brasilien zu Anfang dieses Jahr¬ 
hunderts; da geschah die Kolonisation durch äussere 
Ursachen, die Regierung oder Gesellschaften mit 
Regierungsunterstützung siedelten die Kolonisten an. 
Alles günstig gelegene und am besten geeignete Land 
war zw T ar noch lange nicht besiedelt, aber es war 
von früher her quadratmeilen weise von verschiedenen 
Besitzern eingezogen worden. Die Kolonien wurden 
fast immer tief im Urwalde, an ungünstigen und 
ungeeigneten Punkten, z.Th. auf schlechten Ländereien 
angelegt. Die Leitung der Kolonien war gewöhnlich 
nachlässig, fast nie besassen die leitenden Persön¬ 
lichkeiten landwirtschaftliche Fachkenntnisse, konnten 
also den Kolonisten kein Beispiel und Vorbild geben, 
noch weniger fanden sie solche an den brasiliani¬ 
schen Bewohnern. Man zahlte den Kolonisten, um 
ihnen die Ansiedelung zu erleichtern, wohl Subsi- 
dien, oder iiess sie die nötigen Landwege bauen, 
die Zahlungen geschahen in der Regel unregel¬ 
mässig, mit einem Wort: die Ansiedler wurden syste¬ 
matisch demoralisiert. Die durch den schwierigen 
Transport auf schlechten Landwegen benachteiligten 
Produkte wurden durch unsinnig hohe Eisenbahn- 
und Dampferfrachten noch mehr entwertet und um 
dem Unsinn die Krone aufzusetzen, wurden Aus¬ 
fuhrzölle, auch interprovinziale und municipale ein¬ 
geführt. Infolge der hohen Spesen und Transport¬ 
kosten u. s. w. waren die Preise aller Produkte auf 
den Kolonien so niedrig, dass es sich nicht lohnte, 
Hilfsarbeiter anzustellen, damit fiel Beispiel und An¬ 
spornung für spätere Ankömmlinge weg, es setzte 
sich ein bequemer Schlendrian fest, sich mit geringen 
Leistungen zu begnügen, wie man sie an den Bra¬ 
silianern sah, ja manche Kolonieleiter, namentlich 
in Donna Francisca, waren geradezu ängstlich be¬ 
müht, den Kolonisten klar zu machen, sie könnten 
nur geringe Landstücke, höchstens io—20 Morgen, 
bewirtschaften! In der That entfielen nach Wap- 
päus (S. 1821 und 1825) 1868 in Donna Francisca 
auf eine Kolonistenfamilie durchschnittlich 2 l ji ha 
Kulturland, 2 1 /« ha Weide, in Blumenau 2 ha Kul¬ 
turland, 1 V-t ha Weide; 1886 soll es in Blumenau 
18000 ha Kulturland und Weide gegeben haben, 
also 6 ha pro Familie, auf 20 Kolonistenfamilien 
entfiel ein Pflug! Wo die Absatzbedingungen günstig 
waren, haben es manche Kolonien trotz schlechter 


Wege zu tüchtigen Leistungen gebracht, so Theresio- 
polis, dessen Kolonisten in dem 1—2 Tagereisen 
entfernten Desterro um 50°/o höhere Preise erhalten, 
als die von Blumenau. (Von den bis 1863 einge¬ 
wanderten circa 600 Familien waren der ungenügen¬ 
den und schlechten Ländereien wegen 1884 nur 
noch 350 Familien da.) In Donna Francisca sind 
nach Tschudi bis 1860 circa 8000 Kolonisten ein¬ 
gewandert 1 ), jedoch kaum der dritte Teil geblieben; 
auch später ist ein grosser Teil der Einwanderer 
nach Curityba und Säo Paulo fortgezogen, da die 
Ländereien die schlechtesten des Staates sind 2 ), der 
Verdienst auch gering ist. Wenn nach den bei 
Lange (»Südbrasilien«) angeführten Tabellen die 
12317 Einwanderer, die von 1856—1882 daselbst 
ankamen, mit den 912 früheren Ansiedlern 1882 zu 
19825 angewachsen waren, so hat hier wohl der 
Gewährsmann von Prof. Lange, Dr. Doerffel in 
Joinville, die Zahl der Fortgezogenen von der der 
Eingewanderten abgezogen, somit repräsentiert die 
angeführte Einwandererziffer bloss die ansässig ge¬ 
wordenen. 

Alle Kolonieanlagen kosteten der Regierung 
Unsummen, so z. B. das relativ am besten verwaltete 
Blumenau bis 1880 circa 3000 Contos (6 Mill. M.). 
Damit waren 3000 Familien ansässig gemacht und die 
erforderlichen Wege gebaut. Für die Kolonie Brusque, 
die ziemlich mittelmässigen Boden enthält, sind noch 
grössere Mittel aufgewandt mit bedeutend gringerem 
Erfolge, der Export betrug 1889: 202 Contos gegen¬ 
über 640 in Blumenau. Azambuja soll 900 Contos 
gekostet haben, Grao Para 600. Die mit diesen 
grossen Regierungsmitteln gebauten Wege sind 
einfache Landstrassen, unchaussiert, nicht einmal mit 
Kies überfahren und daher bei jedem Regenguss 
fast unpassierbar, eine chausseeartige Strasse von 
etwa 100 km Ausdehnung ist mit einem Aufwande 
von über 1000 Contos von Joinville nach Sao Bento 
auf dem Hochlande gebaut worden. Für leichtere 
Angliederung an den Weltverkehr ist jedoch so gut 
wie nichts geschehen, Hafen- und Flusskorrektionen 
sind nicht unternommen worden, auch wo sie mit 
geringen Mitteln ausführbar gewesen wären, z. B. 
eine kurze Strecke im Itajahy, wo ein Felsriegel den 
Fluss durchquert, wäre mit verhältnismässig geringen 
Kosten (20—30000 M.) zu verbessern gewesen und aul 
diese Art Blumenau für Küstendampfer erreichbar 
geworden. So aber sind die Transportbedingungen 
unglaublich kompliziert. Der Kolonist von Blumenau 
muss seine Produkte eine, bis zwei Tagereisen weit, 
bis zum Stadtplatz zu Wagen fahren, dort werden 
sie auf einen kleinen Flussdampfer von 90 cm Tiefgang 


*) Reisen durch Südamerika, Bd. III, S. 362. 

*) Nach Wappäus (S. 1821 und 1825) war die Pro¬ 
duktion in Blumenau 1868 auf 2198 ha um etwa 20°/o geringer 
als auf den 1996 ha Kulturland in Donna Francisca, das notorisch 
unvergleichlich schlechteren Boden hat. Es ist dies also ein 
klassisches Beispiel für die Verlässlichkeit brasilianischer sog. 
statistischer Angaben. 


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Der Stdat Santa Catharina in Sudbrasilien. 


geladen und flussabwärts nach der Mündung bei dem 
Hafenort Itajahy gebracht. Daselbst werden die Pro¬ 
dukte auf einen Küstendampfer umgeladen, der sie nach 
der Hauptstadt Desterro bringt, wo allein ein Haupt¬ 
zollamt sich befindet, dort werden sie verzollt und 
nochmals auf einen anderen Küstendampfer umge¬ 
laden, der zwischen Montevideo und Rio de Janeiro 
fährt. Ein- bis zweimal im Monat wird Itajahy aller¬ 
dings von Küstendampfern angelaufen, die direkt 
bis Rio fahren, allein da sich in Itajahy nur ein 
Nebenzollamt, Mesa de rendas, befindet, wenigstens 
bis 1891 befand, so können nur wenige Produkte, 
vorzugsweise Holz, direkt abgefertigt werden. So 
kommen die Transportkosten nach Rio de Janeiro 
zwei- bis dreimal so hoch wie die von Europa nach 
Brasilien; für einen Sack (60 Kilo) bezahlt man ge¬ 
wöhnlich 1,6 Milreis Fracht bis Rio = 53 M. per 
Ton. Und doch hätten die biederen Blumenauer 
für dasselbe Geld, das ihnen 1880 ihr kleiner acht- 
zehnpferdiger Flussdampfer Progresso kostete (circa 
50—60000 M.), sich bequem einen Küstendampfer 
von etwa 200 Tons anschaffen können, der, wenn 
auch nicht direkt bis Blumenau, so doch bis Gaspar 
(16 km unterhalb) hätte gelangen können, dem 
weiteren Verkehr hätte eine Dampfjolle genügt. Auf 
diese Weise wäre Blumenau, wenn auch auf dem 
Umwege über Desterro in direkte Verbindung mit 
Rio gesetzt. Aber es lag wohl im Interesse der 
Kaufmannschaft keine bequeme direkte Verbindung 
zu haben, denn dann hätte es ja auch manchen Kolo¬ 
nisten einfallen können, ihre Produkte nach Rio zu 
bringen und die Kaufleute hätten ihren, trotz hoher 
Spesen und Zölle, gewinnreichen Zwischenhandel ver¬ 
lieren können. Gegenwärtig haben fast alle Pro¬ 
dukte in Blumenau (und auch in den südlichen 
Kolonien Azambuja u. s. w.) kaum den halben 
Wert wie in Santos oder Rio, die auf einem Küsten¬ 
dampfer bequem in 2—3 Tagen erreichbar sind. 
Um ein Beispiel anzuführen: wenn ein Sack (60 Kilo) 
Mais in Rio 6 Milreis kostet, bezahlt man am Tubaräo 
oder in Blumenau 2—2 1 /«; für eine Arrobe (15 Kilo) 
Speck 4—5 Milreis 5 während sie in Rio 10 — 12 
kostet. Der Exportzoll für in andere Provinzen 
(oder, wie man jetzt sagt, Staaten) gehende Waren 
betrug in Santa Catharina io°/o vom Werte 1 ), die 
Tarifierung ist jedoch regelmässig zu hoch, so dass 
man noch mehr zahlte; für Mais bezahlte man z. B. 
0,4—0,5 Milreis pro Sack Zoll, wenn der Preis 
bloss 2—3 Milreis betrug. Für ins Ausland gehende 
Waren erhebt die Centralregierung 9 °/o Exportzoll, 
die Regierungen der Einzelstaaten 4°/o> Santa Catharina 
5°/o, wobei natürlich die Tarifierung auch zu hoch 
ist. Dazu kommt noch 1—2°/o Zuschlagszoll, den 
die Municipalverwaltungen einziehen. Eine Grund¬ 
steuer besteht dagegen nicht, diese wäre gegen das 
Interesse der Grossgrundbesitzer, die den maass¬ 
gebenden Einfluss ausüben; von Einführung einer 


*) Cf. Export 1884, S. 584. 


5°9 

solchen Grundsteuer ist zwar oft die Rede gewesen, 
namentlich vor gerade bevorstehenden Deputierten¬ 
wahlen, um die Stimmen der Kolonisten zu gewinnen, 
nachher blieb aber alles beim alten. Sehr schlimm für 
die Entwickelung des Landes wirkt auch der Mangel 
eines Fachbeamtentums, die Beamten wechseln bei 
jedem Parteiumsturz, die Gouverneure (oder früher 
Provinzialpräsidenten) können aber auch jederzeit 
ihnen missliebige Beamten ohne den geringsten Grund 
entlassen, -wenn sie gerade deren Posten einem 
Günstling oder Verwandten zuzuwenden für gut 
finden. Natürlich sorgt da ein jeder Beamter nur 
für den Augenblick; Maassregeln, die von dem einen 
getroffen werden, werden von dem Nachfolger ge¬ 
wöhnlich aufgehoben. Kenntnisse oder Bildung braucht 
kein Beamter zu besitzen, ja sie sind ihm oft geradezu 
gefährlich. Selbst die Schullehrer der Regierungs¬ 
schulen und die Justizbeamten stehen und fallen 
mit ihrer Partei, daher gibt es ein Recht nur für 
die Parteigenossen, fast nie für die Gegenpartei. 

So lange die Beamtenkorruption bestehen bleibt, 
so lange nicht für billige und bequeme Kommuni¬ 
kationsmittel gesorgt wird, solange die interprovin¬ 
zialen Ausfuhrzölle, die den Fleiss besteuern und die 
Faulheit protegieren, bestehen bleiben und nicht 
durch eine vernünftig verteilte Grundsteuer ersetzt 
werden, ist an einen grösseren Aufschwung in Santa 
Catharina nicht zu denken. Gerade an diese schwer¬ 
wiegenden Missverhältnisse ist in letzter Zeit bei der 
Empfehlung von Südbrasilien für Auswanderer viel 
zu wenig gedacht worden. Freilich könnten schon 
grosse kapitalkräftige Gesellschaften, die reell und 
sachverständig kolonisieren wollten, zunächst die 
besten unbesiedelten Privatländereien am unteren 
Itajahy und Ararangua ankauften und parzellierten, 
für bequemen, raschen und billigen Transport der 
Produkte sorgten, viel ändern, allein gerade daran 
fehlt es und wird höchst wahrscheinlich auch für 
die Zukunft fehlen. An Kolonisations- und Eisen¬ 
bahngesellschaften freilich fehlt es nicht, namentlich 
die Einführung der Republik hat darin einen grossen 
Aufschwung gebracht, wie diese Gesellschaften ge¬ 
leitet werden und worauf sie basieren, darüber ein 
Beispiel: 1890 wurde eine Eisenbahn vom Estreito 
(gegenüber Desterro) nach Blumenau und zugleich 
vom Hafen Säo Francisco nach Blumenau konzes¬ 
sioniert. Von Blumenau sollte die Bahn nach dem 
Hochlande weitergeführt werden und mit einigen 
Zweiglinien zusammen 2000 km Länge haben, wo¬ 
bei für 30000 Milreis pro Kilometer 6 °/o Zinsen¬ 
garantie gewährt wurde. Nun würden schon die 
circa 100 km lange Strecke Estreito-Blumenau, zu¬ 
sammen mit der eben so langen Säo Francisco-Blu- 
menau, da sie über mehrere ungemein steile, bis zu 
1000—1200 m hohe Bergketten führen, die garantierte 
Gesamtsumme von 60 Millionen Milreis sicher ver¬ 
schlingen, dabei wären diese Strecken vollkommen 
überflüssig, da der Itajahyfluss und die See viel 
billigere und bequemere Verbindung gewährt. Auch 


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5io 


Geographische Mitteilungen. 


die weiteren Strecken würden sicher in einem Men¬ 
schenalter noch nicht die Betriebskosten für eine 
Vollbahn aufbringen. Tertiärbahnen oder höchstens 
billige Sekundärbahnen wären vielleicht am Platze 
gewesen. Allein für zweckmässige, solide Anlagen, 
durch die man nicht im Handumdrehen reich wer¬ 
den kann, trifft man in Brasilien wenig Verständnis, 
— den Leitern solcher Gesellschaften aber, wie die 
eben erwähnte, kommt es ja im Grunde auch nur 
darauf an, von der Regierung augenblickliche Vor¬ 
teile zu erlangen und die Aktien unterzubringen; 
was aus den Unternehmungen selbst wird, ist ja 
schliesslich gleichgiltig. 

Wenn in Deutschland vielfach dem Erlass von 
der Heydt (durch den 1859 die Auswanderung von 
Preussen nach Brasilien erschwert wurde) die Schuld 
zugeschrieben wird, dass Südbrasilien nicht eine 
starke deutsche Bevölkerung habe, so beruht das 
auf optimistischer Täuschungoder Unkenntnis der that- 
sächlichen Verhältnisse. Seit den letzten 15 Jahren 
begünstigt die brasilianische Regierung durchaus nicht 
mehr die deutsche Einwanderung, da sie das Auf¬ 
streben und Erstarken des deutschen Elementes fürch¬ 
tete; anstatt der Deutschen wurden Italiener ein¬ 
geführt. Nun sind aber alle Kolonien in Brasilien 
von der Regierung oder doch von Privatleuten mit 
Regierungsunterstützung angelegt worden. Ohne 
Regierungsunterstützung konnten daher keine Ein¬ 
wanderer angesiedelt werden; der Bildung von land¬ 
wirtschaftlichen Lohnarbeitern sind aber die Ver¬ 
hältnisse ungünstig. Alsdann ist zu beachten, dass 
überall, wo die Kolonien vernünftig angelegt und 
reell geleitet wurden, es durchaus nicht an deutschen 
Einwanderern gefehlt hat. Es ist hier an die Kolonie 
Säo Louren^o in Rio Grande zu erinnern, wo trotz 
Erlass von der Heydt, vorzugsweise Preussen 
(Rheinländer und Pommern) angesiedelt sind. Diese 
Kolonie bietet eben die günstigsten Absatzverhält¬ 
nisse in Rio Grande do Sul. Im Gegensatz dazu 
konnte Donna Francisca, trotzdem es die Vergünsti¬ 
gung hatte, jährlich 1000 Kolonisten zu ermässigten 
Fahrpreisen von Hamburg einzuführen, nicht empor¬ 
kommen — einfach, weil der Boden schlecht und 
auch die Leitung unbefriedigend war. Kolonisten, 
denen es gut geht, sind eben in der Regel bestrebt, 
ihre Verwandten und Bekannten nachkommen zu 
lassen, und da hilft denn kein Auswanderungsver¬ 
bot, kein Erlass von der Heydt, es wird doch 
umgangen. Wo dagegen die Verhältnisse ungünstig 
sind, da hilft keine Reklame, die Einwanderung 
hört von selbst auf. Für Brasilien kommt noch in 
Betracht, dass namentlich in der letzten Zeit das 
nativistische, der Einwanderung feindliche Element, 
auch unter den Beamten maassgebenden Einfluss ge¬ 
wann und die Einwanderer vielfach systematisch 
oder vielmehr unsystematisch zu demoralisieren und 
zu Grunde zu richten suchte, wie das besonders 1890 
bei der Masseneinwanderung von Deutschen und 
Polen hervortrat. Wären die Verhältnisse in Süd¬ 


brasilien der Entstehung eines Neudeutschland, von 
dem Kolonialenthusiasten schwärmen, günstig ge¬ 
wesen, so hätte sich ein solches bereits gebildet; 
die Auswanderung von Deutschland nach Brasilien 
begann in diesem Jahrhundert, nicht später als die 
nach Nordamerika; auch der Unterschied der Ent¬ 
fernung kommt nicht in Betracht, denn die brasi¬ 
lianische Regierung gewährte häufig Passage zu er¬ 
mässigten Preisen oder gar völlig freie Reise. Dass 
dennoch die Erfolge in der Kolonisation verhältnis¬ 
mässig gering sind, liegt an den eigentümlichen 
Verhältnissen, die ich hier mit berührt habe. Dass 
namentlich Santa Catharina in näherer Zukunft einen 
grösseren wirtschaftlichen Aufschwung nehmen werde, 
ist nach allen Anzeichen wenig wahrscheinlich. 


Geographische Mitteilungen. 

(Ten Kates Reisen in der Südsee.) Da wir 
in unserem Aufsatze »Forschungsreisen in Niederländisch- 
Ostindien« *) auch die Untersuchungen des noch jugend¬ 
lichen, aber sehr verdienstvollen niederländischen An¬ 
thropologen Dr. H. F. C. ten Kate besprochen haben, 
wollen wir hier in aller Kürze einige Notizen über seine 
weiteren Reisen und Pläne mitteilen, wie dieselben aus 
zwei in der Zeitschrift des Niederl. Geogr. Vereins ver¬ 
öffentlichten Briefen bekannt geworden sind. 

Nachdem ten Kate seine Untersuchungen im Auf¬ 
träge des Königi. Niederl. Geogr. Vereins beendet hatte, 
fuhr er am 23. September 1891 von Koepang (Timor) 
nach Soerabaja, um sich dort auf einen mit Zucker be¬ 
ladenen Dampfer nach Australien ein zu schiffen. Am 
4. November erreichte er über Cheribon, durch die Bali- 
Strasse und an Kap Leenwin vorbei, Melbourne, fort¬ 
während durch das Fieber gequält. Er stellte hier, 
sowie in Sidney, Brisbane und der Umgebung dieser 
Städte einige Untersuchungen an, besuchte auch die 
Blue Mountains und bekam endlich am 24. Dezember 
die sehnsüchtig erwartete Gelegenheit, sich in Sidney 
auf einem deutschen Postdampfer nach den Südsee-Insein 
einzuschiffen. Unterdessen hatte er von dem »Kon. 
Instituut voor de taal-, land- en volkenkunde van Neder- 
landsch-Indie« in S’Gravenhage eine Einladung erhalten, 
an Stelle des verstorbenen Prof. Wilkcn die Inseln 
Boeroe, Ceram und die Südwester ethnographisch zu 
untersuchen. Obwohl geneigt, diesen Antrag zu ac- 
ceptieren, zweifelt er es in seinem letzten Briefe (vom 
13. Februar 1892) an, ob seine Gesundheit es ihm er¬ 
lauben werde. 

Die erste von ihm besuchte Südsee-Insel war 
Tongatabu, wo er am 1. Januar 1892 in Nukualofa an¬ 
langte. Er durchkreuzte die ganze Insel, die aber von 
einem ethnographischen Standpunkte aus wenig Merk¬ 
würdiges bietet. »Die Mission hat alles vernichtet«, 
schreibt ten Kate. Interessant müssen die riesigen 
steinernen Gräber unweit Mua sein, sowie andere mega- 
lithische Monumente aus alter Zeit. Anthropologisch 
bilden die Tonganer grösstenteils einen Uebergangs- 
typus zwischen Polynesiern und Negroiden. Es muss 
eine starke Mischung mit Melanesiern, vor allem mit 
Fidjiern, stattgefunden haben. »Je mehr ich sehe, desto 


l ) Siehe diese Zeitschrift, 1892, Nr. 1, 2 und 3. 


Digitiz ed b) ,GoogIe 



Litteratur. 


5 11 


verwickelter scheinen mir die Rassenfragen Insulindes 
und Oceaniens zu sein.« — Am 18. Januar segelte er 
nach Apia (Samoa) über, wo er nur anderthalb Tage 
verblieb. Die Samoaner stimmen der Hauptsache nach 
mit den Tonganern überein, sind aber anthropologisch 
viel reinere Polynesier; auch haben sie viel weniger 
durch die »Bildung« gelitten als die Bewohner von 
Tonga und Tahiti. — Am 27. Januar landete er darauf 
in Papeete auf Tahiti. Die Insel ist nach ihm wirklich 
schön mit ihren »majestätischen Bergspitzen, grünen 
Thälern und brausenden Flüssen«, die Bewohner aber 
müssen seit Wallis, Bougainville und Cook körper¬ 
lich stark abgenommen haben. »Wirklich schöne, ausser¬ 
ordentlich kräftig entwickelte Individuen von beiden 
Geschlechtern sind hier jetzt fast ebenso selten als auf 
Tonga.« Da ten Kate von seiner Ankunft in Papeete 
an besonders heftig vom Fieber ergriffen wurde, konnte 
er auf Tahiti noch nicht viel ausführen. Erhoffte aber 
bald eine Exkursion durch die Insel, sowie auch durch 
die Halbinsel Taiarapu antreten zu können. (Mitteilung 
von H. Zondervan in Bergen-op-zoom.) 

(Aus Borneo.) Wie Lord Elphinstone, der Di¬ 
rektor der »North Borneo Company«, berichtet, ist das 
frühere Piratenwesen an der Küste, sowie die Kopfjägerei 
(head-hunting) im Inneren der grossen Insel Borneo 
jetzt vollständig unterdrückt. Auch die Sklaverei — 
dank den protestantischen und katholischen Missionen — 
hat fast gänzlich aufgehört. Das Gebiet der Gesellschaft 
umfasst 80540 qkm mit einer auf 175000 Köpfe ge¬ 
schätzten Bevölkerung. Unter Tabak standen im letzten 
Jahre 265 000 ha Land, und es wurden gute Sorten 
produciert. Diese blühende Industrie hat jedoch durch 
die Mac Kinley-Bill der Vereinigten Staaten von 
Nordamerika sehr gelitten, und man befürchtet daraus 
noch weitere Nachteile für die Pflanzer. Im Bette ver¬ 
schiedener Flüsse wurde Gold gefunden. Die öffentlichen 
Einnahmen steigern sich kontinuierlich, im Jahre 1891 be¬ 
trugen sie 69759 £ gegen Ausgaben von 72292. Mit 
China besteht ein lebhafter Handelsverkehr. Die Haupt¬ 
stadt Sandakan zählt 6350 Einwohner, meist Chinesen. 
(Mitteilung von H. Greffrath in Dessau.) 

(Zur Guanahani-Frage.) Wie der Engländer 
Mr. Gibbs aus dem Originaljournale von Columbus 
nachweisen zu können glaubt, fand die erste Landung 
des Columbus auf der Westseite des Atlantischen 
Oceans nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, auf 
St. Salvador oder Cat Island (Bahamas), sondern auf 
Grand Turk, Turks Islands (Bahamas) statt. Für 
sicher erwiesen darf diese Behauptung, die eben nur 
eine neue Hypothese aufstellt, natürlich noch nicht gelten 
(vgl.auchS.495). (MitteilungvonH.GreffrathinDessau.) 

Litteratur. 

Communications de l’observatoire magnetique de 
Copenhague. Par Adam Paulsen, Directeur de l’institut 
meu?orologique de Dänemark. Copenhague, Bianco Luno 
(F. Dreyer), 1892. 68 S. gr. 8°. 

In der interessanten Einleitung wird bemerkt, dass 1649 
ein gewisser Hermann Luchtemacher erstmalig die magne¬ 
tische Deklination in der dänischen Hauptstadt bestimmt hat, 
und zwar zu 1 l /a 0 (östlich). 23 Jahre später fanden Bartholin 
und Picard, welch letzterer damals seine bekannte Reise zur 
Untersuchung des Observatoriums Tycho Brahes machte, 3 0 35' 
(westlich), wahrscheinlich unrichtig, wenn man nach der von 
D’Arrest für die säkulare Veränderung der Missweisung ge¬ 


gebenen Formel zurückrechnet. Seit 1786 (Bugge) liegen regel¬ 
mässige Messungen dieses Elementes vor, und auch für Neigung 
und Stärke sind seit 1820 (Hansteen) von Zeit zu Zeit solche 
vorgenommen worden. 

Hierauf tritt Herr Paulsen in eine detaillierte Beschrei¬ 
bung der zum meteorologischen Institute gehörigen, von ihm 
selbst eingerichteten geomagnetischen Warte ein, welche für ab¬ 
solute Beobachtungen mit einem Theodoliten von Bamberg 
und einer Inklinationsbussole von Dover ausgerüstet ist. Für 
Variationsbeobachtungen der horizontalen Komponente dient ein 
Lamontsches Unifilarmagnetometer, und ebenso wird Lamonts 
Verfahren angewendet, um die Schwankungen der vertikalen 
Komponente zu verfolgen. Als Selbstregistratoren wurden die¬ 
jenigen von Mascart gewählt. Der Verfasser entwickelt kurz 
die Theorie einzelner Apparate, verbreitet sich ausführlich über 
die Temperaturkorrektionen, über die Ermittelung der Trägheits¬ 
momente und der Induktionskoefficienten und setzt überhaupt 
seine Leser in den Stand, sich selber ein Urteil über die Zu¬ 
verlässigkeit der Bestimmungen zu bilden. Als Muster für jede 
an ein wissenschaftliches Publikum sich wendende Charakteristik 
eines Observatoriums ist in dieser Hinsicht die kleine Schrift 
sehr zu empfehlen. Fortsetzung und Schluss derselben bilden 
die bei den bisherigen Beobachtungsreihen vom Verfasser er¬ 
zielten Ergebnisse. Gegen das Ende des Jahres 1891 war die 
Missweisung beinahe genau 11 °, die Inklination nicht ganz 69 °. 
Auch von einigen anderen Gegenden Dänemarks berichtet der 
Verfasser; wichtig dürfte sein, dass er auf der alten Granitinsel 
Bornholm sehr starke magnetische Anomalien nachzuweisen ver¬ 
mochte. 

Litteratur der Landes- und Volkskunde der Pro¬ 
vinz Schlesien. Zusaramengestellt von Prof. Dr. J. Part sch. 
Heft 1. Ergänzungsheft zum 69. Jahresbericht der Schlesi¬ 
schen Gesellschaft für vaterländische Kultur. Breslau, G. P. 
Aderholz’ Buchhandlung, 1892. IV und 92 S. gr. 8°. 

In Nr. 18 dieses Jahrganges war von der Zusammenstellung 
der landeskundlichen Litteratur der preussischen Lande die Rede, 
welche auf Anregung von Prof. Hahn (Königsberg) von den 
Herren Re icke und Schack vorgenommen worden war. Dieser 
Schrift stellt sich die vorliegende zur Seite, welche von Prof. 
Part sch redigiert ist und als ein neues, wertvolles Ergebnis 
jener landeskundlichen Arbeiten anzusehen ist, zu denen vor 
nunmehr genau zehn Jahren R. Lehmann den Anstoss gegeben 
hat. Für Schlesien gerade war die Aufsuchung und Ordnung des 
Materiales sehr mühsam, und es haben deshalb auch zahlreiche 
Freunde der Sache — das Vorwort nennt ihre Namen sämtlich — 
dem Werke ihre Unterstützung geliehen; diese Provinz besitzt 
nämlich schon seit geraumer Zeit einen Mittel- und Sammelpunkt 
für die Landeserforschung in der gelehrten Gesellschaft, welche 
auch die Veröffentlichung der vorliegenden Schrift besorgt hat, 
und eben aus diesem Grunde ist die Menge der Publikationen, 
welche es sachgemäss zu registrieren galt, eine sehr beträchtliche 
geworden. Mit den Grundsätzen, nach welchen Herr Part sch 
die Einteilung dieses stattlichen Stoffes durchgeführt hat, können 
wir uns nur vollkommen einverstanden erklären; wer sich die 
Ueberschriften der einzelnen Abteilungen angesehen hat, wird 
sofort wissen, wo er dies oder jenes aufzusuchen habe. 

Als letzte Rubrik erscheint, worin wir eine nachahmens 
werte Neuerung erblicken, der »Gebirgsmagnetismus«, zu dessen 
näherer Kenntnis der Breslauer Physiker O. E. Meyer, zumal 
an dem isolierten Zobtenberge, ein paar schätzenswerte Beiträge 
geliefert hat. Es herrscht, wie man weiss, zur Zeit noch Meinungs¬ 
verschiedenheit darüber, ob man mit E. Naumann die von den 
Gebirgen ausgehende Störung des Verlaufes der magnetischen 
Kurven als etwas von der Gesteinsbeschaffenheit Unabhängiges 
erkennen oder, wie die Engländer Thorpe und Rücker wollen, 
darin nur eine Steigerung des altbekannten Gesteinsmagnetismus 
sehen solle. Referent neigt entschieden der ersteren Auffassung 
zu; solange aber beide Phänomene noch wohl oder übel zu¬ 
sammen betrachtet werden müssen, würde er Arbeiten wie die¬ 
jenige von Blesson über das polarmagnetische Verhalten ge¬ 
wisser schlesischer Felsarten lieber im letzten Abschnitte als im 
geognostischen Teile verzeichnet wissen. Hier unterliegen sie 


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512 


Litteratur. 


der Gefahr, unbeachtet zu bleiben, wogegen sie am anderen Orte, 
unbeschadet der wissenschaftlichen Streitfrage, ob sie wirklich 
dorthin gehören, leichter bemerkt und von dem, der sich dafür 
interessiert, entsprechend verwertet werden können. 

S. Günther. 

Tangaland und die Kolonisation Deutsch-Ostafrikas. 

Thatsachen und Vorschläge von Dr. Karl Kärger, Privat- 
docenten an der landwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin. 
Berlin, Hermann Walther, 1892. 177 S. gr. 8°. 

Erst kürzlich, in Nr. 14 dieser Zeitschrift, veranlasst durch 
Wohltmanns Werk über die tropische Agrikultur, hatten wir 
die Anregungen zu rühmen, welche aus der Kolonialbewegung 
für die wissenschaftliche Entwickelung erwachsen. Denn nur 
aus dem Interesse an bleibendem Besitz, nicht aber aus blossen 
Forschungsexpeditionen der idealen, wissenschaftlichen Länder¬ 
kunde kommt es zu einem so intensiven Beobachten des Bodens 
und seiner Verwendung, welches zu Hand- und Lehrbüchern der 
Bodenkultur, seien sie allgemeiner Natur oder gar nur einem 
eng begrenzten Kolonialland gewidmet, unerlässlich erscheint. 
In letzterem Sinne nun arbeitete vor kurzem ein erprobter und 
thatkräftiger Fachmann: Dr. Kärger veröffentlichte ein Buch 
über die gesamte wirtschaftliche Benutzung eines Teiles von 
Deutsch-Ostafrika, nämlich des Tangalandes, wobei er aber vor 
allem durch Geographie des Bodens und dessen Kultivation, vom 
Standpunkt des wissenschaftlichen Landwirtes aus dargelegt, sich 
Verdienste erwirbt. 

Kärger kam nach Ostafrika, bereits erfahren in Beurtei¬ 
lung tropischer Bodenkultur und ihrer Faktoren, namentlich durch 
längeren Aufenthalt in Brasilien. Bei dem unvorteilhaften Gegen¬ 
sätze jener steppenreichen und wasserarmen Gebiete zu letzterem 
Lande musste er vor Ueberschätzung des deutschen Kolonial¬ 
bodens im voraus sicher sein. Man durfte also schon deshalb 
von ihm eine Darlegung erwarten, welche durch Gesinnungs¬ 
momente unbeeinflusst schildert, wenn es nicht schon durch die 
fachkundige Gewissenhaftigkeit des Autors verbürgt wäre, dass 
er Thatsachen allein wirken lassen wolle. 

Bestimmt nun auch ein nur eng begrenzter Teil des weiten 
Koloniallandes den Titel des Buches, so hat letzteres doch bereits 
durch seine örtlich konkreten Angaben eine allgemeinere Be¬ 
deutung, weil die Gleichartigkeit des geognostischen und petro- 
graphischen Baues wie des Klimas in den dortigen küstennäheren 
Gebieten von den Thatsachen des Tangalandes und Usambaras aus 
auch auf die Beschaffenheit der südlich angrenzenden Fortsetzung 
des Landes schliessen lässt. 

Sodann aber widmen sich fast zwei Dritteile des Gesamt¬ 
inhaltes der Belehrung über Arbeiten und Maassregeln, welche 
als Ergebnisse des Wissens über tropische Agrikultur überhaupt 
eine Anwendung auf Tanga, Bondei und Usambara finden. Andere 
von Kärger erörterte wirtschaftliche Fragen, wie über die Lei¬ 
tung des Handels und über Förderung der Produktion von 
seiten der Kolonialverwaltung, sind als Gegenstand von weiter 
greifender Wichtigkeit nicht nur in Bezug auf Gesamtostafrika 
von Belang. 

Landstrich um Landstrich wird durchgesprochen. Kurz, 
aber vollständig genug kennzeichnet Kärger die Ergiebigkeit der 
Nutzpflanzen der Küstenniederung als eine für die Tropenzone ge¬ 
ringe : weder Kokos noch Bananen, nicht Ananas, nicht Maniok 
verdienen das Lob reichlichen Gedeihens. Jedenfalls aber werden 
die Anbauversuche gegenüber den dortigen Eigentümlichkeiten 
der schwankenden Regenzeit erst nach längerer Fortsetzung 
wesentliche Klarheit über einzelne wichtige Ansaaten zu bringen 
haben, wie über Mais, Sesam, Baumwolle. Merkwürdig ist das 
Vorkommen von Zuckerrohr, das an vielen Punkten wild in ver¬ 
einzelten Büscheln wächst, während diese Graminee im Pangani- 
Thale von Arabern durch Sklaven im grossen gebaut wird. 

Wichtig für die gesamte Kultur jener Gegenden erscheint 
uns besonders die Empfehlung des Kaffeebaues durch unseren 
Autor. Sowohl in dem von ihm geprüften Bondei, welches wir 
nun als mittelgut in Bezug auf tropische Fruchtbodenbeschaffen- 
heit zu bezeichnen haben, wie auch im nordwestlichen Usambara 
wäre Boden dafür vorhanden. Diese Empfehlung leuchtet um 
so mehr ein, als Kärger die vorhandene lehmig-sandige Roterde 


nicht als dem Laterit schlechtweg zugehörig erkennt und eine 
mächtige Auflagerung steinlosen Bodens als gegeben erklärt. 
Wie schon Wohltraann den Lateritschrecken wesentlich abzu¬ 
schwächen sucht, so wird durch solche konkrete Charakteri¬ 
sierung eines anderwärts auch als dem Laterit nahe verwandt be- 
zeichneten Bodens das Bedauern Über dessen Verbreitung einge¬ 
schränkt. Wir glauben, dass beim Vorrticken der Kultivation in 
Afrika mittels Anbau mit perennierenden Pflanzen überhaupt das 
Beklagen der Lateritflächen zurtickgehen muss, weil eben dann die 
trostlose Beschaffenheit dieser Bodenart infolge der Beschattung 
und Düngung durch das Laub nicht mehr existiert; der Boden wird 
humos; eine humose Lateriterde aber gibt es in Wirklichkeit nicht. 

Hat man aber erst für eine durch Güte und billigen Trans¬ 
port lohnende, jährlich sichere Ernte landeinwärts in weiterem 
Umfange durch solchen Anbau vorgesorgt, dann ist von selbst 
für die gesamte Bevölkerung in der Umgebung der Pflanzungen 
eine höhere Gesittung erwirkt, da man ja nur mit der Arbeit von 
Freien den betreffenden Erfolg erzielt, sowie auch naturgemäss 
Ermutigung und Mittel zu anderen Kulturen sich anschliessen. 
Es würde dies ein Fortschritt von unberechenbaren Folgen sein 
gegenüber den bisherigen überaus armseligen und winzigen Kulti- 
vationsergebnissen. Afrika besitzt in seiner Species des liberi- 
schen Kaffees eine Pflanze, welche sowohl durch Ausbildung der 
Frucht als durch deren Qualität es überaus erleichtert, auf sichere 
Ernte in solchem östlichen Boden zu rechnen. Es dürfte also 
zu erwarten sein, dass Kärgers Rat auch das Gehör von Unter¬ 
nehmern findet. 

Nach allen Seiten hin würden letztere in seinem inhalts¬ 
reichen, durchaus praktischen Buche Anleitungen empfangen, 
nachdem dieses zweifellos zu den lehrreichsten litterarischen Er¬ 
zeugnissen gehört, welche von der heutigen Kolonialbewegung 
veranlasst worden sind. 

München. W. Götz. 

Das Gesetz über das Postwegen des Deutschen 
Reiches vom 28. Oktober 1871. Erläutert von Dr. Otto 
Dambach, Wirklichem Geheimem Ober-Post-Rat und Professor 
der Rechte an der Universität zu Berlin. Fünfte, erheblich 
vermehrte und veränderte Auflage. Berlin 1892, Verlag von 
Th. Chr. Fr. Enslin. 

Eine Besprechung im gewöhnlichen Sinne des Wortes ist 
hier nicht nötig. Ein Werk von Otto Dambach in fünfter 
Auflage gehört selbstverständlich zu den »Standard books«, gut 
deutsch: zu den mustergültigen Büchern. Das W r erk war ver¬ 
griffen, und so musste zu einer neuen Auflage geschritten werden. 
Dem gewissenhaften Verfasser genügte der Abdruck der vierten 
Auflage nicht mehr, neuere Verfügungen und Veränderungen 
mussten berücksichtigt werden. Verfasser sagt in dem Vorwort: 
»Bei der vorliegenden fünften Auflage« — die vierte Auflage 
erschien 1881 — »ist der Plan und die Anlage der früheren 
Auflagen beibehalten worden; es sind aber selbstverständlich 
nicht nur die inzwischen ergangenen zahlreichen Verfügungen 
der obersten Reichs-Postbehörden (deren Benutzung dem Ver¬ 
fasser mit Rücksicht auf seine amtliche Stellung gestattet war) 
berücksichtigt worden, sondern es haben auch Forschungen der 
neuesten Litteratur auf dem Gebiete des Postrechtes und ins 
besondere die vielfachen Entscheidungen des Reichsgerichts ein¬ 
gehende Verwertung gefunden. Der Umfang und der Inhalt des 
Buches ist dadurch erheblich erweitert worden, so dass bei nur 
sehr wenigen Paragraphen des Gesetzes die Erläuterungen un¬ 
verändert geblieben sind.« 

Wenn das Buch auch hauptsächlich für den praktischen 
Gebrauch für die Postbeamten abgefasst ist, so empfiehlt es sich 
doch auch für Behörden und solche, die infolge ihrer Thätigkeit 
viel mit der Post zu thun haben. 

Diese neue Auflage wird als ein alter, treu bewährter Rat¬ 
geber empfangen werden. Das Register dient zur leichten und 
schnellen Orientierung. 

Berlin. Henry Lange. 

Verlag der J. G. Cotta’sehen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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Erdbebenprophezeiungen.*) 

Von H. Habenicht (Gotha). 

Eines der höchsten Ziele menschlichen Strebens 
ist die genaue Vorausbestimmung zukünftiger Natur¬ 
ereignisse, besonders solcher, welche tief in die 
Geschicke der Menschen eingreifen. Unter diesen 
sind es gewisse Witterungserscheinungen und Erd¬ 
beben, unter letzteren hauptsächlich die grossen, 
verheerenden, welche die Schicksale der Menschen 
teilweise so stark beeinflussen, dass es uns nicht 
verwundern kann, wenn wir seit den ältesten Zeiten 
sich vielfach Gelehrte und spekulative Dilettanten 
auf diesem Gebiete in Weissagungen versuchen sehen. 
Besonders die letzteren, die Dilettanten, haben es bei 
einigem Glück auch noch in der Gegenwart bis¬ 
weilen zu bedeutender Popularität gebracht. Dieser 
Umstand dürfte sich wohl daraus erklären, dass die 
moderne Wissenschaft, trotz ihrer unverkennbar 
grossartigen Fortschritte auf zahlreichen Gebieten, 
gerade auf diesem so wichtigen Felde wenig oder 
keine Resultate aufzuweisen hat, welche ein grösseres 
Publikum befriedigen können. 

Die Leistungen der modernen Wetterwarten in 
Bezug auf Witterungsprognosen für grössere Land¬ 
striche sind bisher nur mit einiger Sicherheit auf 
den Zeitraum der nächstfolgenden 24 Stunden ge¬ 
glückt, wobei aber die Zahl der Treffer nach Aus¬ 
sage des Leiters der Hamburger Wetterwarte, Herrn 
Dr. van Bebber, noch vielfach unbefriedigend ist. 
Immerhin verdienen diese Erfolge alle Anerken¬ 
nung, von besonderem Nutzen sind die Sturm¬ 
warnungen. Die Versuche dagegen, welche bis- 

*) Dass der Herausgeber in seiner Auffassung der geo- 
dynamischen Probleme von dem Herrn Verfasser abweicht, letztere 
aber gleichwohl für sehr beachtenswert hält, hat derselbe in 
seinem »Lehrbuch der Physikalischen Geographie« (Stuttgart 
1891) des näheren dargelegt. 

Ausland 1893, Nr. 33- 


her in der Erdbebenprognose gemacht wurden, haben 
noch gar keinen nennenswerten Erfolg gehabt. Das 
gilt auch von den Falb sehen Prophezeiungen. Es 
ist Herrn Falb bisher nicht gelungen, das Eintreffen 
eines Erdbebens in Bezug auf Ort. Zeit und Stärke 
zugleich auch nur annähernd genau vorauszusagen. 

Die Treffer Falbs auf diesem Feld reduzieren 
sich bei eingehender Prüfung auf ein um einige 
Prozent häufigeres Eintreffen von Beben in Nähe 
der Syzygien (wo Sonne und Mond in einer gera¬ 
den Linie wirken), als in der Nähe der Viertel¬ 
stellungen des Mondes. Das war bereits vor Falb 
bekannt, genügt aber bei weitem nicht zu einer 
Voraussage. Gerade die stärksten Aeusserungen der 
seismischen Kraft, die grössten, verheerendsten Erd¬ 
beben, wie das Lissaboner, sind meist nicht in die 
Nähe von Syzygien gefallen. Durch wissenschaft¬ 
liche Untersuchungen wurde ausserdem bisher ge¬ 
funden, dass die Erdbeben im Winterhalbjahr der 
Nordhemisphäre, also in der Jahreshälfte grösserer 
Sonnennähe, häufiger auftreten als in dem anderen 
Halbjahr. Dies gilt besonders von den Gegenden 
in niederen Breiten. Das Gleiche haben einige 
Forscher von dem Einflüsse des Mondes während 
seiner Erdnähe behauptet. Ferner hat man manche 
Linien in der Erdoberfläche und auf diesen wiederum 
Punkte gefunden, auf welchen besonders die grossen, 
verheerenden oder häufige Erdbeben auftreten. Ein¬ 
zelne Erdbebenstatistiker wollten ferner beobachtet 
haben, dass Erdbeben häufig dann eintreten, wenn 
tiefe barometrische Minima mit steilen Gradienten, 
die Vorboten von Orkanen, über den betreffenden 
Gegenden lagern; jedoch hat sich diese Annahme 
nicht immer bestätigt. In Japan hat man die Erd¬ 
beben häufiger bei Ebbe als bei Flut auftretend 
gefunden. Aber alle diese Anhalte geben keine 
genügende Handhabe zur Erdbebenprognose. 

Wenn man die erdbebenbegünstigenden Fak- 

65 


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Erdbebenprophezeiungen. 


514 

toren überblickt, so fällt auf, dass die Häufigkeit 
der Beben stets dann grösser ist, wenn der Schwere 
entgegenarbeitende Kräfte von aussen auf die Erde 
einwirken; noch kein Beobachter oder Statistiker 
hat, soweit uns bekannt, als allgemeine Regel ge¬ 
funden, dass die Erdbeben bei Sonnen- oder Mond¬ 
ferne, zur Zeit der Quadraturen, bei besonders hohem 
Luftdruck mit grosser, gleichmässiger Ausbreitung, 
Maxima aufweisen. Diese Thatsache ist um so auf¬ 
fallender, als sie im direkten Widerspruch mit der 
modernen Schrumpfungstheorie steht, nach welcher 
sich der Erdkern durch allmähliche Abkühlung ver¬ 
kleinern und die Erdkruste nachsinken soll, wobei 
die meisten Erdbeben, die sogenannten tektonischen, 
als Begleiterscheinungen dieses Schrumpfungsprozesses 
gedacht werden. 

Die Fluttheorie erscheint bei oberflächlicher Be¬ 
trachtung hier als willkommene Erklärung, aber das 
Eintreffen von Erdbeben an Hochfluttagen und zur 
genauen örtlichen Hochflutzeit ist so ausserordentlich 
unregelmässig und unpünktlich, dass die Fachge¬ 
lehrten gewiss im Rechte sind, wenn sie die Falb sehe 
Theorie ablehnen. Immerhin ist, wie auch von 
manchen Gelehrten zugegeben wird, ein Körnchen 
Wahrheit an der Falbschen Sache, und es entsteht 
die Aufgabe, dieses Körnchen möglichst rein heraus¬ 
zuschälen. 

Das Wesentliche, Gesetzliche vieler problema¬ 
tischer Naturerscheinungen ist zumeist an den mar¬ 
kantesten Kraftäusserungen derselben erkannt wor¬ 
den. Eine Statistik der Erdbeben, welche nur die 
Häufigkeit der einzelnen Stösse und Vibrationen be¬ 
rücksichtigt, bringt z. B. die grössere Häufigkeit 
der Erdbeben im Winterhalbjahr der Nordhemi¬ 
sphäre nur schwach zum Ausdruck. Für die süd¬ 
liche Erdhälfte, für welche weniger Material vorliegt, 
ist man damit sogar teilweise zu dem entgegen¬ 
gesetzten Resultat gelangt. Das heisst, eine Zu¬ 
sammenstellung hat die grössere Häufigkeit der Erd¬ 
beben daselbst während der Monate April bis Sep¬ 
tember ergeben. Zieht man dagegen nur die grossen, 
in ihren Wirkungen sich über weite Gebiete er¬ 
streckenden, besonders verheerenden Erdbeben, welche 
ausser dem grössten Interesse noch den Vorteil bieten, 
dass sie kaum unbemerkt bleiben, in Betracht, so 
prägt sich die oben erwähnte Gesetzmässigkeit un¬ 
gleich schärfer aus. Von den 22 grossen Erdbeben, 
welche mit Datum- oder Monatangabe in den beiden 
(alten und neuen) Ausgaben von Berghaus’ Physi¬ 
kalischem Atlas enthalten sind, fallen 1 6 in die 
Winterhalbjahre der Nordhemisphäre, und zwar die 
verheerendsten, und von den sechs Beben, die in 
den anderen Jahreshälften Vorkommen, sind einige 
wahrscheinlich auf Einstürze zurückzuführen, wie 
das grosse Einsturzbeben am »Ran of Catch« an 
der Indusmündung. Diese würden also, der Zeit 
ihres Auftretens nach, naturgemäss durch die ver¬ 
minderte Anziehung der Sonne zur Zeit ihrer Erd¬ 
ferne befördert worden sein. Aehnliche Verhältnisse 


habe ich bei Durchsicht anderer Statistiken und Be¬ 
richte gefunden. 

Die Fälle, in denen grosse Beben im April- 
September-Halbjahr auftraten, liegen fast alle in 
einer Zone, welche sich vom Roten (resp. Mittel-) 
Meer und Kleinasien über Afghanistan nach China 
erstreckt. Dieses ist aber genau der Landstrich, über 
welchem im Sommer dauernd der niedrigste Luft¬ 
druck auf der ganzen Erde herrscht; also auch hier 
dürfte die Veranlassung in einer Entlastung zu 
suchen sein. 

Diese Thatsachen widersprechen der Schrumpf¬ 
ungstheorie noch entschiedener als die Resultate der 
allgemeinen Erdbebenstatistiken. Während nach dieser 
Theorie unbedingt die Maxima an Häufigkeit und 
Stärke in die Zeiten der Sonnenferne, Mondferne, 
Quadraturen, hohen, weit und gleichmässig ver¬ 
breiteten Luftdruckes u. s. w. fallen müssten, findet 
das Gegenteil, wie wir oben gesehen haben, statt. 

Als Ursache der Erdbeben können selbstver¬ 
ständlich die äusseren entlastenden Kräfte nicht be¬ 
trachtet werden. Die Thatsache, dass die Maxima 
der Erdbeben in längere Zeiträume fallen, in denen 
solche Kräfte anhaltend wirken und dass sie häufig 
in die Nähe solcher Tage fallen, an denen mehrere 
derartige Kräfte Zusammenwirken, weist vielmehr 
mit Bestimmtheit auf eine weitverbreitete, fortwäh¬ 
rend wirkende unterirdische, hebende Kraft als Ur¬ 
sache dieser gewaltigen Naturerscheinung hin, welche 
durch die zeitweise stärkere Mitwirkung jener äusseren 
Kräfte unterstützt wird. Wenn diese Annahme richtig 
ist, so müssen die grossen Beben ganz besonders dann 
eintreten, wenn mehrere Hochfluttage erster 
und zweiter Ordnung (denn an solchen treffen 
mehrere der bewussten Faktoren zusammen) i m 
Winterhalbjahr in ununterbrochener Reihe 
aufeinanderfolgen. 

In der »Deutschen Rundschau für Geographie 
und Statistik« (Wien, Hartleben), 1890. p. 264, habe 
ich eine Zusammenstellung der bedeutenderen Erd¬ 
beben, nach der Stärke unterschieden, für den Zeit¬ 
raum vom Oktober 1888 bis ebendahin 1889 publi¬ 
ziert. In diesem Zeitraum kamen sieben grössere 
Erdbeben vor, und zwar entfielen alle sieben auf 
das Winterhalbjahr der nördlichen Erdhälfte. Da¬ 
von aber fielen wiederum fünf auf die Zeit von 
Anfang Februar bis April, der einzigen Zeit des be¬ 
treffenden Jahres, in der mehrere (sechs) Hochflut¬ 
tage erster und zweiter Ordnung in ununterbrochener 
Reihe aufeinanderfolgten. 

Wir haben in diesem Jahre Gelegenheit, 
den Wert dieser, hier zum erstenmale öffent¬ 
lich ausgesprochenenTheorie zu prüfen. Eine 
Reihe von fünf solchen Hochfluttagen (mit 
vierzehntägigen Intervallen) wird in die 
Zeit von Anfang September bis Mitte No¬ 
vember fallen. In dieser Zeit würden wir 
hiernach einige grössere Erdbeben zu erwar¬ 
ten haben. 


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Afrikanische Neuigkeiten. 


515 


Es ist dies zwar auch nur eine nicht eben be¬ 
stimmte Prognose, aber wenn man berücksichtigt, 
dass es nur wenige Linien der Erde und auf diesen 
wieder nur einzelne Punkte sind, auf denen über¬ 
haupt bisher die Centren grosser Erdbeben lagen, 
wenn es sich bestätigt, dass die Bewohner solcher 
Gegenden in jenen Perioden, besonders zur Ebbe¬ 
zeit oder während und unmittelbar nach Perioden 
anhaltenden niederen Luftdrucks gefährdet sind, so 
dürfte darin immerhin ein Fortschritt zu erblicken 
sein. Die hauptsächlich gefährdeten Gegenden sind: 
Lissabon, Süd-Italien mit dem Centrum in Süd- 
Kalabrien, einzelne Punkte im griechischen Archipel 
und in West-Kleinasien, Bengalen, Sunda-Inseln, be¬ 
sonders Java, Philippinen, Teile von Japan, Kali¬ 
fornien, gewisse Punkte in Central-Amerika, den 
Kleinen Antillen, Caracas, Quito und Punkte in 
Peru und Chile (Arica, Concepcion). Eine genauere 
Aufzeichnung der gefährdeten Linien und Punkte 
hat der Verfasser in einer Weltkarte niedergelegt, 
welche sich in der »Deutschen Rundschau für Geo¬ 
graphie und Statistik«, August 1889, findet. 

Die Einteilung der Erdbeben in vulkanische 
und nichtvulkanische ist kaum durchführbar. Die 
Vulkane sind in ihrer geographischen Verteilung 
ebenso an die grossen Bruchlinien der Erdrinde, 
welche vorzugsweise mit den grossen Kettengebirgen 
zusammenfallen, gebunden, wie die Erdbeben. Man 
hat vielfach auffallenden Synchronismus und Anta¬ 
gonismus zwischen weit auseinanderliegenden grossen 
Erdbeben und vulkanischen Erscheinungen beobachtet. 
Die ältere Auffassung, nach welcher zwischen diesen 
beiden Phänomen ein inniger Konnex besteht, hat 
viel für sich. Gibt es doch auch moderne Geo¬ 
logen, die beide als Begleiterscheinungen ein und 
derselben Kraft, nämlich der gebirgsbildenden, an- 
sehen. Auch die Vulkanausbrüche sind nach einigen 
Forschern etwas häufiger im Winter als im Sommer 
der Norderdhälfte, auch sie sollen häufiger zu Zeiten 
stattfinden, welche in der Nähe der Syzygien, als 
zu solchen, welche* in der Nähe der Quadraturen 
liegen, wie erst jüngst Prof. Palmieri auf Grund 
seiner langjährigen Beobachtungen auf dem Vesuv 
bestätigt gefunden hat. 


Afrikanische Neuigkeiten. 

(II. Folge.) 

(April—Juni.) 

Von Brix Förster (München). 

(Schluss.) 

Englisch-Ostafrika. 

Am interessantesten wäre unter diesem Titel 
gegenwärtig eine kritische Schilderung der Vorgänge 
in Uganda. Da aber die Berichte der englischen 
Offiziere noch fehlen (Anfang Juli) und ohne diese 
jede Kritik eine einseitige wäre, so möchte ich mir 


diesen voluminösen Stoff für eine besondere Be¬ 
arbeitung Vorbehalten. Nur so viel des Thatsäch- 
lichen: Der schon seit Jahr und Tag glimmende 
Hass zwischen katholischen und protestantischen 
Wagandas brach am 24. Januar 1892 in Mengo in 
offenen blutigen Kampf aus. Die Engländer stellten 
sich an die Spitze der Protestanten und schlugen 
und vertrieben die Katholiken. Mit diesen flohen 
König Mwanga und ein Teil der französischen 
Missionare; der Rest von letzteren fand gezwungenen 
Schutz in dem englischen Fort Kampala. Feldwebel 
Kühne von der Station Bukoba rettete sowohl den 
König Mwanga und den Msgr. Hirth und seine 
Getreuen vor der Wut der siegreichen Waganda, 
als auch englische Missionare und englisches Eigen¬ 
tum vor der Wut der Katholiken. Schliesslich fanden 
König Mwanga und die Franzosen Schutz in. der 
Nähe von Bukoba, die katholischen Waganda vor¬ 
läufig Sicherheit in der Provinz Buddu. 

Die Englisch-ostafrikanische Gesellschaft 
hätte am liebsten gleich auf das kostspielige Ver¬ 
gnügen verzichtet, die Ordnungspolizei für jene schwer 
erreichbaren Länder zu stellen, aus denen zur Zeit 
nichts zu holen ist; allein sie hatte sich anfangs 
dieses Jahres der Church Miss. Soc. gegen einen 
Zuschuss von mehr als einer halben Million Mark 
verpflichtet, vor Ablauf dieses Jahres ihre Truppen 
aus Uganda nicht zurückzuziehen. Mit ihren Finanzen 
steht es ziemlich trübe; wohl hat sie die ungeschmä¬ 
lerte Einkassierung sämtlicher Zölle gegen eine jähr¬ 
liche Rente von 227000 Mark durch einen mit dem 
Sultan von Sansibar kürzlich abgeschlossenen Ver¬ 
trag sich gesichert; allein die Zolleinnahmen betrugen 
1891 nicht mehr als 287320 Mark (1890: 214260 
Mark) und die Ausfuhr erreichte 1890/91 nur die 
Höhe von 2 Millionen Mark, während die Expedi¬ 
tionen nach dem Inneren, die Errichtung von Sta¬ 
tionen u. s. w. 1890 und 1891 über 2 Millionen 
Mark verschlangen. Da der englische Kapitalist 
gar keine Begierde nach den Aktien der Gesell¬ 
schaft offenbart, so muss der Staat England auf 
irgend eine Weise helfend eingreifen, soll nicht 
das grossartig angelegte Unternehmen allmählich 
zerbröckeln. 

Ganz anders verhält es sich mit Sansibar; hier 
nimmt der Handel einen beträchtlichen Aufschwung. 
Er nährt sich weniger von dem englisch-afrikani¬ 
schen Festland, als vielmehr von Indien, von den 
Nelken-Inseln und von Deutsch-Ostafrika. In den 
Hafen liefen 1891 153 Schiffe ein, darunter 32 deutsche 
und nur 26 englische. 

Die Ein- und Ausfuhr betrug 51 Millionen Mark, 
aus und nach Deutsch-Ostafrika über 7 Millionen Mark. 
Doch auch Sansibar droht eine wichtige Verände¬ 
rung: da der Preis der Nelken im stetigen Sinken 
begriffen ist, nimmt die Kultur dieses Hauptproduktes 
der Inseln ab und man muss auf andere Handels¬ 
pflanzen und andere Geschäftsleute, als die Araber, 
bedacht sein. 


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516 


Afrikanische Neuigkeiten. 


Deutsch-Ostafrika. 

Gouverneur v. Soden hat einen entscheidenden 
Schritt in der Organisierung der Civilverwaltung ge- 
than: am i. März 1892 Hess er sämtliche Bezirks¬ 
hauptleute aus der Schutztruppe austreten und be¬ 
traute sie mit einer civildienstüchen Stellung. Der 
1500 Mann starken Schutztruppe entnahm er 400 Mann 
und überwies sie den Bezirksämtern von Tanga, Ba- 
gamoyo, Dar es Salaam, Kilwa und Lindi als Polizei¬ 
soldaten. Grössere kriegerische Unternehmungen, 
zu denen auch die Polizeitruppe herangezogen wer¬ 
den kann, bedürfen von nun an der Genehmigung 
des Gouverneurs. Die Schutztruppe, aus den früheren 
zehn Compagnien in sechs Compagnien zusammen¬ 
gezogen, wird in folgender Weise verteilt: 

1. Compagnie: Massinde, Gondja und Kili¬ 

mandscharo, 

2. „ Bagamoyo, Tabora, Bukoba, 

3. „ Kilosa und Mpwapwa, 

4. „ Kisaki, 

5. „ Kilwa und Lindi, 

6. „ Dar es Salaam. 

Wie man sieht, bleiben nur zwei Compagnien 
intakt an der Küste; die Thätigkeit des grössten 
Teiles der Schutztruppe wird auf die Beherrschung 
des Binnenlandes koncentriert; wohl ein Zeichen ge¬ 
steigerten Sicherheitsgefühles in den am Meere ge¬ 
legenen Landschaften. 

Deutsch-Ostafrika besitzt jetzt eine geregelte 
und beschleunigte Postverbindung zwischen der 
Küste und dem Seengebiet. Nach dem Vertrag mit 
der Firma Schülke & Mayr geht, vom Januar an¬ 
gefangen, den 6. jeden Monats eine Trägergruppe 
als Postboten von Dar es Salaam über Tabora nach 
dem Victoria-Nyanza ab und, vom 1. März ange¬ 
fangen, am 1. jeden Monats von Bukoba über Ta¬ 
bora zurück. Die ganze Wegstrecke soll in 50 Tagen 
zurückgelegt werden. Danach muss ein am 1. April 
von Bukoba abgegangener Brief spätestens Anfang 
Juli in Deutschland eintreffen. 

Die Betonnung der Einfahrt von Dar es Salaam 
ist jetzt in so vortrefflicher Weise vollendet, dass 
Admiral Pawelsz den Hafen von Dar es Salaam für 
einen der allerbesten Ostafrikas erklären konnte; ohne 
Lootsenhilfe vermögen selbst Kriegsschiffe hier ein- 
und auszulaufen. 

Die Einnahmen aus Zöllen, Licenzen u. s. w. 
betrugen 1891 etwas über 1 Million Mark und im 
Etatsjahr (April 1891 bis Ende März 1892) 1 324000 
Mark; sie scheinen in einer erfreulichen Steigerung 
begriffen zu sein; denn 1892 warf das sonst ver¬ 
kehrsarme erste Vierteljahr 302000 Mark ab, gegen 
145000 Mark im Vorjahr. Dementsprechend hebt 
sich auch der Warenverkehr; die Ostafrika-Linie allein 
importierte und exportierte 1891 Waren im Werte 
von nahezu 13 Millionen, wovon freilich nur 6 1 /-* Mil¬ 
lionen Mark Deutschland selbst zu gute kamen. 

Von den Expeditionen der Schutztruppe 


sind folgende hervorzuheben. Lieutenant Herrmann 
und Dr. Schwesinger, im Dezember 1891 von 
Bagamoyo mit dem Ablösungskommando für die 
Stationen in Tabora und Bukoba aufgebrochen, hatten 
Anfang Februar 1892 heftige, aber siegreiche Kämpfe 
mit Masenta, Makenges Sohn, in Ugogo zu be¬ 
stehen und erreichten Tabora Ende März. Sie ver¬ 
standen es sofort, mit den mächtigen Arabern des 
Ortes, welche über 300 Hinterlader und 5000 Vorder¬ 
lader verfügen, sich auf guten Fuss zu stellen, so 
dass ein Ueberfall der Wanianiembe rasch zurück¬ 
geschlagen und der von allen Seiten verlassene Häupt¬ 
ling S i k i zur Unterwerfung gezwungen werden 
konnte. 

Energische Strafexpeditionen unternahmen Lieu¬ 
tenant Elpons gegen den Wagogohäuptling Kos- 
sira im Februar, und im März Lieutenant Prince 
von Kilosa aus über das Rufutugebirge gegen den 
Häuptling von Mgunda, und Lieutenant v. Bülow 
gegen die Mafiti in Chutu. Der Kriegszug, den der¬ 
selbe Lieutenant v. Bülow und Lieutenant Wolfrum 
mit 160 Sudanesen gegen Meli, den Sohn des ver¬ 
storbenen Mandara, Sultans von Moschi, begonnen, 
endigte am 10. Juni mit dem Tode der beiden Führer 
und mit dem Verlust von etwa 90 Mann. Einzel¬ 
nachrichten über den Vorfall fehlen noch. 

Aus dem Erlös der Antisklaverei-Lotterie wer¬ 
den bestritten: die Erforschung der Tiefenverhält¬ 
nisse des Victoria-Nyanza durch Baron Fischer, die 
Errichtung einer Schiffswerfte an demselben See durch 
Graf Schweinitz (vormals Bor che rt), der Trans¬ 
port des »Wissmann«- und des »Peters«-Dampfers, 
endlich die Bereisung des Gebietes zwischen dem 
Kilimandscharo und dem Victoria-See durch Dr. Bau¬ 
mann. Baron Fischer gelangte Anfang Mai an das 
Südufer des Nyanza; der Zweck seiner Expedition 
ist aber eigentlich verfehlt; denn der »Wissmann«- 
Dampfer, für welchen dieser den See untersuchen 
sollte, lässt Baron Fischer im Stich und gedenkt 
anderswo zu schwimmen. Graf Schweinitz ist um 
dieselbe Zeit mit 80 Sudanesen, 600 Trägern und 
einem zerlegbaren Segelboot in Tabora eingetroffen; 
Borchert musste schon in Mpwapwa wegen Krank¬ 
heit zur Umkehr sich entschliessen. Inzwischen ver¬ 
träumt der »Peters«-Dampfer, der am 25. Mai in 
Hamburg nach Ostafrika verschifft worden, in den 
Schuppen von Saadani thatenlos seine Tage und 
zwar in der zum Transport geeignetsten Trocken¬ 
zeit! Niemand ist da, der ihn anrührt; vor Eintritt 
der zweiten Regenzeit im Oktober wird man keine 
Trägerkarawanen zusammenbringen, und dann wird 
und muss man ihn erst recht liegen lassen. Werden 
wohl schliesslich die für seinen Bau und Transport auf¬ 
gewendeten 300000 Mark genügen? Aehnlich merk¬ 
würdig gestaltet sich das Schicksal des »Wissmann«- 
Dampfers. »Alles Heil für das Aufblühen des Han¬ 
dels im Binnenland Deutsch-Ostafrikas hängt davon 
ab, dass ein deutscher Dampfer auf dem Victoria- 
Nyanza schwimmt.« So klang es aus dem Aufrufe 


— —id - Sie 




Afrikanische Neuigkeiten. 


zur Sammlung für den »Wissmann«-Dampfer aller¬ 
orten. Dieser wurde wirklich gebaut und abgeschickt; 
nachdem er aber ein Jahr in Saadani gelagert, und 
endlich Major v. Wissmann glücklich wieder nach 
Sansibar zurückgekommen, da kam man zu der Ein¬ 
sicht, dass der weite Landtransport unüberwindlichen 
Schwierigkeiten begegnen würde. »Also,« heisst es 
im Juni d. J., »fort mit ihm, den Zambesi und Schire 
hinauf über den Nyassa nach dem Tanganjika!« 
Kann man ihn dann nicht über die Stevenson Road 
fortschaffen, so mag der kleine »Pfeil« die Wellen 
des Tanganjika durchschneiden und der grosse und 
schwere »Wissmann« die englische Flottille auf dem 
Nyassa vermehren, zum Nutzen der neugegründeten 
deutschen Missionsstation »Wangemannhöhe«, im 
nördlichsten Winkel des Sees! Wahrlich, wie viele 
geistige und physische Arbeit, wie viele Geldmittel wer¬ 
den da an ein zerfahrenes Unternehmen verschwendet! 
Einen wahren Nutzen, wenigstens für Erweiterung 
unserer geographischen Kenntnis, wird uns das Anti¬ 
sklavereikomitee nur in der Expedition Dr. Baumanns 
verschaffen. Dieser ausgezeichnete Reisende, abmar¬ 
schiert am 17. Januar von Tanga, gelangte über den 
Manjara-See am 12. April zu den Kadoto-Bergen 
am Speke-Golf des Victoria-Nyanza. Mehr als diese 
paar Thatsachen wissen wir nicht über ihn; aber 
sie geben uns die Aussicht, dass wir über eine Weg¬ 
strecke von etwa 500 km die ersten und besten Auf¬ 
schlüsse erhalten. 

Am 15. Februar 1892 erschien zu allgemeinem 
Erstaunen und zu allgemeiner Freude Dr. Stuhl¬ 
mann wieder in der Station Bukoba, beinahe nach 
Jahresfrist seit dem rätselhaften Verschwinden Emin 
Paschas. Das Rätsel über die damaligen eigent¬ 
lichen Absichten Emins ist freilich noch nicht voll¬ 
ständig gelöst. Man kann aus den jüngsten Berichten 
Stuhlmanns nur vermuten, dass Emin zuerst die 
für die Grenzregulierung wichtige und richtige Lage 
des Mfumbiro-Gebirges erforschen wollte, dass er dann 
seine alte Provinz wieder zu gewinnen trachtete und 
dass er endlich, als seine früheren Soldaten sich 
widerwillig erwiesen, beschloss, von den Quellen 
des Uelle in direkt westlicher Richtung nach der 
Westküste durchzubrechen. Im März 1891 von Bu¬ 
koba aufgebrochen, war er Anfang Mai an den Albert- 
Edward-See gekommen und erreichte Ende Juli, zu¬ 
erst den Semliki abwärts, Undussuma 1 ). Hier blieb 
er bis zum 10. August in vergeblichen Verhand¬ 
lungen mit den Aegyptern. Bis zum 2. 0 13'rückte 
er dann in nördlicher Richtung; am 30. September 
sah er sich hier wegen Hungersnot und feindseliger 
Haltung der Eingeborenen zur Umkehr nach Un¬ 
dussuma gezwungen, wo ein grosser Teil seiner 
Begleitung an den Pocken erkrankte und wo er am 
10. Dezember Dr. Stuhlmann befahl, mit den ge¬ 
sunden Begleitern der Expedition nach dem Victoria- 


! ) W. von Kavalli; nur auf der Karte zu Stanleys 
»Im dunkelsten Afrika« zu finden. 

Ausland 189a. Nr. 33. 


517 

Nyanza abzumarschieren. Emin selbst blieb krank 
und halb erblindet zurück. 

Die wissenschaftlichen Resultate dieser schick¬ 
salsvollen Expedition liegen zum grössten Teil auf 
kartographischem Gebiete; vorläufig besitzen wir nur 
eine kleine Kartenskizze über die Länder zwischen 
Karagwe und dem Albert-Edward-See (v. Dankel- 
mans Mitt. aus den deutschen Schutzgebieten, V, 
2, S. 75). Ausserdem erfahren wir, dass der Mfum- 
biro aus einer Kette vulkanischer, gegen 4000 m hoher 
Bergkegel besteht, von der der westlichste, der Vi- 
rungo, ein thätiger Vulkan ist und dass diese Ge- 
birgsgruppe 1 0 20' bis 1 0 30' s. Br. und westlich 
vom 30. 0 ö. L. liegt. 

Deutsch-Südwestafrika. 

Wieder beginnt man mit zwei kolonisatorischen 
Versuchen und wieder mit unzureichenden Mitteln! 
Eine »Siedelungsgesellschaft für Deutsch - Süd west- 
afrika« wurde Mitte April in Berlin gebildet mit 
60000 Mark Kapital. Es soll die Niederlassung in 
der Umgegend von Klein-Windhoek dadurch er¬ 
muntert werden, dass Farmer, welche, mit 6000 Mark 
in der Tasche, sich bereit erklären, hier Viehzucht 
zu treiben und einen geringen Pachtzins zu zahlen, 
unentgeltlich Land und zur ersten Einrichtung einen 
Zuschuss von 3000 Mark erhalten. Mitte Juni ging 
eine Anzahl Unternehmungslustiger nach der Walfisch- 
Bai ab, während Graf P fei 1 schon früher nach der Kap- 
Kolonie entsendet worden, um deutsche Kolonisten 
zur Auswanderung nach Windhoek zu bestimmen. 

Die »Kolonialgesellschaft für Südwestafrika« hat 
sich im April mit dem Farmer Herr mann in Kubub 
associert, um Viehzucht in grösserem Maasstab im 
Bezirke Nomtsas (nördlich von Grootfontyn) zu be¬ 
treiben, in einem Landstrich, den Herrmann als 
sehr fruchtbar gepriesen, von dessen üppigen Fluren 
jedoch Schinz, der diese Gegend ebenfalls bereist 
hat, nichts zu erzählen weiss. Ferner will die Ge¬ 
sellschaft 200000 Mark für eine Schäferei auf der 
Khomashochebene, 50000 Mark für die Anschaffung 
von Kameelen und 120000 Mark für Verbesserung 
der Lüderitz-Bucht verwenden. Alles in allem braucht 
sie 424000 Mark; da nun ihr Barvenflögen nur aus 
250000 Mark besteht, so beabsichtigt sie durch Her¬ 
ausgabe neuer Anteilscheine ihr Betriebskapital zu 
vermehren. So lauteten die Nachrichten Anfang Mai 
— von da an herrschte beredtes Schweigen. 

Südafrika. 

Am meisten interessieren in diesem Teil des 
Kontinents die Entwickelung und die Aussichten 
der jüngsten englischen Kolonie in Maschona- und 
Manika-Land. Zum richtigen Verständnis der dor¬ 
tigen Verhältnisse ist aber eine eingehende geogra¬ 
phisch-wirtschaftliche Betrachtung jener Landstriche 
absolut notwendig, und diese bedarf eines grösseren 
Raumes, als der Rahmen der »Afrikanischen Neuig¬ 
keiten« gestattet. Ich werde deshalb das Resultat 

66 


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ji8 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


meiner kritischen Untersuchungen in einem der 
folgenden Hefte des »Ausland« ausführlich mitteilen. 

In der Kap-Kolonie und in den Boers-Staaten 
steigert sich offenbar die Neigung, der Schroffheit 
der Rasseneigentümlichkeiten zu entsagen und auf 
dem Boden der wirtschaftlichen Interessen ein Ein¬ 
verständnis zu erzielen. Die Engländer im Kap- 
parlament verzichten auf die ihnen von Exeter Hall 
aufgedrungene Verhätschelung der Farbigen und be¬ 
schlossen im Juni d. J., das aktive Wahlrecht von 
einem höheren Einkommen und von einer, wenn 
auch geringen Schulbildung abhängig zu machen. 
Damit ist dem Vordringen des Kaffernelementes in 
die politische Sphäre ein fester Damm entgegen¬ 
gesetzt worden und die aristokratische Stellung der 
Weissen gesichert, Grundsätze, welche bisher die 
Boers allein gegen die nivellierende und humani¬ 
sierende Politik der englischen Regierung hartnäckig 
verteidigten. Andererseits öffnet Transvaal jetzt seine 
jungfräulichen Gauen dem Bau von Eisenbahnen im 
Süden und Nordosten. Noch vor Jahresschluss soll 
die erste Lokomotive, von Port Elizabeth aus Süden 
kommend, ihren Einzug in Johannesburg, vielleicht 
auch in Pretoria halten; auch die Delagoa-Bahn wird 
bis zu diesem Zeitpunkt die Grenzen der südafrika¬ 
nischen Republik weit überschritten haben. Welches 
Vertrauen Europa und speciell England in die Ent¬ 
wickelungsfähigkeit des holländischen Gemeinwesens 
und in den Reichtum jener Länder besitzt, beweist 
der Umstand, dass die am 29. Juni durch Roth¬ 
schild emittirte Eisenbahnanleihe von 50 Millionen 
Mark mehrfach überzeichnet wurde. Der Beitritt 
sämtlicher südafrikanischer Staaten zu einem Zoll¬ 
verein wird sicherlich durch den gesteigerten Ver¬ 
kehr beschleunigt werden. Momentan wirft die eng¬ 
lische Regierung noch einen Prügel dazwischen mit 
der Weigerung, Swasiland, das Transvaal als Preis 
einer Zollunion verlangt, ganz an die Boers zu über¬ 
lassen. Aber bei dem einmütigen Wunsche der 
Minister der Kap-Kolonie, durch diese Cession end¬ 
lich in ein festes und freundschaftliches Verhältnis 
zu Transvaal zu kommen, ist in absehbarer Zeit die 
Beseitigung sämtlicher Hindernisse zu erwarten. 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. 

Von Emil Wisotzki (Stettin). 

(Fortsetzung.) 

Aber die Frage: wo bleibt das gewaltige von 
den Flüssen zugeführte Wasserquantum? zwingt zu 
einer Antwort. Nach jener Kritik ist man über die¬ 
selbe zu staunen berechtigt. Kämpfer hofft von 
der Wahrheit sich nicht zu weit zu entfernen, wenn 
er einen »abyssum subterraneum« annimmt, durch 
welchen das Kaspische Meer mit dem Ocean in 
Verbindung stünde. Und nun werden wieder alle 


jene Hallucinationen aufgewärmt, die wir schon 
kennen gelernt. Dem sehr richtigen Einwurf, den 
man ihm machen könne: wenn das der Fall, so 
müsste das Kaspische Meer schon längst ausgesüsst 
sein, tritt er mit der schwächlichen Bemerkung ent¬ 
gegen, das sei ja dann auch der Fall mit den »gur- 
gites verticosi«. Wer es wolle, möge es bestreiten! 
Dass eine Verbindung bestehe, beweise der Satz: 
»omnia flumina intrant in mare, et mare non re- 
dundat, ad locum unde exeunt flumina, revertuntur, 
ut iterum fluant«. Wie diese Verbindung hergestellt 
sei, dies »mysterium sapientissimus mortalium rex 
non explicavit« 1 ). 

Fünf Jahre später, 1717, erschienen die Berichte 
Tourneforts über seine Orientreise. Derselbe hielt 
oberflächliche Ausströmung durch den Bosporus für 
in keiner Weise hinlänglich zur Erklärung des Ver¬ 
bleibes der gewaltigen Wassermassen, die dem Pontus 
durch die Flüsse zugeführt würden. Wirklich im¬ 
stande hierzu zu sein, erschienen ihm nur unter¬ 
irdische Kanäle, die vielleicht Europa und Asien 
durchsetzten und in die Landmassen eintretende 
Sickerwasser, die dann irgendwo in der Ferne ent¬ 
weichen. Er stützt diese Erklärung durch Hinweis 
auf den menschlichen Körper, dem die Transpiration 
mehr Feuchtigkeit entziehe wie augenfälligere Ent¬ 
leerungen 2 ). 

Dass die unterirdische Kanalisation aber auch 
sonst wohl noch ihre Vertreter gehabt, geht hervor 
aus der Bemerkung Jakob Jurins, des Herausgebers 
der geographia generalis des Varenius im Jahre 
1712, dass diese Theorie von den »meisten« als 
sehr schwer erklärlich, als unmöglich, ja als unnötig 
verworfen werde 3 ). 

Noch im Jahre 1750 fordert der Slowene Po¬ 
powitsch in seinem noch weiter unten heranzu¬ 
ziehenden Werke, wie schon oben bemerkt, auf, 
diese Theorie fallen zu lassen, als dem Geiste des 
Zeitalters der Aufklärung nicht mehr entsprechend, 
und noch 1753 hielt es der Bischof von Bergen, 
Pontoppidan, für nötig, gegen Kircher mit be¬ 
sonderer Bezugnahme auf den »Maelstrom« zu pro¬ 
testieren 4 ). 

Selten dürfte eine Spekulation sich so zäh durch 
zwei Jahrtausende erhalten haben, und nicht etwa 
ihr Leben kümmerlich fristend, sondern stets in 

*) Amocnitates exoticae etc., Lemgoviae 1712, p. 253—257. 

2 ) Relation d’un voyage du Levant, II, Lyon 1717, p. 404. 

3 ) A. a. O., p. 12. Hier möchte ich mir erlauben, die 
Historiker der Meteorologie aufmerksam zu machen auf die von 
Jakob Jurin, Soc. Reg. Secret., erfolgte »Invitatio ad ob- 
servationes meteorologicas communi consilio instituendas, seorsim 
impressa 1724 Londini«. Ad Collect. Act. Erud., quae Lipsiae 
publicantur missa, t. IIX, Int. IX. Dass diese »invitatio«, deren 
Schicksal ich nicht weiter verfolgt habe, die aber sicherlich ihren 
historischen Wert hat, in Hell man ns Repertorium sich nicht 
genannt findet, ist nicht weiter auffallend. Aber auch in Trau¬ 
müllers Schrift »Die Mannheimer meteorologische Gesellschaft«, 
Leipzig 1885, findet sie sich nicht erwähnt. 

4 ) Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen, I. Teil, 
deutsch von Scheiben, Kopenhagen 1753, S. 139. 


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Die Strömungen in den Meercsstrassen. 


519 


vollster Wucherung wie diese geophysikalische Hal- 
lucination 1 ). 

Wir haben weiter oben diese Frage als eine 
höchst wichtige bezeichnet. Und mit Recht! Denn 
von ihrer richtigen Beantwortung hing mit ab die 
richtige Antwort auf die Frage nach den Ursachen 
der bisher allein bekannten Oberflächenströmungen. 
Verdunstung und etwaiger oberflächlicher Abfluss 
wurden im allgemeinen als in keiner Weise ver¬ 
mögend angesehen, den Zufluss einmündender Ströme 
auszugleichen, daher griff man zu dem Mittel unter¬ 
irdischer Abzugskanäle. Eine Erklärung z. B. der 
Gibraltarströmung war von diesem Standpunkt aus 
ganz unmöglich. 

Erst das richtige Verständnis für das Verhältnis 
zwischen Verdunstung und Zufluss konnte hier klä¬ 
rend und lösend wirken. Das Verdienst, hier ein- 
gegriflen und damit freie Bahn geschaffen zu haben 
für eine Reihe wichtiger geographischer Fragen, ge¬ 
bührt keinem geringeren als Edmund Halley. Der¬ 
selbe unternahm im Jahre 1687 auf Grund eines 
Experimentes eine Schätzung der Quantität der dem 
Ocean durch die Sonnenwärme entzogenen Wasser¬ 
menge und verglich diese mit der dem Ocean durch 
die Flüsse zum Ersatz wieder zugeführten. Die 
Lösung dieser hochbedeutenden Aufgabe, eine der 
frühesten, welche uns auf dem Gebiet der rechnen¬ 
den Geographie begegnen, setzt, wie man sofort er¬ 
kennt, ihrerseits wieder voraus die Existenz einer 
Methode zur Bestimmung der durch Flüsse wegge¬ 
führten Wassermassen. Diese Methode hatte aber 
bereits das 17. Jahrhundert angegeben. Schon vor 
einigen Jahren habe ich in meiner Schrift »Haupt¬ 
fluss und Nebenfluss« dieser Frage meine Aufmerk¬ 
samkeit zugewendet. Da mir aber unterdes neues 
historisches Material zugeflossen ist, so sei es ge¬ 
stattet, hier den Gegenstand zusammenzufassen. 

Bei Peschei (Geschichte der Erdkunde. Zweite 
Auflage, München 1877, P- 7*>9) wird Riccioli 
»der erste Naturforscher genannt, welcher 1672 aus 
der Breite, der mittleren Tiefe und der Geschwin¬ 
digkeit eines Stromes seine Wasserfülle berechnete.« 
Wie Peschei diese Behauptung aufstellen konnte, 
erscheint unerfindlich, mit Rücksicht auf die Stellen 
bei Riccioli selbst (Geographia et hydrographia 
reformata. Bononiae 1661. Fol. 244—248.443—450). 
In der neueren historischen Litteratur zur Geographie 
ist seitdem nichts weiter hierfür beigebracht worden. 

Nun findet sich aber schon in dem »Opus 
ScipionisClaramontii CaesenatisdeUniverso«,Co- 
loniae Aggrippinae 1644, p. 134, die Frage beant- 


J ) Wir haben oben schon kurz angedeutet und betonen 
es hier noch besonders, dass selbstverständlich einzelne bedeutende 
Geister sich ferne gehalten haben von solchen Wahnvorstellungen. 
Ich nenne hier vor allem Isaak Vossius, der in seinem treff¬ 
lichen Buche »De Nili et aliorum fluminum origine, Hagae- 
Comitis 1666,« immer wieder darauf hinwies: »frustra a non- 
nullis fingi lacus subterraneos«. Er fand in den atmosphärischen 
Vorgängen die notwendigen Bindeglieder. 


wortet: »Quo abeat tanta aqua, quae in mare ex- 
currit, et tarn cito«. Eine Vorstellung von der Grösse 
dieser Wassermasse versucht der Verfasser zu ge¬ 
winnen an der Hand einer Berechnung der vom 
Arno und dann der vom Amazonas gelieferten 
Massen, bei welchen die Geschwindigkeit berück¬ 
sichtigt wird. Aber schon 16 Jahre früher, 1628, 
hat Benedetto Castelli, monaco Cassinense, in 
seiner Schrift: »Deila misura dell’ acque correnti« *) 
neben Breite und Tiefe eines Flusses seine Geschwin¬ 
digkeit als notwendigerweise mit heranzuziehenden 
Faktor eingeführt. Castelli bemerkt, man habe 
bisher stets nur Breite und Tiefe berücksichtigt, die 
Länge aber vernachlässigt, vielleicht weil man die¬ 
selbe bei einem Flusse gewissermaassen für unbe¬ 
grenzt gehalten, und deshalb für unfassbar. Aber 
dieselbe sei hier nichts anderes, als die Geschwin¬ 
digkeit in einer gewissen Zeit. Humphreys und 
Ab bot (Reports upon the Physics and Hydraulics of 
theMississippi. Philadelphia 1861 p. 185) sind die ein¬ 
zigen in der neuen Litteratur, welche Castelli an¬ 
erkannten : »he first introduced the velocity as an 
element in estimating the discharge of a river.« 
Aber sowohl diese beiden Amerikaner, wie auch 
Castelli und ebenso der Verfasser dieser Abhand¬ 
lung, als er jenen beistimmte, haben geirrt. Denn 
schon 1598 versuchte Giovanni Botero die von 
den Flüssen ins Weltmeer geführte Wassermasse zu 
berechnen. Er legte die Donau zu Grunde: »il 
Danubio b largo nella sua maggior ampiezza un 
miglio, profondo otto, ö dieci braccia, corre conti¬ 
nuamente, e fa tre miglia almeno per hora. l’anno 
contiene otto mila settecento ottanta quattro höre, 
adunque il Danubio condurra al mare, venti sei 
mila 352 miglia d’aequa della sudetta profonditä, 
in un’ anno.« Wie gross, ruft Botero aus, wird 
nicht seine Wassermasse in 1000, 2000, 5000 Jahren 
sein? Und was solle er reden von den anderen 
Strömen, Dwina, Wolga, Ganges, Maragnon, La 
Plata? Ihre Wassermassen würden schon 1000 Welt¬ 
meere, nicht bloss Mittelmeere, ausgefüllt haben. 2 ) 

Uebrigens wird nach meinem Dafürhalten der 
Wert des Castellischen Werkes an sich in keiner 
Weise hierdurch alteriert, aber die Priorität des Ge¬ 
dankens der Einführung der Geschwindigkeit als 
Vertreterin der Länge wird Castelli doch wohl an 
Botero abtreten müssen. Uebrigens dürfte auch 
vielleicht ein Zeitgenosse Boteros, nämlich J. Bap¬ 
tist a Aleotti, welcher als Hydrotechniker im 
Dienste des Papstes Clemens VIII. (1592—1605) 
stand, hier genannt werden müssen, doch ist dieser 
mir litterarisch nicht bekannt geworden, trotz man¬ 
cher Bemühung. Dass vielleicht schon der geniale 
Lionardo da Vinci (f 1519) (The litterary 
works compiled and edited from the original manu- 
scripts by Jean Paul Richter, vol. I. London 1883. 

1 ) Terza edizione, Bologna 1660, p. 57. 

2 ) Relationi del mare, Venetia 1599, p. 247. Die Vor¬ 
rede ist von 159S. 


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520 


Die erste Anwendung der gnomonischen Kartenprojektion. 


§. 384 vol. II. §. 1023 und 1084) hierher zu zählen, 
habe ich schon in der oben genannten älteren Ar¬ 
beit gezeigt; doch steht derselbe ja mit seinen An¬ 
sichten mehr ausserhalb der schriftlich fixierten Ent¬ 
wickelung. 

Auf die betreffenden Resultate ihrer Berech¬ 
nungen hier einzugehen, erscheint nicht nötig. Wir 
konstatieren nur, dass Edmund Halley hier bereits 
den Weg vorgezeichnet fand. In Bezug auf den 
zweiten Punkt, auf die Berechnung der Verdunstung, 
war das nicht der Fall. Hallev bemerkt selbst, dass 
er hier ganz ohne Vorläufer sei, was ich nicht im 
stände bin, augenblicklich weiter zu kontrollieren. 
Auf Grund eines Versuches nahm er die tägliche 
Verdunstung gleich V 10 Zoll an, was für einen 
Quadratgrad (69 engl. Meilen = i°) 33 Millionen 
Tons ergäbe. Er gab dann dem Mittelmeer eine 
Fläche von durchschnittlich 40 Grad Länge und 
4 Grad Breite, also im ganzen 160 Quadratgrade; 
infolge dessen verliere dieses durch Verdunstung 
täglich 5280 Millionen Tons. Dass diese Summe 
nicht zu gross sei, ersehe man besonders daraus, 
dass der die Verdunstung ausserordentlich beför¬ 
dernde Wind noch gar nicht in Rechnung ge¬ 
stellt sei. 

Für die Berechnung der dem Mittelmeer durch 
die Flüsse zugeführten Wassermasse, legt er die 
Themse zu Grunde, welche täglich 20 300000 Tons 
Wasser liefere. Wenn man nun auch annehme, 
dass die neun wichtigsten Flüsse (Ebro, Rhone, 
Tiber, Po, Donau, Dniester, Dnieper, Don und Nil) 
je zehnmal so viel Wasser lieferten wie die Themse, 
so ergäbe das für sie alle zusammen doch erst eine 
Wassermasse von 1827 Millionen Tons. Durch die 
Verdunstung verliere also das Mittelmeer beinahe 
dreimal mehr, als ihm durch die Flüsse ersetzt 
werde x ). 

So war mit einem Schlage die Rolle, welche 
Verdunstung und Zufluss für die Lage der Ober¬ 
fläche des Mittelmeeres bis auf diese Zeit gespielt 
hatten, in ihr gerades Gegenteil verkehrt worden. 
Während bisher unterirdische Abzugskanäle für das 
überflüssige Wasser konstruiert werden mussten, um 
die Anwohner in Bezug auf eine Ueberflutung zu 
beruhigen, war man jetzt gezwungen, für Zufuhr 
zu sorgen, um einem allmählichen Verschwinden 
des Mittelmeeres und damit dem Verluste aller Seg¬ 
nungen desselben vorzubeugen. 

Von selbst ergab es sich von jetzt ab, in jener 
ausserordentlich starken Verdunstung des eigentlichen 
Mittelmeerbekens die Ursache einer Niveaudifferenz 
zu erblicken, zwischen letzterem einerseits und At- 


*) An estimate of the quantity of vapour raised out of 
the sew by the warmth of the sun; derived from an experiment 
shown bcfore the Royal Society by Ed. Ha Hey. Philos. Trans¬ 
act. 1687. nuinb. 189. Halley beabsichtigte, die Bedeutung 
seiner Untersuchung für die Quellenbildung und für den Gibmltar- 
strom später noch auseinander zu setzen. Ersteres hat er ge- 
than, ob letzteres, ist mir unbekannt geblieben. 


lantischem Ocean resp. Pontus andererseits, und in 
dieser Niveaudifferenz wieder die Veranlassung zu 
finden für die Einströmungen atlantischen und poli¬ 
tischen Wassers durch die Strasse von Gibraltar und 
den Bosporus ins Mittelmeer. Und ebenso konnte 
es von jetzt ab keinem Zweifel mehr unterliegen, 
dass die Ausströmung baltischen Wassers zur Nord¬ 
see hin durch die dänischen Sunde umgekehrten Ver¬ 
hältnissen, einem Ueberwiegen der Zufuhr durcli Flüsse 
über die Abfuhr durch Verdunstung zuzuschreiben 
sei. Für die Erklärung der Oberflächenströme in 
den genannten Meeresstrassen war das unerschütter¬ 
liche Fundament in seinen Prinzipien gelegt wor¬ 
den. Was folgte, waren weiter nichts als feinere 
Ausgestaltungen, schärfere Fassungen dieser Grund- 
läge 9. 

Aber auch für die Unterströmungen begann in 
denselben Jahren eine neue Zeit. Mit einemmal 
wurden sie für Bosporus, Gibraltarstrasse und dänische 
Sunde behauptet, um nicht zu sagen erwiesen, und 
zwar von verschiedenen Seiten her. 

Die drei hier zu nennenden Männer: Richard 
Bolland, Thomas Smith und Graf Ferdinando 
Marsigli sind Zeitgenossen Halleys, haben aber 
noch vor diesem ihre Beobachtungen und Erfahrungen 
gesammelt, so dass sie zum Teil wenigstens noch 
in der Sprache der alten Schule reden, die von der 
starken Verdunstung im Gebiet des Mittelmeeres 
nichts wusste. 

Kapitän Richard Bolland schreibt unter dem 
24. Juli 1675 in seinem Tagebuch 2 ): in der Strasse 
von Gibraltar befinden sich zu beiden Seiten, im 
Norden und im Süden, ein- und ausgehende Ge¬ 
zeitenströme, zwischen diesen aber ein beständig 
aus dem Atlantischen Ocean ins Mittelmeer eintre¬ 
tender Strom, wenn nicht etwa ganz besonders starke 
Winde hindernd dazwischen treten. Trotz aller 
gegenteiligen Behauptungen halte er daran fest, ge¬ 
stützt auf neunjährige eigene Erfahrung. Ebenso 
fliesse eine bedeutende Wassermenge aus dem Pon¬ 
tus durch den Bosporus hin, ganz zu schweigen 
von den zahlreichen Flüssen. 

(Fortsetzung folgt.) 


Die erste Anwendung 
der gnomonischen Kartenprojektion. 

Von S. Günther. 

In seinem neuen Werke über Kartenprojektions¬ 
lehre, über welches der Leser weiter unten einen aus- 


*) Andere bald erfolgende zahlreiche Berechnungen der 
Verdunstung und der Wasserzufuhr durch Flüsse übergehen 
wir hier. 

2 ) ®A draught of the straights of Gibraltar with some ob 
servations upon the currents thereunto belonging«, enthalten in 
»A Collection of voyages and travels some now first printed from 
original manuscripts, others now first published in englisli«, 
vol. IV, London 1752, Fol. 777 u. folg. 


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Die erste Anwendung der gnomonischen Kartenprojektion. 


521 


führlichen Bericht vorfindet, bezeichnet Breusing 1 ) 
die centrale oder gnomonische Projektion als 
eine solche, welcher lediglich ein astronomisches, 
nicht aber auch ein eigentlich geographisches Inter¬ 
esse zukomme. Trotzdem wir Breusings Autorität 
im allgemeinen gerne anzuerkennen bereit sind, er¬ 
achten wir diesen Ausspruch doch nur als bedingt 
richtig, denn mag auch die Bedeutung der in der 
fraglichen Projektion gehaltenen orthodromischen 
Seekarten — unser Gewährsmann nennt sie die 
gradwegigen — vom Nichtnautiker überschätzt 
werden, so beweist doch das Vorgehen der prak¬ 
tischen Amerikaner, dass der Seemann von solchen 
Karten unter Umständen einen ganz guten Gebrauch 
machen kann 2 ). Die Entstehung dieses Netzent¬ 
wurfes wurde von dem Schreiber dieser Zeilen auf 
Leibniz zurückgeführt a ), allein, wie Breusing 4 ) 
zeigen konnte, lässt sich dieses Abbildungsverfahren 
schon zwölf Jahre vor dem Erscheinen jener Leib¬ 
niz sehen Abhandlung nachweisen. »Der Schiffs¬ 
kapitän Samuel Sturmy in seinem Werke ,The 
Mariners Magazine*, London 1679 fol., zeigt, wie 
man mit Hilfe einer Tangentenskala ein orthodromi- 
sches Gradnetz entwirft, und gibt die Zeichnung für 
einen Kreisquadranten in Polarprojektion bis zu 13 0 
Breite . . . 5 ). Als Erläuterung legt er darin den 
Hauptbogen zwischen Lundy Island und Barbados 
nieder.« Wir werden nun darzuthun haben, dass 
der Gedanke, eine Kugelfläche perspektivisch vom 
Mittelpunkte aus auf Berührungsebenen zu über¬ 
tragen — und zwar nicht bloss für die Anfertigung 
von Sonnenuhren, sondern recht eigentlich aus 
kartographischen Motiven —, noch um ein 
gutes Stück älter ist; allerdings war es, und darin 
hat wieder Breusing unzweifelhaft recht, in erster 
Linie das astronomische Bedürfnis, welchem 
diese Methode entsprang. Allein nachdem einmal 
das Eis auf diese Weise gebrochen war, musste ja 
die geographische Anwendung ganz von selbst 


*) Breusing, Das Verebnen der Kugeloberfläche für Grad¬ 
netzentwürfe, Leipzig 1892, S. 13. 

2 ) Für den nördlichen und südlichen Atlantik, sowie auch 
für den nördlichen Pacifik sind im Jahre 1891 durch den Hydro¬ 
graphen der Vereinigten Staaten, Richardson Clover, ortho- 
dromische Segelkarten herausgegeben worden. Vgl. Weyer, 
lieber eine neue Ausgabe der amerikanischen Seekarten in gno- 
monischer Projektion für das Segeln im grössten Kreise, Ann. 
d. Hydrographie u. Marit. Meteorologie, 20. Jahrg., S. 185 ff. 
Es wird betont, dass auf diesen Karten die Kursmessung mit 
einer alles Frühere weit Ubertreffenden Leichtigkeit und Ge¬ 
nauigkeit vollzogen werden kann. 

3 ) Günther, Die gnomonische Kartenprojektion, Ztschr. 
d. Gesellsch. f. Erdkunde zu Berlin, 18. Band, S. 139. 

4 ) Breusing, a. a. O., S. 12. 

5 ) Folgendes sind die Worte des Engländers: »You may 
set down therein the two places, you are to sail between, ac- 
cording to their latitudes and longitudes and then only by your 
ruler draw a straight linc from the one place to the other wliich 
will represent the great circle, which passeth between those 
places, and will cross those degrees of longitude and latitude, 
which you must sail by.* 


nachfolgen 4 ). Wir überzeugten uns nachträglich, 
dass R. Wolf, der treffliche Historiker der Astro¬ 
nomie, eine Andeutung in diesem Sinne gemacht 
hat 2 ); doch ist dieselbe nur ganz unbestimmt, da 
Wolf offenbar das in Rede stehende Werk nicht 
selbst vor Augen gehabt hat (auch der Name des 
Autors ist unrichtig geschrieben). Es verlohnt sich 
daher wohl, die Frage einmal eingehender zu erörtern 
und Näheres über die bewusst erste Anwendung 
der gnomonischen Projektion mitzuteilen. 

Der Schriftsteller, welchen wir im Auge haben, 
ist der als Verfasser verschiedener mathematischer 
Schriften in damaliger Zeit sehr geachtete Jesuit 
Grienberger 3 ). Im Jahre 1612 Hess derselbe ein 
Werkchen drucken, dessen sehr weitschweifiger Titel *) 
von dem wesentlichen Inhalte sofort eine ziemlich 
ausreichende Vorstellung gibt. Allerdings ist den 
Textesworten der Einleitung zufolge das Original 
in seiner ursprünglichen Gestalt ein reines Tabellen- 

x ) Es ist die Vermutung ausgesprochen worden, dass über¬ 
haupt die ersten rationellen Versuche, ein Bild von Himmel und 
Erde zu entwerfen, ganz von selbst von der Mittelpunkts¬ 
perspektive ausgegangen sein müssen (D’Avezac, Coup d’oeil 
historique sur la projection des cartes de la g^ographie, Bull, 
de la soc. göogr., 1863, S. 464). An das angebliche Weltbild 
des Anaximander darf man freilich dabei, wie wir jetzt wissen, 
nicht denken, denn es kann kaum einem Zweifel mehr unter¬ 
liegen, dass der genannte jonische Philosoph die Kugelgestalt 
der Erde nicht gekannt und nicht gelehrt hat. 

2 ) Wolf, Geschichte der Astronomie, München 1877, S. 387. 

8 ) Christoph Grienberger war 1561 zu Hall (bei 
Innsbruck) geboren und wurde, nachdem er früh in den Orden 
getreten war, an verschiedenen Orten als Lehrer der mathema¬ 
tischen Wissenschaften verwendet und docierte etwa von 1600 
an zu Rom, wo er 1636 verstarb. Seine Trigonometrie, seine 
Euklid-Ausgabe, seine Arbeit über Brennspiegel bezeugen seine 
geistige Regsamkeit; auch wissen wir, dass er beteiligt war an 
den tiefsinnigen geometrischen Studien seines Ordensbruders 
Gregorius a St. Vincentio (s. Kästner, Geschichte der 
Mathematik, 3. Band, Göttingen 1799, S. 223, 231 ; Cantor, 
Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, 2. Band, Leipzig 
1892, S. 776). Während seines Aufenthaltes in Rom verkehrte 
er in inniger Freundschaft mit seinen Ordensbrüdern Clavius 
und Seheiner, und es ist zu mutmaassen, dass er, wie letztere! 
dies that (vgl. v. Braunmühls Scheiner-Biographie, Bamberg 
1891), ebenso auch in dem gegen Galilei geführten Prozesse 
keine letzterem günstige Rolle gespielt hat, da sich nun einmal 
die ganze Gesellschaft Jesu durch den grossen Naturforscher be¬ 
leidigt glaubte. Ursprünglich scheint er für Galileis Ent¬ 
deckungen entschiedene Hochachtung bekundet zu haben, und 
dieser selbst erkannte ihn als »vortrefflichen Mathematiker« an 
(K. v. Gebier, Galileo Galilei und die Römische Kurie, I. Band, 
Stuttgart 1876, S. 45, 73). 

4 ) Nova imaginum caelestium prospectiva, ex mundi centro 
in diversis planis globum caelestem tangentibus per tabulas parti- 
culares, caelo ac accuratioribus Tychonianis observationibus quam 
simillima; olim Romae circa annum MDCXII. calculo ac de- 
lineatione R. P. Christophori Grienbergeri Oeno-Halensis 
e Societate Jesu elaborata, nunc denuo opera atque impensis 
A. R. D. Hieronymi Ambrosii Langenmantel. Canonici ad 
S. Mauritium etc. in gratiam matheseos cultorum in lucem producta. 
Augustae Vindelicorum. Typis Koppmayerianis MDCLXXIX. — 
Ganz irrig fasst das Wesen dieses Werkchens Mädler auf (Ge¬ 
schichte der Himmelskunde, 1. Band, Braunschweig 1872, S. 255), 
indem er der Meinung Raum gibt, es sei darin von den soeben 
durch Galilei mit dem neuen Fernrohre gemachten Entdeckungen 
die Rede. 


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522 


Die erste Anwendung der gnomonischen Kartenprojektion. 


werk gewesen, und erst Kircher hatden Schlüssel | 
zu diesen Tafeln gegeben. Da jedoch selbstredend 
die Erläuterungen Kirchers von denjenigen nicht 
verschieden sind, welche Grienberger, wenn über¬ 
haupt ein Kommentar von ihm beabsichtigt gewesen | 
wäre, hätte geben müssen, so verschlägt es wenig, i 
ob die kurze Einführung von dem einen oder anderen 
der beiden Gelehrten herstammt. 

Das erste Kapitel hebt hervor, dass die nun zu 
lehrende Art, den gestirnten Himmel abzuzeichnen, 
eine völlig neue sei, und dass Grienberger, wenig¬ 
stens sei dies Kirchers Ansicht gewesen, keinen 
Vorgänger gehabt habe. Nicht in die Himmels¬ 
kugel, wie sonst wohl, sei das Projektionscentrum 
verlegt, sondern in den Mittelpunkt der zu jener 
koncentrischen Erdkugel; so bekomme, da ja der 
Radius der achten Sphäre ein sehr grosser sei, jeder 
Beschauer beim Betrachten der Karte ganz denselben 
Eindruck, als wenn er das Firmament selber ansehe. 
Als Bildebene wird fürs erste diejenige gewählt, welche 
die Himmelskugel im (sichtbaren) Pole berührt; dann 
projicieren sich also sämtliche Parallelkreise wieder 
als Kreise, sämtliche grösste Kreise als grade 
Linien. Es wird dann zunächst ein geometrisches 
Schema angelegt, wie es unsere Figur zur Anschau¬ 
ung bringt. Der Mittelpunkt des Rechteckes G ist 
der Nordpol; um ihn als Centrum ist der nördliche 
Polarkreis konstruiert, auf welchem der Nordpol F 
der Ekliptik liegen muss; die Grade GF entspricht 
dann dem Kolur der Solstitien, eine in G auf ihr 
senkrecht stehende Grade dem Kolur der Aequi- 
noktien. Die längere Rechtecksseite ist parallel ge¬ 
nommen dem gradlinigen Bilde jenes Hauptkreises, 
welcher durch den Pol und einen Kardinalpunkt der 
Ekliptik hindurchgeht 2 ), wie dies auch in unserer 
Zeichnung ersehen werden kann. Damit ist also 
auch die Lage der Graden B C und ebenso die der 
zu ihr senkrechten Graden DE festgelegt. Nach¬ 
dem diese Bestimmungen getroffen sind, lässt sich 
alles, was der Kommentator in umständlicher und 
nach unseren Begriffen auch unklarer Weise vorträgt, 
folgendermaassen kurz zusammenfassen: 

Durch den Pol der Ekliptik als Anfangs¬ 
punkt wird ein rechtwinkeliges Koordinaten¬ 
system so gelegt, dass die -V-Achse der kür¬ 
zeren, die 1 -Achse der längeren Seite des 
einsch Hess enden Rechteckes parallel verläuft. I 
Für jeden Stern, der überhaupt in die Stern¬ 
karte aufgenommen werden soll, ist aus der 
Tafel Ordinate (»distantia recta«) und Abscisse 
(»distantia transversa«) zu entnehmen; dadurch 
ist der Ort des Sternes selbst bestimmt 8 ). 

*) Vgl. A. Kircher, Ars magna lucis et umbrae, Amster¬ 
dam 1671, lib. VI. Es hat sich aber auch dieser grosse Sammler 
auf eine Gebrauchsanweisung beschränkt, ohne dem Rechnungs¬ 
verfahren Grienbergers weiter nachzugehen. 

2 ) Diese Linie wird bei Langenmantel höchst unpassend 
»Meridianus imaginis« genannt, während doch die Bildlinien 
aller Meridiane im Pole zusammenlaufen müssen. 

3 ) Eigentlich beziehen sich die Zahlen nicht auf den Pol 


| Dies ist, wie man erkennt, eine Anwendung 
des Koordinatenbegriffes in aller Form, lange vor 
Descartes, dem man die erste klare Auffassung 
dieser Art der Ortsbestimmung zuzuschreiben pflegt. 

| Nur die Unterscheidung der zwei Seiten einer graden 
i Linie, auf welcher ein fester Punkt angegeben ist, 
durch Vorzeichen ist Grienberger noch unbekannt, 
und er muss sich demzufolge mit Umschreibungen 
behelfen: bei den Ordinaten wird gesagt, ob sie 
oben oder unten, bei den Abscissen, ob sie rechts 
oder links aufzutragen sind. 

Das Diagramm, welches wir hier reproducieren, 
enthält nur gewisse Sternbilder des nördlichen Him¬ 
mels, für welche es sich empfahl, die Bildebene 
durch den Himmelspol hindurchzulegen. Handelt 



es sich um andere Teile des Firmamentes, so 
wird man auch besser eine andere Berührungs¬ 
ebene wählen. Im übrigen aber bleibt das Ver¬ 
fahren das gleiche: zuerst wird das Achsenkreuz 
konstruiert, und alsdann werden die Koordinaten 
abgetragen, so wie sie aus der Grienb erg ersehen 
Tafel sich ergeben. 

Leider bleiben wir ganz darüber im unklaren, 
wie die jedenfalls sehr mühselige Berechnung der 
Tabellen erfolgt sein mag. Man kann nur annehmen, 
dass Grienberger dieselbe Formel gekannt habe, 
welche wir selbst zu diesem Zwecke angegeben 
haben 1 ): aus den sphärischen Koordinaten irgend 

der Ekliptik selbst, sondern auf einen Punkt, der für jeden Einzel¬ 
fall besonders ausgemittelt werden muss und »vertex asterismi« 
genannt wird. Doch handelt es sich da ersichtlich nur um eine 
einfache Parallel Verschiebung des Achsensystems. 

l ) Günther, a. a. O., S. 145. 


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Geographische Mitteilungen. 


523 


eines Punktes der Kugelfläche die orthogonalen 
Koordinaten seines Bildpunktes in der Kartenebene 
herzuleiten. Mit sphärischer Trigonometrie jeden¬ 
falls muss wohl vertraut gewesen sein, wer an diesen 
— selbst unter dem Gesichtspunkte der Gegenwart — 
umständlichen Kalkül heranzutreten wagte. 

Bildliche Darstellungen sind der Langen* 
mantelschen Ausgabe des Grienbergerschen 
Werkchens nicht beigegeben, mit Ausnahme jener 
einen Skizze, welche lediglich als Paradigma dienen 
sollte (s. Figur). Reichlichen Ersatz hierfür bietet 
eine andere Schrift des Autors, welche wir im 
Originaldrucke*) vor uns liegen haben. Sie gibt 
in 28 Einzelkärtchen die Abbildung des ganzen 
Himmelsgewölbes und die Zahlentafeln, welche zu 
deren Konstruktion notwendig waren, enthält sich 
aber gänzlich jedes Hinweises auf die Wege, welche 
zu der Berechnung jener Tafeln geführt hatten. Nur 
in der Vorrede, die auch deshalb Beachtung verdient, 
weil in ihr Galileis Verdienst um die Förderung der 
Astronomie willig anerkannt wird (s. o.), erhalten 
wir eine kurze Darlegung der Gründe, welche 
Grienberger veranlasst haben, von den üblichen 
Darstellungen des gestirnten Himmels abzugehen; 
aber auch diesmal tritt der eigentlich neue Grund¬ 
gedanke ganz zurück, und das astrognostische 
Moment, der Wunsch, Anfängern die Kenntnis 
der Sternbilder zu vermitteln, spielt die Hauptrolle. 

Grienberger war sich kaum bewusst, dass 
er in die Kartographie ein neues Princip hinein¬ 
getragen hatte, und die Verwertung desselben für 
terrestrische, für geographische Zwecke, lag ihm, 
dem Astronomen, noch gänzlich ferne. Dies kann 
natürlich nicht hindern, ihn, wie er es verdient, als 
den eigentlichen Erfinder der gnomonischen oder 
gradwegigen Abbildung zu ehren, der zudem 
die Theorie dieser Abbildung, wie seine Karten er¬ 
sehen lassen, bis in ihre Einzelheiten beherrscht haben 
muss. 


Geographische Mitteilungen. 

(Die Schwerkraft in den Alpen.) Ueber die 
höchst eigentümlichen Anomalien, welche die Verteilung 
der Schwere in unmittelbarer Nähe des Hochgebirges 
erkennen lässt, hat Oberstlieutenant v. Sterneck mit 


l ) Catalogus veteres affixarum longitudines ac latitudines cum 
novis continens. Imaginuin caelestium prospectiva duplex. Altera 
rara ex polis mundi, in duobus hemisphaeris aequinoctialibus, 
per tabulas ascensionum rectarum et declinationum. Altera nova 
ex mundi centro, in diversis planis globum caelestem tangentibus, 
per tabulas particulares. Utraque caelo et accuratioribus Tychonis 
observationibus quam similiima. Christophori Grienbergeri 
Oeno-Halensis, e Societate Jesu, calculo ac delineatione, elaborata. 
Romae, apud Bartholomaeum Zoanettum, MDCXII. Das 
Jahr 1612 ist somit recht eigentlich (s. o.) das Geburtsjahr der 
neuen Methode, eine Kugelfläche auf die Ebene zu übertragen. 
Man sieht, dass »das alte Verfahren« der stereographischen Pro¬ 
jektion entspricht, und dass der Autor keinen Zweifel hegt, er 
lehre wirklich »ein neues Verfahren«, wie es sich denn auch in 
der That verhält. 


seinem geistvoll erdachten Pendelapparate, der noch 
allen Teilnehmern des Wiener Geographentages in guter 
Erinnerung sein wird, ausgedehnte Messungen angestellt, 
wobei ihm von den beiden für seine Zwecke sehr günstig 
gelegenen Sternwarten München und Padua wirksame 
Hilfe geleistet ward. Indem für verschiedene alpine 
und den Alpen benachbarte Flachland-Orte die Ab¬ 
weichung der Schwerkraftskonstante von jenem Werte 
ermittelt ward, welchen sie theoretisch an dem be¬ 
treffenden Punkte haben sollte, fand sich, dass, schon 
von München an, unter dem grössten Teile der Alpen 
ein Massendefekt existiert, der mehr und mehr zunimmt, 
wenn man längs der Linie der Brennerbahn von Norden 
nach Süden fortschreitet. Am bedeutendsten und zwar 
ziemlich gleichbleibend ist die Mächtigkeit des Defektes 
zwischen den Stationen Wörgl und Franzensfeste, dann 
nimmt dieselbe ab, und von San Michele bis Mattareljo 
(südlich von Trient) lässt sich ein langsames Aus keilen 
konstatieren, so dass gegen Rovereto hin sogar eine 
Massenanhäufung dafür eintritt. Dieselbe setzt sich bis 
in die Po-Ebene hinein fort, um später wieder, bei 
Mantua und Borgoforte, von einem Bezirke geringerer 
Massenattraktion abgelöst zu werden. Es versteht sich, 
dass auch in westöstlicher Richtung die Massenvertei¬ 
lung keine gleichmässige sein kann, und zwar scheint 
innerhalb Tirols die Stelle, unterhalb deren die Ver¬ 
minderung der Masse einen Maximalwert erreicht, in 
der Nähe der Stadt Lienz (im Pusterthale) gelegen zu 
sein. Anhäufungen von specifisch schweren Stoffen sind 
bei starken Lokalanziehungen als wahrscheinlichster 
Grund anzunehmen, während die Defekte auf die Ent¬ 
stehung von Hohlräumen, in welche dann Masse von 
geringerer Dichte nachdrang, zurückzuführen sein dürften. 
Für die Lehre von der Gebirgsbildung bieten diese 
Resultate der Arbeiten v. Sternecks (und Helmerts) 
mindestens dasselbe Interesse, wie für die mathemati¬ 
sche Geographie als solche. (Separatabdruck aus dem 
11. Bande der »Mitteilungen des k. k. militärgeographi¬ 
schen Institutes«, Wien 1892.) 

(Fischerei im Nördlichen Eismeere.) Seit 
einiger Zeit ist eine ziemlich lebhafte Agitation im 
Gange, veranlasst durch den Polarforscher Kapitän Bade, 
dass deutsches Kapital sich energisch an der Hochsee¬ 
fischerei in den nördlichen Gewässern beteiligen solle; 
vgl. auch unsere Besprechung der Schrift von L. Crem er 
in Nr. 12 dieser Wochenschrift. Gegen diese Be¬ 
strebungen legt nun neuerdings einen ernsten Protest 
ein der bekannte Zoologe Kükenthal in Jena, dem die 
Verhältnisse in jenen Gegenden aus gründlicher eigener 
Anschauung bekannt sind. Nutzfische finden sich, so 
stellt derselbe fest, in dem Meere zwischen Norwegen 
und Spitzbergen nur in verschwindender Zahl, die Bären- 
Insel vielleicht ausgenommen, die aber trotzdem von 
den rührigen skandinavischen Fischern so gut wie ganz 
gemieden wird. Grund davon sind die sehr ungünstigen 
klimatischen Verhältnisse dieses Eilandes, wo heftige 
Stürme, dicke Nebel und eine Fülle von Treibeis Zu¬ 
sammenwirken, 11m dem Landen, wie dem dauernden 
Aufenthalte Schwierigkeiten entgegenzustellen. Wenn 
die »Amely« im Sommer 1891 hier nur wenig Eis vor¬ 
fand, so war dies ein ganz ungewöhnlich günstiger Um¬ 
stand. Auch an anderweiten Seesäugetieren und an 
Vögeln sind nicht annähernd so reiche Schätze vor¬ 
handen, wie Bade annimmt, und die Hoffnung, auf 
Bären-Insel oder Spitzbergen reichhaltigere Kohlenlager 


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524 


Litteratur. 


ausbeuten zu können, erscheint gleichfalls zur Zeit als 
völlig illusorisch. Kükenthal rät somit von der Be¬ 
teiligung an einem so wenig sicheren Gewinn verheissen- 
den Unternehmen entschieden ab. 

Ganz auf dieselbe Seite stellt sich auch ein anderer 
Fachmann, der in der Fischereifrage gründlichst be¬ 
wanderte Geograph Linde mann in Bremen. Er er¬ 
kennt die Argumente Kükenthals als vollkommen be¬ 
rechtigte an und warnt dringend davor, dem erwachenden 
deutschen Unternehmungsgeiste Bahnen vorzuschreiben, 
die zu einem Misserfolge führen müssen, wogegen beim 
Anschlüsse an eine der schon bestehenden Bremer Fisch- 
dampferrhedereien oder auch an die Emdener Gesell¬ 
schaft für Häringsfischerei etwas Gedeihliches für die 
öffentliche Wohlfahrt und den eigenen Beutel zu er¬ 
warten sei. (Naturwissenschaftl. Wochenschrift, VII. Bd., 
Nr.. 26; Weser-Zeitung vom 5. Juli 1892.) 

(Columbus-Feier in Hamburg.) Für den be¬ 
vorstehenden 12. Oktober, als den Tag, an welchem 
das Geschwader des Entdeckers die Insel Guanahani 
erreichte, hat die Geographische Gesellschaft in Ham¬ 
burg eine grosse Festlichkeit in Aussicht genommen. 
Vormittags um 11 Uhr am genannten Tage findet die 
Festsitzung im grossen Saale des Konzertsaales statt, und 
zwar hat Geh. Admiralitätsrat Dr. Neumayer, Direktor 
der Deutschen Seewarte, die Gedächtnisrede übernommen. 
Abends um 8 Uhr aber wird in den sämtlichen Sälen 
des Sagebielschen Etablissements ein »historischer Fest- 
aktus« abgehalten werden, von dem, insbesondere was 
Pracht und Korrektheit der Kostüme anlangt, Unge¬ 
wöhnliches erwartet werden darf. Eine Columbus- 
Festschrift, für welche Rüge, Michow u. a. Beiträge 
geliefert haben, wird viel Neues und Interessantes zur 
Entdeckungsgeschichte der Neuen Welt beibringen, und 
eine amerikanische Ausstellung soll alle auf den grossen 
historischen Akt bezüglichen Dokumente und Reliquien 
vereinigen. An sämtliche Universitäten, erdkundliche 
Vereine u. s. w. ist eine liebenswürdige Einladung zur 
Teilnahme an dieser Festfeier ergangen. (Rundschreiben 
des Generalsekretärs der Hamburger Geographischen 
Gesellschaft.) 

(Neues über Claus von der Deekens Tod.) 
Der italienische Reisende Ugo Ferrandi, der bekannt¬ 
lich im Vorjahre eine Forschungsreise in die südlichen 
Somali- und Galla-Länder unternahm, in der Nähe von 
Bardera jedoch zur Rückkehr an die Küste bei Brava 
genötigt wurde, gibt über die näheren Umstände von 
Baron von der Deekens Ermordung einige neue inter¬ 
essante Aufschlüsse in dem Organ der Mailänder »So- 
cietä d’esplorazione commerciale in Africa« (VII. Jahrg., 
S. 142 ff. u. 189). Ferrandi erzählt, er habe Mitt¬ 
woch, 8. April 1891, in der Nähe von Bardera erfahren, 
der Mörder des Freiherrn, ein gewisser Osmän Abdi, 
lebe noch in der Stadt Bardera in dem hohen Alter von 
110 Jahren, sei aber so gebrechlich, dass er sich nicht 
von der Stelle rühren könne 1 ). Dieser Osmän Abdi, 
ein Eläj- oder Kablala-Somäli (nach anderer Version ein 
Askul vom Stamme der Hawia), war es, welcher am 
2. Oktober 1865 um 3 Uhr nachmittags in das Zelt des 
deutschen Forschers trat und ihn aufforderte, die Waffen 
abzulegen, da er sich in einem befreundeten Lande be¬ 
finde. Osmän Abdi war es auch, der dem Baron die 
einzige Flinte stehlen Hess, die dieser noch hatte. Als 


*) Der Mann starb im Mai 1891 zu Bardera. 


Claus von der Decken zu einem Mittagsschlafe sich 
niedergelegt hatte, überfiel ihn darauf unter des genannten 
Sotnäli Führung die treulose Horde, die sein Zelt um¬ 
stand, der Baron aber, mit herkulischer Kraft begabt, 
vertheidigte sich auf das Tapferste, »facendo lettera- 
mente volare«, wie Ferrandi sich ausdrückt, »i Somali 
nella capanna«. Er ward aber überwältigt, gebunden, 
zum Dschubb-Flusse geschleppt und, bevor man ihn ins 
Wasser warf, durch einen Lanzenstoss von Osmän 
Abdi getötet. Nach anderer Version erhielt von der 
Decken von einem gewissen Mohammed Gorei von 
den Quabile Emit, als man ihn aus dem Zelte schleppte, 
einen Messerstich in die Weichen. Ferrandi erzählt 
ferner, Link sei am 3. Oktober 1865, als er ohne 
Kenntnis von der Katastrophe zum Dampfer zurück¬ 
gekehrt war, von einem Somäli-Burscheti mit Namen 
Billal vom Stamme der Lissan getötet worden, der 
später von einem Krokodil zerrissen wurde, und be¬ 
merkt, er könne noch viele Details über die Katastrophe 
des »Welf« berichten. Ich selbst erfuhr im Jahre 1885 
unter den Ejssa-Somäl, die Kanone des Decken sehen 
Dampfers sei von Bardera durch Ogad&n und die ganze 
Somäl-Halbinsel nach Norden gewandert und auf dem 
Markte in Berbera an einen Unbekannten verkauft worden. 
(Mitteilung von Prof. Paulitschke in Wien.) 


Litteratur. 

Die Sprachwissenschaft, ihre Aufgaben, Methoden 
und bisherigen Ergebnisse. Von Georg von der 
Gabelentz. Leipzig. 1891. 8°. XX. 502 S. 

Nachdem vor etwa 30 Jahren durch einen Berliner Pro¬ 
fessor, der unter Stanislas Julien in Paris die chinesische 
Sprache studiert hatte — ich meine H. Steinthal —, im An¬ 
schluss an die grundlegenden Arbeiten W. von Humboldts, die 
Sprachwissenschaft mit allen ihren weitverzweigten Proble¬ 
men in den Kreis der gelehrten Forschung gezogen worden war, 
waren es besonders Sanskritphilologen, welche diese Wissenschaft 
aufnahmen und von ihrem Standpunkte aus dem wissenschaftlich 
gebildeten Publikum mundgerecht zu machen versuchten; ich 
meine vor allen den anglisierten Deutschen Max Müller in 
Oxford und den Amerikaner W. D. Whitney in New-Haven. 
Nun ergreift in dem vorliegenden Buche, dessen Titel wir oben 
mitgeteilt haben, wiederum ein Sinolog, ein Mitglied der Berliner 
Hochschule das Wort, um uns von seinem Standpunkte über die 
Sprachwissenschaft und deren Probleme zu belehren. Und in 
der That, man wird auch selten einen Mann finden, der eine 
bessere Vorbereitung und mehr Beruf für seine Aufgabe mit¬ 
brächte, als G. von der Gabelentz. 

Gabelentz gehört nicht zu jenen unfruchtbaren Gelehrten, 
denen das wissenschaftliche Schulrecept für das höchste gilt, was 
überhaupt geleistet werden kann; er hat von der Wissenschaft 
nicht so sehr die Anschauung eines deutschen Hochschulprofessors, 
als vielmehr jene eines griechischen Philosophen. Er sagt in 
der Vorrede (S. VI): »Eine verfehlte Unterrichtsmethode kann 
dem Schüler den Lehrgegenstand für Lebenszeit verleiden; und 
verfehlt scheint es mir allemal zu sein, wenn bei jungen Köpfen 
mehr darauf abgezielt wird, ihnen ein Wissen und Können bei¬ 
zubringen, als die Sehnsucht nach Wissen und Können zu er¬ 
wecken. Denn das Gelernte wird wieder verlernt, das gewonnene 
Interesse aber wächst und wirkt fort.« — Und weiter (S. VII): 
»Wir leben in einer Zeit der Monographien. — Der einzelne 
vergräbt sich zu gern ins einzelne, verliert den Zusammenhang 
mit dem ganzen und klagt dann, wenn er sich vereinsamt sieht. 
Es ist entweder beschränkter Dünkel oder zimperliche Scheu 
vor Dilettanterei, wenn man den Verkehr mit den Nachbar¬ 
wissenschaften ablehnt und nicht da mitgeniessen will, wo man 
nicht mitschafien kann«. 


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Litteratur. 


525 


Gabelentz behandelt den Stoff nicht so sehr in der mehr 
populären Weise seiner beiden unmittelbaren Vorgänger Max 
Müller und Whitney, als vielmehr in der wissenschaftlich¬ 
systematischen Weise Steinthals oder auch teilweise in der 
philosophisch-empirischen Erörterungsweise des Begründers der 
allgemeinen Sprachwissenschaft W. von Humboldts. 

Er erörtert einleitungsweise zunächst den Begriff der 
Sprachwissenschaft und der Sprache, sowie deren zwei Seiten, 
des Lautes (des Aeusseren) und des Gedankens (des Inneren), 
geht zu den Aufgaben der Sprachwissenschaft, der Erforschung 
der einzelnen Sprachen, der Sprachstämme und endlich aller 
Sprachen der Erde über, um schliesslich die Stellung der 
Sprachwissenschaft zu den Natur- und Geisteswissenschaften 
zu bestimmen. Gabelentz stimmt im wesentlichen mit mir 
tiberein (Grundriss der Sprachwissenschaft I, S. 10 ff.), dass die 
Sprachwissenschaft vom methodologischen Standpunkte mit den 
Naturwissenschaften eine Art Verwandtschaft zeigt, dass sie aber 
ihrem Objekte nach entschieden zu den Geisteswissenschaften 
gehört. 

Es folgt nun ein Ueberblick der Geschichte der Sprach- 
kunde und Sprachwissenschaft, ln kurzen Bildern werden die 
in dieser Richtung von den einzelnen Kulturvölkern unternom¬ 
menen Versuche dem Leser vorgeführt. Den Reigen eröffnen 
die Aegypter, dann folgen im Altertum die Assyrer, Chinesen, 
Griechen und Römer. — Es wird dann der Einfluss des Christen¬ 
tums und des Islams auf die Sprachkunde besprochen und werden 
dem unmittelbar die grammatischen Studien bei den Persern und 
Juden angereiht. Den Schluss bildet die Grammatik der Inder 
mit dem monumentalen Werke Paninis und die Grammatik der 
Japaner, die vorwiegend fremdem Einflüsse ihre Entstehung ver¬ 
dankt. 

Auf die Erörterung dieser, der jeweiligen Muttersprache zuge¬ 
wendeten wissenschaftlichen Forschung folgt ein Ueberblick jener 
Periode, wo man fremde Sprachen wissenschaftlich zu studieren 
und zu erforschen begann. Diese Periode hebt mit der Refor¬ 
mation und der Entdeckung Amerikas an. Gegen das Ende der¬ 
selben im vorigen Jahrhundert tauchen in den Köpfen mehrerer 
Gelehrten wissenschaftliche Ahnungen von dem Zusam¬ 
menhänge einzelner Sprachen mit einander auf; es zeigen sich 
die ersten Strahlen der Morgenröte der vergleichenden Sprach¬ 
forschung, auf welche nach dem Bekanntwerden des Sanskrit 
durch die Engländer am Beginn dieses Jahrhunderts rasch das 
leuchtende Gestirn am wissenschaftlichen Horizont erscheint — 
der Deutsche Fr. Bo pp, der durch seine methodisch begründete 
Entdeckung zur vergleichenden Sprachforschung den festen Grund 
legte, auf welchem zunächst die vergleichende Grammatik der 
indogermanischen Sprachen als eine gegenwärtig auf allen Uni¬ 
versitäten gepflegte Wissenschaft erwuchs. 

Unabhängig von dieser auf dem Boden der Philologie er¬ 
wachsenen Richtung tritt eine zweite auf, welcher mehr ein philo¬ 
sophisch-ethnologisches Interesse zu Grunde liegt, die 
Polyglottie, das Sammeln von Proben und Vokabularien frem¬ 
der Sprachen. Diese Richtung beginnt mit keinem Geringeren 
als dem Philosophen Leibnitz und findet in den Gelehrten am 
Hofe Katharinas II. von Russland, in dem spanischen Jesuiten 
L. Hervas und in Adelung und S. Vater, den Verfassern des 
bekannten »Mithridates«, ihren Ausdruck. 

Eine Zusammenfassung dieser beiden Richtungen tritt uns 
in W. von Humboldt entgegen, der den Ausgangspunkt für 
die moderne philosophisch-philologische Sprachfor¬ 
schung bildet. 

Die harten Kämpfe, welche diese neue Wissenschaft, auf 
die Deutschland mit Recht stolz sein kann, gerade dort, wo ihre 
Wiege gestanden, an der Berliner Hochschule, zu bestehen hatte, 
sind ein trauriges Denkmal gelehrten Eigendünkels, bornierten 
Zopftums und lächerlicher Schultyrannei. Als nach dem Tode 
Bopps es sich darum handelte, ihm einen würdigen Nachfolger 
zu geben, da erklärte ein wegen seiner Aufgeblasenheit und 
maasslosen Grobheit berühmtes Schulhaupt, dies sei nicht nur 
»unnötig«, sondern sogar »schädlich« (vgl. Pott, Wurzelwörter¬ 
buch der indogermanischen Sprachen II, Vorwort) und H. Stein¬ 
thal, eine der ersten Zierden der Berlinerllochschule, ist noch 


immer ausserordentlicher Professor und zählt nicht zu den Mit¬ 
gliedern der Berliner Akademie *). 

Nachdem der Verfasser bisher über die Wissenschaft ge¬ 
handelt , geht er in den nachfolgenden Abschnitten auf den 
Träger dieser Wissenschaft und seine geeignete Vorberei¬ 
tung über. Er fordert von dem zukünftigen Sprachforscher 
eine gewisse phonetische Schulung, d. h. eine Findigkeit im Auf¬ 
fassen fremder Laute und Töne, womit auch eine Geübtheit im 
Niederschreiben derselben verbunden sein muss. Es werden 
dabei die wissenschaftlich-praktischen Versuche von Lepsius und 
die streng wissenschaftlichen der Physiologen, namentlich T e c h- 
mers, erörtert. Der Sprachforscher soll aber auch ein guter 
Psycholog sein; er soll im stände sein, von der äusseren Ober¬ 
fläche in das Innere der Sprache, den psychischen Prozess ein¬ 
zudringen, er soll auch ein guter Logiker sein und noch vieles 
andere: kurz, er soll mit allen Wissenschaften, welche auf den 
Menschen sich beziehen, in Fühlung treten und durch das Stu¬ 
dium klassisch ausgeführter Werke sich anzuregen suchen. 

Nach diesen den Gegenstand im allgemeinen be¬ 
treffenden Darlegungen wendet sich von der Gabelentz der 
speciellen Untersuchung desselben zu, wobei er von der 
Betrachtung der einzelnen Sprache zu jener eines ganzen Sprach- 
stammes fortschreitet, um schliesslich zur Betrachtung der Sprache 
überhaupt zu gelangen. Seine Erörterungen betreffen daher 1. die 
Erforschung einer einzelnen Sprache, 2. eines ganzen Sprach- 
stammes und 3. der Sprachen des Erdkreises überhaupt. 

Die Erforschung jeder einzelnen Sprache beginnt mit der 
Aneignung eines bestimmten Typus derselben, eines Dialektes 
aus dem täglichen Verkehr und dem Munde eines Eingeborenen 
oder eines solchen, der sie von den Eingeborenen erlernt hat, 
oder aber (und dies ist bei toten Sprachen der Fall) aus schrift¬ 
lichen Aufzeichnungen. Der Weg ist also entweder ein rein 
praktischer oder ein philologischer. Der Verfasser gibt für 
beide Richtungen Anweisungen und Winke an die Hand. 

Nach Erlernung einer Sprache handelt es sich um ihre 
Darstellung. In der Regel ergibt die Zusammenfassung der 
formalen Elemente einer Sprache jene Disciplin, welche wir 
Grammatik nennen, während das rein Stoffliche im Wörterbuche 
seinen Platz findet. Die Scheidung beider von einander ist nicht 
so radikal, als man gewöhnlich glaubt, und der Vergleich eines 
Lexikons der griechischen Sprache mit jenem des Sanskrit oder des 
Arabischen kann jedermann über diesen Punkt leicht belehren. 

Der Verfasser erörtert die beiden Systeme, das analytische 
und das synthetische, von denen bekanntlich das letztere in 
der Regel von den Grammatikern zu Grunde gelegt wird. Und 
doch ist das analytische System das natürlichere, da die mensch¬ 
liche Rede aus Sätzen besteht, deren Bestandteile, die einzelnen 
Worte, mehr oder weniger deutliche Abstraktionen sind. Man weiss, 
wie schwer es ist, einem ungebildeten Eingeborenen eine bestimmte 
grammatische Form abzufragen, und dass in einzelnen Sprachen 
die Unterschiede zwischen Satz und Wort völlig verschwimmen. 

Das was der Verfasser am Schlüsse des Abschnittes über 
die einzelsprachige Forschung in betreff der Sprache und Schrift 
und ihres Verhältnisses zu einander, sowie der beiden ortho¬ 
graphischen Systeme, des historischen und des phonetischen 
nämlich, bietet, ist sehr anregend, aber oft zu kurz und abge¬ 
rissen, und der Leser wird gut thun, meinen Grundriss der 
Sprachwissenschaft I, 1, S. 150 ff. nachzulesen. Die am Schlüsse 
des Absatzes S. 144 stehende Behauptung, das sanskritische c = ts 
sei ein Laut, ist nicht richtig. Wäre c ein Laut, dann könnte 
es auch im Auslaut Vorkommen, was bekanntermaassen nicht der 
Fall ist. .Und auch vom physiologischen Standpunkte ist c = ts 
nicht als ein einfacher Laut, sondern als Konsonanten- 
Diphthong aufzufassen. 

Von der einzelsprachigen Forschung führt die historische 
Grammatik zur genealogisch-historischen Sprach¬ 
forschung hinüber. Den Anstoss zu dieser Wissenschaft gab 
die Entdeckung des indogermanischen Sprachstainmes durch 


Auch A. Schleicher, der es an der kleinen Universität Jena 
nicht zum ordentlichen Professor brachte, musste die bittere Erfahrung machen, 
dass oft jene Männer, welche stets von der Wissenschaft und dem veredelnden 
Einflüsse derselben reden, darunter bloss ihre armselige Zunftweisheit verstehen. 


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526 


Litteratur. 


Bo pp, dem die Entdeckung des malayo-polynesischen, des ural- 
altaischen, des drawidischen, des Bantu- und des hamitisch-semiti- 
schcn Sprachstammes rasch folgte. 

Aus dem Studium dieser wissenschaftlich sicher gestellten 
Sprachstämme lässt sich am besten entnehmen, wie der Beweis 
der Zusammengehörigkeit bzw. der Verwandtschaft 
zweier oder mehrerer Sprachen behufs Aufstellung einer eigen¬ 
tümlichen Familie geführt werden muss. Man weiss nun, dass 
hier der Grammatik (Laut- und Formenlehre) der Hauptbeweis 
zufallt, während das Lexikon als ein Element, das den geführten 
Beweis ergänzt und verstärkt, hinzutritt. Bopp selbst musste 
die Richtigkeit seiner an der Behandlung der indogermanischen 
Sprachen gefundenen Methode an den malayischen und kauka¬ 
sischen Sprachen erproben, deren Verwandtschaft mit der indo¬ 
germanischen er vorwiegend mittels der alten Verbalvergleichung 
nachweisen wollte. 

Die Frage, wie viele Sprachen und wie viele Sprach¬ 
stämme es gibt, lässt sich heutzutage nur approximativ beant¬ 
worten. Wir kennen bis jetzt noch nicht alle Sprachen, und wie 
Amerika zeigt, lässt sich die Anzahl der sog. isolierten Sprachen 
durch Entdeckung von Sprachfamilien bedeutend reduzieren. Die 
Frage jedoch, ob wir für den jetzigen Zustand der Sprachen 
mehrere Ursprachen oder eine einzige Ursprache an¬ 
nehmen müssen, scheint von den meisten nicht so sehr aus rein 
wissenschaftlichem Interesse, als vielmehr infolge religiöser Ueber- 
zeugungen und Vorurteile gestellt worden zu sein. 

Das was der geehrte Herr Verfasser auf S. 168 ff. über 
voll- und halbbürtige Verwandtschaft und über Misch¬ 
sprachen bemerkt, leuchtet mir absolut nicht ein. Im Grunde 
genommen ist jede Sprache eine Mischsprache, da es eine ganz 
reine Sprache nirgends gibt. Dass man aber in einem konkreten 
Falle darüber im Zweifel sein soll, worunter man eine bestimmte 
Sprache zu klassifizieren habe, scheint mir sehr fraglich. Gleich¬ 
wie ein lebendes Individuum bloss einen Vater, nicht aber 
zwei Väter haben kann, ebenso kann einer Sprache bloss eine 
Grammatik, nicht aber zwei Grammatiken zu Grunde liegen. 

Lehrreich sind die Erläuterungen, die der Verfasser über 
den hamitisch-semitischen Sprachstamm gibt und seine Bemer¬ 
kungen über den Zusammenhang des Nahuatl mit den Algonkin- 
Sprachen. Auch das S. 175 über die Sprachen von Kabakada 
und Neulauenburg Bemerkte wird jedermann, der sich für die 
Sprachgeschichte interessiert, mit Vergnügen lesen. 

Die Sprache ist der Ausdruck des menschlichen Den¬ 
kens. Sie hat daher zwei Seiten, eine äussere (das lautliche) 
und eine innere (das psychische Moment). Die Sprache wurzelt 
daher teils in den Sprachorganen, teils in der Seele des 
Menschen. Die Gesetze # welche die Sprachorgane diktieren, 
sind mechanisch und starr, wie alle Naturgesetze. Ihnen 
gegenüber kann man die psychischen Gesetze zwar nicht als 
willkürlich bezeichnen, sie sind aber mit ihnen nicht kon¬ 
gruent, da sie sich nicht auf die Laute, sondern auf die Vor¬ 
stellungsmassen beziehen. Diese beiden Gesetze, die Laut¬ 
gesetze und die psychischen Gesetze wirken stets zusammen, 
so dass oft das eine Gesetz das andere durchkreuzt. Dies sind 
die sogenannten Unregelmässigkeiten. 

Als Bopp zur vergleichenden Sprachforschung den Grund 
legte, war es ihm zunächst darum zu thun, durch die Zusammen¬ 
stellung der gleichen Wortbildungselemente den Nach¬ 
weis der ursprünglichen Einheit der indogermanischen Sprachen 
zu führen. Den Lautgesetzen tiefer nachzuspüren, fand er zu¬ 
nächst keinen Anlass, da die Identität der wortbildenden Ele¬ 
mente in der Regel auf der Hand lag; ebenso hat er die Frage 
über die Beschaffenheit der Grund- oder Ursprache nicht auf¬ 
geworfen. Nachdem Pott zur Erklärung der wortbildenden 
Elemente Bopps auch noch die Analyse der wurzelhaften Ele¬ 
mente der Sprache hinzugeftigt und die Lautgesetze, welche 
zwischen den einzelnen indogermanischen Sprachen obwalten, 
festgestellt hatte, suchte A. Schleicher das Problem der Ur¬ 
sprache zu lösen, indem er auf Grund der Lautgesetze dieselbe 
rekonstruierte und von ihr aus, entgegengesetzt dem von Bopp 
betretenen Wege, die Entwickelung der einzelnen indogermani¬ 
schen Sprachen nachzuweisen versuchte. Da für Schleicher 


bloss die äussere, lautliche Seite der Sprache existierte (es 
hing dies mit seiner Anschauung, dass die Sprachwissenschaft 
eine Naturwissenschaft sei, zusammen), so stand er oft den von 
psychischer Seite eingedrungenen Störungen innerhalb der Sprache, 
bezw. der Lautgesetze, ratlos gegenüber. 

Eine Lösung dieser Gegensätze versuchte die Schule der 
sog. »Junggrammatiker«, deren Forschungen und Ansichten in 
dem Werke Brugmanns sich vereinigt finden. Der Haupt¬ 
grundsatz der junggrammatischen Schule, wodurch sie sich als 
Fortsetzerin der Schleicherschen Richtung dokumentierte, war 
das Dogma von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze 
als reiner Naturgesetze. Dieser Satz ist im Grunde ganz 
richtig; nur müsste man ihn, da er sich nicht auf ein totes 
Wesen, sondern auf den Menschen bezieht, anders formulieren. 
Man möchte sagen: die Lautgesetze sind von Haus aus aus¬ 
nahmslos wirkende Naturgesetze und sie wären es auch, wenn 
sie nicht durch psychische Gesetze, die mit ihnen gleich¬ 
zeitig wirken, beeinflusst und aufgehoben würden. Zu dieser 
Ansicht hätte auch Schleicher kommen müssen, wenn er nicht 
die Richtung Steinthals, für welche er absolut kein Verständnis 
besass, förmlich perhorresciert hätte. 

Vergleicht man das Bild der Ursprache, wie es Schleicher 
entworfen hat (er hat sogar eine Fabel in derselben gedichtet!), 
mit dem Bilde, welches Brugmann vor seinen Lesern aufrollt, 
so glaubt man gar nicht, dass beide auf einen und denselben 
Gegenstand sich beziehen. Und dennoch haben beide nach 
Maassgabe des Wissens ihrer Zeit ganz richtig rekonstruiert. 
Daraus mag man selbst entnehmen, ob die indogermanische Ur¬ 
sprache (wie manche glauben) eine Realität ist oder ob wir 
sie nicht vielmehr für eine wissenschaftliche Formel (ähn¬ 
lich den Formeln in der Chemie) zu betrachten haben *). 

Als die Grundelemente der Sprache hat die vergleichende 
Sprachforschung die Wurzeln aufgestellt; jede Sprache ist aus 
Wurzeln aufgebaut. Doch nirgends herrscht grössere Unklarheit 
als gerade über diesen Punkt. Das was der Verfasser auf S. 289 
darüber sagt, hat mich nicht befriedigt. Mir kommt vor, dass 
Potts Definition »die Wurzel ist die Einheit genetisch zusammen¬ 
gehöriger Wörter und Formen, welche dem Sprachbildner bei 
deren Schöpfung in der Seele als Prototyp vorschwebte« der 
Wahrheit am nächsten kommt. Das Wichtigste aber ist, nach 
meiner Ansicht, zu wissen, dass die Wurzel nicht in der 
Sprache, sondern bloss im Sprachbewusstsein vorkommt. 
Die Sprache kennt bloss Worte, keine Wurzeln, und so ist es 
auch immer gewesen. 

Es ist daher wissenschaftlich ganz indifferent, ob man z. B. 
im Griechischen von der Wurzel Xtrc ausgeht, wie man es früher 
nach dem Vorgang der Inder gethan hat und von da aus zu 
kv.k und Xoiit aufsteigt, oder ob man Xsix als Grundform ansetzt, 
wie es die Junggrammatiker thun und von da einerseits eine 
Tiefstufe Xtit, andererseits eine Hochstufe Xoiir annimmt, oder 
gar wenn man von Xotit ausgehen wollte, um von da aus zu 
Xcitc und Xtit hinabzusteigen. In allen diesen Fällen wird die Wurzel 
irrtümlicherweise dort gesucht, wo sie gar nicht existiert, näm¬ 
lich in der Sprache. 

Es war ein schwerer Irrtum Schleichers uud vieler Vertreter 
der historischen Sprachforschung, zu glauben, dass bloss die alten, 
in der Litteratur begrabenen Sprachen ein würdiges Objekt der 
Sprachforschung bilden. Das mahnt etwas an den Stockphilologen 
K. Lachmann, von dem sein Biograph M. Hertz den Orakelspruch 
der Nachwelt überliefert hat, »dass er nicht begreife, wie man sich 
mit Erforschung einer Sprache abgeben könne, welche keine Littera¬ 
tur besitzt«, ein Orakelspruch, den Hertz nach der Meinung Potts 
zum Ruhme Lachmanns lieber hätte unterdrücken sollen (Pott, 
Wurzel Wörterbuch II, 1, S. VII). Es ist ein Verdienst der Jung¬ 
grammatiker, der besseren Einsicht Bahn gebrochen und gezeigt 
zu haben, dass man die Geschichte der Sprache und das 

l ) Genau genommen verstehen Schleicher und Brugmann unter 
der Ursprache jeder etwas anderes, und es sind beide Ursprachen zeitlich 
durch Jahrtausende von einander getrennt. Während Schleicher unter der 
Ursprache jene Sprache verstand, die am Anfänge der indogermanischen 
Finhcitspcriode gesprochen wurde, ist bei Brugmann die Ursprache jenes 
Idiom, welches vor der Auflösung oder Teilung desselben in die 
einzelnen Zweigspraclien geredet worden sein mag. 


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Litteratur. 


527 


Wirken der dabei beteiligten Mächte nirgends besser studieren 
kann, als an den lebenden Sprachen. Diese Idee hatte 
schon W. v. Humboldt ausgesprochen, als er bemerkte, die 
eigentliche Sprache sei kein abgeschlossenes Werk, sondern eine 
Kraft, die im Geiste des Sprechenden wirkt und in der 
lautlichen Sprache sich bloss äussert. 

Wir kennen nun die Mächte, die bei der Sprachschöpfung 
und Umbildung wirksam sind und es auch immer waren, wir 
wissen das richtig zu beurteilen, was man früher Euphonie nannte, 
wir wissen, dass diese Euphonie ein Hysteronproteron, nicht im 
Ohr, sondern vielmehr in den Sprachorganen wurzelt. Wir wissen 
nun, welch tiefgreifender Einfluss der Analogie im Leben einer 
Sprache zukommt, warum Formen verschwinden und an deren 
Stelle neue geschaffen werden, warum der synthetische Sprach¬ 
bau dem analytischen Platz macht u. dgl. m. Das Studium der 
Dialekte belehrt uns über manches, was uns früher rätselhaft 
war, so über Doppelformen. Selbst das Studium der unschein¬ 
barsten und vom philologischen Standpunkte korruptesten Sprachen 
gewinnt für uns die höchste Bedeutung. 

Was würde z. B. die romanische Sprachforschung dafür 
geben, wenn es gelänge, ein wohlerhaltenes Konvolut von Briefen, 
Rechnungen und sonstigen Aufzeichnungen eines römischen Pfahl¬ 
bürgers, der nicht schulmässig, sondern nach dem Gehör zu 
schreiben gewöhnt war, aufzufinden? Ich glaube, man könnte 
gut zwei Drittel der poetischen und philosophischen Litteratur 
der Römer dafür hingeben, trotz dem Jammer der Philologen 
um ihre schönen Lesearten und gelehrten Anmerkungen. Selbst 
die Sprache der Kinder erhält für den Sprachforscher eine grosse 
Wichtigkeit und die Onomatopöe, sowie die Gesten, mit welchen 
der Ungebildete seine Rede begleitet, und die der Gebildete als 
unanständig verbannt, werden eines besonderen Studiums flir 
würdig befunden. 

Wenn wir die Geschichte, speciell die Kulturgeschichte, 
zu Hilfe nehmen, die uns über das innere Leben der Nationen 
belehrt, dann können wir auch manche rein sprachlichen Fragen 
lösen. Warum hat, bei gleichen geistigen Anlagen, bloss der 
Grieche eine Prosa entwickelt und nicht auch der Inder? Dies 
erklärt sich einfach daraus, dass der Grieche als freier Mann 
überall in den Volksversammlungen, vor Gericht und in der 
Palästra seiner Redegabe freien Lauf lassen konnte, während 
in Indien die eine Klasse der Bevölkerung in sinnlichen Ge¬ 
nüssen schwelgte, die andere Klasse betete, sich kasteite und 
meditierte, und wieder eine andere Klasse stumm wie ein Hund 
arbeiten musste. Unter dem Despotismus konnte sich natürlich 
keine forensische Beredsamkeit entwickeln, und ein Pfaffentum, 
dem die Religion als Eigentum der höheren Klassen galt, das 
also den Arbeiter im Vornhinein aus der religiösen Gemeinschaft 
ausschloss, brauchte die kirchliche Beredsamkeit nicht zu kultivieren. 

Im letzten Abschnitte behandelt der Verfasser die allge¬ 
meine Sprachwissenschaft, er handelt von der Sprache 
überhaupt. — Die erste Frage, die uns hier entgegentritt, ist 
die Frage nach dem Ursprung der menschlichen Sprache. — 
Der Verfasser findet die Lösung der Frage hauptsächlich darin, 
dass der Mensch ein Cthov soktTixov ist, dass er die äussere Grund¬ 
lage der Sprache, den Laut, mit mehreren Tieren teilt und dass 
viele bei ihm besonders stark entwickelte Triebe, wie der 
Nachahmungstrieb, der Spieltrieb, die Neugier und Schwatz¬ 
haftigkeit, vor allem aber das enge Zusammenleben innerhalb der 
Familie ihren Teil zur Entwickelung der Ursprache beigetragen 
haben. Er weist den sprachlosen Urmenschen (homo alalus) ab *), 
vermutlich weil er den Menschen als gegebenes Wesen betrachtet 
und den Stammbaum desselben nicht weiter zurückverfolgen will. 
Er unterlässt es infolgedessen auch, den die Sprache erzeugen¬ 
den und von der Sprache wiederum in seiner Entwickelung ab¬ 
hängigen psychischen Prozess näher zu verfolgen, wie ihn Stein¬ 
thal und Lazarus so meisterhaft dargelegt haben. 

Der Verfasser geht nun auf die Rede selbst über, wobei 
er die Einteilung der Rede in Stoff und Form ausführlich er- 


1 ) Ich erlaube mir x\i bemerken, dass der sprachlose Urmensch 
gleich der Ursprache eine wissenschaftliche Fiktion ist. Jemand, der, 
so wie Prof, von der Gabelentz, vom homo alalus nichts wissen will, 
muss folgerichtig auch den Begriff der Ursprache ablehnen. 


örtert. Der Stoff besteht nach ihm »in allem, was des Menschen 
Denken erregt*, dagegen ist »die Formung ausschliessliches Er¬ 
zeugnis der Verbindung, und die Verbindung dient ausschliess¬ 
lich dem Zweck der Formung*. Von der Gabelentz hält 
keine Sprache für gänzlich formlos. Vielmehr spricht er jeder 
Sprache sowohl die äussere als auch die innere Form zu. Er frägt: 
was wird in einer Sprache geformt und durch welche Mittel 
geschieht die Formung? Jenes ist die Frage nach der inneren, 
dieses die Frage nach der äusseren Form. In betreff der 
Frage nach der inneren Sprachform citiert der Verfasser aus¬ 
führlich seine Vorgänger, namentlich Steinthal, um daran seine 
etwas abweichenden Ansichten darzulegen. 

Wie mir scheint, hätte die Betrachtung mehr vom Satz, 
als vom Worte aus angestellt werden sollen. Ich glaube, dass 
Steinthal ganz recht hat, wenn er sagt: »das Wesentliche also, 
worin sich die materielle oder formelle Vorstellungsweise kund¬ 
gibt , liegt in der Behandlung der Wörter, in der Kon¬ 
struktion«, und »bleibt man bei einer einzelnen Form 
einer Sprache stehen, so lässt sich in keinem Falle ent¬ 
scheiden, ob man eine wirkliche Form vor sich hat oder eine 
Agglomeration«, und noch mehr: »das ist nun der eigentliche 
Charakter der Formlosigkeit, dass Wortfügung, Zusammen¬ 
setzung und Wortbildung zusammen fallen«. So mancher 
dürfte, wenn er eine Grammatik des Türkischen studiert, in den 
feinen Sprachformen desselben eine formvollendete Sprache zu 
finden glauben. Doch er wird, sobald er zur Lektüre von Texten, 
namentlich officiellen Schriftstücken, übergeht, seine Ansicht rasch 
ändern und wird sich sagen müssen, dass auf Grund einer Solchen 
Sprache weder ein Plato noch ein Demosthenes möglich ge¬ 
wesen wäre. 

Auch in der äusseren Sprachform, der Morphologie, er¬ 
blickt von der Gabelentz nicht Gegensätze, sondern Ueber- 
gänge. Dies war auch im wesentlichen Schleichers Ansicht, 
der aber, wie bekannt, die innere Sprachform ganz ignorierte. 
Es ist mithin für von der Gabelentz ein Fortschritt von der 
ungeformten Satzform successive zur Isolierung, Agglutination 
und Flexion vorhanden. Zwischen der Agglutination und Flexion 
besteht nach ihm kein radikaler, sondern ein bloss gra¬ 
dueller Unterschied. 

Es folgt nun die Erörterung der Wortstellung, der Be¬ 
tonung und des rhetorischen Bestandteiles der Rede. Mit Recht 
sieht der Verfasser in den Agglutinationen die Zeugen vorge¬ 
schichtlicher Stellungsgesetze der Sprache. So lässt sich z. B. in 
den indogermanischen Sprachen aus den Wortzusammensetzungen 
die Syntax der indogermanischen Ursprache leicht rekonstruieren. 

Der Verfasser erörtert dann die Entstehung der gram¬ 
matischen Redeteile. Er meint, in den Kategorien des 
Substantivums, Adjektivums und Verbums dürfte sich der ur¬ 
sprüngliche Vorrat an Stoffwörtern erschöpfen. Die Herkunft 
der Zahlwörter ist fast überall dunkel. Was den ersteren Punkt 
anlangt, so möchte ich den Vorrat an Stoffwörtern auf die beiden 
Kategorien des Verbums und Nomens reduzieren. Ich finde zwischen 
dem Substantivum und dem Adjektivum einen bloss syntaktischen 
Unterschied. Was die Zahlwörter betrifft, so belehren uns die 
in den verschiedenen Sprachen geltenden Zählmethoden, dass 
Fünf = Hand, Zehn = zwei Hände und, wo ein Vigesimal- 
System vorhanden, Zwanzig = ein Mensch ist, dass also Nomi¬ 
nalausdrücke vorliegen, Grund genug, um auch die übrigen 
Zahlenausdrücke für Nomina zu erklären. 

Dass bei solchen Anschauungen der Verfasser zur Auf¬ 
stellung einer Klassifikation der Sprachen nicht gelangen 
kann und bloss eine Sprachwürdigung vornehmen muss, 
liegt auf der Hand. Doch auch die Würdigung einer Sprache 
bietet bedeutende Schwierigkeiten. Soll man dabei bloss an 
die Sprache sich halten oder auch ihre Leistungsfähigkeit für 
das Denken mit in Anschlag bringen ? Soll man von der 
Kultur eines Volkes auf das Wesen der Sprache, welche es 
redet, einen Schluss zu ziehen sich erlauben? Kann man aus 
dem, was man dem Aeusseren, dem Laut, entnommen zu haben 
glaubt, unbedenklich auf das Innere schliessen? In der That 
gehört eine genaue Kenntnis nicht nur der sprachlichen 
Thatsachen, sondern des ganzen Sprachbewusstsei ns dazu, 


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528 


Litteratur. 


um über das Wesen und den Wert einer Sprache ein sicheres 
Urteil abgeben zu können. 

Der Verfasser hält Musterung über eine Reihe von Sprachen 
und stellt treffende Vergleiche an. So vergleicht er die Malayen 
und Semiten, die Malayen und Ural-Altaier. Er hätte die Bantu¬ 
völker in betreff ihrer Kultur und ihres Volkscharakters mit den 
Ur-Indogermanen vergleichen können. Manche wedische Sitte 
und Anschauung findet bei den Bantus ihre Parallele, und die 
Sociologie beider Stämme zeigt eine grosse Aehnlichkeit. Der 
Verfasser erörtert dann die einzelnen Punkte, welche bei der 
Beurteilung der Sprachen in Betracht zu kommen haben, von 
den einfachsten Elementen, den Lauten, an bis zur ganzen Rede, 
wobei er lehrreiche Beispiele aus dem Vorräte seines reichen 
Wissens vorlegt. In der Beurteilung einzelner Fälle kann ich 
mich dem verehrten Herrn Verfasser nicht anschliessen und bin 
ganz anderer Ansicht, doch dies thut der Stichhaltigkeit der 
meisten seiner Deduktionen keinen Eintrag. Und selbst dort, 
wo man die Ansichten des Verfassers direkt bestreiten und wider¬ 
legen möchte, wird man sich gestehen müssen, dass man sehen 
so tief und nachhaltig angeregt worden ist, wie durch die von 
ihm in so geistvoller Weise geführten Untersuchungen. 

Wien. Friedrich Müller. 

Das Verebnen der Kugeloberfläche för Gradnetz¬ 
entwürfe. Ein Leitfaden von Dr. A. Breusing, Direktor 
der Seefahrtschule in Bremen. Mit Figuren im Text und sechs 
Bildtafeln. Leipzig 1892. Verlag von H. Wagner & E. Debes. 
IV und 71 S. gr. 8 9 . 

Eine Breusingsche Schrift anzuzeigen, bereitet stets ein 
Vergnügen, einerlei ob der Rezensent mit allen Einzelheiten der 
Vorlage einverstanden ist oder nicht, denn man weiss, hinter den 
Buchstaben des Textes steht ein klarer Verstand und eine kraft¬ 
volle Ueberzeugung, welche sich unter allen Umständen Beach¬ 
tung zu erzwingen versteht. In dem hier gegebenen Falle wird 
jedoch jeder Beurteiler mit Vergnügen die positive Leistung als 
solche anerkennen und zugestehen, dass wir bisher noch keinen 
Leitfaden der Karten projektionslehre besitzen, welcher auf so 
kleinem Raume und mit so einfachen Mitteln all das gibt, was 
der höher strebende Jünger der Geographie zu wissen nötig hat. 
Ein Buch aus einem Gusse, von dem jeder Fachgenosse mit 
Genuss nähere Einsicht nehmen wird; möge diese Anzeige dazu 
dienen, Leser und Käufer für dasselbe zu werben! 

Der Unterzeichnete, welcher in gegenseitiger kollegialer 
Achtung mit dem Verfasser schon zum Öfteren einen kleinen 
Strauss auszufechten hatte, stimmt ja nicht jedem einzelnen Aus¬ 
spruche des an Pointen reichen Buches bei. Er meint z. B., 
dass das Werkchen von Zöppritz, mit welchem nach der Mei¬ 
nung des Verfassers (im Vorwort) »nichts anzufangen« ist, eine 
ganz gute Grundlage für den kartographischen Unterricht abgebe, 
denn er hat seiner Zeit eine Vorlesung über die in Rede stehende 
Disciplin gehalten, bei welcher er sich zunächst an Zöppritz 
anlehnte, und seiner freilich subjektiven Auffassung zufolge glaubt 
er dabei nicht gerade übel gefahren zu sein. Auch die Ver¬ 
urteilung mancher Entwürfe (S. 62 ff.) möchte er sich nicht 
unbedingt aneignen, denn wenn auch nicht zu leugnen ist, dass 
manch theoretisch beachtenswertes Abbildungsverfahren unschöne 
Länderkonturen und ein »verschrobenes Netz« liefert, so ist doch 
zu erwägen, dass neben den Interessen der darstellenden Geo¬ 
graphie auch die der höheren Geometrie in Betracht kommen, 
und von deren Standpunkte aus kann manche Methode alle Be 
achtung verdienen, die in einem Atlas allerdings nicht vertreten 
sein darf. Endlich haben »die deutschen Gelehrten* insgesamt 
doch wohl nicht den Vorwurf (S. 64) verdient, dass sie das 
wahre Verdienst des Snellius neben dem usurpierten des Po- 
thenot verkannten; der Unterzeichnete ist sich wenigstens be¬ 
wusst, in seinem »Handbuch der mathematischen Geographie* 
der geschichtlichen Wahrheit die Ehre gegeben und die erste 
Lösung des »Pothenotsehen Problems« auf Snellius und 
Schickard, welch letzterer ja auch genannt zu werden verdient, 
zurückgeftihrt zu haben. Wenden wir uns nun aber zur Kenn¬ 
zeichnung des Inhaltes. 

Einer in ihrer Klarheit kaum zu übertreffenden Einleitung, 
welche die allgemeinen Ziele des Kartenzeichnens darlegt, lässt 


der Verfasser, welcher sich von der sonst vorwiegenden Bevor¬ 
zugung der perspektivischen Entwürfe mit vollem Bewusstsein 
emancipiert hat, die von ihm als »speichen-« und »reifentreu* 
bezeichneten Abbildungen folgen, welch letzteren — der ortho¬ 
graphischen Projektion — er mit Fug bloss eine astronomische 
und keine besondere geographische Bedeutung zuerkennt, worauf 
dann noch kurz die »gradwegige« oder gnomonische Abbildung 
erledigt wird. Hierauf charakterisiert er vortrefflich das Wesen 
des »flächen-« und »Winkeltreuen« Kugelbildes und bespricht zur 
Erläuterung des letzteren die stereographische oder »kreistreue« 
Projektion, deren Hauptsatz in eleganter Weise bewiesen wird. 
Alle die erwähnten Entwürfe haben das Gemeinsame, dass sie 
»strahlig« sind. Ihnen stehen die »säuligen« oder cylindrischen 
Entwürfe gegenüber, wobei natürlich — zumal da das Buch in 
erster Linie für angehende Seeleute bestimmt ist — die Mer- 
cator-Projektion besonders eingehende Darstellung findet. Wir 
werden in den Gedankengang, welcher diesen genialen Karto¬ 
graphen bei seiner Erfindung leitete, direkt eingeführt, und es 
wird so manches einleuchtend, was bei einer deduktiven Schilde¬ 
rung, die überredet, aber nicht überzeugt, im Dunklen bleiben 
muss. Dieser ziemlich umfängliche Abschnitt ist namentlich auch 
für den Historiker wertvoll und verbreitet Licht über den nam¬ 
haften Anteil, welcher bei der wissenschaftlichen Durcharbeitung 
des von Mercator ausgegangenen Gedankens dem englischen 
Mathematiker Wright zugesprochen werden muss. Wir gestehen, 
nicht geglaubt zu haben, dass sich die Natur der Seekarten »mit 
wachsenden Breiten* so erschöpfend mit gewöhnlicher Plani¬ 
metrie und Trigonometrie aufklären lässt, wie dies hier geschieht. 
Es schliessen sich an die »abweitungstreuen« Entwürfe, welche 
auch flächentreu sind; als weiteres Beispiel dient für diese letzteren 
die Abbildung von Moll weide, auf die sonderbarerweise erst 
dann wieder die Aufmerksamkeit sich richtete, als der Franzose 
Babinet mit der »homalographischen« Projektion hervortrat 
und der längst bekannten Sache ein neues Mäntelchen anzog. 
Eine allgemeine Erörterung über die an gute Entwürfe zu stellenden 
Anforderungen beschliesst den theoretischen Teil, der, wie gesagt, 
vollkommen genug enthält, um mit Vertrauen an das Studium 
grösserer Werke herantreten zu können. 

Ein »Nachwort« ist, neben anderem, vorzugsweise der Be¬ 
gründung der vom Verfasser eingeführten deutschen Bezeichnungen 
gewidmet. Der Berichterstatter ist kein unbedingter Freund der 
Sprachreinigung, er schätzt die lateinisch-griechischen Termini 
schon um deswillen, weil sie dem, der in fremden Sprachen 
nicht besonders zu Hause ist — und wie traurig ist es bei 
unserer modernen Bildung mit solcher Kenntnis recht oft be¬ 
stellt — die Möglichkeit verschafft, von Büchern, die in einem 
an sich unverständlichen Idiome gedruckt sind, doch manches 
verstehen, sich einen allgemeinen Ueberblick erwerben zu können. 
Wenn trotzdem, wie Herr Breusing (S. 68) richtig anführt, 
auch der Unterzeichnete zur weiteren Verbreitung an seinem 
Teile mitgewirkt hat, so that er es deshalb, weil diese Ver¬ 
deutschungen selten glückliche und sachgemässe sind. 
Die Worte »konforme«, »äquivalente«, »stereographische« Pro¬ 
jektion müssen erst erklärt werden, an und für sich haben sie 
gar keinen bestimmten Sinn, aber mit »Winkeltreue«, »Flächen¬ 
treue«, »Kreistreue« weiss jedermann sofort den richtigen Sinn 
zu verbinden. Ebenso ist der Gegensatz »säulig« und »strahlig* 
überaus geschickt angedeutet. Ob auch die »Reifentreue« und 
»Abweitungstreue« sich desselben Erfolges zu erfreuen haben 
werden, das lassen wir dahingestellt; jedenfalls ist das Bestreben 
des Verfassers, die verwickelte Nomenklatur der Kartenentwurfs¬ 
lehre zu vereinfachen und durchsichtiger zu machen, ein ebenso 
anerkennenswertes, wie das redliche pädagogische Bemühen über¬ 
haupt, welches aus jeder Zeile dieses verdienstvollen Lehrbuches 
hervorleuchtet. S. Günther. 

B erichtigungen. 

S. 496, Z. 32 v. o., lies Asien statt Afrika; S. 501, Z. 19 v. u., lies 
Giovanni statt Giovanno. 

Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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DAS AUSLAND 


Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde 


herausgegeben von 


SIEGMUND GÜNTHER. 


Jahrgang 65, Nr. 34. 


Jährlich 53 Nummern ä 16 Seiten in Quart. Preis pro 
Quartal M. 7.— Zu beziehen durch die Buchhandlungen des 
In* und Auslandes und die Postämter. 



Stuttgart, 20. August 1892. 


Manuskripte und Rezensionsexemplare von Werken der 
einschlägigen Litteratur sind direkt an Professor Dr.SIBQMUND 
GÜNTHER in München, Akademiestrasse 5, zu senden. 


Preis des Inserats auf dem Umschlag ao Pf. für die gespaltene Zeile in Petit. 


Inhalt: I. GeheimbUnde und Pubertätsweihen im Lichte der Ethnologie. Von Th. Achelis (Bremen). S. 529. — 

2. Astronomie und Zeitrechnung der Perser. Von A. J. Ceyp (Wien). S. 534. — 3. Die Strömungen, in den Meeresstrassen. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. Von Emil Wisotzki (Stettin). (Fortsetzung.) S. 538. — 4. Geographische Mit¬ 

teilungen. (Stairs; Schwankung der Erdachse; Klima des Kaplandes; Nachrichten über die Tagalen aus dem 16. Jahrhundert.) 

S. 542. — 5. Litteratur. (Kleinpaul; Schütt; Lenz; The Exposition Graphic Chicago.) S. 543. 


Geheimbünde und Pubertätsweihen 
im Lichte der Ethnologie. 

Von Th. Achelis (Bremen). 

Religion und Recht bilden in ihrem unlösbaren 
Zusammenhänge die durch die Natur der Sache selbst 
gegebene Grundlage für die socialpsychologische 
Auffassung der Menschheit, wie sie in unseren Tagen 
immer mehr zum Durchbruch kommt; wie für die 
vergleichende Rechtswissenschaft die rein geschicht¬ 
liche oder auch die streng ethnographische Betrach¬ 
tung sich von Tag zu Tag immer unzulänglicher 
erweist, so ist auch für eine vergleichende Mytho¬ 
logie die Zeit nicht mehr fern, die Entwickelung des 
religiösen Bewusstseins nach einem verhältnismässig 
einfachen, leicht übersichtlichen Schema allgemeiner, 
unter allen Himmelsstrichen wiederkehrender ele¬ 
mentarer Ideen verfolgen zu können. Zu den loh¬ 
nenden Versuchen, auf diesem induktiven Wege den 
allgemein menschlichen Typus zu erfassen, 
möchte auch die vorliegende Untersuchung gehören, 
die uns einen tiefen Einblick in die unverwüstliche 
Kraft des socialen Triebes der Menschheit sowohl 
in religiöser wie in rechtlicher Beziehung zu er¬ 
öffnen vermag. Es versteht sich von selbst, dass 
wir die Fülle des Materials nicht annähernd er¬ 
schöpfen können, es handelt sich für uns nur um 
die Feststellung der wesentlichsten Grundzüge; der 
leichteren Uebersichtlichkeit wegen wollen wir aber 
die religiösen von den eigentlich politischen Ver¬ 
einigungen trennen, obschon, wie eben angedeutet, 
mannigfache Beziehungen zwischen beiden Formen 
bestehen. 

Gegenüber den feinsinnigen und bisweilen so¬ 
gar höchst subtilen und spekulativen Ideen, die man 
in den Religionen der Naturvölker antrifft, ist den¬ 
noch ohne Zweifel das praktische Motiv der Linde¬ 
rung der .täglichen Sorge und Last, wie der Wunsch, 

Aualand 189a, Nr. 34. 


sich mit den Schreckbildern einer künftigen Ver¬ 
geltung abzufinden, der ausschlaggebende Faktor. 
Der pessimistische Gedanke von der Schuld des Da¬ 
seins und des damit unvermeidlich verknüpften Lei¬ 
dens kehrt offenbar in irgend welchem symbolischen 
Ritus verhüllt überall wieder und tritt mit einschnei¬ 
dender Wucht und blutigem Ernst ganz besonders 
an den grossen Wendepunkten und Rätseln der mensch¬ 
lichen Existenz auf, in Krankheiten und Tod. Hier er¬ 
öffnet sich das weite Feld für die Vermittelung des 
Priesters, des unentbehrlichen Pförtners für den 
Himmel, eine Praxis, die so in ihren Grundzügen in 
allen Religionsformen übereinstimmt, dass dagegen die 
Nuancen kaum in Betracht kommen. Einen weiteren 
wichtigen Anhalt bieten sodann die bedeutsamen 
Pubertätsjahre, der jugendlichen Entwickelung, wo 
sich der Uebertritt aus dem Knabenalter in die 
Reihe und den Stand der selbständigen jungen Männer 
vollendet. In der anfänglich chaotisch durcheinan¬ 
der gärenden Horde, dieser Urzelle aller späteren 
socialen Differenzierung, gibt es nur den durch die 
Natur selbst begründeten Gegensatz der beiden Ge¬ 
schlechter zu einander 1 2 * * S. ); ebenso begreiflich ist es, 
dass die Kinder bis zu einem gewissen Alter sich 
unter dem Schutze der Haus und Hof gleichsam 
hütenden Frauen befinden, während die Männer der 
Jagd und dem Krieg obliegen. Die Aufnahme in 
den Bund der wehrfähigen Männer bildet damit die 
Trennung von dem ursprünglichen Boden der mütter¬ 
lichen Zugehörigkeit, deshalb die überall wieder¬ 
kehrenden, mehr oder minder excentrischen Klagen 
der jammernden Frauen, obschon auch vielfach bei 
den Knaben anfangs Zwang und Drohungen ange- 

*) Es ist deshalb auch nur konsequent, wenn nicht nur 
Männer, sondern auch Frauen geheime Verbände haben; am be¬ 
kanntesten ist der Cloebergoell der Paulan-Insulaner, andere Bei¬ 
spiele bei Bastian, Der Papua des dunklen Inselreiches, S. 183. 

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530 


Geheimbünde und Pubertätsweihen im Lichte der Ethnologie. 


wandt werden müssen x ). Andererseits tritt hier 
öfters das religiöse Moment sehr bestimmend auf, 
indem der Jüngling sich nun für die Zeit des selb¬ 
ständigen und verantwortlichen Handelns einen Gott 
auswählt, dem er sich unter Ablegung mehr oder 
minder schwerer Gelübde weiht. Bastian schildert 
den Vorgang ganz anschaulich bei einem Neger: 
»Das Kind wird schon in den ersten Tagen nach 
seiner Geburt zu dem Ganga gebracht, der ihm ein 
oder mehrere Gelübde auflegt und die Mutter wacht 
sorgfältig darüber, von klein auf zu ihrer Beobach¬ 
tung anzuhalten und darin zu unterrichten, damit 
es in späteren Jahren weniger leicht Fehltritten aus¬ 
gesetzt sei. Anderswo wird dagegen die mystische 
Verknüpfung mit demMokisso bis zu dem eindrucks¬ 
fähigsten Momente des Jugendalters, dem Ueber- 
gange zur Pubertät, verschoben, wenn in der träume¬ 
rischen Zeit der Ideale in Afrika die Knabenkolo¬ 
nien in den Wald ziehen oder der Indianer seinen 
einsamen Baum besteigt. Ausserdem geben bedeu¬ 
tungsvolle Lebensereignisse Veranlassung, den Fetisch 
zu erkennen. Auf welche Weise immer der Mokisso 
ausgewählt sein mag, mit ihm ist seinem Verehrer 
ein Lebensziel gegeben, er findet in ihm seine Be¬ 
friedigung, die Erfüllung jener bangen Fragen, die 
wie überall die Menschenbrust, so auch die des 
Negers durchwehen, nur dass sie in der letzteren 
sich mit einer einfachen Antwort zufrieden stellen 
lassen. Das Gelübde, das er über sich genommen, 
bildet für ihn den ganzen Umfang seiner Religion. 
So lange er in angenehmen Verhältnissen lebt, fühlt 
er sich glücklich und zufrieden unter dem Schutze 
seines Mokissos, er fühlt sich stark unter seinem 
Beifall, er schreibt seine sonnigen Tage dem Wohl¬ 
gefallen desselben zu, weil er genau in der Weise 
handelt und denkt, wie es sein Wunsch und Wille 
erheischt. Hat er aber absichtlich oder unfreiwillig 
das Gelübde gebrochen, seine Vorschriften über¬ 
treten, so ist er in einen unheilbaren Zwiespalt mit 
seiner Bestimmung getreten; natürlich brechen Un¬ 
glücksfälle auf ihn herein, bald häuft sich der schwere 
Druck der Leiden, und was bleibt übrig, als zu 
sterben und zu vergessen; denn ihm strahlt nir¬ 
gends ein höheres Licht der Hoffnung, nirgends 
eine Bahn des Heils und der Errettung.« (San Sal¬ 
vador S. 254.) Aus begreiflichen Gründen drängt 
aber dieser Prozess zu einem socialen Zusammen¬ 
schluss und Halt, wie er in den Mysterien und Ge¬ 
heimbünden eben vorliegt. Wir können hier wohl 
von der Erörterung der umständlichen Aufnahme- 
ceremonien, den harten, uns feiner organisierten 
Menschen unerträglich dünkenden Martern, Kastei¬ 
ungen und Fasten (welche letztere übrigens auch 
eine grosse animistische Bedeutung besitzen) ab- 
sehen, — auch die Hautmarken, die Beschneidung 

*) Vgl. Bastian, Zur naturwissenschaftl. Behandlungsweise 
der Psychologie durch und für die Völkerkunde, S. 124 flf., wo 
verschiedene Beispiele aus Centrnlafrika und aus Australien an¬ 
geführt sind. 


bei Jünglingen und Mädchen gehört in denselben 
Zusammenhang —, um so mehr als ja die eigent¬ 
liche Kulturgeschichte genügend Reminiscenzen und 
Anklänge an diese uralten fetischhaften Gedanken 
aufbewahrt, dagegen müssen wir auf einen wich¬ 
tigen und häufig nicht ausreichend gewürdigten Zug 
hin weisen, der uns erst den ganzen Hergang ver¬ 
ständlich macht, nämlich, dass dies Fest geradezu 
als eine Wiedergeburt in geistigem Sinne gefasst 
wird. Die Aspiranten haben, wenn sie aus der Er¬ 
starrung erwacht sind, das Gedächtnis für alle frühe¬ 
ren Erlebnisse vollständig verloren, kennen ihre Eltern 
nicht mehr, ja sie wissen nicht einmal mehr ihre 
eigenen Namen und es werden ihnen daher, je nach 
dem Grade, der ihnen zusteht, neue Namen erteilt 
(vgl. Bastian, Deutsch. Expedition a. d. Loango- 
Küste I, 177 und II, 12 ff.), so dass sie nunmehr 
auch äusserlich ein neues Leben beginnen und jeder 
Zusammenhang mit dem bisherigen Leben aufge¬ 
hoben ist (im Uebrigen ein genaues Gegenbild zu 
der bekannten christlichen Lehre) 1 ). Dass dabei 
dem Priester eine bedeutsame Rolle zufällt, -be¬ 
greift sich von selbst, und Bastian teilt einen darauf 
bezüglichen Bericht seines Dolmetschers mit, der 
die an der ganzen Westküste Afrikas, von Kamerun 
bis zum Gambia hin bestehenden Geheimbünde 
(speciell handelt es sich um Bamba, südlich von 
Kongo), eigenartig beleuchtet: »Der grosse Frisch 
lebt im Innern des Buschlandes, wo ihn niemand 
sieht und niemand sehen kann. Wenn er stirbt, 
sammeln die Fetischpriester sorgfältig seine Knochen, 
um sie wieder zu beleben, und ernähren sie, damit 
er aufs neue Fleisch und Blut gewinne. Es ist 
aber nicht gut davon zu sprechen. Im Lande Am- 
bamba muss jeder einmal gestorben sein, und wenn 
der Fetischpriester seine Kalabasse gegen ein Dorf 
schüttelt, so fallen diejenige Männer und Jünglinge, 
deren Stunde gekommen ist, in einen Zustand leb¬ 
loser Erstarrung, aus dem sie gewöhnlich nach drei 
Tagen auferstehen. Den aber, welchen der Fetisch 
liebt, führt er fort in den Busch und begräbt ihn 
in dem Fetischhause, oftmals für eine lange Reihe 
von Jahren. Wenn er wieder zum Leben erwacht, 
beginnt er zu essen und zu trinken, wie zuvor, aber 
sein Verstand ist fort und der Fetischmann muss 
ihn erziehen und selbst in jeder Bewegung unter¬ 
weisen, wie das kleinste Kind. Anfänglich kann 
das nur durch den Stock geschehen, aber allmäh¬ 
lich kehren die Sinne zurück, so dass sich mit ihm 
sprechen lässt, und nachdem seine Ausbildung voll¬ 
endet ist, bringt ihn der Priester seinen Eltern zu¬ 
rück. Dieselben würden ihn selten wieder erkennen 
ohne die ausdrückliche Versicherung des Fetizeros, 
der ihnen zugleich frühere Ereignisse ins Gedächtnis 
zurückführt. Wer die Prozedur der Wiedergeburt 

*) Vgl. die genauere Schilderung eines solchen Ritus bei 
Bastian, Naturwissenschaftl. Behandlung u. s. w., S. 129 ff., 
ebenda auch die aus Kohl entlehnte Beschreibung eines indiani¬ 
schen Lebenstrauines, S. 134 ff. 


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Geheimbtindc und Pubertätsweihen im Lichte der Ethnologie. 


551 


in Ambamba noch nicht durchgemacht hat, ist all¬ 
gemein verachtet und wird bei den Tänzen nicht zu- 
gclassen.« (San Salvador S. 82.) 

Hat nun der Novize alle Prüfungen siegreich 
bestanden, so wird er Mitglied des betreffenden Or¬ 
dens, zunächst freilich meist nur für die unteren 
Grade, und erst allmählich wird er in die Geheim¬ 
nisse des Bundes eingeweiht. Wie die orphischen, 
eleusinischen und dionysischen Mysterien die Rätsel¬ 
fragen des menschlichen Daseins zu lösen suchten, 
so finden wir ähnliche sociale Genossenschaften bei 
den Naturvölkern, nur handelt es sich meist um 
konkrete, praktische Zwecke. Dahin gehört in erster 
Linie das bekannte, über die ganze Erde verbreitete 
Seelenreinigungsfest zur Abwehr böser Geister, bei 
Ackerbau treibenden Völkerschaften die Erntefeste, 
endlich (wobei schon ein politischer Moment hinein¬ 
spielt) die mit wilden, phantastischen Tänzen — 
gelegentlich auch theatralischen Schaustellungen — 
verknüpften Maskeraden, die, wie bemerkt, häufig 
einen juristischen oder genauer gesagt, kriminali¬ 
stischen Zweck verfolgen. Statt vieler genüge ein 
Beispiel eines solchen religiös-politischen Bundes, 
nämlich das Purra bei den Bullamern, welches 
Bastian folgendermaassen schildert: »Es hat einige 
Aehnlichkeit mit der Freimaurerei; denn es werden 
keine Frauenspersonen darin aufgenommen, und die 
Mitglieder müssen sich vermittelst eines Eides, der 
aber wohl schwerlich jemals verletzt werden dürfte, 
verbindlich machen, niemanden die Geheimnisse zu 
entdecken und ihren Oberen und Vorgesetzten ebenso 
schleunigen als unbedingten Gehorsam leisten. Man 
nimmt Knaben von 7—8 Jahren auf; vielleicht aber 
müssen diese so lange im Noviziat bleiben, bis sie 
das gehörige Alter erreichen; denn mit Gewissheit 
lässt sich hierüber nichts sagen, da es nicht nur 
äusserst schwer ist, diesfalls genaue Erkundigungen 
einzuziehen, sondern man sich durch allzu vieles 
Nachfragen einiger Gefahr aussetzt. Jeder, der in 
diese Gesellschaft tritt, legt seinen vorigen Namen 
ab und nimmt einen anderen an; wer ihn bei seinem 
gewöhnlichen Namen nennt, würde Händel mit ihm 
bekommen. Sie haben ihren eigenen Chef, welcher 
der oberste Purra-Mann genannt wird, und an der 
Spitze des Oberdirektoriums steht, dessen Befehle 
alle untergeordneten Stellen und einzelne Mitglieder 
des Institutes unbedingt annehmen und befolgen 
müssen. Sie halten ihre Zusammenkünfte an ent¬ 
legeneren Orten, mitten in der Nacht, und ohne dass 
jemand das geringste davon erfährt. Wenn sich 
das Purra in eine Stadt oder ein Dorf begibt, welches 
allemal des Nachts geschieht, so verkündigt es den 
Einwohnern seine Ankunft durch ein ganz entsetz¬ 
liches Heulen und Schreien und den entsetzlichsten 
Lärm, der sich nur vorstellen lässt. Alle die, welche 
nicht zu dieser Verbindung gehören, flüchten dann 
eiligst in ihre Wohnungen; denn jeder, der sich auf 
der Strasse betreten Hesse, oder nur Miene machte 
zu sehen, was vorgeht, würde auf der Stelle ums 


Leben kommen. Um der weiblichen Neugier Ein¬ 
halt zu thun, müssen die Frauenspersonen so lange 
in ihrer Wohnung bleiben und in die Hände klat¬ 
schen, als sich das Purra im Orte befindet. Diese 
Gesellschaft macht es sich wie das Femgericht 
(aus den Zeiten des europäischen Mittelalters) zum 
angelegenen Geschäft, Verbrechen zu bestrafen, be¬ 
sonders Diebstahl und Zauberei, mehr noch die 
Widerspenstigkeit und den Ungehorsam seiner eigenen 
Mitglieder.* Der Verbrecher wird so schnell und so 
ganz in der Stille mit dem Tode bestraft, dass man 
nie erfährt, wer es gethan hat; ja die Furcht vor 
diesem Institut geht so w r eit, dass man sich nicht 
einmal danach zu fragen getraut. Wenn zwei be¬ 
nachbarte Völkerschaften mit einander in Krieg ver¬ 
wickelt sind, und man denselben zu beendigen 
wünscht, so droht man ihnen mit der Rache des 
Purra, wofern sie die Feindseligkeiten nicht ein¬ 
stellen würden. Das nämliche geschieht, wenn zwei 
Familien mit einander in offener Fehde begriffen 
sind. Es wird niemand in dieses Institut aufge¬ 
nommen, bis sich zuvörderst einige seiner Freunde, 
die bereits dazu gehören, durch einen Eid verbind¬ 
lich machen, ihn auf der Stelle zu töten, wofern er 
die ihm anvertrauten Geheimnisse verraten oder 
während der Aufnahme zurücktreten werde.« (Der 
Papua des dunkl. Inselreichs S. 166.) Die weitere 
Entwickelung des Mysticismus aber hier zu ver¬ 
folgen, nach der einen Seite in dem wüsten Spuk 
des jüngst wieder modisch gewordenen Spiritismus, 
nach der anderen, mehr praktisch gedacht, als Patho¬ 
logie der Besessenen in der Handhabung geschickter 
Priesterärzte, das Schachspiel des Guten und Bösen 
u. s. w., \tfürde uns hier natürlich viel zu weit 
führen; nur zu beachten bleibt, dass meistens ein 
vorsichtiger Unterschied zwischen der esoterischen und 
exoterischen Lehre gemacht wird, schon deshalb (abge¬ 
sehen von den mitwirkenden Klugheitsmaximen), weil 
die rein abstrakten Spekulationen religionsphilosophi¬ 
scher Grübelei dem Volk als ein leeres Wortge¬ 
klingel erscheinen würden. Um aber die schau¬ 
lustige und neugierige Menge einigermaassen zu be¬ 
friedigen, veranstalteten die Genossenschaften thea¬ 
tralische und mimische Aufführungen, bald ernster, 
bald heiterer, ja gelegentlich höchst lasciver Art, 
und es ist bekannt, dass sich überall die dramatische 
Kunst aus diesen schüchternen Anfängen entwickelt 
hat. Die Moralitäten und Mysterien unseres deut¬ 
schen Mittelalters, wie die leidenschaftlich bewegten 
Chorgesänge zu Ehren des ermordeten und zu neuem 
Leben erstandenen Dionysos, wie endlich die Satur¬ 
nalien der alten Römer (um nur die landläufigen Bei¬ 
spiele anzuführen) belegen zur Genüge diesen psycho¬ 
logischen Hergang; dass auch die Naturvölker diese 
Verbindung mystischer Ideen mit dramatischer Wir¬ 
kung zu schätzen wissen, mag nur an der Thatsache des 
in der Südsee vor dem Eindringen des Christentums 
äusserst mächtigen Ordens der A r e o i s erläutert werden 
(vgl. das Detail bei E 11 i s, Polynes. Researches, 1 ,3 27 ff.). 


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532 


Geheimbtinde und Pubertätsweihen im Lichte der Ethnologie. 


Abgesehen von dem durch die Natur selbst 
begründeten Gegensatz der beiden Geschlechter ist 
der Altersunterschied das wichtigste Mittel für die 
Entwickelung bestimmter Stände und Rangunter¬ 
schiede; so leuchtet es ein, weshalb die vollkräf¬ 
tigen Männer die Führung der Kriege zu übernehmen 
haben, während andererseits den altersschwachen 
Greisen häufig eine sehr wichtige Entscheidung in 
der Ratsversammlung der Häuptlinge zufällt (vergl. 
die kirgisischen Weissbärte, die afrikanische Gnak- 
bade, die Geronten in Sparta u. s. w.). Die eigent¬ 
liche Standesschichtung kann aber erst Platz greifen 
auf Grund der Geschlechterverfassung, die bestimmte 
Klassenabstufungen in sich schliesst und dadurch 
verschärft, dass durch Krieg und Eroberung ein 
Stand der Unfreien und Sklaven entsteht, die na¬ 
türlich völlig rechtlos sind. Die Rassenabstammung 
vor allem bewirkt die Scheidung der regierenden 
Klasse, der Häuptlinge, des Adels im Gegensatz zu 
dem unterworfenen Stamm; die Kaste wird vielfach 
auch äusserlich durch die verschiedenen Farben¬ 
nuancierungen repräsentiert, wie bei den Indiern, 
bei den Tolteken u. s. w. 1 ). Diese Gruppen schlos¬ 
sen sich nach aussen mehr oder minder scharf ab, 
indem sie den Eintritt in ihre Genossenschaft durch 
harte Prüfungen und Kasteiungen, wie sie früher schon 
erwähnt waren, erschweren und damit eine festgefügte 
politische Organisation erzielen, die bisweilen der 
königlichen Macht die Spitze zu bieten vermag. Ein 
sehr anschauliches Bild eines solchen Ordens, den 
noch dazu der ganze Nimbus religiöser Sanktionie¬ 
rung umgibt, bietet an der westafrikanischen Küste 
der Egbo-Orden, wie ihn Bastian beschreibt: »Der 
Egbo-Orden oder Efik (Tiger) ist in elf Grade ab¬ 
geteilt, von denen die drei obersten für Sklaven 
nicht käuflich sind. Der gewöhnliche Weg ist, dass 
Eingeweihte sich in die höheren Stufen nach einan¬ 
der einkaufen, das dadurch erlöste Geld wird unter 
die Nyampa oder Yampai verteilt, die den inneren 
Stand bilden; dem König selbst kommt die Präsi¬ 
dentschaft zu. Jede der verschiedenen Stufen hat 
ihren Egbo-Tag, an welchem ihr Idem oder ihre 
gespenstische Repräsentation eine absolute Herrschaft 
ausübt, wie sie die Römer dem Diktator in kriti¬ 
schen Tagen übertrugen, und auch Glieder anderer 
Stufen des Egbo-Ordens, wenn er ihnen begegnen 
sollte, mit seinen Strafen nicht verschont. Das Land 
befindet sich gleichsam in einem permanenten Be¬ 
lagerungszustand, der durch die Ueberzahl der Frauen 
und Sklaven nötig wird, indem die traditionellen 
Gebräuche des alten Herkommens durch die regel¬ 
mässig einander folgenden Egbo-Tage und die da¬ 
mit verbundene Proklamierung des Kriegsgesetzes 
beständig ausser Kraft gesetzt und suspendiert wer¬ 
den. Sobald ein Egbo-Tag verkündet ist, fliehen 
Sklaven, Weiber und Kinder nach allen Richtungen, 


! ) Vgl. darüber Post, Bausteine für eine allg. Rechts¬ 
wissenschaft, II, 52 ff. 


indem der Emmissär des Idem mit einer schweren 
Peitsche bewaffnet umgeht und durchaus nicht skrupu¬ 
lös in ihrer Anwendung ist. So oft bei dem Egbo- 
Orden eine Klage anhängig gemacht ist und der 
Missethäter bestraft werden soll, wird durch geheime 
Ceremonien der im fernen Buschlande wohnende Idem 
citiert, der dann, mit einer phantastischen Kleidung 
aus Matten und Zweigen von Kopf bis zu den Füssen 
bedeckt und mit einem schwarzen Visier vor dem 
Gesicht, erscheint. Ein jeder Mann, Frau oder Kind, 
hat das Recht, die Hilfe des Egbo gegen seinen 
Herrn oder seinen Nachbarn anzurufen, und dazu 
bedarf es nur, dass er ein Mitglied des Ordens auf 
der Brust berührt, oder an die grosse Egbo-Trommcl 
schlägt. Der Beanspruchte muss alsogleich einen 
Konvent zusammenberufen, wo die Klage untersucht 
und, wenn gerecht, befriedigt wird. Erweist sie sich 
dagegen als unbegründet, so wird der Kläger be¬ 
straft; hat das Gericht ein Verdammungsurteil ge¬ 
fällt, so läuft der Beauftragte mit seiner schweren 
Peitsche in der Hand und von einem lärmenden 
Gefolge von Egbobrüdern umgeben, direkt nach 
dem Hause des Verurteilten, aus dem sich niemand 
rühren darf, bis die Strafe vollzogen und gewöhn¬ 
lich das ganze Haus zusammengerissen ist, so dass 
alle Einwohner mehr oder weniger Schaden nehmen. 
Seine Entstehung soll der Orden der freien Egbos 
auf den Messen genommen haben, die auf einem 
grossen Oelmarkt des Innern (halbwegs zwischen 
dem Kalabar und dem Kamerun) abgehalten wur¬ 
den. Da dort vielfache Unordnungen einrissen, der 
europäische Handel aber zur Aufrechthaltung des 
Kredits eine genaue Einhaltung der übernommenen 
Verpflichtungen erforderte, so bildete sich dieses In¬ 
stitut als eine Art Hansa unter den angesehensten 
Kaufleuten zu gegenseitiger Wahrung ihrer Inter¬ 
essen und gewann später die politische Bedeutung 
einer Feme, indem es die ganze Polizei des Kalabar 
und Kamerun in seinen Bereich zog. Die Könige 
suchen sich stets die Grossmeisterschaft in diesem 
Orden zu sichern, da ohne dieselbe ihr Ansehen 
zu einem Schatten herabsinkt. Europäische Kapi¬ 
täne haben es mehrfach als vorteilhaft gefunden, 
sich in die niederen Grade einreihen zu lassen, um 
ihre Schulden leichter eintreiben zu können.« (Rechts¬ 
verhältnisse S. 402.) Eine ganz ähnliche Justiz übt 
der Duck-Duck-Orden in der Südsee (auf Neu- 
Pommern) aus (vgl. Andree, Ethnogr. Parallelen 
N. F. S. 136 fl'.), während es wieder bei anderen 
Geheimbünden, wie der Quimba in Bomba (Bastian, 
Der Fetisch, S. 68) wesentlich auf die Wehrhaft- 
machung der Jünglinge abgesehen ist, der Priester- 
Orden des Belli-Paaro in Guinea endlich die Ueber- 
wachung der Frauen und Kinder bezweckt (vgl. 
Bastian, Der Papua, S. 197 ff., und überhaupt über 
die Geheimbünde in Afrika Post, Afrikan. Juris¬ 
prudenz, I, 238 ff.); ähnliches aus Amerika teilte 
Jacobsens Aufsatz über den Kosiyut-Bund mit 
(Ausland 1892, Nr. 28). 


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Geheimbünde und Pubertätsweihen im Lichte der Ethnologie. 


533 


Zu den umfassenderen blutsverwandten Ver¬ 
bänden, die infolge ihres grösseren Bestandes auch 
meist eine lockere Struktur zeigen, gehören die auf 
der Abstammung von einem gemeinsamen Ahn¬ 
herren beruhenden Stammesgenossenschaften patriar¬ 
chalisch organisierter Völker, wie sie sich überall 
auf Erden finden. Besonders bekannt sind die Totems 
der Indianer oder die Kobongs der Australier, die 
ihren Ursprung von irgend einem Tier ableiten, das 
im Grunde identisch mit dem Hausgeist, dem lar 
familiaris der Römer ist und den auch jeder rus¬ 
sische Bauer, wie Post versichert, als Gründer seiner 
Familie kennt. (Bausteine II, 35.) Aus ihnen ent¬ 
wickeln sich dann bei kriegerischen Stämmen be¬ 
sondere Banden, welche, mit eigentümlichen Ab¬ 
zeichen und Emblemen versehen, die ersten Standes¬ 
unterschiede einleiten. »So heissen z. B. bei den 
Schwarzfüssen die jungen Leute die Sohskriss (die 
Bande der Moskitos); andere Banden derselben 
heissen Emitäkhs (Hunde); Sähmipäks (Präriefüchse), 
Mastophahte (Rabenbande) u. s. w.« (Post, Ge¬ 
schlechtsgenoss. S. 11). Geschichtliche Ueberlebsel 
dieser Gruppen finden sich noch vielfach, so in In¬ 
dien, China u. s. w.; aus der Zeit des klassischen 
Altertums gehören dahin die griechischen Phratrien, 
bei denen die Aufnahme (in der Apaturienfeier) mit 
entsprechenden Jünglingsweihen verknüpft war, wie 
sie in ungeschwächter Form die Naturvölker kennen. 
In diesen Hausgenossenschaften, die ursprünglich auf 
die Blutsgemeinschaft gegründet sind, kommt alles 
auf die Erhaltung der Geschlechtsgenossenschaft an, 
so dass auch Fremde durch Adoption aufgenommen 
werden können, wie auch den Frauen der Eintritt 
offen steht. »Sie haben«, sagt Post, »ihre eigenen 
Götter und ihren eigenen Kultus, ihr Recht und 
ihre Regierung; sie haben ihren unveräusserlichen 
Grund und Boden, welcher ihnen als Korporation 
gehört und den sie als solche bebauen. Sie sind 
in ihrer Existenz nicht an die Existenz ihrer ein¬ 
zelnen Genossen gebunden, sondern leben fort, wie 
ein Staat fortlebt, mögen die einzelnen Genossen 
in ihnen so viel wechseln, wie sie wollen. Selbst 
wenn nur eine Erbtochter übrig bleibt, so nimmt 
wohl deren Ehemann den Namen der Hausgemein¬ 
schaft an und führt sie fort. In Sparta waren die 
nächsten Verwandten bis zu einem bestimmten Grade 
sogar verbunden, die Erbtochter zu heiraten, und 
waren sie schon verheiratet, so musste die Ehe ge¬ 
schieden werden. Der aus der Heirat mit der Erb¬ 
tochter entstandene Sohn wurde der direkte Nach¬ 
folger seines mütterlichen Grossvaters. Die Fort¬ 
erhaltung der Hausgemeinschaft galt also als so 
wesentlich für den Bestand des spartanischen Staats¬ 
wesens, dass das Gesetz den einzelnen zu Hand¬ 
lungen zwang, welche für unsere Anschauungen 
ganz unerträglich sind, den Ehemann, eine bestehende 
Ehe zu lösen, um vielleicht eine leibliche alte Tante 
oder gar eine eigene Schwester zu heiraten. Diese 
fundamentale Bedeutung der Hausgemeinschaft für 

Ausland 189s, Nr. 34. 


bestimmte ethnische Organisationsstufen äussert sich 
auch in sonstigen Bräuchen, z. B. in der Strafbar¬ 
keit des Cölibates, in der Verpflichtung, sich von 
einem unfruchtbaren Weib zu scheiden oder in der 
Verpflichtung der Frau, bei Impotenz des Mannes 
sich von einem Verwandten des Mannes einen Sohn 
erzeugen zu lassen, oder in der Leviratsehe.« (Bau¬ 
steine II, 25.) Aehnlich bei den Kurien der alten 
Römer. 

Zum Schluss noch ein Wort über die Geheim¬ 
bünde der Frauen. Wenn wir von den Cloebergoells 
der Paulan-Insulaner und einigen anderen Beispielen 
absehen, so ist aus begreiflichen Gründen das weib¬ 
liche Geschlecht nicht im stände, den Männern in 
socialer und nun gar in politischer Organisations¬ 
kraft die Spitze zu bieten*). Höchstens wäre die 
dem männlichen Orden Ndnä entgegenstehende Ver¬ 
einigung der Frauen in Süd-Neu-Guinea zu erwähnen, 
Namens Njembe, die in der That auch von dem 
stärkeren Geschlecht gefürchtet wird und im Rufe 
steht, Diebereien zu entdecken und sich sonst nütz¬ 
lich zu erweisen (vgl. Bastian, Der Papua S. 181). 
Im übrigen beschränken sich die häufig mit grossem 
Gepränge begangenen Festlichkeiten und Weihen 
wesentlich auf die Vorbereitung für die Ehe, bei 
der zuweilen fast ebenso harte Prüfungen und 
schmerzhafte Operationen stattfinden, wie bei den 
entsprechenden Pubertätsweihen der Jünglinge. Auch 
hier zeigt sich trotz aller ethnographischen Nuan¬ 
cierungen überall dasselbe Prinzip, ob wir nach 
Afrika (wo die Casa das tintas berüchtigt ist) oder 
nach Australien oder endlich nach Vorderasien, ja 
selbst nach Griechenland blicken, soweit es semiti¬ 
schen Einflüssen ausgesetzt war. Der Charakter 
aber der Geheimbünde im allgemeinen ist der, dass 
sie zum Ersatz einer strafferen politischen Organi¬ 
sation dienen, meist, wie es die Natur der Sache 
mit sich bringt, aus den Vertretern der höheren 
Schichten der Gesellschaft gebildet oder doch wenig¬ 
stens unter Beobachtung bestimmter Rangstufen 
innerhalb des Verbandes; gewöhnlich ist also irgend 
eine polizeiliche Ueberwachung oder die Ausübung 
des Blutbannes damit verknüpft (wie z. B. in Griechen¬ 
land der Amphiktyonenbund und der Areopag, ob¬ 
schon hier im Laufe der Zeit jeder geheimnisvolle 
Nimbus vor dem demokratischen Prinzip der Oeffent- 
lichkeit gewichen war). Der volle Reiz des Dämo¬ 
nischen entfaltet sich erst in dem Banne der reli¬ 
giösen Ideen, einerlei ob dieselbe etwas fetischi¬ 
stisch verzerrt sind (wie meist bei den Naturvölkern, 
obwohl, wie immer wiederholt werden muss, viele 
solche ursprüngliche Elemente sich ungestört in 
unserer transcendentalen Religionsauffassung erhalten 
haben), oder einen höheren, spekulativen Anflug 

J ) Von den Amazonenbünden, der politischen Vorherrschaft 
und Regierung der Frauen, von denen noch Nachtigal ein 
anschauliches Beispiel bei den sog. Heidenstaaten südlich von 
Baghirmi fand (Sahara und Sudän, II, 675), nehmen wir hier als 
Ausnahmen Abstand. 

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534 


Astronomie und Zeitrechnung der Perser. 


erhalten haben, wie er aus den verschiedenen My¬ 
sterien bekannt ist. Dass aber dieser mächtige Trieb, 
religiöse Genossenschaften zu bilden, zugleich mit 
mehr oder minder ausgesprochenen socialen Bestre¬ 
bungen noch nicht erloschen ist, das zeigen (wenn 
man von der verhältnismässig kümmerlichen, ratio¬ 
nalistischen Bildung des Freimaurerordens absieht) 
die zahlreichen religiösen Sekten, die fast jährlich 
aus dem phantastischen Grunde des griechischen 
Katholicismus, besonders in Russland, emporschiessen. 


Astronomie und Zeitrechnung der Perser. 

Von A. J. Ceyp (Wien). 

Die Wissenschaften und diejenigen, welche sich 
damit beschäftigen, haben bei den Persern von jeher, 
vor und nach der Einführung des Islam, eine grosse 
Achtung genossen. Was dem ersten Minister nicht 
gestattet ist, sich der Person des Monarchen ver¬ 
traulich zu nähern und mit ihm an derselben Tafel 
zu speisen, das ist dem Gelehrten vergönnt. Jeder 
Prinz und Edelmann wünscht für den Schutzherrn 
des Genies gehalten zu werden, und dieser Umstand 
sichert allen Gelehrten einen nicht geringen Anteil 
an den Genüssen ihrer Landsleute. 

Eine oberflächliche Kenntnis der Astronomie 
(System Ptolemäus) reicht für einen Studierenden 
hin, sich zu der geheimen Wissenschaft der aus¬ 
legenden Astrologie (= nädshum) bekennen zu 
dürfen. Wenn er eine Höhe mit dem Astrolabium 
aufnehmen, die Namen der Planeten und deren ver¬ 
schiedene Stellungen mit etlichen technischen Phrasen 
nennen kann, und wenn er die astrologischen Al- 
manache versteht, die jährlich herausgegeben werden, 
so fühlt er sich fähig, allen denen seine Dienste 
anzubieten, die ihn um Rat fragen wollen. Kein 
Mann von irgend einer Bedeutung oder Vermögen 
unternimmt etwas ohne Rücksprache mit den Sternen. 
Wenn eine Maassregel ergriffen, eine Reise unter¬ 
nommen, oder ein neues Kleid angelegt werden soll, 
so muss der glückliche oder unglückliche Augenblick 
ausfindig gemacht, der Almanach (= takvim) und der 
Astrolog (= munädshim) zu Rate gezogen werden. 
Werke über die Astrologie werden mehr als alle anderen 
geschätzt, und es ist bemerkenswert, dass die Astro¬ 
logen, wenn sie Nativitäten und merkwürdige Ereig¬ 
nisse berechnen, es für wesentlich halten, die Planeten 
in den phantasiereichsten Ausdrücken 1 ) zu beschreiben. 


*) Als Beispiel mag nachstehende wörtliche Uebersetzung 
der Einleitung einer Schrift wiedergegeben werden, die der 
persische Hof-Astrolog dem General Houtum-Schindler kurz 
vor dessen Abrebe nach Nishapur einhändigte, als er ihm dessen 
Schicksal wahrsagte: »Lob dem grossen Schöpfer, der Himmel 
und Erde und die himmlischen Körper gemacht hat, unter welchen 
göttlichen Werken die Menschheit nur ein Teilchen einnimmt. 
Der schwarze Saturn, wie eine Schildwache im 7. Himmel, 
lauscht auf seine Wünsche. Der glorreiche Juppiter, wie ein ge¬ 
scheiter Richter im 6. Himmel thronend, ist wachsam auf sein 
Begehren, und der blutige Mars mit seinem purpurbeileckten 


Eines drolligen Auftrittes muss ich erwähnen, 
welchen ich gelegentlich einer Audienz beim Minister 
des Kultus, der Minen und Telegraphen zu erleben 
die Gelegenheit hatte. Der Dragoman der deutschen 
Gesandtschaft in Teheran, Herr Dr. Frank (derzeit 
in Athen), war so gütig, mir den unverdienten 
Namen Astronom beizulegen, worauf der Minister 
mich bat, ihn tags darauf zu besuchen, indem er 
auch ein grosser Liebhaber der Mathematik und 
Astronomie wäre. Den anderen Tag also hatte Dr. 
Frank die Gewogenheit, mich zum Minister zu be¬ 
gleiten, w f eil ich nicht im stände gewesen wäre, ähn¬ 
liche Sachen korrekt zu besprechen und zu erläutern. 
Da die Perser — wie bereits erwähnt — viel auf 
Sterndeutungen halten, so glaubte ich irgend eine 
astrologische Wendung der Ankunft des vor wenigen 
Tagen angelangten deutschen Gesandten, Herrn 
v. Brandt (derzeit in Peking) geben zu müssen. 
Es fiel mir ein, dass der Juppiter gerade im Zeichen 
des Skorpions stehe. Vor allen Dingen erklärte ich 
dem Minister, dass dieser Planet an Grösse und 
Glanz Deutschland vorstelle, und Asien überhaupt 
in Europa unter dem Zeichen der Skorpions ver¬ 
standen würde. Da diese nun gerade jetzt in Ver¬ 
einigung wären, so sei gar kein Zweifel, dass die 
Freundschaft dieser beiden Nationen im Himmel be¬ 
schlossen wäre. Der Minister bekräftigte meine Aus¬ 
sage und behauptete, dass auch die persischen Astro¬ 
logen gesagt hätten, dass der deutsche Gesandte unter 
den günstigsten Himmelszeichen angelangt wäre. 

Ein dicker Perser, der einzige, der unserer Unter¬ 
redung mit beiwohnte, sass seitwärts vom Minister, 
hielt ein grosses Buch vor sich, in welchem er be¬ 
ständig blätterte, und schielte von Zeit zu Zeit unter 
grossen schwarzen Augenbrauen grimmig auf mich. 
Der Minister rekommandierte ihn uns als einen grossen 
Mathematiker. Ich glaube aber, es war ein Astrolog, 
der mich examinieren sollte. Er blätterte immer 
heftiger und murmelte dem Minister etwas vor, wor¬ 
auf jener mich fragte, wie die Finsternisse entstehen. 
Ich stand auf und spazierte um den dicken Astro¬ 
logen herum, der sich grimmig und ängstlich um¬ 
sah und anfangs gar nicht begreifen konnte, was 
ich von ihm haben wollte, und noch mehr erschrak, 
als ich plötzlich hinter ihm niederhockte und den 
Minister fragte, ob er mich sehen könne. Der Astro¬ 
log war dick genug, um mich ganz zu bedecken, 
und der Minister musste wohl lachend »Nein« sagen. 
Darauf stand ich auf und bat, der Astrolog möchte 
es mir nicht übelnehmen, dass er die Rolle unseres 
Erdklumpens gespielt; dem Minister sagte ich, er 

Säbel sitzt im 5. Himmel, der bereite Ausführer von seines 
Schöpfers Zornbefehlen. Und die glänzende Sonne, umgeben 
von einer Flammenkrone, scheint im 4. Himmel mit dem Lichte, 
das sie vom Allmächtigen empfangen. Die schöne Venus, wie 
ein froher Sänger, sitzt in ihrem reizenden Gemache im 3. Himmel, 
gestützt durch seine Macht. Der befederte Merkur, wie ein weiser 
Geheimschreiber, sitzt im 2. Himmel als der Aufzeichner der Be¬ 
fehle des Allmächtigen. Der klare Mond thront in dem 1. Himmel, 
ein Zeichen von des Mächtigen Gewalt.» 


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Astronomie und Zeitrechnung der Perser. 


535 


stelle in diesem Augenblicke die Sonne vor, ich den 
Mond, und die ganze Procedur, von der sich der 
Astrolog noch immer nicht erholen konnte, eine 
Mondesfinsternis. Darauf trat ich zwischen den Mini¬ 
ster und den Erdklumpen und sagte ihm, der Astro¬ 
log hätte nicht mehr das Glück, die Sonne zu sehen, 
es wäre also Sonnenfinsternis auf der Erde; ich könne 
sie aber nicht total vorstellen, indem der Herr Astro¬ 
log etwas zu korpulent wäre. Die Sonne lachte und 
die Erde brummte. So kann man es in der Welt 
nie allen recht machen. Bei den kleinen Finster¬ 
nissen bekam ich schon weit gnädigere Blicke von 
dem Herrn Astrologen, denn ich brauchte ihm nicht 
ganz den Anblick der Sonne zu rauben. 

Nachdem diese beiden Herren so schmeichel¬ 
hafte Rollen gespielt, wurden sie übermütig und 
behaupteten: was man am Himmel sähe, wäre bloss 
Götterprunk, denn Juppiter, Saturn und Venus wären 
die einzigen, die sie auch für Körper anerkannten, 
und zwar weit glücklicher als unsere Erde, indem 
sie alle der Sonne weit näher wären als wir und 
es auch weit wärmer hätten. »Was die Venus an¬ 
belangt, haben Sie recht,« erwiderte ich, »die ist der 
Sonne weit näher als wir, sonst könnten wir sie nicht 
alle hundert Jahre zweimal durch die Sonne gehen 
sehen; allein Juppiter und Saturn sind viel weiter 
von der Sonne als wir und könnten auch aus dem 
nämlichen Grunde nie zwischen uns und der Sonne 
erscheinen.« Der Herr Astrolog, dem schon bange 
w r ar, dass ich wieder eine Finsternisceremonie an- 
tinge, war in allem einig, und schlug in seinem 
Buche ein grosses Blatt auf, worauf ein grosser 
Ziegenbock mit Hieroglyphen gemalt stand. Nach¬ 
dem er diesen einigemal freundlich angesehen, fragte 
er mich ganz ernsthaft, was denn nach unserer 
Meinung hinter allen Sternen läge. Ich sagte ihm, 
dass unsere Astronomen darüber noch nicht einig 
wären, wahrscheinlich aber wären hinter den letzten 
Sternen noch Sterne ohne Ende, und wenn ja ein 
Ende stattfände, so knüpfe sich dieses Ende an einen 
Anfang, der doch ohne Ende wäre. Hier fiel ihm 
der Ziegenbock aus der Hand. Er lachte wie die 
triumphierende Weisheit und meinte, solche Sachen 
wären doch für die Europäer noch zu rund. Sehr 
zufrieden hob er sein grosses Buch wieder auf und 
sagte, indem er lächelnd blätterte, davon wollen wir 
nun nicht mehr reden. Wer war froher als ich; 
denn das »ohne Anfang und Ende« begreife ich 
gewiss noch weniger als er. 

Seine Hand blieb auf einem Bogen liegen, der 
voller Punkte war, und Tausende kleiner Teufelchen 
schienen dazwischengemalt. Er fragte, was Wind 
wäre. Ich fing eine Erklärung von dünnen und 
dichten Luftschichten an, welche, mehr oder weniger 
an verschiedenen Stellen von der Sonne erwärmt, 
in eine Art Wallung geraten könnten, die wahr¬ 
scheinlich Wind hervorbrächte, und dass dieser — 
sehr glaubwürdig — bloss in unserer Atmosphäre 
entstehe, indem weiter schon eine dünne Luft sei, 


die wir Aether nennen und — »Was erzählen Sie 
da für einen Gallimathias!« schrie er laut auf. »So 
sind die Europäer; sie drehen sich immer um Ur¬ 
sachen und Gründe herum und verlieren dadurch 
den Gegenstand selbst aus den Augen. Wind ist 
eine Materie, die in sich und für sich selbst existiert, 
wirkt und den ganzen Raum ausfüllt, der sich zwischen 
allen sichtbaren und unsichtbaren Körpern befindet. 
Wie könnten sonst Kometen herausgeflogen kommen? 
Diese sind die wahren Windreiniger, die fliegen 
herum und brennen alles weg, was die Kraft des 
Windes vermindern oder gar zerstören könnte; denn 
Wind ist eine wohlthätige Gabe Gottes!« Dieses 
letzte Urteil war in dem heissen Persien, wo ohne 
Wind jedermann umkommen würde, sehr natürlich. 

Unterdessen hatte er selbst wie der Wind in 
seinem Buche gewirtschaftet und blieb mit Wohl¬ 
gefallen an einem Blatte stehen, auf dem eine Menge 
Kugeln hingemalt waren und oben eine grässliche 
Fratze. »Was denken Sie von den Bewegungen der 
Körper? Steht die Sonne oder geht sie?« »Sie 
steht,« war meine Antwort. »Da haben wir es! 
Kennen Sie denn die Wirkung der Naturkraft nicht, 
die einzig in ihrer Art ist? Die Natur verleiht einer 
jeden Sache nur eine Kraft, nie zwei auf einmal, 
sonst wäre sie ungerecht, und das darf sie nicht sein. 
Hat diese Kraft einmal gewirkt, so ist nichts im stände, 
die Wirkung zu vermehren oder zu vermindern und 
noch weniger eine zweite hinzuzufügen. Wenn Sie 
annehmen, dass die Erde sich um die Achse drehe, 
so ist dieses schon eine Kraft; folglich kann sie sich 
nicht zugleich auch um die Sonne drehen; nehmen 
Sie aber an, dass die Sonne sich um die Erde drehe, 
dann dreht die Erde sich nicht um ihre Achse.« 
»Auf diese Art« — sagte ich — »hat also die Natur 
unserer Erde bloss die Kraft des Stillstehens ver¬ 
liehen.« »Richtig, das behaupten wir Perser; Ihr 
behauptet es von der Sonne und habt unrecht. Zur 
Freude der Menschen und des Schah ist alles er¬ 
schaffen; wir stehen mit der Erde im Mittelpunkte 
und sehen dankbar zu.« 

Darauf schloss er sein Buch und sagte: diese 
Sachen wären hoher Natur, man müsse seinen Geist 
auch für die Zukunft schonen. Unterdessen wolle 
er von minder kopfbrechenden Dingen sprechen 
als Mathematik. Darauf zeigte er mir, wie man die 
Entfernungen der Gegenstände hinter einem Flusse 
messe — wobei der Minister versicherte, der Schah 
hätte ihm einmal so eine Kommission gegeben, die 
er wundervoll erfüllt habe —, wie man die Höhe 
eines Gegenstandes von weitem messe u. s. w. Er 
schien sehr bestürzt, zu erfahren, dass in Europa 
die kleinen Knaben ihren geometrischen Kurs damit 
anfangen. Ich fing an, eine trigonometrische Messung 
zu erklären; allein das begriff er nicht und schien 
keine Idee von Logarithmen zu haben. 

Zum Schlüsse musste ich der verwunderten Ge¬ 
sellschaft allerlei über meine Reisen um die Welt 
erzählen, wobei ihnen zwei Sachen unmöglich 


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536 


Astronomie und Zeitrechnung der Perser. 


schienen: dass ich einst ihr Antipode gewesen, und 
dass es schönere Länder in der Welt gebe als Per¬ 
sien. Der Minister bedankte sich für die angenehme 
Unterhaltung, liess Erfrischungen geben, bat mich, 
ihn öfters zu besuchen, und wir schieden von dem 
dicken Astrologen als gute Freunde. 

* 

* # 

Die Perser haben zweierlei Jahre: Sonnen- und 
Mondenjahre. Ihr Sonnenjahr fangen sie an nach 
uralter Gewohnheit an demselben Tage, in derselben 
Stunde und Minute, sobald die Sonne in die Früh¬ 
lings-Tag- und Nachtgleiche tritt oder den Anfang 
des Widders berührt, nämlich am 21. März. Dieser 
Tag wird Id-i-Nou-Röze (Neuer Tag) genannt, 
von welchem Tage an die Perser nicht allein den 
Beginn des Frühlings, sondern auch des Sonnen¬ 
jahres berechnen. Der Id-i-Nou-Röze wird bis 
auf den heutigen Tag mit all der Freude und Fest¬ 
lichkeit begangen wie bei den alten Persern. Diese 
einzige Stiftung früherer Tage hat über die unduld¬ 
same Bigotterie gesiegt, die eine Religion zerstörte, 
auf welcher jene gegründet war. Und die Moham¬ 
medaner in Persien haben sich lieber einer gottlosen 
Beibehaltung dessen wollen bezichtigen lassen, was ihre 
Widersacher den Ungläubigen *) zuschreiben, als ein 
Fest aufheben, das ihre Vorfahren ungemein liebten. 
Dieses Fest beginnt mit dem von dem Hofastrologen 
signalisierten und durch Geschützsalven verkündeten 
Eintritt der Tag- und Nachtgleiche. Genau um diese 
Zeit, und wäre es selbst die Mitternachtsstunde, hält 
der Schah den ersten feierlichen Salam. Tags darauf 
findet der grosse Salam in dem an den Palast an- 
stossenden herrlichen Platanenparke statt. Die Mitte 
des Parkes wird von einem langen, spiegelglatten 
Bassin eingenommen, und am oberen Ende des letz¬ 
teren erhebt sich auf breiten, stufenförmigen Ter¬ 
rassen eine offene, säulengetragene Marmorhalle, in 
deren Mitte ein mächtiger Alabasterthron von bizarren 
Formen aufgerichtet ist. Zu beiden Seiten des Bas¬ 
sins sind Truppen aufgestellt; näher an den Stufen 
der Thronhalle sind die Würdenträger des Staates, 
des Hofes und der Kirche postiert. Das gemeine 
Volk drängt sich vor den Thoren des Palastes. So¬ 
bald der Schah in Begleitung der Prinzen erschienen 
und auf dem Throne Platz genommen, tritt zunächst 
ein Sprecher der Priesterschaft vor, um mit eigen¬ 
tümlich gellender Stimme die zunehmende Herr¬ 
lichkeit des Islam zu preisen. Ihm folgt der Sprecher 
des Volkes, welcher die Person des »Königs der 
Könige« als die Summe aller menschlichen Vorzüge 
und aller Herrschertugenden, gleichwie die Glück¬ 
seligkeit seiner Völker bis an den Himmel hebt. 
Den Schluss macht der Hofpoet, welcher, immer in 
gleicher Tonart, den von Tag zu Tag sich mehren¬ 
den Glanz des Thrones verherrlicht. Während dieser 

*) Die Türken beschuldigen immer die Perser, dass sie 
ein Fest feiern, das von den Anbetern des Feuers angeordnet 
wurde. 


Ansprachen wird dem Schah ab und zu Kaffee nebst 
dem Khaliän — der persischen Wasserpfeife — 
gereicht. Erscheinen und Abgang desselben werden 
durch Geschützsalven und Abspielen der persischen 
Hymne verkündigt. Am vierten Tage ist abermals 
grosser Saldm. Diesmal gilt es der erst vom Schah 
Nasr-e-d'in instituierten Feier der Geburt Alis, des 
persischen Propheten. Das Fest währt über eine 
Woche *), aber der erste Tag ist der wichtigste. An 
diesem erscheinen alle Stände in ihrem neuesten 
Schmuck; sie schicken einander Geschenke und 
Zuckerwerk, und jeder küsst seinen Freund an diesem 
bedeutsamen Morgen des »Id-i-Nou-Röze«. 

Die Mondjahre, welche nach des Mondes zwölf¬ 
maliger Wiederkehr zu neuem Lichte gemessen werden, 
fallen 11 Tage kürzer aus als unsere Jahre. Der 
bürgerliche Tag beginnt mit Sonnenuntergang und 
hat 24 Stunden. 

Die Perser fangen ihre Jahr-Rechnungen auf 
zweifache Weise an. Die erste nehmen sie von der 
Regierungsepoche Jesdedsherds 2 ), Shähreirs 
Sohn, als des letzten persischen Königs nach dem 
Einfalle der Araber in Persien. Der Anfang dieser 
Jahr-Rechnung war — wie Vlug Beig berichtet — 
an einem Dienstag, als er seine Regierung antrat. 
Nach Albumazars Zeugnis zählten die Perser zu 
Anfang seiner Regierung 3634 Tage nach der Hi- 
djräh oder Flucht Mohammeds aus Mekka, welche 
Zahl 10 Jahre 94 Tage ausmacht. Der Anfang der 
Regierung Jesdedsherds fiel in das 11. Jahr der 
Hidjräh, auf den 22. Tag des Monats Rebi el- 
evvel, oder auf den 15. unseres Sommermonats, 
im Jahre 632. Nach Vlug Beigs Angaben sind 
die Jahre und Monate dieser Jahr-Rechnung Sonnen¬ 
jahre, denn das Sonnenjahr besteht aus 365 Tagen, 
und ein jeder Monat hat 30 Tage. Etliche persische 
Geschichtschreiber des Altertums fügen dem Ende 
des Monats Ebän fünf Tage hinzu; die Astronomen 
aber setzen sie an das Ende des Jahres. 

Die andere Zeitrechnung (= tarikh) wird 
Dselläleh genannt, und zwar nach dem Namen 
des Sultans Dshelläl-e-din Malek Shäh Alp 
Arslän 3 ), des Kaisers von Persien, Khoräsän und 

*) Die Zeit seiner Dauer scheint nicht genau bestimmt zu 
sein. Die Vergnügungen dauern oft acht bis dreizehn Tage, 
manchmal nur vier bis fünf. Und diejenigen, die weder Geld 
noch Zeit haben, begnügen sich mit der Feier des ersten und 
vierten Tages. 

*) Isdegertes III. der Griechen. 

8 ) Al-Käim, der kurz nach der Thronbesteigung Malek 
Shähs gestorben, gab vor seinem Tode an Malek Shäh nicht 
nur den Titel »Sultan«, sondern auch den »Emtr-el-Moumenin« 
oder »Herr der Gläubigen«, der vorher nur den Kalifen allein 
zu teil geworden war; Malek Shäh hiess auch Dshelläl-o- 
dauldh-e-din oder »die Glorie des Staates und des Glaubens«. 
Solche Titel scheinen zuerst unter der Dynastie von Dilem ge¬ 
bräuchlich geworden zu sein; alle aus derselben waren durch 
hohe Namen bezeichnet. Major Price berichtet, nach der 
Autorität Kholassät-ul-Akhbärs, dass Malek Shäh auf der 
Jagd, seinem Lieblingsvergntigen, krank geworden und am 15* No¬ 
vember 1092 nach zwanzigjähriger Regierungsdauer und im 38. 
Lebensjahre gestorben sei. (Prices Mahom. hist., vol.II, pag. 356.) 


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Astronomie und Zeitrechnung der Perser. 


537 


Mesopotamien, welcher acht der berühmtesten da¬ 
maligen Astronomen vor sich berief, die den persi¬ 
schen Kalender verbessern sollten. Dies geschah im 
448. Jahre der Zeitrechnung Jesdedsherds und am 
18. des Monats Ferverdin oder — nach unserer 
Rechnung — am 14. Tage des Lenzmonats 1079. 
Dieses Jahr wird genannt Säle Dshelläli, das ist 
das Jahr der Majestät. Man kann aber sehr leicht 
erfahren, wieviel man von der Regierungsepoche 
Jesdedsherds an hat, wenn man nämlich 632 von 
unserer Jahrzahl abzieht, gleichwie man auch die 
Jahre von Dshelläleh an wissen kann, wenn man 
1079 von 1892 abzieht. In den persischen Historien 
bedient man sich der ersten Zeitrechnung; da aber 
die Perser besonders abergläubisch den Tag und die 
Stunde beobachten, wenn die Sonne in den Aequator 
tritt, so gebrauchen sie nunmehr die Zeitrechnung 
Dshelläleh. 

Das Jahr wird von den Persern in zwölf Monate 
abgeteilt, welche in der vormuselmanischen Epoche 
folgendermaassen benannt wurden: Ferverdin, Urdi 
behesht, Khourdäd, Tir, Emrdäd, Sheriour, 
Mehre, Ebän, Azer, Di, Behmen, Esfender- 
muz. 

Die alten Perser hatten auch ihren eigenen 
Takvim oder Almanach, und es wurde sämtlichen 
Tagen eines jeden Monats der Name eines ihrer 
Könige und tapferen Helden beigelegt, nämlich: 
Hormuzd, Behmen, Urdi behesht, Sheriour, 
Esfendermuz, Khourdäd, Emrdäd, Dibädhur, 
Azer, Ebän, Khaur, Mäh, Tir, Jius, Daba- 
mehre. Mehre, Surush, Resh, Ferverdin, Be- 
heram, Ram, Bäd, Dibädin, Din, Ced, Ash- 
däd, Osmän, Ramijäd, Marasfend, Anirän. 
Die fünf beigefügten Tage hiessen: Ahnud, Ash- 
nud, Esfenmez, Vahesht, Heshunesh. Ein jeder 
Tag eines jeglichen Monats, der den Namen mit 
solchem Monate gemein hatte, wurde für einen Feier¬ 
tag gehalten. So z. B. der 19. Feverdin Mäh, 
der 7. vom Emrdäd Mäh, der 4. vom Sheriour 
Mäh, der 16. vom Mehre Mäh, der 10. vom Ebän 
Mäh, der 9. vom Azer Mäh, der 2. vom Behmen 
Mäh und der 5. vom Esfendermuz Mäh; ebenso 
der 8. des Monats Di, gleichwie der 15. und 23. 
eines jeden Monats. 

Der Anfang des Monats Feverdin wird Nou 
Röze im allgemeinen genannt; der 6. Tag aber 
heisst eigentlich und im besonderen Nou Röze. 
Der 16. des Mehre Mäh ist der gemeine Mehre- 
jän und der 21. der eigentliche Mehrejän. Ferner 
sagen die Parsen, die heutigen Nachkommen der 
alten Perser: es habe Gott (Hormuzd) in sechs 
Zeiten die Welt erschaffen, welche sie Kahenbarha 
nennen. Der Anfang der ersten Zeit ist der n. Tag 
vom Di Mäh, der Anfang der zweiten Zeit der 
n. Tag vom Esfendermuz, der Anfang der 
dritten Zeit der 26. Tag vom Urdi behesht, der 
Anfang der vierten Zeit der 26. vom Khourdäd, 
der Anfang der fünften Zeit der 16. Tag vom 


Sheriour, der Anfang der sechsten Zeit der 31. Tag 
vom Ebän. Eine jede Zeit umfasst fünf Tage. 
Solche Namen legten die alten Perser auch den 
Jahren bei, und es mussten jegliche vier Jahre 
ordnungsgemäss gleichfalls solche Namen führen; 
die ersten vier Jahre wurden Hormuzd, die 
zweiten vier Jahre Behmen u. s. f. genannt. 
Wenn aber die Namen den Monat bedeuten sollten, 
dann wurde das Wort Mäh hinzugesetzt, wie über 
diesen Gegenstand ausführlich zu lesen ist in Joseph 
Scaligers Werke »De emendatione temporum«. 

Dieser Kalender aber und die Jahr-Rechnung, 
sowie die Jahrzahl von Jesdedsherd an zu rechnen, 
sind gänzlich abgeschafft, dagegen gebrauchen die 
heutigen Perser den arabischen Kalender, dessen 
Monate nachstehende Namen führen: Muherrem, 
Sefer, Rebi el-evvel, Rebi essäni, Dj emädi 
el-evvel, Djemädi essäni, Redjeb, She’ebän, 
Remezän, Shevväl, Zil-que’ede, Zil-hedje. 
Den Sinn dieser Wörter muss man nach der Zeit 
erfassen, als dieselben zuerst erdacht wurden. Mu¬ 
herrem z. B. kommt von herrema oder verbieten; 
denn es war den Arabern nicht gestattet, sich in 
diesem Monate zu Krieg oder Razzia in Bewegung 
zu setzen. Ueberdies rechnet man noch separat nach 
einem Cyklus von zwölf Jahren des mongolischen 
Tierkreises, der von der Maus bis zum Eber jedes 
Jahr ein anderes Tier zum Symbol hat, und so wie 
es in unserem Kalender heisst: »Im Jahre des Heils«, 
ebenso enden auch die königlichen Schriftstücke mit 
der Schlussformel: »Gegeben in diesem gesegneten 
Maus-, Ochsen-, Leoparden-, Hasen-, Krokodil-, 
Schlangen-, Pferde-, Affen-, Huhn-, Hunde- oder 
Eber-Jahre«. 

Was die Wochentage anbelangt, so hingen die 
heutigen Perser dieselben von unserem Sonnabend 
an zu zählen, damit der siebente, ihr Ruhetag, auf 
den Freitag falle; darin unterscheiden sie sich wesent¬ 
lich von den Juden und Christen. Die Namen der 
Tage sind folgende: Shembe, Yek shembe, Dou 
shembe, Se shembe, Tshehär shembe, Pendj 
shembe, Djum’e oder Adine. Da die heutigen 
Perser nur am Freitage in ihren Kirchen Zusammen¬ 
kommen, so wird dieser Tag Djum’e, d. i. Ver¬ 
sammlungstag, genannt. 

Ganz wie in Europa haben alle Mohammedaner, 
besonders die heutigen Perser, wenn auch mit einigen 
Abänderungen, gewisse Tage, die auf die an den¬ 
selben vorgenommenen Geschäfte einen glücklichen 
oder unglücklichen Einfluss ausüben. Als unglück¬ 
liche Tage gelten: der Sonntag, weil er der Todes¬ 
tag des Propheten ist, der Montag, der Donnerstag, 
weil an ihm eine Menge Heilige den Märtyrertod 
erlitten; ganz besonders unglücklich aber sind Sonn¬ 
abend und der letzte Mittwoch des Monats Sefer. 
Jedoch sind unter diesen Tagen einige, welche für 
gewisse Verrichtungen glückbringend sind, so der 
Sonntag zur Vollziehung der Ehe und der Donners¬ 
tag zum Aderlass. Fällt einer dieser unglücklichen 


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53 « 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


Tage in die Zeit der Bairam-Feste, so wird er zu 
einem glücklichen. Der erste Tag eines Monats, 
möge er heissen, wie er wolle, und der Freitag wer¬ 
den als glückbringend betrachtet. Letzterer, weil er 
— wie bereits oben erwähnt — der Sabbath der 
Mohammedaner ist, weshalb er auch den Beinamen 
Fl Fadileh (der Vortreffliche) erhalten hat. Alle 
übrigen Tage sind indifferent. In Persien hält man 
auch ausserordentlich viel auf die Planetenstunden; 
es werden nämlich den Stunden der Nacht die zwölf 
himmlischen Zeichen zugeeignet, wie z. B. der ersten 
Stunde des Sonntags der Widder, der zweiten der 
Stier u. s. f. 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. 

Von Emil Wisotzki (Stettin). 

(Fortsetzung.) 

Wir hören sofort wieder die uns schon bekannte 
alte Frage: was wird mit dem vielen einfliessenden 
Wasser? Aber die Antwort, welche Bolland darauf 
erteilt, ist eine neue! Die Gezeitenströme könnten 
es nicht sein, da sie sechs Stunden Wasser hinein 
und wieder sechs Stunden doch wohl ebensoviel 
hinausführten. Ein Teil sickere wohl in die Erde 
ein, ein anderer verdunste. Aber dies könne eine 
befriedigende Erklärung nicht bieten. Daher schliesst 
er: »it sems most reasonable that as the straights 
mouth of Gibraltar has its continual indraught aioft, 
so the superficial part thereof may have its recourse 
back again below.« 

Also eine Unterströmung ist es, welche der 
Oberströmung entgegengesetzt das überflüssige Wasser 
wieder abführt. Eine Erklärung des Vorganges hat 
Bolland nicht versucht. 

Ebenfalls historisches Interesse hat seine Arbeit 
durch die Angabe von Methoden zum Erweis etwa 
vorhandener unterseeischer Strömungen. Bolland 
entwirft zwei Zeichnungen. Die erstere gibt »the 
sounding boat for currants.« An der Spitze des¬ 
selben befindet sich »a droge saile«, welches durch 
die Gewichte beschwert bis in grössere Tiefen herab¬ 
gelassen werden kann: »which way ever the cur- 
rant runns alow, it will draw the boat after it.« 
Die zweite Zeichnung stellt dar ein von ihm ver¬ 
fertigtes »sounding lead for tydes and currants«, 
»with springs in the inner part, a bladder hooked 
upon the outside, which has a dependency upon 
those springs, so that the lead striking the ground, 
off flies the bladder from the lead, and all the way, 
in its rising to the superficies of the water, it is 
drove which way soever the current does set.« 

Der zweite der genannten Männer, Thomas 
Smith, machte 1668 eine Reise, auf welcher er 
Konstantinopel besuchte. Ueber diese erstattete er 
der Royal Society in London 1683 Bericht. Der¬ 
selbe zeigt ihn uns nur mit der oberflächlichen Aus¬ 


strömung des Schwarzen Meeres durch den Bos¬ 
porus bekannt. 1 ) Aber noch in demselben Jahre, 
am 21. Dezember 1683, hielt Smith einen zweiten 
Vortrag, diesesmal vor der Oxford Society über »A 
conjecture about an under current at the streights- 
mouth« 2 ). Er geht dabei aus von den Gezeiten im 
Kanal, wo man Oberflächen und Bodenströmungen 
beobachtet habe. Dies veranlasse ihn, eine Mut- 
maassung zu äussern in Bezug auf das Mittelmeer. 
In dasselbe ergiesse sich ein Strom aus dem Atlan¬ 
tischen Ocean, ebenso aus dem Schwarzen Meer. 
Daher die alte Frage, wo bleibt denn das viele Wasser? 
Er wolle alte Spekulationen hierüber nicht weiter 
berühren, wie unterirdische Abzugskanäle, Ver¬ 
dunstung durch die Sonnenwärme, Ausströmung 
mittelmeerischen Wassers, wenigstens auf einer Seite 
der Strasse von Gibraltar. Seine Ansicht gehe viel¬ 
mehr dahin, dass in dieser Strasse sich ein Unter¬ 
strom befinde, durch welchen eben so viel Wasser 
in den Ocean wieder hinausgeführt werde, wie durch 
den Oberstrom ins Mittelmeer hinein. Zur Bestä¬ 
tigung dieser Ansicht weise er auf die ähnliche Na¬ 
tur der dänischen Sunde hin, worüber ihn ein tüch¬ 
tiger Seemann informiert habe. »He told me, that 
being there in one of the Kings Fregats, they went 
with their Pinnace into the middle stream, and 
were carried violently by the current: that soon 
after they sank a bücket with a large cannon bullet 
to a certain depth of water, which gave check to 
the boats motion, and sinking it still lower and 
lower, the boat was driven a head to wind-ward 
against the upper current: the current aioft, as he 
added, not being above 4 or 5 fathom deep, and 
that the lower the bücket was let fall, they found the 
under current the stronger.« Darauf hin habe er 
dann zweimal diesen Versuch in der Strasse von 
Gibraltar beabsichtigt, sei aber jedesmal durch starken 
Sturm daran verhindert worden; er hoffe aber, dass 
spätere, glücklichere Untersuchungen seine Vermu¬ 
tung eines Unterstromes bestätigen würden. 

Dieser Versuch, mit einem Kessel Strömungen 
zu entdecken, ist ein alter, wie J. G. Kohl in seiner 
Geschichte des Golfstromes bemerkt. Schon zur 
Zeit des Columbus benutzte man einen solchen hierzu, 
er trat an die Stelle des Senkbleis 3 ). 

An Bedeutung weit hinter sich gelassen hat 
beide Männer, Bolland und Smith, Graf Ferdi- 
nando Marsigli. Derselbe hat uns in seinen »Osser- 
vazioni intorno al Bosforo Tracio« in Roma 1681 
ein Werk hinterlassen, welches für die Lehre von 
den Strömungen in den Meeresstrassen von eben 
derselben epochemachenden Bedeutung geworden ist, 
wiedie obengenannte Abhandlung Ed. Halleys. Wie 
letzterer den Grund legte für eine richtige Erklä¬ 
rung der Niveaudifferenzen, als deren Ausgleichung 
die Oberflächenströmungen sich ergaben, hat Mar- 

*) Philosoph. Transactions, vol. XIII, London 1683, p. 335. 

2 ) Philosoph. Transactions, vol. XIV, 1684, P- 564. 

*) Bremen 1868, S. 25. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


539 


sigli die in entgegengesetzter Richtung vor sich 
gehenden Bodenströmungen als eine Ausgleichung 
von Schweredifferenzen erklärt'). 

Marsigli beschränkte seine Untersuchungen auf 
den Bosporus. 

Er gibt von demselben eine Beschreibung und 
schildert den aus dem Schwarzen Meer in die Pro- 
pontis sich ergiessenden Oberflächenstroni. Derselbe 
habe örtlich verschiedene Geschwindigkeit, je nach der 
Weite des Profils. Auch wirkten auf dieselbe ein 
die Winde, indem Nordwinde sie förderten, Süd¬ 
winde dagegen sie hemmten. Marsigli versuchte 
die Geschwindigkeit mit Hilfe eines um eine hori¬ 
zontale Achse sich drehenden, aus sechs Flügeln 
bestehenden Apparates zu messen, wobei ihm pas¬ 
sierte, dass ein Flügel abbrach, er also kein sicheres 
Resultat erhielt. Seitliche, in entgegengesetzter Rich¬ 
tung nach Norden hin verlaufende, durch örtliche Vor¬ 
sprünge veranlasste horizontale Aspirations- und Re¬ 
aktionsströme 2 ), wie wir heute sagen würden, wer¬ 
den angeführt. 

Aber auch die aus der Propontis zum Schwarzen 
Meer gerichtete Unterströmung ist ihm bekannt, und 
ihr widmete er vor allem seine Aufmerksamkeit. 

Gerade wie Prokop von Caesarea und Petrus 
Gyllius, die eraber nicht kennt oder doch wenig¬ 
stens nicht nennt, berichtet er, über ihr Vorhanden¬ 
sein zuerst durch türkische Fischer belehrt zu sein. 
Diese seien auf folgende Weise zu ihrer Kenntnis 
gelangt. Jedesmal nämlich, wenn sie ihren Kahn 
befestigt und ihre Netze auf gut Glück ausgeworfen, 
bemerkten sie, dass diese bis zu einer gewissen Tiefe 
der Bewegung des oberen Stromes folgten, dann 
aber, tiefer hinabgelassen, nach der entgegengesetzten 
Richtung getrieben wurden und hinter dem Kahn 
wieder zum Vorschein kamen. Auch sei er ange¬ 
regt worden durch einen englischen Gesandten, den 
Herrn Ritter Fine hi, der es seinerseits wieder von 
einem englischen Kapitän erfahren, der vielleicht 
aus Zeitmangel sich mit dem Gegenstände nicht 
näher beschäftigt habe. 

Sofort habe er selbst Untersuchungen ange¬ 
stellt. Zuerst mit einem Seile, an welches er weisse 
Korkstücke befestigt; bessere Resultate aber hätte er- 


*) Ueberall in der Welt Ausgleichungen von Gegensätzen; 
alles, was geschieht, ist nur so zu erklären; es handelt sich jedes¬ 
mal um die Feststellung der Natur der Gegensätze. Am Anfang 
war der absolute Gegensatz, das Ende bedeutet das Fehlen jeden 
Gegensatzes. Was dazwischen liegt, die moralische und physische 
Weltgeschichte, ist nichts anderes als die stattfindende Aus¬ 
gleichung der Gegensätze, hinführend zum-Fehlen jeden Gegen¬ 
satzes. Unsere Definitionen von Erscheinungen, die als Vorgänge 
zu fassen sind, haben stets davon auszugehen, so z. B. müssen 
wir den Wind als eine Ausgleichung von Luftdruckgegensätzen 
erklären. Ein Fluss ist die innerhalb einer mehr oder weniger 
schmalen, mit Wasser erfüllten Rinne der Erdoberfläche von 
Ort zu Ort stattfindende und sich immer wieder erneuernde Aus¬ 
gleichung von Niveaugegensätzen; die Aufrichtung eines Gebirges 
die Ausgleichung von Spannungsgegensätzen in der Erdkruste. 

a ) Vossius, De motu mariuin et ventorum, 1663, p. 14, 
kannte solche Erscheinungen auch schon. 


geben ein einfaches Seil, das an seinem unteren 
Ende durch ein Stück Blei beschwert worden. Das¬ 
selbe sei bei seinen Versuchen nie in senkrechter 
Richtung gespannt gewesen, was bei ruhigem Wasser 
hätte eintreten müssen, sondern habe stets eine dop¬ 
pelte Krümmung gezeigt, eine obere nach Süden 
und eine untere nach Norden gerichtet. Dies könne 
aber nur eintreten bei doppelten, in entgegenge¬ 



setzter Richtung sich ergiessenden Strömungen. Die 
Richtungsänderung finde in einer Tiefe von 8—12 
türkischen Fuss statt. 

Ihre Geschwindigkeit hänge von denselben Ur¬ 
sachen ab, wie diejenige der Oberströmung, also von 
den mehr oder weniger breiten Querdurchschnitten. 

Viel Sorgfalt und grossen Scharfsinn hat nun 
Marsigli entwickelt zur Erklärung der Unterströ¬ 
mung. Vor allem suchte er sich Gewissheit zu ver¬ 
schaffen über die Schwere des Wassers, sowohl des 
Oberflächen- wie des Tiefenwassers an den ver¬ 
schiedensten Stellen. Letzteres erhielt er mit Hilfe 
eines durch ein Ventil verschlossenen Gefässes, das 
er nach seinem Belieben mittels einer Schnur unter 
Wasser wieder öffnen konnte. Als Resultat ergab 
sich eine Zunahme der Schwere von der Oberfläche 
nach unten im Bosporus und ebenfalls eine solche 
von der Mitte des Schwarzen Meeres durch den 
Bosporus bis in den Archipel bei Smyrna. So ge¬ 
rüstet schritt Marsigli zur Erklärung der Unter¬ 
strömung. Die Ursache könne seines Erachtens nur 
ruhen auf dem Prinzip, dass das Schwerere das Leich¬ 
tere verdränge. Folgendes Experiment stelle die 
Sache klar. Man nehme, schreibt Marsigli, ein 
Gefäss, wie beistehende Figur, welches in zwei gleiche 
Teile F und Z geteilt ist durch eine Scheidewand 
A C , welche unten ein Loch D und oben ein Loch E 
hat. Die Abteilung X wird, nachdem man das Loch D 
verstopft hat, angefüllt mit Salzwasser aus dem un¬ 
teren Strom, die Abteilung Z mit Wasser aus dem 
Schwarzen Meer, welches in weiter nördlichen Orten 
noch zum Kochen dient. Dann öffne man das Loch D y 
sofort beginnt das Wasser X nach Z hin zu laufen, 
und das von Z durch das Loch E oben nach X. 
Diese Bewegung würde fortdauem, bis das sich 
mischende Wasser in beiden Abteilungen homogen 
geworden. In der Wirklichkeit trete dieser Fall des 
schliesslichen Verschwindens der Schweredifferenz 
nicht ein, da einerseits durch die Zuflüsse des Pontus 
immer wieder eine Verdünnung verursacht und 


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540 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


andererseits aus dem Mittelmeer durch den Unter¬ 
strom immer von neuem salzreiches Wasser heran¬ 
geführt werde. Marsigli fügt hinzu, das Experiment 
entspreche allen in der Wirklichkeit vorliegenden 
Erscheinungen, indem er wörtlich sagt: »che la 
corrente superficiale sia fatta in gran parte per 
l’espulsione, che riceve dalla gravitä dell’ acqua, 
portata dalla corrente sottana«, und schliesst deshalb, 
von diesem Standpunkt aus mit Recht, dass der obere 
Strom zum grossen Teile eine Funktion des unteren 
Stromes sei. Dies muss um so mehr verwundern, 
als Marsigli vorher von einer Niveaudifferenz 
zwischen Bosporus und Adriatischem Meer bei Vene¬ 
dig auf Grund eigener und fremder Barometer¬ 
beobachtungen gesprochen hatte, eine Niveaudiffe¬ 
renz, welche als nicht notwendig zur Erklärung des 
Oberflächenstromes hingestellt wird. 

Das Experiment entspricht aber nicht in allen 
Punkten den natürlichen Verhältnissen, es fehlt ihm 
der zweite Gegensatz, die von vornherein vorhandene 
Niveaudifferenz. Wenn dieser Punkt auch noch bis 
auf den heutigen Tag seine Schatten wirft, so stehen 
wir doch nicht an, Marsiglis Werk, ebenso wie 
Halleys genannte Abhandlung, als bahnbrechend für 
die Lehre von den Strömungen in den Meeres¬ 
strassen zu bezeichnen. 

Marsigli befand sich elf Jahre später (1691) 
wieder in Konstantinopel und nahm seine früheren 
Untersuchungen von neuem auf. Aber zu einer 
neuen Publikation, wie er sie wünschte, kam es nicht. 
Noch 1725 dachte er hieran und wollte seine Bosporus- 
Studien der »Histoire de la mer« anschliessen, welche 
er zu Amsterdam in diesem Jahre erscheinen liess. 
Leider trat ein äusseres Hindernis dazwischen *), 
und so ist es wohl überhaupt nicht mehr dazu ge¬ 
kommen. 

Mit dieser Unterströmung wurde in die wissen¬ 
schaftliche Welt ein Zankapfel geworfen, der erst in 
unseren Tagen beiseite gelegt zu werden beginnt. 
Kaum eine andere geographische Frage ist so leb¬ 
hafter und immer wieder erneuter Diskussion unter¬ 
zogen worden, wie diese. Und nicht bloss die 
Frage nach den Ursachen der Unterströmungen, hier 
und in anderen Meeresstrassen, erhitzte die Gemüter; 
nein, ebenso sehr die Frage nach ihrer Existenz 
und ihrer physikalischen Möglichkeit. Ebenso oft 
und von ebenso bedeutenden Köpfen wurde sie zu¬ 
gestanden, ja als notwendig gefordert, wie verworfen, 
ja als unmöglich zurückgewiesen. 

Fürs erste scheinen die Mitteilungen von Smith 
über die Doppelströmungen in den Strassen von 
Gibraltar und im Sund, die Untersuchungen Mar- 
siglis im Bosporus sofort lebhafte Zustimmung von 
den verschiedensten Seiten erfahren zu haben. Wenig¬ 
stens berichtet John Ray, dass sie unter Seeleuten, 
Reisenden und Physikern allgemeinsten Beifall ge¬ 
funden hätten. Aber er für seine Person könne 


*) Histoire de la Mer, Amsterdam 1725, Pröface. 


nicht beistimmen. Er verstehe nicht, wie Wasser in 
ein und demselben Kanal zu gleicher Zeit vorwärts 
und rückwärts laufen könne. Wasser vermöge nur 
auf geneigter Ebene abwärts zu laufen. Angenom¬ 
men nun, der sogenannte untere Strom fliesse aus 
dem Mittelmeer in den Atlantischen Ocean, so müsse 
seine Oberfläche doch auch nach Westen hin ge¬ 
neigt sein. Diese Oberfläche bilde dann aber doch 
wieder die Grundlage für den sogenannten Ober¬ 
strom aus dem Atlantischen Ocean ins Mittelmeer. 
Dieser müsste demnach ja bergauf fliessen, was un¬ 
möglich. In Wirklichkeit finde nur ein Einströ¬ 
men atlantischen Wassers statt, veranlasst durch 
eine Niveaudifferenz zwischen beiden genannten 
Meeren 1 ). 

Im Jahre 1700 trat Joseph Titton de 
Tournefort im königlichen Aufträge eine bota¬ 
nische Entdeckungsreise nach dem Orient an, welche 
ihn über Konstantinopel führte. Ihm war die Unter¬ 
strömung sowohl durch Prokop von Caesarea 
wie auch durch Petrus Gyllius bekannt, er wusste 
also, dass auch hier, wie so oft, die moderne Welt 
mit Marsigli nur an die Erwerbung des Erbes der 
Antike herangetreten war. Aber er vermochte, wie 
er bemerkt, keine Prüfung dieses »Wunders« wegen 
zu kurzen Aufenthaltes wahrzunehmen. Mangel an 
Zeit hat ihn wohl auch gehindert, Marsigli ein¬ 
gehender zu studieren, da er von diesem sagt: »cet 
habile philosophe n’a pas voulu hazarder sa pens£e 
sur l’explication d’un fait aussi singulier.« Er selbst 
meinte, es könnte sich vielleicht daselbst ein tiefer 
Schlund befinden, der gebildet würde durch einen 
löffelartig geformten Felsen. Gegen diesen stiesse 
der nach Süden abfliessende Oberstrom und werde 
durch ihn in seinen unteren Partien zum Umliegen 
und somit zum Einschlagen einer nördlichen, also 
der oberen Strömung entgegengesetzten Richtung 
gezwungen. Doch gebe er diese Erklärung nur zum 
besten, um die Gelehrten auf die Erforschung der 
wahren Ursachen hinzulenken 2 ). 

In denselben Jahren ereignete sich ein Vorfall, 
der in die Diskussion über die Möglichkeit oder 
Unmöglichkeit, über die Existenz oder Nichtexistenz 
eines Unterstromes anderthalb Jahrhunderte hindurch 
immer wieder hineingezogen wurde. Derselbe wurde 
in einer Abhandlung »Of the currents at the streights 
mouth by Capt. —« erzählt, welche dann Dr. Hud¬ 
son der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu 
London vorlegte. 

1712 nämlich machte M. de LA igle, Kom¬ 
mandant des Phöfiix von Marseille, in der Gibraltar¬ 
strasse bei Ceuta Jagd auf ein holländisches Schiff. 
Zwischen Tarifa und Tanger gelang es ihm, diesen 
Holländer durch wohlgezielte Schüsse zum Sinken 
zu bringen. Die Mannschaft wurde gerettet. Das 

*) John Ray, Fellow of the Royal Society, Three dis- 
courses physico-theological, 2. Aufl., London 1693, P* 81—83. 

2 ) Relation d’un voyage du Levant, II, Lyon 1717» Lettre XV, 
p. 402. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


Schiff aber mit samt seiner aus Branntwein und Oel 
bestehenden Ladung wurde einige Tage später in 
der Nähe von Tanger, ungefähr vier Legoas west¬ 
lich von der Unglücksstätte, d. h. also entgegen dem 
östlich gerichteten Oberflächenstrom wieder ans Land 
getrieben. Man schloss hieraus sofort auf die Exi¬ 
stenz eines westlich gerichteten Unterstromes, der 
einen grossen Teil des durch den Oberstrom zuge¬ 
führten Wassers gleich wieder wegführe. Der den 
Bericht an Dr. Hudson einliefernde Kapitän be¬ 
kräftigte denselben durch die Mitteilung*, er selbst 
sei damals gerade in Gibraltar gewesen und habe 
so sichere Kunde erhalten *). 

Nach den verschiedensten Seiten hin sind die 
Strömungen in den Meeresstrassen erörtert worden 
von dem schon genannten Slowenen Joh. Sig. Val. 
Popo witsch in seinen »Untersuchungen vom Meere«, 
in einer Schrift, welche dem Prodirektor und den 
sämtlichen in Nürnberg anwesenden Mitgliedern der 
Kosmographischen Gesellschaft, seinen wertesten 
Gönnern und Freunden, deren Absichten er voll¬ 
kommen zustimme 2 ), gewidmet ist. Dieselbe ist 
im grossen und ganzen weiter nichts als eine Dis¬ 
kussion der uns beschäftigenden Frage, angeregt 
durch die zu Altdorf 1749 erschienene Abhandlung 
von Christ. Gottl. Schwarz »De columnis Her- 
culis«. Durch das ganze Buch zieht sich der Geist 
der Vermittelung. 

Was die Frage nach dem Verbleib der dem 
Mittelmeer, mit welchem Popowitsch sich fast aus¬ 
schliesslich beschäftigt, durch die Flüsse zugeführten 
Wassermassen betrifft, so sieht er dieselbe durch 
die gelehrten Untersuchungen der Engländer und 
Franzosen bereits als beantwortet und abgethan an. 
Ausserdem schreibt er selbst den Stürmen und dem 
unterirdischen Feuer eine bedeutende Beteiligung zu 
an der Verminderung desselben. Letzteres könne 
»vielleicht im Winter, wo es viel enger eingeschlossen 
ist, etwas kräftiger sein und durch Erwärmung des 
Meeresbodens einigermaassen die Abwesenheit der 
Sonnenhitze ersetzen«. 

In Bezug auf die Strömungen in der Gibraltar¬ 
strasse, welche ihm die »gewisseste Wasserwage 
ist, welche die Höhe des Mittelmeerers mit der des 
Oceans abgleicht,« rubriziert er nach längeren Aus¬ 
einandersetzungen vier Meinungen, die ihm bekannt 
geworden: 

a. Einige versichern, es gehe durch dieselbe 
mehr Wasser herein. 

ß. Andere geben vor, es fliesse dessen eine 
grössere Menge hinaus. 

7. Wieder andere wollen behaupten, dass das 
Weltmeer nur hereintrete. 


! ) Philosoph. Transactions, vol. XXXIII, for 1724—25, 
London 1726, p. 191. 

2 ) Das ist jene Vereinigung, welche S. Rüge als die 
früheste geographische Gesellschaft hingestellt hat, und auf deren 
etwaige Vorläufer der Verfasser vor Jahren hinwies (Jahresbericht 
des Vereins für Erdkunde zu Stettin, 1885). 


541 

5 . Die vierte Nachricht ist der dritten gerade 
entgegengesetzt. 

Es sei aber, fügte er hinzu, keine unfehlbare 
Folge, dass eine dieser vier widrigen Meinungen 
solle unrichtig sein. Er wolle die Möglichkeit er¬ 
weisen , dass alle diese Schriftsteller könnten Wahres 
behauptet haben. 

So würde im Sommer bei der starken Ver¬ 
dunstung wohl immer ein Einfluss atlantischen Was¬ 
sers stattfinden, im Winter dagegen ein Ausfluss 
aus dem Mittelmeer, weil der angegebene Grund 
dann mehr wegfalle. Auch könne ja in beiden 
Jahreszeiten die für jede derselben normale Strömung 
durch starke Ost- resp. Westwinde in ihr Gegen¬ 
teil verwandelt werden, auf die Dauer vielleicht 
ganzer Tage. Die unvollkommenen Nachrichten 
dürften somit vielleicht nur unvollkommenen Beob¬ 
achtungen zuzuschreiben sein. 

Popowitsch wendet sich dann zu dem Salz¬ 
gehalte der Meere, zu der Frage nach dem Ursprung 
desselben, seiner geographischen Verteilung und ge¬ 
langt so zu dem Schwarzen Meere, welches trotz 
starken Zuflusses durch zahlreiche Ströme doch einen 
gewissen Salzgehalt zeige. Popo witsch glaubt 
diesen Gegenstand zuerst erörert zu haben, da ihm 
M a r s i g 1 i s hierher gehörige Abhandlung nur aus ander¬ 
weitigen Citaten bekannt ist. Eine Antwort ä la 
Kircher, d. h. eine Hinweisung auf unterirdischen 
Zusammenhang mit dem Ocean weise er von vorn¬ 
herein zurück. Dagegen halte er für die wahrschein¬ 
lichste Lösung diejenige, welche sich auf Beobach¬ 
tungen alter und neuer Naturkundiger und auch der 
Seeleute stütze, dass nämlich dem oben austreten¬ 
den Strom ein unten eintretender salzreicher Strom 
entspreche, wie das der Fall im Bosporus und im 
Sunde. Dieser Unterstrom ersetze und erhalte dem 
Baltischen wie dem Schwarzen Meere den Salzgehalt. 
Auch in der Strasse von Gibraltar nimmt er einen 
solchen Doppelstrom an, der die Gestalt eines zu 
einer Schlinge über einander gelegten Bindfadens 
habe. Wie wenig ihm dieser Unterstrom aber als mecha¬ 
nische Notwendigkeit eingeleuchtet, geht aus der 
Schlussbetrachtung hervor: »Sollte die Erklärung nicht 
richtig sein für die Salzigkeit des Pontus, so dürfte 
diese See den Verlust des Salzes, welcher den Ueber- 
fluss von süssem Wasser bei derselben verursachen 
dürfte, sich durch die Beschaffenheit ihres Lagers 
selbst ersetzen, wenn vielleicht die Vorsicht der 
Schöpfers, um dieses Meer vor der Fäulnis zu be¬ 
wahren, desselben grosses Bett mit Lagen von Stein¬ 
salz reichlich bepflastert hat*).« 

(Fortsetzung folgt.) 


*) Die einzige rein geographische Antwort auf die viel 
ventilierte Frage: weshalb die Meere salzhaltig? scheint mir zu 
sein ihre Lage auf der Oberfläche des abflusslosen Erdkörpers. 
Ob der Satz: die gesamte Erdoberfläche ist eine einzige Wannen¬ 
landschaft, gar keine Wahrheit in sich enthalten dürfte ? 


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542 


Geographische Mitteilungen. 


Geographische Mitteilungen. 

(Stairs.) Kapitän William Grant Stairs, einer 
der ehemaligen Begleiter Stanleys auf seiner Emin 
Pascha-Expedition, ist am 14. Juni 1892 in Tschitide 
im Sambesi-Delta gestorben. Geboren im Juli 1863 in 
Halifax in Neu-Schottland, erhielt er seine Ausbildung 
auf dem Royal Military College in Kingston in Ontario; 
dann war er eine kurze Zeit Civilingenieur auf Neu¬ 
seeland. Nach England zurückgekehrt, wurde er 1885 
Lieutenant im kgl. Ingenieurcorps. Stairs war der 
erste, der Ende 1886 von Stanley zur Mitgliedschaft 
der Expedition gewählt wurde. Neben dem Arzte 
Dr. Parke war er unter den europäischen Begleitern 
Stanleys der wissenschaftlich tüchtigste und wurde 
bekanntlich von Stanley (im Juni 1889) mit der Be¬ 
steigung des Ruwenzori und der Feststellung des Semliki- 
Laufes betraut. Bald nach seiner Rückkehr von der 
Expedition wurde Stairs zum Kapitän befördert. Im 
vorigen Jahre übernahm er die Führung einer der drei 
belgischen Expeditionen nach der kupferreichen Land¬ 
schaft Katanga (westlich vom Meru-See) und schiffte 
sich am 18. Mai 1891 in Begleitung des Marquis de Bon- 
champs, des belgischen Hauptmanns Bodson und des 
Dr. Molaney nach Afrika ein. Ende Oktober, nach¬ 
dem die Expedition die deutschen Besitzungen durch¬ 
quert hatte, wurde der Tanganjika-See erreicht und auf 
einfachen Kähnen durchmessen. Auf der Westküste des 
Sees in St. Louis verweilte die Expedition bei der fran¬ 
zösischen Mission, um am 31. Oktober nach der Haupt¬ 
stadt des Königs Msiri im Katanga-Gebiete aufzubrechen. 
Dieser lehnte die Freundschaft des Kongo-Staates schrofl 
ab. Stairs begab sich daher mit dem Marquis Boli¬ 
eh am ps und dem Hauptmann Bodson, begleitet von 
110 Mann, zu Msiri, um mit demselben zu unterhandeln. 
Msiri bedrohte Bodson, und dieser schoss Msiri 
nieder; nun wurde aber dieser von einigen Soldaten 
Msiris tödlich verwundet und starb am selben Abend. 
Stairs übernahm die Regierung Katangas, befestigte die 
Residenz und versorgte dieselbe gegen die herrschende 
Hungersnot. Da er bald darauf erkrankte, so trat er 
mit Bonchamps den Rückweg nach der Ostküste an; 
am 13. Mai d. J. befand er sich in Tschilowe am Schire- 
Eluss; nur einige Tagemärsche von der Küste entfernt, 
ereilte ihn, erst 30 Jahre alt, der Tod. Gegen Mitte 
Juli trafen Marquis Bonchamps und Dr. Molaney 
wieder in Marseille ein. (Mitteilung von Dr. Wolken¬ 
hauer in Bremen.) 

(Schwankung der Erdachse.) Die früher mehr 
nur theoretisch erörterte Frage, ob die Erdachse neben 
den Schwankungen, welche sie im Welträume ausführt, 
auch noch gewissen Verlegungen im Inneren der Erde 
selbst ausgesetzt sei, hat neuerdings an Wahrscheinlich¬ 
keit sehr gewonnen. Prof. Küstner (Bonn), ein Astro¬ 
nom, der sich mit diesem Probleme schon geraume Zeit 
beschäftigt hat, kennzeichnet den gegenwärtigen Stand 
der Frage folgendermaassen. Seit Euler und Bessel 
weiss man, dass die geometrische Hauptachse mit jener 
graden Linie, um welche die Drehung der Erde in einem 
gegebenen Zeitpunkte sich vollzieht, nicht notwendig 
zusammenfallen muss, dass vielmehr geologische und 
andere Massenumsetzungen, wie sie doch an der Ober¬ 
fläche und in den äusseren Schichten unseres Planeten 
ununterbrochen vor sich gehen, eine Drehung dieser 


letzteren Graden um die eigentliche Achse zur Folge 
haben müssen. Da uns alle Hilfsmittel abgehen, um 
a priori den Betrag des Ablenkungswinkels zu finden, 
so bleiben nur Beobachtungen der Polhöhe verschiedener 
und an möglichst entfernten Punkten gelegener Erdortc 
übrig: koincidieren die beiden Achsen, so müssen die 
Abstände zwischen dem Scheitelpunkte eines bestimmten 
Ortes und dem zunächst gelegenen Pole des Himmels 
sich zu allen Zeiten gleich bleiben; im anderen Falle 
müssen zu verschiedenen Zeiten auch verschiedene Werte 
dieser Winkelgrösse sich ergeben. In der That lieferten 
die seit 1882 in dieser Absicht vorgenommenen Messungen 
der Polhöhen von Berlin, Gotha, Pulkowa Veränderungen, 
denen der Charakter einer gewissen Regelmässigkeit 
zugesprochen werden zu müssen schien. Wenn nun 
der Nordpol sich thatsächlich von Berlin um eine angeb- 
bare Grösse entfernt, so muss er einem demselben Me¬ 
ridiane angehörigen, aber auf der westlichen Halbkugel 
gelegenen Orte um ebenso viel sich genähert haben: 
einer Verkleinerung der Polhöhe von B auf der 
Osthemisphäre muss eine Vergrösserung der- 
jenigendesNebenwohnerpunktesAaufderWest- 
hemisphäre entsprechen und umgekehrt. So wurde 
denn ein Beamter der Berliner Sternwarte, Marcuse, von 
Berlin (B) nach Honolulu (A) auf den Sandwichs-Inseln 
entsendet, um daselbst Korrespondenzbeobachtungen an¬ 
zustellen, und wenn auch in quantitativer Beziehung 
die Untersuchung noch nicht als abgeschlossen gelten 
kann, so ist doch das soeben gekennzeichnete Verhalten 
der Polhöhen von A und B als qualitativ (und dem 
Sinne der Bewegung nach) ausser Zweifel gesetzt zu 
erachten. Küstner selbst denkt in erster Linie an 
meteorologische Vorgänge als Ursachen dieser Achsen¬ 
schwankungen und weist zugleich auf die grossen klima¬ 
tischen Umwälzungen in geologischer Vorzeit hin. 
(Vortrag, gehalten in der Sitzung der Geograph. Ge¬ 
sellschaft zu Hamburg am 2. Juni 1892.) 

(Klima des Kaplandes.) Von Dr. K. Dove in 
Berlin, jenem jungen Geographen, dem wir die bekannte 
Einteilung des südafrikanischen Dreieckes in klimatische 
Provinzen verdanken, wird neuestens auf die eigentüm¬ 
liche Ausnahmestellung hingewiesen, welche dem Klima 
der Hauptstadt demjenigen ganz nahe benachbarter Ge¬ 
biete gegenüber zukommt. Während man, da der Nord¬ 
westwind, der eigentliche Regenwind dieser Gegenden, 
die Nordabhänge des mit dem Tafelberge auslaufenden 
Gebirges ungehindert bestreichen kann, dortselbst auch 
besonders reichliche Niederschläge erwarten müsste, fällt 
nach den zuverlässigen Aufzeichnungen der letzten Jahre 
zweifellos am meisten Regen am Südfusse des Tafel¬ 
berges. Als Grund dieser sehr auffallenden Erscheinung 
spricht Dove die verhältnismässig sehr hohe Temperatur 
an, welche in den südöstlich vom Kap der guten Hoff¬ 
nung gelegenen Meeresteilen herrscht und welche be¬ 
wirkt, dass die von südlichen Winden gegen das ge¬ 
nannte Gebirge getriebene Luft verhältnismässig viel 
Wasserdampf enthält. Obwohl von Hause aus Polar¬ 
wind, erfüllt diese Luftströmung dann ganz die Aufgabe 
eines äquatorialen Regenwindes, und es kommt dies 
insbesondere der Kultur des berühmten Kapweines zu 
gute. (Petermanns Geographische Mitteilungen 1892, 
S. 167 ff.) 

(Nachrichten über die T a g a 1 e n aus dem 
16. Jahrhundert.) Um 1584 beauftragte die Kolonial- 


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Litteratur. 


543 


regierung der Philippinen, nachdem mehrfach Klagen 
über die ungerechte Behandlung der Eingeborenen durch 
die Spanier eingelaufen waren, einen wohlwollenden 
Mann, den Fray Juan de Plasencia mit einer — modern 
gesprochen — Enquete über den Zustand der tagalischen 
Bevölkerung; der von dem Pater erstattete Bericht bildet 
den Inhalt einer bemerkenswerten Abhandlung eines in 
Paris lebenden spanischen Gelehrten, T. H. Pardo de 
Tavera (»Las costumbres de los Tagalos en Filipinas 
segün el Padre Plasencia«). Der genannte Prediger¬ 
mönch nannte sich so nach seiner Vaterstadt (in Estre¬ 
madura) ; thatsächlich stammte er von dem Adels- 
geschlechte der Portocarrero ab und wurde, nachdem 
er zuvor schon einmal vorübergehend auf den Philippini¬ 
schen Inseln geweilt hatte, 1578 speciell mit der Missio¬ 
nierung einiger dortiger Provinzen beauftragt. Er ver¬ 
breitet sich namentlich über die Sklaverei, welche in 
eigentümlichen Abstufungen herrsche, sowie über die 
Legitimitätsverhältnisse der hörigen Personen; seine 
Angaben dürften für die Geschichte der Völkerkunde 
von grossem Interesse sein und verdienen den Kennern 
der heute unter den Tagalen herrschenden Sitten zum 
Vergleiche anempfohlen zu werden. (Revista Con- 
temporan£a, 15. Juni 1892.) 


Litteratur. 

Das Stromgebiet der Sprache. Ursprung, Entwickelung 
und Physiologie. Von RudolfKleinpaul. Leipzig, W. Fried¬ 
rich, 1892. Gr. 8°. 

»Ich glaubte, es komme darauf an, zu allererst die Natur der 
menschlichen Sprachlaute, ihr natürliches Freiwerden in einzelnen 
Fällen zu beobachten und dann zu untersuchen, wie mit ihrer 
Hilfe zunächst ähnliche organische Laute, im Anschluss daran 
alle Naturlaute und elementaren Stimmen nachgemacht worden 
sind, um sozusagen auf das Sanskrit der Natur zu stossen. Was 
dem Menschen vorgeschwebt hat, wenn er seinen Feind anpfuite 
und wie sich ihm daraus der Begriff des Feuers entwickelte — 
die geheime Analogie, die zwischen einem T und einer gespannten 
Saite, einem N und einem Ton, einem Zitterlaut und einem Strom, 
ja der Undulation des Lichtes obwaltet — die dunkle Symbolik, 
die einst eine indogermanische Aspirata befähigte, Blickfeuer, 
Sternenblicke und das stille Wachstum der Pflanzenwelt zu malen, 
das bedachte, belauschte ich andächtig. Wo ich eines Geräusches 
habhaft werden, einen unmittelbaren Ahmlaut auffangen konnte, 
liess ich mich’s nicht verdriessen, wenn es auch noch so niedrig 
und pfuig gewesen wäre, um die oft so wunderbare Vergesell¬ 
schaftung der Begriffe zu studieren. Denn als die beste Leuchte, 
gewissermaassen als das Wort des Rätsels, erschien mir das Prinzip 
der Uebertragung — durch eine weitgehende Uebertragung ge¬ 
lingt es der Sprache, den Dingen beizukommen und das Unhör¬ 
bare in Lauten abzubilden« (Vorw. S. VI). Mit diesen Umrissen 
kennzeichnet der originelle, Naturwissenschaft und Philologie mit¬ 
einander unmittelbar verknüpfende Verfasser des vorliegenden 
Werkes seinen Standpunkt. Vor allem ist es wichtig, um sich 
die erforderliche Unbefangenheit des Urteiles zu verschaffen, sich 
des verschiedentlich scharf betonten Unterschiedes zwischen der 
blossen Aeusserung von Lauten und der eigentlichen Sprache zu 
erinnern; die letztere ist nach unserem Gewährsmann ein ver¬ 
hältnismässig erst spätes Entwickelungs- und Kunstprodukt, wäh¬ 
rend jene einfachen Naturlaute schon dem mythischen Urahnen 
unseres Geschlechtes angehören und im gewissen Sinne ein 
apriorisches Besitztum des menschlichen Intellektes, oder besser 
gesagt, des Organismus sind. 

Durch diese fundamentale Trennung sichert sich Klein¬ 
paul seinen naturwissenschaftlich-induktiven Ausgangspunkt der 
Untersuchung, der sonst phantastisch in der Luft schweben würde; 
er beginnt, wie gesagt, mit dem Urmenschen, der die Welt an¬ 


fänglich blöde anstarrt, um nicht zu sagen, angrunzt und sich 
nun vermöge einer sich stetig vervollkommnenden Nachahmung 
die tönende und klingende Umgebung zu eigen macht. Aus 
einer solchen (bewussten und unbewussten Imitation der Natur¬ 
laute, aus Uebertragung und erweiterter Nachahmung ist die 
Sprache als ein selbständiger Organismus hervorgegangen, an 
dessen Herstellung sich Tausende von Generationen abgemtiht 
haben und noch fortwährend abmühen, während es im Anfänge 
der Dinge (sit venia verbo!) nichts weiter gab, als »akustische 
Signale, Ansätze zu Sätzen, Rudimente«. 

»Der ganzen Welt eine Sprache, eine Lautsprache, eine 
aus Vokalen und Konsonanten zusammengesetzte Sprache — 
diesen simplen Sprachbegriff haben wir schliesslich für das tiefe 
Mysterium einer Sprache ohne Worte eingetauscht. Es ist ja 
nur die letzte Konsequenz der entwickelten Anschauung: die 
menschliche Sprache als das allgemeine Echo der um uns weben¬ 
den Naturlaute aufzufassen und die Rudimente der Worte, die 
wir brauchen, auch in die nichtlautende Wirklichkeit als nach¬ 
ahmungswürdige Vorbilder zu verlegen. Die Menschen leben zu 
allererst in Lauten, viel mehr als in Farben oder Düften und 
anderen Erscheinungen; eine Welt, die sie nicht kannten, offen¬ 
barte sich ihrem suchenden Gemüt in Klängen; Töne waren die 
Form, in welcher sich ihnen das Rätsel des Daseins löste, tönend 
schloss die Erde, wie die harte Memnonssäule, den harten Busen 
auf und zeigte ihr Inneres. Sie ergoss sich in Klagen wie die 
vielbrtistige Artemis, sie brach aus wie die Orgel im Glaspalast 
zu Sydenham, die 4598 Pfeifen hat, sie, die reiche Göttin, warf 
mit Wurzelkeimen um sich, wie ein Säemann mit Korn. Es 
kam nur darauf an, die Keime aufzufangen und ihnen das gute 
Land zu gewähren, in dem sie wachsen konnten« (S. 216). Diesen 
ganzen Prozess, den uns der Gehörsinn, »der älteste unter den 
fünf Brüdern«, vermittelt hat, können wir nun unmittelbar auf 
eine philosophische Weltbetrachtung anwenden, indem uns die 
wahrgenommenen Aeusserungen der verschiedenen Gegenstände 
als ihre Eigenschaften, Zustände oder Thätigkeiten erscheinen; 
auf diese Weise eröffnet sich eine Beziehung zwischen uns, den 
fühlenden Wesen und der (anscheinend) stummen und toten Natur, 
die wir zum Reden zwingen. Farben und Laute unterscheiden 
sich bei dieser Assimilierung nach Kleinpaul so, dass jene im 
allgemeinen lieber als bleibende Eigenschaften, Laute lieber als 
vorübergehende Auslassungen betrachtet werden. »Wir sprechen 
von dem blauen Himmel, dem gelben Bernstein, der grünen 
Wiese, aber von dem rauschenden Wasserfall, dem prasselnden 
Feuer, der tobenden Windsbraut. Dass der Himmel blaue, der 
Bernstein gilbe, ja, dass die Wiese grüne, geht uns nicht so 
leicht ein, wie dass es donnere, der Wind heule, das Kind schreie; 
ja bei roter, weisser, schwarzer Farbe selbst sind solche intran¬ 
sitive Verba überhaupt nicht gebildet worden. In den Farben 
Fegt gleichsam etwas Totes, in den lauten etwas Lebendiges« 
(S. 141). Wir können uns hier nicht weiter in das Detail ein¬ 
lassen, sondern müssen uns mit der Kennzeichnung des Stand¬ 
punktes im allgemeinen begnügen. Wahrscheinlich wird das 
Werk manchem Widerspruch, namentlich in den Kreisen der 
beruflichen Sprachwissenschaft, begegnen, und es sind uns selbst 
bei den kühnen Kombinationen geheime Zweifel aufgestiegen (so 
betreffs der Zusammenstellung des griechischen äxouetv mit un¬ 
serem schauen und dem lateinischen cavere), aber jedenfalls ist 
es ein Buch, das den Leser in seiner unmittelbaren Frische und 
Anschaulichkeit packt und nicht wieder loslässt, bis er es be¬ 
endet. Dieser Vorzug verdient um so mehr hervorgehoben zu 
werden, als die Darstellung, ungeachtet dieser unnachahmlichen 
Leichtigkeit und Eleganz, wie sie einer geistreichen Plauderei 
eigen ist, ganz und gar auf dem Boden streng fach wissenschaft¬ 
licher Forschung steht. 

Bremen. Th. Achelis. 

Meerferne und Küstenerreichbarkeit im mittleren 
Europa. Von Richard Schütt. Freiburger Inaugural 
dissertation. Lütcke & Wolff, Hamburg 1891. Gr. 8°. 

Die zeitlich-räumliche Entfernung zwischen Verkehrsplätzen 
oder von solchen zu wichtigen Verkehrsgegenden war in den 
letzten Jahren teils in umfassenderem Maasse, teils für einzelne Teil¬ 
gebiete — wir nennen Galton, Rohrbach, Penck, Maenss, 


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544 


Litteratur. 


Müller, Michael — der Gegenstand einer Reihe literarischer 
and kartographischer Darlegungen. Unter obiger Aufschrift 
bietet sich eine neue hierauf bezügliche Arbeit zur Vorführung des 
virtuellen Abstandes zwischen den Binnenlandszonen Mitteleuropas 
und den ihnen nächst!iegenden Küsten dar. Der Verfasser will 
durch seine Untersuchung den Kulturwert der Küsten durch den Zu¬ 
sammenhang ihrer Gliederung und ihrer Erreichbarkeit feststellen. 
Letztere aber hängt wesentlich von dem Einflüsse der natürlichen 
Hindernisse ab, welche sich der Entfaltung des freien Verkehrs 
entgegenstellen. Um dies kartographisch für ein bestimmtes 
Gebiet zu veranschaulichen, ist es stets notwendig, einen oder 
mehrere Ausgangspunkte für die wahre Entfernung, d. h. die 
zur Zurücklegung der Entfernung nötige Zeit und Kraftverwen¬ 
dung, anzunehmen. Für die vorliegende Aufgabe ergibt sich als 
Mittelpunkt die Stadt Nürnberg: es ist dies der meerfernste 
Platz Mitteleuropas, wenn die Transportbewegung auf der Eisen¬ 
bahn stattfindet, dem Wege des schnellsten üblichen Transport¬ 
mittels der Gegenwart. Nur streckenweise wird da und dort 
der Wassertransport in Betracht gezogen werden müssen, wenn 
durch diesen Zeit erspart wird, z. B. quer über den Bodensee. 
Bei einigermaassen parallelem Lauf von Wasserlinie und Eisen¬ 
bahn muss erstere ausser Berücksichtigung bleiben, wenn beachtet 
wird, dass z. B. der schnellste Dampfer, welcher zur Personen, 
beförderung dient, auf der Rheinstrecke Mainz—Köln thalwärts 
7V2 Stunden, bergwärts 12^4 Stunden bedarf, während der 
Schnellzug der Eisenbahn diese Städte innerhalb 3 2 /a Stunden 
verbindet. (Auch der langsamste Zug fahrt hier um eine Stunde 
weniger als jener Dampfer.) 

Die Überaus sorgfältige Einzelbearbeitung Schütts hält 
sich an die schnellsten Züge und lässt die Aufenthalte unberück¬ 
sichtigt. Es hat ja letzteres eine theoretische Berechtigung. 
Aber die ganze Frage ist denn doch in so potenziertem Sinne 
eine Sache der angewandten Geographie, dass man sie nur mit 
Einbeziehung der von der Verkehrstechnik unter allen Umständen 
geforderten Art und Weise der Transporterledigung wird erledigen 
dürfen. Die Aufenthalte aber hängen zudem wesentlich auch 
von der Anzahl und der engeren oder weiteren Aufeinanderfolge 
der Verkehrshauptorte ab, welche als Stationen eines Schienen¬ 
weges sich geltend machen, nicht nur von der Ausbildung des 
Betriebsdienstes: also liegt eine Sache der geographischen Landes¬ 
natur hier vor. (Es rechnet ja andererseits Schütt bei der 
Linie nach Italien den Aufenthalt ein, welchen die Zollrevision 
beansprucht.) 

Dagegen erscheint es uns wiederum von dem Rechte der 
wissenschaftlichen Untersuchung diktiert, für die verschiedene 
Fahrgeschwindigkeit der Abschnitte einer und derselben längeren 
Linie eine Durchschnittsgeschwindigkeit einzusetzen, welche 
mühevolle Arbeit Schütt ebenso aufwendete, als er nach einer 
Einheitszeit berechnete. 

Das Ergebnis der gesamten Untersuchung bringt dem Auge 
besonders die zweite der unserer Broschüre beigegebenen Karten, 
auf der in farbigen Zonen für je zwei Stunden unerlässlicher 
Fahrzeit ein Bild des Abstandes zwischen Nürnberg und den 
nördlichen und südlichen Häfen sehr fasslich vorgeführt ist. 

Am anschaulichsten tritt hier die hemmende Bedeutung 
der Alpen entgegen. Man kann rasch überblicken, dass diese 
riesige Bodenanschwellung z. B. das nur 470 km entfernte Triest 
erst in gleicher Zeit wie das 870 km abgelegene Königsberg 
zu erreichen gestattet, wobei es nahezu gleich bleibt, ob der 
Weg über Franzensfeste oder über Wien genommen wird, ja 
die letztere Route befördert noch etwas rascher. Völlig deutlich 
werden insbesondere durch die zungenartig weit gedehnten Zonen¬ 
teile die wirklich aufgeschlossenen und verkehrswichtigen Thal¬ 
züge im Gebirge. Aber eine grosse und für alle solche Arbeiten 
noch unüberwundene Schwierigkeit bieten in den Gebirgen die 
unaufgeschlossenen, d. h. einem beschleunigten Verkehr entzogenen 
Landschaften. Schütt handelt freilich hierbei so, wie es andere 
gethan: er gibt denselben grösstenteils die Farbe der auf die 
betreffende Eisenbahnthalzone folgenden entfernteren Zone oder 
auch drei, ja vier solcher Zonen. Da aber jede Farbe 2 Zeit¬ 
stunden bedeutet, so erhellt leicht das lediglich Abstrakte dieses 
Verfahrens. Ist es ja auch nicht haltbar, z. B. meridional zwischen 


I Eger und Fürth einerseits und der Thalzone von Weiden und 
jener von Eger andererseits alles Land als zu einer und derselben 
Zweistundenzone gehörig zu bezeichnen. Es wird sich freilich 
bei dieser Zonenform in Farben eine verlässigere Weise kaum 
erfinden lassen, da die Zahl der Farben zu gross, die Feststellung 
allzu zeitraubend für ein so grosses Gebiet werden müsste. Aber 
wir hielten es für thunlich und jedenfalls für zutreffender, wenn 
man nicht die betreffenden Gebiete unbezeichnet leer lassen mag, 
mittels verschiedener Schraffierung derselben sich zu helfen und 
bei Aufgaben, welche sich durch nicht weniger als 12 Breiten¬ 
grade hindurchziehen, etwas grössere Zeit- und Raumzonen zu 
verwenden als die in vorliegender Broschüre. 

Gerade die exaktere Kennzeichnung der mangelnden Auf¬ 
geschlossenheit der betreffenden Gegenden würde von höherem 
Werte sein als die beregte Verwischung dieses ihres Mangels. 
Man würde mit besserer Klarstellung einen wirtschaftlich-geo¬ 
graphischen Charakterzug solcher Landschaften darthun; sodann 
aber hätte die geographische Untersuchung dadurch auch an die 
Kreise des praktischen Lebens einen Wink gegeben, zuzusehen, 
ob sie nicht dem Bedürfnis einer Erschliessung jener Gebiete 
und ihrer besseren Einbeziehung in den lebenspendenden und 
erhöhter Zufuhr bedürftigen Gesamtverkehr nachgehen sollten. 

München. W. Götz. 

Timbuktu. Reise durch Marokko, die Sahara und den Sudän 
von Dr. Oscar Lenz. Zweite unveränderte Auflage. Leipzig, 
F. A. Brockhaus, 1892. I. Band. Mit 29 Abbildungen und 
1 Karte. XVI und 430 S. 2. Band. Mit 28 Abbildungen 
und 8 Karten. X und 408 S. gr. 8°. 

Das Lenz sehe Werk hat bereits in einem früheren Jahrgang 
des »Auslandes« eine sehr anerkennende Beurteilung erfahren. Es 
ist erfreulich, von der für die Kenntnis gewisser Teile Afrikas 
bahnbrechenden Leistung nunmehr eine zweite Auflage, und zwar 
zu wesentlich herabgesetztem Preise, veranstaltet zu sehen; dass 
es eine Textauflage ist, können wir nur billigen, denn wenn auch 
nicht in Abrede gestellt werden kann, dass in den neun seit 
Publikation der ersten Auflage vergangenen Jahren mancherlei 
Neues auch bezüglich Nordwestafrikas bekannt wurde, so würde 
durch Berücksichtigung dieser Aufschlüsse der Unmittelbarkeit 
und Frische der Darstellung, welche bei einem Reisewerke doch 
vor allem zu schätzen ist, Eintrag gethan worden sein. Der 
erste Band behandelt des Verfassers Erlebnisse in Marokko und 
im Atlas, der zweite den Durchzug durch die Wüste, den Auf 
enthalt in dem halbmythischen Timbuktu, welches vor Dr. Lenz 
nur vier Europäer — Imbert 1630 (und zwar unfreiwillig), 
Laing 1826, Caill£ 1828, H. Barth 1853 — zu Gesichte 
bekommen hatten, und die Reise nach den französischen An¬ 
siedelungen in Senegambien. Die lebendige Schreibart regt den 
Leser allenthalben an, und der neuen Thatsachen sind natürlich 
viele in den beiden Bänden enthalten, so insbesondere über die 
Wüstenbildung und einzelne Modalitäten derselben: ihre Trocken- 
thäler, merkwürdige Erosionsformen des Bodens und vor allem 
über das von unserem Reisenden im Igidi Lande bemerkte Phä¬ 
nomen des »tönenden« Sandes. 

The Exposition Graphic Chicago. A Quarterly Edition 
of the Graphic, an Ulustrated Weekly Newspaper. Devoted 
to the World’s Columbian Exposition printed in English, Ger¬ 
man, French and Spanish. Chicago U. S. A. The Graphic 
Company. Deutsche Ausgabe. Jahrgang I, Nr. 1. 

Die vorliegende erste Nummer einer überaus reich illu¬ 
strierten periodischen Schrift ist ganz dazu geeignet, Propaganda 
zu machen für das grosse Jubiläumsfest, welches Amerika sich 
soeben zu feiern anschickt. Die leitenden Personen, die gross¬ 
artigen Gebäude der Ausstellungsstadt treten in sehr guter Aus¬ 
führung vor uns, und der deutsche Text gibt die wünschens¬ 
werten Erläuterungen. Auch für diejenigen, welche in der an 
genehmen Lage sind, Chicago besuchen zu können, wird diese 
Ausstellungsschrift eine angenehme Erinnerungsgabe sein. 

S. Günther. 

Verlag der J. G. Cotta’sehen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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DAS AUSLAND 


Wochenschrift fiir Erd- und Völkerkunde 


herausgegeben von 


SIEGMUND GÜNTHER. 


Jahrgang 65, Nr. 35. 


jährlich 52 Nummern ä 16 Seiten in Quart. Preis pro 
Quartal M. 7.— Zu beziehen durch die Buchhandlungen des 
ln- und Auslandes und die Postämter. 



Stuttgart, 27. August 1892. 


Manuskripte und Rezensionsexemplare von Werken der 
einschlägigen Litteratur sind direkt an Professor Dr.SIEGMUND 
GÜNTHER in MUnchen, Akademiestrasse 5, zu senden. 


Preis des Inserats auf dem Umschlag 20 Pf. für die gespaltene Zeile in Petit. 


Inhalt: i. Der frühere Lauf des Amu-Darjd. (Nach den neuesten Forschungen von A. Konschin.) Von R. v. Erckert 
(Berlin). S. 545. — 2. Die Kompass-Sage in Europa (Flavio Gioja), die ersten Erwähnungen desselben dortselbst und nationale 
Ansprüche an seine Erfindung. Von A. Schück (Hamburg). S. 551. — 3. Die Strömungen in den Meeresstrassen. Ein Beitrag 
zur Geschichte der Erdkunde. Von Emil Wisotzki (Stettin). (Fortsetzung.) S. 554. — 4. Geographische Mitteilungen. (Inseln 
an der Küste Neu-Guineas; Die Schiffe des Columbus; Gletscherlawinen am Montblanc.) S. 558. — 5. Litteratur. (Schreiber; 
J. P. van der Stok; Gerland; Altenburg-Müller; Kunz.) S. 559. 


Der frühere Lauf des Amu-Darjä. 

(Nach den neuesten Forschungen von A. Konschin.) 

Von R. v. Erckert (Berlin). 

I. 

Die Frage nach dem früheren Lauf des Amu- 
Darjd ist mehr oder weniger ebenso alt als die Kennt¬ 
nis von ihm selbst. Schon Herodot, also vor mehr 
als 3000 Jahren, erwähnt, dass der Fluss bei seiner 
Mündung sich in viele Arme spalte, unter denen 
sich etwa vierzig in Sümpfen und Flächen verliefen, 
während ein Arm sich in das Kaspische Meer er¬ 
goss. An den Delta-Sümpfen des Oxus wohnten 
Leute, welche sich in Seehundsfelle kleideten und 
Früchte assen, welche sie aus der Erde gruben. 
Spätere römische Schriftsteller bestätigen mehr oder 
weniger dasselbe. Interessant erscheint dabei das 
historisch-geographische Faktum, dass nicht ein ein¬ 
ziger Schriftsteller in der Zeit vom ersten bis zehnten 
Jahrhundert n. Chr. von einem selbständigen Aral- 
Meer spricht. 

In damaliger Zeit wurde das Kaspische Meer 
dargestellt, nicht als sich von Nord nach Süd in 
derselben Ausdehnung erstreckend, wie heute; son¬ 
dern in der Hauptrichtung von West nach Ost. 
Der Amu-Darjä und Ssyr-Darjä mündeten nach da¬ 
maliger Anschauung in die äusserste östliche Hälfte 
des Kaspischen Meeres, etwa dort, wo ihr Mündungs¬ 
gebiet noch heute liegt. 

Unter dieser Form ging die Kenntnis von bei¬ 
den Flüssen ins Mittelalter über. Auf den Karten 
der westeuropäischen Geographen war das Kaspische 
Meer immer noch in seiner Hauptrichtung von W. 
nach O. verzeichnet, sich bis zu dem heutigen Chiwa 
erstreckend und die Fläche des heutigen Turk- 
meniens überschwemmend. Von dem Aral-Meer 
fehlte jede Nachricht. 

Auiland 1892, Nr. 35. 


Peter dem Grossen gebührt das Verdienst, 
diesen geographischen Fehler verbessert zu haben. 
Aus verschiedenen Quellen schöpfend, gab er kund, 
dass das Aral-Meer ein durchaus selbständiges, ab¬ 
getrenntes und etwa 600 Werst östlich vom Kaspi¬ 
schen Meer entferntes sei, und dass der Amu- und 
Ssyr-Darjä beide nicht in das Kaspische, sondern 
in das Aral-Meer mündeten. 

Mitteilungen verschiedener Art wurden aus jenen 
Gegenden laut, welche besagten, dass in der Turk- 
menen-Steppe ein alter westlicher Flusslauf zu er¬ 
kennen sei; dies fasste Peter der Grosse lebhaft 
auf und trug sich mit dem Projekte, den Amu- 
Darja wieder nach dem Kaspischen Meer zu leiten 
und eine ununterbrocheneWasserverbindung zwischen 
Russland und Mittelasien herzustellen. 

Im vorigen Jahrhundert wurden alte arabische 
Manuskripte aufgefunden, aus denen unter anderem 
hervorging, dass zur Zeit der Unterwerfung Chiwas 
durch die Araber, also zwischen dem neunten und 
sechszehnten Jahrhundert, — arabische in Chiwa 
lebende Schriftsteller übereinstimmend darauf hinge¬ 
wiesen hatten, dass der Amu-Darjä abwechselnd mit 
einigen seiner Mündungsarme sich in das Kaspische 
Meer ergösse. Diese Mitteilung findet sich bei den 
Historikern Edrisi im 11., Istachri im 12., Mas- 
sudi im 13., Albulfeda und Hamdulla im 14. 
Jahrhundert — den sogenannten kaspischen Arm des 
Amu-Darjä beschreibend, teilten sie mit, dass seine 
Ufer reich und dicht bevölkert, gut angebaut und 
die Ufergegenden mit vielen Ortschaften, Städten, 
Gärten und Weingärten bedeckt wären, welche sich 
bis in das Mündungsgebiet erstreckten. 

Das Meer, in welches sich der erwähnte Flussarm 
ergoss, nannten sie abwechselnd das Meer oder den 
See von Chowaresm (Chiwa), oder von Masan- 
deran, dem Namen der benachbarten persischen Pro¬ 
vinz entlehnt, gleich wie das Meer von Kaspien auch 

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546 


Der frühere Lauf des Amu-Darjä. 


Meer von Baku hiess. Dieses Meer galt als nicht 
bedeutend, von etwa nur ioo Parasangen im Um¬ 
fang; es lag sehr nahe bei Chiwa, etwa fünf Kamel- 
Tagreisen oder 125 Werst entfernt. Bei Hochwasser 
des Anru-Darja wurde das Meer dergestalt von Fluss¬ 
wasser angestaut, dass es aus den Ufern trat, die 
Umgegend überschwemmte und Felder und Wein¬ 
gärten bedeckte. 

Es ist indes bekannt, dass das Kaspische Meer 
nicht fünf Tagereisen, sondern fünfundzwanzig von 
der Mündung des Amu-Darja entfernt ist, d. h. etwa 
700 Werst, und dass sein Umfang bedeutend grösser 
ist als der oben angegebene. Der jene Gegenden 
in neuer Zeit gründlich kennende, leider verstorbene 
General Petrussdwitsch hat berechnet, dass, wenn 
der Amu-Darja alle seine Wässer dem Kaspischen 
Meere zuführen würde, dessen Oberfläche sich nicht 
mehr als nur um einige wenige Centimeter erheben 
würde. Die östlichen Ufergegenden sind vollständig 
wüst und weisen nicht die geringsten Spuren von 
Ortschaften und Kulturgegenden auf. Daraus folgt, 
dass die arabischen Schriftsteller in ihren Aufzeich¬ 
nungen nicht das Kaspische Meer im Auge hatten, 
sondern den Dshihon in ein anderes Meer münden 
Hessen, welches viel näher an Chiwa lag und viel 
kleiner war. 

Veranlasst durch so verworrene historische Ueber- 
lieferungen, tauchten zu Ende des vorigen Jahrhun¬ 
derts allerlei Anschauungen und Widersprüche über 
den ehemaligen Lauf des Amu-Darja auf. 

Einzelne Gelehrte in Westeuropa, und unter 
ihnen in erster Linie Humboldt, nahmen an, dass 
im Altertum der Amu-Darja sich in der Oase von 
Chiwa in zwei Hauptarme geteilt habe, von denen 
der eine in das Aral-, der andere in das Kaspische 
Meer mündete; der kaspische Arm sei ausgetrocknet, 
und der Fluss münde seit jener Zeit ausschliesslich 
ins Aral-Meer. 

Pallas dagegen, der gründliche Kenner der 
Wüsten und Oeden des kaspischen Gebietes, be¬ 
zweifelte das Vorhandensein des früheren Mündungs¬ 
gebietes des Amu-Darja am Kaspischen Meer, und 
gab der Ansicht den Vorzug, dass der Usboi, der 
sogenannte alte Lauf des Flusses, der damaligen An¬ 
nahme zufolge, — nur der Rest eines früheren Armes 
des Kaspischen Meeres sei, der sich als lange Bucht 
in der Richtung nach dem Aral-Meer hin erstreckt 
habe. Dshenkinson bestätigte diese Ansicht durch 
die Auffindung eines Sees, fünf Tagereisen von 
Kunja-urgentsch in westlicher Richtung entfernt. 
Lange schwankten die Ansichten zwischen den er¬ 
wähnten Hypothesen, bis zu Ende der siebziger 
Jahre unseres Jahrhunderts war aber nichts über den 
geologischen Bau der erwähnten Gebiete bekannt. 

Die Eroberung von Chiwa durch die Russen, 
zu Anfang der siebziger Jahre dieses Jahrhunderts, 
gab zuerst die Veranlassung zu gründlichen geologi¬ 
schen Untersuchungen des Gebietes des vermeint¬ 
lichen alten Flusslaufes des Amu-Darjä. 


Die ersten sicheren Grundlagen für die Kennt¬ 
nis des geologischen Baues der Aralgebiete brachte 
die »ssamarische« wissenschaftliche Kommission, an 
deren Spitze der junge Grossfürst Nikolai Kon¬ 
stant nowitsch stand, und deren Resultate im 
Jahre 1879 von russischen Geologen veröffentlicht 
wurden. 

Zu gleicher Zeit, und bald darauf wurden von 
ausgezeichneten russischen Generalstabsoffizieren wert¬ 
volle Materialien über die Orographie jener Gegen¬ 
den gesammelt; besonders während der militärischen 
Expeditionen von Morkosoff, Kaufmann, Loma- 
kin, bei welcher Gelegenheit bedeutende Teile des 
sogenannten Usboi vermessen wurden, hauptsächlich 
in der Richtung von Chiwa nach Westen hin, zu 
den Seen von Ssary-Kamysch (gelbes Schilfrohr), und 
von den Ufern des Kaspischen Meeres zu den Brunnen 
von Kurtysch. Im Jahre 1874 g a b e ^ ne kühne Re¬ 
kognoszierung des Topographen Dupandin diesen 
Untersuchungen in der Richtung von Kurtysch nach 
Ssary-Kamysch einen festen Abschluss. 

Ein sicheres Nivellement des Kunja-Darja wurde 
durch den General Petruss£witsch und den In¬ 
genieur Hellmann hergestellt, d. h. desjenigen 
früheren westlichen Flussarmes, der zweifellos in 
den östlichen Gegenden der Seen von Ssary-Kamysch 
mündete. General Stebnitzky, gegenwärtig an 
der Spitze der russischen Landesvermessung, gab zu 
Ende der siebziger Jahre eine vollständige topo¬ 
graphische Karte des Usboi, von den Ufern des Amu- 
Darja bis zum Kaspischen Meere heraus, d. h. in 
einer Längenausdehnung von etwa 1000 Kilometern. 

Durch diese Arbeiten schien der frühere Fluss¬ 
lauf des alten Oxus festgestellt zu sein, und alle 
Zweifel beseitigt, dass er früher in das Kaspische 
Meer bei Krasnowodsk (schönes oder rothes Wasser) 
gemündet habe. Nur das schien noch unaufgeklärt 
geblieben zu sein, ob das alte Bett für Schiffahrt 
herzurichten und der Amu-Darja in dasselbe abzu¬ 
lenken sei. 

Ein günstiger Erfolg schien so nahe zu liegen 
für das eben so interessante als wichtige Problem: 
Moskau mit dem Hindukusch in ununterbrochene 
Wasserverbindung zu bringen, — dass die russische 
Regierung sehr bedeutende Mittel hergab, um eine 
grosse wissenschaftliche Expedition auszurüsten,welche 
die allergenauesten topographischen Vermessungen 
und Nivellements ausführen sollte. 

Die Expedition wurde im Jahre 1880 unter 
Führung des General Gluchowski ausgerüstet und 
bestand aus acht Ingenieuren, einigen Topographen 
und dem Geologen Graf Gedro'ic. — Die Arbeiten 
begannen von Chiwa aus. 

Der Ingenieur Konschin, im Jahre 1881 an 
dem Bau der transkaspischen Bahn beteiligt, gewann 
gleich beim Antritt seiner Arbeit nahe an den Ufern 
des Kaspischen Meeres bei Mulla-Kary, im Bett des 
Usboi-Aktam, einen interessanten Einblick in das 
feuchte und grünende Thal des Usboi, welches von 


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Der frühere Lauf des Amu-Darja. 


547 


grossen Schilfflächen bedeckt, von Wasserstreifen 
unterbrochen und von steilen Ufern eingefasst war. 
Hierdurch besonders angeregt, dehnte Kon sc hin seine 
Untersuchungen sehr weit, ja selbst bis Chiwa aus. 

Die Expedition von Gluchowski,im Jahre 1880, 
stellte fest, dass es in der Oase von Chiwa zwei 
ausgetrocknete Flussbetten des Amu-Darja gäbe, das 
von Kunja-Darja und Daudan. — Beide Betten setzten 
sich in westlicher Richtung mit massigem Gefälle 
etwa 250 Werst weit fort, und fanden ihr Ende 
am östlichen Ufer des Salzsees von Ssary-Kamysch. 
Weiterhin verliert sich das Bett, und längs des Usboi 
zieht sich eine zusammenhängende Erhebung von 
etwa 80 m Höhe, etwa 200 Werst weit bis in die 
Gegend von Bala-Ischem am Ustj-Urt hin. Hier 
liegt die Wasserscheide zwischen dem Kaspischen 
Meer und dem Kessel von Ssary-Kamysch. Der 
alte sogenannte Flusslauf des Usboi zeigt sich deut¬ 
lich im Westen von Balla-Ischein in der Richtung 
zum Kaspischen Meere. 

In diesem Gelände wechseln die einzelnen 
Teile des Bettes in dem Grade des Gefälles: teils 
stark abfallend (ein englischer Fass auf eine Werst 
Entfernung), teils ohne Gefälle, ja sogar mit an¬ 
steigendem Boden, wie z. B. zwischen den unteren 
Igdis und dem Brunnen Burgun. Dies widerlegt 
die frühere Annahme eines stetigen Gefälles von 
Amu-Darja nach dem Kaspischen Meere hin. 

Die topographischen Aufnahmen aus dem Jahre 
1874 und zehn Jahre später wiesen ausserordent¬ 
liche Unterschiede auf; und schliesslich ergab sich, 
dass ein altes ununterbrochenes Flussbett zum Kas¬ 
pischen Meere hin gar nicht vorhanden ist, sondern 
dass dieses Meer vom unteren Amu-Darja durch 
eine breite Erhebung getrennt ist, welche eine 
Flächenausdehnung von etwa einem Drittel der Ober¬ 
fläche des Aral-Meeres hat. 

II. 

Die geologischen Untersuchungen von Gedro'ic 
und Konschin ergaben, dass der ganze Kessel von 
Ssary-Kamysch einen sehr lehrreichen Einblick in 
das frühere, jetzt ausgetrocknete Delta des Amu- 
Darja gewährt. Wenn man längs dieser Einsenkung 
von Balla-Isch£m bis zu den Wässern von Ssary- 
Kamysch fortschreitet, oder quer durch die Ein¬ 
senkung bei Tscharyschly vorbei, oder längs des 
Hauptkarawanenweges von Kisil-Arwat bis Chiwa, 
so muss man immer eine grosse Zahl von Becken 
überschreiten, welche folgenden Charakter aufweisen: 

Der Boden dieser Kessel von bläulich-grauer 
Färbung ist bedeckt von einem zerbröckelnden, 
grauen Lehm, der sich leicht zu Staub zerreibt, und 
der, von vielen Pflanzenfasern durchzogen, mit 
Blättern angefüllt ist und Stengel verbrannten Schilfes 
enthält. Unter dieser wenig starken Lehmschicht 
liegt Schilf-Torf von dunkelbrauner Farbe, unter 
welchem abermals zerbröckelnder trockener Schlamm, 
und darunter roter, fester, salzhaltiger, aralokas- 


pischer Lehm, oder feste Sandstücke, Mergel und 
kalkhaltige Gebilde der Tertiärzeit liegen. Die Ober¬ 
fläche der Becken ist von vielen kleinen Sandhügeln 
oder Haufen von weisser Farbe bedeckt. In diesem 
Sande, sowie in dem erwähnten grauen, zerbröckeln¬ 
den Lehm finden sich Molluskenreste verschiedener 
Gattung. 

Zwischen diesen Kesseln liegen, oft unmittel¬ 
bar an ihren Rändern, massive, lehmsandige, bis 
100 m hohe Hügel vollständig anderen Charakters. 
Sie bestehen aus festem, salzhaltigem Lehm röt¬ 
licher Farbe, dem aralokaspischen Typus ange¬ 
hörend, auf welchem schmutzig-gelber Sand aufliegt, 
was einen charakteristischen Gegensatz zu den Be¬ 
standteilen der oben erwähnten Kessel bildet. Die 
Abhänge der zwischen und an den Einsenkungen 
sich erhebenden Hügel tragen den Charakter von 
Unterwaschungen und sind von einer Schicht von 
Schilf-Torf eingefasst, die mehrere Centimeter stark 
ist. Augenscheinlich waren diese Hügel früher In¬ 
seln, und zwar die Reste des unterspülten Festlandes. 
Die ganze Bildung zeigt deutlich, dass die Gegend von 
Ssary-Kamysch das geologische Bild unzähliger frühe¬ 
rer, ausgetrockneter Seen und Sümpfe aufweist, in 
welche sich ehedem von Osten her Arme des Amu- 
Darja ergossen. Nur an einer einzigen tieferen Stelle 
der grossen Einsenkung, und zwar nächst den Salzseen 
von Ssary-Kamysch, liegt eine Reihe von Salzlacken, 
die von gypsdurchsetztem und salzigem Sande be¬ 
deckt sind und eine grosse Menge von Mollusken¬ 
resten aus salzigem Wasser enthalten, wie sich solche 
noch heute im Aral-See finden. Die Anwesen¬ 
heit solcher Muscheln auf dem Boden des Kessels 
von Ssary-Kamysch zeigt deutlich, dass dieses Becken, 
ungeachtet des früheren unausgesetzten Zuflusses 
aus dem Amu-Darja, dennoch niemals vollständig 
in einen Süsswassersee verwandelt worden war; es 
stellt den Typus eines Sees mit nur wenig salzigem 
Wasser dar, in welchem gemeinschaftlich sowohl 
specifische Meeres - Organismen in der Tiefe, als 
auch Strand- und Sumpf-Mollusken vorhanden waren, 
welche letztere an den Rändern des Beckens sich 
zeigen. 

Aus alle diesem folgt, dass der Amu-Darja 
früher von Osten her sich in das Becken von Ssary- 
Kamysch ergoss und in dessen östlichem Teil ein 
Delta von etwa 20000 Quadrat-Werst bildete. 

Was den Usboi betrifft, so beginnt dessen Bett 
erst bei Balla-Ischem, von wo an er bis zum Kaspi¬ 
schen Meer einen typischen geographischen Charakter 
als ehemaliger Arm fliessenden Wassers bewahrt, 
zum Teil nur von bedeutenden Kesseln unterbrochen. 
Wir haben hier ohne Frage ein früheres Bett oder eine 
Laufrinne fliessenden Gewässers und nicht die Reste 
von Regenwasser, wie zum Teil behauptet worden 
ist, vor uns, da überall Molluskenreste Vorkommen, 
die denen des Kaspischen Meeres und des Kessels 
von Ssary-Kamysch gemeinschaftlich sind und auf 
ein reges früheres Leben deuten, welches im Usboi 


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548 


Der frühere Lauf des Amu-Darjä. 


geherrscht hat, aber durch Regenwasser nicht her¬ 
vorgerufen werden konnte. 

Der westliche Teil des Usboi zeigt steile, oft 
fast senkrechte Ufer; sein Boden ist mit zahlreichen 
Salzseen oder Salzsümpfen bedeckt; selten nur finden 
sich niedrige Sandhügel von stahlgrauer Farbe oder 
graugelber Lehm, und zwar um so seltener, je mehr 
man sich von Osten her dem Kaspischen Meer 
nähert. Die kaspischen Mollusken nehmen in der 
Richtung nach dem Balchan-Gebirge immer mehr 
an Zahl zu und verdrängen zuletzt vollständig auf 
der Halbinsel Dardsch die Fauna von Ssary-Kamysch. 

Das weite, im Durchschnitt etwa ioo Werst 
breite Gebiet, welches sich zwischen dem Gebirge 
von Balchan und dem Ufer des Kaspischen Meeres 
erstreckt, ist von unzähligen Mollusken-Kolonien be¬ 
deckt, welche den kaspischen Typus aufweisen, so 
wie überhaupt von solchen, welche im süssen Wasser 
nicht leben können. Dies ganze Gebiet macht gegen¬ 
wärtig den Eindruck eines kolossalen Kirchhofes 
oben erwähnter Organismen, welche, auf der Ober¬ 
fläche vorkommend, sich sogar ihren Spezialtypus 
bewahrt haben, selbst bis in einer Höhe von 40—70 m 
über dem Spiegel des Kaspischen Meeres. 

Am Fusse des Balchan-Gebirges, 60 Werst vom 
Meeresufer entfernt, ziehen sich in einer Ausdeh¬ 
nung von mehr als 100 Werst in einer Linie Meeres¬ 
uferwälle hin, welche vorherrschend Holzstücke und 
Wurzeln, vermischt mit einer grossen Menge von 
Resten der oben erwähnten Meeres-Organismen, ent¬ 
halten. Dieser lange Wall ist durch Auswerfen 
und Brandung des Meeres entstanden. Der Gebirgs- 
vorsprung, welcher sich nach Mulla-Karam hin er¬ 
streckt und vom grossen Balchan-Gebirge ausläuft, 
trägt in einer Höhe von mehr als 40 Metern über 
dem Wasserspiegel deutliche Spuren von Wellen¬ 
einfluss, welcher die vorspringenden Ecken des Ge¬ 
steins zu einer Art von Spitzengewebe gestaltet und 
seine Höhlungen mit Meerwassermuscheln u. dgl. 
gefüllt hat. 

Die trichterartigen Spalten, welche sich an ver¬ 
schiedenen Punkten der Halbinsel Dardscha gebildet 
haben, wie z. B. an dem Naphtha-Berg, in Mulla- 
Karach, in Usur-Adä, erstrecken sich bis zu einer 
Tiefe von 120 Metern, und weisen nirgends Ablage¬ 
rungen von Süss wasser auf: sie bilden ausschliess¬ 
lich nur Durchsetzungen von salzhaltigen Lehm¬ 
schichten mit rötlicher Farbe, die, vermischt mit Sand, 
nur Meeresmuscheln enthalten. — Dagegen kommen 
weder verkohlte Baumstämme, noch Schilf-Torf oder 
Flusswasser-Muscheln vor; mit einem Wort nichts 
was für ehemaliges Vorhandensein von Süsswasser 
sprechen könnte, womit, im Gegensatz hierzu, die 
Sümpfe und Seen von Ssary-Kamysch und das gegen¬ 
wärtige Delta des Amu-Darjä so reich angefüllt sind. 
Es ist augenscheinlich, dass weder auf der Halbinsel 
Dardscha, noch in der Umgegend des Balchan-Ge¬ 
birges, noch an den östlichen Ufergegenden des 
Kaspischen Meeres ein Flussdelta bestanden hat; erst 


in verhältnismässig neuerer Zeit hat hier das Meer 
durch seine charakteristischen Ablagerungen dieses 
Gebiet gebildet. 

Die ausgeführten Nivellierungen und geologi¬ 
schen Untersuchungen dürften folgendes für die 
Genesis des Usboi festgestellt haben: 

1. Der niedere, dem Meere näher gelegene Teil 
des Usboi, etwa ostwärts bis zum Meridian von 
Igdy reichend, erscheint als der Rest eines ver¬ 
hältnismässig nicht sehr lange verschwundenen Busens 
des Kaspischen Meeres, dessen ehemalige Konturen 
sich wie ein Flussarm mit steilen Ufern darstellen. 
Ein Flussdelta des Oxus hat hier niemals bestanden. 

2. Der höher liegende, mehr östliche Teil des 
Usboi, von Igdy bis Balla-Ischem am Ustj-Urt, er¬ 
scheint als ein zeitweiliger Abfluss der angeschwolle¬ 
nen halbsalzigen Gewässer des Aral-Ssary-Kamysch- 
Kessels in den eben erwähnten ehemaligen Busen des 
Kaspischen Meeres. Es muss dabei in Betracht ge¬ 
zogen werden, dass die Wasserscheide zwischen dem 
Ssary-Kamysch-Becken und dem Kaspischen Meere 
in einer gleichen absoluten Höhe liegt, wie die 
Wasserscheide zwischen dem ersteren und dem Aral- 
Meer, so dass beim Anfüllen mit Fluss wasser der 
Ssary-Kamysch-Kessel sich in die Bucht von Aibugir 
des Aral-Meeres ergiessen müsste. Im Usboi floss 
Salzwasser, d. h. eine Mischung von Wasser des 
Aral-Meeres, des Ssary-Kamysch-Beckens und des 
Amu-Darjä. 

3. Das ausgedehnte Ssary-Kamysch-Becken hat 
seit allerfrühester Zeit den Amu-Darjä vom Kaspi¬ 
schen Meere getrennt und kein Süsswasser zum Kaspi¬ 
schen Meer gelangen lassen. Die Ablagerungen des 
Flusses haben sich vollständig mit den Wässern von 
Ssary-Kamysch gemischt. Die unbestreitbaren früheren 
Arme des Oxus-Deltas, von denen die arabischen 
Schriftsteller erzählen, lagen in der östlichen Hälfte 
des Ssary-Kamysch-Beckens. 

Unwillkürlich tritt die Frage heran, ob nicht 
das Ssary-Kamysch-Becken für den Amu-Darjä als 
derselbe Regulator gedient hat, wie dies gegenwärtig 
von seiten des Genfer Sees für den Rhone, oder des 
Bodensees für den Rhein der Fall ist. Diese beiden 
Flüsse treten mit einer bedeutenderen Wassermenge 
aus genannten Seen heraus, als sie ihnen zuführen. 
In Bezug auf den Amu-Darjä kann also die Frage 
aufgeworfen werden, ob nicht die nur an innerem 
Gehalt veränderten Wasser des Amu-Darjä beim Aus¬ 
tritt aus dem Ssary-Kamysch-Becken in den oberen, 
näher liegenden Teil des Usboi in derselben Stärke 
erscheinen, in welcher der Fluss sich in das Becken 
selbst ergoss. Wenn dies nicht der Fall gewesen 
ist, so entsteht die Frage, ob nicht wenigstens der 
obere Teil des Usboi diejenigen Arme des Flusses 
darstellt, von denen gesagt worden ist, sie seien 
bebaut und besiedelt gewesen, wie die arabischen 
Schriftsteller es erzählen. 

Beide Fragen aber müssen aus folgenden Grün¬ 
den verneint werden: 


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Der frühere Lauf des Amu-Darja. 


Das Bett des westlichen Teiles des Usboi, so 
ausgedehnt es auch ist, könnte nicht einmal den 
zehnten Teil etwa der Wassermenge aufnehmen, 
welche heute noch der Amu-Darja mit sich führt. 
Diese Wassermenge stellt dort, wo sie zwischen 
flachen Ufern hinfliesst, ein grossartiges Bild dar: 
sie besitzt eine Breite von 2—3, und selbst von 5 km, 
und könnte etwa mit dem Mississippi verglichen 
werden. Dort aber, wo der Amu-Darja zwischen 
hohen Lehmufern hinfliesst, wie z. B. zwischen Ka- 
bachty und Pisnjak, hat er eine Breite von 1 bis zu 
1 1 1 * km. Dagegen beträgt die Breite des Bettes des 
Usboi zwischen dessen lehmigen Ufern nicht mehr 
als etwa 200 m. Aehnliche Unterschiede treten auch 
dort auf, wo der Amu-Darja sich sein Bett zwischen 
Felsbildungen gegraben hat. So hat der Fluss z. B. 
da, wo er zwischen senkrechten Kalkfelsen sarmati- 
scher Bildung bei Dej-Bojun eingeengt ist, nur eine 
Breite von 200—600 m. Zwischen diesen Felsen 
stürzt und schäumt er brausend in einer Wassertiefe 
von 20 m dahin. Dagegen hat der Usboi zwischen 
Akkila und Igdy in derselben Kalkformation nicht 
mehr als 50 m Breite, bei einer Einsenkung von 
4—6 m. 

Der Usboi konnte mithin, selbst im günstigsten 
Falle, nur einer der Delta-Arme des Amu-Darja ge¬ 
wesen sein, niemals aber sein ausschliessliches Bett. 

Gegen letztere Annahme spricht ausser dem 
oben Erwähnten aber noch ganz besonders, dass die 
Reste von Behausungen und Ortschaften aus früherer 
Zeit, die längs des Usboi bestanden, durchaus nicht 
den Charakter einer reichen Kultur und Umgebung, 
einer entwickelten künstlichen Bewässerung zeigen, 
von denen die arabischen Historiker berichten. Fälsch¬ 
licherweise ist ein altes, turmartiges Bauwerk bei 
Talaichan-ata als dauernde Wohnstätte früherer Zeit 
angesehen worden. Es ist dies aber nichts anderes 
als ein Karawan-Ssarai, errichtet für Reisende, da 
dieses Bauwerk unmittelbar an dem Karawanenwege 
liegt, der von Kisil-Arwat nach Chiwa führt. Ein 
ganz analoger Bau findet sich, etwa 100 km entfernt, 
bei Daschkala, weit ab vom Usboi gelegen. Ebenso 
unrichtigerweise glaubte man Spuren einer alten Irri¬ 
gation gefunden zu haben. 

Eine wirkliche alte kulturelle Bewässerung 
bietet aber ein ganz anderes Bild, als das hier vor¬ 
handene. Selbst ganz abgesehen von solchen gross¬ 
artigen und ausgedehnten Bewässerungsanlagen, wie in 
Buchara, Chiwa und überhaupt am Amu-Darja, weisen 
selbst die Trümmer des fabelhaften Ortes Mesched- 
Mestorian, an dem wüsten Ufer des Kaspischen 
Meeres, 50 km vom Atr£k entfernt, ein ganz anderes 
Bild auf, als jene vermeintlichen Spuren von Wasser¬ 
anlagen, wie man sie am Usboi zu finden geglaubt 
hat. Das Alter dieses Ortes wird etwa bis ins 
10. Jahrhundert zurückgeführt. Man gewahrt hier 
deutlich ein ganzes Netz von früheren künstlichen 
Wasserläufen und massenhafte Häuserruinen und ver¬ 
fallene Moscheen und Minarets, deren Umgebung 

Ausland 189a, Nr. 35. 


549 

den Wasserbedarf von Atr£k her in einer Entfernung 
von, wie gesagt, fast 50 km erhielt. 

Wenn nun längs des Usboi sich weder die 
Muscheln finden, welche im Amu-Darja Vorkommen, 
noch übereinstimmende Ablagerungen, noch Spuren 
einer ausgedehnten Irrigation, so beweist dies, dass 
der westliche Arm des Usboi, der im Sande verläuft, nie¬ 
mals das Bett, weder das einzige, noch ein partielles 
des Amu-Darja gewesen sein kann, der sich ins Kaspi¬ 
sche Meer ergossen und ausgedehnten Anbau besessen 
haben soll. Als solcher Arm hat aber der Kunja- 
Darjä gedient, der bei den Seen von Ssary-Kamysch 
seinen Abschluss findet. Dieses alte Flussbett ist über 
300 km lang und weist längs seiner Erstreckung 
zahlreiche Spuren einer früheren ausgedehnten Be¬ 
rieselung auf, worauf viele Dämme und Kanäle 
deuten, sowie Trümmer von Städten und anderen 
Ortschaften, von Gärten und Weinbergen, die eine 
ausgedehnte Fläche bedecken. 

Die Irrigation am Kunja-Darja reichte bis zu 
seiner Mündung, ja sogar bis zum Boden des Beckens 
von Ssary-Kamysch, so dass, wenn sich überströmendes 
Wasser aus dem Kunja-Darja in dieses Becken ergoss, 
die umliegenden Anlagen dadurch überschwemmt 
worden sein mussten. 

Somit erscheint die Angabe von Ham du 11 a, 
dass der Spiegel des Kaspischen Meeres sich durch 
überströmendes Wasser des Amu-Darja häufig erhob 
und dass die umliegenden Anlagen dann über¬ 
schwemmt wurden, als eine völlig richtige und er¬ 
klärliche; nur mit dem Unterschiede, dass jener 
Schriftsteller den Kessel von Ssary-Kamysch mit dem 
Kaspischen Meer verwechselt hat. 

Die vielen Schwellen, Abstürze, die Enge und 
die schroffen Mündungen des Usboi konnten trotz 
Wasserfüllung niemals eine Schiffahrt möglich ge¬ 
macht haben. Gleiches gilt für die Seen von Ssary- 
Kamysch. 

III. 

Verbreitete, oft von neuem angeregte und der 
Phantasie neue Nahrung gebende Anschauungen sind 
meist nicht leicht zu berichtigen oder gar zu wider¬ 
legen; immer wieder tauchen sie auf, sobald sie 
durch irgend etwas Ideelles oder Reelles neue Nah¬ 
rung zu finden glauben. 

Dasselbe ist der Fall in Bezug auf die Frage 
über den vermeintlichen früheren Lauf des Amu- 
Darja und, damit zusammenhängend, über den Punkt 
seines gegenwärtigen Laufes, wo eine Ablenkung 
nach links stattgefunden haben sollte; wobei nament¬ 
lich Tschardschui genannt wird, um das Umgehen 
des Kessels von Ssary-Kamysch zu veranschaulichen. 

Die Turkmenen verstehen unter dem Namen 
Tschardschui-Darja eine lange Reihe von Ver¬ 
tiefungen, welche sich fast in der Mitte der Wüste Kara- 
Kum (schwarzer Sand) von Tschardschui nach dem 
Usboi hin erstrecken, und dies gab die Veranlassung, 
anzunehmen, dass man es hier mit einem alten Fluss¬ 
bett des Amu-Darja zu thun habe, welcher von 

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550 


Der frühere Lauf des Amu Darjd. 


Regetek oder Kalif aus, nahe am Amu-Darjd ge¬ 
legen, in westlicher Richtung bei Bala-Isch£m in 
den unteren Teil des Usboi und somit ins Kaspische 
Meer gemündet haben sollte. Hierzu muss in erster 
Linie bemerkt werden, dass die Turkmenen über¬ 
haupt jede tiefere und grössere Einsenkung der 
Steppe, welche feuchten oder nassen Boden aufweist, 
Darja oder Schor nennen; und ferner, dass solche 
Einsenkungen, in welchen Muscheln Vorkommen, 
nicht eher als Reste eines süssen Wassers angesehen 
werden dürfen, ehe nicht festgestellt ist, ob diese 
Muscheln dem süssen oder Meerwasser angehören. 

Im Jahre 1885 unternahmen die Herren Kon- 
schin und Lessar eine Forschungsreise längs des 
sog. Tschardschui-Darjä, um Näheres über ihn fest¬ 
zustellen. Es erwies sich, dass in diesem vermeint¬ 
lichen alten Flussbett nicht allein jede Spur eines 
Flusslaufes fehlte, sondern auch jede Spur von 
Schlammablagerungen, Süsswassermuscheln, verkohl¬ 
ten Baumstämmen, Schilf-, Torfkultur und Kanali¬ 
sation, sowie von chemischer und mechanischer 
Thätigkeit des Flusswassers. 

In der Richtung von Balla-Isch£m am Ustj-Urt 
nach Mirsa-Tschill£ fand man eine Reihe einzelner, 
tiefer Kessel, von hohen, festen Ufern eingefasst, 
und keine Unterspülung aufweisend, Ufer, welche 
aus Kalk- oder Sandbildungen bestehen und der 
Tertiärformation angehören. Dabei herrscht die 
Eigentümlichkeit, dass die nordöstlichen Ränder dieser 
Vertiefungen steil abfallen und eine Höhe Von 50 bis 
60 m erreichen, während die südwestlichen niedriger 
und mit beweglichen Sandhügeln von schmutzig¬ 
gelber Farbe bedeckt sind, in einer Form, wie sie 
die ganze westliche Hälfte der Turkmenen wüste 
zeigt. Das Nichtvorhandensein eines früheren Fluss¬ 
laufes fand ausserdem noch dadurch eine charakte¬ 
ristische Bestätigung, dass das im Jahre 1884 aus¬ 
geführte Nivellement und spätere geologische Unter¬ 
suchungen des Bergingenieurs Obrutscheff 
entschieden zu demselben Resultat geführt hatten. 

Als nun auch diese Hypothese fallen musste, 
suchten deren Anhänger nach neuen Spuren eines 
alten Flusslaufes und glaubten, sie weiter oberhalb 
von Kalif aus, über Merw nach As-'chabad hin ge¬ 
funden zu haben, von wo dieselben längs des Nord- 
fusses des transkaspischen Gebirges in der Oase von 
Achal-Tekd und am Balchan-Gebirge nach dem un¬ 
teren Usboi weiter geführt wurden, wobei der Mur¬ 
ghab und Tedsh£n von Süden her als frühere Neben¬ 
flüsse auftraten. 

Ohne auf diese haltlosen Hypothesen näher ein¬ 
zugehen, mag hier nur kurz erwähnt werden, welche 
fatsche Auffassungen von lokalen Bezeichnungen vor¬ 
gekommen sind, um durch diese die Ansichten über 
ein altes Flussbett zu unterstützen. 

So wurden die Bezeichnungen »Schor« und 
»Tschink« als unbestreitbare Zeugen dafür ins Feld 
geführt, dass die ganze Wüste von Kara-Kum mit 
fruchtbarem Löss bedeckt sei, dem Reste eines 


früheren Flusslaufes, und dass sie ein weites, äusserst 
fruchtbares, zur Besiedelung fähiges und für Irrigation 
brauchbares Gebiet darstellen. Nun bedeutet aber 
die Bezeichnung »Schor« nichts anderes in der ein¬ 
heimischen Sprache als »Salzlake«! »Tschink« aber 
nichts anderes als »steiler Abhang«. Worauf deutet 
nun das Vorhandensein von Salzlaken? Auf süsses 
oder salziges Wasser? 

Diese steilen Abhänge oder Abstürze in dem 
genannten Gebiete sind eben nichts anderes als das 
Residuum von Meereswellen, und die Salzlaken das 
Resultat chemischer und mechanischer Einwirkung 
des Meerwassers, wie immer an ausgedehnten Meeres¬ 
becken. Freilich ist dabei nicht ausgeschlossen, dass 
auch Flusswasser, salzhaltigen Grund unterspülend, 
nach Ueberschwemmungen Salzablagerungen zurück¬ 
lassen kann; aber dann sind die daraus hervorgehen¬ 
den Terrainbildungen doch von wesentlich anderem 
Charakter, da die ursprünglichen Ufer der Salzseen 
in fliessenden Gewässern immer dann an zwei Punkten, 
in der Richtung des Wasserlaufes liegend, durch¬ 
brochen und nur selten mit Sand bedeckt sind, wäh¬ 
rend bei Meeresbildungen dies niemals für die alten 
Ufer vorkommt. Ebenso zeigen sich bei Meerwasser¬ 
bildungen Gipsablagerungen sowohl auf dem Boden, 
als an den Uferrändern; wobei Gips als Produkt der 
Verdunstung des Meerwassers auftritt, welches Salz 
im Ueberfluss enthält. Flusswasser hingegen ent¬ 
hält fast nie kohlensauren Kalk in grösserer Menge. 

Es muss nun untersucht werden, was die oben 
genannten Schors und Tschinks eigentlich sind, und 
ob ihre Muschelreste süssem oder Meerwasser an¬ 
gehören. Somit gestaltet sich die Frage über den 
vermeintlichen früheren Lauf des Amu-Darjd wesent¬ 
lich zu einer solchen über die Bodenverhältnisse jener 
Gebiete und speciell der Kara-Kum-Wüste. 

Barbot de Marni sagt über die Ablagerungen 
im Delta des Amu-Darjä folgendes: Welchem seiner 
Arme man auch folgen möge, überall steigt aus dem 
Wasser grauer, zerbröckelnder, sehr poröser Lehm 
hervor, welcher von einer Menge von Pflanzenfasern 
durchsetzt ist. Dieser Lehm zerreibt sich leicht zu 
einem äusserst feinen, staubartigen Pulver. Auf diesem 
Lehm wächst in grosser Menge Rohr und verschie¬ 
denes Gesträuch, welches beim Austrocknen Torf 
bildet; in diesem Lehm finden sich nicht selten die¬ 
selben Muschelarten wie im Amu-Darjd. Die »Bar- 
chane« genannten Sandhügel, mit Lehmstaub ge¬ 
mischt, sind die Produkte des durch die Luft aus¬ 
getrockneten Lehms, und wegen ihrer weissen oder 
stahlgrauen Farbe werden sie von den Eingeborenen 
Ak-Kum (weisser Sand) genannt. 

Der ausgezeichnete russische Geologe Musch- 
k£toff, der den mittleren Lauf des Amu-Darjd 
in einer Ausdehnung von über 1000 Werst unter¬ 
sucht hat, bestätigt gleichfalls das Vorhandensein 
von zerbröckelndem, grauem, staubartigem Schlamm, 
mit Schichten von Schilftorf und verkohlten Stengeln 
von Gesträuch durchsetzt, aus welchem der Einfluss 


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Die Kompass-Sage in Europa (Flavio Gioja), die ersten Erwähnungen desselben dortselbst u. s. w. 


S5 1 


der trockenen Winde eine grosse Anzahl von hügel¬ 
artigen , stahlgrau gefärbten Erhebungen gebildet 
hat. Die typischen Meeresablagerungen, welche 
massenhaft am Ufer des Kaspischen Meeres Vor¬ 
kommen, weisen nun einen roten, festen Lehm, 
durchsetzt von Schichten eisenhaltigen braunen oder 
grauen Sandes, auf, und zwar kommt der rote 
Lehm, durchsättigt von Salz und Gips, gewöhnlich 
in Süsswasserablagerungen nicht vor; er hat sich 
ausserdem sowohl in seiner ursprünglichen Form als 
auch da, wo er ausgespült und nachher durch die 
Luft getrocknet ward, dergestalt verfestigt, dass das 
Aufschlagen von Pferdehufeisen zwar einen klingen¬ 
den Ton, aber weder Staub noch Spuren hervorbringt. 

In diesem roten Lehm kommen niemals ver¬ 
kohlte Holzreste oder Schilftorfschichten vor; der 
Einfluss der trockenen Winde auf ihn und eisen¬ 
haltigen Sand erzeugt die bei den Russen als Bar- 
chane bekannten hügelartigen Erhebungen in der 
Wüste, von schmutzig-gelber Farbe, und von den 
Eingeborenen Kara-Kum oder Kisil-Kum genannt. 

Hätte nun der Amu-Darja dieses Gebiet der 
Kara-Kums durchflossen, so müsste es von zer¬ 
bröckelndem grauem Schlamm und von grauen oder 
weiss-sandigen Barchanen bedeckt sein, d. h. von 
sog. Ak-Kums, in denen wir Torfschichten und 
verkohlte Vegetationsreste finden müssten. In der 
That aber sehen wir, dass die ganze Oberfläche des 
mittleren Teiles der Wüste von hügelförmigen 
Erhebungen schmutzig-gelben Sandes, d. h. von 
Kara-Kums, bedeckt ist, woher der Name dieser 
Wüste stammt. Ueberall da, wo die Grundformation 
des Bodens zu Tage tritt, besteht sie aus rotem Lehm. 

Nicht ein einziger Reisender, der den mittleren 
Teil der Wüste besucht hat, hat entweder ein Stück 
zerbröckelnden Schlammes oder aber Süsswasser¬ 
muscheln und Schilftorf von dort mitgebracht. Auf 
den mannigfachen Pfadrichtungen, welche die Wüste 
netzartig durchziehen, gewahrt man nirgends eine 
Spur von Irrigation oder menschlicher Kultur, diesen 
unbedingten Begleitern des Vorhandenseins von 
süssem Wasser in Mittelasien. Wenn also in den 
Kara-Kums keine typischen Ablagerungen von Fluss¬ 
wasser Vorkommen, wie kann da die Rede sein von 
einem ehemaligen Flussbette, zumal von solcher 
Mächtigkeit, wie der alte Oxus sie aufgewiesen 
haben soll. 

Besser ist es, eine Illusion zu verlieren und sich 
der Wahrheit langsam zu nähern, als phantasievoll 
einem Trugbilde nachzujagen. 


Die Kompass-Sage in Europa (Flavio Gioja), 
die ersten Erwähnungen desselben dortselbst 
und nationale Ansprüche an seine Erfindung. 

Von A. Schück (Hamburg). 

In manchen Büchern mag man noch die An¬ 
gabe finden, Flavio Gioja habe in Amalfi um das 


Jahr 1300 n. Chr. den Kompass erfunden; hiermit 
verbindet man leicht die Vorstellung, er habe zu¬ 
nächst die Richtkraft der Magnetnadel entdeckt, dann 
alles übrige hinzugefügt. Dies wäre durchaus falsch 
(s. A. Breusing, Flavio Gioja und der Schiffs¬ 
kompass; Ztsclir. d. Ges. f. Erdk., Berlin 1869), 
diese Richtkraft und ihre Benutzung für die Seefahrt 
war in Europa gewiss mehr als 100 Jahre früher 
bekannt; die Herren, welche sich mit der Sache be¬ 
schäftigt haben, wissen, dass in neuerer Zeit beson¬ 
ders A. v. Humboldt (-Kosmos II) dies in Erinne¬ 
rung brachte. 

Die Annahme, im südlichen Teil Italiens sei in 
der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts nicht allein 
die Thatsache entdeckt worden, dass der Magnet¬ 
stein zwei Pole habe, die er nach den Weltpolen 
richtet, sondern dass er diese Polarität mitteile an 
Eisen oder Stahl, dass mit Magnetstein bestrichene 
Nadeln (Stahlstäbchen, Stäbchen gehärteten Eisens) 
infolge dessen sich der Nord-Südlinie nahe parallel 
stellen: diese Annahme scheint erst ausgesprochen 
zu sein, als schon die Erfindung des Kompasses 
durch Flavio Gioja bestritten wurde, zu einer Zeit, 
als vielleicht schon bekannt war eines der ersten 
Schriftstücke, in welchem die Benutzung der Bussole 
durch europäische Seefahrer genannt wird. Wille- 
brordus Snellius im »Tiphys Batavus, sive Histio- 
dromice, De navium cursibus et re navali« (Leyden 
1624) schreibt: jene Entdeckung geschah »in Cam- 
panien, sei es durch Zufall, sei es durch Studium, 
vor kaum 400 Jahren«. Die Quelle, aus der er diese 
Angabe schöpft, nennt er nicht; möglicherweise 
gründet er seine Ansicht auf den Brief Pierre de 
Maricourts vom Jahre 1269, welcher die erste bis 
jetzt bekannte eingehende Beschreibung einer Bussole 
enthält, den er dabei verbindet mit der dem Anto¬ 
nius Beccatelli (ßononius, Panormita) zuge¬ 
schriebenen Angabe »Primum dedit nautis usum 
magnetis Amalphis (zuerst gab den Seefahrern den 
Nutzen des Magneten Amalfi)«, und mit der Flavio 
Biondos »Man sage« u. s. w. In Bezug auf die 
Flavio Gioja-Sage ist nur die letztere von grösserer 
Bedeutung; noch neuerdings hat Direktor Dr. A. 
Breusing in »Die nautischen Instrumente bis zur 
Erfindung des Spiegelsextanten« darauf hingewiesen, 
dass er nicht im stände war, sich über den Verfasser 
jenes Verses Aufklärung zu verschaffen, auch R. H. 
Major in seinem Werke über Prinz Heinrich von 
Portugal, genannt der Seefahrtskundige, in den Ge¬ 
dichten des Antonio Beccatelli jene Strophe nicht 
finden konnte; jedenfalls sollen diese beiden Angaben 
die ältesten sein, die Amalfi als Ort der Erfindung 
nennen. 

Der Rechtsgelehrte, juristische Schriftsteller, 
Dichter und Verfasser einer der unzüchtigsten Ar¬ 
beiten, Antonius Beccatelli, lebte von 1393 bis 
1471 im Königreich Neapel und Sicilien; Flavio 
Biondo von 1388—1463, er war längere Zeit in 
Venedig, dann in Rom päpstlicher Sekretär; er schrieb 


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55 2 


Die Kompass-Sage in Europa (Flavio Gioja), die ersten Erwähnungen desselben dortselbst u. s. w. 


die »Italia illustrata« 1449—1451 bzw. 1453; in letz¬ 
terem Jahre mag die vollendete Arbeit veröffentlicht 
sein; 1474 besorgte sein Sohn Gasparo die erste 
Ausgabe seiner Werke in Rom; die Baseler Aus¬ 
gabe, 1559, soll die verbreitetste sein (Alfred Ma- 
sius: Flavio Biondo; Inaugural-Dissertation, Leipzig 
1879); ich übersetze aus der vom Jahre 1474; dort 
heisst es Regio XIII Campania: »Aber es geht die 
Sage, mit der wir die Amalfitaner rühmen hören, 
der Nutzen des Magneten, durch dessen Anwendung 
die Schiffsführer nach Norden gewiesen werden (d. h. 
den Schiffsführern stets Norden oder die Nord-Süd- 
richtung ersichtlich ist) sei zu Amalfi entdeckt wor¬ 
den; daran mag etwas Wahres sein; es ist sicher, 
dieses Hilfsmittel, bei Nacht sich auf dem Meere 
zurechtzufinden, war in alten Zeiten gänzlich un¬ 
bekannt«. 

Wallis 1702 und Breusing 1869 haben dar¬ 
auf hingewiesen, dass Nutzen oder Gebrauch in 
diesem Falle nicht im allgemeinen, sondern mit be¬ 
sonderer Beziehung auf die Schiffsführung zu ver¬ 
stehen ist; so zwar, dass verschiedene bisher vor¬ 
handene, brauchbare Teile des Kompasses durch 
besondere Verbindung zu einem Ganzen, diesem erst 
die Gestalt gaben, welche es zu einem unter allen 
Umständen zur Schiffsführung brauchbaren Instru¬ 
ment machten, während es bis dahin ein sehr un¬ 
vollkommenes war. Wenn auch der älteste Hinweis 
auf Amalfi als Ort der Erfindung nur als Sage, Ge¬ 
rücht »fama est« gegeben ist, so ist doch zu be¬ 
achten, dass Guglielmo da Puglia, ein Schrift¬ 
steller des 11. Jahrhunderts, von dieser Stadt u. a. 
spricht, als ganz besonders erfahren in Bezug auf 
die Wege des Meeres und der Gestirne des Himmels 
(Girolamo Tiraboschi, Storia della Letteratura 
Italiana, nuova ed. S. 199, Firenze 1806); ebenso 
erwähnen Breusing (Ztschr. d. Ges. f. Erdk., Berlin 
1869) und Theob. Fischer (Sammlung mittel¬ 
alterlicher Welt- und Seekarten italienischen Ur¬ 
sprungs etc., Venedig 1886), dass Amalfi schon um 
800 n. Chr. ausgedehnte Seefahrt trieb, die Italiener 
überhaupt bis zur Zeit Heinrichs, genannt der See¬ 
fahrtskundige, als die wichtigste der Seefahrt treiben¬ 
den Nationen zu betrachten sind. Hieraus ergibt 
sich die Wahrscheinlichkeit, dass Italien, besonders 
Süditalien und Amalfi, wenigstens ebenso früh als 
andere Länder und Orte Europas die Richtkraft des 
Magneten, wegen grösserer Schiffszahl aber in grös¬ 
serem Maasse und zweckmässiger verwendeten (Gil¬ 
bert in De magnete, 1600: »Dennoch will ich den 
Amalfitanern die grosse Ehre nicht rauben, dass sie 
[die Magnetnadel] von ihnen im Mittelmeer zuerst 
in grosser Anzahl angefertigt sei«). 

Während im Jahre 1453 bzw. 1474 einem be¬ 
stimmten Orte der Ruf der Erfindung des Kompasses 
zugebilligt wird, sagt 1499 Polydor Vergilius in 
»De rerum inventoribus« (Ausgaben 1509 bis 1614), 
Fol. LXI, Kap. XVIII (Quod multa quum vetera 
tum nova inventa sunt, quorum auctores ignorant), 


auch vorher Fol. XXVII, Kap. V. (Quis horas pri- 
mum ordinaverit aut Horologia diversi generis in- 
venerit): »Aber nach meinem Dafürhalten war es 
bewunderungswürdiger (als andere nützliche Ein¬ 
richtungen), den Kompass zu erfinden, nach welchem 
die Seefahrer die Schiffsführung jetzt auf geschickteste 
Weise betreiben. Wer ihn erfunden hat, ist aber 
gänzlich unbekannt.« 

Von 1540 an fand ich, aber nicht immer, einen 
Erfinder genannt, zuerst in des Lilius Gregorius 
Grimaldus »De re nautica libellus« (Basel 1540, 
S. 61): »Man berichtet, dass vor noch nicht vielen Jahr¬ 
hunderten in Amalfi, einer Stadt Campanias, durch einen 
gewissen Flavius erdacht ist der den Alten unbe¬ 
kannte Gebrauch der Schiffsführung mittelst Magnet 
(Magnetstein) und Stahl, nach deren Angabe die 
Seefahrer die Nordrichtung erkennen (ad polos diri- 
guntur); die Vorrichtung wird jetzt gewöhnlich ge¬ 
nannt der Kompass (wörtlich: ,die Dose [Büchse] 
der Seefahrer") oder die Dose (das Büchslein) des 
Magneten u. s. w.« Dies ist offenbar nicht nach 
Quellenstudium, sondern nach Hörensagen geschrie¬ 
ben, und aus einem Berichterstatter ist der Erfinder 
geworden. Auf diese Verwechselung wies bereits 
hin Martinus Lipenius in »Navigatio Salomonis 
Ophiritica« (Wittenberg 1660, S. 395 u. w. § 3): 
»Obwohl Petrus Bellonius (f 1564), 1 . II Sin- 
gularium et Memorabilium observationum, Kap. XVI, 
einen anderen Namen des Erfinders vorzieht, indem 
er sagt: ,Wir wissen, dass der, welcher zuerst den 
Nutzen dieses Steines ausfand, Flavius war", und 
obgleich, ebenso wie Bellonius, Thomas Bozius 
(f 1610), 1 . XX de signis Ecclesia, Kap. VI, p. m. 329, 
ferner Salmuth ad Panciroll., p. m. 562, es sagen, 
ziehe ich doch den Namen Go ja dem Flavius vor. 
Denn jene geehrten Herren verwechseln die Namen 
des Erfinders und Berichterstatters. Flavius war 
nicht der Erfinder, sondern der Berichterstatter 
(Scriptor). Athan. Kircher gibt andere an, die 
ihn Gira nennen, denen er selbst sich anschliesst. 
T/dTcot; arctöv ist, dass Barthol. Keckermann im 
Commentarium Nauticum, p. specialis, probl. VII 
den Flavius einen gewissen Melphi nennt, der in 
der Provinz Campanien des Königreiches Neapel 
wohnte; denn er verändert den Namen des Ortes 
in den des Mannes (ausserdem gibt er den Namen 
des Ortes nicht richtig an).« — Von Georgius 
Paschius in »Inventa Nova-Antiqua« (Lipsiae 1700, 
S. 773—74) ist auf diese Angabe der Verwechselung 
des Lipenius als von den bekannten »Anderen«, 
Bezug genommen. 

Francisco Lopez di Gomara (La Historia 
General de las Indias, Antwerpen 1554) geht noch 
weiter, Bl. 10: »Der erste, so schreiben Biondo 
und Malpheo Girardo, welcher den Schiffskom¬ 
pass (wörtlich: die Seefahrtsnadel, aguja de marear) 
benutzte, war Flavio de Malpha (obwohl dies auf 
Melphi bezogen werden könnte, ist sicher Amalfi 
gemeint), Stadt im Königreich Neapel, womit diese 


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Die Kompass-Sage in Europa (Flavio Gioja), die ersten Erwähnungen desselben dortselbst u. s. w. 


553 


noch jetzt sich rühmt u. s. w.« Das Werk des 
M. Girardo habe ich noch nicht erhalten können, 
ebensowenig die von Laevinus Lemnius in De 
»Miraculis occultisnaturae« (Antwerpen 158i)citierten 
Kommentare zu Vitruvius von Philander, ich 
weiss also nicht, ob letztere beide unabhängige 
Quellen oder auch nur Berichte nach den bzw. Ab¬ 
änderungen der Angaben des Antonio Beccatelli 
oder des Flavio Biondo sind. Nach diesen berichtet 
wohl F. Leander Alberti aus Bologna in seiner 
»Descrittione di tutta Italia«, Venetia 1561 (die Wid¬ 
mung an Heinrich II. von Frankreich und an seine 
Gemahlin Katharina, datiert 1550, Jan. 19; eine 
Anrede an F. L. Alb. von Antonius Flamenius 
über dieses Werk, datiert schon 1537), Bl. 195 r.: 
»Genannte Amalfitaner waren die ersten, welche die 
Kunst erfanden, das Meer zu befahren mit Hilfe des 
Magneten und nach ihm zu steuern, sowohl bei Tage 
als bei Nacht. Sicherlich war dies eine sehr gute 
Erfindung, sei sie von ihnen oder von anderen.« — 
William Barlowe in »The navigators supply« (Lon¬ 
don 1597) schreibt derb genug: »Die hinkende Fabel 
(lame tale), dass ein Flavius in Amalfi, Königreich 
Neapel, ihn erfand, hat sehr wenig für sich.« — 
Gilbert sagt 1600, es scheine, Marco Polo habe 
den Kompass aus China nach Italien gebracht (er 
war aber schon vorher in Europa bekannt). 

Das Jahr der Erfindung mag zuerst angedeutet 
sein von Joannes Lerius in der »Historia navigationis 
in Brasiliam« (Basel 1586, S. 8): »Einige berichten, 
es sei vor 250 Jahren in Gebrauch gewesen«; dies 
ist wahrscheinlich von 1555 gerechnet, dem Jahre, 
in welchem die Historia geschrieben ist. Es ist 
nicht unmöglich, dass man damals die Er¬ 
wähnung des Magneten durch Dante in der 
um das Jahr 1300 gefertigten Divina comedia als 
die älteste betrachtete, »che l’ago a la stella 
parer mi fece«. 

Den Namen Goia als den des Erfinders und 
1300 als Jahr der Erfindung traf ich zuerst in Wilhelm 
Gilberts Werk »De Magnete etc.« (London 1600, 
S. 3); im selben Satze und unmittelbar vorher ist 
zwar auch auf den Ausspruch des Flavio Biondo 
Bezug genommen, doch will ich nicht behaupten, 
dass der Satz die Meinung ausspricht, dieser Schrift¬ 
steller habe Johannes (nicht Flavio) Gioia oder 
Gira als den Erfinder bezeichnet; andererseits ist 
kein Anhalt, wo Gilbert diesen Namen gefunden 
hat. (»Im Königreich Neapel sollen zuerst die Melfi- 
taner den Kompass in Gebrauch zu nehmen gezeigt 
haben, wie Flavius Blondus für die Melfitaner 
nicht genug zu rühmen erwähnt, von einem ge¬ 
wissen gelehrten Bürger Johannes Goia im Jahre 
n. Chr. 1300.«) — In Paul Merulas »Cosmo- 
graphia generalis«, Amsterdam 1621 (1. Ausg. 1605?) 
wird S. 115 der Erfinder noch genannt Flavius 
Melfius Neapolitanus (s. Lopez di Gomara) 
und S. 913 heisst es: »Blondus libro Historiarum XV 
bezeugt, die Amalfitaner seien grosse Kaufleute ge¬ 


wesen u. s. w.«; dies veranlasste mich, die fünfte 
der zweiten Dekade von Historiarum ab inclinato 
Romae imperio nach einem Joannes Gioia durch¬ 
zusuchen, aber weder dort noch in dem Index der 
Werke fand ich diesen Namen. 

Zwischen 1550 und 1600 ist die Frage: »wer 
war der Erfinder des Kompasses?« wahrscheinlich 
schon eine Art wissenschaftlicher Streitfrage gewesen, 
auch ist bereits für (Philander) und gegen (Tur¬ 
nebus) die Uebersetzung des Wortes versoria als 
Magnetnadel oder Schoot geschrieben (in Plautus, 
Mercator u. a., ungefähr 100 v. Chr.). Noch Four- 
nier (Hydrographie, Paris 1643) tritt energisch da¬ 
für ein, dass Plautus den Kompass gemeint habe; 
er sagt: er wisse wohl, dass es Leute gäbe, die 
unter jenem Wort ein Tau, selbst das (Steuer-) Ruder 
verstehen, behauptet jedoch, »wenn wir gegenwärtig 
eine Windrose (er meint die Kompassrose) beschrei¬ 
ben wollten, könnten wir uns keines bezeichnen¬ 
deren Wortes bedienen und sie nicht besser be¬ 
nennen, als mit dem Namen versoria«. Riccioli 
(Geographia et Hydrographia reformata, Bononiae 
1661, 1 . X, Kap. 18) schreibt: in Bologna »habe man 
sich dagegen entschieden, und C. F. M. Dechales 
(L’art de naviguer, Paris 1677) sagt denjenigen, welche 
annehmen, versoria sei die Bussole, sie verstehen 
weder Lateinisch noch das Seewesen, denn mit jenem 
Wort könne an jener Stelle nur eine Schoot gemeint 
sein, »dies ist die Ansicht fast aller Uebersetzer«. 
Der Wortstreit mag noch nicht entschieden sein; 
es mag mit darauf ankommen, ob in dem Verse 
»cape modo versoriam« cape auch die Bedeutung 
haben kann: steure, halte das Vorderende des Fahr¬ 
zeuges in gewisser Richtung, mit welcher Bedeutung 
das jetzige italienische cappa, cappeggiare gewisse 
Verbindung haben (auch im Französischen, Spani¬ 
schen, Portugiesischen sind an jene Bedeutung an¬ 
lehnende Worte). Da vorher gesagt w T ird: hier ist 
günstiger Wind, so kann jener Vers nicht den Sinn 
haben: der straff angeholten Schoot gemäss, also 
»beim Winde« steuern; die andere Weise, bei der 
noch jetzt die Worte Steuern und Schoot in Ver¬ 
bindung Vorkommen: raum Schoots wegsteuern, kann 
hier nicht gemeint sein, denn entweder ist bei ihr 
wegsteuern statt fahren oder weitersteuern gesetzt, 
wobei man mit günstig gewordenem Winde den 
Kompass oder eine feste Landmarke benutzen müsste, 
um das Schiff auf seinem Kurse zu halten, oder aber 
es müsste eine Untiefe im Schiffskurse liegen, die 
man sieht und von der man statt bisher beim Winde 
oder mit Wind querein »raum Schoots« wegsteüerr. 
Das Fahrzeug mit Holen und Fieren (Straffziehen 
und Lose geben) der Schoot zu steuern, war gewiss 
nicht gemeint, das ist sehr mühsam, langweilig und 
unsicher. 

(Fortsetzung folgt.) 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


554 

Die Strömungen in den Meeresstrassen. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. 

Von Emil Wisotzki (Stettin). 

(Fortsetzung.) 

Wenden wir uns zu Buffon. Derselbe kennt 
selbstverständlich die Einströmungen aus dem Pontus 
und dem Atlantischen Ocean ins Mittelmeer, was von 
ihm als Beweis für das niedrigere Niveau des letzteren 
herangezogen wird. Von der Ostsee wird der Aus¬ 
fluss als von allen Seefahrern einstimmig behauptet 
bezeichnet. Ueber die betreffenden Unterströme aber 
sagte er: »Es ist mir nicht unbekannt, dass einige 
Leute behaupten wollen, das Wasser in der gibralta- 
rischen Meerenge nehme einen zweifachen Lauf. 
Durch den oberen würden die Wasser ins Mittel¬ 
ländische Meer getrieben, und die Wirkung des 
unteren wäre dem ersteren gerade entgegengesetzt. 
Allein diese Meinung ist offenbar falsch und den 
hydrostatischen Gesetzen gänzlich zuwider. Ebenso 
will man auch an vielen Orten bemerkt haben, das 
Wasser laufe unten nach einer dem Laufe des oberen 
Wassers entgegengesetzten Richtung, wie z. B. im 
Bosporus, im Sund u. s. w. Marsigli führt sogar 
gewisse im Bosporus angestellte Erfahrungen an, 
welche zum Beweise der Sache dienen sollen. Bei 
diesen Erfahrungen muss man aber, aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach, sehr unrichtig zu Werke ge¬ 
gangen sein, weil die Sache selbst unmöglich und 
allen Begriffen von den Bewegungen des Wassers 
entgegen ist 1 ). Auch konnten Marsigli und andere 
leicht dadurch hintergangen werden, dass längs den 
Ufern starke Wirbel oder Wasserkreise bemerkt wer¬ 
den, deren Richtung insgemein anders als im Haupt¬ 
zuge des Stromes und bisweilen demselben ganz zu¬ 
wider ist 2 ).« Uebrigens soll Buffon diesen Wider¬ 
spruch später aufgegeben und die Möglichkeit von 
Unterströmen anerkannt haben 3 ). 

Mit wohl das Beste, was über die Strömungen 
in den Meeresstrassen geschrieben, aber wenig, in 
der neueren Litteratur wie es scheint leider gar nicht 
beachtet ist, lieferte der »Kasselische Geheime Rat 
Herr Waiz« in seiner »Untersuchung der Ursache, 
warum das Wasser im Atlantischen Meere allezeit 
in das Mittelländische Meer durch die Enge bei 
Gibraltar hineinströmt« 4 ). Hierdurch will ich durch- 


*) Untersuchungen vom Meere u. s. w., Leipzig 1750, 
S. 7, 126, 129, 156, 160, 172, 215, 223, 231. 

* 2 ) Allgemeine Naturgeschichte, ins Deutsche übertragen 
nach der Ausgabe von 1769, I, Berlin 1771, S. 145, 147, 152, 
193, 220. 

8 ) Vgl. Ingigian, Nachrichten über den Thracischen 
Bosporus, Weimar 1814, S. 43. Leider war mir eine jüngere 
Ausgabe Buffons nicht zugänglich. 

4 ) Der königl. schwedischen Akademie der Wissenschaften 
Abhandlungen aus der Naturlchre auf das Jahr 1755, aus dem 
Schwedischen übersetzt von A. G. Kästner, XVII. Bd., Ham¬ 
burg und Leipzig 1757, S. 28—48. Verlesen bereits am 
II. Mai 1754. 


aus nicht meine Zustimmung zu allen seinen Auf¬ 
stellungen ausgesprochen haben. 

Was zuerst die Thatsachen selbst betrifft, so 
ist er überall auf der Höhe. Die Ober- wie die 
Unterströme bei Gibraltar, Konstantinopel und Kopen¬ 
hagen sind ihm bekannt. Eingehender spricht er 
aber nur über die Verhältnisse des Mittelmeeres. 
Als Ursache der Oberströmung erscheint ihm die 
Niveaudifferenz zwischen Mittelmeer und Atlanti¬ 
schem Ocean einerseits und Schwarzem Meer anderer¬ 
seits, als Ursache der Unterströmung die betreffen¬ 
den Schweredifferenzen. Diese seien übrigens zwi¬ 
schen Mittelmeer und Pontus grösser, als zwischen 
Mittelmeer und Atlantischem Ocean, daher auch die 
Unterströmung im Bosporus stärker als in der Strasse 
von Gibraltar. 

Von anderen Punkten behandeln wir zuerst 
das Verhältnis, in welchem beide Ströme seiner 
Auffassung nach zu einander stehen. Hierüber 
sprach Waiz sich folgendermaassen aus: »Weil also 
eine Menge Salzwasser beständig in das Mittelmeer 
drängt und ein grosser Teil daselbst wegdünstet 
und sein Salz zurücklässt, so wird das zurückblei¬ 
bende immer salziger und folglich schwerer. Stehen 
nun beide Meere gleich hoch, so ist doch kein 
Gleichgewicht vorhanden, sondern das schwere Wasser 
des Mittelmeeres wird des Atlantischen leichteres 
verdrängen und durch die Enge zu fliessen anfangen, 
bis beide Meere ins Gleichgewicht gekommen sind, 
da also das Mittelmeer notwendig niedriger wird. 
Sobald nun dieses niederer ist, kann das höhere 
Wasser im Ocean nicht anders, als in die Meerenge 
oben dem Strome nachlaufen, durch den es sich 
ins Mittelmeer ausbreitet; dadurch wird dieses Ge¬ 
wicht noch stärker vermehrt und das gesalzene und 
schwere Wasser des Mittelmeeres muss seinen Aus¬ 
fluss wieder durch die Strasse am Boden, unter 
dem oben einfliessenden Strome suchen.« So¬ 
nach ist für Waiz, wie wir das schon bei Mar¬ 
sigli bemerkten, der untere Strom der primäre, der 
obere der sekundäre; die Niveaudifferenz ist bei bei¬ 
den erst eine Folge der Unterströmung; auch ge¬ 
langten beide zu diesem Schluss an der Hand eines 
ähnlichen Experimentes, bei dem Wasser und Oel 
dieselbe Oberfläche hatten. 

Zur weiteren Erklärung vergleicht er Mittelmeer 
und die ihm zur Seite gelegenen Meere, den Pon¬ 
tus nämlich und den Atlantischen Ocean mit einem 
kalten Zimmer, welches durch Thüren gegen zwei 
warme, zu beiden Seiten gelegene Zimmer abge¬ 
schlossen ist. Nach der Oeffnung dieser Thüren 
beginne sofort aus dem kalten Zimmer je ein Unter¬ 
strom nach den beiden warmen Zimmern, und je 
ein Oberstrom aus diesen nach jenem hin zu fliessen. 
Denjenigen, welche die Möglichkeit solcher Ströme 
leugneten, wie Buffon gegenüber, weise er hin auf 
so oft in entgegengesetzter Richtung übereinander 
hinziehende Wolken. 

Einen grossen Teil der Abhandlung von Waiz 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


555 


nimmt ein sein Nachweis der Notwendigkeit der 
Annahme eines unteren Stromes, um gewisse Er¬ 
scheinungen des Mittelmeeres zu erklären. So dient 
ihm der Unterstrom zur Abfuhr überschüssigen 
Wassers. 

Das Mittelmeer erhalte sein Wasser aus dem 
Atlantischen Ocean, dem Schwarzen Meer, durch 
die Flüsse und durch Regen und Tau. Angesichts 
dessen habe sich stets die Frage nach dem Verbleib 
desselben erhoben, sei bisher aber nicht richtig, oder 
wenigstens nicht genügend beantwortet worden. Die 
vielfach angenommenen unterirdischen Kanäle seien 
nicht vorhanden und wenn das auch der Fall, so 
doch nicht im stände, die notwendige Wasserabfuhr zu 
besorgen. Denn der Spiegel des Mittelmeeres sei 
niedriger als der des Oceans, es könnte also um¬ 
gekehrt nur Wasser dem Mittelmeer durch jene 
Kanäle zugeführt werden. Ebenso hätte man fälsch¬ 
lich allein der Verdunstung die Besorgung der Ab¬ 
fuhr zugeschrieben. Selbst eine viel stärkere Ver¬ 
dunstung sei aber bei weitem nicht zureichend, das 
zufliessende Wasser wieder wegzuschaffen, ein Satz, 
den Waiz durch längere Rechnungen an der Hand 
älterer derartiger Versuche nachzuweisen sich be¬ 
müht. Diese Funktion übe vornehmlich der Unter¬ 
strom. Aus diesem Grunde sei derselbe eine Not¬ 
wendigkeit. Die Niveaudifferenz ist also erst eine 
Folge der Wasserabfuhr durch den Unterstrom. 
Wir sehen uns hier einem Zirkel gegenüber, denn 
auf der einen Seite ist der Unterstrom eine Not¬ 
wendigkeit zur Abfuhr des vornehmlich auch durch 
den Oberstrom zugeführten Wassers, auf der anderen 
Seite jedoch veranlasst die Wasserabfuhr durch den 
Unterstrom erst ihrerseits wieder die Niveaudifferenz 
und dadurch den eintretenden Oberstrom. Der Grund¬ 
fehler lag wesentlich in dem zu frühen Heranziehen 
der Wasserzufuhr durch den Oberstrom, abgesehen 
von den zum Teil höchst vagen Berechnungen. 

. Aber ein wesentliches Verdienst erwarb sich 
Waiz durch den Nachweis der Notwendigkeit des 
Unterstroms zur Abfuhr überschüssigen Salzes aus 
dem Mittelmeer. Er sagt: »Alle Naturforscher und 
Salzsieder wissen genugsam, dass nur das süsse 
Wasser durch die Ausdünstung fortgeht und das 
Salz zurückbleibt. Stiege also all das Wasser, das 
jährlich ins Mittelmeer fliesst, in Dünsten auf, so 
würde es doch all sein Salz zurück lassen und das 
ganze Mittelmeer müsste schon längst mit Salz er¬ 
füllt und in eine harte Salzgrube verwandelt sein, 
denn sowohl das Wasser, das aus der spanischen 
See durch die Meerenge kommt, als auch das aus 
dem Schwarzen Meere durch den Bosporus einfliesst, 
sind beide stark gesalzen.« Oben sieht Waiz in 
dem Unterstrom im Bosporus die Ursache, »warum 
das Wasser im Schwarzen Meere salzig ist, sonst 
würde es von den vielen einfallenden Strömen bald 
verdünnt und süss werden«. 

Dass in der Gibraltar-Strasse oberflächliche Gegen¬ 
ströme existieren, wird von Waiz noch schliesslich 


bemerkt und dieselben, wie Marsigli für den Bos¬ 
porus es thut, als Reaktionsströme erklärt. Das Wesen 
der letzteren wird eingehend und richtig auseinander¬ 
gesetzt. 

Wesentlich kürzer behandelte die Frage Thomas 
James in seinem Werke »The history of the Her- 
culean Straits«. Derselbe begnügte sich, auf das 
früher schon erwähnte, gesunkene holländische Schiff 
hinzuweisen und meinte, für eine Doppelströmung 
spräche auch der Umstand, dass man selbst mit den 
längsten Tauen keinen Grund hätte finden können *). 

Die Auseinandersetzungen Torbern Berg¬ 
manns sind hier nicht weiter vorzulegen, da er 
sich zum Teil ganz eng an Waiz anschliesst. Nur 
treten die dänischen Meeresstrassen mehr hervor. 
Wie selbstverständlich ihm solche Doppelströme er¬ 
scheinen, beweise folgendes Citat: »Solche einander 
entgegengehende Ströme kommen in der Luft und 
im Wasser täglich vor und führen nichts Ungereimtes 
mit sich 2 ).« 

Mit grossen Erwartungen trat ich an die Lektüre 
von Nordenankars »Strömungen der Ostsee« 3 ) 
heran. Aber das Büchlein bot mir wenig genug. Die 
Ostsee könne mit Recht zu den Binnenseen gezählt 
werden, »deren allgemeiner Begriff ist, dass sie höher 
liegen, das ist, dass ihre Oberfläche höher als das 
Weltmeer liegt«. Die vornehmste Ursache dieser 
höheren Lage sei die unermessliche Menge von zu¬ 
geführtem Fluss- und Regenwasser, ihre Folge der 
Abfluss zur Nordsee, »um sich im Gleichgewicht 
mit dem Weltmeere zu setzen«. Diese Ostseeströ¬ 
mungen erlitten auch zufällige Veränderungen von 
mehr oder weniger einfallendem Wasser aus den 
Flüssen, in gewissen Jahren, gewissen Zeiten im 
Jahre, Winden u. s. w. Die Unterströmungen wer¬ 
den gar nicht erwähnt. 

Der grosse Königsberger Philosoph Kant wendet 
in seiner physischen Geographie sich auch unseren 
Strömungen zu. Niveaudifferenzen und Schwere¬ 
differenzen werden als Ursachen der Ober- und Unter¬ 
ströme bezeichnet, selbst wieder veranlasst durch 
Ueberwiegen des Zuflusses oder der Verdunstung. 
»Ist also die Ausdünstung in einem Mittelmeere 
grösser als der Zufluss, so geht der obere Strom 
hinein und der untere heraus. Ist aber der Zufluss 
von süssem Wasser grösser, so tritt der entgegen¬ 
gesetzte Fall ein. Nach diesem Maasstabe lässt sich 
nun die Stromkommunikation aller Meere beurteilen.« 


! ) Vol. I, London 1771, p. 191 ff. 

2 ) Physikalische Beschreibung der Erdkugel, aus dem 
Schwedischen übersetzt von Röhl, Greifswald 1780, I, S. 349 ff. 

3 ) Deutsch von Gröning, Leipzig 1795. Nach vielfachen 
vergeblichen Bemühungen gelang es mir, in den Besitz dieses 
Büchleins zu kommen durch die Liebenswürdigkeit des Herrn 
Geheimen Admiralitätsrats Prof. Dr. Neumayer, dem ich auch 
an dieser Stelle meinen ergebensten Dank für seine Güte aus¬ 
spreche. Ob das schwedische Original etwa mehr enthält, ist 
mir nicht bekannt. Vgl. Ackermann, Die Ostsee, Hamburg 

1891, S. 133. 


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55* 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


»Eigenartige Geistesarbeit« J ) ist hier nirgends zu 
finden; was Kant, hier sagt, ist, wie wir gesehen 
haben, vorher schon vielfach gesagt worden und 
ihm bekannt gewesen. 

Zu bemerken aber ist, dass Kant nicht bloss 
für die immer wieder von uns besprochenen Strassen 
solche Doppelströme annahm, sondern seine Blicke 
weiter schweifen Hess. »So wie bei Bab el Mandeb 
der obere Strom in das Rote Meer dringt, geht der 
untere heraus. Bei Ormuz fliesst der Persische Meer¬ 
busen oben in das Weltmeer, und ein unterer Strom 
führt dieses wieder zurück.« Diese Doppelströme 
in den Meeresstrassen seien »nicht wunderbarer, als 
wenn die obere Luft einen der unteren ganz ent¬ 
gegengesetzten Zug hält, welches man täglich be¬ 
merken kann« 1 2 ). Ob schon vor Kant für die 
beiden zuletzt genannten Strassen solche Doppel¬ 
ströme behauptet sind, ist mir unbekannt geblieben. 

Noch weiter dehnte ihre Existenz aus der Hydro¬ 
graph Otto. Trotz Buffon würde man dergleichen 
Strömungen unfehlbar in allen Meerengen antreffen, 
weil die Gewässer auf beiden Seiten fast allemal von 
verschiedener Salzigkeit sind. »Salzigere Meere aber 
haben ein schwereres Wasser und stehen dahero 
niedrigerer, als die minder gesalzenen. Wenn nun 
beide eine Strasse verbindet, so müssen diese in jene 
abfliessen, und weil durch solchen Zuwachs die Höhe 
und der Druck dann zunimmt, so muss das untere 
Wasser in das ausströmende Meer zurücklaufen 3 ).« 
Nach Otto ist also der Oberstrom der primäre, der 
Unterstrom der sekundäre. 

Dieser Auffassung schloss sich auch an Bar¬ 
tholdy, doch erscheint ihm auch folgende Erklärung 
möglich: »Wenn das Atlantische Meer bei der Strasse 
an der allgemeinen Bewegung von Morgen nach 
Abend 4 ) noch teilnimmt, so muss das Wasser des 
Mittelländischen Meeres, welches mit dem festen 
Lande einerlei Bewegung von Abend gegen Morgen 


1 ) Paul Lehmann, Kants Bedeutung als akademischer 
Lehrer der Erdkunde, VI. Deutscher Geographentag, Berlin 1886, 
S. 144 ff. Wenn Lehmann hier sagt: »Günther irrt mit 
Wisotzki, wenn er meint, dass dieser Punkt (aus Meerwasser 
bildet sich kein Eis) gar nicht angezweifelt wurde«, so bedaure 
ich, feststellen zu müssen, dass diese Bemerkung in meiner hier 
gemeinten Schrift »Die Verteilung von Wasser und Land* sich 
nirgends findet. Ich habe damals (1879) nur gesagt und halte 
auch jetzt daran fest, dass die Anhänger einer »terra australis* 
sich der vermeintlichen Unmöglichkeit der Eisbildung aus See¬ 
wasser als eines Beweismittels bedienten, um die Existenz jener 
nachzuweisen. Solche Anhänger im alten Sinne aber gab es nur 
bis zur Rückkehr Cooks von seiner zweiten Reise. Kant selbst 
zählte ja ursprünglich zu jenen an Zahl und Bedeutung bei 
weitem überwiegenden Verfechtern der Unmöglichkeit der Eis¬ 
bildung aus Seewasser, erst »vor der Grenze unseres Jahrhunderts 
hat er dies Dogma aufgegeben« und die »neuere Vorstellung« 
angenommen. Für diese wurde aber die Rückkehr Cooks sehr 
wichtig. 

2 ) Physische Geographie, herausgeg. von Vollmer, I, 1, 
S. 176, 215; von Rink, S. 115 ff. 

8 ) Hydrographie, Berlin 1800, S. 570. 

4 ) Anleitung zur mathematischen, physischen und Staats- 
Geographie, 2. Aufl., Berlin 1805, S. 208. 


hat, stärker gegen das Wasser des Weltmeeres drücken, 
als es zurückgedrückt wird. Das untere Wasser drückt 
stärker, als das obere, und fliesst also zur Meerenge 
hinaus, das obere aber sinkt und muss dem über- 
herstürzenden Wasser des Weltmeeres ausweichen.« 

In derselben Zeit schrieb über den Thrakischen 
Bosporus das Mitglied der Akademie des heiligen 
Lazarus zu Venedig, Dr. Ingigian *). Den Strö¬ 
mungen desselben widmete er das fünfte Kapitel 
seiner Schrift. Ingigian kennt die ältere Litteratur 
besonders, so z. B. Prokop von Cäsarea, Gyllius, 
dann auch Marsigli und Tournefort u. s. w. Ihm 
sind demnach Ober- und Unterstrom ihrer Existenz 
nach bekannt. Er legt sich besonders die Frage vor, 
woher die Heftigkeit des abfliessenden Oberstromes? 
Die Behauptung, dass die Ergiessung der Flüsse in 
das Schwarze Meer die Ursache des reissenden Stromes 
sei, und dass dieser Strom das Schwarze Meer in 
seiner gleichen Höhe erhalte, könne nicht erwiesen 
werden. In Wirklichkeit ȟbersteige die Wassermasse 
der Flüsse beträchtlich die der durch den Bosporus 
abfliessenden Gewässer«. Dies beweise, dass das 
Wasser der Flüsse nicht der einzige Grund der 
reissenden Strömung im Bosporus sei. Eine zweite 
Ursache sei die niedrigere Lage der Oberfläche des 
Mittelmeeres zu der des Pontus, wofür auch spreche 
dasselbe Verhältnis desselben zum Atlantischen Ocean. 
Ausserdem betont Ingigian die Bedeutung der Winde 
auf diesen Oberstrom. Der Unterstrom existiere trotz 
Greaves und Buffon, welch letzterer ja schliesslich 
auch zugestimmt habe. Eine Begründung wird nicht 
gegeben, jeder möge dem Rate Prokops folgen und 
denken wie er es für gut finde. 

Malte Brun zeigt sich 1812 auch als Anhänger 
der Doppelströme in den genannten Strassen; ausser¬ 
dem bemerkt er, dass die Oberflächen vom Schwarzen 
Meer und Ostsee im Frühling ungewöhnlich hoch 
stünden wegen des in dieser Jahreszeit ganz besonders 
kräftigen Zuflusses 2 ). Aber 1826 tritt uns in den 
dänischen Sunden nur noch ein zur Sommerzeit aus¬ 
tretender Ostseestrom entgegen, in den anderen 
Jahreszeiten hängen die Strömungen von dem Winde 
ab. Der Unterstrom findet schon keine Erwähnung 3 ). 
Für den Oberstrom in der Gibraltar-Strasse erhalten 
wir jetzt folgende Erklärung. Das Mittelmeer er¬ 
halte durch Ströme eine ausserordentliche Wasser¬ 
menge. Trotzdem hätte man geglaubt, das Mittel¬ 
meer erhalte aus dem Ocean mehr Wasser als es 
an ihn zurückgibt und dieses zu beweisen gemeint 
durch Hinweis auf einen beständigen, mitten durch 
die Strasse eintretenden Strom, welchem zur Seite 
nur schwächliche Gegenströme hinausträten. »Mais 
cet influx apparent de Toc£an dans la M£diterran£e 
n’est que reffet de la pression d’une masse fluide 

1 ) Aus dem Armenischen von F. Martin, aus dem Fran¬ 
zösischen von Adanson ins Deutsche übersetzt aus A. Mi 11 in, 
Magasin encyclop£dique, 1813, III, Weimar 1814, S. 28—45. 

2 ) Prdcis de la g£ographie, II, Paris 1812, p. 326, 352. 

3 ) A. a. O., VI, 1826, p. 8, II. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


557 


plus grande sur une masse plus petite, pression qui 
d£place n£cessairement les couches sup£rieures de la 
petite masse, comme ayant la moindre force d’im- 
pulsion collective«. Ein Unterstrom entführe dann 
das überflüssige Mittelmeerwasser *). 

Georg Friedrich Parrot kennt bei Gibraltar 
auch eine Doppelströmung: »Das Mittelmeer ist be¬ 
deutend salziger als der Ocean, wodurch der Wechsel 
entstehen muss. Die Ebbe und Flut im Ocean ver¬ 
mehrt ihn dadurch, dass bei der Flut das atlantische 
Wasser mit grosser Kraft ins Mittelmeer getrieben 
wird, und dann bei der Ebbe nur langsam heraus- 
fliessen kann, wodurch die unteren Schichten heraus¬ 
gedrängt werden« 2 ). 

Auch keine zu lang anhaltende Beschäftigung 
widmete der Graf d’Andriossy in seiner »Voyage 
ä Pembouchure de la Mer Noire, Paris 1818« unserer 
Frage. Der Oberstrom werde veranlasst durch den 
Druck der durch die Flüsse zugeführten Wasser¬ 
massen und dann durch eine Niveaudifferenz. Seine 
Geschwindigkeit sei besonders im Frühling zur Zeit 
der Schneeschmelze und im Herbst stark; sie würde 
noch bedeutender sein, wenn nicht ein Teil der durch 
die Flüsse dem europäischen Teile des Schwarzen 
Meeres zugeführten Wassermassen die Verdunstung 
in dem asiatischen Teile desselben ersetzen müsste, 
wo ein solch starker Zußuss nicht vorhanden. Von 
dem Unterstrom aber heisst es: »Pexistence de ce 
courant n’est rien moins que prouvee« 3 ). 

Wie wenig, trotz Halley, Marsigli, Waiz u. a., 
die Lehre von den Doppelströmungen in den immer 
wieder genannten Meeresstrassen als gesicherter Be¬ 
sitz, als allgemein anerkannte Erkenntnis galt, ist 
bereits aus manchem Gesagten klar geworden. Aber 
sie geradezu als eine »Sage« zu erweisen, unter¬ 
nahm kein Geringerer wie Karl Ernst Adolf von 
Hoff, der berühmte Verfasser der »Natürlichen Ver¬ 
änderungen der Erdoberfläche«. Derselbe schreibt: 
»Es ist bekannt, dass aus dem Ocean ein immer¬ 
währender Strom durch die Strasse in das Mittel¬ 
ländische Meer hineingeht. Dieses leugnet niemand; 
dagegen aber hat sich unter den Erdbeschreibern 
eine andere Sage fortgepflanzt, zufolge welcher ein 
anderer Strom aus dem Mittelländischen Meere durch 
die Strasse in den Ocean hinausgehen soll, und zwar 
unsichtbar in der Tiefe des Meeres unter dem von 
West nach Ost gerichteten sichtbaren Strom. Mit 
Hilfe der Annahme eines solchen Gegenstromes hat 
man sich von der Besorgnis, dass der Ocean das 
Mittelmeer überfüllen könne, zu befreien gesucht; 
und diese Sage ist unzähligemal nachgesprochen und 
nachgeschrieben worden, aber ohne allen Grund und 
ohne alle sichere Gewährschaft« 4 ). Als »vornehmste 


*) In der von H u o t besorgten Ausgabe (1853) lautet es ebenso. 
*) Grundriss der theoretischen Physik, 3. Teil, Physik der 
Erde, Riga und Leipzig 1815, S. 391. 

8 ) A. a. O., S. 130—134. 

4 ) Geschichte der natürlichen Veränderungen der Erd¬ 
oberfläche, I, Gotha 1822, S. 154, 158. 


und vielleicht einzige Gewährschaft« für diese Tiefen¬ 
strömung gebe man jenen, auch von uns oben mit¬ 
geteilten, Vorgang mit dem gesunkenen und vier 
Leguas westlich wieder hervorgekommenen hollän¬ 
dischen Schiff" an, »das also in der Tiefe des Meeres 
in einer der oberen Strömung allerdings entgegen¬ 
gesetzten Richtung fortgetrieben war«. Diese That- 
sache sei unbezweifelbar und, fügt er hinzu: »wir hegen 
auch nicht den leisesten Zweifel gegen das Dasein 
dieses submarinischen Gegenstromes, oder vielmehr 
einer ziemlich schwachen rückwirkenden Bewegung 
des unteren Wassers, da nämlich, wo sie wahrge¬ 
nommen worden ist. Aber man beachte wohl den 
Ort dieser Wahrnehmung! Einzig und allein in 
der Strasse selbst, nur westlich von Gibraltar und 
Ceuta, hat er sein Dasein zu erkennen gegeben«. 
Im Osten von diesen Punkten wisse niemand von 
einer solchen submarinischen Strömung etwas zu 
sagen. Und doch habe man die Sage ersonnen, in 
der Tiefe ströme das Wasser aus dem Mittelmeer 
heraus. Er sei überzeugt, dass der submarinische 
Gegenstrom in der Strasse bestehen könne, ohne dass 
dadurch ein Tropfen von dem Wasser, welches der 
beständige Oststrom dem Mittelmeer aus dem Ocean 
zuführt, aus ersterem wieder in diesen zurückgeführt 
zu werden braucht. Der Oberflächenstrom reiche 
nämlich herab bis zu der den Atlantischen Ocean 
und das Mittelmeer trennenden Schwelle. Ein Teil 
desselben stosse gegen diese Schwelle, werde auf¬ 
gehalten und fliesse längs des westwärts gerichteten 
Abhanges derselben herab und als westlicher Unter¬ 
strom hinaus in den Ocean, aber mit ungleich 
schwächerer Strömung wie der Oberstrom. 

v. Hoff glaubt diese Erklärung auch auf den 
Bosporus anwenden zu dürfen. 

Wir erinnern uns, dass Waiz die Notwendig¬ 
keit der Annahme eines Unterstromes erstens in dem 
Bedürfnis einer Abfuhr überschüssigen Wassers er¬ 
blickte und zweitens zur Entsalzung des Mittel¬ 
meeres. 

Gegen das erstere Moment erinnert v. Hoff 
an Halleys uns bekannte Untersuchung; das andere, 
doch ganz besonders zu berücksichtigende Moment 
wird ignoriert. 

Zwölf Jahre später kommt v. Hoff infolge 
eines gerade auf diese Partien seines Buches ge¬ 
machten Angriffes auf den Gegenstand zurück. Er 
habe von neuem die »Sage« einer sorgfältigen Prü¬ 
fung unterzogen, aber vergebens. Vor allem weise 
er darauf hin, dass eine Reihe von Gelehrten die 
Unterströmung geradezu geleugnet oder doch wenig¬ 
stens ignoriert, wie Buffon, Lulofs, Humboldt 
und Marc et. Letzterer habe gesagt, der einzige 
Grund für das Dasein eines Unterstromes sei die 
anscheinend leichte Erklärung desselben aus dem ver¬ 
schiedenen Salzgehalte beider Meere. 

Dann erzählt er eine »neuerliche Wahrnehmung«, 
die der englische Schiffslieutenant Patton mitge¬ 
teilt, aus der man auf das Vorhandensein habe 


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55« 


Geographische Mitteilungen. 


schliessen wollen, weist aber diese als ganz unzu¬ 
reichend zu irgend welchem Beweise zurück. 

(Schluss folgt.) 


Geographische Mitteilungen. 

(Inseln an der Küste Neu-Guineas.) Der Gou¬ 
verneur des britischen Neu-Guinea, Sir William Mac¬ 
gregor, hat sich durch Erforschung des ihm unter¬ 
stellten Gebietes bereits mehrfach verdient gemacht. 
Im Februar 1892 hat er von neuem eine Reihe von 
zwischen der Woodlark-, der Trobriand- und der 
D’Entrecasteaux-Gruppe liegenden Koralleninseln (Atolle), 
welche, ähnlich den Riffinseln der Salomonen, in nach¬ 
tertiärer Zeit aufgebaut wurden, besucht und unter¬ 
sucht. 

Die von einem Riffe umzingelte und 13—15 qkm 
umfassende Insel Kitaoa oder Nowan wird von einer 
800 m breiten und mit Bäumen bedeckten Strandfläche 
umgeben, hinter welcher ein 90—120 m hoher und 
dicht bewaldeter Korallenwall aufsteigt. Derselbe senkt 
sich in der Mitte um 15—30 m und bildet ein gegen 
Winde geschütztes Plateau mit fruchtbarem, chokolade- 
farbigem Boden. In 
dieser, durch Spalten 
im Korallenfelsen drai- 
nierten Mulde lebt die 
ganze Bevölkerung, so 
dass die Insel, vom 
Meere aus gesehen, 
unbewohnt erscheint. 

Murua, Woodlark 
Islands, zählt drei Dör¬ 
fer. Darunter ist das 
4 km von der Küste entfernte und 70 m hoch ge¬ 
legene Dorf des Wamana- Stammes mit 80 gut und 
zweckmässig gebauten Häusern in zwei Reihen das 
bedeutendste. Die flache und wenig wellenförmige 
Umgebung ist, soweit sie nicht für Anpflanzungen urbar 
gemacht, mit Wald bedeckt. Aus dem sehr fruchtbaren 
Boden ragt hier und dort der Korallenfels hervor. 

Die 6 Seemeilen von Kwaiawata entfernte Korallen¬ 
insel Dugumenu mit nur 800 m im Durchmesser und 
mit Wald und einer Gruppe von Kokospalmen bedeckt, 
ist unbewohnt. 

Kwaiawata, 3 km im Durchmesser, hat dieselbe 
Form und Struktur wie Kitaoa, es ist ein gehobenes 
Atoll. Die Ersteigung des Korallenwalles bietet Schwierig¬ 
keiten. Die aus acht bis zehn Häusern bestehenden 
13 Dörfer mit ungefähr 500 Bewohnern, sowie fast 
sämtliche Gartenanlagen liegen auf dem centralen Plateau 
der Insel. Jedes Dorf ist von einer Gruppe Kokospalmen 
umgeben, und, nach der üppigen Vegetation zu schliessen, 
muss der jährliche Regenfall ein bedeutender sein. 

Auf Gawa, etwas grösser als Kwaiawata, hat sich 
die Atollform am vollkommensten erhalten. Der Korallen¬ 
wall war an der Stelle, wo man ihn bestieg, 120 m 
hoch, und man musste mehrmals eine Leiter zu Hilfe 
nehmen. Das über 3 km im Durchmesser haltende 
Plateau, dessen chokoladebrauner Boden ausserordentlich 
fruchtbar ist, senkt sich gegen die Randhöhe des Korallen¬ 
walles um 30 m, die darauf befindlichen 20 Dörfer 
werden von ungefähr 500 Eingeborenen bewohnt. Jedes 


Dorf macht sich auch hier durch eine Kokosgruppe 
kenntlich. 

Die 12 Seemeilen von Kitaoa entfernte Insel Iwa 
mit 1 V* km im Durchmesser hat ebenfalls Atollenstruktur, 
nur mit dem Unterschiede, dass hier der Korallen wall 
meistens bis ans Meer reicht, so dass die umgebende 
Strandfläche fehlt. Iwa besitzt zwei von 150 Ein¬ 
geborenen bewohnte Dörfer. Da kein Ankerplatz ex¬ 
istiert, so konnte man nicht landen. 

Die Eingeborenen dieser vom Gouverneur Sir Mac¬ 
gregor besuchten Inseln bewiesen sich ohne Ausnahme 
freundlich und entgegenkommend. Sie sind Papuas, 
aber in physischer und intellektueller Hinsicht den Ein¬ 
geborenen der D’Entrecasteaux-Gruppe und der Nord¬ 
ostküste von Neu-Guinea überlegen. Sie besitzen viele 
Hunde und schöne Katzen, w r elche vor 45 Jahren von 
der damaligen Meristenmission zurückgelassen wurden. 
Ihre Schweine, verschieden von denen in Neu-Guinea, 
sind schwarz, mit einem dicken, schweren Kopfe und 
überhaupt hässlich gestaltet. (Mitteilung von H. Greff¬ 
rat h in Dessau.) 

(Die Schiffe des Columbus.) Auf Grund einer 
»Restauracion hipotetica de las carabelas de Cristobäl 
Colon« von seiten des spanischen Marinemalers Mon- 
leon hat J. Heinz das Wenige, was wir vom Bau und 

der Ausrüstung dieser 
Schiffe wissen, über¬ 
sichtlich zusammen¬ 
gestellt und durch 
hübsche Zeichnungen 
erläutert. Die »Santa 
Maria« und die »Nina« 
waren, bei sehr ver¬ 
schiedener Grösse, 
doch von gleicherKon- 
struktion, es waren 
»Quersegel - Karawellen«, während die »Pinta« an¬ 
fänglich eine »lateinische« Takelage besessen und 
sich erst auf den Kanarien ihren beiden Kolleginnen 
angepasst haben soll. Die wichtigsten Dimensionen der 
drei Fahrzeuge werden — selbstredend hypothetisch, 
aber mit guten Wahrscheinlichkeitsgründen — angegeben, 
wie folgt (alles in Meter): 

Santa Maria Pinta Nina 

Länge des Kieles.19,00 15,68 14,00 

Länge zwischen den Perpendikeln 23,00 20,16 17,36 

Grösste Breite.6,70 7,28 5,60 

Tiefe des Raumes.4,50 3,36 3,80 

Grösster Tiefgang. — 2,80 — 

Jedem Schiffe scheinen für den Fall, dass bei Wind¬ 
stille seine Segel den Dienst versagten, je 34 Ruder 
der beiden im Schlepp mitgeführten Boote (»Barkasse« 
und »Pinasse«) zur Verfügung gestanden zu haben; 
von Ankern führte ein jedes einen grossen und vier 
kleinere. Vgl. obige Durchschnittszeichnung. (Mitteilungen 
aus dem Gebiete des Seewesens, 1892, Heft 2 und 3.) 

(Gletscherlawinen am Montblanc.) Als vor 
wenigen Wochen das furchtbare Unglück von St. Gervais 
sich ereignete, welches diesem reizend gelegenen Bade¬ 
orte Hoch-Savoyens den Untergang und einer grossen 
Anzahl von Menschen jähen Tod brachte, erging man 
sich sofort in Hypothesen über die Veranlassung der 
gigantischen »Ueberschwemmung«, und es wurden Ver¬ 
mutungen in Menge laut, vernünftige wie ungereimte. 



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Litteratur. 


559 


Man darf es deshalb freudig begrüssen, dass einer der 
besten Kenner der Physik der Alpenwelt, Prof. F. A. Forel 
in Morges, die Bedingungen der Katastrophe an Ort 
und Stelle erforscht und dieselben in einer wissen¬ 
schaftlich völlig befriedigenden Weise aufgeklärt hat. 
Es handelte sich in Wirklichkeit um eine ungeheure 
Gletscherlawine. Geführt von einem als Kenner 
der Oertlichkeit bekannten Gemsjäger, drang Forel 
bis an den Abhang der »T£tes rousses« vor, wo sich 
nach den Aussagen seines Begleiters früher ein über¬ 
hängender Gletscher befand, während jetzt nur noch eine 
Wand von 30 m Höhe die Stelle anzeigt, von welcher der 
Abbruch des Gletschers erfolgte. Der kubische Inhalt 
der abgelösten Eismasse mag sich auf 1—2 000 000 cbm 
belaufen. Von einem interglacialen See, von dem man 
nach berühmten Mustern zuerst fabelte, kann nach Forel 
keine Rede sein; dagegen sprechen die physikalischen 
Bedenken, welche in Deutschland Finsterwalder mit 
voller Bestimmtheit dargelegt hat, dagegen spricht aber 
auch der Umstand, dass im Lawinenbette keine Spuren 
von durch fliessendes Wasser bewirkter Erosion zu 
sehen waren. Es war allem Anscheine nach eine halb¬ 
flüssige Masse, die sich auf einem gewundenen Wege 
in das Thal der Arve hinab bewegte; mannigfache 
Kennzeichen sprechen dafür, dass das eigentlich zer¬ 
störende Element nicht wirkliches Wasser war, als eines 
der beweiskräftigsten das, dass im Schulzimmer des ver¬ 
wüsteten Dorfes Bionnay ein Teil der Gegenstände im 
Schutte begraben, der andere Teil intakt und nicht einmal 
beschmutzt war. In ihrem furchtbaren Sturze ist die 
Gletschergruppe anscheinend geradezu pulverisiert worden, 
und indem sich dieser Menge kleiner Festkörper der 
Inhalt verschiedener Moränentümpel und Giessbäche bei¬ 
gesellte, kam schliesslich jener Strom halbflüssiger Ma¬ 
terie zu stände, von welchem die Rede war. Etwas 
ganz Ungewöhnliches sind übrigens, unserem Gewährs¬ 
manne zufolge, solche Gletscherstürze'nicht, vielmehr 
hat sich in den Jahren 1560, 1635, 1636, 1835, 1887 
Aehnliches ereignet, wenn auch nicht in solchem Maass¬ 
stabe. Beiläufig sei bemerkt, dass Forels Erklärung 
des Sachverhaltes auch A. E. v. Nordenskiölds Be¬ 
hauptung widerlegt, das sogenannte Kalben der Glet¬ 
scher erfolge stets in der Richtung von unten nach 
oben, weil der Auftrieb des Meerwassers in diesem 
Sinne wirke; dieses Agens fehlt bei den Alpengletschern 
gänzlich, und allein der Zug der Schwere löst die längst 
vorbereitete Gletscherlawine aus. (Gazette de Lausanne 
vom 18. Juli 1892.) 


Litteratur. 

Untersuchungen über das Wesen der sogenannten 
Besse Ischen Formel, sowie deren Anwendung 
auf die tägliche periodische Veränderung der 
Lufttemperatur. Von Prof. Dr. Paul Schreiber, Di¬ 
rektor des kgl. sächs. meteorologischen Institutes zu Chemnitz. 
Mit 6 Tafeln. Halle 1892. Nova Acta der kais. Leop.-Karol. 
Deutschen Akademie der Naturforscher. Band LVIII, Nr. 3. 
83 S. gr. 4°. 

Seitdem Bessel (im 6. Bande der »Astronom. Nachrichten«) 
das jetzt nach ihm benannte Verfahren zur Entwickelung einer 
Funktion in eine trigonometrische Reihe angegeben hatte, galten 
derartige Rechnungen für eine der wichtigsten Aufgaben, mit 
denen sich die Klimatologie zu befassen hatte. Als aber (1881) 
Wild in seinem berühmten Werke »Die Temperaturverhältnisse 


des Russischen Reiches« sich gegen diese Methode aussprach, 
schlug die Stimmung völlig um, und in dem 1882 erschienenen, 
von sechs hervorragenden britischen Fachmännern bearbeiteten 
Werke «Die moderne Meteorologie« sprach Strachan von der 
Bessel sehen Formel wie von einem überlebten Standpunkte. 
Doch kam man, hauptsächlich unter dem Einflüsse der tief¬ 
gehenden Untersuchung von Weihrauch über diesen Gegen¬ 
stand, allmählich wieder von dieser extremen Auffassung zurück; 
immerhin aber musste es als wünschenswert bezeichnet werden, 
aus der Praxis heraus ein völlig unbefangenes Urteil über die 
Streitfrage zu vernehmen, zumal da bei Weihrauch doch zu¬ 
nächst das mathematische Interesse das vorwaltende gewesen 
war. Die vorliegende Schrift des auf klimatologischem Gebiete 
so gründlich bewanderten sächsischen Meteorologen dürfte des¬ 
halb den Wünschen vieler entgegenkommen. 

Auf die analytischen Darstellungen kann an dieser Stelle 
natürlich nicht näher eingegangen werden; es sei nur erwähnt, 
dass der Verfasser die zwischen ihm und Weihrauch obwaltenden 
Meinungsverschiedenheiten einer gründlichen Erörterung unter¬ 
zieht und zu dem Schlüsse kommt, die Anwendung der Methode 
der kleinsten Quadrate sei unter gewissen Voraussetzungen zu¬ 
lässig. Jene langen Rechnungen, welche bei der Behandlung 
eines Problemes nach dem Besse Ischen Verfahren zumeist an- 
gestellt wurden und welche auch für Wild die Veranlassung 
geboten hatten, dieselben als allzu zeitraubend zu verpönen, ver¬ 
wirft auch der Verfasser; er will auf die Besselsche Reihe nur 
dann zurückgegriflfen wissen, »wenn man mit wenig Gliedern die 
Beobachtungen innerhalb der Grenzen ihrer Genauigkeit auszu- 
drücken vermag«. Nicht in allen Fällen wird dies eintreten, 
wohl aber trifft es im vollsten Maasse zu, wenn man es mit dem 
täglichen Temperaturgange zu thun hat, der somit sozusagen 
ein klassisches Beispiel für die Verwendbarkeit der Methode 
abgibt. Es ist ja der Einwurf auch hier zulässig, dass die 
wellenförmige Kurve, welche als das graphische Bild der Reihen¬ 
entwickelung erscheint, kleinere individuelle Abweichungen vom 
normalen Gange, wie man sich ausdrtickt, »verwischt«, dass sie 
zumal die Maxima »abstumpft«, dieselben nicht voll zur Ent¬ 
faltung gelangen lässt. Die vortrefflichen Kurventafeln, mit 
denen die Abhandlung versehen ist, gestatten aber sofort eine 
Uebersicht über die Art des so entstehenden Fehlers, und man 
überzeugt sich, wie ungemein gering derselbe in der Regel aus- 
fallen wird. Zum Schlüsse gibt der Verfasser sein eigenes, auf 
eine mechanische Quadratur hinauslaufendes Verfahren zur Er¬ 
mittelung der Reihenkoeffizienten an. Dieses, sowie die ganze 
Schrift, wird vielfach Anklang in Fachkreisen finden; wir hätten 
nur gewünscht, dass auch auf A. Schmidts eigenartige Inter¬ 
pretation der von Weihrauch geäusserten Ansichten Rücksicht 
genommen worden wäre. 

De Harmonische Analyse der Getijden, toegepast op 

Waarnemingen te Tiilatjap Verricht door Dr. J. P. vanderStok. 

Batavia, Ogilvie & Co., 1891. 75 S. gr. 8°. 

Dieses Schriftchen des Direktors des meteorologisch-mag¬ 
netischen Observatoriums zu Batavia berührt sich inhaltlich nahe 
mit der vorstehend besprochenen Studie von Schreiber, denn 
das, was man, nach dem Vorgänge der Engländer, »harmonische 
Analyse der Gezeiten« zu nennen sich gewöhnt hat, beruht eben 
auch auf dem Prinzipe, irgend welche Grössen durch eine nach 
Sinus und Kosinus der Vielfachen eines gewissen Winkels fort¬ 
laufende Reihe auszudrUcken. Den schon früher von Krümmel 
und Borgen unternommenen Versuchen, der strengen und des 
Formelreichtums wegen wenig übersichtlichen Theorie eine mehr 
gemeinverständliche Form zu erteilen, reiht sich nunmehr diese 
neue Darstellung an; sie setzt sehr wenig voraus und sucht 
mit den einfachsten Hilfsmitteln zurechtzukommen. Aus den 
Titelworten geht hervor, dass die Berechnung der Flutbeobach¬ 
tungen eines bestimmten Küstenplatzes (Tiilatjap) einer der Zwecke 
der Schrift ist, und dem Leser erwächst daraus der Vorteil, zu 
sehen, wie die Lehren und Formeln dazu dienen, für eine ge¬ 
gebene Beobachtungsreihe den Zusammenhang zwischen der Flut¬ 
höhe und den Stellungen der maassgebenden Gestirne rechnerisch 
festzustellen. 


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560 


Litteratur. 


Geographische Abhandlungen aus den Reichslanden 
Eisass - Lothringen. Mit Unterstützung der kaiserl. Re¬ 
gierung zu Strassburg berausgegeben von Prof. Dr. G. Ger- 
land. 1. Heft (mit 5 Tafeln). Stuttgart, E. Schweizerbart- 
sche Verlagshandlung (E. Koch), 1892. VII und 184 S. 

Mit vollem Rechte spricht der Herausgeber der Regierung 
des kaiserl. Statthalters von Elsass-Lothringen seinen Dank dafür 
aus, dass sie dieses neue Unternehmen subventionierte; allen 
dabei in Frage kommenden Teilen kann dieses Zusammenwirken 
nur zur Ehre gereichen. Auf dem historisch so interessanten 
Boden der Reichslande ist, auch wenn man den älteren Arbeiten 
von Herrenschneider, Grad, Daubr£e u. a. ihr volles 
Recht angedeiheu lässt, doch in erdkundlicher Beziehung noch 
viel zu thun; es ist aber von dem seit bald 20 Jahren be¬ 
stehenden geographischen Lehrstuhle der Universität Strass¬ 
burg ein kräftiger Anstoss zu landeskundlichen Arbeiten aus- 
gegängen, und einige reife Früchte dieser Anregung werden uns 
hier vorgelegt. Im Vorwort betont der Herausgeber die Not¬ 
wendigkeit, bei Untersuchungen dieser Art von den politischen 
Grenzen absehen und natürlich verwandte Gegenden anderer 
Länder mit in den Kreis der Betrachtung ziehen zu müssen; 
wie peinlich die Beiseitesetzung dieses scheinbar einleuchtenden 
Grundsatzes berühren kann, das hat unlängst in dieser Wochen¬ 
schrift (S. 434) A. E. Förster an Beispielen klargelegt. Der 
Inhalt dieser ersten Lieferung nun setzt sich aus zwei unter sich 
nicht zusammenhängenden Teilen zusammen, welche wir deshalb 
auch gesondert besprechen wollen; Verfasser des ersteren ist 
Dr. Langenbeck, während die zweite Abhandlung durch die 
gemeinsame Thätigkeit der Herren Drr. H. Hergesell, Langen¬ 
beck und Rudolph (sämtliche in Strassburg) zustande ge¬ 
kommen ist. 

I. Die Erdbebenerscheinungen in der oberrheini¬ 
schen Tiefebene und ihrer Umgebung. Auf Grund um¬ 
fassender Studien in einer zum Teil schwer zugänglichen Littera¬ 
tur *) gibt der Verfasser eine geschichtliche Uebersicht über alle 
die Erderschütterungen, welche sich seit dem Jahre 801 — so 
weit gehen die Quellenberichte — in dem fraglichen Gebiete 
zugetragen haben. Die Prüfung dieses ziemlich reichhaltigen 
Materiales an der Hand dessen, was wir von der geologischen 
Beschaffenheit dieses Landesteiles wissen, lässt natürlich die von 
Dieffenbacli, Falb u. a. vertretene Anschauung zurück weisen, 
nach welcher vulkanische Zuckungen sich hier geltend gemacht 
hätten; es kann vielmehr kaum einem Zweifel unterliegen, dass 
alle diese Phänomene in die Klasse der tektonischen oder Dis¬ 
lokations-Beben gehören. Von den spärlichen Lothringer Vor¬ 
kommnissen absehend, kann man einen grösseren Mainzer und 
Strassburger, einen kleineren am Kaiserstuhl belegenen Schtitter- 
bezirk nachweisen; ferner geben die Ränder der alten Schollen 
Schwarzwald und Wasgenwald, wie alle Horstränder, vielfach 
Gelegenheit zur Bildung seismischer Wellen, und im Süden liegt 
das Baseler Schüttercentrura, dessen Umgebung viel und stark 
von Erdstössen heiragesucht wurde. Ueber die Oertlichkeit und 
damit über die Bedingungen, unter denen die Ereignisse ein- 
treten, ist man mithin ziemlich gut orientiert, während in der 
zeitlichen Verteilung der Erdbeben irgend eine ausgesprochene 
Regelmässigkeit bisher nicht nachgewiesen werden konnte. 

II. Die Seen der Südvogesen. Die Wasser enthaltenden 
Seen dieses Gebirgsteiles, deren wichtigste der Schwarze See, 
Weisse See und Belchen-See sind, wurden von den Verfassern 
gründlich ausgelotet, und es finden sich auf den beigegebenen 
Tafeln die Reliefverhältnisse der betreffenden Becken durch 
Isobathen dargestellt. Weiter verbreitet sich die Abhandlung 
über die eigentümlichen Trockenseen, auf welche früher schon 
Gerl and selbst die Aufmerksamkeit der Geographen hingelenkt 
hatte, und welche als charakteristische Residuen einer ehemaligen 


!) Nicht erwähnt finden wir unter den von Herrn Langenbeck be¬ 
nutzten Materialien die Schiiften des Polyhistors J o h a n n Rasch, die über 
Erdbeben des 16. Jahrhunderts und über ältere manchen Aufschluss erteilen, 
freilich aber sehr selten geworden sind. Näheres daiüber gibt des Bericht¬ 
erstatters Studie «Münchener Erdbeben- und Prodigienlittcratur in älterer 
Zeit« (Jahrbuch für Münchener Geschichte, 4. Jahrgang, S. 233 ff.). 


ausgedehnten Eisbedeckung des Gebirges diese Aufmerksamkeit 
auch vollauf verdienen. Zum Schlüsse erhalten wir einen Ueber- 
blick über die Verbreitung der Temperatur im Weissen See. 
Die Isothermobathen, welche die Abhängigkeit der Wärme von 
der Tiefe zur Anschauung bringen, gestatten die Formulierung 
des folgenden Erfahrungssatzes: »Die Durchwärmung der tieferen 
Schichten eines Sees ist in erster Linie nicht von den Mittel¬ 
temperaturen der Sommermonate, sondern von den in ihnen auf¬ 
tretenden Temperaturdifferenzen abhängig.« 

Europäische Wanderbilder. Verlag, Druck und Illustration 
des Art. Instituts Orell Ftissli, Zürich. Kl. 8°. Nr. 198 und 
199. Kursaal Maloja im Oberengadin und seine Umgebung. 
Von Wilh. Altenburg. Mit Plänen, 14 Illustrationen und 
einer Exkursionskarte. 54 S. — Spiez und Kanderthal im 
Berner Oberland. Von Ernst Müller, Pfarrer. Mit 33 Illu¬ 
strationen von J. Weber und einer Karte. 80 S. 

Die kleinen Reisebücher des Orell Füsslisehen Verlages 
sind allgemein bekannt und geschätzt von denjenigen, welche 
eine Stadt, eine Gegend nicht bloss flüchtig durchstreifen, sondern 
gründlich kennen lernen, studieren wollen. Das in grossartiger 
Bergeseinsamkeit, 1810 m über dem Meere, erbaute Kurhaus 
von Maloja erscheint dazu geeignet, nicht bloss dem Touristen¬ 
strome, sondern auch dem wissenschaftlichen Geographen ein 
angenehmes Standquartier zu werden, denn auf dieser das Ober¬ 
engadin vom Bergeil trennenden Höhe bietet sich Gelegenheit 
zu mancherlei dankbaren Studien. Der Mensch und seine Sprache, 
welche unserer Vorlage zufolge zwischen dem Italienischen und 
Ladinischen mitten inne steht, zieht unsere Beachtung auf sich; 
die Wasserscheide des Inn und der Mera (Schwarzes und Adria¬ 
tisches Meer) ist von bekanntem geologischem Interesse; die 
Winde des Maloja-Passes haben (s. Hanns Klimatologie, S. 202) 
den Meteorologen schon manches zu denken gegeben. Und gut 
aufgehoben dürfte der Forscher in diesem weltentrückten Asyle 
sein, so dass er das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden 
im stände ist. — Sehr hübsch und anschaulich schildert Pfarrer 
Müller den berühmten Gebirgsweg, der vom Gestade des 
Thuner Sees hinüber ins obere Wallis führt, auf der Berner 
Seite (die Gemmi ward bereits in Nr. 105 ff. der »Wanderbilder« 
beschrieben). Minder bekannt als das Thal von Interlaken, ist 
doch auch das Kanderthal überreich an Naturschönheiten, und 
es steht zu wünschen, dass dieses Heft unter den Gebirgs- 
wanderern recht Propaganda machen möge für eine der ab¬ 
wechslungsreichsten Landschaften der deutschen Schweiz. 

Der Bürgerkrieg in Chile. Von Hugo Kunz. Mit Por¬ 
träts, Karten und Plänen. Leipzig, in Kommission bei 
F. A. Brockhaus, 1892. XII und 195 S. 

Diese Kriegsgeschichte, deren Preis (5 Mark) in Anbetracht 
der guten Ausstattung und des kompressen Druckes kein hoher 
ist, gibt erstmalig eine zusammenhängende Darstellung der 
kriegerischen Ereignisse selbst, ihrer Vorgeschichte und ihrer 
unmittelbaren Folgen und ist demgemäss eine wertvolle Er¬ 
gänzung zu dem bloss Dokumente enthaltenden Schriftchen, über 
welches im »Ausland« (S. 400) bereits referiert wurde. Wie 
alle chilenischen Deutschen, steht der Verfasser mit Leib und 
Seele auf der Seite der sieghaften Parlamentspartei, welcher ja 
gewiss auch die Sympathien der grossen Mehrheit der Reichs¬ 
deutschen zugewandt sind, und feiert namentlich die Verdienste 
des »Coronel Körner«. Eine ganz objektive Geschichtserzählung 
kann freilich erst dann erreicht werden, wenn auch die Anhänger 
des Diktators Balmaceda einmal zu sprechen anfangen — vor¬ 
läufig wollen wir uns an dem Gebotenen genügen lassen. Die 
Verfolgung der Operationen bietet an der Hand der beigefügten 
Pläne und Karten keine Schwierigkeit. Der Berichterstatter 
möchte nicht unterlassen, zu bemerken, dass aus der Feder des 
Autors im vorigen Jahre ein grösseres Werk über die Republik 
Chile und deren deutsche Einwanderung erschienen ist. 

S. Günther. 

Verlag der J. G. Cotta*sehen Buchhandlung Nachfolger 
in Stuttgart. 

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst. 


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Die vulkanische Katastrophe auf den 
Sangir-Inseln. 

Von H. Zondervan (Bergen-op-zoom). 

Während die Erinnerung an die schreckliche 
Krakatau-Katastrophe des Jahres 1883 noch bei vielen 
fortlebt, ist vor einigen Wochen ein anderer Teil 
Insulindes von einer nicht weniger schrecklichen 
Eruption heimgesucht worden. Ihre vernichtende 
Wirkung möge sich weniger weit ausgedehnt haben, 
ihre Nachwirkungen mögen weniger Veranlassung zu 
wissenschaftlichen Experimenten geben, die Zahl der 
von ihr heimgesuchten Dörfer, sowie der Menschen¬ 
opfer, welche sie gefordert hat, ist vielleicht noch 
grösser. Dabei hat diese Eruption gerade in dem Teile 
des ostindischen Archipels stattgefunden, welcher bis 
jetzt am wenigsten von ähnlichen Unglücksfällen ge¬ 
troffen worden ist. Allein eben dieser Vulkan, der 
GoenoengAwoe,hat wiederholentlich den östlichen 
Teil Insulindes schwer heimgesucht. So kamen bei 
seiner Eruption vom 10. bis zum 16. Dezember 1711 
mehr als 2000 Menschen ums Leben, bei derjenigen 
vom 2. bis zum 18. März 1856 mehr als 3000. Seit¬ 
dem hat er sich ruhig verhalten und war bis an seinen 
Gipfel mit einer üppigen Vegetation bewachsen. 

Der Goenoeng Awoe erhebt sich in dem nörd¬ 
lichen Teile der Insel Groot-Sangir, welche die 
Hauptinsel der Sangir-Gruppe ist, die sich im 
Norden der Insel Celebes hinzieht. Diese Insel¬ 
gruppe hat eine dichte Bevölkerung, denn Groot- 
Sangir allein soll 70000 Einwohner gezählt haben, 
grösstenteils von den rastlos thätigen Missionären 
zum Christentum bekehrt. Der Hauptreichtum der 
Bevölkerung bestand aus Kokosnussbäumen, das wich¬ 
tigste Ausfuhrprodukt war Copra. Gerade während 
der letzten Jahre war diese Insel in einer freudigen 
Entwickelung begriffen, welche jetzt so plötzlich 
zum Stillstände gebracht worden ist. 

Ausland 189a, Nr. 36. 


Am 7. Juni, des Abends um 6 Uhr und io Mi¬ 
nuten, wurde der Vulkan plötzlich thätig, ohne dass auch 
nur ein einziges Zeichen im voraus darauf hingedeutet 
hätte. In Menado (Nord-Celebes) wurde man gegen 
6 Uhr 50 Minuten aufgeschreckt durch heftige Schläge, 
wie wenn Kanonen abgeschossen würden. Darauf 
glaubte man den Donner rollen zu hören, wonach 
es stille wurde, bis bald wieder an Kraft stets zu¬ 
nehmende Schläge vernommen wurden, welche von 
dem Echo des Gebirges in fürchterlicher Weise 
tausendfältig zurückgehallt wurden. Zu gleicher 
Zeit sah man jedesmal ein grossartiges Feuer am 
Himmel aufleuchten. Erst gegen 8 Uhr wurden 
die Schläge weniger stark und Hessen allmählich 
ganz nach. Da man bald Sicherheit bekommen 
hatte, dass es sich um eine vulkanische Eruption 
handle, fuhr des anderen Morgens der Regierungs¬ 
beamte J. W. Campagne mit dem eingeborenen 
Arzte auf dem am vorigen Abend zufälligerweise 
eingelaufenen englischen Dampfer »Hecuba« aus, 
um zu untersuchen, wo die Katastrophe stattge¬ 
funden habe. Schon auf der Höhe von Talisse war 
die Luft mit Aschenteilchen erfüllt. Die kleinen In¬ 
seln auf dem Wege nach Groot-Sangir, welche sonst 
im herrlichsten Grün prangen, sahen jetzt finster grau 
aus; alles war mit Staub und Asche bedeckt, und 
auch die Luft war trübe und wie von Moorrauch 
erfüllt. Die Insel Groot-Sangir war vor Rauch¬ 
wolken nicht sichtbar. »Als wir nahten,« schreibt 
Herr Campagne, »war diese liebliche Insel, von 
den Gipfeln der Berge bis an den Strand bewachsen 
und grösstenteils mit Kökosnussbäumen bepflanzt, 
nicht mehr wieder zu erkennen. Grün, war nicht 
mehr sichtbar, alles war mit Asche bedeckt, während 
an den Abhängen des Berges da und dort Rauch¬ 
säulen, wie von weissem Dampf, emporstiegen«. 
Als man an das Ufer gestiegen war, musste man 
bis an die Knöchel durch den Schlamm und die 

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562 


Die vulkanische Katastrophe auf den Sangir-Inseln. 


Asche waten, um die Hauptstadt der Insel, Taroena, 
wo auch der niederländische Regierungsbeamte resi¬ 
diert, zu erreichen. Hier erst konnte man die fürchter¬ 
lichen Folgen der Eruption in ihrem ganzen Um¬ 
fange übersehen. 

Der Regierungsbeamte in Taroena, Herr R. L. 
A. Hellwig, teilt uns folgendes darüber mit: »Die 
Katastrophe ereignete sich ganz unverhofft, ohne 
vorhergehende, warnende Zeichen, so dass niemand 
darauf vorbereitet sein konnte. Erst stiess der Vul¬ 
kan eine riesige Dampfsäule aus unter schrecklichem 
Lärm und fortwährendem Wetterleuchten. Sofort 
wurde die Bevölkerung Taroenas von einem pani¬ 
schen Schrecken ergriffen und floh allerorten hin. 
Gegen 6 Uhr 20 Minuten trat die Finsternis ein 
und fing die Schlammeruption an, die bald aber in 
einen Asche- und Bimssteinregen überging; die 
Dimensionen der Bimssteinstücke nehmen fortwäh¬ 
rend zu, der Lärm und das Getöse sind nicht zu 
beschreiben, fürchterlich zucken die Blitzstrahlen am 
schwarzgrauen Himmel, der Berggipfel zeigt jeden 
Augenblick ein grässlich-schönes Feuerleuchten, wäh¬ 
rend die schwere Finsternis, und vor allem die Furcht 
vor einem Seebeben — wie bei Krakatau —, die 
Angst der Bewohner stets zunehmen lässt. Glück¬ 
licherweise tritt aber weder Erd- noch Meeresbeben 
ein. Gegen 9 Uhr erreicht die Eruption ihren Höhe¬ 
punkt; von jetzt an nimmt der Bimssteinregen ab, 
der Aschenregen dagegen in Dichtigkeit zu, so dass 
der Boden mit einer etwa 6 cm dicken Aschen¬ 
schichte bedeckt wird, Häuser und Bäume zusammen¬ 
brechen und Hunderte von Menschen den Tod finden. 
Um 12 Uhr fängt der Aschenregen an nachzulassen, 
die Explosionen werden schwächer und wiederholen 
sich nur mit grösseren Zwischenräumen, endlich 
nimmt das Schreckenereignis ein Ende. Am anderen 
Morgen aber war der Vulkangipfel noch ganz in 
Rauchwolken gehüllt und sah man allerorten Sol- 
fataren, aufsprudelnde Dampfblasen und weisse Rauch¬ 
säulen. Als gegen 6 Uhr des Morgens die Finsternis 
von der Tageshelle allmählich verscheucht wurde, 
zeigten sich sofort die Folgen der Eruption auf 
dieser gut bevölkerten Insel. 

In dem Hauptorte Taroena waren die meisten 
Wohnungen der Eingeborenen zusammengestürzt, das 
chinesische Stadtviertel hatte dagegen wenig gelitten. 
Auch die Schiffe auf der Reede waren unbeschädigt, 
ein Gebäude des hydrographischen Dienstes, sowie 
ein Magazin der Paketfahrt-Gesellschaft aber gänz¬ 
lich zertrümmert. So wie hier, war es allerorten. 
Der Küste entlang erstreckt sich eine ganze Reihe 
Dörfer mit vielen Einwohnern. Sie alle sind schwer 
mitgenommen worden; fast kein einziges, von dem 
nicht einige Personen den Tod gefunden haben, sei 
es in ihren Wohnungen, sei es von dem Feuer¬ 
regen auf ihrer Flucht, oder dadurch, dass sie sich 
im Wege irrten und entweder in den Morästen auf 
elende Weise den Tod fanden, oder in dem Meere 
ertranken. Die Zahl der Toten lässt sich noch nicht 


angeben, zumal da sehr viele Eingeborene aus ihren 
Dörfern verschwunden waren, vor allem Frauen und 
Kinder, welche noch aufgefunden werden könnten. 
Herr Campagne sagt: »Es können 300 oder auch 
2000 sein«. Die neuesten, aus Indien erhaltenen 
Nachrichten sprechen von 700 Toten. Im allge¬ 
meinen hat der Teil der Insel, welcher sich im 
Norden von Taroena ausdehnt, am meisten gelitten, 
weniger die Südhälfte, obwohl auch hier alles mit 
einer Aschenschichte bedeckt ist. Am schwersten 
sind die Bergbewohner und die Feldarbeiter, welche 
mit der Reisernte beschäftigt waren, getroffen wor¬ 
den, während die Eingeborenen, welche in ihren 
Kampongs verweilten, verhältnismässig weniger ge¬ 
litten haben. Auch ist kein einziger Europäer bei 
der Katastrophe umgekommen.« 

Am 11. Juni schrieb Hellwig: »Der Vulkan 
hat jetzt keine Eruptionen mehr, wohl aber stösst 
er kolossal viel Rauch aus; die zahllosen Lavaströme 
sind noch kochend und aufsprudelnd, so dass die 
ganze Gegend rund um den Feuerberg, bis zu be¬ 
deutender Entfernung, noch immer mit laut kochen¬ 
den Schwefelbrunnen und Schlammtümpeln überdeckt 
ist«. Als er am 9. die Kampong Kandhar besuchte, 
wurde er des Abends von dort verjagt durch den 
gewaltigen Schlammstrom, der sich quer durch 
den Ort einen Weg bahnte. In der ganzen Insel 
ist die Reisernte verloren, sind alle bebauten Felder 
mit Asche und Lava bedeckt, die Kokosnussbäume 
teils vernichtet, teils ihrer Früchte beraubt, die Wäl¬ 
der von Sagobäumen teils getötet, teils ihres Blätter¬ 
schmuckes beraubt. In den meisten Plätzen steht 
aller Handel still und sind die Läden geschlossen. 
Die Bevölkerung aber zeigt sich ruhig und folgsam. 
Gross ist der Mangel an Lebensmitteln, welcher aller¬ 
wegen herrscht, und überdies an trinkbarem Wasser, 
da alle Brunnen und Flüsse verschlammt sind. 

Das Reich Kandhar wurde am härtesten mit¬ 
genommen. Campagne, der am Tage nach der 
Katastrophe eine Reise rund um die ganze Insel 
gemacht hat, schreibt: »Die Verwüstung ist hier 
entsetzlich. Riesige Strecken, welche mit Kokos¬ 
nussbäumen bepflanzt waren, sind mit dem Erd¬ 
boden gleich gemacht worden. Die Hügel am Meeres¬ 
strande sind da und dort gespalten oder abgebröckelt. 
Das Dorf Kandhar ist zum grössten Teile zerstört; 
fast alle Häuser sind unter dem Gewichte der Asche 
oder des Schlammes eingestürzt. Es ist ein gräss¬ 
licher Anblick, die mit Brandwunden bedeckten 
Körper in den halb zusammengebrochenen Häusgrn 
liegen zu sehen. 

Darauf gehen wir nach Sawang, wo wir den 
Zustand noch schlimmer finden; hier ist buchstäb¬ 
lich kein einziges Haus stehen geblieben. Von den 
3000 Einwohnern, welche dieser bedeutende Ort 
an der Nordspitze von Groot-Sangir zählt, sind viele 
umgekommen. Quer durch den Ort hat sich ein 
Lavastrom Bahn gebrochen, acht Häuser samt allen 
ihren Bewohnern mitschleppend; der Strom hatte 


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Die Kompass-Sage in Europa (Flavio Gioja), die ersten Erwähnungen desselben dortselbst u. s. w. 


563 


eine Breite von 70 m. Die Ansicht der Ebene, 
über welche der Lava geflossen hat, ist ergreifend, 
aber grossartig. Augenzeugen behaupten, es sei 
ein Strom von fliessendem Feuer gewesen. ,Das 
Dorf Bahoe (an der Ostküste) ist gänzlich von einem 
Feuerstrome verbrannt worden, während alle seine 
Bewohner, insofern sie zugegen waren, den Tod ge¬ 
funden haben, entweder durch das Feuer oder in den 
Meereswellen, da das Dorf von drei Seiten von dem 
Feuer eingeschlossen wurde und die vierte Meeres¬ 
seite jäh abfällt.« 

Damit einer Hungersnot vorgebeugt wurde, hatte 
Herr Hellwig sofort alle vorhandenen Lebensmittel 
für die Regierung aufgekauft und zu gleicher Zeit 
kräftige Hilfe in Menado angerufen. Auch hat sich 
ein Komitee gebildet, Gelder für die unglücklichen 
Eingeborenen einzusammeln. Denn möge auch die 
Zahl der Toten nicht so gross sein, als man an¬ 
fangs fürchtete, das steht fest, dass die Insel durch 
diese Katastrophe wieder auf Jahre hin zurückgeworfen 
wird. Es ist zu fürchten, dass es lange Zeit dauern 
werde, bevor die Energie der Bevölkerung zurück¬ 
gekehrt ist, und es ist möglich, dass erst das jetzige 
Geschlecht verschwunden sein muss, bevor der 
schwere Druck, welchen dieser Unglücksfall hervor¬ 
gerufen hat, gänzlich verschwunden sein wird*). 


Die Kompass-Sage in Europa (Flavio Gioja), 
die erstenErwähnungen desselben dortselbst 
und nationale Ansprüche an seine Erfindung. 

Von A. Schück (Hamburg). 

(Fortsetzung.) 

Zur Gioja-Sage zurückkehrend, mag Alex. 
Sardo von Ferrara der erste gewesen sein, der 
einem Einwohner Amalfis einen bestimmten Anteil 
an der Herstellung des Kompasses zu weist; er sagt 
in »De rerum inventoribus etc.« (Moguntiae 1577): 
»Flavius Campanus aus der Stadt Amalfi stellte 
den Magnet in einer Büchse auf, damit die Seefahrer, 
wenn sie beständig die Nordrichtung erkannten, wo¬ 
hin sie wollten steuern konnten«. — Laevinus 
Lemnius in »De Mirac.«,S. 302, geht weiter; nachdem 
er die Wahrscheinlichkeit betont, dass er im Altertum 
bekannt war, sagt er: »Dabei übersehe ich nicht, 
dass Philander in seinem Kommentar zu Vitru- 
vius, und mit ihm die ersten Autoritäten der Mei¬ 
nung sind, dieser Kompass-sei vor noch nicht 

vielen Jahrhunderten in Amalfi, einer Stadt Cam- 
paniens, hergestellt worden. Dennoch glaube ich, 
dass jenes Instrument nicht dort, noch zu jener Zeit 
erfunden, oder nach unseren Kenntnissen erdacht sei, 
sondern interpoliert, d. h. mit gewisser Erneuerung 
wieder in Gebrauch genommen sei und mit der 

*) Nachschr. d. Verf. Die Anzahl der Getöteten beläuft sich 
nach den neuesten Regierungsberichten auf 2000, von denen 
1500 genau identifiziert sind. 


Kunstfertigkeit eingerichtet, dass es genau und wage¬ 
recht, mit keinem Teile neigend oder schwankend, 
auf dem Perpendikel oder der Pinne den Himmels¬ 
pol anzeigt u. s. w.« — Am bezeichnendsten für 
die damalige Ansicht spricht sich aus Guillaume 
deNautonier, »Mecom£trie de Leymant etc.« (Tou¬ 
louse, T. I, 1603, S. 8): »Dieses Instrument, dessen 
Kenntnis man verloren hatte, ist um das Jahr 1300 
wieder erfunden durch einen Amalfitaner Namens 
Gioja, wie es Flavius u. a. bezeugen«. Nau- 
tonier führt dann an das Citat von Albertus 
Magnus (Albrecht, Graf von Bollstädt) aus dem 
als fraglich betrachteten Werk des Aristoteles 
oder Theophrast (ungefähr 350 v. Chr.), dass 
schon zur Zeit des Aristoteles die »Nordweisung« 
des Magneten bekannt und von Seefahrern benutzt, 
diese Kenntnis jedoch seiten und das Mittel, sie zu 
benutzen, verloren war, dann »aber er (Goya) 
kann der zweite Erfinder oder der Wiederhersteller 
dieses Kunstwerkes geworden sein, welches damals 
in seinem Vaterlande nicht in Gebrauch war. 
Besonders verdient er grosses Lob, wenn er dies 
Instrument so verbesserte und einrichtete, wie es 
noch jetzt im Gebrauch ist, dass es sich auf seiner 
Pinne leicht in die Richtung dreht, in welche es 
durch seine natürliche Eigenschaft gelenkt wird, an¬ 
statt des unbequemen, das genannter Goya vorher 
selbst benutzte, indem man in ein Gefäss mit Wasser 
eine (ein kleines Stückchen Stroh- oder Bast-) Matte, 
einen Splitter oder ein kleines Stück Holz legte, 
durch welches eine gewöhnliche Nadel gesteckt 
wurde, die man mit einem Magnetstein bestrichen 
hatte; da diese mit der Matte oder dem Splitter 
schwamm, zeigte sie die Nord-Südrichtung an; da¬ 
her mag man seit jener Zeit das Instrument Nadel 
genannt haben«. — »Weder mit Hilfe des Wassers, 
noch wenn man den Magnet in der Luft an einem 
sehr feinen Haare aufhängt, kann er so leicht, noch 
so genau, noch ro rasch arbeiten. — Anfangs be¬ 
diente man sich der Nadel allein, ohne die Wind¬ 
rose beizufügen, deren Erfindung sich die Flamänder 
rühmen; in der That, dies war eine ausgezeichnete 
Beigabe zu jener Erfindung.« 

Hierzu bemerke ich zunächst, dass die Angabe, 
der aufgehängte Magnet könne nicht so genau 
arbeiten, als der auf der Pinne schwebende, nicht 
unbedingt richtig ist; ein feines Haar ist allerdings 
nicht geeignet zur Aufhängung eines für genaue 
Beobachtungen bestimmten Magneten; der gegen 
Luftzug geschützte, an einem Kokonfaden oder Bün¬ 
del aufgehängte »arbeitet« aber leichter und genauer 
als der auf einer Pinne schwebende, es lässt sich 
jedoch nicht so rasch, auf See überhaupt nicht, da¬ 
mit beobachten. — Ferner mache ich darauf auf¬ 
merksam, dass im Original für »eine (ein kleines 
Stückchen Stroh- oder Bast-) Matte« paille steht; 
dies mit Strohhalm zu übersetzen, wäre ebenso un¬ 
richtig, wie etwa die Uebersetzung von paille de 
bitte (Betingsbolzen, wenn nicht Betingspall) mit 


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564 


Die Kompass-Sage in Europa (Flavio Gioja), die ersten Erwähnungen desselben dortselbst u. s. w. 


Strohhalm des Betings oder Betingsstroh! Selbst eine 
gewöhnliche Nähnadel schwämme nicht, wenn sie in 
einen Strohhalm gesteckt wird; sie im Wasser schwim¬ 
mend zu halten, sind ein Paar Streichhölzer nötig. 
Paille mag statt paillet oder paillette, Matte (von Stroh 
oder Bast), kleines Stück Matte gesetzt sein; viel¬ 
leicht ist es ein ausser Gebrauch gekommenes Wort, 
gleichbedeutend mit unserem Pall (Sperrklinke), in 
welchem Fall es hier ein längliches Stückchen Holz 
bezeichnen soll. 

Der Name Joannes Gioia verschwindet immer 
mehr, und Flavio Gioia tritt an seine Stelle; wäh¬ 
rend Philippus Ferrarius (Epitome Geographica, 
1605) nur schreibt: »Amalphis, Malfi und Amalfi; 
hier sagt man, sei zuerst der Gebrauch des Magneten 
erfunden«, hat Mich. Ant. Baudrand in seiner 
Ausgabe desselben Werkes als Lexicon Geographi- 
cum, Paris 1670 hinzugefügt: »Hier ist 1300 der 
Kompass erfunden von Flavio Gioia«. Später mag 
die Frage: Joan oder Flavio Gioia Doktorfrage 
geworden sein, so dass Joannes Chrysostomus 
Trombellus in seinem Briefe an Franciscus 
Maria Zanotti: De acus nauticae inventore (De 
Bononiensi Scientiarum et Artium Instituto atque 
Academia Commentarii, T. II, p. 3, Bononiae 1747) 
schreibt: »Denn ich kann nicht die Ansicht derer zu¬ 
rückweisen, welche dies Lob unter zwei Bürger Amal¬ 
phis teilen, deren erster (es ist vielleicht Joannes 
Gioia, der Zeitgenosse Marco Polos gewesen sein 
mag, selbst vor ihm leben konnte) begann, was der 
andere (wenn ich nicht irre Flavius Gira genannt) 
noch bedeutend vermehrte und, ich möchte es kaum 
sagen, verbesserte. Hierauf deutet selbst hin, dass 
der Streit sowohl zwischen beider Vor- als Zunamen 
schwankt, denn einige nennen den Erfinder des 
Kompasses Joannes, andere Flavius, einige mit 
dem Zunamen Gira, andere Gioia. Dies kannst 
du sehr bequem erklären, wenn du zwei anerkennst, 
beide Bürger von Amalfi und besonders verdient 
um den Kompass, von denen der eine Joannes, 
der andere Flavius war, einer mit dem Zunamen 
Gira, der andere mit dem Gioia«. (Als Möglich¬ 
keit hierfür beruft er sich »auf die Autorität sehr 
berühmter Männer«, besonders von Riccioli und 
Brietius, von denen ersterer vielleicht meistens 
citiert, letzterer ohne Begründung behauptet; dann 
schreibt er ab von Riccioli:) »Es kann sein, dass 
Joannes Gioia den Kompass erfand und Flavius 
ihn vervollkommnete, indem er die Teilung (des 
Kreises, Horizontes) in 16 Richtungen, dann in 32 
einführte und eine so (geteilte und) bezeichnete 
Rose aus rundem Pappdeckel auf den magnetisierten 
Stahl legte«. — Dies ist die Lösung des Rätsels im 
Sinne der Lösung des gordischen Knotens durch 
Alexander d. Gr.: »Was man nicht lösen kann, 
zerhaue man«. 

Trombellus erwähnt als ihm unbekannt, aber 
sehr gerühmt die Dissertation des Gregorio Gri- 
maldi »Sopra il Primo Inventore della Bussola«, die 


enthalten sein soll in den »Acta Academiae hetruscae«, 
T. III; ich fand sie in der »Scelta di Dissertazioni 
cavate dä piü celebri Autori si antichi che moderni, 
intorno ad ogni sorta di Arti e Scienze«, T. II, Ve¬ 
nezia 1750. Grimaldi tritt für Flavio Gioja ein und 
nennt ihn aus dem Flecken (oder Städtchen, castello) 
Pasitano di Amalfi (A. v. Humboldt, Kosmos, II); 
er beruft sich aber nur auf das von anderen Gesagte, 
ohne zu prüfen, woher dieser Bericht stammt. 

In Bezug auf einen Gioia spitzt sich die Frage 
dahin zu: Aus welcher Quelle schöpfte Gil¬ 
bert den Namen Johannes Goia oder Gira, 
und welche Zuverlässigkeit kann diese Quelle 
beanspruchen? Sollte keine zuverlässige Quelle 
zu finden, man also nur auf ein Gerücht angewiesen 
sein, das Gilbert irgendwie zu Ohren kam, so ist 
zu beachten, dass der Familienname Gioja noch 
jetzt besteht, dass Joia, Gioia nicht nur eine Stadt 
im früheren Königreich Neapel, 16 Miglien vom 
Golf von Tarent ist, sondern auch Joa, Joia, 
Gioia, Gioja ein befestigter Ort Calabriens in 
dem kleinen Golf des Tyrrhenischen Meeres Joia 
(im Altertum Bruttius sinus) ist — Alph. Lasor 
a Varea, Universus terrarum orbis, Padua 1713 —; 
dann liegt es also nahe, folgendermaassen zu schliessen: 

Zur Zeit Gilberts (um 1600) mag eine Bus¬ 
sole, deren Verfertigung man aus jetzt nicht mehr 
ersichtlichen Gründen in die Zeit um 1300 setzte, 
den Namen Johannes und Gioia oder Gira ge¬ 
tragen haben, so dass sie entweder zu einer Zeit 
zwischen 1300 und 1600 Eigentum eines Johannes 
mit jenem Zunamen bzw. aus einem jener Orte war 
oder einen Johannes mit jenem Zunamen bzw. aus 
einem jener Orte zum Verfertiger hatte, wobei — 
sei es von dem Händler, der keine Litteraturkenntnis 
besass, sei es von einer »Autorität« — jener Be¬ 
sitzer oder Verfertiger zum Erfinder gemacht wurde. 

Sobald man den Vornamen (Johannes so¬ 
wohl als Flavio) ausser acht lassen, sich nur an 
das Wort Gioia halten will, ist zu beachten die 
Bedeutung, welche Egidio Menagio in »Le 
Origine della lingua Italiana« Genova 1681) diesem 
Worte gibt, S. 258: »Gioia bedeutet kostbares Ge¬ 
stein. Von jocalia oder jocaria. Salmasius über 
Salino sagt: ,Die heutigen Araber nennen die Perle 
aljohar %az’ ££o*/t]v, denn sie nennen alle Edelsteine 
johar. Dieser Ausdruck ist offenbar aus jocarium 
und jocale verdrehtes Latein, denn noch jetzt nennen 
wir jocalia das Ausgesuchteste aller Edelsteinschmuck¬ 
sachen, womit wir die Gattin erfreuen, daher heissen 
sie jocalia und jocaliarii, gemmarii. Jocar et jocarium 
ist so viel wie jocale. Daraus das arabische johar 4 «. 
Aus einigen Schriften des 13. Jahrhunderts geht so¬ 
wohl deutlich hervor, dass zu jener Zeit schreibselige 
bzw. kenntnisreichere Reisende nicht nur in höherem 
Grade als früher beachteten: wie helfen sich die 
Schiffsführer auf See, wenn kein Land sichtbar ist, 
sondern auch, dass die Schiffsführer den Magnetstein 
als (gioia) den kostbarsten Stein bezeichneten, der 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


vorhanden sei; dies mag Gelehrte, welche den Dia¬ 
manten als kostbarsten Stein kannten, veranlasst 
haben, die dem Magnetstein verliehenen Eigen¬ 
schaften dem Diamanten beizulegen (Vincentius de 
ßeauvais, auch V. Burgundus und V. Bello- 
vacensis genannt, Jacques de Vitry, Jean de 
St. Am and; vielleicht hat es nur einer gethan, und 
alle anderen haben es auf seine Autorität hin ge¬ 
glaubt). Falls ein Johannes Händler mit Hand¬ 
stücken Magnetsteins war, denen man besondere 
magnetische Kraft zuschrieb, so rühmten die Besitzer 
die gioia des Johannes, und für Nicht-Italiener, 
die mit dem Sprachgebrauch bzw. der Sprache oder 
dem Dialekte nicht vertraut waren, konnte daraus 
werden: Johannes Gioia, der Erfinder des Kom¬ 
passes. Nebenbei sei erwähnt, dass Bertelli in 
seiner bewunderungswürdigen Arbeit: »Sulla Epistola 
di Pietro Peregrino« folgenden Ausspruch des Si¬ 
mone Monaco aus dessen »Clavis sanationis« (aus 
dem Jahre 1288, ed. 1474) wiedergibt: »Den Magnet¬ 
stein nennen (,putarunt‘ kann hier nicht ,dafür halten 4 
bedeuten) viele fälschlich Diamant«. In einer der 
alten Handschriften hat der Abschreiber statt aimant 
iamant gesetzt; da mag der nächste, »um Sinn hinein¬ 
zubringen«, es für richtig gehalten haben, noch ein 
d voranzusetzen = diamant. 

Jal im »Glossaire nautique« erwähnt, nach 
Pantero-Pantera (1614), im Mittelalter und im 
16. Jahrhundert habe man mit Gioia bezeichnet 
den Sklaven, den man, ausser anderen Belohnungen, 
als Geschenk gab an jeden Kapitän einer Galeere, 
der ein feindliches Schiff erobert hatte; Jal vergleicht 
dies mit der Beilage der Fleischhändler an ihre Kun¬ 
den (Zugabe der Bäcker u. a.); in der That war 
die Verbindung eines Rosenblattes mit dem oder 
den Magneten der Bussole eine so angenehme und 
nützliche Zugabe, d. i. Gioia, wie man nur wün¬ 
schen konnte (vgl. Breusing in beiden gen. Auf¬ 
sätzen). 

Sobald man den Vornamen nicht berücksichtigt, 
liegt es nahe, noch eine andere Entstehung der 
Gioia-Sage anzunehmen. 1558 wurde in Augs¬ 
burg veröffentlicht der Brief des Pierre de Mari¬ 
court vom Jahre 1269: »De magnete etc.«, der¬ 
selbe enthält die älteste genaue Beschreibung von 
Bussolen. Taisnier hat ihn 1562 in Köln mehr 
nachgedruckt als benutzt, worauf Gilbert 1600 
und Wenckebach neuerdings aufmerksam machten. 
Bertelli weist darauf hin, dass Taisnier auch von 
Plinius abschrieb; ausserdem ist dieser Brief viel¬ 
fach mit und ohne Quellenangabe in mehrfacher 
Variation benutzt, so auch von Jo. Baptista Porta 
in »Magia naturalis« (Frankfurt 1591); Bertelli 
legt dies eingehend dar. Da im 16. Jahrhundert 
mehrfach gedruckt wurden die Berichte über Ereig¬ 
nisse während der Reisen Vasco da Gamas und 
andere Reiseberichte, in denen von der Benutzung 
des Kompasses durch die Asiaten die Rede ist, aber 
auch die Frage, wer der Erfinder des Kompasses war, 

Ausland 189a, Nr. 36. 


5 ^ 

schon gestellt war, so hat man zweifellos daran ge¬ 
dacht, dass über verhältnismässig so wohlüberlegte 
Sachen, wie die von P. de Maricourt beschriebenen 
Bussolen, ältere Berichte vorhanden sein müssen. 
Irgend jemand erinnerte sich an die Erwähnung des 
Instrumentes durch den sog. Guyot, er war aber 
entweder des Namens nicht ganz sicher, oder andere, 
die diesen Namen nicht richtig verstanden, gaben 
ihm die italienisch klingende Schreibart Gioia, weil 
sie wussten, dass bis vor nicht langer Zeit italie¬ 
nische Schiffsführer wegen ihrer Kenntnisse die be¬ 
rühmtesten waren, deshalb von Spanien und Por¬ 
tugal in Dienst genommen, nach gewissen Richtungen 
also die Lehrer dieser damals berühmten Seemächte 
in der Schiffsführung wurden (Th. Fischer). 

(Fortsetzung folgt.) 

Die Strömungen in den Meeresstrassen. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Erdkunde. 

Von Emil Wisotzki (Stettin). 

(Schluss.) 

Auch sei der Unterschied der specifischen Schwere 
des Wassers in beiden Meeren noch gar nicht ge¬ 
nügend dargethan, wenigstens nicht in dem Grade, 
dass sich daraus eine so grosse Erscheinung, wie 
der angebliche untere Gegenstrom, erweisen Hesse. 
Ja, dieser Unterschied würde am Ende ganz auf¬ 
gehoben durch die grössere Wärme des Wassers im 
Mittelmeer. Es werden dann von neuem die Zu¬ 
fluss- und Verdunstungsangaben einander gegen¬ 
übergestellt, aber mit demselben Resultat, wie vorher, 
ein vielleicht doch vorhandener Ueberschuss durch 
Flusszufuhr würde durch die seitlichen Küstenströ¬ 
mungen in den Ocean wieder abgeführt. 

v. Hoff kommt jetzt auch zu der vorher ver¬ 
missten Behandlung der Frage nach dem Verbleib 
des durch den Oberstrom immer wieder von neuem 
zugeführten Salzes, worauf zuerst Waiz hingewiesen. 
James Hall habe neuerdings gemeint, es müssten 
sich in der Tiefe des Mittelmeeres grosse Salzstöcke 
bilden J ), was wohl möglich. Er weise dann darauf 
hin, dass die grossen Vulkane im Mittelmeer wohl 
dazu wirken könnten, die in demselben sich an¬ 
häufende Menge des Salzes zu mindern, oder es 
bildeten sich Steinlagen auf dem Boden des Meeres. 

Wie ganz verzweifelt v. Hoffs Stellung diesem 
Punkte gegenüber war, ergibt sich aus seiner resig¬ 
nierten Bemerkung: »So wenig man erklären kann, 
warum in Binnenmeeren, denen Flüsse eine Menge 
von süssem Wasser immerfort zuführen, der Salzgehalt 
sich nicht vermindert, so wenig kann man auch zu 
bestimmen wagen, warum im Mittelmeer der Zu¬ 
fluss aus dem Ocean denselben nicht vermehrt 2 ).« 

Aber in demselben Jahre trat für die Existenz 
der Doppelströmungen in den Meeresstrassen der 

! ) Brewsters Journal of Science, vol. III, 1825, p. 1 ff. 

a ) A. a. O., III, Gotha 1834, S. 278—288. 

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566 


Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


Verfasser der »Reisen zu Lande und zu Wasser«, 
T. F. M. Richter, ein. Niveaudifferenz und Schwere¬ 
differenz sind die Ursachen. Er berichtet über den 
Gegenstand so ruhig, als ob bereits allgemeinste 
Uebereinstimmung herrschte J ). Dass dies aber nicht 
der Fall, beweist gleich wieder Heinrich Berg¬ 
haus; derselbe verhält sich nur referierend; in Be¬ 
zug auf die Unterströme stellt er sich auf die Seite 
v. Hoffs und spricht von der »oft wiederholten 
Sage« 2 ). Aber Muncke tritt noch in demselben 
Jahre v. Hoff entgegen. Er erklärt es »mit hydro¬ 
dynamischen Gesetzen für unvereinbar, dass das at¬ 
lantische Wasser von der schrägen Felsenwand zu- 
rückgestossen- und durch den oberen Strom nieder¬ 
gedrückt eine entgegengesetzte Strömung erhalten 
sollte, wenigstens insofern dies nicht in der ganzen 
Breite der Meerenge stattfinden könnte. Es würde 
vielmehr das untere Wasser sich heben, das obere 
in seiner Bewegung verzögern und selbst mit letz¬ 
terem überfliessen«. Auch einzelne andere Auf¬ 
stellungen v. Hoffs bekämpft er 3 ). 

Arago wieder greift die Grundlage für die 
Erklärung des Oberstromes an. Man habe behauptet, 
das Mittelländische Meer müsse niedriger stehen, als 
der Atlantische Ocean, weil es durch Verdunstung 
mehr Wasser verliere, als es durch Regen und Flüsse 
empfange. Allein direkte Messungen, so die in den 
Jahren 1825—1827 im südlichen Frankreich unter 
Leitung des Obersten Coraboeuf ausgeführte Trian¬ 
gulation, setzen den Ocean nur 0,73 m höher, als 
das Mittelmeer, geben also so gut wie keinen Unter¬ 
schied zwischen dem Mittelstände beider Wasser¬ 
becken. Also sei die zur Erklärung des Oberstromes 
herangezogene Niveaudifferenz entweder gar nicht 
vorhanden oder höchst geringfügig. Ströme jedoch, 
erzeugt durch Unterschiede im Salzgehalt, gebe es 
in allen Tiefen 4 ). Dass Arago auch in der Gibraltar- 
Enge den Unterstrom angenommen, geht aus einer 
Bemerkung Humboldts hervor 5 ). In seiner hinter- 
lassenen Schrift »Ueber die Phänomene des Meeres« 
wird auch der Oberstrom als existierend anerkannt, 
aber Arago fährt fort ganz im Sinne seiner oben 
mitgeteilten Anschauung 6 ): »Folglich ist von der 
Strömung nicht eine angeblich geringere Höhe des 
Niveaus des Mittelmeeres gegen das des Oceans die 
Ursache. Es ist bewiesen, dass in diesen Gegenden 
ein unterseeischer Strom in der Richtung von Ost 
nach West unaufhörlich eine gewisse Menge Wasser 
aus dem Mittelmeere in den Ocean führt. Man kann 
also annehmen, dass der obere, entgegengesetzt ge- 

J ) Die Wasserwelt, I, Das Meer, Dresden und Leipzig 1834, 
S. 361. 

2 ) Allgemeine Länder- und Völkerkunde, I, Stuttgart 1837, 
S. 439 — 445 - 

3 ) Gehlers Physikalisches Wörterbuch, VI, 3, Leipzig 
1837, S. 1768 ff. 

4 ) Annuaire 1836. Daraus in Poggendorffs Annalen, 
37, S. 450 ff. 

5 ) Kosmos, 1 , 322. 

6 ) Aragos Werke, DC, S. 444, 467, 481. 


richtete Strom nur die Lücken ausfüllt, welche der 
untere Strom hervorgerufen hat«. Dann wird auch 
wieder der Unterstrom als zweifelhaft bezeichnet. 

Auch der Physiker Buff ist kein Freund der 
Unterströme, an die man wohl früher geglaubt. 
Neuere Untersuchungen aber hätten gezeigt, dass 
die beiden, die Meerenge von Gibraltar bildenden 
Küsten durch ein an manchen Stellen bis nahe zur 
Oberfläche emporsteigendes Felsenriff verbunden sind, 
während die Meere auf beiden Seiten der Enge eine 
sehr grosse Tiefe besitzen. Ueberdies werde jene 
Vermutung durch die Thatsache widerlegt, dass das 
Mittelmeer sowohl an der Oberfläche wie in der 
Tiefe eine höhere Temperatur besitzt, als der be¬ 
nachbarte Teil des Oceans 1 ). Arago aber hatte 
gerade »scharfsinnig bemerkt«, die grosse Erkältung 
der unteren Wasserschichten im Mittelmeere w y erde 
bloss wegen des Unterstromes nicht gefunden 2 ). 

Stillschweigend übergehen wir die Anschauungen 
des Prager Sanitätsrates Dr. Nowdk, welche uns 
wieder in »tellurische Hohlräume« hinabführen 3 ). 

Sir Henry T. de la Beche anerkennt in seinem 
vortrefflichen »geological observer«, einem würdigen 
Vorläufer unseres neuesten »Führers für Forschungs¬ 
reisende«, die Oberströme als veranlasst durch Niveau¬ 
differenzen, deren Ursache zu suchen sei in dem Ver¬ 
hältnisse von Verdunstung und Zufluss. Die Unter¬ 
ströme bleiben in dunkler Unbestimmtheit: sie seien 
ohnelängst bezweifelt worden 4 ). 

Auch Sir Charles Lyell steht den Oberströmen 
ebenso anerkennend gegenüber, desgleichen sind 
Niveaudifferenzen für ihn die Ursache derselben. Dann 
beschäftigt ihn der Salzgehalt des Mittelmeeres: wes¬ 
halb derselbe nicht zunehme? Einige hätten auf 
einen Unterstrom hingewiesen. Noch neuerdings 
habe Dr. Wollaston auf Grund einer Analyse be¬ 
hauptet, dass viermal dichteres Wasser in der Tiefe 
der Strasse sich finde, wie an der Oberfläche, und 
daraufhin solch einen Unterstrom angenommen. Er 
sei aber der Ansicht, dass hier ein Irrtum mit unter¬ 
gelaufen und dass die durch den Oberstrom dem 
Mittelmeer zugeführte starke Salzmenge nicht wieder 
durch die Strasse hinausgeführt werde. Zwischen 
Trafalgar und Spartel sei die tiefste Stelle nur 
220 Faden. Daher sei es auch einleuchtend, dass, 
wenn an gewissen Stellen des Mittelmeeres Wasser 
wegen der Zunahme seines specifischen Gewichtes 
herabsinke bis zu grösseren Tiefen als 220 Faden, 
es niemals wieder in den Ocean hinausfliessen könne 
wegen der submarinen Schwelle, welche sich quer 
über die Strasse erhebt. Die Tiefen des Mittelmeeres 
müssten demnach viel bedeutenderen Salzgehalt be¬ 
sitzen, als man bisher beobachtet 5 ). 


*) Physik der Erde, Braunschweig 1850, S. 187. 

2 ) Kosmos, I, 322. 

3 ) Der Ocean, Leipzig 1852. 

4 ) Deutsch von Dieffenbach, Braunschweig 1853, 
S. 17, 70. 

6 ) Principles of geology, 9. Aufl., 1853, p. 333 ff. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


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Selbst noch 14 Jahre später, 1867, spricht sich 
Lyell dem Unterstrome gegenüber ablehnend aus. 
Noch die neuesten Messungen, welche den tiefsten 
Punkt der trennenden Schwelle auf nur 167 Faden 
bestimmten, hätten diese einst ganz populäre Idee 
verscheucht. Den uns bekannten Vorgang mit dem 
gesunkenen Holländer könne man dahin erklären, 
dass derselbe durch die bekannten Seitenströme west¬ 
lich getrieben worden. 

Admiral W. H. Smyth, der Verfasser einer 
heute wohl im einzelnen vielfach veralteten, aber 
als Ganzes noch immer notwendigen Schrift über 
das Mittelmeer, bekämpft Lyells »geistvollen Ge¬ 
danken«, dass sich das Salz im Mittelmeere schliess¬ 
lich auf den Boden niederschlage. Die Tiefenproben, 
welche er hcrausgebracht, seien immer nur Schlamm, 
Sand u. dgl. gewesen, aber niemals Salzkrystalle. 
Man müsse weitere Information abwarten, inzwischen 
aber könne man bereits erweisen, dass Dr. Wo liaston 
nicht recht habe. 

Es könnte wohl sein, dass das Mittelmeer durch 
Flüsse, Quellen und Regen, abgesehen von Ocean 
und Pontus, weniger Wasser erhalte, als die Ver¬ 
dunstung wegführe. Er bespricht die Berechnungs¬ 
versuche Halleys, auf den er den Satz anwendet: 
»aliquando bonus dormitat Homerus«, stellt eigene 
derartige Versuche gegenüber, nennt die verschiedenen 
trigonometrischen Bestimmungen der Höhendifferenz 
zwischen dem Ocean und dem Mittelmeer, und kommt 
so schliesslich zu dem Resultat, dass diese Differenz 
doch beinahe gleich Null sei. Daher müsse man 
nach anderen wahrscheinlichen Faktoren suchen zur 
Erklärung des Oberstromes. Welches dieselben seiner 
Ansicht nach seien, erfahren wir nicht, da seine Zeit 
und seine Mittel bei entsprechender Gelegenheit nicht 
hinreichend hierzu gewesen. Vielleicht dachte Smyth 
an »differences in the specific gravities of the con- 
tiguous waters, to the depth and form of bottom, 
to the density of the several media, to the fluctua- 
tions of atmospheric pressure«. 

Was den »angenommenen Unterstrom« betreffe, 
so leugne er denselben durchaus nicht, aber derselbe 
sei bisher durchaus nicht erwiesen. Er selbst macht 
keinen derartigen Versuch, sondern begnügt sich, 
einige früher hierfür angeführte Vorgänge zu be¬ 
richten und zum Teil kritisch zu beleuchten 1 ). Er 
weist ausserdem darauf hin, dass seiner Ansicht nach 
zur Erklärung des Unterstromes: »unless a greater 
gravity be conceded, it is necessary that the Medi- 
terranean water be of a lower temperature than 
that of the Atlantic«, sonst dürften die Strömungen 
gerade umgekehrt ihren Lauf nehmen. 

Es ist wohl Admiral Smyth, den Herschel 
in seiner »Physical geography« eine »authority en- 
titled to every respect« nennt, trotzdem aber meint, 
sich bei Halleys Schlüssen beruhigen zu dürfen. 


*) Smyth, The Mediterranean etc., London 1854, p. 128 
bis 167. 


Er bemüht sich, dieselben auch rechnerisch als richtig 
zu erweisen. So erkläre sich der Oberstrom sehr 
leicht. Der Unterstrom führe seinerseits wieder ab 
einen Teil des Wassers, andererseits diene er zur 
Salzabfuhr. Der Salzgehalt nehme nach unten hin 
zu l ). 

Auch Anton v. Etzel stellt sich auf die Seite 
der Vertheidiger der Doppelströme 2 ). 

Ausserordentlich lebhaft hat sich der Doppel¬ 
strömungen und ihrer Erklärung durch Niveau- und 
Druckdifferenzen angenommen der bekannte ameri¬ 
kanische Hydrograph Maury, mit dem man das 
Zeitalter der modernen Oceanographie zu beginnen 

pflegt- 

Nur noch eingehende Lotungen, Temperatur- 
und Schweremessungen u. s. w. haben für die Wissen¬ 
schaft einen Wert. Auch für unseren Gegenstand 
ringt man sich allmählich los von rein theoretischen 
Erörterungen und wendet sich zu thatsächlichen 
Nachweisungen, ohne welche jene haltlos in der 
Luft schweben. Man fragt vor allem nach den 
Thatsachen und versucht dann erst eine Erklärung, 
oder sollte es wenigstens. 

Zum Ausgangspunkt wählte Maury das Rote 
Meer: ein langer, schmaler Trog, ohne Regen, ohne 
Flüsse, trockene und heisse Winde, starke Verdun¬ 
stung. Der Ersatz könne nur aus dem Indischen 
Ocean kommen. Die Oberfläche des Roten Meeres 
neige sich allmählich nach Norden. Um dies noch 
wahrscheinlicher zu machen, denke man sich, sagt 
er, das Bett des Roten Meeres vollkommen glatt und 
horizontal und ohne Wasser. Eine 10 Fuss hohe 
Welle ströme jetzt durch die Strasse von Bab el 
Mandeb ein und lege 50 Tage lang täglich 20 Meilen 
zurück. Verliere sie nur täglich 1 j 2 Zoll durch Eva¬ 
poration, so sei leicht einzusehen, dass sie am letzten 
Tage ein etwa 2 Fuss tieferes Niveau haben müsse. 
Die Seeoberfläche sei daher als eine schiefe Ebene 
anzusehen. 

Der ausfliessende Unterstrom entführe »kälteres 
und salzigeres, mithin schwereres Wasser« und ver¬ 
hindere so ein schliessliches Absetzen von Salz in 
Form von Krystallen im Roten Meere. Maury weist, 
um den Eintritt dieser Doppelströmung recht an¬ 
schaulich zu machen, auf das uns schon bekannte 
Experiment Marsiglis hin. In ähnlicher Weise sei 
der Vorgang in der Strasse von Gibraltar. 

Nach diesen theoretischen Bemerkungen wendet 
Maury sich dann den Resultaten wirklicher Beobach¬ 
tungen zu, welche über die Dichtigkeit des Wassers 
im Roten und Mittelmeer und über die aus diesen 
Meeren sich ergiessenden Unterströmungen angestellt 
worden seien. 

So beweisen die von Morris gesammelten und 


*) A. a. O., Edinburgh 1861, p. 27 flf. Wie die Vorrede 
besagt, ist das Werk ein Abdruck aus der Encyclopaedia Bri- 
tannica von 1859. 

*) Die Ostsee u. s. w., Leipzig 1859, S. 201. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


von Giraud untersuchten Wasserproben aus dem 
Roten Meere, dass die Gewässer an der Oberfläche 
immer salziger und specifisch schwerer werden, je 
weiter sie von der Strasse entfernt seien. Dann be¬ 
richtet Maury über Dr. Smiths Bemerkungen im 
Jahre 1683, erzählt den Vorgang mit dem Holländer 
von 1712, weist hin auf Dr. Wollastons Unter¬ 
suchungen von Wasserproben 1828; aber Maury 
verschweigt auch nicht die Gegnerschaft von »Schrift¬ 
stellern, deren Urteil die höchste Achtung verdiene«, 
wie Admiral Smyth und Sir Charles Lyell, welche 
aber doch auch nicht miteinander übereinstimmten. 
An beiden übt Maury dann Kritik, welche er mit 
den Worten schliesst: »Mir erscheinen die Beweise, 
die theoretischen, nur aus vernünftigen Schlüssen 
und Analogien hergeleiteten Beweise zu Gunsten dieser 
unteren Strömung aus dem Mittelmeer ebenso klar, 
als jene Beweise für die Existenz des Leverrier- 
schen Planeten, ehe er durch das Teleskop gesehen 
wurde *)«. 

Aber in demselben Augenblick erhob sich ein 
neuer Gegner der Doppelströmung in dem Kapitän 
F. A. B. Spratt. Derselbe stellte Ende 1857 und 
Anfang 1858 Strömungsbeobachtungen in den Darda¬ 
nellen, im Marmara-Meer und im Bosporus an und 
proklamierte als Resultat die Abwesenheit jedes Unter¬ 
stromes und die Thatsache, dass der Oberstrom »is 
merely a skimming surface movement«, welche sich 
sehr rapid bis zu einer Tiefe von 20 Faden ver¬ 
ändere, weiter unterhalb aber kaum bemerklich sei. 
Auch Schweremessungen des Oberflächen- und Tiefen¬ 
wassers wurden vorgenommen; diese ergaben für 
das Marmara-Meer und die Dardanellen die »sehr 
interessante Thatsache, dass fast in demselben Ver¬ 
hältnisse, in welchem der aus dem Schwarzen Meere 
abfliessende Oberstrom nach unten an Geschwindig¬ 
keit abnahm, dass fast in demselben Verhältnisse der 
Salzgehalt zunahm und dass letzterer sofort unter¬ 
halb des Oberstromes stark wuchs und in allen 
Tiefen derselbe war und gleich demjenigen des 
Mittelmeeres. 

Angesichts des geleugneten Unterstromes er¬ 
hebt sich die Frage, wie erklärte nun Spratt diese 
»interessante Thatsache« ? Er meinte ganz naiv, »an 
mehreren Tagen, in gewissen Jahreszeiten und wäh¬ 
rend gewisser Winde« finde ein Einfluss salzigeren 
Mittelmeerwassers ins Marmara-Meer statt. Es sei 
»ein gelegentlicher Strom während heftiger West¬ 
winde im Herbst und Winter, wo gerade die Flüsse 
dem Schwarzen Meere wenig Wasser zuführten«. 
Das so eindringende schwere Wasser habe die Ten¬ 
denz, durch das leichtere Wa?ser des Schwarzen und 
des Marmara-Meeres zu sinken. Im letzteren sammle 
es sich an und erfülle die Tiefen mehr, im ersteren 
dagegen werde es wegen der bedeutenden Grösse 
mit dem leichteren Wasser vermischt. Das Schwarze 


l ) Die physische Geographie des Meeres, deutsch von 
Böttger, Leipzig 1856, S. 114 IT. 


Meer sei auf dem Wege, aus einem Süsswassersee 
ein Salzwassersee zu werden *). 

War der Streit allmählich immer heftiger ge¬ 
worden, so entbrannte er auf der ganzen Linie in 
den 70er Jahren. Carpenter, Laughton, Croll 
sind die bedeutendsten Kämpen. 

Carpenter hatte sich im Anschluss an Maury 
für Doppelströmungen mit der bekannten Erklärung 
ausgesprochen. Laughton antwortete hierauf 1872: 
schon die beigebrachten Thatsachen seien falsch. In 
Wirklichkeit nämlich trete ein Oberflächenstrom aus 
dem Roten Meere heraus während des Sommers, 
trotz der sicherlich dann im umgekehrten Sinne exi¬ 
stierenden Niveaudifferenz. Letztere sei also nicht 
im stände, anderen, den Oberflächenstrom veran¬ 
lassenden Kräften die Stange zu halten. Während 
des Winters jedoch, wo die Verdunstung gering, 
also auch die Niveaudifferenz auf ein Minimum ge¬ 
sunken, ergiesse sich ein Strom ins Rote Meer. Ob¬ 
wohl die Winde in den verschiedenen Jahreszeiten 
eine entsprechende Richtung hätten, so wolle er 
doch durchaus nicht diesen jene Strömungen zu¬ 
schreiben, wenn sie auch mit dazu beitrügen. Er 
schreibe vielmehr diese Strömungen den im offenen 
Indischen Ocean wehenden Monsunen zu. 

Während des winterlichen Nordost-Monsuns 
entstehe auf dem gesamten Arabischen Meere ein 
westlich ziehender Driftstrom. Der grösste Teil dieses 
werde nach Süden gedrängt längs der Afrikanischen 
Küste, aber ein anderer werde in die trichterförmige 
Bucht von Aden getrieben und zum Teil durch die 
Strasse von Bab el Mandeb ins Rote Meer gedrängt. 

Im Sommer jedoch seien die Verhältnisse gerade 
umgekehrt. 

Der dann über die Arabische See hin wehende 
Südwest-Monsun veranlasse vom Kap Guardafin nach 
Bombay hin eine Strömung, welche aus dem Golf 
von Aden das Wasser herauszieht resp. heraussaugt. 
So entstehe in der Strasse Bab el Mandeb ein aus¬ 
tretender Strom. 

Ob ein Unterstrom hier vorhanden, in dieser 
oder jener Jahreszeit, oder dieser, resp. jener Rich¬ 
tung, sei unbekannt; auch sehe er keine zwingende 
Veranlassung hierzu. Zu etwaigen Wasser- und 
Salzausgleichungen könne man sich der seitlichen 
Strömungen ja bedienen. Aber protestieren müsse 
er energisch gegen derartige Einführung vorgefasster 
Theorien ohne alle thatsächliche Grundlage in die 
Geographie; letztere sei erwiesen durch die Beobach¬ 
tungen Sprattsin den Dardanellen und im Bosporus. 
Man dürfe nicht sagen: hier ist ein Strom, denn hier 
muss einer sein! Er sage lieber: dort braucht kein 
Strom zu sein, weil keiner ist! 

Laughton wendet sich dann gegen Car- 
penters Auffassung der Verhältnisse in der Strasse 
von Gibraltar. 


*) Travels aod researches in Crete, vol. II, London 1865, 
P- 333 — 349 - 



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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


569 


Dagegen, dass die Oberströmung die Folge einer 
durch starke Verdunstung des Mittelmeeres entstan¬ 
denen Niveaudifferenz sei, spräche der Umstand, dass 
dieselbe im Sommer zur Zeit der starken Verdunstung 
ebenso kräftig sei, wie im Winter, der Zeit schwacher 
Verdunstung. Ja die allgemeinere Meinung sei so¬ 
gar, dass der Strom im Winter am stärksten, was 
aber wegen ungenügender Beobachtungen nicht be¬ 
hauptet werden könnte. Dass aber selbst eine starke 
Verdunstung noch durchaus nicht immer einen nach 
innen gerichteten Strom veranlasse, erweise die Bab 
el Mandeb-Strasse. Zur Zeit der geringeren winter¬ 
lichen Verdunstung führten die europäischen Flüsse 
gerade grosse Wassermassen hinzu. Das alles be¬ 
weise, dass der Oberstrom in der Gibraltar-Strasse 
nicht verursacht werde durch die Verdunstung. 
Seiner festen Ansicht nach sei derselbe eine Folge 
der Nordatlantischen Westwindtrift, welche gegen 
die Küsten Portugals, und so weiter südwärts drän¬ 
gend, sich zum Teil in die Gibraltar-Strasse zwänge x ) 
und so entschlüpfe. Dieser äussere Druck gegen 
die Strasse sei so gross, dass mehr Wasser ins Mittel¬ 
meer hineingelange, als dieses fassen könne, und dass 
sofort ein Teil wieder in oberflächlicher oder, wie 
es manche meinen, in einem unteren Gegenstrome 
hinausgeführt würde. Dieser untere Gegenstrom 
werde nicht bewirkt durch eine Schweredifferenz, 
denn eine noch bedeutendere, zwischen dem Wasser 
des Schwarzen Meeres und des Mittelmeeres vor¬ 
handene, sei ja erwiesenermaassen hierzu nicht im 
stände. Ausserdem nehme der Unterstrom nicht die 
niedrigsten Stellen der Strasse ein, was er müsste, 
wenn er durch seine eigene Schwere hinausgedrängt 
würde. Vielmehr fänden sich verschiedene Lagen 
mehr oder weniger salzigen Wassers über- und unter¬ 
einander. Es sei vielmehr nur äusserer Zwang, der 
den Unterstrom verursache; das sei das ins Mittel¬ 
meer oberflächlich hineingepresste oceanische Wasser. 

Laughton machte diese Erörterungen zum 
Gegenstände eines Vortrages. In der sich anschliessen¬ 
den Diskussion wurden auch Stimmen vernehmbar 
zu Gunsten Carpenters und Maurys. Sehr gut 
aber und für viele, auch uns heute noch beschäf¬ 
tigende Gegenstände beherzigenswert, war die gleich¬ 
zeitig gemachte Bemerkung, die beiden verschiedenen 
Theorien seien »the results of a want of facts« 2 ). 

*) Wir bemerkten schon oben, dass Isaak Vossius die¬ 
selbe Erklärung gab. Dass diese Erklärung von Carpcnter 
zurückgewiesen ist, wird sich gleich weiter unten zeigen. Ausser¬ 
dem hat Puff (Das kalte Auftriebwasser u. s. w., in dem Jahres¬ 
bericht der Frankfurter Vereins für Geographie, 1890, S. I ff.) 
nachgewiesen, dass das kalte Wasser in unmittelbarer Nähe der 
Ostküste des Nordatlantischen Oceans zwischen 40 0 und 10 0 
n. Br. nicht, wie man bis vor kurzem angenommen, die Folge 
eines aus höheren nach niederen Breiten eilenden Oberfiächen- 
stromes ist, sondern dass es aus der Tiefe stammt und von hier 
aus in einem vertikalen Strome dicht unter Land an die Meeres¬ 
oberfläche gebracht wird. 

*) Lajighton, Mathematical and naval instructor, Ocean 
currents, Journal of the Royal United Service Institution, London 
1872, vol. XV, p. 672 ff. 


Sehr bald antwortete Carpenter 1 ). Er ging 
von folgendem Versuch aus. Er nahm ein langes, 
schmales Gefäss (oben rechts) A f (oben links) B , 
(unten links) C , (unten rechts) D y und füllte das¬ 
selbe aus mit Seewasser. Das bei B befindliche 
Wasser unterlag dann einer starken Verdunstung, 
wodurch sich die Wassersäule B C erniedrigte; gleich¬ 
zeitig aber verringerte sich der Salzgehalt bei A und 
erhöhte sich die Wassersäule AD durch einen Zu¬ 
strom süssen Wassers. Infolge der so entstandenen 
Niveaudifferenz floss das Wasser von A nach B ; 
dadurch wurde nun aber wieder das Gleichgewicht 
zwischen C und D am Boden gestört, indem der 
Druck bei C nun grösser als der bei D , und somit 
ein Unterstrom von C nach D entstand, entgegen 
dem oberen. Man bemerke, dass hier der Ober¬ 
strom der primäre, der untere der sekundäre ist, 
was wir bei Marsigli und sonst nicht bemerkten. 
Bleiben die Ursachen, so bleiben auch die Wirkungen. 
Im allgemeinen seien dies die Verhältnisse zwischen 
Mittelmeer einerseits und Atlantischem Ocean resp. 
Schwarzem Meer andererseits, zwischen Ostsee und 
Nordsee, Rotem Meer und Indischem Ocean, daher 
hier überall Ober- und Unterströme. 

Dass diese seine Anschauung richtig, dafür be¬ 
rufe er sich auf den ausgezeichneten Physiker Sir 
W. Thomson, der ihm zugestimmt. 

Carpenter wendet sich dann zu dem Ver¬ 
hältnis zwischen Verdunstung und Regenfall resp. 
Zufuhr durch Flüsse. Zu einer genauen Bestimmung 
der Verdunstung der Mittelmeerwasser seien die Ma¬ 
terialien noch nicht vorhanden, aber dass sie die Zu¬ 
fuhr süssen Wassers durch Regen und Flüsse bei 
weitem übertreffe, sei unzweifelhaft. Er bespricht 
die Ansichten Halleys, Sir John Herschels, 
zweier französischer Offiziere, Regy und Vigan, 
welche bei ihren Berechnungen mit Recht das 
Schwarze Meer ausgeschlossen. Er selbst weise hin 
auf das Kaspische Meer, das unter ähnlichen Ver¬ 
hältnissen stehe. Alles spräche für ein Ueberwiegen der 
Verdunstung. Angesichts dessen sei es schwer ver¬ 
ständlich, dass immer noch Zweifel erhoben würden 
an dem hierdurch veranlassten Oberstrom. Ein ein¬ 
ziger wirklicher Grund sei bisher dagegen angeführt 
worden: er ströme ja auch im Winter, wo die Ver¬ 
dunstung gering. Darauf erwidere er, die Tempe¬ 
ratur der Luft und des Wassers des Mittelmeeres 
seien dann durchaus nicht so niedrig und vor allem 
die Flüsse führten gerade dann am wenigsten Wasser 
hinzu. 

Was dann den Unterstrom betrefle, so sei er 
von der theoretischen Notwendigkeit desselben immer 
überzeugt gewesen, aber er meinte auch ihn bis zu 
»mechanischer Evidenz« führen zu müssen. Kapitän 
Nares und er hätten sich 1870 hierum bemüht. 
Diese Arbeiten hätten nun ergeben, dass das Ober- 


*) Further inquiries on oceanic circulation, Proceed. R. 
Geogr. Society London, XVIII, 1874, p. 302 ff. 


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Die Strömungen in den Meeresstrassen. 


flächenwasser in der Strasse von Gibraltar atlanti¬ 
schen, das Bodenwasser jedoch ganz mittelmeerischen 
Charakters sei. Es würde hier zu weit führen, die 
Einzelheiten mitzuteilen. 

Carpenter bespricht dann nochmals die Ur¬ 
sachen des Unterstromes und setzt hinzu, dass auch 
auf ihn, wie auf den Oberstrom, Winde und Ge¬ 
zeiten einwirkten. Temperaturbeobachtungen in den 
Strassen hätten ihn und Nares noch des weiteren 
davon überzeugt, dass der Oberstrom nicht sei »a 
wind current propelled by a vis a tergo«, sondern 
»an indraught current drawn in by a vis a fronte« *). 
Wir nannten oben schon den einen Hauptgegner 
Carpenters, Laughton, gegen welchen derselbe 
noch einen besonderen »Appendix«, als Anhang seiner 
Hauptarbeit, richtete. Aber Carpenter bemerkte 
auch die Abweichung seiner Auffassung von der¬ 
jenigen James Crolls. 

Letzterer antwortete schon im nächsten Jahre 
in seinem bekannten Werke: »Climate and time 
in their geological relations 1 2 )«. Carpenter habe 
ihn in Bezug auf die Ursachen der Oberflächen¬ 
strömung in der Strasse von Gibraltar missverstanden. 
Er habe sehr wohl die Bedeutung der Verdunstung 
für denselben in seiner früheren Arbeit 3 ) anerkannt 
und auch jetzt noch sei er dieser Ansicht. Aber 
ebenso wenig sei zu verkennen, dass das Golfstrom¬ 
wasser sich von selbst heran- und hereindränge in 
die Strasse. Was den Unterstrom betreffe, so sei 
es für ihn ausgemacht, dass die so ausserordentlich 
geringe Schweredifferenz zwischen dem atlantischen 
und mittelmeerischen Wasser gar nicht im stände 
sei, einen solchen Unterstrom zu veranlassen, noch 
viel weniger für die dänischen Sunde. Seine An¬ 
sicht vielmehr sei, dass das atlantische, in die enge 
Strasse hineingedrängte Wasser »tends to produce 
a slight banking up; and as the pressure urging the 
water forward is greatest at the surface and dimin- 
ishes rapidly downwards, the tendency to the resto- 
ration of level will cause an underflow towards the 
Atlantic, because below the surface the water will 
find the path of least resistance«. 

Eine ganz neue Erklärung versuchte der schwe¬ 
dische Gelehrte E k m a n. Dass der Oberflächen¬ 
strom die Folge einer Niveaudifferenz sei, wird zu¬ 
gestanden. Für die Erklärung der Unterströme führte 
er seine Studien an der Einmündung der Göta-Elf 
in das Kattegatt ins Feld. Indem er nämlich hier den 
Salzgehalt untersuchte, fand er, dass dem in das Meer 
sich ergiessenden Süsswasserstrom oben stets ein Salz¬ 
wasserstrom unten entspreche, der stromaufwärts 
gehe und sich mehr und mehr der Oberfläche nähere. 
Seinem weiteren Eindringen in den Fluss mache das 
Ansteigen des Flussbettes schliesslich ein Ende. An 
der Berührungsfläche, nämlich zwischen dem ein¬ 

1 ) Ueber diese Temperaturbeobachtungen und deren Er¬ 
klärung vgl. Puff a. a. O, 

2 ) London 1875, P- 21 5 l6 7 ff - 

8 ) Philos. Mag. for March., 1874, p. 182. 


dringenden Strom und dem ruhenden Wasser, wür¬ 
den unaufhörlich Wasserteilchen mit fortgerissen, 
die eines Ersatzes bedürften. Derselbe würde ge¬ 
liefert eben durch den in entgegengesetzter Richtung 
eindringenden Salzwasserstrom. 

Ekman bezeichnete diese Strömungen als 
Reaktionsströme und erklärte die Unterströme in 
den Meeresstrassen ebenfalls als solche. Der Ober¬ 
flächenstrom sei der mündende Fluss, das abfliessende 
Binnenmeer sei gewissermaassen als obere Erweite¬ 
rung des Flusses zu betrachten. Während nun aber 
einem weiteren Eindringen des schweren Meerwassers 
durch das Ansteigen des Flussbettes ein Ende bereitet, 
und so alles Meerwasser wieder durch den oben 
fliessenden Fluss ins Meer zurückgeführt würde, sei 
das in den Meeresstrassen nicht der Fall. Nur ein 
Teil werde z. B. dem Mittelmeer wieder zurück¬ 
gegeben, ein anderer dagegen über die den Ocean 
und das Mittelmeer trennende Schwelle hinaus- 
gehoben, sinke infolge seiner grösseren Schwere in 
den Atlantischen Ocean und bilde so den Unter¬ 
strom. »The specific weight of the water in the 
basin can probably not attain such an amount, that 
a real surplus of hydrostatic pressure should take 
place from that^side, w r ere it not helped by the 
excess of water carried thither by mechanical reac- 
tion *)«. Dass hier noch eine Reihe anderer Fak¬ 
toren mitbestimmend einwirken und entsprechende 
Modifikationen veranlassen, hat Ekman ausdrück¬ 
lich ausgesprochen. 

Mit Recht hat der noch immer der Wissen¬ 
schaft nicht ersetzte Karl Zöppritz (Geograph. 
Jahrbuch VIII, p. 63) von der Reaktion oder besser 
Aspiration im Sinne Ekmans behauptet, dass sie 
keine so allgemein auftretende Bewegungsursache 
sein könne, wie Ekman plausibel zu machen suche. 

Auch Emil Witte, ein lebhafter Mitarbeiter 
bei der Lösung der Frage nach den Ursachen der 
Meeresströmungen, erklärte sich gegen die Ek¬ 
man sehe Auffassung und fügte hinzu: »Ueberhaupt 
ist es ja in allen Fällen unzulässig, eine Erscheinung, 
welche durch bekannte Kräfte vollständig erklärt, 
und durch die mathematische Form auch hinsicht¬ 
lich ihrer Quantität ,in den Kreis des Notwendigen 
zurückgeführt 4 ist, durch unbekannte oder doch wenig 
erforschte Kräfte erklären zu wollen 2 )«. 

Wir unterlassen es, seine mathematische Formel 
hier anzugeben, auch berichten wir nicht über die 
Verdienste der Kommission zur wissenschaftlichen 
Untersuchung der deutschen Meere, über diejenigen 
Makarofs, Kropps u. a. Sie gehören bereits der 
Gegenwart an. Allgemein scheint heute es ange¬ 
nommen zu sein, dass die Oberflächenströmung die 
Folge einer Niveaudifferenz, die Unterströmung die 
Folge einer Schweredifferenz sei. Die Erkenntnis aber, 

1 ) Ekman, On the general causes of the ocean-currents, 
Upsala 1876, in »Nova Acta Regiae Societatis Scientiarum Upsa- 
liensis«, Ser. III, vol. X, Upsaliae 1879, p. 3 ff. 

2 ) Ueber Meeresströmungen, Pless, 1878, S. 6. 


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Die Vorstellungen der Swaneten von dem Leben nach dem Tode. 


S 7 i 


welcher der beiden Ströme der primäre, welcher der 
sekundäre ist, wird meines Dafürhaltens noch immer 
fälschlich beantwortet durch die stete Bezugnahme 
auf das Experiment Marsiglis. In Wirklichkeit ist 
auszugehen davon, dass in den beiden durch eine 
Strasse verbundenen Meeresbecken ursprünglich jede 
Niveau-, wie jede Schweredifferenz, also jede Ur¬ 
sache irgendwelcher Strömung gefehlt hat. Dann 
erst dürfen die betreffenden Faktoren in Wirksam¬ 
keit gesetzt werden, Ueberwiegen der Verdunstung 
oder der frischen Wasserzufuhr einerseits und Ver¬ 
harren bei dem vorhandenen Zustande andererseits, 
oder zweitens eine gleichzeitige Veränderung beider 
Meeresräume in entgegengesetztem Sinne. Dann 
wird sich zeigen, dass die Oberflächenströmung als 
Folge der Niveaudifferenz die primäre, die Unter¬ 
strömung aber die sekundäre ist. Dabei wird selbst¬ 
verständlich nicht geleugnet, dass in der Folge, aber 
auch erst dann, die Unterströmung mit beiträgt zur 
Erhaltung der Niveaudifferenz. 


Die Vorstellungen der Swaneten von dem 
Leben nach dem Tode. 

Von C. Hahn (Tiflis). 

DieSwaneten (im Kaukasus) haben von dem Leben 
nach dem Tode sehr originelle Vorstellungen *). Die 
Seelen der Abgestorbenen befinden sich auf einer un¬ 
geheuren Ebene, die mit ewigem Grün bedeckt ist. 
Durch ein und dasselbeThor gelangen die guten und die 
bösen Seelen dahin und erst hier werden die einen 
ins Paradies, die anderen in die Hölle geschickt. Das 
Paradies stellt eine grosse Wiese dar, in deren Mitte 
steht ein langer Tisch, den Ehrenplatz an demselben 
nimmt Jesus Christus ein, bei ihm sitzen die Seelen 
der Gerechten. Die besten und mannigfaltigsten 
Speisen stehen auf dem Tische. Der Ehrenplatz 
Christi ist erleuchtet vom Glanze des ewigen Lichts. 
Weder Christus noch die Seligen essen und trinken, 
sie ergötzen sich nur am Geruch der aufgetragenen 
Speisen. Vor jedem sind diejenigen Speisen auf¬ 
getragen, welche die Verwandten während der Leichen¬ 
feier geweiht haben. Nur die nächsten Verwandten 
dürfen sich gegenseitig ihre Gerichte anbieten. 

Die Seelen der Seligen wie der Verdammten 
gleichen den Schatten. Sie tragen entweder die 
Kleider, in welchen sie begraben wurden, oder aber 
diejenigen, welche ihnen die Verwandten nach dem 
Tode geweiht haben, wobei den schöneren der Vor¬ 
zug gegeben wird. Der von den Verwandten ge¬ 
weihte neue Anzug wird vom Verstorbenen sogleich 
angelegt, und den alten schenkt er einer anderen 
Seele, welche keine Verwandten hat, die ihr Kleider 
schenken könnten. Jede Seele muss zwei Anzüge 
haben, wenn aber die Verwandten noch weitere 
schenken, so wird das mit Dank angenommen und 

1 ) Alles Folgende stützt sich auf die Erzählungen eines 
jungen Swaneten. 


belohnt. Die Männer tragen in jenem Leben ihre 
Waffen, die Frauen ihren Schmuck. Die Seelen sind 
völlig frei, sie spazieren entweder auf der herrlichen 
Wiese oder sitzen an dem mit köstlichen Speisen 
beladenen Tisch oder aber sie »sättigen« sich am 
Anblicke Jesu Christi, was ihre höchste Seligkeit 
ausmacht, oder aber sie verbringen die Zeit in Ge¬ 
sprächen. Oftmals dürfen sie sogar mit dem Erlöser 
selbst sprechen. 

In einem entfernten Winkel der Ebene ist der 
Ort für die Verdammten. Dort herrscht undurch¬ 
dringliches Dunkel. Von dort aus ist Jesus Christus 
und das göttliche Licht nicht zu sehen. Auch 
die Verdammten erhalten die Gerichte, welche die 
Hinterbliebenen ihnen geweiht, aber diese Speisen sind 
geschmacklos und widrig wegen der in der Hölle 
herrschenden Finsternis. (Es gilt in Swanetien für 
eine grosse Schande, im Finstern zu essen.) Uebrigens 
herrscht auch die Meinung, dass die für die Ver¬ 
dammten bestimmten Speisen denjenigen Seligen zu¬ 
kommen, welche auf Erden keine Verwandten haben. 
Die Swaneten sind überzeugt, dass Christus die¬ 
jenigen Verdammten begnadigt und ins Paradies ge¬ 
langen lässt, deren Hinterbliebenen öfters Gedächtnis¬ 
mahle veranstalten und ihnen Speisen weihen. Auch 
schenkt der Erlöser der Fürbitte der Gerechten für 
die Verdammten Gehör. Wir sehen daraus, dass 
der Ort der Verdammnis bei den Swaneten durch¬ 
aus nicht so schrecklich ist, wie ihn manche christ¬ 
liche Bekenntnisse darstellen, dafür sind aber auch 
die Freuden des Paradieses sehr bescheiden. 

Auffallend ist, dass in jenem Leben die erste 
Person in der Gottheit, Gott der Vater, bei den 
Swaneten gar keine Rolle spielt. Niemals betet man 
zu ihm um Begnadigung einer Seele. 

Als einzige Sünde, welche nie verziehen werden 
kann, gilt die Verletzung der Heiligkeit geistlicher